Zu nah am Tabu? - Anne Mather - E-Book

Zu nah am Tabu? E-Book

Anne Mather

0,0
2,49 €

-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.
Mehr erfahren.
Beschreibung

"Wir … wir sollten jetzt besser gehen", flüsterte sie.Er nickte. "Sollten wir." Dann beugte er sich herab und küsste sie. Eine unmögliche Liebe? Millionär Jack Connolly hat sich gerade erst in seine Villa an der rauen Küste Nordenglands zurückgezogen. Er will die Einsamkeit genießen und sein Leben neu ordnen. Da begegnet ihm die schöne Grace. Mit ihren rotgoldenen Locken und den endlos langen Beinen erregt sie auf den ersten Blick sein Verlangen. Aber so sehr er sich insgeheim nach ihr verzehrt, weiß er doch: Sie ist tabu für ihn! Schließlich ist sie bereits vergeben. Aber was er auch versucht, um sie zu vergessen - es weckt nur noch mehr sein Begehren …

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 204

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



IMPRESSUM

JULIA erscheint in der HarperCollins Germany GmbH

Redaktion und Verlag: Postfach 301161, 20304 Hamburg Telefon: +49(0) 40/6 36 64 20-0 Fax: +49(0) 711/72 52-399 E-Mail: [email protected]
Geschäftsführung:Thomas BeckmannRedaktionsleitung:Claudia Wuttke (v. i. S. d. P.)Produktion:Jennifer GalkaGrafik:Deborah Kuschel (Art Director), Birgit Tonn, Marina Grothues (Foto)

© 2016 by Anne Mather Originaltitel: „A Forbidden Temptation“ erschienen bei: Mills & Boon Ltd., London in der Reihe: MODERN ROMANCE Published by arrangement with HARLEQUIN ENTERPRISES II B.V./S.àr.l.

© Deutsche Erstausgabe in der Reihe JULIABand 2273 - 2017 by HarperCollins Germany GmbH, Hamburg Übersetzung: Annette Stratmann

Abbildungen: Harlequin Books S.A., alle Rechte vorbehalten

Veröffentlicht im ePub Format in 02/2017 – die elektronische Ausgabe stimmt mit der Printversion überein.

E-Book-Produktion: GGP Media GmbH, Pößneck

ISBN 9783733708207

Alle Rechte, einschließlich das des vollständigen oder auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten. CORA-Romane dürfen nicht verliehen oder zum gewerbsmäßigen Umtausch verwendet werden. Sämtliche Personen dieser Ausgabe sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig.

Weitere Roman-Reihen im CORA Verlag:BACCARA, BIANCA, ROMANA, HISTORICAL, MYSTERY, TIFFANY

Alles über Roman-Neuheiten, Spar-Aktionen, Lesetipps und Gutscheine erhalten Sie in unserem CORA-Shop www.cora.de

Werden Sie Fan vom CORA Verlag auf Facebook.

1. KAPITEL

Als Jack zur Haustür hereinkam, klingelte das Telefon.

Am liebsten hätte er es einfach ignoriert. Er wusste, wer am anderen Ende der Leitung war. Der letzte Anruf seiner Schwägerin lag mindestens drei Tage zurück, und Debra ließ ihn selten längere Zeit in Ruhe.

Aber sie war Lisas Schwester und glaubte wohl, sich um ihn kümmern zu müssen. Dabei hatte er keinerlei Hilfe nötig. Er kam sehr gut allein zurecht.

Resigniert ließ er die Tüte mit dem ofenwarmen Baguette aus der Dorfbäckerei auf den Küchentresen fallen und griff nach dem Wandtelefon.

„Connolly“, meldete er sich in der leisen Hoffnung, dass sich vielleicht nur jemand verwählt hatte. Eine Hoffnung, die sich sogleich zerschlug, als Debra Carricks gereizte Stimme aus dem Hörer drang.

„Warum ist dein Handy ständig ausgeschaltet? Ich versuche schon seit gestern, dich zu erreichen!“

„Dir auch einen wunderschönen guten Morgen“, erwiderte Jack trocken. „Warum, bitte schön, sollte ich auf Schritt und Tritt ein Telefon bei mir tragen? Nichts, was du mir zu sagen hast, wird so dringend sein, dass es nicht warten könnte.“

„Woher willst du das wissen?“, fragte Debra gekränkt. „Was ist, wenn du einen Unfall hast? Stell dir vor, du fällst von deinem blöden Boot! Dann bist du froh, wenn du jemanden zur Hilfe rufen kannst.“

„Nur dass mein Handy unter Wasser leider nicht funktioniert“, wandte Jack freundlich ein, was Debra mit einem unwilligen Laut quittierte.

„Du hast auch auf alles eine Antwort, Jack“, sagte sie frustriert. „Wann kommst du wieder nach Hause? Deine Mutter macht sich Sorgen um dich.“

Das mit den Sorgen mochte stimmen, aber im Gegensatz zu Debra war Jacks Mutter klug genug, ihm keine solchen Fragen zu stellen, genau wie sein Vater und seine Geschwister.

Sie hatten akzeptiert, dass er Abstand von der Familie brauchte. Dieses Haus an der windgepeitschten Küste Northumbrias war genau der Ort, an dem er sein wollte.

„Mein Zuhause ist hier.“ Mit einem Anflug von Stolz sah er sich in der geräumigen Landhausküche um.

Das Haus war in einem erbärmlichen Zustand gewesen, als er es gekauft hatte. Monatelang hatte er aus Koffern und Umzugskartons gelebt, doch nun war die Renovierung, die er zu einem großen Teil selbst erledigt hatte, abgeschlossen.

Lindisfarne House hatte sich zu einem ebenso gemütlichen wie eleganten Zuhause gemausert. Der ideale Rückzugsort für ihn, um zu entscheiden, was er mit dem Rest seines Lebens anfangen wollte.

„Das ist doch wohl nicht dein Ernst“, ereiferte sich Debra. „Jack, du bist Architekt, und noch dazu ein äußerst erfolgreicher! Nur weil du reich geerbt hast, musst du dich doch nicht in diesem gottverlassenen Kaff in Nordengland verkriechen.“

„Rothburn ist kein gottverlassenes Kaff. Es ist nicht abgelegener als Kilpheny auch. Ich musste weg aus Irland, Debra. Ich dachte, du verstehst das.“

„Ja, schon.“ Debra seufzte. „Ich schätze, der Tod deiner Großmutter war nach der Tragödie zu viel für dich. Aber deine ganze Familie und deine Freunde leben hier. Wir vermissen dich, weißt du.“

„Ja, ich weiß.“ Jack verdrehte die Augen, allmählich verlor er die Geduld. „Sorry, Debra, ich muss Schluss machen“, behauptete er. „Es hat an der Tür geläutet.“

Nachdem er aufgelegt hatte, stützte er sich mit gespreizten Händen auf die Arbeitsplatte aus kühlem Granit und atmete ein paar Mal tief durch. Debra konnte nichts dafür, dass er beim Klang ihrer Stimme immer an Lisa denken musste. Deshalb war sie noch lange kein schlechter Mensch.

Wenn sie ihn doch nur in Frieden lassen würde!

„Sie ist in dich verliebt.“

Die heitere, leicht amüsierte Frauenstimme riss ihn aus seinen Gedanken. Er hob den Kopf und sah Lisa auf der Anrichte sitzen, in die Betrachtung ihrer Fingernägel vertieft. Sie trug die Caprihose und die Seidenbluse, die sie getragen hatte, als Jack sie das letzte Mal lebend gesehen hatte. An ihrem rechten Fuß baumelte eine einzelne hochhackige Sandalette.

Jack schloss die Augen, öffnete sie wieder und richtete sich auf. „Wie kommst du darauf?“

„Ich weiß es eben.“ Lisa hob den Kopf und sah ihn an. „Debra ist seit Jahren in dich verknallt. Seit ich dich zum ersten Mal mit nach Hause gebracht habe, um dich Daddy vorzustellen.“

Ohne ein weiteres Wort wandte Jack sich ab. Er stellte die Kaffeemaschine an, brach sich ein großes Stück von dem knusprig warmen Baguette ab und bestrich es dick mit Butter. Dann zwang er sich zu essen, obwohl es ihm gar nicht behagte, dass Lisa ihm dabei zusah.

„Wirst du nach Irland zurückkehren?“

Lisa gab nicht auf. Wiederstrebend sah Jack wieder zu ihr hin. Sie saß noch immer auf der Anrichte, eine bleiche, ätherische Gestalt, die sich, wie er aus Erfahrung wusste, jederzeit in Nichts auflösen konnte. Doch heute wollte sie ihn offensichtlich quälen.

„Was interessiert es dich?“, fragte er schulterzuckend und schenkte sich eine Tasse Kaffee ein, stark und schwarz, so wie er ihn am liebsten mochte. „Hast du etwa auch etwas gegen Northumbria einzuwenden?“

„Ich will nur, dass du glücklich bist.“ Lisa spreizte die Hände mit den frisch lackierten Fingernägeln, wie er es Hunderte Male bei ihr gesehen hatte. „Deshalb bin ich hier.“

„Wirklich?“

Jack war sich da nicht so sicher. Seiner Meinung nach setzte Lisa alles daran, ihn und andere glauben zu lassen, er sei verrückt geworden. Er sprach mit einer Toten. Wie abgedreht war das denn?

Ein kühler Luftzug streifte sein Gesicht, und Lisa war verschwunden.

Sie hinterließ keine Spuren, auch nicht den winzigsten Hauch ihres Lieblingsparfüms. Nichts, was als Beweis dafür hätte dienen können, dass Jack nicht dabei war, den Verstand zu verlieren.

Der Psychiater, den er deswegen aufgesucht hatte, vertrat die These, dies sei einfach seine ganz persönliche Art zu trauern. Doch Lisas Besuche hörten nicht auf, und inzwischen hatte Jack sich so daran gewöhnt, dass sie ihn kaum noch beunruhigten.

Zumal er nicht das Gefühl hatte, dass Lisa ihm schaden wollte. Sie wirkte genauso unbeschwert und kapriziös, wie sie es zu Lebzeiten gewesen war.

In Gedanken versunken trug er seinen Kaffee hinüber ins Wohnzimmer, einem großen, sonnigen Raum mit poliertem Eichenfußboden und lederbezogenen Sitzmöbeln. Die hell verputzten Wände boten einen reizvollen Kontrast zu den dunklen Deckenbalken, die breite Fensterfront zeigte direkt auf die Küste und die graublauen Wogen der Nordsee.

In einer Nische am Fenster stand ein rustikaler Schaukelstuhl. Dorthin setzte er sich, legte die Füße in den derben Lederstiefeln auf die Fensterbank und trank in Ruhe seinen Kaffee. Er hatte den ganzen Tag zur freien Verfügung, und auch das war ganz nach seinem Geschmack.

Er könnte mit seinem Segelboot, der Osprey, aufs Meer hinausfahren. Es würde seine ganze Kraft erfordern, die 25-Meter-Jacht an diesem stürmischen Maimorgen zu manövrieren, denn die Nordsee kannte kein Erbarmen.

Aber hatte er wirklich Lust auf so viel Action? Er könnte auch ein paar kleinere Reparaturen an Bord erledigen und den Tag bei den Fischern im Hafen verbringen. Das tat er gern.

Nicht, dass er unbedingt Gesellschaft brauchte. Der tödliche Unfall seiner Frau hatte ihn tief getroffen, aber er war nicht selbstmordgefährdet. Und Lisa war seit fast zwei Jahren tot. Er sollte sich also allmählich daran gewöhnt haben.

Hatte er auch. Nur dass sie ihn immer wieder heimsuchte.

Angefangen hatte es etwa einen Monat nach ihrer Beerdigung. Jack hatte an ihrem Grab auf dem Friedhof von Kilpheny gestanden, als er plötzlich spürte, dass jemand neben ihn trat. Es war Lisa.

Du meine Güte, hatte sie ihm einen Schrecken eingejagt! Er hatte schon gedacht, sie hätten versehentlich die falsche Frau beerdigt.

Aber das war unmöglich. Es war Lisas kleiner Sportflitzer gewesen, der beim Zusammenstoß mit einem Tanklaster in Flammen aufgegangen war. Und DNA-Vergleiche hatten zweifelsfrei ergeben, dass die getötete Fahrerin seine Ehefrau war.

Das Einzige, was den Crash heil überstanden hatte, war eine ihrer Designer-Sandaletten. Vielleicht trug sie deshalb immer nur eine, wenn sie einen Abstecher in die Welt der Lebenden machte, obwohl Jack die Logik nicht ganz verstand.

Wenn Lisa doch ansonsten völlig unversehrt wirkte, hätte man sie da nicht auch mit einem vollständigen Paar Schuhe ausstatten können?

Nun, er hatte gelernt, über kleine Unstimmigkeiten wie diese hinwegzusehen. Lisa folgte eben ihren eigenen Regeln.

Sie liebte es immer noch, ihn zu provozieren, genau wie während ihrer kurzen dreijährigen Ehe. Sie konnte es einfach nicht lassen.

Jack leerte seine Kaffeetasse in einem Zug und stand auf. Er hatte nicht vor, sich für den Rest seiner Tage auszumalen, was gewesen wäre, wenn. Oder herumzusitzen und Däumchen zu drehen, wie Debra es nannte.

Und mit einem Geist zu sprechen.

Vielleicht wurde er wirklich allmählich ein bisschen wunderlich.

Acht Stunden später hatte sich seine Laune erheblich gebessert. Nachdem er vormittags an seinem Boot gearbeitet hatte, war er nachmittags bei herrlichem Wetter und günstigem Wind aus Südwest doch noch aufs Meer hinausgefahren.

Mit frischem Schellfisch und Gemüse im Kofferraum fuhr er zurück zum Lindisfarne House. Er freute sich schon auf das Abendessen.

An den Kühlschrank gelehnt, gönnte er sich gerade ein eiskaltes Bier, als er hörte, wie draußen auf der kiesbestreuten Einfahrt ein Wagen vorfuhr. Verdammt, dachte er, stellte sein Bier ab und schlich in die Diele. Niemand außer seinen engsten Verwandten wusste, wo er sich aufhielt, und er hatte keine Lust auf Gesellschaft.

Es klingelte.

„Nun mach schon auf!“

Jack fuhr herum und sah Lisa auf einer halbmondförmigen Konsole thronen.

„Mach auf!“, wiederholte sie mit vor Eifer geröteten Wangen.

„Ich geh ja schon“, zischte Jack. „Du hast gut reden. Ich bin es, der sich mit einem ungebetenen Gast herumschlagen muss.“

„Mit zwei Gästen“, korrigierte Lisa fröhlich.

Jack runzelte die Stirn. „Wer ist es?“

„Das wirst du schon sehen.“ Ihre Worte waren noch nicht verklungen, da löste Lisa sich bereits wieder in Luft auf.

Mit grimmiger Miene ging Jack zur Haustür, schob den Riegel zurück und öffnete.

Vor ihm stand ein Mann, den er seit ewigen Zeiten nicht mehr gesehen hatte. Sean Nesbitt. Sean und er waren zusammen aufgewachsen, hatten am Trinitiy College in Dublin studiert und sich im Jahr vor der Prüfung eine gemeinsame Wohnung geteilt. Nachdem sie beide ihren Abschluss gemacht hatten – Jack in Architektur, Sean in Informatik – hatten sich ihre Wege jedoch getrennt.

Ein paar Mal hatten sie sich noch getroffen, wenn sie in Kilpheny ihre Eltern besuchten, aber seit Jacks Hochzeit mit Lisa war sein Kontakt zu Sean völlig abgebrochen. Sean war der Letzte, den er hier in Rothburn zu sehen erwartet hatte.

„Empfängst du Besuch?“, fragte sein alter Freund breit grinsend, und natürlich brachte Jack es nicht fertig, ihn fortzuschicken.

„Ja klar“, sagte er verwirrt und schüttelte ihm die Hand. „Aber was um alles in der Welt machst du hier? Wie zum Teufel hast du mich gefunden?“

Sean zwinkerte ihm zu. „Ich bin Computerexperte, schon vergessen? Übrigens, ich bin nicht allein hier“, meinte er mit einem Blick auf den silbernen Mercedes, der in der Einfahrt parkte. „Ich habe meine Freundin mitgebracht. Ich hoffe, du hast nichts dagegen?“

Lisa hatte recht gehabt. Es waren zwei Gäste, nicht einer.

„Aber nein.“ Unbehaglich spähte Jack über die Schulter in die Diele, doch Lisa blieb zum Glück verschwunden. Erst jetzt wurde ihm bewusst, dass er noch immer seine farbverschmierte Arbeitshose und ein altes T-Shirt trug, das seine besten Tage längst hinter sich hatte.

Nun, seine Gäste mussten ihn so nehmen, wie er war. Schließlich hatte er nicht mit ihnen gerechnet.

„Super!“

Sean lief zum Wagen zurück, um seiner Freundin die Beifahrertür zu öffnen, doch die schlanke junge Frau im weißen T-Shirt und engen Jeans stieg bereits aus.

In ihren hochhackigen Pumps war sie fast so groß wie ihr Freund, was nicht weiter schwer war, denn Sean war eher klein und untersetzt. Da sie Jack den Rücken zudrehte, sah er zunächst nur ihre Haare, eine wogende Masse rotgoldener Locken, die sie zum Pferdeschwanz gebunden hatte.

Ihre abweisende Haltung erweckte bei Jack den Eindruck, dass sie ebenso wenig auf diesen Besuch erpicht war wie er.

Mit einem Anflug von Neid sah er, wie Sean seine Freundin um die Taille fasste. Wie lange war es her, seit er selbst eine Frau im Arm gehalten hatte?

Zu seiner Überraschung stieß die junge Frau Seans Arm weg und kam nun mit finster entschlossener Miene auf das Haus zumarschiert.

Oh, oh. Ärger im Paradies, dachte Jack. Offenbar hatte er richtig getippt. Seans Freundin hielt nichts von diesem Besuch.

Sie kam näher, und ihm stockte der Atem. Es war, als hätte ihm jemand eine Faust in den Magen gerammt, so unvermittelt traf ihn der Schock der Erkenntnis, dass sie die begehrenswerteste Frau war, die er je gesehen hatte. Glühende Hitze erfasste die untere Hälfte seines Körpers.

Seine Reaktion war ebenso heftig wie unerwartet. Und noch dazu völlig unangemessen. Er kam sich vor wie ein Lüstling. Verdammt, die Frau war Seans Freundin!

Aber sie war wirklich umwerfend. Feste runde Brüste, deren Knospen sich deutlich unter dem engen T-Shirt abzeichneten. Endlos lange Beine mit schlanken, wohlgeformten Schenkeln.

Jack war froh über seine leger geschnittene Arbeitshose, denn er hatte weit mehr zu verbergen als nur Überraschung. Ihm brach der Schweiß aus bei dem Gedanken, dass Sean merken könnte, was mit ihm los war.

Hatte Lisa dieses Fiasko vorausgesehen, als sie ihn drängte, die Tür aufzumachen? Sie hatte schon immer einen merkwürdigen Sinn für Humor gehabt und ließ nach wie vor keine Gelegenheit aus, ihn zu ärgern.

Wobei Seans Freundin keinerlei Ähnlichkeit mit ihr hatte. Lisa war klein und zierlich gewesen, eine quirlige, lebenslustige Blondine, immer zum Flirten aufgelegt. Was man von der jungen Frau an Seans Seite wohl eher nicht behaupten konnte. Der Blick, den sie Jack zuwarf, war jedenfalls alles andere als einladend.

„Darf ich vorstellen? Jack Connolly, Grace Spencer“, verkündete Sean strahlend.

Trotz der Feindseligkeit in ihren auffallend grünen Augen streckte die junge Frau ihm die Hand hin, und Jack blieb nichts anderes übrig, als sie zu ergreifen.

„Hi“, sagte er und spürte ihre kühlen schlanken Finger an seiner vor Nervosität feuchten Handfläche.

„Hallo.“ Ihr Ton war ebenso unverbindlich wie ihre Miene. „Ich hoffe, es stört Sie nicht, aber Sean bat mich, ihm den Weg zu zeigen.“

„Ich … nein, natürlich nicht.“ Jack runzelte die Stirn. „Sind Sie von hier?“

„Ich wurde hier geboren“, begann sie, doch schon fiel Sean ihr ins Wort.

„Grace ist die Tochter des Gastwirts. Ihrem Vater gehört der Pub“, erklärte er eifrig. „Grace ging nach England, um zu studieren, und hat dann in London gearbeitet.“

Das erklärte, wo die beiden sich kennengelernt hatten, denn auch Sean war nach dem Studium nach London gegangen.

„Aber jetzt lebe ich wieder hier“, ergänzte Grace mit einem, wie es Jack schien, warnenden Blick auf Sean. „Meine Mutter ist krank, und ich möchte in ihrer Nähe sein. Sean ist in London geblieben. Er ist nur auf eine Stippvisite hier, oder, Sean?“

Der scharfe Unterton in ihrer Stimme war nicht zu überhören. Jacks Unbehagen wuchs. Was immer zwischen den beiden im Argen lag, er wollte nichts damit zu tun haben. Von dem glücklich verliebten Pärchen, das Sean hier zu inszenieren versuchte, konnte offenbar keine Rede sein.

„Wir werden sehen.“ Seans Grinsen wirkte etwas verkrampft, als er sich wieder Jack zuwandte. „Weißt du, wie ich dich aufgespürt habe? Graces Pa erzählte, ein Ire habe das alte Gemäuer hier gekauft. Ich hatte keine Ahnung, dass du das bist, bis er zufällig deinen Namen erwähnte. Da wusste ich natürlich Bescheid. Ist die Welt nicht klein?“

„Ja, das ist sie.“

Jack hatte keinen Grund gesehen, seine Identität vor den Dorfbewohnern geheim zu halten. Niemand kannte ihn hier. Niemand wusste von der Sache mit Lisa.

Er hatte ja nicht ahnen können, dass ausgerechnet Sean Nesbitt hier auftauchen würde.

Mühsam rang er sich ein Lächeln ab. „Dann kommst du also jedes Wochenende hier herauf, um Grace und ihre Familie zu besuchen?“

„Ja“, sagte Sean.

„Nein“, sagte Grace im selben Moment und errötete.

„Ich komme, so oft ich kann“, räumte Sean ein, die blassblauen Augen schmal vor Zorn. „Komm schon, Grace. Du weißt, wie gern deine Eltern mich mögen. Nur weil du dich vernachlässigt fühlst, musst du Jack doch nicht in Verlegenheit bringen.“

2. KAPITEL

Grace war wütend.

Sie wusste, sie hätte nicht mit Sean hierherkommen sollen. Ganz abgesehen von den Missverständnissen, die es hervorrief, war es ihr auch peinlich, ihre Differenzen mit ihm in der Öffentlichkeit auszutragen. Erst recht vor diesem Jack Connolly. Der Mann sah nicht aus, als würde er Sean auf den Leim gehen.

Das Problem war nur, dass ihre Eltern immer noch hofften, Sean und sie würden heiraten. Sie hätten zu viele Erklärungen erwartet, wenn sie sich geweigert hätte, ihn zu begleiten.

Aber Sean sollte nicht glauben, er könne sie für dumm verkaufen.

Zu Beginn ihrer Beziehung war alles ganz anders gewesen. Als sie ihn zum ersten Mal traf, hatte sie Seans unbekümmerten Charme einfach hinreißend gefunden.

Okay, da war sie noch jung und naiv genug gewesen, jedes Wort von ihm für eine göttliche Offenbarung zu halten und sich geschmeichelt zu fühlen, weil dieser allseits beliebte, ein paar Jahre ältere Mann sich für sie interessierte.

Wie dumm von ihr!

Ihr größter Fehler war, Sean mit nach Hause zu nehmen und ihn ihren Eltern vorzustellen. Mit großspurigen Versprechungen von leicht verdientem Geld hatte er ihren Vater dazu gebracht, eine Hypothek auf den Pub aufzunehmen. Als Startkapital für das neue Unternehmen, das er aufziehen wollte.

Grace hatte vergeblich versucht, ihren Vater davon abzuhalten, Sean das Geld zu geben. Sie wusste, dass Seans Aktivitäten im Netz das reinste Glücksspiel waren. Noch dazu hatte ihr Vater kaum Ahnung von der Materie.

Doch Tom Spencer hatte nicht auf sie gehört. Er war der Meinung gewesen, er investiere in die Zukunft seiner Tochter. Dafür liebte ihn Grace, auch wenn sie fortan schlaflose Nächte hatte aus Angst, die Sache mit dem Start-up könne sich als Flop erweisen.

Und genau das schien der Fall zu sein. Wie meistens, wenn es um Sean ging, hielten die Träume der Wirklichkeit nicht stand.

Ihre Eltern wussten nicht, dass Sean ihr Geld in den Sand gesetzt hatte. Deshalb musste Grace alle Hebel in Bewegung setzen, um es zurückzuholen. Auch wenn sie dafür so tun musste, als wäre sie noch mit Sean zusammen.

Angeblich arbeitete er in London fleißig weiter am Aufbau seiner Karriere. Ihre Eltern fanden, sie hätte dort bleiben müssen, um ihm zur Seite zu stehen. Aber Grace hatte die Nase voll von Sean.

Fast hätte sie ihren Eltern von der hässlichen Szene erzählt, die zur endgültigen Trennung zwischen Sean und ihr geführt hatte. Doch die bittere Wahrheit wollte sie ihrer kranken Mutter lieber ersparen.

Sean wusste, dass es aus war zwischen ihnen. Wenn es nach Grace gegangen wäre, hätten sie einander nie wiedersehen müssen.

Nun aber standen sie hier auf der Schwelle zu Jack Connollys Haus und warteten darauf, eingelassen zu werden. Grace hätte am liebsten auf dem Absatz kehrtgemacht. Seans Freund ließ keinen Zweifel daran, dass sie nicht willkommen waren. Warum begriff Sean das nicht endlich und beendete die peinliche Szene?

Leider schien sich ihr Gastgeber just in diesem Moment auf seine guten Manieren zu besinnen und bat sie herein.

Grace fragte sich voller Argwohn, was Sean hier wollte. Er hatte erzählt, Jack Connolly habe seine Frau vor zwei Jahren bei einem Verkehrsunfall verloren. Da er aber noch keine Gelegenheit gehabt habe, seinem Freund sein Beileid auszusprechen, wolle er das jetzt nachholen.

Niemand wusste besser als Grace, dass Sean der Letzte war, der Wert darauf legte, anderen sein Mitgefühl zu bekunden. Außer es sprang etwas für ihn dabei heraus.

Oder urteilte sie jetzt zu hart über ihn?

Ihr fiel ein, was Sean noch über Jack Connolly gesagt hatte. Jack hatte offenbar Geld von seiner verstorbenen Großmutter geerbt und sich davon dieses Anwesen in Northumbria gekauft. Angeblich hatte er es zu Hause vor Kummer nicht ausgehalten und sich deshalb hierher in die Einsamkeit zurückgezogen, um in Ruhe seine Wunden zu lecken.

Auf Grace machte Jack Connolly allerdings nicht den Eindruck eines gramgebeugten Witwers, mit dem man Mitleid haben musste.

Sie erinnerte sich, wie er sie angesehen hatte, als sie auf ihn zugegangen war. Wäre sie tatsächlich noch mit Sean zusammen gewesen, hätte sie seinen schamlosen Blick als Frechheit empfunden.

Gab es denn keine anständigen Männer mehr? Diesem Jack Connolly war jedenfalls nicht zu trauen.

Dumm nur, dass er gleichzeitig umwerfend gut aussah. Selbst die mehrere Tage alten Bartstoppeln konnten der markanten Schönheit seiner Züge nichts anhaben.

Sein dunkler Teint sah nach Urlaub im Süden aus, dabei war der zugezogene Ire, wie man sich im Pub ihres Vaters erzählte, während der gesamten Renovierung seines Hauses vor Ort gewesen.

Das etwas zu lange dunkle Haar fiel ihm wirr in die Stirn und verlieh seinem kantigen Gesicht mit dem schmalen, aber sinnlichen Mund einen rauen Sex-Appeal.

Er schloss die Haustür hinter ihnen und bat sie in das geräumige und, wie Grace zugeben musste, äußerst geschmackvoll eingerichtete Wohnzimmer.

Auf dem Boden lag ein Perserteppich, so dick, dass ihre Füße fast darin versanken.

Die Aussicht auf die vertraute Küste war atemberaubend schön. Malerisch hoben sich die felsigen Klippen vor dem Abendhimmel ab, grasbedeckte Hänge, von niedrigen Steinmauern begrenzt, erstreckten sich bis hinunter zu den Dünen.

Still und friedlich erstreckte sich das Meer bis zum Horizont. Die spiegelglatte Wasseroberfläche glänzte golden im Licht der untergehenden Sonne. In den Cottages, die sich den Hügel hinab bis zum Hafen zogen, flammten die ersten Lichter auf. Aus der Ferne erklang der einsame Schrei der Möwen.

„Ich muss mich für meine Aufmachung entschuldigen“, sagte ihr Gastgeber und fuhr mit der Hand über seine farbbekleckste Hose. „Ich war den ganzen Tag auf dem Boot und bin noch nicht dazu gekommen, mich umzuziehen.“

„Du hast ein Boot?“, fragte Sean begeistert. „Hey, wie fühlt man sich als Millionär?“

Grace wurde flau im Magen. Warum hatte sie nicht gefragt, wie viel Geld genau Jack Connolly geerbt hatte? Jetzt wurde ihr einiges klar.

So viel zu Seans Beileidsbekundungen, dachte sie zornig. Jacks Trauerfall schien ihm keine Erwähnung mehr wert zu sein.

Sie rechnete es Jack hoch an, dass er Seans Fauxpas großzügig übersah.

„Darf ich euch etwas zu trinken anbieten?“, fragte er. „Grace, was hätten Sie gern?“

Dich bestimmt nicht, schoss es ihr durch den Kopf. Das war kindisch, aber Jacks verhangener Blick aus dunklen Augen irritierte sie mehr, als ihr lieb war.

„Wie wär’s mit einem Bier?“, rief Sean dazwischen, doch Jack Connolly ignorierte ihn und wartete höflich auf Graces Antwort.

„Vielleicht eine Limo.“ Sie musste am nächsten Morgen ihre neue Stelle antreten und wollte ausgeschlafen und frisch dort erscheinen.

„Limo?“ Sean verdrehte die Augen. „Hör dir das an, Jack. Das Mädel ist in einem Pub groß geworden und mag kein Bier!“

Jack zuckte nur mit den Mundwinkeln, was so gut wie alles bedeuten konnte. Er drehte sich um und verließ den Raum. Barfuß, wie Grace jetzt erst bemerkte.

Sie sah Sean an, doch der zog nur gereizt die Augenbrauen hoch.

„Ist was?“ Gierig betrachtete er die komfortable Sitzecke, die massiven Bücherregale, die antiken Schränke. „Schicke Bude, was? Ich wette, allein die Möbel sind ein Vermögen wert. Hat sich gelohnt, dass du mitgekommen bist, oder?“

Grace konnte sich kaum überwinden, ihn anzusehen. „Nicht wirklich.“

Sean war ein pathologischer Lügner. Sie hatte ihn nur begleitet, um nicht im Beisein ihrer kranken Mutter mit ihm streiten zu müssen.

„Das bequeme Nest eines Millionärs“, spottete Sean. „Hey, da an der Wand hängt ein echter Turner, was sagst du nun?“

Grace war nicht zum Plaudern aufgelegt. Sie war unter einem Vorwand hierhergelockt worden und fühlte sich schrecklich fehl am Platz. Jack Connollys Geld interessierte sie nicht. Das brachte sie der Lösung ihres Problems auch nicht näher.