Zufall des Schicksals - Sarah Hupka - E-Book

Zufall des Schicksals E-Book

Sarah Hupka

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Beschreibung

Eine junge Frau, die schmerzliche Verluste erlebt hat in der Vergangenheit, stürzt sich Hals über Kopf in ein Abenteuer, was zu dem größten Wendepunkt ihres Lebens kommt. Sie entscheidet sich für das Ungewisse, Unbekannte und entdeckt ihren ganz neuen Sinn und ihre Möglichkeiten im Leben. Durch ihren Mut beeinflusst sie viele Menschen.

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Seitenzahl: 185

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Ähnliche


Sarah Hupka

Zufall des Schicksals

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

PROLOG

Schmetterlinge

Waldbrand

Aufbruch

Verbunden

Kleine Flamme

Rollender Stein

Träume

Zeitlos

Trauma

Gelb

Noah

Heimat

Hoffnungsschimmer

Erwartung

Kehrseiten

Fügung

Impressum neobooks

PROLOG

Eine junge Frau, die schmerzliche Verluste erlebt hatte in der Vergangenheit, stürzt sich Hals über Kopf

in ein Abenteuer, was zu dem größten Wendepunkt ihres Lebens kommt. Sie entscheidet sich für das

Ungewisse, Unbekannte und entdeckt ihren ganz neuen Sinn und ihr Möglichkeiten im Leben. Durch ihren Mut beeinflusst sie viele Menschen.

Sarah Sophie Hupka, geboren 1994, ist Journalist, Autorin und Künstlerin. Sie lebt in Augsburg. `Zufall des Schicksals`, ist ihr Debütroman. Die Autorin engagiert sich für viele gemeinnützige Projekte.

Illustrationen © by Sarah Sophie Hupka

Sarah Sophie Hupka

ZUFALL DES

SCHICKSALS

Für Mama

Alles ist miteinander verbunden und hat einen Sinn. Obwohl dieser

Sinn meist verborgen bleibt, wissen wir, dass wir unserer wahren Mission auf Erden nah sind, wenn unser Tun von der Energie der Begeisterung durchdrungen ist.

(Paulo Coelho: Der Zahir)

Die Wolken ziehen vorbei, das Gras wiegt sich in der leichten

Sommerbrise und wir schauen in den Himmel. Gespannt, voller Erwartung auf eine Antwort. Die Energie des Seins ist unergründlich. Alle suchen nach ihrer Mission, ihrer Bestimmung. Jeder und jede für sich, ohne einen Leitfaden, den man befolgen könnte. Kein Leben gleicht dem anderen.

Und was ist deine Bestimmung?

KAPITEL 1

Schmetterlinge

Es war ein sehr warmer Sommertag im Juli. Lucy stand in einem

Garten. Die Luft war erfüllt von zartem Vogelgezwitscher und

Bienensummen. Sie ließ ihren Blick über die großen

Rosensträucher schweifen, die so herrlich blühten. Erstaunlich, aber ihre Großtante Frida hatte schon immer ein Händchen für diese empfindlichen Pflanzen gehabt. Lucy war ja schon froh, wenn ihr Schnittlauch überlebte.

Sie war hier in diesem schönen Garten, weil sie ihre Tante besuchte – und vielleicht etwas von ihrem köstlichen

Apfelkuchen probieren durfte. Sie kam oft her, denn Frida war ihre einzige Familie.

Die junge Frau stieg die zwei Treppen zur Terrasse hinauf und schaute in das kleine Küchenfenster. Kurz darauf betrat sie die Wohnung, von ihrer Tante sehr gemütlich eingerichtet mit vielen

Kissen und Bildern, die eine wundervoll angenehme, positiven Atmosphäre verströmte, eine Stimmung, die Lucy schon als Kind verzaubert und getröstet hatte.

Sie umarmte Frida und gab ihr einen Kuss auf die Wange, dann setzten die beiden sich auf die Terrasse, nachdem Lucy mit einer riesigen Tasse Kaffee und, wie erhofft, einem unglaublich großen Stück Kuchen versorgt worden war. Sie erzählte ihrer Tante von ihren jüngsten Bildern und zwei neuen Kindern, die sie künstlerisch betreute. Frida hörte ihr wie immer aufmerksam zu und lächelte, denn diese Erzählungen waren für sie jedes Mal aufs Neue wie eine wundervolle Reise in die Außenwelt, die ja so fern für sie war. Das letzte Mal war sie vor fünf Jahren im Supermarkt nebenan gewesen – und hatte seitdem kein einziges Mal mehr das Haus verlassen.

Lucy tat es immer sehr weh, wenn sie die Sehnsucht ihrer Großtante spürte, und versuchte, sie mit lustigen Geschichten zu erheitern.

Meistens klappte das auch, aber heute blieben Fridas Augen traurig, auch wenn ihr Mund lächelte. Das Leben war unfair. Soviel war klar. Lange schon quälte Lucy die Frage, warum es ausgerechnet sie so hart getroffen hatte.

Sie waren eine große Familie gewesen. Wie das eben so ist.

Mutter, Vater, zwei Geschwister, die Großtante mit von der

Partie – und dann ein Autounfall. Zwei blieben übrig. Allein. Ihre Großtante Frida bekam eine Angststörung und Lucy musste ein ganzes Jahr in einer Klinik bleiben, um so einiges wieder neu zu lernen, da sie bei dem Unfall ein paar sehr komplizierte Brüche davongetragen hatte.

„So etwas ist unfair!“, hatte Frida immer gesagt, und Lucy war ganz ihrer Meinung. Sie waren auf dem Weg zu einem großen Familientreffen gewesen, und ihr Vater hatte sich gedacht, es wäre das Beste, einen großen Bus zu mieten. Mit dem betrunkenen Lkw-Fahrer hatte eben niemand gerechnet.

Wie dem auch sei, das war nun schon 15 Jahre her, aber Lucy erinnerte sich immer noch an jede einzelne Sekunde. Lange hatte sie mit sich, der Welt und Gott gehadert und wollte nicht mehr leben, weil sie so voller Hass war. Aber nach Jahren des Trauerns und diversen Therapien bekam Lucy die Chance, ihre

Kreativität ebenso wie ihren Schmerz im Atelier ihrer

Kunsttherapeutin unter Beweis zu stellen – und die hatte ihr Talent erkannt und förderte Lucy, gab ihr eine Chance. Das half ihr jedoch auch nur zum Teil. Denn es gab trotz all dem immer noch diese tiefe Leere in ihr, die sie nicht stillen konnte.

Sie nahm einen großen Schluck aus ihrer Katzentasse – und dann fiel ihr Blick auf die Seitenmarkise. Ein länglicher, heller Kokon bewegte sich dort leicht im Wind. Sie deutete darauf und

Frida drehte sich um. In diesem Moment hörten sie ein leises Knistern und der Kokon ging auf. Ein filigranes Wesen mit noch ganz zerknitterten Flügeln kam zum Vorschein – ein

Schmetterling. Es dauerte ein paar Minuten, dann war er ganz aus seiner Hülle geklettert.

Erschöpft von dieser Strapaze, ruhte sich der neu geschlüpfte

Falter erst einmal aus und begann langsam, seine leuchtenden Flügel auszubreiten, deren wunderschönes Muster man nun immer besser erkennen konnte. Und nach einer Weile erhob sich das zarte Tierchen – es war ein Tagpfauenauge – in die Lüfte, drehte noch einen Abschiedskreis um die beiden Frauen und verabschiedete sich dann in den warmen Sommertag.

Welch ein prachtvoller Anblick, wie eine Wiedergeburt. Wie eine zweite Chance. Frida sah zu Lucy hinüber und schmunzelte, und auch Lucy musste lächeln. So ein kleines Tier, das den Anfang seines Seins zunächst als unscheinbare Raupe verbringt, sich dann verpuppt, zu einem wunderschönen Falter wird und in die Weiten des Himmels flattern kann … für die Raupe hatte es

diese Möglichkeit noch nicht gegeben. War es bei den Menschen nicht ähnlich? Denkt ein Mensch, der nichts hat, an die Möglichkeit, dass er eines Tages vielleicht ein wunderschönes Haus besitzt oder etwas Weltbewegendes erfindet?

Der eine oder andere vielleicht. Aber die meisten Menschen geben sich mit einem Dasein als Raupe zufrieden. Ist das nicht schlimm? Denn vielleicht können wir uns im Laufe unseres Lebens ja auch verpuppen? Wir können jeden Morgen aufstehen und etwas Neues wagen, uns neu erfinden! Jedoch ist dies nicht wie bei einem Schmetterling, sondern eine aktive Entscheidung und kein leichtes Unterfangen. Der Schmetterling kennt seinen Weg und ganz selbstverständlich weiß er, dass er nicht immer eine Raupe bleibt.

Lucy sah dem Tagpfauenauge wehmütig hinterher. Nach einer

Weile ergriff Frida das Wort und fragte sie, wie es denn ihrem Kater ginge und ob sie endlich einen Freund habe. Die gewöhnlichen Themen eben. Lucy verstand Frida gut und wusste, dass ihre Großtante oft diese Themen aufgriff, um nicht von sich und ihren Gefühlen reden zu müssen.

Ob das allerdings hilfreich war, war eine andere Frage. Nach einer weiteren Tasse Kaffee umarmte Lucy ihre Großtante und machte sich wieder auf den Heimweg. Sie verließ den schönen Garten, trat auf der Straße und entsperrte ihr Fahrrad. Sie hatte nur ein paar Minuten zu radeln, bis sie an dem

Mehrfamilienhaus ankam, in dem ihr kleines Appartement lag.

Lukas, ihr Nachbar, grüßte sie freundlich und hielt ihr die Tür

auf, Lucy nickte ihm zu und bedankte sich. Als sie, oben im zweiten Stock angekommen, den Schlüssel ins Schloss steckte, sah sie einen Zettel, der halb unter ihrer Tür durchgeschoben worden war.

Sie hob ihn neugierig auf und betrat lesend ihre Wohnung.

„Einmalige Chance. Begleitung gesucht für eine Reise.

Eigentlich für zwei Reisen. Melde dich!“ Darunter war eine Telefonnummer notiert und ein D. Das war keine Werbung, ganz sicher.

D … d … d … Wer konnte das sein? Sie glich die

Telefonnummer mit der Kontaktliste in ihrem Handy ab. Nichts. Lucys Herz begann etwas schneller zu schlagen. Kennst du auch das Gefühl, wenn du an einem Wendepunkt stehst und die Tür nur öffnen musst? Das Ganze aber so aufregend ist, dass du überhaupt nicht weißt, was du tun sollst?

Lucy schenkte sich ein Glas Pinot Grigio ein und setzte sich auf ihren kleinen Balkon, den sie gemütlich eingerichtet hatte, ganz mädchenhaft mit einer Lichterkette, einem kleinen verschnörkelten Tisch und einem großen Windlicht. Der Mond war schon aufgegangen, und sie konnte die Lichter der kleinen Stadt, in der sie wohnte, flackern sehen. Ihr Kater Pino schlich ihr um die Beine und maunzte leise. Den Namen hatte er übrigens Lucys Lieblingswein zu verdanken – und die zwei hatten sich auf ungewöhnliche Weise kennen gelernt. Lucy hatte eines Abends lange im Atelier ihrer Therapeutin gemalt, als sie auf einmal ein herzzerreißendes Piepsen hörte. Sie war dem Geräusch nachgegangen und hatte im Hof hinter dem Atelier einen Kater mit einem Vogel im Maul entdeckt. Sie konnte das fauchende Etwas fangen, hielt es fest und befreite den Vogel, eine Blaumeise. Sie ließ das kleine Wesen fliegen – es war noch mal mit dem Schrecken davongekommen.

Der Kater hingegen musterte sie ergrimmt; er fand es natürlich überhaupt nicht gut, dass ihm seine Beute entrissen worden war. Und erst jetzt sah Lucy auch, wie abgemagert der kleine

Kater war und wie matt und glanzlos sein Fell, das in alle Richtungen abstand. Und da sich niemand um das Tier bemühte, nachdem sie das Tierheim informiert hatte, nahm sie es mit zu sich nach Hause und taufte den kleinen Vogelfänger „Pino“.

Der Kater gewöhnte sich schnell ein, legte bald ordentlich an

Gewicht zu, und sein Fell glänzte mittlerweile im

Kerzenschimmer wie Seide. Wer wusste schon, was der Kleine bereits durchgemacht hatte in seinem Katerleben? Mit Lucy hatte er jedenfalls einen wunderbaren Dosenöffner gefunden, und sie wiederum war glücklich, einen Gefährten zu haben, der

sie jeden Abend mit seinem Schnurren und den Schmusestunden bereicherte.

Nach langem Zögern tippte sie die Nummer von dem Zettel in ihr Handy ein und wartete auf das Freizeichen. Es war mittlerweile schon später Abend und sie genehmigte sich einen großen Schluck aus ihrem Weinglas.

„Ja bitte?“, erklang die Stimme eines jungen Mannes aus dem Hörer.

Lucy stand auf, ihr Puls raste. „Äh, kann es sein, dass Sie mir einen Zettel unter der Tür durchgeschoben haben? Hier ist, äh, Lucy“, stammelte sie.

Eine kurze Pause, dann erklang die Stimme wieder. „Ach ja,

Lucy, wie schön, dass du dich meldest. Hier ist Daniel, der

Freund von Lukas. Wir sind uns doch vor zwei Wochen auf der

Grillparty begegnet bei euch im Haus!“

Lucy erinnerte sich nur vage. Ihr Nachbar Lukas hatte sie überredet, im Hof eine kleine Nachbarschaftsfete mitzufeiern, und der Abend war feucht-fröhlich gewesen. Sie konnte sich nicht mehr an alle Details erinnern.

Nach dem vierten Gin Tonic hatte sie sich ziemlich beschwipst gefühlt und sich lange mit Anita unterhalten, der älteren Dame mit dem Dackel aus dem Erdgeschoss – und eben auch mit Daniel. Er war erst spät gekommen und hatte irgendeine thailändische Spezialität mitgebracht von seiner letzten Reise. Lucy hatte sich lange mit ihm unterhalten, allerdings dabei auch weitergetrunken. Der nächste Tag war dementsprechend verlaufen … verkatert, dumpf und leicht durcheinander.

„Ach ja, ich erinnere mich“, erwiderte sie. Daniel lachte: „Hast’n

bisschen tief ins Glas geschaut an dem Abend, hm?“

Lucy wurde verlegen und merkte, wie ihr die Röte ins Gesicht stieg.

„Ja, kann sein“, murmelte sie. „Was meinst du denn mit dieser

Reise?“

„Gut, dass du fragst! Wir haben ja darüber geredet, dass ich

Reisen liebe und so gesehen eigentlich immer auf Tour bin. Ich habe nun wieder einen Trip geplant, aber leider ist meine Begleitung abgesprungen. Und nun wollte ich dich fragen, ob du vielleicht mitkommen willst. Du meintest ja, du warst noch nicht viel weg?“

Lucy schluckte und fühlte sich von mehreren Emotionen auf einmal überwältigt. Mit einem fast Fremden eine Reise machen? Ja klar, und lebensmüde bin ich auch noch! Und wohin überhaupt? Ich hab doch gar nicht so viel Geld! Nach kurzem Schweigen fand sie ihre Stimme wieder: „Puh, du bist mir ja einer. Wohin soll es denn gehen?“

„Lass dich überraschen“, raunte Daniel geheimnisvoll. „Lass uns doch morgen mal im Café Pano so um zwei treffen, dann können wir die Details besprechen, was meinst du?“ Lucy willigte ein und legte auf. Pino schaute sie an und zwinkerte ihr zu. Sie musste grinsen und kaute nervös auf ihrer Lippe. Noch lange saß sie an diesem Abend auf dem Balkon und dachte nach bis es so kalt war, dass sie es vor zog sich mit ihrem Kater ins Bett zu kuscheln.

Kapitel 2

Waldbrand

Am nächsten Tag um zwei Uhr war Lucy pünktlich im Café Pano und setzte sich an einen kleinen, runden Tisch mit Pünktchentischdecke. Nach fünf Minuten kam Daniel zur Tür herein, und erst jetzt wurde Lucy bewusst, dass er wirklich ein sehr attraktiver, junger Mann war. Seine blonden Locken wippten bei jedem seiner Schritte mit, und durch seine braungebrannte Haut strahlten seine hellblauen, ja fast schon türkisfarbenen Augen umso mehr.

An seiner rechten Schulter zeichnete sich ein auffälliges Tattoo ab – offensichtlich von den Tätowierungen der Maoris inspiriert. Er lächelte Lucy an und seine Zähne blitzten dermaßen perlweiß, dass Lucy spontan dachte, dass er sich toll in einer Zahnpasta-Werbung machen würde. Zugleich war sie angespannt und ziemlich unruhig und zwirbelte eine Strähne ihrer braunen, langen Haare um den Finger.

Daniel begrüßte sie und setzte sich. Er bestellte zwei Cappuccini und fing an zu erzählen. Die Wörter sprudelten nur so aus ihm heraus.

Und vor allem meinte er, dass sie beide sich so gut verstanden hätten bei der Grillfeier und dass er sofort an Lucy gedacht habe, als seine Reisebegleitung absagte. Lucy fühlte sich sehr geschmeichelt – auch wenn sie sich, wenn sie ehrlich war, gar nicht mehr so genau an diese

„tollen“ Gespräche erinnern konnte.

„Afrika!“, rief er entschlossen, als sie fragte, wohin es denn eigentlich gehen sollte. „Natürlich, direkt in die Nähe also, und dann auch noch so ungefährlich“, dachte Lucy im Stillen, aber Daniel sprudelte so über vor Abenteuerlust und Freude am Neuen, dass sie sich mitgerissen fühlte.

Und so saßen sie sehr lange in dem Café und redeten und redeten.

Er fragte sie, ob sie jemals die Natur als ihr Zuhause empfunden habe. Lucy wusste nicht, was sie darauf antworten sollte und nickte nur zustimmend, um ihre Unsicherheit zu überspielen.

„Denk an einen Baum, wie er seine Äste gen Himmel reckt“, meinte

Daniel, „wie die Flüsse sich verzweigen und so dem Nervensystem oder den Blutbahnen des Menschen ähneln. Durch Reisen kann man so viel über sich selbst erfahren.“

Lucy fühlte sich so überfordert von seinen vielen Informationen und Ideen, dass ihr ganz schwindelig wurde.

Daniel spürte ihre Verwirrung. Er lächelte, worauf Lucy wieder einmal rot anlief. „In Afrika kann man diese Verbundenheit noch ganz anders erfahren. Glaub mir, es wird dir gefallen. Wer einmal in Afrika war, der kehrt immer wieder dorthin zurück.“

Sie schaute auf die gepunktete Tischplatte, hob dann den Blick und schaute Daniel fest in die Augen. „Ich denke darüber nach“, sagte sie.

„Aber wieso ich? Wir kennen uns doch eigentlich gar nicht.“

„Weißt du, Lucy, als wir uns während der Feier unterhalten haben und ich dir von meinen Reisen erzählte, hab ich eine wilde Sehnsucht in deinem Blick wahrgenommen. Und als mein Kumpel abgesagt hat, war ich erst sehr enttäuscht, aber dann ist mir dieser Blick wieder eingefallen, wie du von den Schmetterlingen im Garten deiner Tante erzählt hast und von einer zweiten Chance im Leben.“

Lucy zog eine Augenbraue hoch und wunderte sich darüber, dass sie einem wildfremden Menschen so private Gedanken mitgeteilt hatte.

Die beiden verabschiedeten sich schließlich voneinander und verabredeten einen Termin, um alles Weitere zu besprechen und sich besser kennenzulernen.

Während Lucy nach Hause ging, wurde sie auf einmal von Gefühlen überwältigt. All der Schmerz der letzten Jahre, die Angst vor einem weiteren Verlust, die Angst, allein zu sein. Hatte sie sich verliebt? Was waren das für Gefühle? So schnell? In Daniel oder in eine zweite Chance? Zugleich war sie auch skeptisch und sehr unsicher, was Daniel betraf. Was hatte er vor mit ihr? War er ein wirklich aufrichtiger, spontaner Mensch oder einfach nur ein berechnender Sonnyboy, der eine Gelegenheit beim Schopf ergriff?

Ihr bisheriges Leben hatte sie so sehr darauf ausgerichtet zu überleben, dass kein Raum gewesen war für gestalterische Möglichkeiten, kein Platz, es neu zu überdenken.

Konnte dieser Moment der Wendepunkt sein?

Die Tränen flossen ihr heiß übers Gesicht, aber es waren befreiende Tränen.

In ihrer Wohnung angekommen, setzte sie sich auf den Balkon und dachte nach. Sie fühlte sich wie ein Baum, der sein Leben lang vergebens versucht hatte, die Äste weiter auszustrecken. In dem ein Waldbrand gewütet hatte, ein unzähmbares Wesen, das immer noch versuchte, sie von innen aufzufressen. Ihr wurde in diesem Moment so vieles klar. Sie musste so viel Leben nachholen, etwas erleben, Neues spüren, aufatmen. Daniel … er konnte für etwas Neues stehen, eine völlig neue Richtung, aber sie musste nachdenken. Sie durfte jetzt keine falsche Entscheidung treffen. War sie stabil genug, um sich in solch ein Abenteuer zu stürzen?

Das Leben war doch so unvorhersehbar.

Sie dachte an den kleinen Schmetterling im Garten von Frida und griff zum Telefon.

Nach zwei Freizeichen hörte Lucy die Stimme ihrer Tante: „Lucy,

Schätzchen, schön, von dir zu hören. Wie geht es dir?“

„Hey Frida, können wir mal reden? Kann ich morgen vorbeikommen?“

Kapitel 3

Aufbruch

Am nächsten Morgen wachte Lucy durch einen Sonnenstrahl auf, der auf ihrem Gesicht herumtanzte, denn der Wind strich durch das halb geöffnete Fenster und spielte mit dem Vorhang. Sie schaute an die Zimmerdecke und dachte nach.

„Afrika“, murmelte sie leise vor sich hin. Wie viel passieren konnte in einem so fremden Land mit einem Menschen, den sie kaum kannte. Nach einer Weile stand sie seufzend auf und machte sich einen Kaffee.

Die Sonne stand schon hoch am Himmel und der Lärm der Straße unter ihrem Balkon schallte lauter als sonst zu ihr herauf.

Plötzlich bekam sie Herzklopfen bei dem Gedanken, in Afrika womöglich plötzlich auf sich allein gestellt zu sein. In ihrem Kopf drehte sich alles. Stand ihr ein großes Abenteuer bevor? Oder machte sie sich Illusionen und würde das Ganze schrecklich bereuen? Sie schüttelte schließlich den Kopf, atmete tief durch und schloss die Wohnungstür hinter sich.

Nach einer kurzen Fahrt mit dem Rad stand der Kaffee im Garten ihrer Tante schon dampfend auf dem Tisch. Und nachdem Lucy erst ein bisschen mentalen Anlauf gebraucht hatte, um Frida von Daniels Angebot zu erzählen, reagierte ihre Tante zunächst einmal eher zurückhaltend. „Afrika, hm? Kind, du weißt, dass ich das Beste für dich möchte. Du kennst diesen jungen Mann nicht und die ganze Reise kommt mir eigentlich zu unsicher vor. Aber ich möchte natürlich auch, dass du glücklich bist.“ Lucys Tante konnte ihr also auch keine Richtung vorgeben. Sie musste diese Entscheidung selbst treffen.

Sehr nachdenklich fuhr sie mit entschieden zu viel Koffein im Blut nach Hause. Aber als sie sich gerade, tief in Gedanken versunken, in ihre Lieblingsdecke eingekuschelt hatte, klingelte es.

„Hey Lucy, tut mir leid, dass ich dich so spontan überfalle. War gerade in der Gegend und dachte, ich schau mal vorbei.“ Es war Daniel. Lucy bat ihn herein, und die beiden setzten sich.

„Magst du was trinken?“, fragte sie.

„Gerne, ein Wasser wäre toll!“

Als Lucy mit zwei Gläsern Wasser aus der Küche zurückkam, entdeckte sie ein Buch auf ihrem Platz: „Reiseführer Südafrika“.

Daniel grinste. „Um dich davon zu überzeugen, dass Afrika eine Reise wert ist.“

Daniel zeigte ihr einige Bilder von seiner letzten Tour. Lucys Herz klopfte schneller, als sie die Küste Kapstadts sah, die Weite der Savanne – und die schönsten Farben, die sie je in ihrem Leben gesehen hatte.

Drei Monate nach dem Treffen im Café Pano stand Lucy mit einem kleinen Koffer am Bahngleis und wartete auf ihren Zug zum Flughafen. Dort würde sie Daniel treffen. Die letzten Wochen hatten ihr immer wieder gezeigt, dass ihre Entscheidung richtig war. Sie hatte sich gründlich informiert und extra noch eine Versicherung abgeschlossen, um vor möglichen Risiken wenigstens ein bisschen geschützt zu sein. Vor allem aber fühlte sie sich einfach wohl mit ihrem Entschluss. Trotzdem war da immer wieder ein

Kitzeln in ihrer Brust, wenn sie an ihr bevorstehendes Abenteuer dachte.

Vielleicht war es Freude und Angst zusammen. Ein merkwürdiges Gefühl. Aufregend und beängstigend.

Ihre Großtante hatte freundlicherweise die Pflege von Pino übernommen, und der Kater erkundete bereits die neue Umgebung und vor allem den großen Garten.

Und Lucys Therapeutin? Die war von der Idee so begeistert gewesen, dass sie ihrer Klientin glatt einen Zuschuss spendiert hatte, da sie selber als junge Frau für ein Jahr nach Afrika gereist war und dort

Freiwilligenarbeit geleistet hatte. Zudem hatte Lucy ihre Wohnung an eine Austauschstudentin untervermieten können und so auch noch das Geld für ihre Miete gespart. Alles schien sich ineinanderzufügen.

Sie horchte auf das leise Knacksen der Schienen, bevor der Zug einfuhr und stieg kurz darauf in den ICE.

Und dann, während der Fahrt, ließ sie all das Revue passieren, was hatte geschehen müssen, damit sie jetzt hier saß. Eigentlich unglaublich, und dennoch war es wahr. Daniel hatte von zwei Reisen gesprochen. Was meinte er damit wohl? Zwei Reisen … Afrika … und? Hm, sie würde schon noch die Antwort auf diese Frage erfahren. Er hatte ja noch nicht recht mit einer plausiblen Antwort rausrücken wollen, als sie ihn darauf angesprochen hatte, sondern nur verschwörerisch gelächelt und den Kopf schief gelegt.

Am Flughafen angekommen, sah sie Daniel schon von Weitem winken.

Die beiden checkten ein und stiegen nach einiger Wartezeit ins Flugzeug. Und schon heulten die Turbinen auf, die Maschine raste die Startbahn entlang und richtete den Bug nach oben, immer weiter, bis sie durch die Wolken brach, hinein ins tiefe Blau. Es würde ein langer Flug werden in der unbequemen Economy Class. Aber nur dafür hatte ihr Geld gereicht. Daniel schlief bald ein. Er hatte vorausschauend die Nacht durchgemacht, um im Flugzeug schlafen zu können, ein Experte eben. Lucy hingegen war hellwach und beobachtete die Menschen im Flugzeug, die sie von ihrem Platz aus sehen konnte: Fünf Männer im Anzug, drei afrikanische Frauen, die sich angeregt unterhielten und deren Kleidung so bunt war wie eine Blumenwiese.