Zu richten die Lebenden - Erica Spindler - E-Book

Zu richten die Lebenden E-Book

Erica Spindler

0,0
9,99 €

Beschreibung

Eine Mordserie erschüttert New Orleans und lässt eine Frau in ihrer persönlichen Hölle landen - ein schockierender Psycho-Thriller von Erica Spindler! An einem einzigen Tag verliert die Künstlerin Mira Gallier alles: Hurrikan Katrina entreißt ihr den Mann, und ihre gläsernen Kunstwerke werden in tausend Scherben zerschlagen. Kaum hat sie sich davon erholt, da öffnen sich die Tore zu Miras persönlicher Hölle erneut: Ein Priester wird ermordet, die Kirchenfenster aus ihrer Werkstatt sind mit düsteren Worte beschmiert: "Er wird kommen, Zu richten die Lebenden und die Toten." Es ist der Auftakt zu einer blutigen Mordserie in New Orleans, bei der die Spuren in Miras Richtung weisen. So eindeutig, dass der ermittelnde Detective Spencer Malone sie für die Täterin hält …

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 521

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0



Erica Spindler

Zu richten die Lebenden

Thriller

Aus dem Amerikansichen von Katrin Hahn

HarperCollins®

HarperCollins® Bücher

erscheinen in der HarperCollins Germany GmbH,

Valentinskamp 24, 20354 Hamburg

Geschäftsführer: Thomas Beckmann

Copyright © 2015 by HarperCollins

in der HarperCollins Germany GmbH

Titel der nordamerikanischen Originalausgabe:

Watch Me Die

Copyright © 2011 by Erica Spindler

erschienen bei: St. Martin’s Press, New York

Published by arrangement with St. Martin’s Press, LLC.

All right reserved.

Dieses Werk wurde im Auftrag von St. Martin’s Press, LLC

durch die Literarische Agentur

Thomas Schlück GmbH, 30827 Garbsen, vermittelt.

Konzeption/Reihengestaltung: fredebold&partner GmbH, Köln

Umschlaggestaltung: pecher und soiron, Köln

Redaktion: Thorben Buttke

Titelabbildung: Thinkstock

ISBN eBook 978-3-95967-984-8

www.harpercollins.de

eBook-Herstellung und Auslieferung:

readbox publishing, Dortmund

www.readbox.net

Alle Rechte, einschließlich das des vollständigen oder auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten.

Der Preis dieses Bandes versteht sich einschließlich der gesetzlichen Mehrwertsteuer.

Alle handelnden Personen in dieser Ausgabe sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit

1. KAPITEL

New Orleans, Louisiana Dienstag, 9. August 2011 01:48 Uhr

Er war so lange allein gewesen. Unter den Lebenden, aber keiner von ihnen.

Bis jetzt.

Maria war zu ihm zurückgekehrt. Sie waren vor all diesen vielen Jahren zusammen gewesen, aber der Wille seines Vaters und der ganzen verkorksten, kaputten Welt hatte sie getrennt.

Doch das war die Vergangenheit. Sie war wieder da, in greifbarer Nähe, und diesmal würde sie nichts auseinanderreißen.

Es hatte begonnen.

Er stieg die Treppe zum Schlafzimmer seiner Großmutter hinauf, leise und vorsichtig, um sie nicht zu wecken. Mondlicht fiel durch die Spalten der geschlossenen Vorhänge und erzeugte helle, messerartige Lichtstreifen auf den dunklen Stufen.

Er kannte diese Treppe so gut, dass er sie blind hinaufsteigen konnte. Wie viele hundert Male hatte er ein Tablett mit Essen oder einem Getränk hinaufgetragen? Zuerst für seine Mutter, die viel zu jung aus dem Leben gerissen worden war, jetzt für seine Großmutter.

Er warf einen kurzen Blick auf ihre schlafende Gestalt. Sie lag in ihrem Bett, den Kopf aufs Kissen gebettet, die Decke ordentlich um sie herum festgesteckt. Er rümpfte die Nase bei dem Geruch nach Alter und Krankheit. Sie war während der letzten Monate so gebrechlich geworden. So dünn, nicht viel mehr als Haut und Knochen. Und schwach. Kaum in der Lage, den Kopf zu heben.

Außerstande, sich gegen ihn zu wehren.

Er runzelte die Stirn. Warum hatte er das jetzt eben gedacht? Er liebte seine Großmutter; er verdankte ihr sein Leben. Als seine Mutter gestorben war, hatte sie alles geopfert, um ihn großzuziehen. In den vergangenen zweiundzwanzig Jahren hatte sie ihn unterstützt und geleitet. Sie hatte an ihn geglaubt. Daran, wer er war und wofür er bestimmt war.

Er schüttelte den Kopf und dachte wieder klar. Er hatte ihr von Marias Rückkehr erzählt. Sie hatten sich gestritten. Sie hatte schreckliche Dinge über Maria gesagt. Hässliche, abscheuliche Dinge. Jedes Wort hatte ihn ins Herz getroffen.

Aber was seine Liebe zu Maria betraf, würde er sich nicht umstimmen lassen.

Er ging zu ihrem Bett hinüber. Das gezackte Licht des Mondes fiel quer über ihren Oberkörper und auf ihn. Er hob seine Hände ins Licht und spreizte die Finger.

Blut befleckte seine Hände.

Das Blut des Lamms. Es spritzte beim Auftreffen.

Du bist bekümmert.

Er blinzelte bei diesen deutlich gesprochenen Worten. Blickte hinter sich in das leere Zimmer, dann hinunter auf seine schlafende Großmutter. „Wer ist da?“, fragte er.

Du kennst mich. Ich bin der, der immer bei dir ist. „Vater“, flüsterte er, „bist du es?“

Ja, mein Sohn. Was bekümmert dich heute Nacht? Es hat begonnen. Du solltest dich freuen und nicht fürchten, denn durch den Vater wird der Sohn verherrlicht!

„Einer deiner Heiligen, Vater. Ich musste. Er begegnete mir so plötzlich …“

Ein Märtyrer. Er wird nicht vergessen, er wird geheiligt werden für seine Rolle an diesem Tag des Neubeginns.

Auf die Worte seines Vaters hin überkam ihn Gewissheit. Seine Aufgabe stand ihm wieder klar vor Augen, und er empfand neuen Frieden. „Ja, Vater. Es ist tatsächlich der Tag, den du vorausgesagt hast und den ich erwartet habe. Ich bin in deiner Hand, Vater.“ Er senkte den Kopf. „Ich bin dein Diener. Führe mich.“

Verlass die Alte jetzt. Vergiss nicht, nur eine kann an deiner Seite stehen.

„Maria.“

Ja. Auch ihr Augenblick kommt.

Vorsichtig zog er eines der Kissen hinter dem Kopf seiner Großmutter hervor. Er starrte auf sie hinab, verschlang ihr Gesicht mit Blicken, und die Gefühle überfluteten ihn. Was würde er ohne sie machen?

Tränen brannten in seinen Augen. Er ließ das Kissen fallen, beugte sich vor und legte es vorsichtig an seinen Platz zurück, darauf bedacht, sie nicht zu wecken.

2. KAPITEL

Dienstag, 9. August 08:35 Uhr

Detective Spencer Malone von der Mordkommission manövrierte seinen altmodischen kirschroten Camaro auf den Platz zwischen dem Kombi des Coroners, des amtlichen Leichenbeschauers, und dem Transporter der Spurensicherung, dann stoppte er abrupt. Kaffee schwappte über den Rand des Kaffeebechers seines Partners und tropfte auf dessen Paisleyhemd.

„Scheiße, ist der heiß! Weißt du eigentlich, was du da hinter dem Steuer tust, Malone?“ Detective Tony Sciame tupfte den Fleck mit der Rückseite seiner Krawatte ab. „Dabei wollte ich gut aussehen für meine Party.“

Malone schaltete den Motor aus und warf ihm ein Grinsen zu. „Keine Bange, Tony. Der Fleck passt prima dazu.“ Er und Tony waren seit mehr als sechs Jahren Partner. Ihre Partnerschaft funktionierte, trotz des Altersunterschieds, trotz ihrer unterschiedlichen Ermittlungsstile und – Gott sei Dank – trotz ihres unterschiedlichen Sinns für Mode.

Hatte funktioniert. Heute war Tonys letzter Tag bei der Truppe.

„War das eine Spitze?“

„Verdammt, nein, Partner. Bloß eine Tatsache.“ Spencer öffnete energisch die Tür, dann drehte er sich zu Tony um. „Du siehst immer noch richtig ‚hübsch‘ aus für deine Party.“

„Leck mich, Malone.“

Sie kletterten aus dem Camaro und warfen die Türen gleichzeitig zu. Ein paar uniformierte Officers schauten zu ihnen herüber.

Die Sisters of Mercy Catholic School and Church, an der Carrollton Avenue Ecke Fig Street gelegen, erstreckte sich über zwei grundverschiedene Stadtviertel – Uptown und Mid-City. Leider hatten die Wohlhabenden im Laufe der Jahre angefangen, weiter in die bessere Gegend außerhalb der Stadt zu ziehen, und damit die Sisters of Mercy der Mittelklasse und den ärmeren Arbeitern zu überlassen.

Trotzdem war es ein wunderschöner Campus, der ungeachtet der städtischen Lage ein riesiges Grundstück belegte. Seine aus Stein errichteten Gebäude mit ihren Bogengewölben waren mehr der romanischen Architektur verpflichtet als dem aufwendigen kreolischen Stil, für den die Stadt bekannt war.

„Ich hab mich immer gefragt, wie diese Gemäuer von innen aussehen“, sagte Tony. „Und weißt du was? Der letzte Arbeitstag, und ich darf es herausfinden.“

„Du hast dein Leben im Griff, Tony. Daran gibt es nichts zu rütteln.“

Sie erreichten die äußere Grundstücksgrenze. Malone kannte den Officer, der den Zugang zum Tatort kontrollierte – er und sein Bruder Percy hatten früher zusammen ziemlich die Puppen tanzen lassen.

So war es eben, wenn man ein Malone war. Mit drei Brüdern, einer Schwester und diverser weiterer Verwandtschaft bei der Truppe lief er immer jemandem über den Weg, der eine Verbindung zu einem seiner Lieben hatte. Nicht an alle diese Verbindungen wollte man jedoch erinnert werden.

„Hey, Strawberry“, begrüßte er den Polizisten und nannte ihn bei seinem Spitznamen, den ein Geburtsmal auf seinem Hintern ihm beschert hatte. „Wie geht’s dir, Mann?“

„Nicht so schlecht.“ Der Officer hielt ihm das Logbuch hin. „Hab gehört, du heiratest. Hätte nie gedacht, dass ich den Tag erleben würde, Alter. Es ist wie das Ende einer Ära.“

Tony lachte schallend. „Vertrau mir, Kleiner, er hält sich nur für den Größten. Was haben wir?“

„Das Opfer ist im Altarraum. Der Priester wurde umgelegt. Ist das zu fassen? Wer macht denn so was?“

„Um das herauszufinden, sind wir heute hier.“ Die Männer duckten sich unter dem Absperrband hindurch und folgten dem Weg zu den massiven Doppeltüren, die in die Kirchenvorhalle führten. Im Inneren war es kühl und still. Durch die offenen Türen direkt vor ihnen fiel der Blick auf den Altarraum, der in farbiges Licht getaucht war.

Malone schritt durch die Kirchentüren. Buntglas-Paneele säumten beide Seitenschiffe. Sie waren wunderschön, aber das war es nicht, was ihn scharf einatmen ließ. Jemand hatte sich mit einer Sprühdose an ihnen zu schaffen gemacht.

„Heilige Maria, Mutter Gottes“, murmelte Tony.

Malone stimmte ihm schweigend zu und richtete seine Aufmerksamkeit dann auf den Tatort. Zwölf Glaspaneele, zählte er. Die hohen schmalen Fenster waren ungefähr dreieinhalb mal eineinhalb Meter groß; jedes schilderte eine Szene aus dem Leben Christi.

Er trat einen Schritt zurück und sah sich das Graffiti auf dem ersten Fenster links vom Eingang an. Dann drehte er sich ein wenig, um das nächste Fenster zu betrachten. Sein Blick wanderte von einem Paneel zum anderen, bis er den ganzen Raum visuell erfasst hatte. Auf jedes der ersten elf Paneele war ein einziges Wort gekritzelt worden, verborgen zwischen irgendwelchen Formen und Zeichen. Auf das zwölfte Paneel hatte der Täter einen Smiley gemalt.

„Schau dir das an, Tony. Er hat uns eine Botschaft hinterlassen: ‚Er wird kommen, um zu richten die Lebenden und die Toten.‘“

„Was für eine Überraschung, einer der Malone-Jungs.“

Spencer drehte sich um. Detective Terry Landry stand hinter ihm und grinste von einem Ohr zum anderen. Terry und sein Bruder Quentin waren einmal Partner gewesen.

„Landry, wie zum Teufel geht’s dir?“

Landry schlug ihm auf den Rücken. „Großartig, Alter.“ Er grinste Tony an. „Was machst du denn hier? Ich dachte, du steuerst heute auf das große P zu.“

„Mein letzter Auftritt. Außerdem konnte ich Malone das hier nicht allein erledigen lassen. Das Department möchte, dass die Sache auch wirklich abgeschlossen wird.“

Landry lachte und sah zu Spencer. „Wer hat die Arschkarte gezogen?“

Malone wusste, dass Landry von seinem nächsten Partner sprach. Er wusste auch, dass es im Department hieß, er sei es. „Bayle.“

Landrys Augenbrauen schossen in die Höhe. „Karin Bayle?“

„Genau die.“

Der Gesichtsausdruck des Mannes sprach Bände. „Wusste gar nicht, dass sie wieder arbeiten darf.“

„Offiziell kehrt sie morgen in den aktiven Dienst zurück.“ Landry setzte an, noch etwas zu sagen, aber Malone unterbrach ihn. „Danke, dass du uns angerufen hast, Mann. Der Kerl hier ist komplett verrückt, wie es scheint.“

„Nicht mein Anruf. Der eures Captains.“ Landry wandte den Blick zur Vorderseite der Kirche. „Habt ihr euch das Opfer schon angesehen?“

„Wir sind gerade auf dem Weg dahin.“

Landry nickte, und sie gingen zusammen weiter. „Die Leiche wurde vor ein paar Stunden von einer der Nonnen gefunden.“

Das Mittelschiff bildete beim Altar ein T. Der Leichnam lag im rechten Arm des T, neben dem Seitenausgang. Als sich Malone dem Opfer näherte, bemühte er sich, die Geschäftigkeit um sich herum zu ignorieren – vom Klicken und Blitzen der Kamera in der Hand des Tatortfotografen bis hin zu der lässigen Kameradschaft unter den Kriminaltechnikern. Er wollte sich ganz auf das Opfer konzentrieren, auf den Tatort und auf das, was ihm das alles zu sagen hatte.

Tatorte hatten eine Geschichte zu erzählen. Aber sie mussten behutsam dazu überredet werden. Und man musste ihnen sorgfältig zuhören. Trotzdem waren einige stur und blieben stumm.

Malone fragte sich, wie gesprächig dieser Tatort wäre.

Das Opfer lag mit dem Gesicht auf dem Boden. Sein Hinterkopf war eingeschlagen. Die kurzen weißen Haare waren blutverkrustet. Es war aus der Wunde gesickert und hatte einen dunklen Fleck auf dem weinfarbenen Teppich verursacht. Die Arme des Opfers waren nach vorne ausgebreitet, als hätte der Mann versucht, seinen Sturz abzufangen.

Malone hockte sich neben den Leichnam. Der Mann war schon älter gewesen. Nach der dünnen, mit Altersflecken übersäten Haut auf seinen Handrücken zu urteilen, vielleicht in seinen Siebzigern. Er trug einen Pyjama und Hausschuhe. Sein linker Schuh hatte sich gelöst, als er fiel.

Malone verlagerte den Blick zur Seitentür.

„Was ist mit dem Pyjama?“, fragte Tony.

„Ich wette, er hat im Pfarrhaus gelebt“, sagte Malone, während er sich aufrichtete. „So wie ich es sehe, ist er mitten in der Nacht aufgestanden, um ins Bad zu gehen, hat irgendjemanden oder irgendwas bemerkt und kam her, um dem nachzugehen.“

„Und hat den Vandalen überrascht.“

Malone nickte. „Er hat ihn überrascht, dann hat er versucht, wegzulaufen. Siehst du, wie er daliegt, die Arme nach vorne und die nach Füße hinten?“

„Was hat unser Täter dann als …“

„Entschuldigen Sie, Detectives?“, rief ein uniformierter Officer von der Seitentür. Er winkte sie herüber. „Scheint so, als hätten wir die Waffe gefunden.“

3. KAPITEL

Dienstag, 9. August 09:40 Uhr

Jederzeit konnten die Dämonen über Mira Gallier hereinbrechen. Manchmal brachte sie die Kraft auf, gegen sie anzukämpfen, und leugnete deren dunkle, quälende Visionen. Ihren Spott und die erbarmungslosen Vorwürfe.

Dann wieder überwältigten sie die schwarzen Mächte, sodass Mira mühsam einen Weg suchen musste, um sie zum Schweigen zu bringen. Um den Schmerz auszulöschen.

Letzte Nacht waren die Dämonen gekommen. Und sie hatte einen Weg gefunden, ihnen zu entfliehen.

Mira lag auf der Seite im Bett und starrte ausdruckslos auf das kleine Rosenfenster, das sie heimlich hergestellt hatte. Ein Hochzeitsgeschenk für ihren zukünftigen Mann. In der Tradition der prachtvollen gotischen Fenster hatte sie glänzende Schmuckfarben gewählt; ihr Design war aufwendig und schwierig, denn es kombinierte gemalte Bilder innerhalb der Farbblöcke. Für sie war das Fenster ein Symbol gewesen für ihre und Jeffs perfekte Liebe und für ihr schönes, gemeinsames neues Leben.

Sie hatte sich niemals vorstellen können, wie schnell, wie brutal dieses Leben enden würde.

Es schmerzte, sich das Fenster jetzt anzusehen, und Mira rollte sich auf den Rücken. Ihr Kopf fühlte sich schwer an und ihre Mundhöhle, als wäre sie voller Watte.

Elf Monate, drei Wochen und vier Tage, zunichte gemacht durch eine kleine blaue ovale Tablette.

Was würde Jeff jetzt von ihr denken? In dem Moment, als sie sich das fragte, wusste sie es. Er wäre tief enttäuscht.

Aber er wäre wohl kaum enttäuschter von ihr, als sie selbst es war.

Auf dem Nachttisch piepste ihr Handy. Sie griff danach und meldete sich. „Zweiter Kreis der Hölle. Die Gepeinigte am Apparat.“

„Mira? Hier ist Deni.“

Ihre Werkstatthilfe und Freundin. Sie klang verwirrt.

„Wen hast du erwartet?“, fragte Mira. „Meinen Mann?“

„Das ist nicht lustig.“

Nein, gab sie zu. Das war es nicht. Es war wütend. Und traurig. Jeff war tot, und sie hatte wieder zu den Tabletten gegriffen. Nichts davon hatte irgendetwas mit Deni zu tun. „Es tut mir leid. Ich hatte eine wirklich schlechte Nacht.“

„Willst du darüber sprechen?“

Das tosende Wasser. Eine ganze Wand aus Wasser. So schwarz und kalt wie der Tod, brutal und unerbittlich. Jeffs Schrei hallte in ihrem Kopf wider. Er rief nach ihrer Hilfe.

Aber sie war nicht da gewesen. Sie wusste nicht, wie dieser letzte Augenblick gewesen war. Sie wusste noch nicht einmal, ob er Zeit gehabt hatte zu schreien, Angst zu haben, oder ob er gewusst hatte, dass es das Ende war.

Und sie würde es nie erfahren.

Er war tot, ihretwegen.

„Nein. Aber danke.“ Das Letzte kam ihr automatisch über die Lippen. Es war, was sie sagen sollte, auch wenn Dankbarkeit weit entfernt war von dem, was sie empfand.

„Du hast was genommen, nicht wahr?“

In Denis Stimme schwang keine Missbilligung. Nur Mitleid. Trotzdem lagen Mira Ausreden auf der Zunge, so vertraut, dass sie sie im Schlaf aufsagen konnte. Sie widerten sie an. Sie hatte die Nase voll davon.

„Ja.“

Für einen langen Augenblick war Deni still. Als sie schließlich sprach, meinte sie: „Ich nehme an, ich soll dein Interview verschieben?“

„Interview?“

„Mit Libby Gardner. Von Channel Twelve, dem hiesigen Ableger von Public Broadcasting Service. Wegen des Magdalenen-Fensters. Sie ist hier.“

Dann erinnerte sich Mira. Ihre Arbeit an der Magdalenen-Restaurierung war Teil einer Serie zum sechsten Jahrestag von Katrina, die der Fernsehsender plante. „Scheiße. Hab ich vergessen. Tut mir leid.“

„Was soll ich ihr sagen?“ „Wie wär’s mit der Wahrheit? Dass deine Chefin tablettensüchtig ist und ein hoffnungsloser Fall?“

„Hör auf, Mira. Das ist nicht wahr.“

„Nein?“

„Du hast einen schrecklichen Verlust erlitten. Du hast dich in etwas geflüchtet …“

„Die ganze Stadt hat denselben verdammten Verlust erlitten. Das Leben geht weiter, Schätzchen.“ Die Worte klangen schrill, ihre Brutalität richtete sich gegen sie selbst. „Die Starken sind erfolgreich, und die Schwachen flüchten sich in Xanax.“

„Das ist ein solcher Quatsch.“ Deni klang verletzt. „Ich sehe, ob sie den Termin verschieben kann …“

„Nein. Fang mit ihr an. Erkläre ihr, wie das Fenster in unserer Obhut gelandet ist, beschreibe den Restaurierungsprozess, führe sie herum. Bis du damit fertig bist, bin ich da.“

„Mira …“

Sie schnitt ihrer Assistentin das Wort ab. „Ich bin gleich in der Werkstatt. Wir können dann reden.“

Mira eilte in die Küche. Sie kochte sich eine Tasse starken Kaffee, dann machte sie sich auf ins Badezimmer. Als sie einen Blick auf ihr Gesicht im Frisierspiegel erhaschte, erstarrte sie. Sie sah schlecht aus. Sogar schlimmer. Die Ringe unter ihren haselnussbraunen Augen waren so dunkel, dass ihre blasse Haut im Vergleich dazu gespenstisch wirkte. Sie war zu dünn – ihr kupferrotes Haar wirkte wie die Flamme an einem Streichholz.

Sie trug ein altes T-Shirt ihres Mannes als Nachthemd: GEAUX SAINTS verkündete die Vorderseite. Mira fuhr mit den Fingern über das verblichene Druckmotiv. Jeff hatte nicht lange genug gelebt, um sein geliebtes NFL-Team den Super Bowl gewinnen zu sehen.

Es ist deine Schuld, dass er tot ist, Mira, flüsterte die Stimme in ihrem Kopf. Du hast ihn überredet zu bleiben. Erinnerst du dich daran, was du gesagt hast? „Das wird ein Abenteuer, Jeff. Eine Geschichte, die wir unseren Kindern und Enkeln erzählen können.“

Die Klimaanlage sprang an. Kalte Luft aus dem Lüftungsschacht über ihrem Kopf verursachte ihr eine Gänsehaut auf den Armen und auf dem Nacken. Nein, sagte sie sich. Das ist Blödsinn. Hatte ihre Psychiaterin Dr. Jasper das nicht gesagt? Jeff war zu fünfzig Prozent an der Entscheidung beteiligt gewesen. Hätte ihm wirklich so viel daran gelegen, dass sie verschwinden sollten, hätte er das gesagt.

Seine Familie gab ihr die Schuld. Ihre und Jeffs Freunde waren recht subtil in ihren Anschuldigungen gewesen, aber sie las es in ihren Blicken, dass sie ihr Verhalten missbilligten.

Hilflos starrte sie auf ihr Spiegelbild. Das Problem war, sie gab sich selbst die Schuld. Ganz gleich, was ihre Psychiaterin sagte oder wie die Tatsachen lauteten.

Sie ließ den Blick durch das verwüstete Badezimmer schweifen – geleerte Schubladen, Schminktaschen und Handgepäckstücke, die durchwühlt worden waren.

Als wären Diebe eingebrochen und hätten bei der Suche nach Wertsachen ihr Haus auf den Kopf gestellt.

Aber sie hatte das getan. Sie war der Dieb. Und die elf Monate, drei Wochen und vier Tage, um die sie sich gebracht hatte, waren nicht zu ersetzen.

Ihr Handy klingelte. Sie sah, dass es Deni war. Zweifellos rief ihre Assistentin an, um ihr zu sagen, dass die Reporterin abgezogen war. „Jetzt habe ich noch eine wütend gemacht, nicht wahr?“, sagte sie statt einer Begrüßung.

„Etwas wirklich Schlimmes ist passiert, Mira.“

Sie drückte das Handy dichter an ihr Ohr. „Was?“

„Es geht um Father Girod. Er ist … tot. Er wurde ermordet.“ Ein Bild des freundlichen alten Priesters entstand in ihrem Kopf. Er hatte sie nach Katrina angesprochen wegen der Buntglasfenster in seiner Kirche, die vom Sturm zerstört worden waren. Während der Restaurierung der zwölf Paneele waren sie und der Pater Freunde geworden.

Trauer überwältigte sie. „Oh mein Gott! Wer könnte … Wann war …“

„Da ist noch mehr.“ Denis Stimme zitterte. „Wer auch immer das gewesen ist, er hat auch die Fenster beschädigt.“

4. KAPITEL

Dienstag, 9. August 13:00 Uhr

Malone und Tony saßen ihrer Vorgesetzten gegenüber, Captain Patti O’Shay. Verständnisvoll und streng, wie sie war, hatte sie in den letzten Jahren auch ihre Widerstandsfähigkeit unter Beweis gestellt. Sie hatte sich von dem Mord an ihrem Mann nicht unterkriegen lassen, und auch nicht von dem Chaos während Katrina und dem Verrat ihrer ältesten Freundin.

Malone schätzte sehr, was sie als Frau bei der Truppe erreicht hatte, und auch die Art, wie sie es erreicht hatte – mit Integrität und erhobenen Hauptes. Er bewunderte ihr Engagement und ihre Zielstrebigkeit. Beides las er in diesem Augenblick in ihrem Gesicht.

Und er konnte mit absoluter Sicherheit sagen: Dass sie seine Tante und Taufpatin war, beeinflusste seine Hochachtung für sie in keiner Weise.

Captain O’Shay hatte sie nicht in ihr Büro gerufen, um sie wie üblich wegen eines Falls zu befragen. Irgendetwas war im Gange.

Er fragte sie, was.

„Zuerst erzählt ihr mir, was ihr bis jetzt habt.“

Malone fing an. „Sieht so aus, als ob das Opfer einen Vandalen gestört hätte, oder mehrere Vandalen, deshalb wurde er getötet.“

Tony schaltete sich ein. „Ihm wurde der Kopf mit einem Messing-Kerzenhalter vom Altar eingeschlagen. Wir haben ihn und zwei Sprühdosen vom Tatort sichergestellt. Sie werden gerade im Labor untersucht.“

„Der Täter hat uns eine Botschaft hinterlassen, er hat sie auf die Buntglasfenster gesprüht: ‚Er wird kommen, um zu richten die Lebenden und die Toten.‘ Ans Ende hat er einen Smiley gemalt. Das ist alles. Nichts wurde gestohlen, und außer den Fenstern wurde nichts beschädigt.“

„Was heißt das also?“, fragte sie. „Warum bricht jemand in eine Kirche ein, nur um die Fenster zu besprühen?“

Tony antwortete zuerst. „Der Priester hat ihn gestört, bevor er die Gelegenheit hatte, noch etwas anzurichten. Der Mord stand nicht auf seinem Programm. Der Täter ist ausgeflippt und hat sich vom Acker gemacht.“

„Ich bin anderer Ansicht“, sagte Malone. „Er tut das, weil es wirklich wichtig für ihn ist.“

Die drei wurden für einen Moment still. Ein Fanatiker war viel gefährlicher als ein hartgesottener Krimineller. Malone würde lieber hundert Kriminelle zur Strecke bringen als einen einzigen Fanatiker. Die Entschlossenheit eines Fanatikers und sein Glaube an die eigene Bestimmung änderten alles.

„Wir wollen hier nicht vorschnell urteilen“, sagte Captain O’Shay. „Im Augenblick sieht es so aus, als hätten wir einen Fall von einfachem Vandalismus und ein Mordszenario nach der Devise: zur falschen Zeit am falschen Ort.“

Sie richtete den Blick auf Tony. „Sie dürfen sich bei diesem Fall zurückziehen, Detective. Ich glaube, Sie müssen zu einer Party.“

Tony rührte sich nicht. „Danke, Captain. Aber wenn es Ihnen nichts ausmacht, verbringe ich meine Zeit lieber mit unserem Schlaumeier, bis seine neue Partnerin eintrifft.“

Sie lächelte liebevoll. „Verschwinden Sie, Detective. Ich glaube, der ‚Schlaumeier‘ kann Detective Bayle ziemlich schnell auf Trab bringen. Außerdem wollen Ihnen eine Menge Leute da draußen die Hand schütteln.“

„Also gut.“ Tony räusperte sich und stand auf. „Ab jetzt bist du auf dich gestellt, du Ass.“

Malone stand auf, ging zu seinem Freund und umarmte ihn. Ein Dutzend ehrlicher, aber überschwänglicher Sätze lagen ihm auf der Zunge, Sätze über Dankbarkeit, Freundschaft und Bewunderung. Stattdessen gab er ihm einen Klaps auf den Rücken und trat weg. „Wir sehen uns draußen, Tony. Versuch, nicht den ganzen Kuchen aufzuessen.“

Als die Tür zu Captain O’Shays Büro hinter ihm zufiel, schob Malone sein Verlustgefühl mühsam beiseite und drehte sich zu ihr um. Er stellte fest, dass sie ihn nicht wie seine knallharte Vorgesetzte ansah, sondern wie seine geliebte Tante Patti.

„Er wird dir fehlen.“

„Zum Teufel, ja, er wird mir fehlen. Er hat mir immer den Rücken freigehalten.“

„Und du ihm seinen. Vertrauen. Das macht eine starke Partnerschaft aus.“

Er verschränkte die Arme über der Brust. „Worauf willst du hinaus?“

„Bist du sicher, dass du Bayle unter deine Fittiche nehmen willst? Ich gebe dir einen Ausweg.“

Er hob überrascht die Augenbrauen. „Ich dachte, das wäre entschieden.“

„Ich rede mit dir jetzt als dein Captain und als deine Tante. Ich werde sie mit jemand anderen zusammenstecken. Du hast im Moment viel im Kopf mit Stacys Genesung und den Hochzeitsplänen.“

„Ich habe gesagt, ich mache es. Und ich halte mein Wort.“

„Bayle hatte im Dienst einen Zusammenbruch.“

„Das ist mir bewusst. Und mir ist auch bewusst, dass sie während und nach Katrina einen unglaublichen Einsatz geleistet hat. Sie ist eine Heldin, Captain.“

„Das stimmt. Aber ich bin nicht völlig überzeugt davon, dass sie ihre Dämonen besiegt hat. Und offen gesagt, bin ich auch nicht davon überzeugt, dass du recht hast.“

„Seit Katrina leiden wir alle bis zu einem gewissen Grad unter posttraumatischen Belastungsstörungen. Dazu kam noch diese verdammte Ölpest im Golf, und danach eine weitere irrsinnige Hurrikan-Saison. Das war einfach zu viel.“

Er senkte den Blick auf seine Hände, dann sah er wieder Captain O’Shay an. „Und mir geht es gut.“

„Wirklich? Stacy wäre beinahe gestorben.“

Es reichte, diese Worte zu hören, zu wissen, wie wahr sie waren, damit er nicht mehr atmen konnte. Er wandte den Blick ab und bemühte sich, es vor ihr zu verbergen. Er konnte das Bild von Stacy in dem Krankenhausbett nicht abschütteln, wie sie, bleich wie die Laken, um ihr Leben kämpfte.

Doch den Versuch, seine Gefühle vor Patti O’Shay zu verbergen, hätte er sich sparen können. Sie ließ sich nicht täuschen. In ihrer Miene spiegelte sich Mitgefühl. „Wo wir gerade von Helden sprechen, der Chief verleiht Stacy die Medal of Valor.“

Die Wut verschlug ihm den Atem. Stacy war nicht einmal im Dienst gewesen. Ihre Schwester Jane war in der Stadt gewesen; sie hatten eine Sightseeing-Tour durchs French Quarter unternommen. Stacy hatte gesehen, wie ein Fremder ein Kind entführte, und hatte reagiert. Sie hatte den Mann angegriffen und zu Boden gerungen. Er hatte eine Waffe gehabt und auf sie geschossen, die Kugel hatte ihren rechten Lungenflügel durchdrungen.

Sie nannten es eine saugende Brustwunde. Mit jedem Einatmen saugte das Opfer mehr Blut in seine Lunge, mit jedem Ausatmen gab es eine schaumige Mischung aus Blut und Luft wieder ab. Und mit jedem Atemzug war das Opfer einen Schritt näher daran, im eigenen Blut zu ertrinken.

„Glaubst du, das tröstet mich?“

„Vielleicht nicht. Aber Stacy schon, und sie verdient die Auszeichnung. Sie hat dem Mädchen vermutlich das Leben gerettet. Wenn der Kerl es geschafft hätte, die Kleine in das Fahrzeug zu kriegen, nun, wir beide kennen die Statistik. Wir wissen, wie wahrscheinlich es gewesen wäre, sie lebend zurückzubekommen.“

Das wusste er in der Tat. Und er empfand einen Stolz auf Stacys schnelles Reaktionsvermögen und auf ihren Mut, den ernicht in Worte fassen konnte. Aber er wusste nicht, was er getan hätte, wenn er sie verloren hätte. Er räusperte sich. „Ich glaube an Bayle. Ich stehe zu meinem Antrag.“

„Bei dem ersten Anzeichen, dass sie wieder zusammenbricht, gehört deine Loyalität mir, diesem Department und deiner eigenen Sicherheit. Hast du das verstanden?“

„Absolut, Captain.“

„Gut. Dann ist es entschieden.“ Sie lehnte sich vor. „Father Girod war ein geliebtes Mitglied der Pfarrei der Sisters of Mercy und der gesamten Gemeinde. Er gehörte dort seit fünfzig Jahren zum Inventar. Der Medienrummel hat bereits angefangen, und es wird starken Druck geben, diesen Fall abzuschließen.“

Malone war ganz ihrer Meinung. Für beides hatte er Beweise gesehen. Bevor er den Campus der Sisters of Mercy verlassen hatte, waren Reporter sämtlicher Lokalmedien am Tatort erschienen. Sie hatten auch draußen vor der Zentrale des New Orleans Police Department gestanden, und Superintendent Serpas hatte eine Erklärung abgegeben.

Captain O’Shay fuhr fort: „Ich habe ein persönliches Interesse an dem Fall. Ich kannte Father Girod.“ Sie machte eine Pause. „Ich bin in der Gemeinde der Sisters of Mercy aufgewachsen und habe dort bis zur achten Klasse die Schule besucht. Father Girod hat mich getauft. Er hat mich getraut, und er hat mich nach Sammys Tod beraten.

Ich will, dass dieser Mistkerl, der ihn getötet hat, gefasst wird“, setzte sie hinzu. „Und ich will, dass es schnell erledigt wird.“

„Wir kriegen ihn, Tante Patti. Ich verspreche es dir.“

5. KAPITEL

Mittwoch, 10. August 07:30 Uhr

Mira hatte all ihre Kontaktpersonen bei der Sisters of Mercy und der Erzdiözese angerufen und nur wenig mehr in Erfahrung gebracht als das, was in den Medien erschienen war: Father Girod hatte einen Vandalen aufgestört und war getötet worden. Den Zugang zu den Fenstern hatte man ihr verweigert, und deshalb hatte sie das Ausmaß des Schadens nicht feststellen können. Die Kirche war ein Tatort, hatte man ihr gesagt, und bis die Polizei ihn freigab, würde man niemanden hineinlassen.

Mira hatte versucht, es zu erklären. Je eher sie sich um die Fenster kümmerte, desto besser. Aber es schien niemanden zu interessieren.

Father Girod wäre es nicht egal gewesen. Er hatte diese Fenster geliebt – vielleicht war er sogar für sie gestorben –, und sie war nicht bereit, die Hände in den Schoß zu legen.

Mira hatte ihr Bestes getan, um sich auf andere Dinge zu konzentrieren: das verschobene Interview mit dem Public Broadcasting Service, eine neue Restaurierung in Hammond, Materialbestellungen für die Werkstatt.

Geduld mochte eine Tugend sein, aber keine von ihren. Deshalb war sie jetzt hier, in der Zentrale vom New Orleans Police Department.

Sie war an Detective Spencer Malone von der der Investigative Support Division – der Abteilung für Ermittlungsunterstützung – verwiesen worden.

„Ich muss ihn sprechen“, sagte sie zu der Polizistin am Informationsschalter. „Es geht um den Father-Girod-Fall.“

Die Frau betrachtete sie einen Moment lang eingehend, dann nickte sie. „Tragen Sie sich ein.“

Sie nahm den Telefonhörer ab und wählte. „Eine Mira Gallier möchte Detective Malone sprechen. Sie sagt, es gehe um den Girod-Mord.“

Einen Augenblick später war Mira durch die Sicherheitsschleuse und auf dem Weg hinauf in den dritten Stock. Als sie aus dem Aufzug trat, kam ihr ein dunkelhaariger Mann entgegen. Er sah ungemein gut aus, und nur seine Nase bewahrte ihn davor, als hübsch durchzugehen. Sie schien einmal zu viel gebrochen worden zu sein.

Er lächelte und streckte ihr die Hand entgegen. „Detective Spencer Malone.“

Sie nahm seine Hand. Dabei stellte sie fest, dass sie ihn von irgendwoher kannte. „Mira Gallier“, sagte sie. Mühsam versuchte sie, sich zu erinnern, woher. Ohne Erfolg. An die letzten sechs Jahre konnte sie sich nur noch vage erinnern.

Sie schüttelten sich die Hand. Er winkte sie nach rechts. „Mein Büro ist hier entlang. Kann ich Ihnen einen Kaffee bringen oder …“

„Nichts. Danke.“

Sein Büro bestand aus einer Arbeitsnische mit einem vollgepackten Schreibtisch, einem Aktenschrank und zwei Stühlen.

„Nehmen Sie Platz“, sagte er, dann setzte er sich auf den Stuhl hinter dem Schreibtisch. Er legte den Kopf auf die Seite und musterte sie. „Ich glaube, wir sind uns schon mal begegnet.“

„Ich habe dasselbe gedacht. Aber ich kann es nicht unterbringen.“

„Hatten Sie viele Auseinandersetzungen mit der Polizei?“

Sie wusste, er meinte das als Scherz. Dummerweise hatte sie tatsächlich welche gehabt. „Sturmbedingt.“ Sie faltete die Hände im Schoß. „Mein Mann ist während Katrina verschwunden.“

„Sie haben ihn hoffentlich gefunden.“

„In St. Gabriel“, sagte sie und bezog sich damit auf die riesige Leichenhalle, die die Stadt übergangsweise errichtet hatte, um Katrinas Tote zu sammeln und zu untersuchen.

„Das tut mir leid.“

„Mir auch.“

Er warf ihr einen fragenden Blick zu, dann schlug er ein Notizbuch auf. „Sie sagten, Sie hätten Informationen über den Mord an Father Girod.“

„Nicht genau. Ich habe der Polizistin am Empfang erzählt, dass ich mit Ihnen darüber sprechen muss.“

Offensichtlich verärgert, legte er seinen Stift nieder,. „Gut. Wie kann ich Ihnen helfen?“

„Die Kirche soll ein Tatort sein, habe ich gehört. Aber ich muss da hinein.“

„Darf ich fragen, warum?“

„Wegen der Buntglasfenster. Ich habe sie nach Katrina restauriert. Ich weiß, sie wurden beschädigt, und ich muss den Schaden abschätzen.“

Er nickte, dann schwenkte er auf seinem Stuhl herum zu einem Stapel Aktenordner auf der rechten Seite des Schreibtischs. Er suchte einen heraus, öffnete ihn und zog mehrere Fotos hervor. Er legte sie vor Mira hin.

Sie schnappte nach Luft. Es war schlimmer, als sie befürchtet hatte. Auf einigen der Paneele bedeckte das Graffiti mindestens dreißig Prozent des Fensters. Der Smiley am Ende traf sie wie ein Tritt in die Magengrube.

Hilflose Tränen stiegen ihr in die Augen.

Sie sah auf und stellte fest, dass er sie musterte. „Sie machen sich wirklich etwas aus diesen Fenstern.“

„Es ist schwer zu erklären.“ Sie schniefte, und er reichte ihr eine Schachtel Taschentücher. Sie nahm eines und putzte sich die Nase. „Nach dem Sturm, die Verwüstung … überall in der Stadt … Nicht nur Gebäude und Fenster waren zerstört, sondern auch das Leben der Menschen. Mein Leben. Auf merkwürdige Weise war es bei jedem Fenster, das ich restauriert habe, als würde ich ein Stück von mir selber wieder zusammensetzen. Mein Blut, mein Schweiß und meine Tränen flossen in jedes einzelne davon.“ Sie zupfte ein weiteres Taschentuch aus der Schachtel und tupfte ihre Augen ab. „Dass jemand das macht, sie auf diese Art entweiht, ist obszön.“

„Haben Sie irgendeine Ahnung, wer es getan haben könnte?“ Sie blinzelte gegen die Tränen an. „Nein.“

„‚Er wird kommen, um zu richten die Lebenden und die Toten.‘ Sagt Ihnen das irgendetwas?“

„Es ist aus dem Glaubensbekenntnis“, sagte sie ohne zu zögern.

„Schauen Sie sich die Fotos sorgfältig an. Das Graffiti. Erkennen Sie es?“

Mira war kurz davor, zu fragen, nach was sie hier suchte, da kamen die Worte zum Vorschein. „Oh mein Gott.“

„Irgendeine Ahnung, warum der Kerl uns diese Botschaft hinterlassen haben könnte?“

Sie schüttelte den Kopf. „Keine.“

„Wo waren Sie letzte Nacht, Ms Gallier?“

„Entschuldigen Sie. Letzte Nacht? Warum fragen Sie das?“

„Dies ist eine Mordermittlung. Und offen gestanden, finde ich es interessant, dass Sprühfarbe auf Glasscheiben Sie so bewegt, doch der Verlust eines Menschenlebens anscheinend ganz und gar nicht.“

Vor Wut fingen ihre Wangen an zu glühen. „Das ist nicht wahr! Sie verstehen überhaupt nichts.“

Er lehnte sich lässig in seinem Stuhl zurück. „Dann bringen Sie mich dazu, dass ich es verstehe.“

„Ich bin tief bestürzt über den Mord an Father Girod. Er war ein wundervoller Mensch. Aber ich kann ihm nicht helfen.“ Sie beugte sich vor, die Hände in ihrem Schoß waren zu Fäusten geballt. „Aber ich kann die Fenster retten. Die er geliebt hat. Ihre Restaurierung, die Restaurierung seiner Kirche, war ihm wichtig.“

Mühsam brachte sie ihre Gefühle unter Kontrolle. „Je eher wir dahin kommen, desto besser. Und was die Sprühfarbe auf den Scheiben angeht: Die Hitze brennt die Farbe darauf fest, und falls Sie es nicht bemerkt haben, es ist August.“

Sie stand auf. „Ich war übrigens zu Hause. Allein. Absolut kein Alibi.“

„Eine letzte Frage“, sagte Malone. „Hasst Sie jemand genug, um Ihnen mit einer solchen Aktion wehzutun?“

Jeffs Dad, dachte sie. Aber das wäre verrückt, selbst für ihn. „Nein.“

„Ich gebe den Tatort in wenigen Stunden frei. Sie können dann in die Kirche.“

„Danke, Detective.“ Mira drehte sich um. Eine Frau stand in der Tür. Sie war hochgewachsen und blond, ihr kinnlanges Haar hatte sie aus dem Gesicht gebunden. Sie starrte sie an. Als sie den Gesichtsausdruck der Frau bemerkte, kam sich Mira vor wie ein Insekt oder wie ein Präparat im Naturkundeunterricht.

„Hallo“, sagte die Blondine.

„Ms Gallier, meine Partnerin, Detective Karin Bayle.“

„Schön, Sie kennenzulernen“, sagte Mira.

„Gleichfalls.“ Die Frau lächelte.

Mira schaute wieder zu Detective Malone. „Danke für Ihre Hilfe.“

„Nehmen Sie meine Karte.“ Er stand auf und kam um den Schreibtisch herum. „Wenn Ihnen noch etwas einfällt, rufen Sie mich an.“

6. KAPITEL

Mittwoch, 10. August 08:00 Uhr

„Morgen, Partner“, sagte Spencer und winkte Bayle hinein. „Perfektes Timing.“

„Ich wäre früher hier gewesen“, sagte sie, „aber Captain O’Shay wollte sich zuerst mit mir treffen. Sie ist nicht davon überzeugt, dass ich hundertprozentig gesund bin.“

„Bist du es?“

Ruhig begegnete sie seinem Blick. „Absolut.“

„Gut. Wir haben Arbeit vor uns.“

„Bevor wir … Schau mal, Spencer, danke. Dass du mich übernommen hast.“

Auf ihren Dank hin winkte er ab. „Ich tue das gerne. Außerdem brauche ich einen Partner.“

Sie senkte den Blick und verzog bedauernd das Gesicht. „Alles, was passiert ist, tut mir wirklich leid.“

„Du musst nicht darüber reden.“

„Ich möchte es aber. Es ist der sprichwörtliche Elefant mitten im Zimmer. Ich bin durchgedreht. Ich habe das Vertrauen meines Partners gebrochen und wurde beurlaubt.“ Sie sah ihn an. „Ich bin froh, dass das Department mich wieder genommen hat.“

„Du bist wieder da, weil du eine gute Polizistin bist“, sagte er sanft. „Aber du bist auch ein Mensch.“

„Danke.“ Sie lachte mürrisch. „Sag das all den Leuten da draußen. Ich war kein willkommener Anblick heute Morgen. Du wirst sicher davon hören.“

„Das kann ich verkraften.“

„Gut.“ Sie wies mit dem Daumen zu der jetzt leeren Tür. „Worum ging es denn?“

„Ihr Name ist Mira Gallier. Sie ist hergekommen, um mit mir über den Sisters-of-Mercy-Fall zu sprechen. Über die Fenster eigentlich. Sie hat sie nach dem Sturm restauriert und hat sich Sorgen darum gemacht.“

„Nicht darum, dass Father Girods Mörder gefunden wird? Seltsam.“

„Das habe ich auch gedacht. Sie hat mir gesagt, ich würde das nicht verstehen.“

„Glaubst du, sie steht damit irgendwie in Zusammenhang?“

Er spitzte den Mund und schüttelte den Kopf. „Ich glaube nicht, aber ich schließe nichts aus.“

„Klär mich auf.“

Sie ließ sich ihm gegenüber nieder, und er reichte ihr die Fallakte. Während er sprach, blätterte sie durch seine und Tonys Notizen. Als er innehielt, schaute sie zu ihm auf. „Ich glaube, das war kein Zufall.“

„Ich denke dasselbe. Wir haben schon die wichtigsten Akteure befragt. Ich denke, wir sollten das Netz erweitern.“

Sie neigte zustimmend den Kopf. „Ein wütender Vater oder eine wütende Mutter. Vielleicht ein Gemeindemitglied, das mit dem Pater ein Hühnchen zu rupfen hatte. Oder gar ein Schüler. Die Sisters-of-Mercy-Schule führt bis zum Highschoolabschluss, vielleicht hat jemand nicht bestanden. Möglicherweise hatte er einen ziemlichen Groll gegenüber der Schule und war auf Rache aus. Wollte es ihnen mal so richtig heimzahlen, mit Sprühfarbe auf ihren wertvollen Fenstern …“

„Hat aber nicht damit gerechnet, dass Father Girod ihn auf frischer Tat ertappt.“

„Und schlimmer, da der Priester ihn erkennt, kann er nicht einfach weglaufen.“

„Er bekommt Panik und schlägt dem alten Mann den Schädel ein.“

„Genau das dachte ich auch.“ Sie lächelte. „Diese Partnerschaft könnte funktionieren.“

Er erwiderte ihr Lächeln. Dann stand er auf. „Ich habe das nie bezweifelt. Wir halten es beide mit Stacy aus, also können wir uns bestimmt auch gegenseitig aushalten, oder?“

„Bist du sicher, dass das nicht anders herum sein müsste?“ Sie stand ebenfalls auf. „Dass Stacy es mit uns beiden aushält?“

Er schnitt eine Grimasse. „Dann helfe uns beiden Gott.“

Schweigen senkte sich über das Großraumbüro, als sie hindurchgingen. Kleinkariert, dachte Malone. Als hätte nicht jeder von ihnen reichlich Mist gebaut.

„Was?“ Er blieb stehen und schaute sich um. „Gibt es ein Problem?“

Da er nicht mit einer Antwort rechnete, drehte er sich wieder um und verließ den Raum.

„Das musstest du nicht machen“, sagte sie.

„Ich hätte es mir für nichts in der Welt entgehen lassen.“

„Kein Wunder, dass Stacy so glücklich ist“, sagte sie leichthin. „Wie geht es ihr? Ich habe gestern bei euch zu Hause vorbeigeschaut. Deine Mom sagte, sie würde schlafen, daher konnten wir uns nicht unterhalten.“

Er spürte, wie er nervös wurde, spürte den vertrauten Knoten, der sich in seiner Brust bildete. „Stetig besser. Wäre es anders, wäre ich nicht hier.“

„Irgendeine Ahnung, wann sie wieder im Dienst sein wird?“

„Die Ärzte sind sich nicht sicher. Vermutlich Ende des Monats. Wenn es nach ihr ginge, käme sie früher zurück.“

Bayle lächelte. „Das ist die Stacy, die ich kenne und liebe.“

So ging es ihm auch. So lästig ihre Dickköpfigkeit sein konnte, er liebte sie dafür.

„Ich weiß, es ist hart gewesen“, murmelte sie. „Tut mir leid, dass ich davon angefangen habe.“

„Das muss es nicht. Hast mich nur fast zu Tode erschreckt, das ist alles.“ Er unterbrach sich. „Hätte ich sie verloren, hätte ich wohl auch den Verstand verloren.“

Sie traten in den leeren Aufzug. Als die Türen zuglitten, sah sie ihn an. „Das verstehe ich“, sagte sie. „Vollkommen.“

7. KAPITEL

Donnerstag, 11. August 09:05 Uhr

Sie begannen mit der Kirchensekretärin. Malone hatte ein ums andere Mal gesehen, dass die Person, die den Empfang besetzte, die am besten informierte Person eines Unternehmens war. Nicht, was interne Regeln und ungeschriebene Gesetze anging oder die finanziellen Details, sondern die Menschen, die Persönlichkeiten, Konflikte und Dramen.

Kirchen waren pikanterweise oft Brutstätten der letzten zwei. Malone vermutete, das lag daran, weil man als Mitglied einer Kirchengemeinde so etwas wie ein Familienmitglied war – und niemand ging einem mehr auf die Nerven als die eigenen Brüder und Schwestern.

Vicky Gravier saß in der Kirche der Sisters of Mercy an vorderster Front. Alles, was geschah, sickerte irgendwann zu ihr durch. Im Moment war ihr Büro ruhig.

Sie schaute auf, als sie eintraten. Ihre Augen waren rot und vom Weinen verquollen.

„Ms Gravier? Ich bin Detective Malone. Und dies ist meine Partnerin, Detective Bayle.“

Sie nickte. „Ich erinnere mich an Sie, von gestern.“ Tränen stiegen ihr in die Augen, und sie griff nach einem Taschentuch aus der Schachtel auf ihrem Schreibtisch. „Ich habe einfach nicht aufhören können zu weinen.“

„Ihr Verlust tut uns sehr leid.“

„Es ist der Verlust von uns allen.“ Sie schnäuzte sich geräuschvoll die Nase. „Er war praktisch ein Heiliger. Alle haben ihn geliebt.“

„Ms Gravier …“

„Vicky, bitte. So nennen mich alle. Außer den Kindern. Die müssen Ms Vicky zu mir sagen.“

„Gut, Vicky.“ Er lächelte. „Wie Sie wissen, versuchen wir, den Kerl zu fassen. Wer auch immer das getan hat, wir wollen ihn seiner gerechten Strafe zuführen. Wir hoffen, Sie können uns helfen.“

„Ich versuch’s.“ Sie tupfte ihre Augen ab. „Wie kann ich helfen?“

„Gestern haben Sie mir erzählt, Sie würden seit sechs Jahren als Gemeindesekretärin für die Sisters of Mercy arbeiten.“

„Ja. Ich habe die Stelle übernommen, als Bea pensioniert wurde.“

„Ich schätze, in Ihrer Position wissen Sie ziemlich viel über die Leute, die zum Gottesdienst in die Sisters of Mercy kommen.“

„Es ist eine riesige Gemeinde“, sagte sie. „Aber ja, wenn es regelmäßige Gottesdienstbesucher sind, kenne ich ihre Namen.“

„Und vermutlich sind Sie auch über alles im Bilde, was sich hier so tut.“

Sie nickte. „Absolut. Das gehört zu meiner Arbeit. Allerdings beinhaltet das nicht, was an der Schule vor sich geht. Die haben ihre eigene Ms Vicky.“

„Heißt sie auch so?“

Die Sekretärin wurde rot. „Nein, ihr Name ist Anna Hebert. Ich meinte, jemanden wie mich.“

„Verstanden.“ Malone lächelte. „Wahrscheinlich wissen Sie auch, wann die Leute unglücklich sind oder sich beklagen. Und warum sie das tun. Habe ich recht?“

Plötzlich schien sie sich unbehaglich zu fühlen. „Ja. Aber ich bin nicht neugierig. Ich bin einfach nur immer hier.“

„Genau. Darum sind Detective Bayle und ich zu Ihnen gekommen. Wir glauben Folgendes. Dieses Verbrechen war kein Zufall.“ Vicky sah verwirrt aus, und er erklärte es ihr. „Das bedeutet, wer immer das getan hat, hat die Sisters of Mercy eigens ausgewählt, um sie zu verwüsten.“

Bayle schaltete sich ein. „Wir haben den starken Verdacht, dass der Täter jemand sein könnte, der das Gefühl hat, er hätte mit der Kirche oder mit Father Girod ein Hühnchen zu rupfen. Fällt Ihnen da jemand ein?“

„Ich weiß nicht.“ Vicky schüttelte den Kopf. „Es gibt immer Leute, die Probleme damit haben, wie die Dinge getan werden. Das liegt in der Natur der Gemeinde.“

„Was für Probleme?“

„Sie wissen schon, wie das Geld ausgegeben wird. Das ist ein großes Thema. Beschwerden darüber, wer in den verschiedenen Komitees sitzt, welche Tätigkeiten der Gemeinde gefördert werden. Sogar, für wen der Pater betet oder wie lange er braucht, um einen Hausbesuch zu machen. Es kann ziemlich albern werden.“

„Dann wollen wir mit dem Geld anfangen. Hatte jemand ein Problem damit, dass die Buntglasfenster nach dem Sturm restauriert wurden?“

Vicky dachte einen Moment nach. „Die Versicherung hat den Löwenanteil bezahlt, dazu hatten wir einen Gönner, der den Rest aufgebracht hat. Mir kam es so vor, als hätte es im Gemeinderat einige Mitglieder gegeben, die den Pater drängten, das Versicherungsgeld für andere Nachbesserungen zu verwenden, aber sie wurden überstimmt. Es gab einen ziemlichen Unmut darüber.“

„Wie sehr? Glauben Sie, diese Leute könnten so wütend gewesen sein, dass sie die Fenster beschädigten, um sich an der Kirche rächen?“

„Ich will nicht tratschen. Das ist Sünde, wissen Sie.“

„Die Wahrheit zu sagen ist kein Tratschen“, sagte Malone. „Und ich kann nicht für Gott sprechen, aber Ihr Wissen mit uns zu teilen, damit wir einen Mörder fassen können, scheint mir wohl kaum eine Sünde zu sein.“

Sie sah erleichtert aus. „Es gab zwei Gemeindemitglieder, die besonders heftig protestiert haben. Eines hat über dem Streit die Gemeinde verlassen. Aber ich kann mir nicht vorstellen, dass einer von ihnen so etwas macht.“

„Wie lange ist das her?“

„Mindestens drei Jahre.“

„Könnten wir ihre Namen haben und wie sie zu erreichen sind?“

„Sicher. Warten Sie einen Moment.“

Sie fragte die Informationen im Computer ab und schrieb die Namen und Adressen auf. Sie schob den Zettel über den Schreibtisch. „Paul Snyder ist der Herr, der die Sisters of Mercy verlassen hat. Das ist die letzte Adresse, die wir von ihm haben.“

Malone bedankte sich bei ihr, dann fuhr er fort. „Lassen Sie uns mal ganz generell nachdenken. Gab es irgendwelche Streitereien zwischen der Kirche oder Father Girod und Gemeindemitgliedern in der letzten Zeit? Irgendwelche Missverständnisse, verletzte Gefühle oder andere Dramen? Irgendetwas, was Sie auf den Gedanken brächte, es könnte vielleicht mit dem Vandalismus und dem Mord zusammenhängen?“

Sie überlegte einen Moment. „Wir hatten da kürzlich eine Situation. Es ging um ein langjähriges und treues Gemeindemitglied. Der Mann war wütend auf Father Girod, sagte, er hätte nicht genug getan, um seinem Sohn zu helfen.“

„Was ist passiert?“, fragte Bayle.

„Sein Sohn starb bei einem Autounfall. Er war erst einundzwanzig.“ Vicky bekreuzigte sich. „Es war eine schreckliche Tragödie, und wir waren alle untröstlich.“

„Warum sollte er Father Girod die Schuld an einem Unfall geben?“

„Tim, das war der Name des Jungen, hatte seit Jahren mit Alkohol und Drogenmissbrauch gekämpft. Eines Nachmittags rief sein Vater hier an und fragte nach Father Girod. Er hatte Angst. Timmy hatte irgendeine Droge genommen und schwankte zwischen wahnsinnig emotional und aggressiv. Father Girod konnte Tim immer erreichen.“ Sie fing wieder an zu weinen. „So war er. Da war dieser Friede, der von ihm ausströmte und jeden in seiner Nähe umgab.“

Sie räusperte sich. „Father Girod kam nicht schnell genug dorthin. Tim machte sich in seinem Auto davon, verlor die Kontrolle und fuhr geradewegs gegen einen Baum. Er starb beim Aufprall.“

Malone wechselte einen Blick mit Bayle. Sie neigte den Kopf ein klein wenig und stimmte ihm schweigend zu. Das war eindeutig jemand, mit dem sie sprechen wollten, je eher, desto besser.

„Wie lange ist das her?“, fragte Malone.

„Einige Monate, mehr nicht. Lassen Sie mich sehen … die Beerdigung war an demselben Wochenende wie die Highschool-Abschlussfeier. Es hat das Ganze umso trauriger gemacht. Junge Menschen, die ein neues Leben beginnen, weitergehen … Und der arme Tim Thibault … sein Leben war zu Ende.“

„Wir brauchen die Namen von Vater und Mutter. Die Namen von Geschwistern, wenn es welche gibt. Ihre Adressen.“

„Earl und Joy. Tim war ein Einzelkind.“ Ihr Gesicht legte sich vor Kummer in Falten. „Muss ich? Sie trauern noch, und es erscheint mir nicht richtig, irgendetwas zu tun, was ihren Schmerz vergrößert.“

„Ja, Vicky, Sie müssen. Aber wir werden behutsam sein, das verspreche ich.“

8. KAPITEL

Donnerstag, 11. August 10:10 Uhr

Bevor sie den Campus der Sisters of Mercy verließen, statteten sie Vickys Pendant in der Schule einen Besuch ab. Anna Hebert war genauso mitteilsam wie Vicky und übergab ihnen Namen von etlichen verärgerten Eltern sowie die Namen von einem halben Dutzend Schüler, die ständig in Schwierigkeiten zu stecken schienen.

Von allen Hinweisen schien Earl Thibault der zwingendste zu sein. Malone und Bayle einigten sich darauf, ihm und seiner Frau als Erstes einen Besuch abzustatten.

Die Familie wohnte in der Carrollton Avenue, nahe des City Parks. Das Haus war ein erhöhter Bungalow mit Bogenfenstern und einer breiten Veranda vor dem Eingang, ein in dieser Gegend üblicher Baustil. Das Haus hatte nichts Eindrucksvolles oder Pompöses an sich, aber es war solide – und vollkommen bürgerlich.

Langsam stiegen sie die Treppe hinauf, und Malone nutzte den Augenblick, um sich zu wappnen. Einem trauernden Vater oder einer trauernden Mutter gegenüberzutreten, war eines der schwierigsten Dinge, die er zu tun hatte. Er selbst war kein Vater, aber er konnte sich vorstellen, wie unglaublich tief der Schmerz sein musste, ein Kind zu verlieren. Und in diesem Fall auch bitter.

Sie erreichten die Veranda, und er schaute zu Bayle. „Du oder ich?“

„Du“, sagte sie knapp.

Er nickte und läutete die Türglocke. Eine Frau öffnete ihnen. Sie trug farbbespritzte Shorts, ein T-Shirt und Gartenclogs.

„Mrs Joy Thibault?“

„Ja?“

„Detectives Malone und Bayle, NOPD.“ Er zeigte ihr seinen Dienstausweis, Bayle tat dasselbe. „Wir müssen Ihnen und Ihrem Mann ein paar Fragen stellen.“

Ihr Blick wanderte zwischen ihnen hin und her. „Worüber?“

„Den Mord an Father Girod.“

„Kommen Sie herein. Es ist zu heiß hier draußen.“ Sie trat zur Seite, damit sie hineingehen konnten, dann schloss sie die Tür hinter ihnen.

Der Geruch nach frischer Farbe warf ihn fast um. Malone lächelte die Frau an. „Renovieren Sie gerade?“

„Wir müssen uns beschäftigen. Wir beide.“ Sie winkte ihnen, ihr zu folgen.

Sie landeten in einer großen hellen Küche. „Setzen Sie sich. Kann ich Ihnen ein Glas Eistee oder Wasser bringen?“

Sie lehnten beide ab. Sie schenkte sich selbst einen Eistee ein und wandte sich ihnen zu. „Armer Father Girod. Er war ein freundlicher, liebevoller Mann. Wirklich ein Mann des Glaubens.“ Sie wurde einen Moment still. „Dass Sie hier auftauchen, überrascht mich nicht.“

„Und warum, Mrs Thibault?“

„Sie suchen nach jemandem, der auf die Kirche oder Father Girod wütend gewesen sein könnte. Mein Mann passt sicher auf diese Beschreibung.“

„Was ist mit Ihnen, Mrs Thibault? Passen Sie nicht auch darauf?“

„Nein. Ich habe vor einiger Zeit meinen Frieden mit dem Weg gemacht, für den sich unser Sohn entschieden hat. Ich habe es nicht einfach stillschweigend gutgeheißen oder akzeptiert, aber ich musste loslassen.“ Ihre Stimme wurde heiser, und sie entschuldigte sich und ging, um ein Taschentuch zu holen. „Das heißt nicht, dass ich ihn aufgegeben habe oder aufgehört habe, ihn zu lieben. Das habe ich nicht. Ich habe es nur einfach Gott überlassen.“

„Ihr Verlust tut mir leid.“

„Danke.“ Sie tupfte sich mit dem Taschentuch die Nase ab. „Aber Earl konnte das nicht. Er konnte nie aufgeben. Und er gibt sich immer noch die Schuld.“

„Ist Ihr Mann da?“

„Ja.“ Sie nahm einen Schluck Tee, und das Eis klirrte, als sie das Glas kippte. „Ihm wurde vor Kurzem gekündigt. Ein Teil von mir ist wütend darüber. Er hat sechzehn Jahre für diese Firma gearbeitet. Und nach all der Arbeit, nachdem er seinen einzigen Sohn verloren hat, kündigen sie ihm?“ Sie schüttelte den Kopf. „Aber Gott hat einen Plan, nicht wahr? Und ich muss darauf vertrauen, dass dieser Plan uns zu etwas Gutem führt.“

Sie lachte verlegen. „Ich sehe es Ihnen am Gesicht an. Sie denken, ich wäre entweder vor Trauer verwirt oder schrecklich naiv.“

Malone schüttelte den Kopf. „Wohl kaum, Mrs Thibault. Die Wahrheit ist, ich wünschte, ich könnte so glauben.“

Sie lächelte schwach. „Ich wünschte auch, dass Sie das könnten, es ist ein wunderbares Gefühl. Ich werde für Sie beten, Detective.“

Malone blickte zu Bayle und merkte, dass seine Partnerin die Frau sehnsüchtig ansah. Gleichzeitig schien es, als wäre die Frau für sie irgendeine seltsame mythische Kreatur. Völlig fremd und doch faszinierend. Er fragte sich, an was sich Bayle klammerte, das sie so verzweifelt loslassen wollte.

„Ihr Mann“, erinnerte Malone sie. „Wir müssen ihm ein paar Fragen stellen.“

„Natürlich. Ich hole ihn.“

Sie kehrte nach ein paar Minuten zurück – ohne ihren Mann. Sie winkte sie zu sich herüber. „Folgen Sie mir.“

Ihr Mann saß auf einem Computerstuhl in einem Zimmer, das offensichtlich seinem Sohn gehört hatte. Die ganzen Möbel waren von den Wänden in die Mitte gerückt. Abdeckplanen bedeckten den Boden und einige Möbelstücke. An den Wänden war eine frische Schicht zitronengelber Farbe.

„Sie hat sein Zimmer gestrichen“, sagte er. „Es riecht gar nicht mehr nach ihm.“

„Mr Thibault. Ich bin Detective Malone und dies ist Detective Bayle, NOPD.“

„Ich weiß, wer Sie sind. Joy hat es mir gesagt.“

„Wir müssen Ihnen einige Fragen stellen.“

Der Mann antwortete nicht, also fuhr Malone fort. „Wissen Sie, dass jemand am frühen Dienstagmorgen die Fenster des Altarraums der Sisters of Mercy beschädigt hat? Und dass diese Person auch Father Girord ermordet hat?“

„Ich habe davon gehört.“

„Wo waren Sie Dienstagnacht, Mr Thibault?“

„Hier.“

„Zu Hause?“

„Nein“, korrigierte er. „Hier. In Timmys Zimmer.“

„Darf ich Ihre Hände sehen, Mr Thibault?“

Er hielt sie ihm entgegen. Sie zitterten leicht. Die Sprühfarbe hätte ziemlich viele Rückstände an den Fingern hinterlassen, unter den Nägeln und am Nagelbett. Es wäre fast unmöglich, alle Spuren zu beseitigen, selbst mit Lösungsmittel.

Malone inspizierte die Hände des Mannes sorgfältig. Sie waren sauber.

„Ich habe es nicht getan. Ich wünschte, ich hätte. Vielleicht würde ich mich besser fühlen.“

„Das ist nicht dein Ernst, Earl.“

Er sah seine Frau an, sein Gesicht war blank vor Schmerz.

„Sag mir nicht, was ich meine, du weißt doch gar nichts.“

Malone schaute auf ihre gekränkte Miene. Sie weiß es sehr wohl, dachte er. Und lebt in ihrer ganz persönlichen Hölle.

„Wir haben gehört, dass Sie Father Girod die Schuld am Tod Ihres Sohnes gaben.“

Earl seufzte tief auf und schauderte dabei. „Manchmal hilft es, jemand anderen verantwortlich zu machen.“

„Warum ist das so, Mr Thibault?“

„Weil man in diesem Augenblick aufhört, sich selbst verantwortlich zu machen.“ Er fing an zu weinen, ganz leise. Seine Schultern bebten.

Malone warf Bayle einen Blick zu und schüttelte den Kopf. Hier war kein Zorn, nur Trauer.

„Danke, Mr Thibault. Entschuldigen Sie, dass wir Sie gestört haben.“

Der Mann antwortete nicht, und Joy Thibault begleitete sie hinaus. Als sie die Tür erreichten, wandte sich Malone zu ihr. „Ich frage es nur ungern, aber könnte ich Ihre Hände sehen?“

Schweigend hielt sie sie ihm hin. Zitronengelbe Farbflecken übersäten ihre Hände, die Handgelenke und Unterarme. Ansonsten waren sie sauber.

„Wären Sie und Ihr Mann einverstanden, Fingerabdrücke abzugeben? Wir könnten Sie beide dann offiziell als Verdächtige ausschließen.“

Sie sah überrascht aus, nickte aber. „Alles, was hilft.“

Er bedankte sich, und sie gingen zum Auto, und sprachen erst wieder, als sie angeschnallt im Wagen saßen. Bayle schaltete auf Fahren und rollte vom Straßenrand fort.

Sie sah ihn an. „Wollt ihr beide, du und Stacy, Kinder haben?“

„Nach dem hier tendiere ich zu Nein.“

„Die Welt ist so scheißverkorkst.“

„Little Miss Sunshine, immer gut drauf.“

„Bist du anderer Meinung?“

„Ich bleibe lieber hoffnungsvoll.“

„Wie Mrs Thibault dahinten.“

Er sah Bayle an, überrascht von der Wut in ihrer Stimme. „Es funktioniert für sie. Und offen gesagt, wenn ich mich zwischen seiner Einstellung und ihrer entscheiden müsste, gewinnt ihre. Locker.“

Sie wechselte das Thema. „Wohin jetzt?“

„Zum nächsten Namen auf der Liste.“

9. KAPITEL

Donnerstag, 11. August 23:50 Uhr

Mira stand da und starrte auf die Fenster der Sisters of Mercy. Sie und Deni hatten, unterstützt von Denis Freund Chris, in den vergangenen sechsunddreißig Stunden fast ununterbrochen an ihnen gearbeitet. Der einzig verbleibende Beweis der Verwüstung war der durchdringende Geruch des Azetons, das sie zum Reinigen verwendet hatten.

„Wir haben es geschafft“, sagte sie leise und schaute zu Deni, die neben ihr stand. „Ich komme mir vor, als hätte ich gerade einen Kampf mit dem Teufel ausgefochten und gesiegt.“

Ihre Freundin sah sie an und lächelte. „Das ist ein großartiges Gefühl, nicht wahr?“

„Ja. Und würde nicht jeder Teil meines Körpers lauthals protestieren, würde ich sogar fröhlich tanzen.“

„Zu müde für die Corner Bar?“

Der Reinigungsprozess war mörderisch gewesen, ein sowohl körperliches wie mentales Fitnesstraining. Die Atemschutzmasken waren unnatürlich und unhandlich zu tragen, ihr Oberkörper tat weh von den monotonen Bewegungen beim Säubern der Fenster, ihr Rücken und ihre Füße schmerzten, nachdem sie anderthalb Tage auf der Leiter balanciert hatte, und ihre Augen brannten von der Anstrengung, nicht einen einzigen Fleck der Sprühfarbe zu übersehen.

Trotzdem wusste Mira, dass sie jetzt unmöglich schlafen konnte. „Machst du Witze? Ein Drink ist ein Muss in diesem Moment.“

„Mein Gott, sie sind wirklich schön“, sagte Chris, der neben ihnen auftauchte. „Father Girod würde sich freuen.“

Mira lächelte ihn an. „Ich stelle mir lieber vor, dass er es wirklich tut.“

Deni hakte sich bei Chris unter. „Wir denken gerade über Alkohol nach.“

„Soll mir recht sein“, sagte er. „Die Corner Bar?“

„Wohin denn sonst.“

„Der Truck ist beladen“, sagte er. „Alles ist da, bis auf eure Overalls.“

„Dann lasst uns gehen“, sagte Mira.

Die zwei verließen die Kirche vor ihr. Sie stellte die Alarmanlage an, vergewisserte sich dann, dass die Tür abgeschlossen war, und traf sich mit ihnen beim Truck. Nachdem sie ihre Overalls ausgezogen und verstaut hatten, kletterten sie in das Fahrzeug, Chris auf den Fahrersitz und Deni in die Mitte. Die Corner Bar, ein passender Name, denn sie lag an der Ecke Willow und Dublin Street, war ein echter Nachbarschaftstreff. Alle Stammkunden wohnten oder arbeiteten in Laufweite. Und dazu gehörten auch Mira und ihre Crew – die Werkstatt befand sich nur ein paar Blocks weiter.

Als sie hineingingen, rief ihnen der Besitzer eine Begrüßung zu. Sie erwiderten sie und schlenderten zur Bar hinüber.

„Wie geht’s, Sam?“

„Ganz gut. Das Geschäft läuft.“ Der Barkeeper wischte den Tresen ab. „Wieso seid ihr drei noch so spät unterwegs?“

„Wir feiern, dass wir gute Arbeit geleistet haben“, antwortete Chris und schob sich auf einen der Barhocker.

„Wir haben die Fenster in der Sisters of Mercy restauriert“, fügte Deni hinzu.

Sams Gesicht legte sich in Falten. „Armer Father Girod. Er war wirklich ein toller Mann.“

„Ja, das war er“, stimmte Mira zu und nahm den Hocker neben Deni. „Woher hast du ihn gekannt?“

„Ich bin mein ganzes Leben in die Sisters of Mercy gegangen. Er hat meine beiden Kinder getauft und Marys Beerdigung geleitet. Möge sie in Frieden ruhen.“ Er bekreuzigte sich, dann wandte er sich dem Grund ihres Besuchs zu. „Das Übliche?“

Als sie alle nickten, machte er sich daran, zwei Cosmos für Mira und Deni zu mixen und eine Flasche Abita Amber für Chris aus dem Kühlschrank zu holen. Zusammen mit einer Schale Salzbrezeln stellte er die Drinks vor sie hin. „So alt Father Girod auch war, nach Katrina stand er draußen in der Hitze und half in den von der Flut zerstörten Häusern. Könnt ihr euch das vorstellen?“

Nein, das konnten sie nicht, und nachdem sie sich noch ein paar Minuten unterhalten hatten, entschuldigte er sich, um einen anderen Kunden zu bedienen. Mira hob ihr Glas. „Auf euch beide, dafür, dass ihr euch den Hintern abgearbeitet habt. Ich hätte es ohne euch nicht geschafft.“

„Stimmt, das hättest du nicht“, stimmte Deni zu. „Sklaventreiberin.“

Mira lachte. „Ich bin etwas anstrengend, wenn es um meine Fenster geht.“

„Ich hab es sehr gerne gemacht“, sagte Chris. „Ich hatte das Gefühl, ich würde wirklich etwas Wichtiges tun. Ihr wisst schon, etwas bewirken.“

Deni sah ihn an und grinste breit. „Ist das nicht cool! Ich wusste, du würdest es mögen!“

Chris war eine großartige Entdeckung, und es war Deni gewesen, die ihn gefunden hatte. Chris war Zimmermann und Mädchen für alles für die Erzdiözese New Orleans. Deni hatte ihn kennengelernt, als sie Vorbereitungsarbeiten für ein Fenster in St. Rita’s erledigte. Sie hatten sich von Anfang an gut verstanden und bald darauf angefangen, miteinander auszugehen.

„Dass du bei uns bist, hat wirklich etwas bewirkt, Chris“, sagte Mira. „Danke.“

„Heißt das, wir können morgen ausschlafen?“, fragte Deni hoffnungsvoll.

„Ja. Nimm dir den ganzen Tag frei, wenn du willst.“

„Du solltest mich eigentlich besser kennen, aber ein paar extra Stunden Schlaf wären nicht schlecht.“

Chris und Deni fingen an, über ihre Pläne fürs kommende Wochenende zu sprechen; Mira wurde still, nippte an ihrem Drink und hörte ihnen zu. Sie musste an Jeff denken, und dass es mit ihm auch so gewesen war – sie waren vollkommen ineinander versunken gewesen, in ihrem Dasein als Paar. Sie fragte sich, ob sie wohl je wieder so empfinden würde.

„Alles in Ordnung mit dir, Mira?“

Sie sah Chris an und merkte, wie lange sie geschwiegen hatte. Und wie erschöpft sie plötzlich war.

„Ich möchte keine Spielverderberin sein, aber ich kann auf einmal kaum noch meine Augen offenhalten. Und im Unterschied zu euch muss ich früh aufstehen wegen eines Termins bei Dr. Jasper.“

Ihre Therapeutin, die sie durch die tiefsten und dunkelsten Zeiten begleitet hatte, im Guten wie im Schlechten.

„Soll ich dich nach Hause fahren?“, fragte Chris. „Ich könnte dich morgens abholen?“

„Und nicht ausschlafen? Auf keinen Fall. Bring mich einfach zur Werkstatt; mein Wagen kennt den Weg von dort aus.“

Für einen Moment schien er etwas einwenden zu wollen, aber er tat es nicht. Sie verabschiedeten sich von Sam und gingen nach draußen.