Zu schnell - John Boyne - E-Book

Zu schnell E-Book

John Boyne

4,6
5,99 €

Beschreibung

Ein neuer Roman von Bestsellerautor John Boyne Es gibt sie, diese winzigen Momente, die ein Leben für immer verändern. Für Danny und seine Familie kommt ein solcher Moment, als Dannys Mutter einen kleinen Jungen mit dem Auto anfährt. Quälende Schuldgefühle lassen sie nicht mehr los, die Familie droht auseinanderzubrechen. Der Text besticht durch eine spannende Handlung und die großartig eingefangene Atmosphäre. John Boyne erzählt unmittelbar aus der Sicht des zwölfjährigen Danny und schafft so einen eindringlichen Roman über Schuld, Schicksal und die Kunst, zu verzeihen.

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 91




John Boyne

Zu schnell

Aus dem Englischen von Adelheid Zöfel

Fischer e-books

Kapitel 1

Alles begann an einem Mittwochabend im Juli, kurz nachdem die Schulferien angefangen hatten.

Ich spielte den ganzen Nachmittag mit Luke Kennedy Fußball. Luke wohnte mit seiner Mutter und deren Freund im Haus neben uns. Sein Vater lebte nicht mehr bei ihnen – er war vor zwei Jahren ausgezogen, am Tag nach Lukes zehntem Geburtstag. Um bei Luke für gute Stimmung zu sorgen, hat er ihn dann am Wochenende mit ins Stadion genommen. Zu dem Spiel Norwich gegen Arsenal. Norwich verlor.

Niemand war da, als ich nach Hause kam. Das fand ich komisch. Es war erst halb fünf, und ich wusste, dass Dad frühestens in einer Stunde heimkommen würde, aber meine Mutter war um diese Uhrzeit normalerweise nicht unterwegs. Ich ging in die Küche, holte die Milch aus dem Kühlschrank und trank direkt aus der Packung. Es gefiel mir, allein im Haus zu sein. Am besten war das allerdings kurz vor Weihnachten, wenn ich nach versteckten Geschenken fahnden konnte. Im Sommer gab es nicht so viel zu tun.

Ich ging nach oben. Vor Petes Zimmer blieb ich stehen. Seit Oktober war Pete auf der Universität, und eigentlich sollte er jetzt im Sommer hier sein, um in Dads Geschäft zu arbeiten, aber vor ein paar Tagen hatte er angerufen und gesagt, er wolle lieber mit dem Zug quer durch Europa fahren, zusammen mit seinen Freunden.

»Das ist mal wieder typisch«, knurrte Dad nach dem Anruf. »Er verspricht etwas, und dann hält er sich nicht daran.«

»Er ist doch noch jung«, sagte Mam. »Da kannst du ihm keine Vorwürfe machen.« Sie setzte sich immer für Pete ein, weil er ihr Liebling war. Alle Leute sagten, er würde aussehen wie ein Filmstar und könnte sogar einen Elefanten um den Finger wickeln.

»Mach dir nichts draus«, sagte meine Großmutter einmal zu mir. »Du bist der Klügste in der Familie, und im Grund ist es gar nicht so wichtig, wie man aussieht.«

Das hat mir viel geholfen.

Pete hat seine Sachen größtenteils mitgenommen. Vor allem die guten. Ich hatte zum Beispiel gehofft, er würde seine Anlage dalassen, weil sie besser war als meine, aber der Wunsch ging leider nicht in Erfüllung. Auch seine CDs hat er fast alle weggeschleppt, nur die blöden neben der Tür gestapelt. Sein Schrank war so gut wie leer. Die Kleiderbügel erinnerten mich an Skelette.

Oben auf dem Schrank hatte er einen Karton verstaut, mit den Sachen, die er behalten, aber nicht mitnehmen wollte. Der Karton war mit Klebeband verschlossen, aber ich hatte ihn mal geöffnet und mir die Zeitschriften angeschaut, die Pete darin aufbewahrte. Am nächsten Tag kaufte ich neues Klebeband, damit ich immer, wenn ich Lust auf die Zeitschriften hatte, den Karton öffnen konnte. Und weil ich ihn jedes Mal wieder ordentlich zuklebte, merkte es niemand.

Ich setzte mich aufs Bett. Ach, wenn Pete doch hier wäre! Ich hätte so gern mit ihm geredet. Er war nicht wie die großen Brüder, die ich sonst so kannte. Die gingen alle noch in die Schule und interessierten sich null für ihre jüngeren Brüder. Pete war da ganz anders.

Dann ging ich in mein Zimmer und schaute aus dem Fenster: Luke Kennedy schraubte an seinem Fahrrad herum und führte dabei Selbstgespräche. Gerade überprüfte er, ob der Hinterradreifen irgendwo ein Loch hatte. Ich wollte nicht, dass er mich sah, deshalb kniete ich mich hin und beobachtete ihn, bis er ins Haus ging.

Es dauerte ziemlich lang, bis mir der Gedanke kam, dass vielleicht irgendwas nicht stimmte.

»Ah, da bist du«, sagte Dad, als er heimkam. Ich hatte es mir inzwischen auf dem Sofa vor dem Fernseher bequem gemacht. »Wie war dein Tag?«

»Nicht übel«, antwortete ich. »Zuerst sind Luke und ich eine Weile mit dem Fahrrad durch die Gegend gefahren, dann haben wir Fußball gespielt.«

»Man sollte die ganzen Fahrräder von der Straße verbannen«, sagte er kopfschüttelnd. »Sie gefährden doch nur den Verkehr.«

»Vielleicht wäre es besser, die Autos zu verbannen«, protestierte ich. »Dann müssten alle Leute Fahrrad fahren, und die Umwelt würde nicht so verschmutzt.« In den Nachrichten wurde zur Zeit dauernd über Umweltverschmutzung berichtet. Das beschäftigte mich.

»Absolut genial, Danny.« Dad tätschelte mir den Kopf, als wäre ich ein Hund. »Das ist die Lösung.« Ich sagte nichts mehr. Dad glaubte immer, er sei lustig, wenn er eine sarkastische Bemerkung machte. »Wo steckt eigentlich deine Mutter?«, fragte er dann und schaute sich suchend um. Er schien sich zu wundern, dass sie ihn nicht mit seinen Hausschuhen und mit einer Tasse Tee begrüßt hatte.

»Sie war nicht da, als ich nach Hause gekommen bin«, sagte ich.

»Wann war das?«

»Um halb fünf.«

»Komisch.« Er warf einen Blick auf die Uhr. »Und sie hat nicht angerufen und gesagt, dass sie noch irgendwo hingeht?«

»Nein.«

»Sie hat auch keine Nachricht für dich geschrieben?«

»Ich hab jedenfalls keine gesehen«, antwortete ich und fügte hinzu: »Aber ich habe auch nicht geschaut, ehrlich gesagt.«

Wenn Mam nicht zur üblichen Zeit nach Hause kam, hinterließ sie meistens auf dem Block neben dem Telefon im Flur eine Nachricht. Ich hatte gar nicht dran gedacht, dort nachzusehen. Dad ging in den Flur, kam aber gleich wieder zurück.

»Nein, nichts«, sagte er. »Bestimmt ist sie irgendwie aufgehalten worden. Hast du Hunger?«

Ich überlegte kurz. »Sogar einen Riesenhunger.«

 

Als meine Mutter um acht immer noch nicht da war, fing mein Vater an, sich echt Sorgen zu machen. Er rief ein paar von Mams Freundinnen an, aber die wussten auch nichts. Am liebsten hätte er noch viel mehr Leute angerufen, das merkte ich, aber neulich war schon mal was Ähnliches passiert, und da hatte er ziemlichen Ärger mit Mam bekommen, weil er hinter ihr hertelefonierte. Mam hatte in der Bibliothek jemanden getroffen, den sie kannte, und war noch etwas trinken gegangen und länger weggeblieben als geplant.

»Kann ich nicht ein eigenes Leben haben?«, rief sie empört, als sie von Dads Telefonanrufen erfuhr. »Muss ich immer alles vorher mit dir absprechen?«

»Nein«, sagte Dad als Antwort auf ihre erste Frage und grinste sie an. »Und – ja.«

Auch da dachte er mal wieder, er hätte einen tollen Witz gemacht. Aber Mam redete ein paar Tage so gut wie kein Wort mit ihm, und Pete und ich mussten das Kochen übernehmen, weil Dad behauptete, er könne nicht einmal Wasser kochen, ohne dass es anbrennt.

Um halb zehn war sie immer noch nicht da, und Dad sagte zu mir: »Ich glaube, du solltest jetzt lieber ins Bett gehen.«

»Aber es sind doch Ferien!«, wehrte ich mich. »Ich muss morgen früh nicht in die Schule.«

»Du brauchst trotzdem deinen Schlaf«, sagte Dad. »Also tu bitte, was ich dir sage, junger Mann.«

Normalerweise hätte ich versucht, noch ein bisschen Zeit herauszuschlagen, aber ich konnte genau sehen, dass er total beunruhigt war. Und ich machte mir so allmählich auch Sorgen. Wahrscheinlich war es besser, wenn ich das in meinem Zimmer tat, allein für mich, als hier unten mit meinem Vater. Deshalb ging ich nach oben und legte eine CD auf, aber nach ein paar Sekunden machte ich die Musik wieder aus, weil ich auf jeden Fall hören wollte, wenn meine Mutter den Schlüssel in die Haustür steckte.

Ich ging ans Fenster. Gegenüber von mir war Mrs Kennedys Zimmer, und manchmal sah ich sie dort, wenn ich vor dem Schlafengehen die Vorhänge zuzog. Einmal war sie im BH, und ich wurde knallrot, obwohl ich allein im Zimmer war. Sie bemerkte mich nicht, aber als ich den Vorhang schloss, glaubte ich zu sehen, dass sie den Kopf drehte. Danach konnte ich ihr monatelang nicht in die Augen blicken.

Ich zog jetzt meinen Schlafanzug an, dann schaute ich auf meine Füße hinunter und versuchte, jede Zehe einzeln zu bewegen, doch das schaffte ich leider nicht.

Ich hatte David Copperfield von Charles Dickens angefangen und wollte weiterlesen, konnte mich allerdings nicht richtig konzentrieren und las immer wieder denselben Satz.

Und dann hörte ich, wie sich ein Auto näherte, aber es klang nicht wie das von Mam. Sie hatte ein kleines Stadtauto, das sie Bertha nannte. Der Name brachte mich immer zum Lachen, aber einmal, als ich superschlechter Laune war, sagte ich zu Mam, eigentlich sei es eine blöde Idee, einem Auto einen Namen zu geben, und sie antwortete, ich solle nicht immer alles so ernst nehmen, das sei doch nur Spaß.

Erst dachte ich, der Wagen würde vorbeifahren, aber dann hielt er an, der Motor wurde abgestellt. Türen knallten.

Ich ging ans obere Treppengeländer, von wo ich den Flur unten überblicken konnte, ohne selbst entdeckt zu werden. Es klingelte. Dad kam aus dem Wohnzimmer und öffnete die Haustür. Da stand Mam. Sie schaute ihn nicht an, aber sie blickte auch nicht auf den Boden, sondern fixierte einen Punkt an der Wand, als wollte sie nie wieder irgendwo anders hinsehen.

Rechts und links von ihr stand ein Polizist. Der eine nahm den Helm ab, und eine blonde Haarmähne wurde sichtbar, die bis zu den Schultern ging. Da begriff ich, dass er eine Polizistin war. Alle machten sehr ernste Gesichter.

Man musste kein Genie sein, um zu dem Schluss zu kommen, dass etwas Schlimmes geschehen war.

Kapitel 2

»Rachel«, stammelte Dad und blickte verwirrt von einem zum anderen.

»Mr Delaney«, sagte der Polizist. »Dürfen wir reinkommen?«

Dad nickte und trat beiseite, damit sie in den Flur treten konnten.

»Was ist passiert?«, fragte Dad und schloss die Haustür. Ich hatte mich hingekniet und drückte das Gesicht an die Stäbe. Weil ich nicht bemerkt werden wollte, war ich mucksmäuschenstill und atmete kaum. »Hattest du einen Unfall, Rachel? Ist was mit deinem Auto?«

Die Polizisten schauten erst einander an, dann meine Mam, die irgendwie gar nicht aussah wie Mam.

»Könnte bitte jemand so freundlich sein und mir sagen, was los ist?«, rief Dad nach einer Pause.

»Können Sie bestätigen, dass diese Dame Ihre Ehefrau ist, Mr Delaney?«, fragte der zweite Polizist, der nun ebenfalls seinen Helm absetzte. Sein Kopf war kahlgeschoren, und er schien nicht viel älter zu sein als Pete, wodurch ich mich gleich viel besser fühlte. Die Polizistin sah aus wie die Frau aus der Fernsehserie Property Ladder.

»Ja, selbstverständlich ist sie meine Frau!«, erwiderte mein Vater ungeduldig. »Rachel, sag endlich – was ist los? Kann mich bitte jemand darüber informieren, was …«

»Wenn Sie sich bitte einen Moment beruhigen würden, Sir«, wies ihn der Polizist zurecht. »Wir werden Ihnen alles erklären.«

»Ich soll mich beruhigen? Meine Frau ist stundenlang verschwunden, und dann wird sie in einem Polizeiwagen nach Hause gebracht – und Sie sagen, ich soll mich beruhigen? Wo war sie denn die ganze Zeit?« Und dann fragte er noch mal: »Was ist hier los?«

»Vielleicht können wir uns irgendwo hinsetzen«, sagte die Polizistin. »Ihre Frau steht unter Schock, und eine warme Tasse Tee würde ihr bestimmt guttun.«

»Okay«, sagte Dad. »Wir gehen in die Küche, und ich setze Teewasser auf. Aber ich möchte trotzdem wissen, was los ist. Haben Sie das verstanden?«