Zorn – Die Akte Heinlein - Stephan Ludwig - E-Book

Zorn – Die Akte Heinlein E-Book

Stephan Ludwig

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Beschreibung

Hauptkommissar Claudius Zorn im gefährlichen Alleingang – der fünfzehnte Band der Kult-Thriller-Serie von Bestsellerautor Stephan Ludwig Hauptkommissar Claudius Zorn ist auf den Hund gekommen, Dackel Dumbo weicht ihm nicht mehr von der Seite. So auch an jenem Winterabend nicht, als das Tier bei der Gassirunde im Stadtwald eine abgetrennte Männerhand aufstöbert. Sie wurde mit einem scharfen Gegenstand abgehackt, zwei Finger fehlen. Doch kein Hinweis auf die Identität des Opfers, der Mann ist spurlos verschwunden. Lebt er noch? Wird er irgendwo festgehalten, bedroht? Zorn und seinem Kollegen Schröder lässt die Sache keine Ruhe, als die erste Spur auftaucht, gehen sie ihr nach. Bis Zorn darüber mit seiner Frau Frieda, die als Oberstaatsanwältin die Zuständigkeit für den Fall übernommen hat, in heftigen Streit gerät, und bald der Haussegen beruflich wie privat schiefhängt. Stur wie Zorn ist, lässt er trotzdem nicht locker und findet sich schließlich vor Heinleins Delikatessengeschäft wieder. Und kurz darauf an einem Ort, wo nur eines auf ihn wartet: der Tod.

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Seitenzahl: 366

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Stephan Ludwig

Zorn

Die Akte Heinlein

Thriller

 

 

Über dieses Buch

 

 

Der fünfzehnte Fall für Zorn und Schröder

 

Hauptkommissar Claudius Zorn ist auf den Hund gekommen, Dackel Dumbo weicht ihm nicht mehr von der Seite. So auch an jenem verschneiten Abend nicht, als das Tier bei der Gassirunde im Stadtwald eine abgetrennte Männerhand aufstöbert. Sie wurde mit einem scharfen Gegenstand entfernt, vom Opfer fehlt jede Spur. Lebt der Mann noch?

Zorn und seinem Kollegen Schröder lässt die Sache keine Ruhe, als die erste Spur auftaucht, gehen sie ihr nach. Bis Zorn darüber mit seiner Frau Frieda, die als Oberstaatsanwältin die Zuständigkeit für den Fall übernommen hat, in heftigen Streit gerät, und bald der Haussegen beruflich wie privat schiefhängt.

Stur wie Zorn ist, lässt er trotzdem nicht locker und findet sich schließlich vor Heinleins Delikatessengeschäft wieder. Und kurz darauf an einem Ort, wo nur eines auf ihn wartet: der Tod.

 

 

Weitere Informationen finden Sie auf www.fischerverlage.de

Biografie

 

 

Stephan Ludwig arbeitete als Theatertechniker, Musiker und Rundfunkproduzent. Er hat drei Töchter, einen Sohn und keine Katze. Zum Schreiben kam er durch eine zufällige Verkettung ungeplanter Umstände. Er lebt und raucht in Halle.

 

Außerdem bei FISCHER erschienen:

»Zorn – Tod und Regen«, »Zorn – Vom Lieben und Sterben«, »Zorn – Wo kein Licht«, »Zorn – Wie sie töten«, »Zorn – Kalter Rauch«, »Zorn – Wie du mir«, »Zorn – Lodernder Hass«, »Zorn – Blut und Strafe«, »Zorn – Tod um Tod«, »Zorn – Zahltag«, »Zorn – Opferlamm«, »Zorn – Ausgelöscht«, »Zorn – Schwarze Tage«, »Zorn – Der Fall Schröder«, »Unter der Erde. Thriller«, »Der nette Herr Heinlein und die Leichen im Keller. Roman«

 

Die Bände 1-5 der Zorn-Reihe sind mit Stephan Luca und Axel Ranisch in den Hauptrollen fürs Fernsehen verfilmt.

 

Claudius Zorn ist auch auf Facebook und Instagram.

Impressum

 

 

Erschienen bei FISCHER E-Books

 

© 2026 S. Fischer Verlag GmbH, Hedderichstr. 114, 60596 Frankfurt am Main

Redaktion: Volker Jarck

Covergestaltung: www.buerosued.de

Coverabbildung: www.buerosued.de

ISBN 978-3-10-491974-4

 

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Inhalt

Vorbemerkung

Was bisher geschah …

ERSTER GANG

Eins

Zwei

Drei

Vier

Fünf

Sechs

Sieben

Acht

Neun

Zehn

Elf

Zwölf

Dreizehn

ZWEITER GANG

Vierzehn

Fünfzehn

Sechzehn

Siebzehn

Achtzehn

Neunzehn

Zwanzig

Einundzwanzig

Zweiundzwanzig

Dreiundzwanzig

Vierundzwanzig

Fünfundzwanzig

Sechsundzwanzig

Siebenundzwanzig

Achtundzwanzig

Neunundzwanzig

Dreißig

Einunddreißig

Zweiunddreißig

Dreiunddreißig

Vierunddreißig

Fünfunddreißig

Sechsunddreißig

DRITTER GANG

Siebenunddreißig

Achtunddreißig

Neununddreißig

Vierzig

Einundvierzig

Zweiundvierzig

Dreiundvierzig

Vierundvierzig

Fünfundvierzig

Sechsundvierzig

Siebenundvierzig

Achtundvierzig

Neunundvierzig

Fünfzig

Einundfünfzig

Zweiundfünfzig

Dreiundfünfzig

Vierundfünfzig

Fünfundfünfzig

Sechsundfünfzig

Siebenundfünfzig

Achtundfünfzig

Neunundfünfzig

VIERTER GANG

Sechzig

Einundsechzig

Zweiundsechzig

Dreiundsechzig

Vierundsechzig

Fünfundsechzig

Sechsundsechzig

Siebenundsechzig

Achtundsechzig

Neunundsechzig

Siebzig

Einundsiebzig

Zweiundsiebzig

Dreiundsiebzig

Vierundsiebzig

Fünfundsiebzig

Sechsundsiebzig

Siebenundsiebzig

Achtundsiebzig

Neunundsiebzig

Achtzig

NACHSPEISE

Einundachtzig

Zweiundachtzig

Dreiundachtzig

Vierundachtzig

Fünfundachtzig

Sechsundachtzig

Siebenundachtzig

Zum Schluss

Vorbemerkung

Ich habe das große Glück, auch außerhalb der Zorn-Reihe Bücher schreiben zu dürfen. Ein noch größeres Glück ist es, dass mein Verlag mir vertraut – zugegeben, ein Kochbuch würde wahrscheinlich Fragen aufwerfen, aber ansonsten lässt man mir absolut freie Hand. Bei den Geschichten um Zorn und Schröder handelt es sich um Thriller, es wird also viel gestorben, und da nicht nur meine Mutter (Junge, was habe ich falsch gemacht?) gelegentlich Zweifel anmeldet, wäre dies die Gelegenheit, sämtliche Protagonisten überleben zu lassen und somit die mentale Gesundheit des Verfassers unter Beweis zu stellen.

Das erste Buch außerhalb dieser Reihe hieß Unter der Erde. Ich habe die Toten nicht gezählt, es sind einige geworden. Die zweite Geschichte begann hoffnungsvoll, doch der Titel – Der nette Herr Heinlein und die Leichen im Keller – deutet es schon dezent an:

Ich kann offensichtlich nicht anders.

Das Buch wurde im Frühjahr 2023 veröffentlicht und ist – kein Thriller.

Es ist ein Roman, in dem auch Zorn und Schröder einen Gastauftritt haben, und da Norbert Heinleins Geschichte noch nicht zu Ende erzählt war, kreuzten sich ihre Wege auch in den beiden darauf folgenden Zorn-Bänden.

Währenddessen lagerten die titelgebenden Leichen zwar wohlverstaut und tiefgefroren in einem Kühlhaus, doch die Monate vergingen, und je mehr Zeit verstrich, desto größer wurde die Unruhe.

Jede Geschichte braucht einen Abschluss.

Ein letzter Auftritt für Norbert Heinlein also. Blöderweise hätte das bedeutet, den nächsten Zorn-Band um ein Jahr zu verschieben. Das allerdings kam nicht in Frage, denn es ist noch immer eine Freude, die Geschichten aufzuschreiben. Für jeden Zorn-Fall muss ein würdiger Antagonist gefunden werden – den gab es bereits, also warum die Suche nicht abkürzen? Schröder und Zorn sind Polizisten (Letzterer im Rahmen seiner Möglichkeiten), wer also, wenn nicht diese beiden, sollte dem zwielichtigen, bis dato unentdeckten Treiben eines Delikatessenhändlers ein Ende setzen?

Deswegen ist dieser Zorn-Band gewissermaßen zum Heinlein-Thriller geworden – was übrigens tatsächlich wieder Spaß gemacht hat (nicht immer, aber zum großen Teil jedenfalls). Bleibt nur zu hoffen, dass es dem Leser genauso geht.

Allein darauf kommt es an.

Was bisher geschah …

Im Grunde genommen darf man sich Norbert Heinlein als einen glücklichen Menschen vorstellen. Bescheiden, zurückhaltend und ausgestattet mit ausgesuchten Manieren, führte er Heinlein’s Delicatessen- und Spirituosengeschäft bereits in dritter Generation und betrachtete sich nicht zu Unrecht als eines der letzten Exemplare einer aussterbenden Spezies aufrechter Geschäftsmänner, denen das Wohl und die Zufriedenheit ihrer Kundschaft über alles geht.

Wenige Wochen vor seinem zweiundsechzigsten Geburtstag konnte er auf ein erfülltes Leben zurückblicken. Kinder waren ihm verwehrt geblieben, und jetzt, im fortgeschrittenen Alter, durfte er auch nicht mehr darauf hoffen. Mit Heinleins Ruhestand würde das ehrwürdige Geschäft mit seinen hohen, mit Schnitzereien verzierten Regalen, den verschnörkelten Messingbeschlägen und den liebevoll arrangierten Auslagen in Vitrinen aus geschliffenem Kristallglas seine Pforten also für immer schließen und das melodische Schellen der alten Türglocke nach über einhundert Jahren endgültig verstummen.

Doch Norbert Heinlein war nicht nur ein glücklicher, sondern auch zutiefst optimistischer Mensch. Oft genug hatte er schwere Zeiten erlebt, aber selbst wenn er buchstäblich am Abgrund stand, hatte er seiner Tatkraft vertraut. Rückschläge verstand er als Ansporn und war zu Recht stolz darauf, jede noch so ausweglos scheinende Situation schlussendlich erfolgreich gemeistert zu haben.

Mit den Jahren waren die Geschäfte immer schlechter gelaufen, doch wie bereits sein Großvater hatte Heinlein die schmiedeeisernen Rollgitter vor den Schaufenstern jeden Morgen auf die Sekunde genau um zehn Uhr hochgezogen. Tapfer hatte er sich durchgeschlagen, die antike Ladeneinrichtung liebevoll gepflegt und seiner stetig schwindenden Kundschaft exotische Teesorten, erlesene Spirituosen und seine handgefertigten Pasteten feilgeboten – ungeachtet sinkender Umsätze, steigender Kosten und einer maroden Wohn- und Geschäftsimmobilie von der festen Überzeugung geleitet, dass sich Qualität letztendlich durchsetzen würde.

Die Zeiten waren schwer, aber schön gewesen, denn Norbert Heinlein war auch ein äußerst genügsamer Mensch; wenngleich die alte Türglocke immer seltener läutete, bediente er seine Kunden weiterhin mit ausgesuchter Höflichkeit, buk seine Pasteten und tat das, was er liebte – umgeben von den Düften exotischer Kaffeesorten, frischem Teig und dem Geruch der vom Alter geschwärzten Holzvertäfelung.

Ja, Norbert Heinlein war glücklich, obwohl er diese Gerüche nicht mehr wahrnahm, seitdem er eines Tages bei einem eigentlich harmlosen Sturz den Geschmackssinn und somit die Grundlage seiner beruflichen Existenz verloren hatte. Auch dieser Schicksalsschlag ließ ihn nicht verzweifeln, denn er entdeckte ein neues, unverhofftes künstlerisches Talent.

Zu diesem Zeitpunkt hatte sich Heinlein noch nie etwas zuschulden kommen lassen. Sowohl seine Lieferanten als auch die Steuern hatte er stets pünktlich bezahlt, die monatlichen Beträge für sein somalisches Pflegekind regelmäßig überwiesen und seinen Angestellten weiterhin beschäftigt, obwohl er sich weder das eine noch das andere leisten konnte. Abgelaufene Lebensmittel hatte er nicht nur gespendet, sondern mit dem klapprigen Kastenwagen zur Tafel am Hauptbahnhof gefahren und dort persönlich verteilt.

Abgesehen vom Verlust des Geschmackssinns hatte der unglückselige Sturz keine körperlichen Folgen, löste allerdings eine Kette weiterer Heimsuchungen aus, die Norbert Heinlein zwar unbeschadet überstand, die aber dazu führte, dass er wenig später nicht nur sieben Menschenleben (und das eines Hundes) auf dem Gewissen hatte, sondern sich plötzlich auch mit einem völlig neuen Geschäftsfeld konfrontiert sah.

Aus Eigennutz hatte er nie gehandelt. Ein Leben lang hatte er sich streng an die Gesetze gehalten, und dass er sie binnen kürzester Frist gleich mehrfach brach, geschah ebenfalls nicht zum eigenen Vorteil, sondern aus Verantwortung seinen Mitmenschen gegenüber – angefangen bei seiner Kundschaft, die zwar ständig schrumpfte, trotzdem und erst recht das Anrecht auf eine ansprechende Ernährung hatte und somit nicht nur auf Heinleins fachkundige Beratung, sondern auch auf sein exzellentes Angebot angewiesen war. Auch Marvin, Heinleins Angestellter, kam ohne Unterstützung nicht aus, ebenso der demente Vater, den Heinlein aufopferungsvoll pflegte, bis auch der alte Mann durch eine Unachtsamkeit Heinleins sein Leben aushauchte und sich zu den anderen Leichen gesellte, die das alte Kühlhaus im Keller nach und nach an seine Kapazitätsgrenze brachten.

Körperliche Gewalt war Norbert Heinlein aus tiefstem Herzen zuwider, und abgesehen von dem Hund (für dessen Ableben er sich auch zwei Jahre später noch schwerste Vorwürfe machte), klebte keinerlei Blut an seinen gepflegten Händen.

Empfand er dennoch Reue?

Oh ja, jeden Tag.

Doch es galt durchzuhalten. Er hatte die Schläge wacker eingesteckt, um am Ende fester als jemals zuvor auf den eigenen Beinen zu stehen – nicht nur als Mensch, sondern auch als Geschäftsmann, der seine Chance erkannt und sein Unternehmen neu auf dem Markt positioniert hatte, das seitdem, unbemerkt von der Öffentlichkeit, erkleckliche Gewinne abwarf.

Sicherlich, es gab auch den ein oder anderen Wermutstropfen. Vor allem die Tatsache, dass sich im Stockwerk über dem Feinkostladen Heinleins letzter verbliebener Mieter (zwei weitere befanden sich seit geraumer Zeit unten im Kühlhaus) als skrupelloser Erpresser entpuppte, hatte ihm anfangs schwer zu schaffen gemacht. Aber diese Herausforderung hatte er ebenso mit Bravour gemeistert, so dass er nun, kurz vor dem Rentenalter, einem beschaulichen und materiell abgesicherten Lebensabend entgegen sah.

Doch war er auch wirklich glücklich?

War er es immer noch?

Nun, unglücklich war Norbert Heinlein jedenfalls nicht. Sieben Menschenleben (und das eines Hundes) waren ein hoher Preis, und wenn er auch Grenzen überschritten hatte, so war es für einen guten Zweck geschehen. Auch seine illegalen Geschäfte schadeten niemandem – jedenfalls nicht direkt. Letztlich waren der unschuldige Hund und all diese Menschen Opfer der Umstände geworden – ebenso wie Heinlein, der nicht etwa sich selbst, sondern andere hatte schützen wollen, bis er schließlich vor den Trümmern seiner eigenen Existenz stand und erkannte, dass man zunächst sich selbst schützen musste. Das eigene Wohl war Voraussetzung dafür, Gutes zu tun. Bevor man anderen half, musste man sich selbst helfen.

Was er getan hatte.

Doch vollkommen glücklich war er nicht. Er war … zufrieden. Und ein wenig erschöpft. Heinlein sah sich als Kapitän, der ein morsches Schlachtschiff lange durch stürmische Gewässer gesteuert, die Untiefen umschifft und den Flauten getrotzt hatte. Nicht nur das Schiff, sondern auch der Kapitän war nun alt. Es wurde Zeit, Kurs auf den sicheren Hafen zu nehmen. Zwei, drei Jahre noch, dann würde er die Kommandobrücke verlassen und sich zur Ruhe setzen.

Und dann?

Ein kleines Häuschen am Meer, irgendwo dort, wo es wärmer war. In Ligurien vielleicht, oder an der Adria. Besonders schmerzlich vermisste er seinen Geschmackssinn, doch nach Aussage der Ärzte musste dieser Verlust nicht endgültig sein, und so gab es Grund zur Hoffnung, in absehbarer Zeit nach einem einfachen, aber exquisiten Abendmahl (Zitronenspaghetti mit frischen Scampi vielleicht) auf einer Terrasse zu sitzen, bei einem Glas Barolo dem Rauschen der Brandung zu lauschen und das gleißende Farbenspiel der untergehenden Sonne auf dem Mittelmeer zu genießen.

Ein ruhiger Lebensabend also. Das, fand Heinlein, war nach all den Strapazen und Entbehrungen nicht zu viel verlangt.

Seinen Geschmackssinn sollte er tatsächlich bald zurückerlangen. Allerdings nicht in den ersehnten warmen Gefilden, sondern ganz in der Nähe. Lange würde diese Freude nicht währen, denn Norbert Heinlein, der den Tod von sieben Menschen (nicht zu vergessen der Hund) zu verantworten hatte, bekam in den feuchten Kellergewölben unterhalb von Heinlein’s Delicatessen- und Spirituosengeschäft noch etwas anderes.

Das, was er verdiente.

ERSTER GANG

Fleischwurst nach Art des Hauses (handgeschnitten)

Eins

»Wird’s bald?« Claudius Zorn zerrte ungeduldig an der Leine. »Glaub bloß nicht, dass ich dich wieder trage.«

Der Dackel stemmte die Vorderpfoten in den Boden.

»Na los, es wird gleich dunkel.«

Die Leine spannte sich.

»Ich hab mir lange genug den Arsch abgefroren.«

Ein Windstoß fegte durch das kleine Tal – ein letztes Aufbäumen des Sturms, der in den vergangenen Tagen die halbe Stadt buchstäblich lahmgelegt und auch im Stadtwald seine Spuren hinterlassen hatte. Bäume lagen wie geknickte Streichhölzer kreuz und quer auf den Wegen. Die Wiese am Grund des Talkessels war übersät mit abgebrochenen Ästen und Zweigen, ebenso das hölzerne Dach der verwitterten Picknickhütte, vor der sich der Dackel auf dem Hinterteil niedergelassen hatte.

»Leg dich bloß nicht mit mir an.«

Mit dem Abflauen des Sturms war die Temperatur deutlich gesunken. Auf den Pfützen hatten sich dünne Eisschichten gebildet, Raureif glitzerte auf dem Gras und den Porphyrfelsen, die das Tal halbkreisförmig umschlossen.

»Was ist denn da oben?«

Zorn folgte dem Blick des Hundes nach rechts über das mit Unkraut überwucherte Geröll am Fuße der Felswand hinauf zu den Kiefern, die auf der Kuppe zehn Meter über ihnen im kalten Wind rauschten. Nicht alle hatten den Sturm überstanden, einige waren über die Kante gestürzt und verteilten sich wie gigantische Mikadostäbe auf den Felsen.

Als Zorn erneut an der Leine zog, reckte der Hund am anderen Ende störrisch den Hals und presste die Krallen in den gefrorenen Kies auf dem Waldweg, die Augen weiterhin unverwandt in die Höhe gerichtet.

»Kacken kannst du auch hier unten.«

Die Antwort bestand aus einem leisen Knurren.

»Ich zähle bis drei, Dumbo.«

Zorn senkte drohend die Stimme und trat einen Schritt zurück. Grashalme knirschten unter den dünnen Stiefelsohlen wie splitterndes Glas.

»Eins.«

Die Leine vibrierte in der kalten Abendluft.

»Zwei.«

Keine Reaktion.

»Du weißt, was nach der Zwei kommt.«

Der Dackel rutschte ein paar Zentimeter vorwärts.

»Ach, komm schon«, Zorn verlegte sich aufs Bitten, »die warten schon auf uns.«

Die neue Taktik schien zu fruchten, denn der Hund erhob sich und schnüffelte an einem fleckigen Pizzakarton, der wohl schon seit Monaten unter einer der zerkratzten Holzbänke lag. Als Zorn ein weiteres Mal zog – sachter diesmal –, landete der Hund umgehend erneut auf dem Hinterteil und richtete den Blick mit gesträubtem Fell wieder schräg nach oben.

»Reiß dich zusammen, Freundchen«, warnte Zorn.

Es begann zu schneien.

»Bist du sicher, dass du das willst?«

Schritte näherten sich auf einem der Waldwege, zwischen den Bäumen hinter der Picknickhütte flackerte eine Kopflampe in der Dämmerung auf.

»Wie du meinst«, stieß Zorn hervor. »Wollen doch mal sehen, wer hier stärker ist.«

Er machte auf dem Absatz kehrt, beugte sich vor und stapfte, den Dackel im Schlepptau, ungelenk los. Die Leine straffte sich, doch Zorn ließ nicht locker, knurrte, er lasse sich von niemandem, erst recht nicht von einem verwöhnten Hosenscheißer, auf der Nase herumtanzen, während der Dackel auf dem Hinterteil hinter ihm herrutschte. Schritt für Schritt kämpfte Zorn sich verbissen voran, doch bereits nach wenigen Metern stolperte er über eine Wurzel. Während er benommen im Gras lag, näherte sich ein Hecheln, im nächsten Moment spürte er den warmen Atem und die raue Zunge des verwöhnten Hosenscheißers auf der vernarbten Wange, der ihm besorgt das Gesicht leckte.

»Lass das!«, wehrte er ab, rappelte sich stöhnend auf, um umgehend erneut auf dem Hintern zu sitzen, nachdem er auf einer gefrorenen Pfütze ausgerutscht war.

»Scheiße.«

Der Schneefall wurde stärker.

»SCHEISSE!«

Der Dackel wich winselnd zurück.

»Da brauchst du gar nicht so zu gucken!«

Zorns Stimme hallte von den Felsen wider.

»Ich hab mir die Hand verstaucht! Ist dir klar, was das bedeutet? Ich hab nämlich nur noch eine, falls du’s vergessen hast! Aber das kann dir ja egal sein, du mieser kleiner …«

»Kann man helfen?«

Zorn, der nach mehreren vergeblichen Versuchen wieder auf den Beinen stand, fuhr herum. Ein gleißender Lichtstrahl schien ihm aus nächster Nähe direkt in die Augen, er schirmte das Gesicht mit dem verstümmelten Arm ab, ruderte wild mit dem anderen und verhinderte gerade noch so, ein drittes Mal zu Boden zu gehen. Als er wütend forderte, die beschissene Lampe auszuschalten, geschah dies umgehend, doch es dauerte einen Moment, bis sich eine schlanke Gestalt aus den tanzenden Lichtpunkten in seinem Gesichtsfeld schälte.

»Ich fragte, ob man irgendwie …«

»Nee! Kann man nicht!«

Der Mann trug einen eng anliegenden Trainingsanzug und schneeweiße, in der Dämmerung reflektierende Laufschuhe. Lange schien er noch nicht unterwegs zu sein, die frisch rasierten Wangen waren kaum gerötet, der Atem ging ruhig.

»Ist der reinrassig?«, erkundigte er sich mit einem Blick auf den Hund.

»Wer?«, fragte Zorn trotzdem.

»Er.«

»Woher soll ich das wissen?«

Der Jogger war ungefähr in Zorns Alter, doch deutlich besser in Form, wie Zorn mit einem Blick auf den sehnigen Oberkörper und den flachen Bauch unter der Trainingsjacke neidisch registrierte.

»Dackel sind sehr sensibel«, sagte der Jogger.

»Und?«

»Es bringt nichts, sie anzuschreien.«

»Und?«

»Sie verängstigen ihn nur.«

»Ach ja?«

Der Mann redete mit der sonoren, geschulten Stimme eines Anwalts. Vielleicht war er auch Versicherungsvertreter – was erklärte, warum er Zorn vom ersten Augenblick an äußerst unsympathisch gewesen war. Vielleicht war er auch Gebrauchtwagenhändler. Um einen Friseur – einen Berufszweig, den Claudius Zorn aus auch ihm selbst unerfindlichen Gründen am meisten verabscheute – handelte es sich wohl eher nicht.

»Sie sollten Geduld mit ihm haben.«

Der Mann beugte sich über den Hund. Als er lächelte, schimmerten zwei makellos weiße Zahnreihen in der Dämmerung. Eindeutig zu weiß, fand Zorn. Ähnlich wie das kurz geschnittene Haar über dem Stirnband, das eindeutig zu schwarz war.

»Dackel haben einen ausgeprägten Jagdtrieb«, fuhr der Mann fort und kraulte das Fell zwischen den Ohren. »Es braucht vor allem Geduld und …«

Er zuckte zurück.

»Oh!«, rief Zorn scheinbar empört aus. »Er hat doch nicht etwa …«

»Schon gut.«

Der Jogger richtete sich wieder auf. Die Zähne des Dackels hatten deutliche Abdrücke auf seinem geröteten Handballen hinterlassen.

»Der Jagdtrieb«, sagte Zorn.

»Eine Lappalie.«

Erneut blitzten die Zähne auf. Das Lächeln, stellte Zorn befriedigt fest, wirkte etwas gequält.

»Böser Hund«, mahnte er und wedelte vorwurfsvoll mit dem verbliebenen Zeigefinger. »Ganz, ganz böser Hund! Schäm dich! Du kannst doch nicht einfach …«

Er fischte sein vibrierendes Handy aus der Lederjacke.

»Er hat immer noch nicht gekackt«, erklärte er, ohne den Anrufer zu Wort kommen zu lassen. »Aber das ist mir jetzt scheißegal, Schröder. Stell die Würstchen warm, wir sind gleich zurück.«

Er beendete das Gespräch. Der Jogger winkelte die muskulösen Arme an, um seinen Weg fortzusetzen.

Nee, Freundchen, dachte Zorn. So einfach kommst du mir nicht davon.

»Darf man erfahren, was Sie hier machen?« fragte er.

»Ich?«

»Lesen Sie Zeitung?«

»Selbstverständlich.«

»Radio hören Sie auch?«

»Ich verstehe nicht, was …«

»Dann dürfte Ihnen bekannt sein, dass für den Stadtwald ein offizielles Betretungsverbot ausgesprochen wurde. Und zwar so lange«, Zorn langte in die Gesäßtasche seiner Jeans und wedelte mit seinem zerknitterten Dienstausweis, »bis die Sturmschäden beseitigt sind. Ich bin hier, um die Einhaltung dieser Anordnung zu überwachen.«

Der Dackel gab ein Knurren von sich.

»Er ebenfalls«, sagte Zorn. »Für heute belasse ich es bei einer …«

Ein weiteres Knurren.

»Wir«, verbesserte er sich, »belassen es bei einer mündlichen Verwarnung.«

Der Kerl zupft sich die Augenbrauen, stellte er angewidert fest. Vielleicht ist er ja doch Friseur.

Nachdem Zorn einen offiziellen Platzverweis erteilt und im Wiederholungsfall mit einem saftigen Bußgeld gedroht hatte, machte sich der Jogger kopfschüttelnd wieder auf den Weg und verschwand in der einbrechenden Dunkelheit. Obwohl er sich auf einen federnden, lockeren Trab beschränkte, hätte Zorn nicht lange mithalten können und wäre spätestens, als auch der schwankende Strahl der Kopflampe vom zunehmenden Schneegestöber verschluckt wurde, japsend zusammengebrochen.

»Angeber«, murmelte er und wandte sich ebenfalls Richtung Talausgang. Das Handgelenk schien nicht verstaucht zu sein; was allerdings nur ein kleiner Trost war, denn die Schmerzen hatten sich mit dem linken Knie und der rechten – wahrscheinlich geprellten – Hüfte zwei neue Ziele gesucht, weshalb Zorn sich nun hinkend vorankämpfen musste, bis sich die Leine erneut hinter ihm straffte.

»Das ist jetzt nicht wahr.«

Der Dackel war nicht zu sehen.

Zorn humpelte zurück. Die Leine lockerte sich, um sich im nächsten Moment so heftig zu spannen, dass das Ende Zorns verbliebenen Fingern entglitt und hinter einem Findling seitlich im Gestrüpp verschwand.

»Dumbo?«

Dicke Schneeflocken wirbelten herab und verklebten die Brille. Zorn wischte die Gläser halbherzig am Jackenärmel ab und sah wieder hinauf zu den Felsen.

»Dumbo?«

Oben erklang ein Rascheln, Steine rieselten herab.

»Wenn du nicht sofort …«

Wieder meldete sich das Handy.

»Chef? Wir fragen uns langsam, wann du …«

»Das ist das letzte Mal, dass ich mit dem Vieh …«

»Wo bist du?«, unterbrach Schröder.

»Im alten Steinbruch.«

»Dann bist du ja gleich wieder da.«

»Das wäre ich schon längst. Jedenfalls, wenn jemand dem kleinen Scheißer Manieren beigebracht hätte.«

»Ihr habt euch doch nicht etwa gestritten?«

»Wo denkst du hin?« Zorn setzte sich auf den Stamm einer entwurzelten Kiefer. »Er lässt sich halt nicht vorschreiben, wo er zu kacken hat.«

»Dumbo ist genauso ein Sturkopf wie du.« Das Lächeln in Schröders Stimme war deutlich zu hören. »Deshalb mögt ihr euch so.«

»Sehr witzig«, brummte Zorn und bewegte die steif gefrorenen Zehen in den dünnen Stiefeln. »Was ist das für ein Lärm?«

»Wir spielen Monopoly.«

»Klingt, als wäre ein Krieg ausgebrochen.«

»Womit du nicht ganz unrecht …«

Schröder wurde durch einen triumphierenden Schrei unterbrochen. Edgar, Zorns zwölfjähriger Sohn, verlangte lauthals seine Miete, worauf Frieda protestierend behauptete, keine Sieben, sondern eine Acht gewürfelt zu haben.

»Ich friere«, seufzte Zorn.

»Ich hab den Kamin angemacht, Chef.«

»Schmerzen hab ich auch.«

»Du Armer.«

»Ich glaub, ich hab mir ’ne Rippe gebrochen.«

»Tatsächlich?«

»Vielleicht sogar zwei.«

»Was ist passiert?«, erkundigte sich Schröder nicht sonderlich besorgt.

»Das erzähl ich ich dir später.«

»Wir päppeln dich wieder auf.«

Zorn sah über die Schulter nach oben, wo sich die verbliebenen Bäume nur noch schemenhaft über den Felsen abzeichneten. Aus dem Handy drang ein dumpfes Poltern.

»Werden sie schon handgreiflich?«, fragte er.

»Noch nicht, Chef.«

Im Hintergrund forderte Frieda vehement, ihren Wurf wiederholen zu dürfen, während Edgar auf seinen achtzehntausend Euro Miete für die Schlossallee bestand.

»Pass auf, dass sie sich nicht an die Gurgel gehen, Schröder.«

»Ich werde versuchen, ein Blutbad zu verhindern. Garantieren kann ich das allerdings …«

Schröders Worte gingen im Stimmengewirr unter. Als Frieda behauptete, das Hotel habe auf der Parkstraße und nicht auf der Schlossallee gestanden, wurde sie von Edgar für bankrott erklärt.

»Dein Sohn hat Hunger, Chef.«

»Kein Wunder, dass er so gereizt ist.«

»Das hat er von dir.«

Erneut rieselten Steine die Felsen hinab. Als Zorn sich umsah, war im dichten Schneetreiben nichts zu entdecken.

»Ich hab auch Hunger, Schröder.«

»Du kriegst gleich was.«

»Bratwürstchen?«

»Ja.«

»Thüringer?«, hakte Zorn nach.

»Selbstverständlich.«

»Die locker gestopften?«

»Ganz frisch, hat mir Heinlein versichert. Er bezieht sie aus einer kleinen Landfleischerei in …«

Aus dem Hörer gellte Edgars Wutschrei, gefolgt vom Poltern eines umkippenden Stuhls.

»Gib ihm schon mal eins«, riet Zorn. »Bevor er völlig durchdreht. Und Frieda auch, die scheint mir genauso … nachher geht’s sofort in die Badewanne!«

»Wie meinen?«

Der Dackel stand im Gestrüpp, das Fell verschlammt und mit Kletten, Kiefernnadeln und Unkraut übersät.

»Was kriegt er heute zum Abendessen?«, erkundigte sich Zorn bei Schröder.

»Lachskroketten mit Huhn, die mag er am liebsten. Warum fragst du?«

Zorn ging, das Handy am Ohr, auf dem Kiesweg in die Hocke. »Wie’s aussieht, war er gar nicht kacken.«

»Was meinst du?«

»Im Gegenteil, er hat was zu fressen gefunden.«

Als Zorn den Dackel herbeizitierte, gehorchte dieser ausnahmsweise sofort, weigerte sich allerdings, seinen Fund freizugeben, und behielt ihn auch nach der zweiten Aufforderung hechelnd im Maul.

»Schröder?«

»Ja?«

»Wie heißen noch mal diese kleinen Bratwürstchen? Du weißt schon, die wir früher immer für Edgar gegrillt …«

»Alles in Ordnung, Chef?«

»Nürnberger«, fiel Zorn ein.

»Chef?«

»Appetitlich sehen die nicht aus. Die sind total krumm.« Zorns Augen verengten sich. »Und garantiert nicht frisch.«

Das Handy fiel neben ihm ins Gras. Er ging in die Knie und näherte sich dem Dackel auf allen vieren. Spitze Kiesel bohrten sich in seine Knie, er registrierte es nicht.

»Gebraten sind die nicht.«

Der Dackel entblößte die Zähne über seiner Beute. Diese hing halb aus dem Maul, links und rechts troffen Speichelfäden herab.

»Eins ist schon angeknabbert.«

Zorn legte den Kopf schief, musterte den Fund des Dackels aus nächster Nähe und nahm die verschmierte Brille ab.

»Komisch.«

Er setzte die Brille auf.

»Sehr komisch.«

Wieder ab.

»Die müssten geschnitten werden.«

Die Brille fiel zu Boden.

»Chef?«

Schröders blecherne Stimme drang aus dem Gras.

»Die müssten geschnitten werden!«, wiederholte Zorn lauter und wandte sich seitlich in Richtung seines Handys. »Und total dreckig sind die auch!«

Er nahm das Maul des zerzausten Dackels wieder ins Visier.

»Da glitzert was«, murmelte er. Reckte den Hals, bis er die Beute des Dackels fast mit der geröteten Nasenspitze berührte. »Sieht aus wie ein …«

»Chef?«

»Da glitzert was, Schröder!«, rief Zorn in Richtung des Handys. »Aber das kann nicht sein! Würstchen tragen doch keine …«

Langsam, wie in Trance, erhob sich Zorn. Mittlerweile lag eine dünne Schneeschicht über dem verwaisten Tal, glitzerte auf Zorns Lederjacke, seinem langen, strähnigen Haar und dem Fell des Dackels, der seinen Fund fallen gelassen hatte und nun ausgiebig beschnüffelte.

»Könnte ich eigentlich gut brauchen«, überlegte Zorn halblaut und betrachtete die Manschette über dem Armstumpf. »Nee«, korrigierte er sich, »es ist die falsche. Ich brauche ja ’ne rechte.«

Als er sich bückte, barst der linke Bügel seiner Brille unter dem Stiefel. Er ignorierte es und klaubte sein Handy aus dem Gras.

»Schröder? Bist du noch dran?«

»Würdest du mir endlich sagen, was …«

»Kannst du mich bitte abholen? Sofort?«

Das Handy entglitt Zorns Fingern. Reglos, fast verträumt stand er einfach nur da, bis er plötzlich zu taumeln begann. Einem Reflex folgend, vollführte er einen Ausfallschritt, worauf auch der rechte Brillenbügel zu Bruch ging.

»Die Lachskroketten sind garantiert gesünder«, sagte er zu dem Hund, der begonnen hatte, seine Beute von allen Seiten abzulecken. »Aber das kannst du mit Schröder klären«, würgte Zorn noch hervor, bevor sich sein Mageninhalt zwischen den zerkratzten Stiefelspitzen auf die Überreste seiner Brille ergoss.

Zwei

Als Norbert Heinlein Punkt zwei Minuten nach achtzehn Uhr aus dem Geschäft trat, trieben dicke Flocken im trüben Laternenlicht. Der Verkehr staute sich in beide Richtungen, Hupen plärrten, ungeduldige Rufe hallten umher. Er wischte etwas Schnee von der alten Holzbank und nahm mit einem erleichterten Aufatmen Platz, um wie üblich nach Ladenschluss einen Zigarillo zu rauchen – sein einziges Laster, das er sich nach kurzer Abstinenz wieder angewöhnt hatte.

»Ist dir nicht kalt?«, rief er Marvin zu, der damit beschäftigt war, den Bürgersteig zu fegen.

Der Junge schüttelte den Kopf, ohne seine Arbeit zu unterbrechen. Obwohl er nur noch selten im Laden arbeitete, trug er noch immer den altmodischen weißen Kittel und das dazu passende, etwas schief über dem linken Ohr sitzende Käppi – dieselbe Montur wie Heinleins Großvater auf dem gerahmten Schwarz-Weiß-Bild über der Käsetheke. Heinlein selbst, der – umsichtig wie immer – eine grobmaschige Strickjacke übergestreift hatte, spürte bereits, wie die Kälte durch die Sohlen seiner polierten Lackschuhe nach oben kroch.

Er blies den Rauch in die frostige Abendluft. Das Nikotin beruhigte seine Nerven, und obwohl er den kubanischen Tabak nicht schmeckte, spitzte er genüsslich die Lippen. Ebenso gut hätte er einen der billigen Stumpen aus dem neu eröffneten Discounter im Erdgeschoss des Jugendstilhauses unten an der Ampelkreuzung rauchen können; das allerdings kam aus Prinzip nicht in Frage, denn auch wenn Heinlein sie nicht mehr wahrnehmen konnte, hatte Qualität unverändert absolute Priorität.

Von Natur aus bescheiden, hatte er seinen Lebensstil nicht geändert. Auch heute hatte er seine Kundschaft zuvorkommend wie eh und je bedient, die nicht ahnte, was in dem unscheinbaren Nebengebäude vor sich ging. Kaum jemand vermisste den stillen Marvin im Feinkostladen, nur die alte Frau Dahlmeyer erkundigte sich ab und zu nach seinem Verbleib, worauf Heinlein dessen Fehlen mit Unpässlichkeit oder einem freien Tag entschuldigte.

Zwei stämmige Teenager in wattierten Jacken stampften breitbeinig heran, einer der beiden rempelte Marvin im Vorbeigehen an. Während die beiden Rabauken kichernd im Schneegestöber verschwanden, kehrte Marvin bereits stoisch weiter.

Im Gegensatz zum Kerngeschäft fußte Heinleins neuer Geschäftszweig auf absoluter Diskretion, weshalb niemand erfahren durfte, wie wichtig, geradezu unersetzlich Marvin war. So war es kein Wunder, dass er noch immer dem Gespött der Leute ausgesetzt war, die ihn aufgrund seiner schmalen Statur für ein wehrloses Opfer hielten und sein gelegentliches Stottern mit Dummheit und die daraus resultierende Schweigsamkeit mit Einfalt verwechselten.

Heinlein klopfte einladend neben sich auf die Bank.

»Willst du dich nicht zu mir setzen?«

Erneut schüttelte Marvin den Kopf, ohne seine Arbeit zu unterbrechen – sorgfältig, Strich für Strich, mit konzentrierten, gleichmäßigen Bewegungen, die Heinlein ein wenig schwerfällig vorkamen. Dass sich hinter ihm bereits eine neue Schneedecke bildete, kümmerte den Jungen nicht. Es hatte keinen Sinn, ihn darauf hinzuweisen, denn er würde erst zufrieden sein, wenn er auch diese Aufgabe akribisch erledigt hatte – wie alles, was er tat, egal, ob es sich um das Hantieren mit einem Straßenbesen oder einer italienischen High-End-Druckmaschine handelte. In den vergangenen beiden Jahren hatte er seine Fähigkeiten stetig verbessert, so dass seine Fünfzigeuroscheine von ähnlich exorbitanter Güte waren wie die getrüffelte Rehrückenpastete, die Heinlein der alten Frau Dahlmeyer am späten Vormittag zum zweiten Frühstück serviert hatte.

Ein Rattern erklang, am Imbiss auf der anderen Straßenseite wurden die Fensterläden heruntergelassen. Der Platz vor dem Backsteinkiosk war verwaist, Müll, umherliegende Äste und die wackligen Stehtische von einer Schneeschicht bedeckt. Niemand schien sich um den Erhalt des zusehends verfallenden Gebäudes oder das Mobiliar zu kümmern, auch die Reparatur der Leuchtreklame auf dem Dach wurde seit Monaten nicht für nötig befunden, die tagsüber zwar noch als WURST & MORE zu entziffern war, nun aber als erratisches Gewirr pinkfarbener Großbuchstaben – WUR T M RE – in der Dunkelheit flimmerte. Kein Wunder also, dass sich hier niemand die Mühe machte, noch die Sturmschäden zu beseitigen.

Marvin klopfte den Besen an der Bordsteinkante ab, bemerkte den glitzernden Neuschnee auf dem Gehweg und zögerte. Als Heinlein erklärte, später etwas Salz zu streuen, ließ Marvin sich nur mit Mühe davon abbringen, diese Aufgabe selbst zu erledigen, und nahm erst nach zwei weiteren Aufforderungen widerstrebend auf der Bank Platz. Heinlein legte ihm einen Arm um die hageren Schultern und drückte ihn kurz an sich. Der Junge zuckte zusammen und rückte ein Stück von ihm ab.

»Alles in Ordnung?«, erkundigte sich Heinlein besorgt.

Marvin murmelte etwas, das wie eine Bejahung klang. Als er die Brille am Bügel zurechtrückte, entging Heinlein das Zittern der Finger nicht.

»Tut dir irgendwas weh?«

»Nein.«

»Sicher?«

»Ja.«

In dem kleinen Park schräg gegenüber heulte eine Kettensäge auf. Ein Feuerwehrmann in dick wattierter Jacke und unförmigem Helm zerteilte eine vom Sturm gefällte Linde, seine Kollegen hievten die Überreste auf einen Pritschenwagen.

»Wollen wir nachher zusammen essen?«, schlug Heinlein vor. »Drüben bei dir?«

Er sog an seinem Zigarillo. Spürte das Kratzen im Hals und versuchte, sich die zarten Holzaromen und den würzigen, leicht nussigen Duft in Erinnerung zu rufen, die, zwei Jahre nachdem er seinen Geschmackssinn verloren hatte, mehr und mehr verblasste.

»Ich hab noch eine halbe Pastete, die muss sowieso weg. Salat ist auch übrig. Der mit Mango und Ziegenkäse, den magst du …«

Heinleins Worte gingen im Brausen einer nahenden Straßenbahn unter. Er wartete, bis die Bahn im aufspritzenden Schmelzwasser unten am Jugendstilgebäude über die Ampelkreuzung gerauscht war, und wandte sich wieder an Marvin.

»Kaum haben sie die Oberleitung repariert, bahnt sich das nächste Chaos an. Erst war’s der Wind, jetzt ist es ein bisschen Schnee. Lange werden sie wohl nicht mehr fahren.«

Marvin erwiderte sein Lächeln nicht. Vieles mochte sich zwar geändert haben, Humor allerdings blieb ihm weiterhin fremd.

»Und? Was hältst du davon?«

»Wovon?«

Marvin, der abwesend in das wirbelnde Schneetreiben geblickt hatte, sah Heinlein verständnislos an. Als Heinlein seinen Vorschlag wiederholte, murmelte er, keinen Hunger zu haben, und stand auf.

»Dann bleib wenigstens noch ein bisschen bei mir«, bat Heinlein und hielt Marvin am Arm zurück, worauf dieser ein weiteres Mal zusammenzuckte und den Unterarm gegen den Magen presste. Als Heinlein erneut wissen wollte, ob alles in Ordnung sei, brachte er erst im dritten Versuch eine bejahende Antwort hervor.

»Schon gut«, entschuldigte sich Heinlein. »Ich wollte dir nicht auf die Nerven gehen. Wenn du keinen Hunger hast, können wir uns ja einen Film ansehen.«

Marvin sah unschlüssig nach links, wo sich der schmucklose Flachbau hinter der Freifläche nebenan nur undeutlich im Schneetreiben abzeichnete. Heinlein hatte das Gebäude gekauft und Marvin in den Räumen des ehemaligen Copyshops eine Wohnung eingerichtet. Geld spielte dabei keine Rolle, und da kein Außenstehender je das Gebäude betrat, hatte Heinlein aus dem Vollen geschöpft, doch Marvin, der ähnlich anspruchslos war, interessierte sich weder für die sündhaft teure Einbauküche noch für die exquisiten Teppiche oder die Designermöbel.

»Wie wär’s mit Rio Bravo?«

»Keine Lust.«

Marvin mochte Western eigentlich, besonders die alten Schwarz-Weiß-Schinken mit John Wayne oder Gary Cooper. Das Regal mit den DVDs nahm eine komplette Wand ein, und wenn er nicht hinten an der Druckmaschine beschäftigt war, verbrachte er die meiste Zeit auf dem italienischen Ledersofa vor dem riesigen Flachbildschirm.

»Wir können auch einen anderen Film …«

»Ich will lieber allein sein.«

Der Junge stand auf. Heinlein, der sich nicht erinnern konnte, jemals von Marvin so schroff zurückgewiesen worden zu sein, zwang sich zu einem Lächeln.

»Dann sehen wir uns morgen beim Frühstück, ja?«

Marvin wandte sich schweigend ab und schlurfte gebeugt davon. Heinlein sah ihm nach, bis er im Nebengebäude verschwand. Der Gedanke, den schüchternen, von aller Welt unterschätzten Jungen bald nicht mehr schützen zu können, versetzte ihm einen Stich.

Doch es ließ sich nicht ändern.

Drei

Ein heftiger Knall ließ ihn hochschrecken. Licht flammte auf, er kniff die Augen zu, drehte sich auf die andere Seite und winkelte die Beine an. Sofort spürte er wieder den rauen Wind, den Schnee auf den Wangen, hörte das berstende Gras unter seinen Schritten, das Bellen des Hundes und das Krachen der stürzenden Bäume um ihn herum. Der Traum war erschreckend real, doch es musste einer sein – ein Albtraum, um genauer zu sein, denn das, was der Hund da im Maul hatte, konnte nur die Ausgeburt einer krankhaften …

»Ich hab dich was gefragt, Claudius.«

Er richtete sich blinzelnd auf.

»Irgendwo muss er doch sein!«, schnaubte Frieda.

Als ein weiteres Krachen ertönte, wurde ihm klar, dass es sich nicht um stürzende Kiefern, sondern um eine der Schubladen des Kleiderschrankes handelte, in denen Frieda hektisch herumwühlte.

»Wer?«, murmelte er verschlafen.

»Den linken hab ich.« Frieda ging in die Hocke und verschwand hinter der Bettkante. »Aber ich kann den rechten nicht … da ist er ja!«

»Wer?«, wiederholte Zorn.

»Der andere!«

»Was?«

»Strumpf!«

Sie kam schnaufend wieder zum Vorschein und wedelte mit einer Socke. Als sie sich zu Zorn auf die Bettkante setzte, schwankte die Matratze unter ihrem Gewicht.

»Geht’s ihm besser?«, fragte sie und streifte ihren Fund über.

»Wem?«

»Dem Fuß.«

»Äh … ja.«

Zorn, noch immer halb in seinem Traum gefangen, hatte nicht die geringste Ahnung, wovon die Rede war.

»Ein Glück«, sagte Frieda.

Ihr Lächeln erinnerte Zorn an den Jogger aus seinem Albtraum, der Typ hatte ähnlich makellose Zähne gehabt. Als der Hund ihn gebissen hatte, war ihm das Grinsen schnell vergangen. Zorn dachte daran, was der Dackel danach gefunden hatte, und obwohl es sich nur um einen Traum handelte, bildete sich eine Gänsehaut auf seinen Unterarmen.

»Vergiss nicht, nachher den Müll runterzubringen«, wies Frieda an. »Cornflakes sind auch fast alle. Und denk an den Optiker.«

»An wen?«

»Den Optiker, Schatz.«

»Klar.« Zorn klaubte seine Brille vom Nachttisch und schwang sich gähnend aus dem Bett. »An wen sonst?«

Im Flur klappte eine Tür. Das Rauschen der Toilettenspülung erklang, Edgar erschien zerzaust auf der Schwelle.

»Hast du dir die Hände gewaschen?«, erkundigte sich Frieda.

Der Junge nickte verschlafen.

»Das behauptest du immer, Freundchen. Zeig mal.«

Edgar schob trotzig das Kinn vor.

»Na los. Ich lasse mich nicht …«

»Die ist kaputt«, unterbrach Zorn.

»Wer?«, fragten Frieda und Edgar unisono.

»Die Brille.«

»Deshalb«, erklärte Frieda honigsüß, »sollst du ja auch zum Optiker gehen.«

»Erst mal geh ich pinkeln.«

»Klapp die Klobrille hoch, ja?«

Zorn machte sich schlurfend auf den Weg.

»Ist anscheinend doch nicht so schlimm«, stellte Edgar hinter ihm fest.

»Was?«

Der Junge deutete auf Zorns nackte Füße.

»Gestern Abend konntest du kaum noch laufen.«

Zorn brummte etwas vor sich hin und ging ins Bad. Setzte sich auf den Rand der Badewanne und betrachtete die Brille. Nicht nur eines der Gläser, sondern auch der linke Bügel fehlte. Den anderen hatte Schröder notdürftig mit Klebeband geflickt, nachdem er Zorn durch den Wald zurück ins Haus gebracht hatte. Zorn, dem es unendlich peinlich war, auch nach Jahrzehnten im Polizeidienst allein durch den bloßen Anblick einer abgetrennten Hand die Beherrschung – und somit auch die Kontrolle über seinen Magen – verloren zu haben, hatte behauptet, gestolpert zu sein und sich den Fuß verstaucht zu haben. Selbstverständlich kaufte ihm Schröder die Geschichte nicht ab, doch zu Zorns unendlicher Erleichterung hatte er sie Frieda und Edgar gegenüber bestätigt, die den Schwerverletzten nach Hause brachten, während Schröder die Kollegen informiert und alles Weitere übernommen hatte.

Zorn pinkelte, spritzte sich etwas kaltes Wasser ins Gesicht und betrachtete sein verquollenes Konterfei im Spiegel, das ihm mit den Jahren mehr und mehr missfiel. Er atmete tief durch und begab sich zurück ins Schlafzimmer, wo Frieda noch immer verlangte, Edgars Hände zu kontrollieren, was dieser unter Verweis auf seine Privatsphäre vehement verweigerte. Zorn erinnerte sich daran, ein Bein nachzuziehen, trat auf einen spitzen Gegenstand und musste das Hinken nicht mehr simulieren.

»Was ist das?«, knurrte er.

»Ein Hotel«, stellte Edgar mit einem Blick auf das Corpus Delicti lapidar fest. »Stand auf der Schlossallee.«

»Kann man das nicht wegräumen?«

»Das musst du sie fragen.« Edgar deutete auf Frieda. »Ich hab das Spiel nicht durch die Gegend geschmissen.«

»Weil du betrogen hast«, gab Frieda zurück.

»Nee, weil du nicht verlieren kannst!«

»Moment mal«, wunderte sich Zorn. »Ich dachte, ihr hättet gestern bei Schröder gespielt?«

»Haben wir«, nickte Edgar. »Vorgestern auch.«

»Da hat er auch schon geschummelt«, warf Frieda ein.

»Hab ich nicht!«

»Es war keine Sieben!«

»War es doch!«

»Ich hab ’ne Acht gewürfelt!«

»Hast du nicht! Das war eindeutig …«

»RUHE!«

Die beiden Streithähne sahen Zorn verwundert an. Als dieser drohte, seine Dienstwaffe aus dem Tresor im Büro zu holen, wurde die Warnung von Frieda mit einem müden Lächeln quittiert, während Zorns Sohn achselzuckend in der Küche verschwand.

»Wasch dir gefälligst die Finger!«, rief Frieda ihm nach. »Und das Handy bleibt aus! Gezockt wird erst nach der Schule!«

Edgars Antwort drang etwas undeutlich aus der Küche ins Schlafzimmer, doch Frieda lief dunkelrot an und bestätigte Zorns Verdacht, dass auch sie Edgars Aufforderung, gefälligst ein bisschen runterzukommen, vernommen hatte.

»Musst du nicht langsam los?«, fragte Zorn, um die nächste Eskalationsstufe zu vermeiden. Die Taktik hatte Erfolg, denn Frieda warf einen Blick auf die Uhr, stieß einen Fluch aus und begann erneut, die Schubladen des Kleiderschranks zu durchwühlen.

»Kann man behilflich sein?«, erkundigte sich Zorn nach einer Weile.

»Ich suche den anderen!«

»Wen?«

»Den rechten!«

»Ich dachte, den hättest du …«

Edgar erschien in der Tür.

»Milch ist sauer.«

»Bringt dein Vater mit«, gab Frieda über die Schulter zurück. »Er muss sowieso einkaufen.«

»Cornflakes sind auch fast …«

»Die bringt er auch mit.«

Frieda knallte eine Schublade zu und riss die nächste auf. Edgar sah ihr stirnrunzelnd zu.

»Sie sucht den anderen«, erklärte ihm Zorn.

»Was?«

»Den rechten.«

»Strumpf?«

»Nee!«, schnaubte Frieda. »Schuh!«

»Im Kleiderschrank?«, fragte Edgar.

Friedas Handy klingelte im Flur. Edgar ignorierte die stumme Aufforderung seines Vaters, worauf dieser sich gezwungenermaßen selbst auf den Weg machte. Die Schmerzen im Fuß waren abgeklungen, doch Zorn musste seine Lügengeschichte aufrechthalten, zwängte sich humpelnd an Edgar vorbei und stützte sich auf dem Rückweg zur Sicherheit zusätzlich am Türrahmen ab.

»Es ist Schröder«, erklärte er und reichte Frieda ihr Handy.

»Warum bist du nicht rangegangen?«

»Weil er dich angerufen hat.«

Zorn hinkte zum Fenster, klaubte seine zerknüllten Jeans vom Boden und richtete sich mit schmerzverzerrtem Gesicht wieder auf.

»Vielleicht ist ja doch was gebrochen«, sagte Frieda und hüpfte auf einem Bein zum Bett, um den Anruf entgegenzunehmen. »Du solltest das röntgen lassen.«

»Ach, geht schon.«

Zorn wandte sich errötend ab und nahm sich vor, seine Darbietung nicht zu übertreiben. Es war nicht nur albern, sondern auch schäbig, wenn man bedachte, was Frieda durchgemacht hatte, die nach vier Operationen mit mehreren Metallplatten im linken Bein wohl nie wieder richtig würde laufen können und trotzdem tagtäglich verbissen auf dem Laufband im Wohnzimmer trainierte.

Sie meldete sich im kühlen Tonfall der Oberstaatsanwältin, der mehr und mehr auch in ihr Privatleben Einzug hielt. Während sie Schröder lauschte, klemmte sie das Handy zwischen Schulter und Ohr und schloss die Manschettenknöpfe ihrer Bluse.

»Klär das mit Haubold, ja? Ich bin spät dran.«

Sie beendete das Gespräch, nahm ihre Armbanduhr vom Nachttisch und sah sich nervös um.

»Deine Ohrringe sind im Bad«, half Zorn.

»Das weiß ich! Ich suche den dämlichen …«

»Der lag in der Küche.« Edgar reichte ihr einen flachen Lederschuh. »Direkt neben dem Mülleimer.«

Frieda streifte den Schuh über und eilte in den Flur. Zorn half ihr in den Mantel, Edgar reichte Mütze und Schal.

»Wo ist der verdammte …«

»Hier drin.«

Zorn nahm Friedas Handtasche von der Garderobe, schüttelte sie und ließ zur Bestätigung den Schlüsselbund klappern. Edgar wünschte einen angenehmen Tag und öffnete zuvorkommend die Wohnungstür.

»Wasch dir lieber die Hände. Und du«, Frieda wandte sich schnüffelnd an Zorn, »brauchst dringend ’ne Dusche. Denk an die Cornflakes.«

»Und an die Milch«, ergänzte Edgar.

»Der Geschirrspüler müsste auch ausgeräumt werden.«

»Sehr wohl.« Zorn deutete eine Verbeugung an. »Wer ist eigentlich Haubold?«

Der zuständige Staatsanwalt, erklärte Frieda. Ein neuer, noch unerfahrener Kollege, dem sie den Fall zugewiesen hatte.

»Sei nett zu ihm, ja?«

»Bin ich doch immer.«

Frieda gab den beiden einen flüchtigen Abschiedskuss und eilte davon. Nachdem Edgar die Wohnungstür hinter ihr geschlossen hatte, standen sie eine Weile unschlüssig im Flur. Aus dem zerbrechlichen Kind war ein schlaksiger Teenager geworden, kaum zehn Zentimeter kleiner als sein Vater.

»Papa?«

»Ja?«

»Manchmal kann sie ganz schön nerven, findest du nicht?«

»Vergiss nicht, was sie durchgemacht hat.«

»Aber deshalb muss sie uns nicht ständig rumkommandieren.«

Ein paar Sekunden suchte Zorn vergeblich nach einer Antwort, bis sein Blick auf den Rucksack mit Edgars Sportsachen fiel. Mittlerweile waren seine Basketballschuhe nur noch unwesentlich kleiner als die zertretenen Lederstiefel seines Erzeugers.

»Musst du immer alles rumliegen lassen?«

Zorn hängte den Rucksack an den Garderobenhaken.

»Komisch«, sagte Edgar.

»Was ist komisch?«

»Gestern war’s das andere.«

»Was?«

»Bein.«

Ihre Blicke trafen sich.

»Es war das linke«, erklärte Edgar. »Jetzt humpelst du auf dem rechten.«

»Quatsch.«

»Ich bin doch nicht bescheuert, gestern war’s definitiv …«

»Hände waschen!«, blaffte Zorn.

»Aber …«

»Abmarsch!«

Der Junge verschwand kopfschüttelnd im Bad.

»Ich werde das nachher kontrollieren, Freundchen!«

Claudius Zorn wartete, bis im Bad der Wasserhahn aufgedreht wurde. Dann begab er sich in die Küche und räumte den Geschirrspüler aus.

Vier