Zivilist - Hans-Jürgen Garlitz - E-Book

Zivilist E-Book

Hans-Jürgen Garlitz

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Beschreibung

Ein skrupelloser Verbrecherring überzieht Europa mit Angst und Schrecken. Es werden junge Mädchen, aus dem Osten Europas entführt, und über einen geheimen Umschlagplatz, aus Deutschland in alle Welt verkauft. BKA und Interpol versuchen den Ring zu zerschlagen. Doch in den eigenen Reihen scheinen Verschwörer am Werk zu sein. Durch einen Zufall gerät nun ein Zivilist, in den Kampf zwischen Verbrechern, Söldnern, Agenten und Polizei. Er entwickelt sich zu einer großen Gefahr für die Verschwörer. Kann er das Blatt wenden? Wird es ihnen gelingen die Verschwörung aufzudecken, und die Kinder zu befreien?

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Seitenzahl: 436

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Copyright © 2019

Hans-Jürgen Garlitz

Zivilist, der Zivilistin

Substantiv, maskulin

der Zivilist; Genitiv: des Zivilisten, Plural: die Zivilisten

Person, die nicht zum Militär gehört in dem Krieg wurden auch Zivilisten gefangen genommen | neben dem General standen zwei Zivilisten (zwei Personen in Zivilkleidern)

Inhaltsverzeichnis

01. Kapitel - (Einleitung)

Entführung

Verladung

Ein Telefonat

02. Kapitel - Freitag

Der Informant

Agentin auf Urlaub

Der Container

BKA Zentrale

Die Übergabe

Profis

Ein guter Mann 1

Die Halle

Die Lieferung

Erinnerungen

Ein guter Mann 2

Beweise

Befehlsverweigerung

Entdeckt

Aufgeflogen

Supermarkt

Die Flucht

Verfolgungsjagd

Entlassung

Verfolger

Lewkowicz

Peter Köppgen

Unheimlicher Besuch beim BKA

Ein Traum?

E-Mail für Dich

03. Kapitel - Samstag

Der Morgen danach

Chander Machado

Das Parkhaus

Im Verhörraum

Der Killer

Gefängnisausbruch

Das Duell

Versagt

Chaos

Im Café

Zivilist oder Agent?

Computergenie

Untertauchen

04. Kapitel - Pfingstsonntag

Ein schöner Tag

Peters Ankunft

In der Kirche

Entkommen

Unter Druck

Der Bauernhof

In der Bar

Frühstück bei Maria

Die Russen

Modenschau

Schuldgefühle

Nachforschungen

Arbeiten auf dem Bauernhof

Der Beobachter

Ein Plan

Zwischenfall in der Scheune

Beziehungen

Eine Strategie

Die Abfahrt (Abends)

Die Villa (Nachts)

Der Überfall (Nachts)

Die Falle in der Villa

05. Kapitel - Pfingstmontag

SEK Einsatz

Die Falle ist zugeschnappt

Eine zweite Halle

Geheimtreffen

Rückkehr zum Bauernhof

Eine Befreiungsaktion

Söldner und anderer Abschaum

Zu früh gefreut

Spec Ops

Die Zelle

Lautloser Tod

Zivilist

Ungleiche Schwestern

Gwidon und Lewkowicz

Wieder verhaftet

06. Kapitel - Dienstag

Ein neuer Chef

Der verlassene Flughafen

Statusbericht

Treffen in der Bar

2. Geheimtreffen

Eine Spur

Allein

Intensivstation

Eine Anschlagserie

Gefängnisausbruch Volume 2

Killer versagen, manchmal

Zusammenkunft

Krankenhaus

Nachtfahrt

07. Kapitel - Mittwoch

Frühstück bei Maria

Horch was kommt von draußen rein...

Im Büro

Wir geben nicht auf

Sportwagen auf Abwegen

In der Höhle des...Bären

Besetzt...

Kein Zimmer frei

Der Wald

Club alter Männer

Hunde wollt ihr ewig leben

Das (Alp-)Traumhotel

Die Jäger

Unsichtbar

Unter Feuer...

Im Wald

12 kleine Söldner...

Zu jung zum sterben

Darias erneute Flucht

Hohe Tiere

Keine Luft

Fragen über Fragen

Zeit für Antworten

Freundschaft, oder mehr

Rückfahrt

Chander berichtet

Macht hält nicht ewig

Dr. Magnus Teuber

Stichhaltige Beweise

Teuber taucht bei Zeidler auf

Chander und Armin

Teuber kennt keine Gnade

08. Kapitel - Donnerstag

Wo ist Preuß?

Im Hotel

BKA Großfahndung

Sarah und Amber

Gwidon und Anna

In Deckung

Dörr-Hensel

Geschwister

Wer will schon ewig leben

Intelligenz gegen Feuerkraft

Teuber, der Teufel

Sarah

Des Teufels Flucht

Scherbenhaufen

09. Kapitel - Wieder Freitag

Hoffnung

Gerechtigkeit

Der Teufel

Der Flug

Chanders Road-Trip

Beweise erneut sammeln

Zurück nach Köln

Justitia

Ein Neuanfang?

Ausspähen

Ruhe vor dem Sturm

Das Ende?

10. Kapitel - Wochenende

Im Krankenhaus

Lebenszeichen

Ein Neuanfang!

01. Kapitel - (Einleitung)

Entführung

Mittwoch vor Pfingsten - Irgendwo in Ost-Europa

In einer Seitenstraße parkte ein unscheinbarer schwarzer Lieferwagen. Keine Beschriftung, keine Fenster. Der Wagen war völlig neutral. Vielleicht war er mal im Dienst einer Firma gewesen, da er schon ziemlich alt wirkte und schon leicht Rost angesetzt hatte. Gewaschen hatte man das Fahrzeug schon seit Jahren nicht mehr. Der Transporter hatte sicherlich schon seine beste Zeit hinter sich gehabt.

Fahrer und Beifahrer beobachteten, so unauffällig es ging, die 100 Meter entfernte Schule. Alles war ruhig. Niemand war unterwegs. Jeden Moment würde die Schulglocke die Schüler erlösen. Dann würde es hier nur so von Kindern wimmeln.

Als die Schulglocke erklang, schnallten sich die beiden Männer an, und gaben ein Kommando nach hinten. Der Fahrer startete den Motor, und der alte Diesel erwachte mit einer schwarzen Rußwolke zum Leben.

Vor der Schule verabschiedeten sich die Kinder voneinander. Sie verstreuten sich langsam, in alle Himmelsrichtungen, um nach Hause zu kommen. Ein kleines Mädchen, etwa 12 Jahre alt, mit zwei roten Zöpfen, die an Pipi Langstrumpf erinnerten, verlässt eine Gruppe. Sie geht die Straße entlang, in Richtung des Lieferwagens. Im Gegensatz zu den anderen Kindern, musste sie scheinbar alleine nach Hause gehen. Alle anderen gingen in Gruppen, oder mindestens zu zweit. Sie war aber sichtbar gut gelaunt. Freute sich auf zuhause, und hüpfte immer wieder ein paar Meter. Dabei flötete sie eine Melodie, die ihr schon den ganzen Tag nicht aus dem Kopf ging. Es war ein schöner Tag. Die Sonne schien, und es war schön warm. Vielleicht würden sie heute wieder schwimmen gehen. Da freute sie sich immer drauf.

Der Wagen setzte sich nun in Bewegung. Als er neben dem Mädchen ankam, hielt er abrupt an. Es öffnete sich die Schiebetür, ein vermummter Mann packte das Kind, und zog es einfach in den Wagen. Um ein schreien zu verhindern, hielt er ihr den Mund zu. Das Mädchen strampelte mit Armen und Beinen, und riß erschrocken die Augen auf. Die Augen, die eben noch voller Freue waren, waren nun angsterfüllt. Noch während ein vierter die Tür wieder von innen verschloß, gab der Fahrer Gas. Der Wagen fuhr an den anderen Kindern vorbei. Niemand bemerkte, daß ihre Schulfreundin gerade entführt wurde. Sie wunderten sich nur, warum der Transporter so schnell fuhr. Gerade hier, wo die Kinder gerade die Schule verließen. Kopfschüttelnd schauten sie dem schwarzen Wagen hinterher. Unmöglich sowas. Keiner dachte daran, daß sie ihre Schulfreundin nie wieder sehen würden.

Verladung

Etwa eine Stunde später, erreichte der Lieferwagen den Containerhafen in St. Petersburg. Dort standen, neben einem Container, ein paar Männern, die noch auf etwas warteten. Einer rauchte, und ein zweiter telefonierte gerade. Gelangweilt trat einer eine leere Bierdose davon. Als sie den Transporter rankommen sahen, begannen sie wieder aktiv zu werden. Zwei Mann öffneten die große Stahltür des blauen Containers. Der Bus fuhr rückwärts an den Container ran, und die Hecktüren wurden von innen geöffnet. Die beiden, die den Container aufgesperrt hatten, gingen hustend und fluchend weg. Der alte Transporter qualmte ganz schön. Bei dem alten Wagen, gab es sicherlich keinen Katalysator. Abgasnormen, waren ihm sicher auch fremd.

Zwei Männer traten aus dem Kleinbus heraus. Einer hat das Mädchen mit den roten Zöpfen, der andere hatte ein Mädchen mit dunklen Haaren gepackt. Sie zappelten wild, und wollten sich losreißen. Was ihnen nicht zu verdenken war. Die Mädchen ahnten bereits, was mit ihnen geschehen würde. Das war einer der Entführungsfälle. Jeden Tag hörten sie davon, daß wieder Mädchen in ihrem Alter verschwunden waren. Jetzt mussten sie also selber dran glauben. Ihr junges Leben würde hier enden. Mit aller Kraft versuchten sie sich den Männern zu entziehen. Doch sie hatten keine Chance. Gegen die stärkeren Männer, kamen sie nicht an. Sie wurden in den Container geschoben. Keiner hatte Mitleid mit den Kindern. Da half kein weinen, oder schreien. Ob sie wollten, oder nicht, hier würde ihr junges Leben Enden. Keiner wusste, was nun auf sie zukommen würde. Im inneren des Container, befanden sich noch mindestens ein Dutzend weiterer Kinder. Dann wurde es dunkel.

Die große Stahltür wurde wieder verschlossen, und jemand gab dem Kranführer ein Zeichen. Dieser begann seine Arbeit, und senkte den Greifer zu ihnen runter. Die Zangen packten den blauen Stahlkoloss, und hoben ihn in die Höhe, wie einen gewöhnlichen Pappkarton. Das Metall ächzte. Der Container wurde auf ein Schiff verladen, und trat nun seine Reise an. Von jetzt an hörte niemand mehr das weinen und jammern der Kinder. Wohin würde man sie nun bringen? Die Männer schüttelten sich die Hände, hatten ihre Arbeit getan. Diesen herzlosen Menschen, bedeuteten die Kinder nichts. Nur das Geld was sie erbrachten. Sie waren auch noch stolz, auf das was sie taten.

Einer der Männer ging zum Pförtner, und gab ihm einen Umschlag. Der nickte nur, und verschwand wieder in seinem Häuschen. Ohne Bestechung lief hier gar nichts. Wenn man ihn fragen würde, hätte er nichts gesehen. Mit Geld konnte man so ziemlich alles erreichen. Das Finanzsystem machte diesen Mist erst möglich.

Dann verabschiedeten sich die Männer, und jeder verschwand wieder dahin wo er hergekommen war. Der Transporter machte sich wieder auf den Weg. Für nächste Woche war wieder ein Container angemeldet. Das aufsammeln von Kindern, brachte eine Menge Geld. Bei sowenig Aufwand, ein sehr gutes Geschäft.

Ein Telefonat

Zwei Männer telefonierten.

„Wir könnten ein Problem bekommen. Interpol wurde eingeschaltet. Haben wir da jemanden?“

„Nein. Bei Interpol nicht. Aber beim deutschen BKA. Wir können jemanden auf den Interpol-Agenten ansetzen. Den Rest klärt dann unser Mann beim BKA. Sollte kein Problem sein.“

„Gut. Ich verlasse mich darauf. Der Container muß ungehindert nach Köln. Wie geplant. Keine Zwischenfälle.“

„Geht klar. Betrachten Sie die Sache als erledigt.“

„Ich verlasse mich darauf. Solange uns Europol nicht noch jemanden auf den Hals schickt, sollte das klar gehen.“

„Sicher. Wir haben fast überall jemanden sitzen. Wer ist Europol?“

„Ist das ihr Ernst? Die gibt es seit den 90er Jahren. Informieren Sie sich bitte. Ich dulde keine weiteren Zwischenfälle.“

„Wir kümmern uns darum.“

„Danke.“

02. Kapitel - Freitag

Der Informant

Freitag vor Pfingsten - 06:00 Uhr früh

D ie Sonne brannte schon früh auf den Asphalt der Autobahn, und ließ die Luft flimmern. Solche Temperaturen hatte es hier, in Norddeutschland schon lange nicht mehr gegeben. Wenn es jetzt schon so heiß war, würde es vermutlich noch verdammt heißer, gegen Mittag. Ein fantastischer Sommer stand bevor. Ein Paradies, für die die diese Temperaturen mögen. Für alle anderen eine Qual. Der kleine Rastplatz, an der A27 bot kaum Schatten.

Anushka Orlow stand mit ihrem Wagen in der prallen Sonne. Ausser ihrem Audi R8 Sportwagen, stand nur noch ein Laster auf dem Parkplatz. Die Klimaanlage tat ihr bestes um die Temperatur im Innenraum auf ein erträgliches Maß zu halten. Dazu musste sie jedoch den Motor laufen lassen. Was nicht gut war. Die dunklen Scheiben halfen beim kühlen. Der schneeweiße Flitzer hätte direkt von der Rennstrecke kommen können. Es fehlten nur noch die typischen Sponsoren-Aufkleber. Dafür hatte er einige Carbon-Teile angebracht. Dieses Modell war sicher doppelt so teuer, als der Standard R8. Aber darüber brauchte sich Anushka keine Gedanken machen. Der russische Geheimdienst stattete seine Agenten immer mit dem besten aus, was zu bekommen war. Ihre deutschen Kollegen, wurden immer ganz neidisch. Wenn es mal zu einer Zusammenarbeit kam, und das geschah in letzter Zeit sehr oft. Dadurch war sie sehr häufig in Deutschland. Ihr gefiel das Land, und auch die Leute. Vor allem die Autos. Die Qualität und Ingenieurskunst begeisterte sie immer wieder. Daher hatte sie auch auf den Audi bestanden, und den Lada abgelehnt. Ihr Gesicht zeugte von der Härte, und der Ernsthaftigkeit ihres Berufes. Im Aussendienst, hatte sie schon so manches hinter sich. Mit ihren 36 Jahren, konnte sie schon auf eine beachtliche Dienstzeit zurückblicken. Ihre schmalen Gesichtszüge, machten sie zu einer attraktiven Frau. Nur die kleine Narbe, auf ihrer rechten Wange, störte das Bild eines perfekten Gesichtes. Hin und wieder musste sie auch auf ihre weiblichen Reize zurückgreifen. Wenn es darum ging an Informationen zu kommen. Ihre russischen Kollegen hatten ihr deswegen den Spitznamen ‚Jane Bond‘ gegeben. Das fand sie gar nicht witzig.

Ihr Kontaktmann müsste eigentlich jeden Moment eintreffen. Sie hatten sich über einen verschlüsselten Nachrichtendienst, für 06:00 Uhr auf diesem Autobahnparkplatz verabredet. Anushka schaute auf die Uhr im Display des Wagens, 06:19 Uhr. Das war alles andere als pünktlich. Noch keine Spur von dem Kerl. Das war sehr untypisch für ihn. Sie hatte schon ein paar mal mit ihm zu tun gehabt. Niemals hatte er sie versetzt. Bisher hatte dies noch kein Mann gewagt. Sonst war sie es immer, die die Männer versetzte. An eine feste Beziehung war in ihrem Job auch nicht zu denken. Sie holte sich die Männer, wenn sie das Verlangen danach hatte, und verließ sie dann wieder. Es ging ihr dabei nur um Sex. Auch wenn sie sich danach immer schlecht fühlte, und sie es bereute. Anushka machte aber auch nie einen hehl daraus. Die Männer zu betrügen, oder ihnen etwas vorzumachen war nicht ihre Art. Deshalb versuchte sie sowas auch weitestgehend zu vermeiden, wenn es beruflich von ihr verlangt wurde. Sie sorgte von Anfang an für klare Verhältnisse, um nicht nachher Probleme zu bekommen. Nur einmal, erinnerte sie sich, hatte sie einen Tschechen kennengelernt, der sich Hals über Kopf in sie verknallt hatte. Es tat ihr im Nachhinein total leid, ihn verlassen zu müssen. Aber ihre Welt war nunmal kalt und hart. Das war der Preis den sie bezahlen musste. Dafür bewirkte sie aber auch einiges im Weltgeschehen. Schon einige Verbrecherbanden hatten das zeitliche gesegnet, nachdem sie mit ihnen Fertig war. Das sorgte wieder eine Zeitlang für Ruhe in der Welt. Aber das Verbrechen schläft nie und ist allgegenwärtig. Es bedarf eben solcher Menschen wie sie und ihrer Kollegen, um für Ordnung zu sorgen. Menschen, die ihr eigenes Leben opfern, um es für andere erträglicher zu machen. Damit die anderen ruhig schlafen konnten.

Irgendwas war schief gelaufen. Nervös tippte sie auf Wahlwiederholung. Der Wagen wählte die Nummer erneut. Sie hatte aufgehört zu zählen.

„Der Teilnehmer ist zur Zeit nicht zu erreichen. Bitte versuchen Sie es später noch einmal”, erklang es über die Lautsprecher. Sie fühlte sich etwas hilflos. Die Sache war zu wichtig, als wenn sie es auf sich beruhen lassen könnte. Aber was sollte sie tun? Die einzige Spur die sie hatte, war ihr Informant. Es ging um einen Menschenhandel mit Kindern. Junge Mädchen, aus Ost-Europa. Die von Deutschland aus, in alle Welt verkauft wurden. Irgendwo musste der Zentrale Umschlagplatz sein. Dort sollte ein Sammelbecken sein, wo man die Kinder hinbrachte. Sie wussten noch nicht wie die Kinder hierher geschmuggelt wurden, und nicht wohin sie letztendlich gebracht wurden. Man wusste bisher nur, daß Kinder in Ost-Europäischen Staaten entführt wurden, und das die dann in aller Welt auftauchten. Ein Hinweis deutete auf Deutschland. Der Informant hatte angeblich den Hinweis, wo die Kinder in Deutschland ankamen, und wo der große Umschlagplatz sein sollte. Ihre Finger trommelten auf dem Lederlenkrad. Im Rückspiegel sah sie den Laster losfahren. Dröhnend rollte der schwere Diesel an ihr vorbei auf die Autobahn. Jetzt war sie ganz allein. Das war vielleicht auch besser so. Sie erwartete zwar keine Probleme, aber sie musste auf alles gefasst sein. Zuviel schreckliches, und unvorhersehbares hatte sie schon erlebt. Es wäre auch nicht das erste mal, daß etwas bei so einem Informationsaustausch schiefgehen würde.

Als der braune Volvo XC90 hinter ihr auftauchte sprang sie aus dem Wagen. Endlich. Der sollte was zu hören kriegen. Sie kniff die Augen zusammen, und ihre Stirn warf Falten. Niemand, lässt Anushka Orlow warten. Für den Informanten hoffte sie, daß er eine gute Ausrede parat hatte. Sonst konnte sie ganz schön ungemütlich werden. Scheinbar führerlos rollte der schwedische Wagen schräg auf die Wiese, und wurde unsanft von einer Mülltonne gestoppt. Sie stutzte, und blieb stehen. Irgendetwas stimmte hier nicht. Dann sah sie einen schwarzen Mercedes GL500 Geländewagen. Der Wagen beschleunigte, und fuhr an ihr vorbei Richtung Autobahn. Als er auf gleicher Höhe mit ihr war, starrte der Fahrer sie an und grinste. ‚Was für ein Idiot’, dachte Anushka, und eilte zu dem Volvo. Die Fahrertür war völlig durchlöchert. Sie ahnte schlimmes. Durch das Fenster sah sie den Fahrer. Er war Blutüberströmt, aber lebte tatsächlich noch.

„Nein, nein.“ Sie riss die Tür auf, um ihm zu helfen. Vielleicht war es ja noch nicht zu spät. Während sie sich um den Verletzten kümmerte, entging ihr nicht wie der schwarze Wagen eine Vollbremsung machte. Nicht doch.

Der Mann im Mercedes, hatte sein Handy am Ohr. „Die Frau also auch?”, fragte er, ohne jede Gefühlsregung.

„Natürlich. Idiot. Darum geht es doch. Keine Zeugen. Ich verlasse mich auf sie.”

„Okay, Sir”, bestätigte der Fahrer und beendete die Verbindung. Es war sein Job, die Drecksarbeit zu machen. Dafür wurde er bezahlt, dafür hatte man ihn ausgebildet. Er presste die Lippen zusammen. Entschlossen legte er den Rückwärtsgang ein, und fuhr zurück. Noch war er zwar neu in dem Geschäft, aber er war sich sicher daß er eines Tages, einer der besten Auftragskiller der Welt sein würde. Ein hochbezahlter Killer. Ein Todesengel der von den größten Organisationen für teures Geld engagiert wurde. Dieser Job hier war ja schon fast zu einfach. Für sowas würde er bald keinen Finger mehr krumm machen. Die großen Sachen reizten ihn. Wenn die Kunden erstmal sein Potential erkannt hätten, dann würde er auch an die richtigen Aufträge kommen.

„Brem…er…haven…um si…sieben…Container…523”, stammelte der sterbende Informant, und sackte dann in sich zusammen. Dieser Fall nahm Dimensionen an, mit denen sie nicht gerechnet hatte. Die Kinder kamen also um 7 Uhr im Bremerhaven an. In einem Container, per Schiff. Das wird knapp. Sie holte ihr iPhone hervor, und rief ihren Kontakt beim BKA an. Beobachtete dabei den Mercedes, der zu ihr zurücksetzte.

„Was gibts Frau Orlow”, meldete sich ein Mann. Sie hasste es mit Frau Orlow angesprochen zu werden. Das machte sie so alt. Ein Miss Orlow klang doch viel angenehmer. Aber sie hatte sich nunmal für Deutschland entschieden. Sie fühlte sich hier auch viel wohler als in England, oder gar in Übersee.

„Der Informant ist tot. Ein Container kommt um 7 Uhr im Bremerhaven an. Die Nummer ist 523. Vielleicht kann man ihn noch stoppen?”

Nach einer kurzen Pause, meldete sich der BKA Mann etwas nervös wieder. „Ähhh. Wir können da wohl nichts machen. Soll ich ihnen sagen. Da müssten Sie schon…“

„Ja, okay. Ich kümmere mich selber darum“, unterbrach Anna den leicht überforderten Beamten. Sie hatte keine Zeit sich darüber aufzuregen.

„Okay. Schaffen Sie das?”, fragte der Mann verwundert.

„Ich denke schon”, antwortete sie, und schaute verschmitzt zu ihrem R8. „Aber ich muß…”, neben ihr hielt der schwarze GL500. Der Fahrer hatte seine Maschinenpistole auf sie gerichtet. „…na prima.“

„Es ist nichts persönliches. Nur ein Job.”, rief der Killer.

„Das ist es doch nie”, erwiderte Anushka und ging blitzschnell zu Boden, und rollte unter den Volvo. Das liebte sie an SUVs. Unter ihren R8 passte gerade mal ihre Hand. Dafür war der aber er schneller.

„Frau Orlow? Was ist da los?”, versuchte der Mann am Telefon sich zu erkundigen.

Die Kugeln durchschlugen erneut den Fahrer des Volvo. Der Killer war zu langsam. Somit musste der arme Kerl ein zweites mal diesen sinnlosen Kugelhagel erleiden. Aber er spürte nun nichts mehr. Für ihn war alles zu spät. Anushka hatte gehört, daß er verheiratet war, und drei Kinder hatte. Die würden nun ohne ihren Vater auskommen müssen. Deshalb hielt sie sich strickt an die Regel, keine Beziehungen eingehen. Für die Angehörigen muß das schrecklich sein. Wenn sie eines Tages die Nachricht bekommen, daß ihr Mann, Frau, Vater oder Mutter tot ist, und nicht mehr von der Arbeit nach Hause kommen würde. Deshalb wechselten auch viele in den Innendienst. Das war aber nichts für sie. Jedenfalls noch nicht. Dafür war sie noch zu jung. Vielleicht später mal. Falls sie da noch lebte.

Der Killer öffnete die Fahrertür und fluchte, weil sein Opfer in Deckung gegangen war. Langsam ging er um seinen Wagen herum. Er schien alle Zeit der Welt zu haben. Da er ja der Beste in diesem Beruf war, hatte sie ja von vornherein keine Chance. So jedenfalls war seine Einstellung zu der Sache. In einer Seelenruhe wechselte er nochmal das Magazin.

„Sie zögern nur das unvermeidliche heraus“, gab er ihr zu verstehen. Er würde sie töten, daß war seine Aufgabe. Nichts konnte ihn davon abhalten. Der Mann holte eine Granate hervor, und warf sie in den alten Wagen. Dann ging er zu seinem SUV zurück, und ignorierte die Granate, als ginge es ihn nichts mehr an. Er würde doch nicht warten, bis sie unter dem Wagen wieder heraus kam. Hinter ihr herlaufen war auch unter seinem Niveau. Er startete seinen Wagen, und fuhr einfach davon. Sein Zeitgefühl war phänomenal. Sein Mercedes war schon einige Meter weiter, als hinter ihm der Volvo explodierte. Was für ein Typ? Der stand wohl aufs Grobe. Fängt hier an Krieg zu spielen.

Anushka war hinter dem Wagen weiter gerollt, und konnte so der tödlichen Explosion entgehen. Als Killer hatte der Typ eindeutig versagt. Sie hätte sich ja wenigstens noch um den Wagen des Gegners gekümmert. Aber der Kerl hatte ihren Wagen einfach ignoriert. Tja, Überheblichkeit kommt vor dem Fall. Sie schaute auf die Uhr. 06:50 Uhr. Verdammt. Während sie zu ihrem Audi zurück eilte, sagte sie dem BKA Mann, er solle ein Aufräumkommando schicken. Darum sollten die sich jetzt kümmern. Sie hatte einen Termin im Bremerhaven.

Agentin auf Urlaub

Das Hotelzimmer war sehr gemütlich. Dafür das es nur die klassische Ausführung war, sehr luxuriös eingerichtet. Warme Farben an den Wänden, die Polster der Sitzgelegenheit, der Vorhänge und der zwei Betten. Gegenüber den Betten stand ein schwerer Holzschreibtisch, aus dunklem gelacktem Holz. Ein kleiner Fernseher und ein Telefon stand auf dem Tisch. Die Vorhänge waren, wegen der Sonne zugezogen. Die Klimaanlage tat ihr bestes, den Innenraum zu kühlen. Sarah Holstein lag auf einem der Betten und hatte ein Buch in der Hand. Ihr langes schwarzes Haar lag locker auf dem Kissen, und umspielte ihren Hals. Ihre Stahlblauen Augen huschten über die Zeilen des Buches. Sie trug eine hautenge Jeans, und ein T-Shirt. Ihre zwar zierliche, aber auch athletische Figur wurde damit mehr als betont. Ihre helle Haut stand im krassen Kontrast zur dunklen Bettdecke und ihren dunklen Haaren. Wer sie sah, musste unweigerlich an Schneewittchen denken. Haare schwarz wie Ebenholz, und die Haut weiß wie Schnee. Nur die roten Lippen fehlten, da sie überhaupt nicht geschminkt war. Das lag ihr nicht. Wenn überhaupt, dann nur, wenn es ein Einsatz erforderte. Jetzt war sie jedoch nicht im Dienst.

Der Fernseher lief nebenher, und draußen hörte man Stimmen von anderen Gästen. Das Programm, im Fernsehen wechselte gerade auf die Nachrichten. Es wurde wieder von verschwundenen Kindern in Ost-Europa berichtet. Seit Mittwoch wurden mehrere junge Mädchen vermisst, die nicht von der Schule nach Hause gekommen waren. Es war immer die gleiche Masche. Sarah legte ihr Buch weg, und drehte die Lautstärke hoch. Das BKA wäre eingeschaltet, und sie würden alles tun um die Täter zu stellen. Also führte die Spur doch hierher. Wie sie vermutet hatte. Ihr ganzes Leben über hatte sie sich, in ihrer Freizeit über den Fall informiert. Ihre Vorgesetzten waren aber der Meinung, daß sie mit ihren 28 Jahren noch zu jung sei. Wahrscheinlicher jedoch war, daß sie ihre Schwester an eine solche Organisation verloren hatte. Sie wusste, daß ihre etwas ältere Kollegin vom russischen Geheimdienst den Fall übernommen hatte. Anushka Orlow. Oder Anna, wie Freunde sie nannten. Sarah setzte sich auf, und machte ein Gesicht als würde sie jeden Moment heulen. Die Wut über diese Verbrecher zerrte sie auf. Sie wollte unbedingt etwas tun, fühlte sich aber so hilflos. Gedanken an die Vergangenheit kamen in ihr hoch. Sie sah ihre kleine Schwester. Schreiend vor Angst. Als Männer sie packten und in einen schwarzen Lieferwagen zehrten. Dann riss sie sich wieder aus ihren Gedanken, und wischte sich die Tränen aus dem Gesicht. Ihre Vorgesetzten hatten wohl recht. Sie war nicht nur zu jung, sondern auch emotional involviert. Das war für so einen Fall alles andere als gut. Sarah stand auf und ging ins Bad. Schaute in den Spiegel. Verdammt, sie sollte die Tage genießen. Wer weiß wann sie wieder ein paar Tage frei bekommen würde.

Der Container

Zahllose stählerne Container, in den verschiedensten Farben stapelten sich hier im Hafen. Täglich wurden hier mehrere Containerschiffe mit den Ungetümen beladen und entladen. Um ihre Fracht in aller Herren Länder zu bringen. Ein unscheinbarer, blauer Container wurde gerade auf einen Laster verladen. Einer der Hafenarbeiter rief Kommandos in ein Funkgerät. Der Kranführer reagierte dementsprechend, und steuerte den großen Kran. Er wirkte wie ein riesiges, orangefarbenes Insekt mit vier Beinen. Begierig seine Beute zu packen, umfassten die stählernen Klauen den Container, und hob ihn vom Schiff in die Höhe. Das alles geschah mit einer Leichtigkeit, als wenn der tonnenschwere Container federleicht wäre. Dann bewegte sich der Kran an einem Schienensystem vom Schiff weg, über die Hafenstraße. Wo ein Tieflader wartete. Bereit seine Ladung in Empfang zu nehmen. Mit unwahrscheinlicher Präzision setzte der Kranführer den blauen Container auf dem Tieflader ab, klinkte seine Fracht aus und schwebte wieder davon. Der Fahrer des Transporters verriegelte den Kasten auf seinem Anhänger. Dann zeigte er dem Mann mit dem Funkgerät den ausgestreckten Daumen, und gab ihm das Zeichen daß alles okay sei. Dieser hob zur Bestätigung die Hand, und nickte. Der LKW-Fahrer erklomm sein Führerhaus. Er hatte noch eine längere Fahrt vor sich. Der Container wurde heute noch in Köln erwartet. Mit einem Aufschrei erwachte der Diesel zum Leben. Zischend lösten sich die Bremsen, und dann rollte der Tieflader die Hafenstraße runter, um gleich darauf hinter den Containern zu verschwinden.

Von der anderen Seite her, erklang der Sound eines Rennwagens. Die Hafenarbeiter staunten nicht schlecht, als sie sahen was da auf der Hafenstraße auf sie zukam. Der schneeweiße R8 raste auf die Anlegestelle zu. Röhrend heulte der Zehnzylinder auf. Deutsche Ingenieurskunst in Perfektion. Alle stoppten das, was sie gerade taten, und bestaunten den Audi.

„Heh, das ist hier doch keine Rennstrecke”, brüllte der Funker. Mit einer Vollbremsung kam der Wagen neben dem Mann zu stehen. Eine ziemlich attraktive Frau entstieg dem Wagen, und ließ die Augenbrauen des Arbeiters hochschnellen. Vom Schiff her kamen bestätigende Pfiffe. Anushka war sich ihrer Wirkung auf Männer durchaus bewusst, und zauberte ein grinsen in ihr Gesicht. Schon manches mal hatte sie beruflich schon davon gebrauch gemacht. Sie lächelte dem Mann entgegen. Dieser vergaß sofort seinen Ärger, und wußte nicht mehr, daß er sie eigentlich anbrüllen wollte. Sie zog ihre Sonnenbrille aus, und schob sie sich in die blonden Haare. Plötzlich war alles still. Alle staunten gebannt zu ihr rüber.

„Ist der Transport mit dem Container 523 schon weg?”, fragte sie.

„Den haben Sie wohl verpasst. Wenn Sie weiter so fahren wie sie hergekommen sind, können sie ihn sicherlich noch einkriegen.”

„Oh. Danke”, bemerkte Anushka und schwang sich wieder in ihren Wagen. Setzte sich die Sonnenbrille wieder auf die Nase, schloß die Tür. Dann öffnete sie das Beifahrerfenster, lehnte sich rüber und fragte: „Können Sie mir sagen, wohin der fährt?“

„Nach Köln. Steht so im Plan.“

„Danke.“

Plötzlich gab es einen lauten Knall, und als sie anfuhr merkte sie wie der Audi schlingerte. Ein Reifen war geplatzt, jemand schoß.

„Nein”, sagte Anushka. Sie riss das Steuer herum, und der Audi schleuderte herum. Dann fiel ein weiterer Schuss und ein zweiter Reifen platzte. „Scheiße”, kommentierte sie die Sache und lenkte den Audi vorsichtig zwischen die Container. Sie wusste schon warum sie einen Audi fuhr. Mit Hilfe des Allrad-Antriebs und der elektronischen Assistenten, gelang es ihr aber mühelos den Wagen unter Kontrolle zu halten. Mit italienischen Sportwagen wäre das wohl nicht möglich gewesen. Die Verfolgung konnte sie nun vergessen. Aber erstmal musste sie den Scharfschützen loswerden. Sie verlies den Wagen und schlich um die Container. Die Hafenarbeiter stürmten auseinander, und waren alle irgendwo in Deckung gegangen. Sie konnte keinen mehr sehen.

Der Killer stellte sein Gewehr beiseite und holte zwei Uzis hervor. Warum machte die kleine es sich nur so schwer? In Seelenruhe sprang er von einem nahegelegenen Container, und umrundete nun die Stahlbehälter bis er bei dem nun verlassenen Audi ankam.

„Verdammt”, entfuhr es ihm. Nun wurde er langsam zornig. Mit diesem Widerstand hatte er nicht gerechnet. Jetzt wurde ihm auch bewusst, daß es sich wohl um die Frau vom Rastplatz handeln musste. Wie hatte sie denn überlebt? Sein Fehler. Man hätte sicherstellen müssen, daß sie tot ist. Dann fiel ihm der Audi ein. Das war doch der, der auf dem Rastplatz stand. Zweiter Fehler. Niemand widersetzt sich seinem Todesurteil. Er ging weiter, um den nächsten Container.

Jemand rief ihm zu und fragte, was der Mist soll. Er ignorierte den Arbeiter.

Die Schlampe musste sich doch hier irgendwo verstecken. Weit konnte sie noch nicht gekommen sein. Mit jedem Schritt rechnete er damit, daß sie plötzlich auf ihn losging. Er fühlte sich wie in einer Schlucht. Rechts und links ragten die Stahlgiganten in den Himmel. Einen kurzen Moment überlegte er, wann die ihn Überholt hatte. Wieso nur war sie vor ihm hier? Dritter Fehler. Sein Selbstbewusstsein schrumpfte.

Minuten später gab er auf, als er die Polizei Sirenen hörte. Vermutlich hatten die Arbeiter sie gerufen. Aber es war sicher noch nicht vorbei. Aufgeschoben ist nicht aufgehoben. Er ging zurück um sein Gewehr von dem Container zu holen. Doch dort war es nicht mehr. Vierte Fehler. Verdammt. Sie war ihm nun einen Schritt voraus. Ob er nun wollte oder nicht, mußte er sich eingestehen ziemlich versagt zu haben. Die Frau hatte er gehörig unterschätzt. Die Polizei war fast da. Am besten er versuchte zu seinem Wagen zu kommen, und zu verschwinden. Er hatte keine Lust auf eine Diskussion mit den Bullen, wieso er hier mit zwei Uzis rumlief. Sein Schritt wurde schneller. In der Ferne sah er die ersten Polizeiautos mit Blaulicht um die Ecke kommen. Mist, die haben sicherlich alles abgeriegelt. Wie sollte er mit seinem Wagen an denen vorbeikommen? Die Frau kannte den Wagen, und wie er gehört hatte, gehörte sie irgendwie zur Polizei. So etwas ähnlichem. Da bemerkte er einen der Hafenarbeiter, der gerade in seinen Pick-Up kletterte. Dem Killer kam eine Idee.

BKA Zentrale

„Ullmann“, meldete sich Erdmut Ullmann sachlich, wie es sich für einen BKA Chef gehörte. Dann lauschte er auf die Stimme, am anderen Ende des Hörers. Er wurde nervös, und begann mit seinem Kugelschreiber zu spielen. Ullmann drehte in durch die Finger seiner rechten Hand, und starrte dabei auf ein imaginäres Ziel im Raum.

„Ich verstehe. Dann muß ich die Agenten in die falsche Richtung lenken. Das bekomme ich hin. Mmhhh…und sie kümmern sich um Interpol? Ja. Okay. Kein Problem. Ich kümmere mich darum.“

Dann sah er das blinkende Licht an seinem Telefon. Ein weiterer Anruf. Das sollte dann die Interpol-Agentin sein. Er war vorbereitet. Ullmann würde ihr versichern, daß er sich der Sache annimmt. Als Agentin kam auch nur eine in Frage. Sarah Holstein. Sie war jung, noch unerfahren, und besessen davon endlich etwas gegen die Kindesentführer zu unternehmen. Wenn er sie in die falsche Richtung schicken würde, wäre sie beschäftigt, und der Container könnte ungehindert nach Köln. Ja, so müsste das klappen.

„Alles klar. Ich habe eine Idee“, sagte er, legte auf, drückte einen Knopf und nahm wieder ab. „Ullmann.“

Die Übergabe

Das BKA hatte Sarah auf Urlaub gesetzt. Sie brauchte keinen Urlaub, auch kein Luxus-Zimmer im teuersten Hotel in Köln. Was sie brauchte war die Erlaubnis, ihre Schwester zu finden, bzw. ihre Entführer zu stellen. Tief in ihr brannte auch der Gedanke an Rache. Sie wusste, daß das nicht gut war, und versuchte sich immer wieder zu beruhigen. Das aufkommende Feuer zu bändigen. Doch, der Urlaub war vielleicht doch gut. Sie musste sich erholen. Aber das klappte nicht, solange diese Verbrecher weitermachen konnten, und sie nicht wusste was mit ihrer Schwester war. Vielleicht war sie nach all den Jahren auch schon tot. Aber irgendwie spürte sie, daß das nicht so war.

Plötzlich klingelte ihr iPhone, und ließ sie zusammenzucken. Den Ton kannte sie. Sarah nahm das Telefon vom Nachttisch und schaute auf die Anzeige. „Anna ruft an”, stand da. Sie begann zu zittern. Was für eine Nachricht hatte Anna wohl für sie? Hatte sie ihre Schwester gefunden? Würde sie jetzt Gewissheit bekommen? Wahrscheinlich würde es ihr nicht gefallen, was Anna zu sagen hatte. Sie zögerte, und atmete nun schwer durch die Nase. Nicht sehr professionell, dachte sie. Dann drückte sie auf annehmen, und nahm das Telefon an ihr linkes Ohr. „Ja”, meldete sie sich kurz und knapp.

„Sarah? Geht es Dir gut”, fragte Anna, die das zittern in Sarahs Stimme hörte.

„Ja. Alles okay. Es waren nur gerade Nachrichten. Es…es geht schon.”

„Pass auf, das ist wichtig. Die Zentrale wird dich gleich kontaktieren und Dir den Fall übertragen.”

„Was? Mir? Ich meine…“

Das kam jetzt sehr plötzlich und unerwartet. Sarah wusste nicht wirklich, wie sie damit umgehen sollte. Eigentlich wäre es ein Grund sich zu freuen. Es war doch genau das was sie wollte. Aber nun, da es wohl so war, schockte es sie. Die Situation verstärkte ihre Unruhe nur noch mehr. Die Realität holt einen immer irgendwie ein. Sie begann zu zittern.

„Ja, aber freu Dich nicht zu früh.“

„Wie…wieso…was ist passiert?”

„Ich habe den Laster mit dem Container aufgespürt. Aber es hat sich ein Killer an meine Fersen geheftet. Du musst den Container abfangen, er ist auf dem Weg nach Köln. Dort wird eine Entlade-Stelle sein, oder sowas. Der Container hat die Nummer 523, und ist blau. Das BKA wird Dir gleich einen Auftrag geben. Aber da stimmt was nicht. Irgendwas an der Sache ist faul. Die werden Dich niemals zum richtigen Container schicken. Pass auf Dich auf, Kleine. Hörst Du? Ich muß Schluß machen. Der Möchtegern-Killer ist wieder da.”

Dann legte sie auf. Hoffentlich kam sie mit dem Killer klar. Die Nachricht war für Sarahs Stimmung nicht hilfreich. Jetzt war sie erst recht aufgewühlt. Sie musste sich zusammenreißen. Ihre Gefühle gefährdeten sie, und die Sache. Dann ertönte wieder ihr Handy. Diesmal stand in der Anzeige, daß die Zentrale anrief. Genau wie Anna vorhergesagt hatte. Was meinte sie nur damit, daß da was nicht stimmte? Gab es einen Maulwurf? Vermutlich hatte sie das gemeint. Sie durfte also keinem Vertrauen.

Sarah versuchte ihre Nervosität zu verschleiern, und nahm ab. „Holstein”, meldete sie sich ganz professionell.

„Hier ist Ullmann, Frau Holstein. Es gefällt mir zwar nicht, überhaupt nicht. Aber Sie müssen den Fall, mit den Kinderhändlern übernehmen.”

„Was ist mit Agent Orlow?”, erkundigte sich Sarah, und tat so als wüsste sie noch nichts.

„Da ist…alles okay. Sie wurde nur von dem Fall abgezogen. Etwas wichtigeres. Jetzt sind wir an der Reihe. Ich möchte Sie bitten unverzüglich zu beginnen. Ihre Ausrüstung haben sie ja schon, und die Informationen die Sie brauchen werden, schicken wir Ihnen auf ihr Smartphone. Ein Wagen steht auf dem Parkplatz vor dem Hotel.”

„Alles klar. Bin dran.”

Sarah steckte das Telefon in ihre schwarze Jeans, schwang sich elegant vom Bett, und zog sich ihre schwarzen Stiefel an. Dann nahm sie die Fernbedienung, und schaltete die Flimmerkiste ab. Was hatte ihr Boss gesagt? Orlow wurde abgezogen? Wieso hatte er nicht gesagt, daß sie einen Killer am Hals hat? Ullmann spielte falsch, oder hatte selber falsche Informationen. Ihr iPhone meldete eine Nachricht. Verwundert laß sie die Meldung des BKA.

>Roter Container. Nummer 582. Auf dem Weg nach Bonn.<

Sie atmete noch einmal tief durch, und verließ dann das Hotelzimmer. „Die können mich mal.“

Profis

Anna packte ihr Mobiltelefon weg, und versuchte sich unter die Schaulustigen zu mogeln. Wegen der Schiesserei am Hafen waren ein Dutzend Polizeiautos hier angekommen. Die Leute erwarteten natürlich was zu sehen zu bekommen. Sie ärgerte sich, nicht die Reifen mit Notlaufeigenschaft genommen zu haben. Der Chef des Fuhrparks hatte ihr extra nahegelegt, in ihrem Fall die neuen Reifen zu nehmen. Aber sie wollte es besser wissen. Jetzt stand ihr guter R8 mit zwei platten Reifen im Hafen. Sie hatte zwar so ein Reifen-Reparatur-Set dabei, aber das war nur für einen Reifen gedacht, nicht für zwei. Dumm gelaufen.

Der Killer musste seinen auffälligen Mercedes doch auch irgendwo in der Nähe geparkt haben. Unauffällig schaute sie sich um. Die Polizei hatte den Hafen abgeriegelt. Dann tauchte plötzlich ein Polizist neben ihr auf, und packte sie am Arm.

„Mitkommen”, flüsterte er in ihr Ohr. Es war der Killer.

Um kein Aufsehen zu erregen ging Anna erst einmal mit. Er wollte nur an einen unauffälligen Ort mit ihr, um sie dann endgültig töten zu können. Während sie an den Leuten vorbeigingen grinste Anna nur. Er hatte ja keine Ahnung, mit wem er sich eingelassen hatte. Seine Karriere als Profikiller würde hier und heute enden.

„Nette Tarnung. Was hast Du vor? Willst Du es nochmal versuchen mich zu töten?”

„Seien sie still. Sowas wie sie ist mir noch nicht untergekommen.”

„Ach, haben sie schonmal jemanden getötet? Ausser meinem Informanten? Das war ja eine reife Leistung. Ziemlich plump. Nach einem Profi sah das jedenfalls nicht aus.”

„Ach. Papperlapapp. Ich bin ein sehr erfahrener, und gut ausgebildeter Auftragskiller. Sie haben ja keine Ahnung mit wem sie es zu tun haben.”

Anna konnte sich nicht mehr zurückhalten, und lachte drauf los.

„Hochmut kommt vor dem Fall, mein lieber. Sie haben auch keine Ahnung, mit wem Sie es zu tun haben.”

Dann waren sie ausser Sichtweite der Leute. Der Kerl zog diesmal eine Pistole mit Schalldämpfer, und richtete sie auf ihre Stirn. Anna hörte abrupt auf zu lachen, schaute ihm todernst in die Augen, schlug ihm die Waffe aus der Hand, und brach ihm dabei zwei Finger. Dann zückte sie ein kleines Messer, und stach ihm die Klinge in die rechte Leiste. Der Killer taumelte zurück, und wusste nicht wie ihm geschah.

„Was…was haben sie getan?”

„Sie hätten sich einen anderen Job suchen sollen”, bemerkte Anna ernst, und ging zurück zu den Schaulustigen. Im vorbeigehen, warf sie die Waffe in einen Müllcontainer. Dann zog sie ihre Handschuhe aus. Es war eh zu warm.

Der Mann hielt seine Hand auf die Leiste, und versuchte die Blutung zu stoppen. Aber er hatte keine Chance. Innerhalb von ein paar Sekunden, traten Literweise Blut an der Stelle aus. Anna hatte seine Schlagader durchtrennt. Niemand konnte ihm helfen. Er fühlte wie die Kraft ihn verlies. Die Knie gaben nach, und seine Sinne versagten. Sekunden später kippte er wie ein nasser Sack zu Boden.

Irgendwie konnte er einem Leid tun. Aber er hatte es nicht anders verdient. Das hasste die Agentin an ihrem Job. Wenn es sich nicht vermeiden ließ, musste sie töten. Ob es ihr gefiel oder nicht. Ohne sich noch einmal umzudrehen, ging Anna zielstrebig zu ihrem Audi zurück. Holte ihr iPhone wieder hervor und wählte eine Nummer.

„Ja, guten Tag. Ich bräuchte einen Pannendienst.”

Ein guter Mann 1

Freitag vor Pfingsten - 14:05 Uhr

Gute 20km vor Köln, in einem kleinen Städtchen in der Nähe des Rheins lag ein kleines Industriegebiet, mit einer Handvoll Firmen. Der unscheinbare Laden, inmitten mehrerer größerer Firmen war nur an seinem kleinen Schild zu erkennen. BE-BA-TEK stand da. Die Abkürzung stand für Bertram-Batterie-Technik. Keiner wusste mehr so richtig, wer wohl damals auf den Namen gekommen war. Den alten Herrn Bertram, Namensgeber der Firma, gab es schon lange nicht mehr. Hier gab es eigentlich auch nur ein Büro, und eine kleine Lagerhalle. Da die ganze Firma auf dem Online-Versandhandel beruhte. Aber hin und wieder verirrte sich jemand hier her, und wollte eine kleine Batterie. So auch an diesem Freitag, kurz vor dem langen Pfingstwochenende. Eigentlich war längst Feierabend, aber Armin Preuß hatte noch Besuch von einer Kundin bekommen. Man hatte ihn allein gelassen. Wie so oft. Seine Kollegin war im Mutterschutz, und sein Chef war im Außendienst unterwegs. Er hatte wieder den kürzeren gezogen, und musste im Innendienst die Stellung halten. In all den Jahren, die er nun schon hier arbeitete, war das nicht das erste mal. Vielleicht sollte er langsam mal sein eigenes Ding machen. Das einzige was sich ändern würde, wäre daß er nur für sich arbeiten würde. So rackerte er sich die ganze Zeit für seinen Chef ab. Der Vorteil hier war, daß er Arbeitszeiten hatte. Die hätte er als Selbstständiger dann nicht mehr. Er zweifelte auch dran, ob es wirklich das war was er wollte. Die Stunden die er hier verbrachte, waren alles andere als erfüllend. Seine Interessen lagen woanders.

Die Hitze hier im Büro, war nur sehr schwer zu ertragen. Eine Klimaanlage suchte man vergebens. So hatte er sich den durch den Tag gequält, und auf den Feierabend gefreut. Von arbeiten konnte bei diesen Bedingungen auch nicht die Rede sein. Die hohen Temperaturen trafen ihn auch immer stärker als seine Mitmenschen. Es machte ihn träge. Nicht nur körperlich, auch das denken machte ihm Schwierigkeiten.

Armin war ein Mann von Ende vierzig, kräftig, groß und mit langen Haaren, die er zu einem Pferdeschwanz gebunden hatte. Bis auf einzelne Strähnen an den Seiten, hatte das Haar immer noch seine natürlich Farbe. Sein Alter war ihm noch nicht wirklich anzusehen. Er war ein nordisch, keltischer Mensch. Für ihn waren die, von vielen so beliebten, mediterranen Gebiete ein graus. Zu warm, Zuviel Sand, und Zuviel Wasser.

Da hatte die gute Frau nochmal Glück gehabt, fast wäre er weg gewesen. Die Computer hatte er bereits runtergefahren, und er war gerade dabei gewesen abzuschliessen, als sie die Klingel betätigt hatte. Da stand sie nun. Diese nette ältere Dame, und bat um eine Batterie für ihre Fernbedienung. Welche? Das wusste sie natürlich nicht. Eigentlich regte sich Armin immer über solche Leute auf. Aber als er das Gesicht der Frau sah, konnte er ihr einfach nicht mehr böse sein. Sie lächelte ihn erwartungsvoll an. Armin überlegte wie er ihr das am besten klarmachen konnte. Es gab doch verschiedene Batterien, die in Fernbedienungen kommen. Er wollte natürlich nicht unhöflich sein, und der Frau ja auch helfen. Armin konnte ja nicht erwarten, daß sie sich mit den Batterietypen auskannte. Die gute Frau hätte doch einfach nur die alten Batterien mitbringen müssen. Oder die Fernbedienung selber. Aber er konnte sich auch über die Tatsache aufregen, daß jeder Hersteller sich andere Batteriesorten für seine Fernbedienung wählte. Wäre es so schwer, sich auf eine Batterietype zu einigen? Dann wäre es ein leichtes, die passende Batterie für Die Fernbedienung zu finden. Aber unter den momentanen Bedingungen, regte er sich sowieso wieder über alles und jeden auf. Die Temperaturen, Dinge die nicht so liefen wie sie sollten, Dinge die passierten auf die er keinen Einfluss hatte. All das zerrte an seinen Nerven. In seinem Leben war Armin noch nie wirklich gewalttätig gewesen, aber wenn ihm jetzt jemand blöd kommen würde…

Die Halle

Der Himmel war immer noch wolkenlos und hellblau, an diesem heißen Freitagnachmittag. Abgesehen von der schwülen Luft, hätte man von einem schönen Tag sprechen können. Es lag ein Gewitter in der Luft. Hoffentlich brachte es auch eine Abkühlung. Alle sehnten sich nach einer reinigenden, und kühlenden Regenschauer. Nicht nur die Menschen, auch die Felder und die ganze Botanik brauchten dringend etwas Wasser von oben. Die letzten Tage waren sehr heiß, und trocken gewesen.

Um diese Uhrzeit herrschte Feierabendstimmung. Hier im Industriegebiet, im Kölner Norden hatten die ersten Firmen bereits geschlossen. Nur bei ein paar Lagerhallen war noch Betrieb. Der UPS-Fahrer lieferte noch eilig ein Paket ab, und bei Alis Imbiss-Bude an der Ecke ging das Rollo runter. Es war der Freitag vor Pfingsten. Die Leute freuten sich auf ihr wohlverdientes langes Wochenende. Ein Ausflug ins Grüne, grillen im Garten. Daß waren jetzt die Wünsche der Kölner.

In einer unscheinbaren Halle, ohne jegliche Werbung, kam gerade noch eine Lieferung an. Das große Hallentor öffnete sich mit einem monotonen Surren. Unterbrochen von dem quälendem Geräusch, überstrapaziertem Metalls. Ein großer 30 Tonnen Laster, fuhr mit viel zu hoher Geschwindigkeit, und ohne zu bremsen direkt in die Halle. Beladen mit einem großen blauen Container. Sofort schloss sich hinter ihm das Tor. Die Leute hatten wohl sehr wenig Zeit, aber ein sehr gutes Timing. Ein zufällig vorbeikommender Passant, schaute dem Sattelschlepper kopfschüttelnd nach. Für eine normale Lieferung war das etwas zu hektisch. Die hatten es sehr eilig in den Feierabend zu kommen.

Der Fahrer des UPS-Wagens hatte sich inzwischen verabschiedet, und war wieder in seinen Transporter gestiegen. Dröhnend startete der schwere Diesel. Zum Abschied hupte er noch einmal und fuhr dann davon.

Sarah war dem Laster, in einem großen Abstand mit ihrem schwarzen Audi-SUV gefolgt. Die Infos des BKA hatte sie natürlich ignoriert. Hatte sich auf Annas Informationen verlassen. Das hier schien auch vielversprechender zu sein. Blauer Container, mit der Nummer 523. Damit brachte sie sich allerdings auch in große Schwierigkeiten. Wenn das ein Fehler war, war sie ihren Job los. Zumal sie hier alleine war. Ein Einsatzteam, stand für sie in Bonn bereit. Nicht hier.

Sie bog vor der Halle in eine Seitenstraße. Alle Scheiben ihres Wagens waren verdunkelt. Sogar die Felgen waren Pechschwarz. Der Wagen hatte dadurch eine sehr unheimliche Erscheinung. Sie fühlte sich schon, wie eine ihrer amerikanischen Kollegen. Der Wagen war wie ein Panzer. Er gab ihr ein Gefühl von Sicherheit. Von dem ursprünglichen Wagen, einem Audi Q7 war nicht mehr viel übrig. Sollte sie nicht eher unauffällig unterwegs sein? Davon konnte bei so einem Monstrum wohl kaum die Rede sein. Aber auf sie hörte ja keiner. Der wuchtige Kühler glich einem riesigen Raubtier das gerade zu einem Brüllen ansetzte. Wirkte der Original Q7 noch wie ein überdimensionierter Kombi, so war der hier eindeutig aus einem Science Fiction Film. Von der Technik, die da drin war verstand sie sowieso nichts. Dafür gab es ja Peter. Peter Köppgen ihr Partner in der Zentrale des BKA. Ein langjähriger Kollege, dem sie blind vertrauen konnte. So dachte sie jedenfalls. Er überwachte den Wagen, und bot ihr Unterstützung auf ihren Außeneinsätzen. Ein paar Einsätze hatten sie schon zusammen gemeistert. Sie waren ein eingespieltes Team. Nur er wusste, daß sie nun in Köln, und nicht in Bonn war.

Ali hatte seine Bude inzwischen dicht gemacht. Er schaute staunend, und ein wenig neidisch dem schwarzen Ungetüm nach. Unerreichbar, für einen Imbiss-Buden-Besitzer. Aber er überlegte, ob er nicht eine Kette mit den Buden aufmachen sollte. Vielleicht, irgendwann, so Allah will, würde er dann auch mal so einen Wagen fahren können. Vorerst blieb es aber nur ein ferner Traum. Er machte sich auf den Weg zur Bushaltestelle, wie jeden Tag. Eigentlich hätte er ja auch keinen Bedarf, für so einen Wagen gehabt. Völlig übertrieben. Aber träumen darf man.

Sarah sollte nun, wie vereinbart auf ihre Verstärkung warten. Allerdings in Bonn, nicht in Köln. Es würde hier keine Verstärkung, kein Einsatzteam geben. Ihre Aufgabe bestand nur darin, zu beweisen, daß es sich bei der »Ware« um Menschen handelte. Ein Transport, von gewissenlosen Menschenhändlern, um illegal junge Frauen aus dem Ausland nach Deutschland zu bekommen. Was sie brauchte, war nur ein stichhaltiger Beweis. Mit ihren 28 Jahren, war das die erste große Sache, an der sie beteiligt wurde. Das musste jetzt klappen. Es war ihre große Bewährungsprobe beim BKA. Ein Fehlschlag würde so oder so ihr Ende bedeuten. Befehle mißachtet käme dann noch dazu. Nein, das musste jetzt klappen. Es gab kein zurück.

Jedoch war ihr privates Interesse daran weitaus größer. Denn darauf hatte sie ihr Leben lang hingearbeitet. Deshalb hatte das BKA auch bisher drauf verzichtet sie mit dem Fall zu betrauen. Wieso hatten man ihr gerade jetzt den Fall übergeben, und warum hatte ihr Chef nicht die Wahrheit über Anna gesagt? Irgendwas war hier mächtig faul. Weshalb schickte man sie nach Bonn, zu einem falschen Container. Natürlich, damit sie eben nicht mit den waren Verbrechern in Kontakt kam. Aber dann hätte man einen anderen schicken müssen. Entweder man vertuschte die Machenschaften in Köln, oder Anna lag falsch, und der richtige Container ist jetzt in Bonn. Das wäre eine Katastrophe. Sie musste auf der Hut sein. Das alles könnte sich als Falle rausstellen. Nicht daß sich am Ende herausstellt, daß das BKA damit drin hängt. Irgendwas war auf jedenfall Faul. Wieso gab ihr Chef falsche Angaben? Wie auch immer, einer lügt. Entweder er, oder Anna. Es half nichts, um das rauszufinden, musste sie in die Halle.

Sie hielt gegenüber der Seitentür, des Gebäudes. Sie schaute sich nochmal um. Die Straße war inzwischen menschenleer. Der Typ von der Imbissbude war in den nächsten Bus gestiegen. An der kleinen Tür, der Lagerhalle stand nur ein bewaffneter Wachmann.

Auf dem kleinen Bildschirm, des Navigationssystems sah man den Kartenausschnitt, mit der Halle. Eine Einblendung bestätigte, daß sonst kein Mensch mehr erkennbar war. Wozu die Satelliten doch alles gut waren. Keiner mehr da. Sie war allein mit dem einsamen Wachposten. Irritierend war, daß sie keine Signale aus dem inneren der Halle bekam. Wenigstens der LKW-Fahrer müsste sichtbar sein. Aber da war nichts. Seltsam. Ihr lief die Zeit davon. Sie konnte sich diese Chance jetzt nicht entgehen lassen. Es musste was passieren. Sie hatten nur noch dieses kleine Zeitfenster. In Bremen hatte Anna schon die Chance verpasst. Jetzt nicht auch noch hier. Nein, jetzt musste es passieren, und es musste dieser blaue Container sein. Sarah ignorierte ihre negativen Gedanken. Alles auf eine Kappe. Das Risiko war es Wert.

„Ich gehe jetzt rein, Peter. Wir können nicht länger warten”, sagte sie, und öffnete die Tür ohne eine Bestätigung abzuwarten. Die Fahrertür öffnete sich, mit einem leichten zischen. Sarah stieg aus, überprüfte nochmal ihre Uniform. Das Namensschild saß sicher über ihrer Brust, und die Mütze bedeckte ihr langes schwarzes Haar. Sie griff an ihren Zopf und liess ihn locker auf ihren Rücken fallen. Dann schloß sie wieder die Tür des Wagens. Hoffentlich bemerkte der Typ nicht die falsche Uniform. Zum Glück lag sie mit schwarz richtig.

Sie überquerte die Straße, und ging die kleine Metalltreppe hoch. Die Antwort der Zentrale, aus der Freisprechanlage hörte sie schon nicht mehr. Peter meldete sich, leicht abgehetzt über die Sprechanlage und flüsterte. „Nein Sarah, geh nicht rein. Sarah?”

Er bekam keine Antwort mehr. Sarah hatte ihn nicht mehr gehört. Sie ging lächelnd auf die Tür, und den Wachmann zu. Der lächelte seiner vermeintlichen Kollegin zu. Dann stutzte er, als er das falsche Namensschild erkannte.

„Sie sind nicht…“

„Adlerauge“, bestätigte Sarah, und schlug dem Wachmann in den Hals.

Die Lieferung

Der große Lieferwagen stand mitten in der großen Halle, die weitestgehend noch im dunklen lag. Mehrere Männer kamen, mit Maschinenpistolen bewaffnet zu dem Laster. Sie redeten in einer osteuropäischen Sprache. Starke Halogenstrahler erhellten den mittleren Gang der Halle. Ansonsten war es stockdunkel. Die Halle hatte keinerlei Fenster. Jemand legte einen großen Schalter um, und mit lauten knacken, schalteten sich nach und nach zusätzliche Halogenstrahler an. Mit jedem klacken, brannten eine Reihe Halogenstrahler auf, und erhellte eine Reihe in der Lagerhalle. Hier und da waren große Belüftungssysteme an den Wänden zu erkennen, die für genügend frische Luft sorgen sollten. Rechts und links des Lasters standen mehrere Feldbetten. Abgeteilt durch Klappwände. Es wirkte wie ein provisorisches Lazarett für Krisenzeiten. Die Lagerhalle war sonst fast leer. Vereinzelt standen ein paar Hochregale an den Wänden, und weiter hinten in der Nähe des Seiteneingangs, befanden sich ein paar Reifenstapel. Es gab zwei große Rolltore, die mittig der Halle angeordnet waren. Jeweils eine zum rein-, und eine zum rausfahren. So brauchten die Laster nicht wenden, sondern konnten geradeaus die Halle wieder verlassen. Nun waren beide Tore geschlossen.

Die Seitentür öffnete sich, und Sarah trat herein. Noch war es bei ihr dunkel. Den Wachmann hatte sie ausschalten können, und zog ihn nun mit in Halle. Zum Glück hatte sie direkt richtig getroffen. Bei einem Kampf, wäre sie dem Mann unterlegen gewesen. Sie schaute sich um. Wo konnte sie ihn hinschaffen, daß er nicht so schnell gefunden wurde. Sie schaute nach oben. Die Reihen mit Halogenstrahlern schalteten sich der Reihe nach ein. Scheiße. Noch ein paar, und die dunkle Ecke wäre Taghell beleuchtet. Sie würde mittendrin stehen, mit einem Wachmann zu ihren Füßen. Sie überbrückte schnell, soweit es das Gewicht des Mannes zuliess, die paar Meter zwischen Tür und Reifenstapel, und ging dahinter in Deckung. Ehe die Halogenstrahler auch über diesem Bereich angingen. Sie beobachtete dann die Szene die sich nun bei dem Sattelzug abspielte.

Die Stahltür, des Containers wurde geöffnet. Es waren zwei Paletten zu erkennen. Beide Randvoll mit gestapeltem Toilettenpapier. Toilettenpapier? Verdammt. Es lief ihr eiskalt den Rücken runter. Das war sicher nicht was Sarah erwartet hatte. Sie stutzte, sollte sie der falschen Fährte gefolgt sein? War alles umsonst? Waren die Kinder in Bonn, und damit ihrem Schicksal ergeben? Ohne jede Chance auf Rettung, und sie wäre Schuld daran? Das durfte einfach nicht sein. Wozu dann die Waffen? Wozu die Feldbetten, und die Geheimhaltung? Für Toilettenpapier?

Ein kleiner elektrischer Gabelstapler kam heran, und lud sich eine der Paletten auf die Gabel. Er stellte sie neben dem Laster ab, und schnappte sich die zweite Palette. Diese wurde sorgfältig neben die erste gestellt. Sarah glaubte ihren Augen nicht. Der Laster schien voll zu sein mit Papierrollen. Sarah wurde nervös. Ihr Puls raste. Das ist eine Katastrophe.