Ziegelgold - Tom Brook - E-Book

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Tom Brook

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Beschreibung

14. Oktober 1936. In Kleiborg beginnt ein trister, nasskalter Herbsttag, wie er für Ostfriesland in dieser Jahreszeit typisch ist. Doch dieser Herbstmorgen ist anders. Die Nachricht von dem Verbrechen verbreitet sich wie ein Lauffeuer in dem kleinen Dorf an der Ems: Der Ziegeleibesitzer Henk Deependaal, der reichste Mann Kleiborgs, wird in einem Trockenschuppen seiner Ziegelei erschossen aufgefunden. Ein mysteriöser Fall, der nie aufgeklärt wurde. Über 70 Jahre später entdecken die 14-jährigen Freunde Alex und Tim zufällig eine Spur, die auf das längst in Vergessenheit geratene Verbrechen hinweist. Doch sie sind nicht die Einzigen, die sich für den Fall interessieren. Ein Oldenburger Historiker sucht ebenfalls nach Hinweisen auf den unbekannten Mörder von 1936. Als die Jungen jedoch sein wahres Motiv erkennen, befinden sie sich bereits in akuter Lebensgefahr. NOMINIERT FÜR "DER NEUE BUCHPREIS 2012.de"

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Seitenzahl: 340

Veröffentlichungsjahr: 2011

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Kriminalroman

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Ziegelgold – Das Geheimnis von Kleiborg

Tom Brook

published by:

epubli GmbH, Berlin, www.epubli.de

Auch als Printversion erhältlich: www.epubli.de

Copyright: © 2011 Tom Brook

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Umschlagkonzept: PHKgrafik

Prolog

Es regnete in Strömen, als er mit hochgeschlagenem Mantelkragen fluchend über den verschlammten Hof zum Verwaltungsgebäude lief. Tagelanger Regen hatte den Boden hoffnungslos aufgeweicht. Missmutig schaute er nach oben. Der wolkenverhangene Mond ließ die Ziegelei in einem gespenstischen Licht erscheinen. Die Zeit drängte. Vor einer Stunde hatte er überraschend ein Telegramm seiner Dienststelle in Bremen erhalten, in dem ihm unmissverständlich erklärt wurde, dass er nun endlich verwertbare Ergebnisse abliefern müsse. Ansonsten werde er mit sofortiger Wirkung von dem Auftrag abgezogen, hieß es dort weiter. Er atmete tief durch. Es ging schließlich um eine Menge Geld und man hatte viel Vertrauen in ihn gesetzt. Wenn seine viel versprechende Karriere nicht frühzeitig zu Ende gehen sollte, dann musste dringend etwas passieren. Und zwar an diesem Abend noch. Wutentbrannt zerknüllte er das Telegramm in seiner Manteltasche.

Seit über einem Jahr arbeitete er bereits in dieser gottverlassenen Einöde im äußersten Nordwesten des Reiches. So lange war er nun schon bei dem sturen Ziegeleibesitzer beschäftigt. Als kaufmännischer Leiter hatte er in dieser Zeit hart dafür gearbeitet, dass der ihm zumindest in beruflichen Dingen das nötigste Vertrauen schenkte. Privat ließ dieser Amsterdamer Dickschädel allerdings keinen Menschen an sich heran. Anscheinend vertraute er selbst seiner Frau und seinen Kindern nicht. Zornig stapfte er mit seinen polierten schwarzen Stiefeln durch den Schlamm. Wenn er gewusst hätte, wie mühsam und langwierig dieser Auftrag werden würde, hätte er dankend abgelehnt. Aber er war damals in der Hoffnung auf viel Geld von einem auf den ersten Blick einfachen Auftrag ausgegangen, der höchstens drei Monate dauern würde.

Er sei der ideale Mann, schmeichelte ihm Schallberg im Sommer des vergangenen Jahres, als er ihn mit der Aufgabe betraute. Informanten der Dienststelle in Bremen gingen davon aus, dass der jüdische Ziegeleibesitzer ein beträchtliches Vermögen aus dem Verkauf seiner väterlichen Reederei besaß und mit dem Gedanken spielte, es ins Ausland zu bringen. Wenn es ihm gelänge, das Geld bei einer Schweizer Bank zu deponieren, könne man nicht mehr darauf zugreifen. Mehr Informationen hatte man ihm damals nicht gegeben. Er solle nur herausfinden, wo das Geld versteckt ist, den Rest würde dann die Dienststelle des Sicherheitsdienstes erledigen.

Er hatte im Laufe des Jahres wirklich alles Menschenmögliche versucht, den Aufbewahrungsort des Vermögens ausfindig zu machen. Dafür hatte er nächtelang sämtliche Unterlagen der Ziegelei durch gearbeitet. Er hatte diesen sturen Holländer fast rund um die Uhr beobachtet, seine geschäftlichen und privaten Briefe gelesen und seine engsten Mitarbeiter ausgehorcht. Alle Bemühungen waren bislang ohne Erfolg gewesen. Nun war die Frist abgelaufen. Seinem Dienststellenleiter Schallberg saßen die Vorgesetzten aus Berlin im Nacken und forderten ihrerseits Erfolge in dieser verdeckten Aktion. Keiner wollte einen Misserfolg eingestehen. Die ganze Last ruhte jetzt auf ihm.

Heute wollte er alles auf eine Karte setzen. Sein Auftrag war so oder so beendet. Entweder er entriss ihm heute endlich das Geheimnis um das versteckte Vermögen oder er musste zerknirscht seine Niederlage in Bremen eingestehen. Aber das wollte er auf gar keinen Fall.

Er hatte für seinen heutigen finalen Auftritt extra seine graue Uniform angezogen und seine schwarzen Stiefel auf Hochglanz poliert. Die schwere Dienstwaffe steckte einsatzbereit in dem ledernen Holster. Er zog seine Mütze noch tiefer ins Gesicht, so dass die Augen kaum noch zu erkennen waren. Mit der Respekt einflößenden Uniform wollte er dem Ziegeleibesitzer seine Macht demonstrieren. Sie sollte dem Eigenbrödler deutlich machen, dass er es nicht nur mit ihm zu tun habe, sondern mit der mächtigsten Organisation der Welt. Genau so wollte er es machen. Er war sehr zufrieden mit seinem Plan.

Als er den Hof der Ziegelei überquert hatte, öffnete er die schwere Eichentür des Verwaltungsgebäudes. Als Prokurist hatte er sämtliche Schlüssel für die Gebäude der Ziegelei. Er sah auf seine Laco-Uhr. Die Leuchtziffern zeigten, dass es kurz nach neun war. Die Angestellten hatten längst Feierabend. Nur der Chef arbeitete häufig bis in die späten Abendstunden. Er lief die breite, geschwungene Treppe ins Obergeschoss hoch, wo sich die Büros der leitenden Angestellten befanden. Die Schritte seiner schweren Lederstiefel hallten unheimlich durch das große Gebäude. Vor der doppelflügeligen Tür des Direktorenzimmers blieb er stehen. Durch das geschliffene Glas drang ein schwaches Licht. Er wischte seine Stiefel an einem Wandvorhang ab und prüfte noch einmal den tadellosen Sitz seiner Uniform. Dann ging er mit großen Schritten energisch und ohne anzuklopfen in das Büro seines Vorgesetzten.

Eine Schreibtischlampe aus Messing erhellte das verlassene Büro nur spärlich. Hinter dem ledernen Schreibtischstuhl tickte eine wertvolle Wanduhr aus Bernstein. Daneben hing ein Plakat der Olympischen Spiele in Berlin mit einigen Original-Unterschriften. Der Kalender zeigte das Datum:13. Oktober 1936.

In der Luft lag noch der Geruch von Pfeifenrauch. Der Holländer konnte noch nicht vor all zu langer Zeit das Büro verlassen haben. Er entspannte sich ein wenig und sah sich um. Entschlossen ging er zum Schreibtisch des Direktors, riss sämtliche Schubladen auf und durchsuchte die Tagespost. Nichts deutete auf brauchbare Hinweise hin. Aufgebracht zog er sämtliche Akten aus den Regalen und untersuchte die Regale auf Geheimfächer. Nichts. Was sollte er morgen nur seinem Vorgesetzten berichten? Dass er auf der ganzen Linie versagt hatte? Die Dienststelle würde ihm nie wieder einen solchen Auftrag erteilen. Ein Scheitern seiner Mission kam also gar nicht in Frage. Unschlüssig sah er aus dem Fenster. „Was du jetzt brauchst, ist eine gute Idee“, murmelte er gedankenverloren vor sich hin. Die schwarzen Wolken hatten sich nun vollständig vor den Mond geschoben. Draußen war es stockfinster. Das benachbarte Kleiborg war in der Dunkelheit nicht zu erkennen. Zornig fegte er eine Kristallvase von der Fensterbank, die laut klirrend am Boden zersprang. Er wollte sich gerade vom Fenster abwenden, als er in einiger Entfernung einen flackernden Lichtschein erkannte.

Das Licht kam aus der Nähe der Trockenschuppen am Ende des Ziegeleigeländes. Er wusste nicht viel von der Herstellung von Ziegeln. Das war für ihn als leitenden kaufmännischen Angestellten auch nicht notwendig. Er wusste aber, dass die Ziegelsteine vor dem Brennen einige Wochen getrocknet werden mussten. Nach der Einlagerung konnte der Wind ungehindert durch die offene Holzkonstruktion wehen und entzog den Rohlingen die Feuchtigkeit. Normalerweise waren die Arbeiter nur zu Ein- oder Auslagerungsarbeiten in den Trockenschuppen beschäftigt. Mitten in der Nacht hatte dort eigentlich niemand etwas zu suchen, vor allem da die Schuppen kein elektrisches Licht hatten. Er rannte nach draußen über den Hof in die Richtung, aus der das Licht kam. Der Regen hatte endlich aufgehört. Als er die Schuppen erreichte, war nichts zu erkennen. Angespannt prüfte er die Schlösser. Bei Trockenschuppen 3 wurde er fündig. Das Vorhängeschloss war geöffnet.

Er entsicherte seine Pistole und steckte sie langsam wieder ins Holster zurück. Dann ging er vorsichtig in den Schuppen. Seine Augen gewöhnten sich nur mühsam an die Dunkelheit. Die Rohlinge waren auf einfachen, fast endlosen Holzregalen aufgeschichtet. Langsam tastete er sich an den Regalen entlang. Die Luft roch erdig und war feucht-kalt. Da er sich gerade nicht auf seine Augen verlassen konnte, musste er notgedrungen auf sein Gehör vertrauen. Es war noch jemand in dem Schuppen, war er sich sicher. Und dieser Jemand müsste eigentlich Geräusche verursachen. Praktisch kam eigentlich nur der Direktor in Frage. Ihm war zwar völlig unklar, was der Holländer um diese Zeit in dieser unwirtlichen Umgebung zu suchen hatte, aber das würde sich schon ergeben. Meter für Meter tastete er sich voran. Mit der linken Hand orientierte er sich an der endlosen Regalreihe. Die Schmerzen, die die Holzsplitter des grob verarbeiteten Holzes seiner Hand zufügten, nahm er kaum wahr. Endlich sah er einen schwachen Lichtschein am Ende des Schuppens, der von einer Karbidlampe stammte. Schemenhaft erkannte er einen gut gekleideten Mann mit Hut, der einige Rohlinge kontrollierte und dann wieder zurückstellte. Es war der Besitzer der Ziegelei.

Langsam kam er aus seiner Deckung und stand genau hinter dem kräftigen Holländer. „Guten Abend, Herr Direktor. So spät noch bei der Arbeit?“ sprach er ihn mit sicherer Stimme an. Der Ziegeleibesitzer fuhr erschrocken herum. Er hatte ihn nicht kommen hören. Der Schein der Karbidlampe betonte die Zornesfalten in seinem Gesicht. Abfällig betrachtete er sein Gegenüber von oben bis unten. „Handloser, so eine Überraschung“, sagte er kühl und warf einen abwertenden Blick auf die Uniform. Trotz der überraschenden Begegnung wirkte er völlig selbstsicher. „Bei diesem Verein sind Sie also“, zischte er verächtlich. „Dass Sie überzeugter Nazi sind, habe ich mir schon gedacht. Aber was soll jetzt diese alberne Kostümierung?“, fragte er zynisch lächelnd.

Er versuchte trotz der Provokation ruhig zu bleiben. „Hören Sie mit den Spielchen auf, Deependaal“, sagte er und versuchte seiner Stimme einen festen Ausdruck zu geben. „Sie befinden sich jetzt nicht in der Situation, unverschämte Sprüche zu klopfen. Machen wir es kurz. Sie verraten mir jetzt auf der Stelle, wo Sie Ihr Vermögen versteckt haben. Dann sehen Sie mich nie wieder. Sie können dann problemlos mit Ihrer Familie das Land verlassen. Dafür werde ich persönlich sorgen.“ Er machte eine kurze Pause. „Deependaal, Sie haben keine Alternative.“

Deependaal blieb völlig ruhig. „Wie reden Sie eigentlich mit mir? Ich werde Ihnen gar nichts verraten, Sie kleine Ratte.“ Er lachte überlegen. „Was wollen Sie denn machen, wenn ich nichts sage? Wollen Sie mich hier an Ort und Stelle foltern? Oder gleich erschießen? - Eine sehr gute Idee übrigens, dann kann ich auch nichts mehr verraten.“ Deependaals dröhnendes Lachen hallte durch den Schuppen.

Ihm trat der Schweiß auf die Stirn. Deependaal fuhr ungerührt fort: „Handloser, Sie sind ein Versager. Ist Ihnen in Ihrem erbärmlichen Leben jemals etwas gelungen? Haben Sie eine schöne Frau? Haben Sie Kinder? Nein? Das dachte ich mir. Sie sind ein kleiner Versager, der hofft, dass die Nazis ihn groß rausbringen. Habe ich nicht recht?“ Wieder ertönte das tiefe Lachen des massigen Holländers.

Blind vor Wut zog er seine Waffe. Die Beleidigungen des Ziegeleibesitzers verfehlten ihre Wirkung nicht. Und zwar aus dem ganz einfachen Grund, dass dieser Recht hatte. Die Nazis gaben ihm die einmalige Chance, gesellschaftlichen Erfolg zu haben. Und diese Chance wollte er sich nicht nehmen lassen – von niemandem.

„Deependaal, zum letzten Mal!“, brüllte er schon fast verzweifelt. „Wo ist das Geld?“ Er wischte sich mit dem linken Uniformärmel die Schweißperlen von der Stirn und zielte mit seiner Waffe auf seinen Arbeitgeber. „Wennichschon keine Chance auf dieser Welt bekomme, sollenSieauch keine mehr haben.“ Seine Augen funkelten. „Also: Wo ist das Geld?“ Handlosers Stimme überschlug sich fast. Der Holländer sah ihn mit einer Mischung aus Verachtung und Mitleid an. „Mensch Handloser, Sie Waschlappen. Auch das werden Sie nicht hinbekommen.“ Dann zerriss ein Schuss die Stille der Nacht.

1

Freitag 18:12 Uhr

Surrend raste der dreckige Betonboden unter Alex vorbei. Er hörte es gerne, das Geräusch, das die groben Stollenreifen seines Mountainbikes auf dem rauen Boden des wenig genutzten Landwirtschaftsweges verursachten. Das Rad war seit einem halben Jahr sein ganzer Stolz. Seine Mutter wollte, dass er ein verkehrssicheres Citybike zum Geburtstag bekam, aber zum Glück hatte sich sein Vater durchgesetzt. Citybike - wie sich das schon anhörte. Damit wäre der peinliche Auftritt vor seinen Sportkameraden vorprogrammiert gewesen.

„He, nun fahr' mal etwas langsamer“, tönte es von hinten. Tims Rufe brachten Alex' Gedanken wieder in die Gegenwart. Sein bester Freund hatte Probleme, mit Alex' zügigem Tempo mitzuhalten. Er war mit seinem altertümlichen Herrenrad unterwegs, das nur über eine technisch veraltete Dreigangschaltung verfügte. So ein Gefährt war für einen Vierzehnjährigen die Höchststrafe. Tim hatte den Drahtesel von seinem Onkel Theo geschenkt bekommen, der felsenfest behauptete, die Marke sei 'Kult' und Tims Freunde wären sicher ganz neidisch auf das schnittige Gefährt. Kult –vielleicht 1983 – dachte Tim damals enttäuscht, aber leider war ein neues Rad bei seinen Eltern finanziell nicht drin.

Alex verlangsamte das Tempo, so dass sein Freund schnaufend aufschließen konnte. Mit etwas verringertem Tempo fuhren sie wie jeden Freitag vom gemeinsamen Wasserballtraining direkt am Deich nach Hause. Da sie den Weg zweimal in der Woche fuhren, achteten die Freunde kaum auf die schmale, kaum befahrene Strecke, obwohl es bereits dämmerte. „Die Bremer müssten wir eigentlich klar schlagen“, meinte Tim, als er wieder zu Atem gekommen war. „Das will ich meinen“, entgegnete Alex. Am Sonntag stand das letzte Spiel vor den Herbstferien gegen die Bremer C-Jugend-Wasserballer auf dem Programm und bei einem Sieg könnte ihre Mannschaft Tabellenführer werden. „Ansonsten verdonnert uns Falke zum dreistündigen Straftraining“, grinste Tim. Paul Falkenstein war der Wasserballtrainer von Alex und Tim und wurde von den Jungs nur Falke genannt. Alex wollte sich gerade nach hinten drehen, um Tim zu antworten, da nahm er im Augenwinkel einen großen dunkelgrünen Schatten wahr.

Mitten ins Gespräch vertieft, hatte er den völlig verdreckten Geländewagen, der auf der Höhe der alten Ziegelei zur Hälfte auf dem Weg stand, nicht bemerkt. Reflexartig verlagerte er sein Gewicht nach links, bremste und riss den Lenker seines Mountainbikes herum. Die hydraulischen Scheibenbremsen griffen sofort. Das Hinterrad blockierte nur kurz, dann war er am Hindernis vorbei. Tim dagegen hatte keine Chance. Als er Alex' Ausweichmanöver wahrnahm, hatte er keine Zeit mehr zu reagieren. Die großen Räder seines Oldtimers verliehen dem Gefährt die Wendigkeit eines Öltankers. Der Bremsweg war wahrscheinlich ähnlich lang. Fast ungebremst rammte er das dunkle Fahrzeug und bevor er auch nur nachdenken konnte, flog er auch schon über den Lenker. Nach einer kurzen Flugphase landete er scheppernd inmitten allerhand Gerümpels auf der Ladefläche des Pick-ups. Dann herrschte völlige Stille.

Als Tim vorsichtig die Augen öffnete, sah er nur den wolkenlosen Abendhimmel, bis sich das grinsende Gesicht von Alex davorschob. „Steigst du immer so ab?“, fragte er, nachdem er sich versichert hatte, dass Tim offensichtlich keine schweren Verletzungen hatte. Sein bester Freund lag etwas benommen zwischen mehreren Schaufeln, Werkzeugen, alten Eimern, diversen farbigen Seilen und seltsam aussehenden elektrischen Geräten direkt auf einer aufgeplatzten Mülltüte. „Oh Mann“, stöhnte sein Freund, während er sich von einer Bananenschale, mehreren bunten Joghurtbechern und einerChips-Tüte befreite.„Welcher Volltrottel stellt denn seine Karre im Dunkeln hier mitten auf dem Weg ab? Ich hätte mir alle Knochen brechen können“.

Mühsam rappelte er sich hoch und sah an sich herunter. Bis auf die verdreckte Kleidung und einen Riss am Ärmel seiner Trainingsjacke war ihm nichts passiert. „Den kauf' ich mir“, knurrte er. Beim Herunterklettern von der Ladefläche fiel sein Blick auf sein Fahrrad, beziehungsweise was davon übrig geblieben war. Das Vorderrad hatte die Form einer Acht und war nun anscheinend untrennbar mit der Anhängerkupplung des Geländewagens verbunden. Die Speichen standen wie bei einer geplatzten Spaghetti-Packung zu allen Seiten ab. Der Lenker war in der Mitte geknickt und die Vorderlampe lag in mehreren Teilen auf der Straße.

„Das kannste vergessen“, sagte Alex, während Tim versuchte, das Vorderrad von der Anhängerkupplung zu ziehen. „Vielleicht hat dein Onkel noch mehrere historische Räder...“ „Sehr witzig“, entgegnete Tim; „Wie soll ich jetzt nach Hause kommen? Es sind noch drei Kilometer. Ich habe keine Lust, die Strecke zu laufen.“ Alex wollte ihm gerade vorschlagen, seine Eltern anzurufen, um ihn abzuholen, als sie zwei Stimmen hörten, die schnell näher kamen.

„He!“, brüllte eine tiefe Stimme vom Deich, noch bevor die beiden überhaupt jemanden gesehen hatten. Kurz darauf traten zwei große Männer auf den Weg und gingen mit großen Schritten direkt auf die beiden Jungen zu. Beide sahen nicht sonderlich vertrauenserweckend aus. Der eine hatte einen ungepflegten Vollbart. Er trug ein auffälliges, rot-kariertes Holzfällerhemd mit einer schmutzigen Anglerweste sowie eine blaue Strickmütze, die er weit heruntergezogen hatte. Zwischen seinem Vollbart und der Mütze konnte man nur seine dunklen Augen sehen, die Alex und Tim anfunkelten.

„Was macht ihr da?“, schnauzte er die Freunde mit einem fremden Akzent an, während der andere sofort hektisch die Ladefläche des Pick-ups untersuchte. Er hatte eine Glatze und zwei auffällige Ohrringe. Er trug eine dunkelblaue Kapuzenjacke mit dem Aufdruck 'EVERLAST' und eine grau-weiße Camouflage-Hose. Alex und Tim waren von dem überfallartigen Auftritt völlig überrascht und brachten keinen Ton heraus. Der Glatzkopfstand nun auf der Ladefläche des Geländewagens und nickte dem Vollbärtigen zu. „Okay“, war alles, was er sagte. Der Mann mit dem Holzfällerhemd, der sich bedrohlich nah vor Alex und Tim aufgebaut hatte, schien plötzlich etwas lockerer zu werden. Er ging einen Schritt zurück. „Also? Was macht ihr hier an unserem Auto?“

„Äh..., wir haben..., also der Wagen...“, stammelte Tim, der noch immer wegen der beiden merkwürdigen Gestalten etwas verängstigt war, als ihm Alex entschlossen ins Wort fiel. „Ihr Wagen steht direkt hinter der Kurve auf dem Weg! Sehen Sie sich mal sein Fahrrad an, das ist total hin. Den Schaden müssen Sie zahlen!“ Alex war selbst über seinen Mut erstaunt und Tim sah ihn nur mit großen Augen und offenem Mund an.

Die beiden Männer waren jetzt völlig ruhig. Keiner sagte ein Wort. Nur der typisch miauende Ruf eines Mäusebussards durchbrach die Stille. Der Bärtige sah erst auf das demolierte Fahrrad, das noch immer an der Anhängerkupplung hing, dann schaute er Tim an. Er zog ein zerfleddertes Portemonnaie aus seiner Jeans und gab Tim zwei Fünfzig-Euro-Scheine. „Das sollte für die alte Schlurre reichen, oder?“ Tims Kiefer fiel noch zwei Zentimeter tiefer. „Passt schon, oder Tim?“ meinte Alex schnell. Tim brachte noch immer kein Wort heraus. Er starrte zunächst den Bärtigen, dann Alex an und nickte nur kurz. Der Glatzkopf riss mit einem Ruck das Rad von der Anhängerkupplung und wollte gerade die Überreste von Onkel Theos Kult-Vehikel auf die Ladefläche werfen, als Alex im letzten Moment Tims Sporttasche vom Gepäckträger zog. „Die braucht er noch“, sagte er grinsend.

Ohne ein weiteres Wort setzte sich der Glatzkopf ans Steuer, während der Bärtige vom Beifahrersitz aus den Jungen noch einen letzten Blick zuwarf. Der Motor heulte kurz auf und dann schoss der schwere Geländewagen mit durchdrehenden Reifen in die Dunkelheit davon. Erst nach hundert Metern machte der Fahrer das Licht an. Dann verschwand das Fahrzeug um die nächste Kurve.

Tim, der direkt hinter dem rechten Hinterrad stand, schüttelte die frische Erde und das nasse Gras, das die groben Stollenreifen bei dem Kavalierstart hoch geschleudert hatten, von seiner Trainingsjacke. Endlich hatte er die Sprache wiedergefunden. „Was war das denn nun?“, fragte er ungläubig und starrte auf die zwei Geldscheine in seiner Hand.

„Die Sache stinkt gewaltig“, meinte Alex und blickte immer noch in die Richtung, in die der Geländewagen verschwunden war. „Geld stinkt doch nicht. Das sagt jedenfalls mein Vater“,antwortete Tim, der immer noch etwas verwirrt war. Alex sah seinen Freund erstaunt an, sagte aber nichts und schüttelte nur den Kopf. „Kein Mensch zahlt einfach so hundert Euro für einen Haufen Schrott, es sei denn, er hat etwas zu verbergen.“ Tim sah seinen Freund beleidigt an. Ein wenig hing er ja doch an Onkel Theos altem Rad.

Nachdem sie eine Weile wortlos zusammen in Richtung Kleiborg gelaufen waren, brach Alex das Schweigen: „Was machen die an einem Freitag abend bei der alten Ziegelei? Hast du ihre Schuhe gesehen, die waren völlig verschlammt. Irgendetwas führen die im Schilde.“ „Quatsch“, meinte Tim, „du siehst zu viele Krimis. Das waren bestimmt zwei Landwirte, die nach ihrem Vieh gesehen haben.“ Alex sah seinen Freund entgeistert an. Manchmal war Tim schon etwas naiv. „Klar, Mann! Die haben gerade hinterm Deich 'ne Kuh verkauft, um sich von dem Geld ein schrottreifes Vorkriegsfahrrad zu kaufen“, fuhr er seinen Freund an. „Nee, nee. Da stimmt was nicht. Die haben sich recht merkwürdig verhalten. Der Glatzkopf hat gar nichts gesagt und statt nach einer Beule oder Schrammen von deinem Aufprall zu sehen, hat er sofort die Ladefläche kontrolliert. Das ist doch schon etwas seltsam, oder nicht?“

Inzwischen waren sie bei Tims Elternhaus angekommen. Es war ein älteres Backsteinhaus, wie fast alle anderen Häuser von Kleiborg auch. Im Haus war es völlig dunkel. Tims Eltern waren zum Kartenspielen bei den Nachbarn. Die beiden Freunde verabredeten sich für den folgenden Tag und verabschiedeten sich. Während Alex nach Hause fuhr, ging ihm die Sache mit den beiden Männern nicht mehr aus dem Kopf.

„Na, wie war's?“, war wahrscheinlich eine Frage, die Millionen von Teenagern von ihren Eltern hörten, wenn sie nach Haus kamen. „Gut“, war seine Standardantwort, wie sie wahrscheinlich auch Millionen von Eltern erhielten. Seine Mutter saß vor dem Fernseher. Alex wollte zunächst einmal nichts von dem Vorfall erzählen und machte sich ein Käsebrot mit Gurkenscheiben. Mit dem Brot und einem Glas Milch setzte er sich noch kurz zu seiner Mutter und schaute mit ihr zusammen eine furchtbar langweilige Folge einer Ärzte-Serie. Dann ging er ins Bett. Wasserballtraining sei besser als jede Schlaftablette, sagte seine Mutter und wünschte ihm eine gute Nacht. Er schlief unruhig und träumte, wie Stefan Raab und James Bondmit einem Monstertruck lachend über sein neues Mountainbike fuhren.

2

Samstag 10:05 Uhr

Als Alex am nächsten Morgen aufwachte, war es bereits nach zehn. Er ging in die Küche und fand auf seinem Frühstücksbrett zwei Brötchen und einen Zettel:Hallo Schatz. Papa und ich sind zum Einkaufen. Wir sehen uns heute Mittag. Kuss Mama. Hastig aß er die beiden Brötchen mit Nutella und trank dazu ein Glas Milch. Er wollte gerade den Sportteil der Tageszeitung durchblättern, als es an der Haustür Sturm klingelte. Stöhnend legte er die Zeitung zur Seite und öffnete kauend die Tür. Es war Tim. „Hi Alex. Ich habe meinem Opa versprochen, in seinem Garten die Blätter zusammenzuharken. Wenn du dir den Nutella von der Backe geschmiert hast, kannst du ja mitkommen.“ „Hi Scherzkeks, erwartest du wirklich eine ehrliche Antwort von mir?“ Tim grinste. „Aber ich darf vorher noch zu Ende frühstücken, oder?“,fragte Alex und zog seinen Freund in den Flur. Alex mochte Tims Opa. Er konnte interessante Geschichten erzählen und hatte immer eine gut gefüllte Blechdose mit Süßigkeiten für die Jungen da.

Tims Opa hatte ein großes Haus, das früher als Bauernhaus genutzt wurde. Es lag etwas außerhalb von Kleiborg. In dem angebauten Stall konnte man noch die Boxen für die Kühe erkennen. Nun stand dort allerhand altes Gerümpel. Als Alex und Tim noch kleiner waren, hatten sie gerne dort gespielt, was Tims Opa allerdings nicht so gerne sah. Das Haus hatte einen riesigen Garten, der mit den Jahren immer wilder wurde. Tims Oma war vor zwei Jahren gestorben und deshalb freute sich sein Opa nicht nur über die Hilfe der Jungen, sondern auch darüber, dass er jemanden zum Reden hatte.

Die Arbeit im Garten war schnell erledigt und als Alex und Tim in die Küche kamen, rochen sie bereits den heißen Kakao, den Tims Opa gekocht hatte.

„Danke Jungs! Das habt ihr aber wirklich schnell geschafft“, begrüßte er die beiden herzlich. Sie setzten sich auf das altmodische Sofa, während der alte Herr einen Schuss Rum in seinen Kakao goss. „Das ist gut gegen Erkältung“, grinste er und gab den Jungen ihre zwei dampfenden Becher. „Und was ist, wenn wir uns erkälten?“, fragte Alex frech. Der alte Herr schmunzelte. „Du bist ja nicht auf den Mund gefallen, junger Mann. Ich muss noch irgendwo eine Flasche Lebertran haben. Der ist auch gut gegen Erkältung. Du kannst gerne einen großen Löffel davon haben.“ Alex winkte lachend ab. Wohlig wärmte er seine Hände an der heißen Tasse und sah sich um.

Er war schon häufiger bei Tims Großvater, aber er entdeckte immer wieder skurrile Dinge in der Küche des alten Herrn. Auf der Fensterbank stand zum Beispiel in einem Meer von Kakteen eine Gondel aus Plastik mit dem Schriftzug 'Venezia'.Die ehemals schwarze Farbe war von der Sonne bereits völlig ausgeblichen und von dem einst stolzen Gondelier waren nur noch die Füße übrig. Alex Blick schweifte weiter über eine blau-weiße Porzellan-Windmühle mit nur drei Flügeln, die 'Tulpen aus Amsterdam' spielen konnte. Lustig war auch der komische weiße Hund auf einem roten Sack, der einen Knoten im Ohr hatte und einen Kussmund machte. „Guter Geschmack ist Glückssache“, pflegte sein Vater beim Anblick solcher Dinge gerne zu sagen. Während Tim mit seinem Großvater ein angeregtes Gespräch über seine letzte Lateinarbeit führte und sich Hoffnungen auf einen Zehn-Euro-Schein machte, betrachtete Alex gelangweilt eine Reihe von Familienfotos an der Wand. Es waren die üblichen Motive: Hochzeiten, Taufen, Einschulungen, Konfirmationen und so weiter. Tims Opa schien eine Menge Kinder und unzählige Enkel zu haben, dachte Alex. Anscheinend ließ sich aber außer Tim kaum ein Enkel bei ihm sehen. Plötzlich blieb sein Blick an einem Bild hängen, das so gar nicht in diese Reihe passte.

Das Foto war augenscheinlich sehr alt, denn es war schwarz-weiß, stark vergilbt und hatte einen altmodischen Holzrahmen. Es zeigte zwei junge Menschen mit Fahrrädern, die sich an den Händen hielten. Der junge Mann hatte eine merkwürdig aussehende Mütze auf dem Kopf und eine viel zu kurze Hose. Das Mädchen trug einen Rock und eine helle Bluse und hatte zwei lange Zöpfe. Aber es waren nicht die jungen Menschen, die Alex' Aufmerksamkeit erregten, sondern der Hintergrund des Bildes: Es war die alte Ziegelei! Sie sah völlig anders aus, als Alex sie als Ruine kannte, aber die beiden markanten Schornsteine erkannte er sofort.

Alex stand auf und betrachtete das Bild aus der Nähe. „Gefällt dir das Foto, Alex? Das ist mein Vater mit meiner Mutter, kurz bevor sie geheiratet haben. Also Tims Urgroßeltern. Das müsste so Mitte der zwanziger Jahre gewesen sein“, sagte Tims Großvater, als er sah, dass sich Alex für das Foto interessierte. „Das ist doch die alte Ziegelei im Hintergrund“, mischt sich Tim ein. „Ja, das ist sie, dort haben die beiden gearbeitet. Dein Uropa war dort als Brandmeister in der Ziegelei beschäftigt. Das war damals eine der besten Anstellungen im Dorf. Und deine Oma hat bis zur Hochzeit im Haushalt der Deependaals bedient.“ „Deependaal? Komischer Name“, murmelte Tim und betrachtete das Bild, das sein Opa jetzt von der Wand nahm und versonnen betrachtete.

„Tja, die Familie gibt es auch nicht mehr. Sie kam vor rund hundert Jahren aus Holland in unsere Gegend und baute die Ziegelei auf. Mein Vater erzählte uns als Kindern gerne von dieser Familie. Keiner wusste, woher genau sie kam und woher das viele Geld stammte, mit dem sie die Ziegelei gründete. Einige vermuteten, dass der alte Henk Deependaal ein reicher holländischer Reeder und Kaufmann war, der ein Vermögen mit Salpeter in Südamerika verdient hatte. Angeblich hatte er in Chile einen angesehenen Kaufmann um eine Schiffsladung betrogen und musste aus Holland fliehen, weil er die Ehre der holländischen Kaufleute beschmutzt hatte. Aber so genau wusste das niemand.“

„Hört sich nach einem interessanten Typ an“, meinte Tim. Sein Großvater schaute ihn an. „Typ? Ja, so sagt man heutzutage wohl. Die Familie Deependaal war immer sehr geheimnisvoll. Sie kam nicht in unsere Kirche, feierte nicht mit uns im Dorf und sie ließ sich überhaupt nur sehr selten blicken. Mein Vater erzählte immer gerne von dem Tag, als die Deependaals ein nagelneues Auto kauften. Das war im Sommer 1914, kurz vorm Ausbruch des ersten Weltkrieges, dein Uropa war gerade neun Jahre alt. In Kleiborg gab es damals kein anderes Thema. Ein weißer Mercedes mit einem Spitzkühler und außenliegenden, verkleideten Auspuffrohren. So etwas kannte man damals nur aus Berlin. Aber hier bei uns? Das wäre so, als wenn heute ein UFO in Kleiborg landen würde.“

Alex und Tim grinsten sich an. Tims Opa war schon etwas wunderlich. Was ist an einem Mercedes denn schon besonders, dachten sie. „Ja, ja, ihr lacht. Aber damals konnten sich das nur sehr, sehr reiche Leute leisten. Meine Mutter, also deine Uroma hat oft erzählt, dass sie viele Stunden mit dem Putzen des Silberbestecks verbracht hat und dass das gute Porzellan der Familie Deependaal aus Meissen kam. Das war die teuerste Porzellanmanufaktur der Welt“, sagte Tims Opa leicht verärgert und hängte das Bild wieder auf.

„Was ist denn aus der Familie geworden?“ Alex wurde neugierig. „Tja, die Sache ist genauso merkwürdig wie die Familie selbst. Den alten Henk Deependaal fand man Mitte der dreißiger Jahre erschossen in einem seiner Trockenschuppen, wo die Ziegelrohlinge vor dem Brennen getrocknet wurden. Die Sache wurde nie so richtig aufgeklärt. Wilde Spekulationen gibt es noch bis heute. Sein Sohn Cobus führte die Ziegelei weiter. Am Ende des zweiten Weltkrieges haben englische Soldaten dann die Ziegelei besetzt. Sie brauchten Hallen und Schuppen für ihre Soldaten und Fahrzeuge. Die Offiziere beschlagnahmtenauch die Villa der Deependaals. Von der Familie hat nie wieder jemand etwas gehört. Wirklich vermisst hat sie aber wohl auch niemand. Die Ziegelei stand nach dem Krieg eine Weile leer und wurde dann von den Backsteinwerken Unterweser bis in die siebziger Jahre betrieben. Die Erdölkrise 1973 hat dann das Aus für fast alle Ziegeleien hier in der Umgebung bedeutet.“ Tims Opa zündete sich seine Pfeife an und verschwand kurz in einer Rauchwolke. „Aber das ist alles schon so lange her“, brummte er mit der Pfeife im Mund und schaute etwas wehmütig aus dem Fenster hinaus.

„Wir müssen weiter, Opa“, brach Tim das Schweigen und stand auf. Alex hätte gerne noch etwas von der geheimnisvollen Familie gehört. Seufzend stand er mit seinem Freund auf. Die beiden bedankten sich für den Kakao und verabschiedeten sich.

„Du, was ist eigentlich Salpeter?“, fragte Alex seinen Kumpel, als sie draußen waren. Der sahihn fragend an. „Ein Gewürz, glaube ich.“ Alex schüttelte den Kopf. „Gewürze kommen doch meistens aus Asien und nicht aus Südamerika.“ „Na und? Wen interessiert's?“, gab Tim patzig zurück und lief zur Straße hinunter. Auf dem Weg zurück redete keiner ein Wort. Vor Tims Elternhaus trennten sich die Jungen. Tim wollte noch zu Onkel Theo, um ihm den Verlust des Familienerbstücks zu beichten.

Als Alex zu Hause ankam, saßen seine Eltern am Küchentisch und tranken Kaffee. Sein Vater las gerade in einer Fachzeitschrift für exklusive Uhren. Für den Fall, dass er mal im Lotto gewinnt, wolle er vorbereitet sein, sagte er mal aus Jux, als Alex sich einmal darüber lustig gemacht hatte. „Na Großer, wie sieht's aus?“, begrüßte er seinen Sohn jovial und schlug ihm dabei kräftig auf die Schulter. Alex Vater 'macht in Zähnen', wie er es selbst gerne ausdrückte. Er war Handelsvertreter für zahntechnische Werkzeuge und von Montag bis Freitag in ganz Norddeutschland unterwegs. „Gut, Sonntag ist das Spiel gegen die Bremer. Kommt ihr mit? Falke sagte, wir brauchen jede Unterstützung.“ „Klar! Ich hoffe, ihr gewinnt!“ sagte sein Vater. „Wie war denn deine Woche? Habt ihr Arbeiten zurückbekommen?“ Typisch Eltern, dachte Alex genervt, als würde das Leben nur aus zurückgegebenen Klassenarbeiten bestehen. „Ja, den Deutschaufsatz. War 'ne Drei“, nuschelte er, da er sich drei Amaretto-Kekse auf einmal in den Mund schob. „Na ja, das war ja nicht so toll. Was hat denn Tim?“, mischte seine Mutter sich in das Gespräch ein. Mit der Frage nach Tims Zensur war Alex' Bereitschaft auf ein Gespräch auf ein Minimum gesunken. „Weiß nicht“, war seine knappe Antwort. Natürlich wusste er, dass Tim nur knapp an der 'Eins' vorbeigeschrammt war. Aber das musste er seinen Eltern ja nicht auf die Nase binden. Außerdem fand er den ständigen elterlichen Vergleich mit den Leistungen seines besten Freundes einfach nur abtörnend.

„Was macht der Mustang?“, fragte er betont beiläufig. Alex wusste nur zu gut, wie man seinenVater von unangenehmen Themen wie Schule, Gitarre üben oder Aufräumen abbringen konnte. Man musste ihn nur nach seinem 1966er Ford Mustang fragen, an dem er fast jeden Samstag mit seinem besten Freund Martin herumschraubte. Dabei könne er sich am besten entspannen, sagte er immer, wenn sich Alex' Mutter beklagte, dass man ihn kaum zu sehen bekäme.

Über das Gesicht seines Vaters huschte ein Lächeln. „Ich hoffe, dass wir morgen den Vergaser wieder einbauen können. Die Hauptdüse war völlig verstopft. Da war jede Menge Mist in der Schwimmerkammer, und das trotz des neuen Benzinfilters. Wenn du Lust hast, kannst du morgen ja mithelfen.“ Alex winkte dankend ab. Erstens interessierte er sich nicht für Oldtimer. Ihm war schleierhaft, wie man sich für so alte Kisten interessieren konnte, wenn es doch so viele neue, wesentlich interessantere Autos gab. Zweitens hatte er sein Ziel erreicht, seinen Vater von einer Diskussion über seine schulischen Leistungen abzulenken. „Nee danke, vielleicht ein anderes Mal“, lachte er und ging in sein Zimmer.

3

Samstag 14:37 Uhr

Alex schaltete seinen Computer an. Kurz nach dem Hochfahren tauchte mal wieder die nervige Frage des Lernprogramms auf, ob er jetzt Vokabeln lernen wolle. Das war die grandiose Idee seiner Mutter. Ihre Freundin hatte erzählt, dass sich die Lateinzensur ihrer Tochter schlagartig verbessert hatte, als sie anfing, mit diesem Programm zu lernen. Seitdem musste Alex jeden Tag mit dieser blöden Software Vokabeln üben. Der Erfolg war auch überwältigend: Alex hatte sich von einer 'Vier minus' auf eine 'Vier' verbessert. Trotzdem hielt sich die Begeisterung seiner Eltern in Grenzen. Eltern können schon recht komisch sein.

Nachdem Alex das Fenster seines Vokabeltrainers und die darauf folgenden zwei Fragen, ob er denn wirklich nicht Vokabeln lernen wolle, entnervtgeschlossen hatte, rief erWikipediaauf. Zum Glück konnte er seinen Vater davon überzeugen, dass der Internetanschluss in seinem Zimmer das goldene Tor zum erfolgreichen Abitur darstellen würde. Die Einwände seines Vaters, man könne dort aber auch Pornos, Nazi-Mist und Anleitungen zum Bombenbauen runterladen, konnte er dadurch entkräften, indem er auf sogenannte 'Jugendschutz-Filtersoftware' verwies. Somit hatte sein Vater keine Argumente mehr. Zum Glück war sein alter Herr so leichtsinnig, dass Alex bei der Installation durch seinen Vater das Kennwort ausspähen konnte und er so, natürlich nur bei Bedarf, den Filter wieder deaktivieren könnte. FürWikipediawar das aber nicht notwendig.

Zunächst gab er 'Salpeter' ein. Er wollte wissen, womit Deependaal sein Vermögen gemacht hatte. Tims Opa hatte ihn neugierig gemacht auf den ehemaligen Ziegeleibesitzer. Außerdem könnte er Tim damit ärgern, wenn er wusste, was Salpeter ist, und Tim nicht. Er erfuhr, dass Salpeter eigentlichsal petraeheißt, was lateinisch ist und sovielwie Felsensalz bedeutet. Latein, na super, dachte Alex und hatte sofort seine wenig attraktive Lateinlehrerin vor Augen. Auch die Information, dassSalpeter sich in trockenen, heißen, vegetationslosen Gebieten bei biochemischer Oxidation stickstoffhaltiger organischer Stoffe bildet, haute ihn wenig vom Hocker. Er wollte schon abbrechen, weil er keine Lust hatte, schon zu Beginn der Herbstferien ein Chemie-Referat anzufertigen. „Können die das nicht so schreiben, dass das ein Vierzehnjähriger versteht?“, grummelte er vor sich hin.

Salpeter ist ein wichtiger Bestandteil für Sprengstoff und deshalb in der Handhabung sehr gefährlich, las er weiter. Na endlich, dachte er, jetzt wird es endlich interessant.Am 21. September 1921 explodierte in Oppau, einem Stadtteil von Ludwigsburg eine Lagerhalle mit Salpeter. Bei dem Unglück starben 561 Menschen.Alex schluckte. In Kleiborg wohnten wesentlich weniger.Er las weiter:1892 machte sich ein Engländer namens Henry Brarens Sloman in Chileselbstständig mit einer Salpeter-Fabrik und kehrte 1898 als steinreicher Mann nach Hamburg zurück. Um seinen damals unglaublichen Reichtum zu zeigen, baute er 1924 das weltberühmte Chilehaus in Hamburg.Steinreich, überlegte Alex, das muss der Deependaal wohl auch gewesen sein. Er wollte sich gerade ein Foto des Chilehauses ansehen, da stürmte Tim ins Zimmer.

„Gute Nachricht. Ich habe ein neues Rad. Und das Beste: Es hat nur zwanzig Euro gekostet! Für die restlichen 80 Euro kann ich mir endlich das neue Handy kaufen.“ Tim war völlig außer Atem und strahlte. „Zwanzig Euro? Bekommt man dafür überhaupt schon einen Sattel?“, lästerte Alex. Tims Mundwinkel verzogen sich nach unten. „Schau's dir doch erst mal an, alter Motzkopf“, sagte er trotzig. Beide Freunde stürmten um die Wette die Treppe hinunter, wobei Tim beinahe die Vase von Tante Lotte umwarf. Alex hätte den Verlust der China-Kopie verschmerzt, doch Mama hing an dem hässlichen Monstrum. Sekundenspäter standen die beiden atemlos auf der Auffahrt vor Tims 'neuem' Fahrrad.

Es war ein altes Damenrad. Alex ging langsam um das Fahrrad herum. Der Sattel war aus braunem Leder mit rostigen Stahlfedern. Er war so breit und platt gesessen, dass die Vorbesitzerin mindesten 90 Kilo gewogen haben musste. Der Lenker war völlig verrostet und die Bremse wurde durch eine vorsintflutliche Stangenmechanik betätigt. Die dicken Ballonreifen waren fast so breit wie Kettcar-Reifen. Eigentlich wollte Alex ernst bleiben und Tim nicht schon wieder ärgern. Trotzdem brach er in brüllendes Lachen aus und schaute mit Tränen in den Augen auf den Rahmen des Rades. Der Schriftzug war schon arg mitgenommen, aber er konnte ihn noch lesen: HANNIBAL. Nun gab es für Alex kein Halten mehr: „Was ist das denn? Hast du das Landesmuseum überfallen und das letzte Exemplar von Hannibals Kriegs-Fahrrädern geklaut, mit dem die Karthager damals über die Alpen gezogen sind. Ich persönlich halte es ja für ein Gerücht, dass er dafür Elefanten benutzt hat...“ Alex konnte sich vor Lachen kaum beruhigen. Zumindest in Geschichte war er in der Schule gut. Seltsamerweise war Tim gar nicht beleidigt. Er kannte seinen Freund gut und hatte fast mit einer solchen Reaktion gerechnet. Er lächelte nur milde.

„Ich habe das Rad von einem Arbeitskollegen von Onkel Theo“, erklärte er Alex betont sachlich, als sich dieser etwas beruhigt hatte. „Er hat mir sogar die Orginalrechnung mitgegeben. Sie ist vom 19. April 1955. Und nun kommt's...“ Er machte eine kurze Pause, um die Spannung zu erhöhen. Alex sah ihn mit großen Augen an.

„Die Rechnung lautet auf den Namen Joseph Alois Ratzinger“, fuhr er fort, „der, wie du sicher weißt, heute als Papst Benedikt XVI. bekannt ist.“ Alex starrte seinen Freund an. „Und du weißt sicher auch, dass der alte Golf vom Papst 2005 für fast 190 000 € bei ebay versteigert wurde... Ich bin gespannt, was mein Fahrrad einbringt.“ Tim grinste sein breitestes Grinsen und genossdas dumme Gesicht seines Freundes, der die Sprache anscheinend noch nicht wiedergefunden hatte. Nach einigen Sekunden, die Tim voll auskostete, brach er lachend sein Schweigen: „April, April!“

Er klopfte Alex auf die Schulter und genoss den ungläubigen Gesichtsausdruck seines Kumpels. „Diese Verarsche hast du dir redlich verdient.“ Tim wischte sich die Tränen aus den Augen. Alex sah seinen Freund an und musste jetzt auch grinsen. Er wusste in diesem Augenblick genau, warum Tim sein bester Freund war. Er konnte ihn immer wieder überraschen. Und darin lag Tims Stärke, auch wenn die meisten aus ihrer Klasse ihn für einen farblosen Streber hielten.

„Komm, ich zeig dir was.“ Alex zog seinen Freund ins Haus zurück. Als sie wieder in seinem Zimmer waren, setzte er sich an seinen Rechner und zeigte Tim einige Fotos des Hamburger Chilehauses. „Sieh mal, wie viel Geld man vor hundert Jahren mit Salpeter verdienen konnte. DasHaus hier hat in den zwanziger Jahren 10 Millionen Reichsmark gekostet“, erzählte er begeistert. Tim schaute ihn verwundert an. „Seit wann interessierst du dich für Architektur?“ „Gar nicht, du Quatschkopf. Aber überleg mal. Dieser Sloman, der das Haus hat bauen lassen, hat ein Vermögen mit Salpeter verdient. Genauso wie dieser Deependaal. Sagte zumindest dein Opa. Wo sind dennseineSalpeter-Millionen geblieben. Die Ziegelei hat doch sicher nur einen Bruchteil von dem gekostet“, antwortete Alex und nickte zu dem Bild des Chilehauses. Tim überlegte. „Hast du schon mal nach Deependaal gesucht?“, fragte er. Alex hatte sein Interesse geweckt. Sein Freund schaute ihn an und tippte den Namen auf der Tastatur ein. Nach mehreren Versuchen wurde er fündig.

InWikipediafanden sich zwei Einträge:

Joost Deependaal, geboren am 19. August 1841 in Rotterdam/Niederlande und gestorben am 27. Mai 1920 in Valparaiso/Chile.

Henk Deependaal, geboren am 2. August 1871 in Amsterdam/Niederlande und gestorben am 13. Oktober 1936 in Kleiborg/Niedersachsen.

„Volltreffer, das ist unser Mann“, triumphierte Alex. Er klickte auf den zweiten Namen. Es erschien nur ein kurzer Text:

Henk Deependaal, (geboren am 2. August 1871 in Amsterdam/Niederlande und gestorben am 13. Oktober 1936 in Kleiborg/Niedersachsen) war ein niederländischer Kaufmann und Reeder und Mitinhaber der Deependaal & Zoons Zeevervoersonderneming B.V., kurz DZZ. Sohn von Joost Deependaal.

„Na toll! Das ist ja nicht viel“, meinte Tim enttäuscht; „Lass uns mal sehen, was unter Joost Deependal steht.“Alex klickte auf den ersten Link, und nun erschien ein längerer Text:

Joost Deependaal, (geboren am 19. August 1841 in Rotterdam/Niederlande und gestorben am 27.Mai 1908 in Valparaíso/Chile) war ein niederländischer Großkaufmann und Großreeder des 19. und 20. Jahrhunderts. Er und seine zwei Söhne schufen mit insgesamt 87 Schiffen bis ins 20. Jahrhundert hinein eine der größten Segelschiffreedereien der Welt: Deependaal & Zoons Zeevervoersonderneming B.V. , kurz DZZ. Die seinerzeit bekannte Reedereiflagge zeigte die roten Initialen DZZ mit blauer Welle auf weißem Grund. Jost Deependaal stammte aus Rotterdam und war Sohn eines erfolgreichen Textilkaufmanns. 1856 ging er 15-jährig nach Amsterdam und begann dort bei einem Geschäftspartner seines Vaters eine kaufmännische Ausbildung. 1861 begab er sich auf eine Südamerikareise nach Chile, wo er als Vertreter des Bordeauxer Reederkapitäns Clemens Le Blanc arbeitete. 1870 wurden beide Partner, Sie lieferten Kohle nach Chile und im Gegenzug wurden Salpeter und Kupfer nach Europa eingeführt. Die Reisen dauerten damals bis zu 170 Tagen. 1886 verstarb Le Blanc in Bordeaux. Die Söhne Staas (damals 20 Jahre alt) und Henk (16 Jahre) stiegen in die