Ziemlich beste Pfoten - Christos Yiannopoulos - E-Book + Hörbuch

Ziemlich beste Pfoten E-Book

Christos Yiannopoulos

4,9
8,99 €

Beschreibung

Die Mischlingshündin Bonny verschwindet im Urlaub auf Gran Canaria spurlos. Nach Monaten der Suche haben die Besitzer die Hoffnung schon fast verloren, da taucht sie tatsächlich wieder auf - und zwar Tausende Kilometer entfernt! Noch dazu ist sie nicht allein: Pippa, ein zerzauster Mischling, ist ihre treue Begleiterin. Wie haben die kleinen Hunde ihre unglaubliche Reise vollbracht? Bonnys Besitzer rekonstruieren den abenteuerlichen Weg der Vierbeiner und finden heraus, welche Hindernisse sie auf ihrem Weg nach Hause überwunden haben: ihre dramatische Flucht vor Tierfängern, die Überfahrt aufs Festland als blinde Passagiere, ihre Stationen in Cádiz, Toledo und Bilbao ... Immer wieder beweisen Bonny und Pippa, dass wahre Freunde zusammenhalten und dass kein Weg zu weit ist, wenn man seinem Herzen folgt.

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 259




Über dieses Buch

Im Urlaub auf Gran Canaria verschwindet die Hündin Bonny spurlos. Natürlich vermissen ihre Besitzer sie sehr, und so sind sie außer sich vor Freude, als Bonny Monate später wieder auftaucht – mit einem zerzausten Mischling im Schlepptau. Wie haben die beiden kleinen Hunde sich nur durch Südeuropa geschlagen? Neugierig recherchiert Christos Yiannopoulos ihren Weg: die Flucht vor Tierfängern, die Überfahrt aufs Festland als blinde Passagiere, ihre Stationen in Cádiz, Toledo und Bilbao ... Christos ist beeindruckt, und das nicht nur, wegen all der Hindernisse, die die tierischen Freunde überwunden haben, sondern besonders weil sie eine Spur der Liebe und Versöhnung hinterlassen haben.

Über den Autor

Christos Yiannopoulos wurde 1957 in Patras, Griechenland geboren. Seit seiner Kindheit lebt er in Deutschland. Er arbeitet erfolgreich als Drehbuchautor und schreibt unter Pseudonym Kinderbücher.

Christos Yiannopoulos

Ziemlichbeste Pfoten

Zwei Streuner finden heim

BASTEI ENTERTAINMENT

Vollständige E-Book-Ausgabe

des in der Bastei Lübbe AG erschienenen Werkes

Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG

Originalausgabe

Copyright © 2015 by Bastei Lübbe AG, Köln

Textredaktion: Viola Krauß, Köln

Titelbild: © Manfred Esser, Bergisch Gladbach

Umschlaggestaltung: Jeannine Schmelzer

Datenkonvertierung E-Book:

hanseatenSatz-bremen, Bremen

ISBN 978-3-7325-1382-6

www.bastei-entertainment.de

www.lesejury.de

Inhalt

CoverÜber das BuchÜber den AutorTitelImpressumInhaltMann trifft Hund mit FrauBonny ist dann mal weg …… O bring back my Bonny to me …Ab in den SüdenTom, der tierliebe FinderUnd dann waren es achtPfoten!Wo wart ihr beiden nur?Die erste SpurDer weiße TeufelDrei BrüderAuf hoher SeeEin Plan entstehtDas kleine Gassi-AlphabetEine Nachricht aus SpanienEine Mail von der anderen Seite der WeltAnspannung statt HochspannungSpontan nach MadridMaria MariaDas Fenster zum HofToledo, olé!Die Venus im GartenDas verlassene GehöftDie Legende von Bonny und PippaDer JohanniterDer CampingtripEin treuer FreundThe Hot DogsDer schöne SvenKein Happy End?Achtung: liebende Hunde!Leseprobe – Alfie kehrt heim

Mann trifft Hund mit Frau

Einer der Helden meiner Kindheit war merkwürdigerweise ein Superhund namens Lassie, der mutig durch brennende Reifen sprang und nebenbei gefährliche Bankräuber zur Strecke brachte. Das Einzige, was mich an Lassie störte, war, dass sie ihrem Herrchen immer das Gesicht ableckte.

Kaum setzte die Pubertät ein, nahm meine Hundeverehrung ein abruptes Ende. Ich begann mich für Mädchen zu interessieren, und da war kein Platz mehr für leckende Superhunde, noch nicht einmal in der Erinnerung. Als Erwachsener legte ich mir eine Katze zu, die Lola hieß und die keine Hunde in ihre Nähe ließ, was logisch ist, weil Hunde und Katzen wie Mann und Frau sind, die bekanntlich von verschiedenen Planeten stammen. Obwohl Lola mich emotional an der kurzen Leine hielt und sich nur streicheln ließ, wenn sie Zeit und Lust hatte, mochte ich sie nicht missen. Oder vielleicht mochte ich sie auch gerade deswegen so gern. Sie war pflegeleicht, man brauchte mit ihr nicht Gassi gehen, und wenn sie mal musste, dann suchte sie immer Nachbars Garten auf.

Als Lola in den Katzenhimmel kam, war erst einmal Schluss mit Haustieren. Ich kam ohne weitere Katzen aus, und erst recht wäre mir niemals eingefallen, mir einen Hund zuzulegen.

Auch während meiner Arbeit als Drehbuchschreiber lief mir zunächst kein Hund über den Weg. Die Produzenten wiesen sogar immer wieder darauf hin, dass Hunde, und übrigens auch Kinder, während der Dreharbeiten teuer und kompliziert seien. Ein dressierter Hund kostet mindestens so viel wie ein Hauptdarsteller, darum lautet ein ungeschriebenes Gesetz der Branche: keine Hunde, wenn es sich vermeiden lässt.

Ich bekam also die Order: keine Hunde in die Story reinschreiben! Irgendwann schrieb ich dann doch einen erfolgreichen Fernsehfilm über einen Bernhardiner namens Felix, aber dieser Hund hatte wie alle Superhunde in Funk und Fernsehen nichts mit der Realität zu tun: Felix konnte Motorrad fahren, sprang über Dächer, als wäre er ein Eichhörnchen und hatte einen IQ, an den nicht einmal Albert Einstein heranreichte.

Natürlich war mir schon damals beim Schreiben klar, dass Felix nichts mit einem echten Hund gemein hatte. Auch wenn ich mich überhaupt nicht mit Hunden auskannte, glaubte ich dennoch zu wissen, wie echte Hunde tickten: Sie sahen einen mit großen Augen an, wenn sie Futter wollten, und waren lediglich Befehlsempfänger, die nichts Individuelles an sich hatten.

Ich gebe zu, dass meine Ansichten über Hunde voller Vorurteile waren.

Trotz allem sollte ich auf den Hund kommen, und das hatte mit einer charmanten Frau namens Ellen zu tun. Sie war Anwältin, Mutter einer hübschen und pfiffigen sechzehnjährigen Tochter und besaß einen kleinen Hund namens Bonny.

Ich kann mich noch genau an mein erstes (unfreiwilliges) Date mit Bonny erinnern: Es war ein Samstag, und ich hatte mich mit Ellen, die ich kurz zuvor kennengelernt hatte, zu einem Spaziergang verabredet. Als sie auf den Parkplatz einbog, flog ich ihr entgegen und hielt ihr als Kavalier der alten Schule die Autotür auf.

Überraschung: Auf dem Beifahrersitz saß ein kleiner, brauner Hund, der hinter ihr hinausstürmte! Er sah aus wie eine Mischung aus einem Fuchs und einem Teddybär mit Schlappohren. Später erfuhr ich von Ellen, dass es sich um einen Mix aus einem Terrier und einem Corgi handelte. Notgedrungen ging ich in die Hocke und hielt ihm die Hand zum Beschnüffeln hin, aber was machte er? Genau, er leckte schwungvoll mit seiner nassen Zunge einmal quer durch mein Gesicht! Der Tag war eigentlich für mich gelaufen, aber dann hörte ich Ellen sagen: »Bonny mag dich!« Ich machte gute Miene zum bösen Spiel und schwieg.

»Ich weiß, dass du kein Hundefreund bist, das habe ich sofort bemerkt! Umso mehr freut es mich, dass du dich trotzdem mit mir triffst!«, lobte sie mich. Ich hisste die weiße Flagge, weil ich wusste, dass es Ellen nur mit Bonny gab. Eine Frage hatte ich aber noch: »Du hast aber nicht vor, einen zweiten Hund anzuschaffen, oder?«, vergewisserte ich mich.

»Aber nein!«, antwortete Ellen, und mir fiel ein Stein vom Herzen. Mit einem Hund, zumal einer solchen halben Portion, würde ich schon fertigwerden.

Unserer Beziehung stand nichts im Weg, auch weil sich mein dreizehnjähriger Sohn Konstantin mit Ellens Tochter Sophie gut verstand. Auch zu Bonny fand er schnell einen Draht, die sich gerne von ihm kraulen ließ.

Immerhin gefiel mir, wie Ellen ihren Hund behandelte. Bonny fraß nicht vom Teller, sondern aus dem Napf, sie schlief auch nicht in ihrem Bett, sondern im Körbchen. Mir blieb nichts anderes übrig, als mich mit dem kleinen Hund zu arrangieren, wenn ich Ellen besuchte. Er hatte es schön bei ihr und ihrer Tochter Sophie, die in einem Haus mit großem Garten wohnten.

Doch schnell stellte ich fest, dass Bonny keinerlei Gemeinsamkeiten mit dem Superhund Lassie aus meiner Kindheit hatte und keine Tricks beherrschte – nicht einmal Männchen machte sie. Das Einzige, was sie konnte, war faulenzen, und zwar auf dem Sofa. Sie genoss menschliche Nähe, und dabei spielte es keine Rolle, ob es ein Fremder war.

Aber wenn ich ehrlich bin, muss ich sagen, dass ich ihr nicht viel Beachtung schenkte. Für mich war Bonny der kleine Hund meiner Partnerin, der immer bei ihr zu Hause war, wenn ich sie besuchte. Ich hatte nichts gegen ihn, aber ich hätte ihn auch nicht vermisst, wenn er nicht da gewesen wäre. Dass meine Liebe zu Hunden nicht sonderlich ausgeprägt war, wusste natürlich auch Konstantin, der mich gern mit meiner mangelnden Begeisterung aufzog. »Papa, du kannst Bonny ruhig auch mal streicheln, sie beißt nicht!«, pflegte er zu sagen, wenn er sah, dass ich mich wieder mal zierte, sie auf den Schoß zu nehmen.

Doch bevor es eine wunderbare und langweilige Freundschaft werden konnte, passierte es. Ellen musste unerwartet nach Gran Canaria, weil ein Sturm das Dach ihres Ferienhäuschens demoliert hatte. Da sie auf die Schnelle kein Hundehotel fand, nahm sie Bonny mit.

Bonny ist dann mal weg …

Ellen hatte auf Gran Canaria ziemlich viel um die Ohren: Anträge beim Bauamt stellen, Telefonate mit der Versicherung führen, passende Handwerker finden und so weiter und so fort. Und Bonny war immer dabei. Als alle Arbeiten erfolgreich über die Bühne gebracht waren, stand dem Rückflug nichts mehr im Wege. Auch Bonny freute sich auf die Heimreise, weil es ihr auf Gran Canaria mit ihrem dichten Fell viel zu warm war und jede Bewegung, auch die geringste, zur Qual machte.

»Weißt du was, Bonny? Wir beiden werden jetzt schön Tapas essen, und dann fahren wir zum Flughafen. Was hältst du davon?« Bonny bellte zufrieden, denn sie wusste, dass es jetzt nach Hause ging. Der kleine Hund hatte nämlich gesehen, dass Ellen ihre gepolsterte Reisetasche herausgeholt hatte. Ein sicheres Zeichen, dass der Rückweg anstand! Eine halbe Stunde später parkte Ellen den Wagen vor einer Tapas-Bar.

Die Hitze schlug ihr entgegen, als sie aus dem klimatisierten Wagen stieg, aber das machte Ellen nichts aus, weil sie wusste, dass in Deutschland Schmuddelwetter auf sie wartete. Deswegen wollte sie es sich jetzt nach der anstrengenden Woche mit Bonny schön machen und auf der Terrasse der Bar die Sonne in vollen Zügen genie-ßen.

Da gab es aber leider keinen freien Platz mehr, und Ellen musste mit einem Tisch auf dem Bürgersteig vorliebnehmen. Das fand sie aber nicht allzu schlimm, da sich die Bar in einer ruhigen Seitenstraße befand.

Wie immer machte es sich Bonny auf ihrer Decke unter dem Tisch bequem und wartete auf die Leckerlis, die bestimmt für sie abfallen würden. Und wie immer war sie nicht angeleint, weil Bonny niemals freiwillig ihren Platz verlassen würde. Erstens war sie viel zu faul und zweitens zu anhänglich, um eigenmächtige Ausflüge in die Stadt zu unternehmen.

Während sich Ellen noch mit Blick auf die Speisekarte den Kopf darüber zerbrach, welche Tapas lecker, aber nicht zu kalorienreich waren, hupte ein Auto in unmittelbarer Nähe, und sie schreckte hoch. Ellen ärgerte sich über den Lärm, und Bonny begann laut zu bellen. Ein langsam fahrender Autokonvoi näherte sich. Offenbar war eine Hochzeitsgesellschaft unterwegs, wie man an den geschmückten Karosserien erkennen konnte.

Wieso fahren die nicht auf der Hauptstraße, dachte Ellen, und da sie wusste, wie schreckhaft Bonny war, versuchte sie die Hündin zu beruhigen. Doch ohne Erfolg: Ihre kleine Gefährtin begann vor Aufregung zu hecheln, die Schlappohren wackelten hin und her, und der Schwanz schlug hektisch auf und ab. Ellen erkannte sofort, dass Bonny unter Stress stand. »Ist gut, Bonny, ist gleich vorbei!«

Doch leider war gar nichts vorbei, denn einige der Hochzeitsgäste warfen tatsächlich aus den fahrenden Autos Böller auf die Straße, die einen Höllenlärm erzeugten! Rauch stieg auf. Der kleine Hund sprang jetzt völlig verschreckt auf und bellte wie verrückt. Dabei zitterte er am ganzen Körper, als stünde er unter Strom.

Als Ellen gerade versuchte, Bonny auf den Schoß zu nehmen, landete ein Kracher direkt vor ihrem Tisch und explodierte lautstark. Ellen duckte sich instinktiv und hielt sich die Hände schützend vors Gesicht. In dem Moment ergriff Bonny die Flucht und schoss davon wie eine Rakete! Sie rannte über die Straße, bog ab auf die große Allee und lief im Slalom durch den dichten Verkehr. Ellen, die durch den Knall für einen Moment wie paralysiert war, wurde wieder hellwach, als sie sah, wie ihr kleines Hündchen verstört zwischen den Autos im Zickzack davonlief.

Panik ergriff sie, ihr Herz schlug höher, kalter Schweiß rann ihr den Rücken hinab, und sie bekam feuchte Hände. Sofort sprang sie auf und rannte hinter Bonny her, was sich aber mit den hohen Absätzen als schwierig erwies. Außerdem hatte der kleine Hund in seiner Angst ein Mordstempo hingelegt und war bald nicht mehr zu sehen.

Ellen hetzte über die belebte Allee, achtete überhaupt nicht auf den Verkehr. Viele Autofahrer hupten sie wütend an, was ihr aber egal war. Sie musste ihren kleinen Hund wiederhaben. Immer wieder rief sie nach Bonny, doch ihre Stimme ging im Straßenlärm unter.

War sie in die rechte Seitenstraße gerannt oder in die linke? Oder etwa in die Fußgängerpassage? Verzweifelt drängte sie sich durch die Menschenmenge, rempelte den einen oder anderen an und hoffte inständig, ihre geliebte kleine Freundin zu finden. Aber sie blieb verschwunden.

Ellen wurde vor Aufregung übel und schwindlig. Verzweifelt fragte sie die Passanten nach Bonny, aber keiner konnte ihr helfen.

Sie mochte etwa eine halbe Stunde durch die Straßen geirrt sein, als ihr siedend heiß einfiel, dass sie ihren Flieger erwischen musste! Völlig aufgelöst rief sie mich in Deutschland an und wusste nicht mehr weiter. »Ich kann doch nicht ohne Bonny zurückfliegen!«, rief sie verzweifelt mit zittriger Stimme und war kurz davor, den Flug zu stornieren. So aufgewühlt hatte ich sie noch nie erlebt.

»Aber musst du nicht morgen Mittag ins Gericht?«, fragte ich sie.

»Ja, stimmt! Das hatte ich ganz vergessen. Morgen ist ein Berufungsprozess am Oberlandesgericht! Der kann nicht verschoben werden … aber ich kann doch die arme Bonny nicht alleine lassen!« Ich konnte die Verzweiflung in ihrer Stimme kaum ertragen, aber für mich lagen die Dinge klar auf der Hand.

»Du kannst doch nicht auf Gran Canaria bleiben!«, sagte ich. Der Hund mochte zwar wichtig sein, aber die Arbeit ging doch vor!

»Jetzt mach mir doch kein schlechtes Gewissen!«, hörte ich sie noch sagen, dann legte sie auf.

Ellen überlegte hin und her und entschloss sich schweren Herzens, den Flieger nach Deutschland zu nehmen. Der Tag, der so gut für sie angefangen hatte, endete traurig, sehr traurig.

… O bring back my Bonny to me …

In den folgenden Wochen war die Stimmung zwischen Ellen und mir getrübt, oder besser gesagt: Sie lag am Boden. Trotz aller Bemühungen blieb Bonny verschwunden. Ellen schaltete von Deutschland aus mehrere Suchanzeigen, und ihr Onkel Egon, der seinen Lebensabend auf Gran Canaria verbrachte und nicht ganz so perfekt spanisch sprach, tapezierte den halben Ort mit Zetteln voll:

Perro corre! Perro corre!

Alta recompensa

Por favor ilame de …

Für mich stand fest, dass Bonny irgendwann wieder auftauchen würde, weil sie ja ein Halsband mit Ellens Adresse trug. Auch Ellen war zunächst optimistisch, aber als die Tage verstrichen, schwand ihre Zuversicht. »Und wenn ihr was zugestoßen ist? Vielleicht ist sie überfahren worden? Vielleicht hat sie sich verlaufen und ist verhungert?«

Man konnte kein Gespräch mit Ellen führen, ohne dass die Sprache auf Bonny kam. Entweder sie spekulierte, was mit Bonny passiert war, oder sie erinnerte sich an Dinge, die sie mit ihr erlebt hatte. Als ich erfuhr, dass Bonny außerdem gechipt war, konnte ich mir nicht vorstellen, dass der kleine Streuner verschollen blieb.

»Aber wer weiß, ob man sie untersucht und schaut, ob sie markiert ist!«, entgegnete Ellen, als wir in der Küche saßen und das Thema wieder mal um Bonnys Verschwinden kreiste. »Ich werde wahnsinnig bei dem Gedanken, dass sie irgendwo alleine liegt, schwer verletzt, und keiner kann ihr helfen!«

Mit jedem Tag ohne ein Lebenszeichen von Bonny wurde Ellen unruhiger. Ein Satz von ihr ist mir besonders in Erinnerung geblieben: »Wenn ich Bonnys Korb sehe, denke ich, dass sie jeden Moment ins Zimmer kommt und sich hineinlegt.«

Irgendwann konnte ich das nicht mehr hören und entgegnete gereizt: »Dann tu den Korb doch weg!«

»Auf keinen Fall! Das ist so, als hätte ich sie schon aufgegeben, warum verstehst du das nicht?«

»Schau mal, du verhältst dich wie Eltern, die ihr Kind vermissen. Solange sie nichts über dessen Schicksal wissen, lassen sie alles beim Alten, zum Beispiel passiert es oft, dass sie nicht mal das Kinderzimmer aufräumen«, dozierte ich, »aber Bonny ist ein Hund und kein Mensch!«

Meine Analyse kam bei Ellen natürlich überhaupt nicht gut an.

»Du bist so unsensibel!«, entgegnete sie wütend.

»Nur weil ich eine objektive Feststellung getroffen habe? Es ist ja nun mal Fakt, dass Hunde Tiere sind!«

»Ich brauche von dir keine blöden Erklärungen oder Fakten, ich brauche Verständnis und, wenn du das Wort kennst, Trost!«, schleuderte sie mir entgegen und verließ das Zimmer.

»Aber ich will dich doch trösten!«, versuchte ich sie zu beschwichtigen, während ich ihr ins Wohnzimmer folgte.

»Ach was, dir sind meine Gefühle doch total egal.«

Natürlich zog ich mir diesen Vorwurf nicht an, und so ergab ein Wort das andere. Ellen wurde es schließlich zu viel:

»Es ist besser, wenn du jetzt gehst und mich alleine lässt!«

Und das tat ich auch.

Zu Hause in meinem Bett kochte ich vor Wut, weil ich den Vorwurf des unsensiblen Klotzes nicht auf mir sitzen lassen wollte. Gerade als ich mich wieder einigermaßen beruhigt hatte und dabei war einzuschlafen, klingelte das Telefon.

»Warum bist du nach Hause gefahren und hast mich alleine gelassen?«, hörte ich Ellens vorwurfsvolle Stimme.

Ich war irritiert. »Hast du nicht gesagt, ich soll nach Hause gehen?«

»Ach, Schatz, ja, das habe ich gesagt. Aber eigentlich will ich einfach nur, dass du mich tröstest.«

Also sprang ich wieder in meine Klamotten und fuhr die 20 Kilometer zu ihr. Ich machte ihr einen Tee und nahm sie in den Arm. »Entschuldige, dass ich dich alleine gelassen habe!«

Mir tat die trauernde Ellen wirklich leid, da aber mein Verhältnis zu Hunden im Allgemeinen und Bonny im Speziellen nun einmal nicht das beste war, hielt sich mein Mitgefühl für den kleinen Hund weiterhin in Grenzen. Streit war also wieder vorprogrammiert.

»Ich glaube dich interessiert Bonnys Schicksal gar nicht!«, hieß es einige Tage später, als wir im Wohnzimmer bei einem Glas Wein zusammensaßen.

»Wie kommst du denn darauf?«, antwortete ich und fühlte mich ertappt.

»Weil du gerade mit deinem Tablet spielst!«

In der Tat hatte ich bei dem Gespräch mit einem Auge mein E-Mail-Konto überflogen.

»Es tut mir wirklich leid, dass es dir schlecht geht, aber deswegen möchte ich die Geschichte, wie du Bonny vom Tierheim geholt hast, nicht zum hundertsten Mal hören. Ich liebe nun mal dich und nicht deinen Hund!«, flutschte es aus mir heraus.

»Es geht nicht nur um Bonny. Du hörst mir generell nicht zu, wenn ich dir etwas erzähle, das dich nicht interessiert!«, warf sie mir vor, und schon waren wir mitten in einem Streit, der mit Bonny nichts zu tun hatte. Im Gegenzug warf ich ihr vor, dass sie den Hund wichtiger nahm als unsere Partnerschaft. Schließlich hatten wir einen bereits gebuchten Trip nach Berlin abgesagt, weil Ellen zu Hause sein wollte, falls jemand aus Gran Canaria anrufen würde. Und als das Telefon mal klingelte und ich zu spät abhob, gab es auch Ärger: »Vielleicht war das ein Anruf aus Spanien!«

Und wieder platzte es aus mir heraus: »Bei allem Verständnis für dich, Ellen, aber Bonny ist kein Mensch!«

»Trotzdem ist sie ein Teil der Familie! Warum musste ich Bonny überhaupt nach Gran Canaria mitnehmen? Du hättest doch auf sie aufpassen können! Aber nein, dein Terminkalender musste ausgerechnet diese Woche aus allen Nähten platzen! Du hast Bonny doch nie gemocht!«, warf sie mir vor, womit sie ja nicht ganz unrecht hatte.

»Was sollte ich gegen das Tier haben?«, versuchte ich mich halbherzig herauszureden.

»Das Tier? Das ist Bonny!«, berichtigte sie mich und legte noch eins drauf: »Ohne dich hätte ich Bonny schon längst gefunden! Wäre ich nur nicht nach Deutschland zurückgeflogen!«

»Ich habe dich nicht gezwungen zurückzufliegen!«, verteidigte ich mich.

»Aber du hast mich unter Druck gesetzt! Von meinem Partner hätte ich das nicht erwartet!«, raunzte sie und ging aus der Küche.

»Ich habe dich unter Druck gesetzt? Das ist doch ein Witz!«, rief ich ihr hinterher.

»Nein, ist es nicht.« Sie blieb im Flur stehen und drehte sich zu mir um. »Du magst es nicht, wenn man dir widerspricht. Wann hast du denn schon mal nachgegeben?«

»Ich dachte, du magst Männer, die eine eigene Meinung vertreten und nicht leicht nachgeben!«, konterte ich und ärgerte mich, dass ich mich in der Defensive befand.

»Aber sie sollten auch kompromissfähig sein! Und sie sollten nicht nur an sich denken, sondern auch die Gefühle der Partnerin ernst nehmen!«

Das Ende vom Lied: Erneut fuhr ich frühzeitig nach Hause, nur dieses Mal rief sie mich nicht spät noch an, sondern ich verbrachte die Nacht alleine.

Es war paradox: Zunächst hatte ich gedacht, dass der Hund unserer Liebe im Weg stehen würde, aber erst jetzt, wo er nicht da war, drohte die Beziehung eben daran zu zerbrechen. Was konnte ich nur dagegen unternehmen? Ich wollte Ellen keinesfalls verlieren. In meiner Hilflosigkeit dachte ich zunächst daran, ihr einen teuren Ring zu schenken oder eine gemeinsame Reise. Aber dann wurde mir bewusst, dass das Problem damit nicht gelöst wäre. Ellen vermisste doch ihren Hund! Nur würde der nicht mehr auftauchen, dessen war ich mir inzwischen sicher. Folgerichtig sah ich nur eine Lösung, um den gordischen Knoten zu lösen. Meiner Ansicht nach war es eine geniale Idee, die zwei Fliegen mit einer Klappe schlug: Erstens würde Ellen über den Verlust ihrer Bonny hinwegkommen, und zweitens würde ich nicht als Hundehasser dastehen!

Es war Freitag, der 13., als ich Ellen spontan und gut gelaunt einen Besuch abstattete. »Schatz, ich habe eine Überraschung für dich!«, eröffnete ich ihr strahlend, gab ihr einen Kuss und schaute ihr tief in die Augen.

»Das ist schön!«, antwortete sie gerührt und blickte mich erwartungsfroh an. »Was ist es?«

»Noch ein wenig Geduld!«, lachte ich und schob sie sanft auf die Couch.

»Jetzt mach es nicht so spannend!«, bat sie mich ungeduldig.

Lächelnd nahm ich aus meiner Tasche einen weißen Umschlag. »Was hältst du davon«, ich machte eine kleine Kunstpause, »wenn ich dir einen neuen Hund schenke? Der so ähnlich aussieht wie Bonny?« Damit war die Katze aus dem Sack, und ich zog den Prospekt eines Hundezüchters aus dem Kuvert.

Leider war Ellens Reaktion nicht ganz so, wie ich es erhofft hatte.

»Das ist doch nicht dein Ernst?!«, empörte sie sich und schüttelte fassungslos den Kopf.

»Okay, okay, es muss ja nicht dieser Züchter sein! Ich kenne mich in dieser Hinsicht nicht aus!« Sofort steckte ich den Prospekt wieder ein und lachte sie verlegen an. Doch Ellen ging es anscheinend gar nicht um den Hundezüchter:

»Wie kannst du denn nur auf diese Idee kommen? Ich kann doch Bonny nicht einfach durch einen anderen Hund ersetzen!«

»Du wirst dich bestimmt schnell mit dem neuen Hund anfreunden, da bin ich mir sicher!«, versuchte ich zu erklären.

»Verstehst du das denn nicht?« Sie starrte mir geradewegs in die Augen. »Bonny ist ein Teil der Familie! Sie ist nicht zu ersetzen!«

Erneut stand ich als herzloser, unsensibler Klotz da. Damit hatte ich wohl das Gegenteil von dem erreicht, was ich mir vorgenommen hatte, und meine wunderbare Idee war nach hinten losgegangen. Wenn es nicht so verdammt traurig gewesen wäre, hätte man darüber lachen können.

Doch just in dem Moment kam die Rettung. Mitten im Streit klingelte das Telefon. Ellen ging dran, noch ziemlich aufgebracht. »Dass du mir das wirklich vorgeschlagen hast, ich kann es kaum glauben …«, murmelte sie mit dem Hörer in der Hand. »Wenn ich das vorher gewusst hätte … Hallo?!«, hörte ich sie noch sagen, bevor sie ins Wohnzimmer ging.

Während sie telefonierte, ärgerte ich mich über ihre Vorwürfe. Eine Entschuldigung kam für mich nicht infrage. Ich hatte es doch nur gut gemeint. Diese ständige Vermenschlichung des Hundes war einfach nicht gesund! Ich wollte mir gerade eine Strategie zurechtlegen, da merkte ich plötzlich, dass Ellen schon sehr lange telefonierte.

Wer rief sie denn so früh an? In dem Moment kam sie wie verwandelt in die Küche, schaute mich selig an und sagte: »Es ist alles gut!« Sie nahm mich in den Arm und begann leise zu weinen.

Verstört von diesem Gefühlsüberschwang meldete sich doch mein schlechtes Gewissen. »Also, du musst dich doch nicht entschuldigen, ich habe das gar nicht so persönlich gemeint«, versuchte ich sie zu beruhigen.

Sie stieß mich von sich. »Ich weine doch nicht wegen dir! Ich weine, weil ich glücklich bin!«, stellte sie richtig und wischte sich ihre Tränen ab.

In der Tat, sie schaute nicht sehr traurig aus. Waren das etwa Freudentränen? Nun verstand ich gar nichts mehr.

»Bonny ist wieder da! Man hat meine Bonny gefunden!«, erklärte sie und schaute mich an wie die glücklichste Frau der Welt.

»Wo war sie denn?«, fragte ich etwas unbeholfen und merkte in diesem Moment, dass ich mehr Freude an den Tag legen musste. »Ich meine, herzlichen Glückwunsch, es ist ja wunderbar, dass du sie wiederhast! Wirklich toll!«

»Das ist es auch, du kleiner Heuchler! Du brauchst jetzt nicht so zu tun, als ob du sie vermisst hättest!«, meinte Ellen, die mich durchschaut hatte. Aber die gute Nachricht hatte sie gnädig gestimmt. Sie zog mich sanft auf die Couch und legte los: »Das war gerade ein junger Mann, der in Spanien lebt. Er hat Bonny gefunden, und zwar in einem Dorf in Kantabrien!«

»Also doch das Halsband!«

»Nein. Der Chip!«, stellte sie richtig, »aber ich erkläre alles später! Jetzt muss ich direkt nach Flügen schauen!«

Ellen griff ihr Tablet und rief den Browser auf. Ich verstand nur Bahnhof.

»Welche Flüge?«

Sie runzelte die Stirn. »Sag mal, bist du etwas begriffsstutzig? Wir müssen Bonny abholen, ist doch logisch!«, sagte sie, während sie die Suchmaschine fütterte.

»Wir?« Ich verschluckte mich fast.

»Natürlich wir! Oder willst du Bonny nicht so schnell wie möglich wiedersehen? Jetzt, wo wir uns wieder vertragen haben?«

»Ich kann es kaum erwarten!«, schwindelte ich, da mir partout nicht einleuchtete, wegen des Hundes nach Spanien zu fliegen. Obwohl ich sicher bin, dass Ellen meine Gedanken las, ließ sie es sich nicht anmerken. Dafür war sie viel zu glücklich.

»Ist das nicht herrlich? Man hat meine Bonny gefunden! Und es geht ihr offensichtlich sehr gut …«, freute sie sich, und dann blieb ihr Blick an dem Bildschirm hängen: »Hier, Santander … morgen früh … sind noch Plätze frei!«

»Warum Santander? Wir müssen doch nach Gran Canaria!«, warf ich ein.

»Habe ich nicht gesagt, dass Bonny in Kantabrien aufgetaucht ist? Sie ist nicht mehr auf Gran Canaria!«, antwortete Ellen, als wäre es das Selbstverständlichste auf der Welt.

»Doch, das sagtest du schon, aber ehrlich gesagt habe ich keine Ahnung, wo Kantabrien liegt! Der Erdkundeunterricht auf unserer Schule beschränkte sich darauf, uns zu erklären, dass die Erde keine Scheibe ist …«, rechtfertigte ich mich.

»Kantabrien liegt in Nordspanien«, dozierte Ellen, ohne ihren Blick vom Bildschirm zu nehmen. Sie war schon dabei, ihre Kreditkarte zu belasten.

»Nordspanien? Also auf dem Festland. Aber … das müssen doch Zighunderte Kilometer sein! Wie ist sie denn dahin gekommen?« Ellen schien bei Weitem nicht so verwirrt zu sein wie ich. Ungläubig ging ich zum Regal und zog den Atlas hervor, während sie noch mit dem Buchungsprozess beschäftigt war. Ich schlug die Europakarte auf. Von Gran Canaria bis Santander waren es über den Daumen gepeilt gut 2000 Kilometer Luftlinie. Mal abgesehen davon, dass die Hälfte der Strecke durch den Atlantischen Ozean führte.

»Ich weiß nicht, wie sie dahin gekommen ist. Aber das werden wir alles erfahren. Und zwar morgen!«, verkündete Ellen mit fröhlicher Stimme.

»Morgen? Da habe ich einen Termin!«, warf ich schwach ein, aber dann sah ich ihren strafenden Blick und fügte hinzu: »… den ich aber verschieben kann!«, und versuchte ein Lächeln. »Für Bonny tue ich doch alles!«

Ab in den Süden

Am nächsten Tag flogen wir von Düsseldorf über Madrid nach Santander. Ellen hatte ihren vollen Terminkalender ignoriert, denn Bonnys Heimkehr hatte absolute Priorität.

Den ganzen Flug über fand meine Freundin keine Ruhe. Sie rutschte unruhig auf ihrem Sitz hin und her, als hätte sie Pfeffer im Popo. »Und wenn Bonny doch krank ist?«, fiel ihr unvermittelt ein.

»Aber ihr Finder hat doch am Telefon gesagt, dass es ihr gut geht!«

»Vielleicht wollte er mich nur beruhigen!«, wandte sie ein und schaute aus dem kleinen ovalen Fenster. »Hoffentlich sind wir bald da, ich kann es kaum abwarten!«

Haarklein setzte sie mir auseinander, was sie in den nächsten Tagen alles mit Bonny unternehmen wollte.

»Wenn sie zu Hause ist, werde ich sie richtig verwöhnen! Wer weiß, was sie alles erlebt hat … Als Erstes koche ich ihr Hähnchenherzen, die mag sie ganz besonders. Danach werde ich ihr Körbchen neu beziehen!«

Ich muss zugeben, dass ich nur mit einem viertel Ohr zuhörte. Mich interessierte eine ganz andere Frage, die ich aber vorerst für mich behielt: Wie war der kleine Hund von Gran Canaria nach Kantabrien gekommen? Und was würde der Finder uns darüber erzählen können?

Nach der Landung wurde Ellen noch hektischer, wenn das überhaupt möglich war.

»Nicht auszudenken, wenn sie mich nicht wiedererkennt!«, fiel ihr plötzlich ein und sie hetzte zu den Gepäckbändern. Und ich wie ein Trottel hinterher.

»Also bitte. Natürlich wird sie dich wiedererkennen!« Obwohl wir die Ersten am Band waren, waren wir die Letzten, die ihr Gepäck in Empfang nehmen konnten. Die Koffer kamen zwar ziemlich schnell, aber die Hundebox, die Ellen aufgegeben hatte, fehlte. Nach einer Weile standen nur noch wir zwei am Band, das einsam seine Runden drehte, bis es, begleitet von einem schrillen Piepen, jäh stoppte.

Es gab lautstarke Diskussionen mit dem Flughafenpersonal, bis Bonnys Box schließlich doch noch auftauchte. Natürlich überließ ich den Disput Ellen, denn schließlich war es ihr Hund, und außerdem wollte ich mich nicht sonderlich aufregen, nur weil wir etwa eine Viertelstunde länger gewartet hatten als die anderen Fluggäste. Sie würde ihre Bonny früh genug wiedersehen.

Nachdem wir nun unser Gepäck endlich beisammenhatten, fuhren wir per Mietwagen die etwa 70 Kilometer nach Unquera. Ohne zu zögern, setzte sich Ellen ans Steuer und legte sogleich ein Mordstempo hin. Sie drückte aufs Gaspedal, dass mir schlecht wurde.

»Würdest du bitte etwas langsamer fahren? Du bist dabei, die Schallmauer zu durchbrechen!«, warnte ich sie nach einem meiner Ansicht nach sehr riskanten Überholmanöver.

»Wieso? Ich fahre wie immer!«, behauptete Ellen und wandte die Augen nicht von der Straße ab. Sie dachte gar nicht daran, den Fuß vom Gas zu nehmen.

»Ich weiß, dass du generell zum Rasen neigst!«, gab ich ihr recht, »aber heute legst du noch eine Schippe drauf!«

»Im Unterschied zu dir fahre ich zumindest unfallfrei!«

»Meine Güte, ich habe vor dreißig Jahren beim Einparken eine Laterne gestreift, das ist nun wirklich verjährt!«, entgegnete ich und hielt die Hände vors Gesicht, weil ich nicht sehenden Auges in den Tod fahren wollte.

»Stell dich nicht so an!«, meinte sie, während sie das Gaspedal malträtierte.

»Bitte, Ellen!«, startete ich einen letzten Versuch. »Bon-ny läuft uns nicht davon, wenn wir fünf Minuten später kommen!«

»Ich habe Tom gesagt, dass wir um 16 Uhr da sind. Und wir müssen die Zeit aufholen, die wir im Flughafen verloren haben!«

Ich protestierte nicht. Ich betete nur, dass wir überhaupt noch ankommen würden.

Und das taten wir zum Glück. Überpünktlich – na gut, kurz vor 16 Uhr – erreichten wir das Dorf Unquera, malerisch gelegen am Fluss Deva. Schade nur, dass ich aufgrund der Hektik kein Auge für die wunderschöne Landschaft hatte. Meine Aufmerksamkeit galt allein dem Tacho und meiner Todesangst.

Mit kreischenden Bremsen brachte Ellen den Wagen urplötzlich vor einem zweistöckigen Steinhaus zum Stehen, und ohne meinen Sicherheitsgurt wäre ich in hohem Bogen durch die Windschutzscheibe geflogen. Ellen stürmte aus dem Wagen und eilte zum Haus, um endlich ihre Bonny in die Arme zu schließen. Ich stolperte ein wenig benommen hinterher.