Verlag: FISCHER E-Books Kategorie: Gesellschafts- und Liebesromane Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2019

Zum Glück gibt es Umwege E-Book

Graeme Simsion  

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E-Book-Beschreibung Zum Glück gibt es Umwege - Graeme Simsion

Umwege erhöhen die Ortskenntnis. Hinreißend witzig: zwei unwiderstehliche Helden auf dem Jakobsweg. Zoe, Künstlerin und Yogaexpertin, flüchtet aus Kalifornien nach Frankreich. Martin, Technikfreak aus England, will den von ihm entwickelten Wanderkarren für Rückengeschädigte einem Praxistest unterziehen. Als sie sich auf dem Jakobsweg begegnen, sind sie erstmal ganz schön genervt voneinander. Aber schräge Reisegefährten, Wetter- und Seelenkatastrophen, die Kapriolen des Wanderkarrens schweißen zusammen. Werden Martin und Zoe, grundverschieden wie sie sind, auf dem Camino einen gemeinsamen Weg finden? Ein Roman über Neuanfang und Sinnsuche, übers Wandern und Zu sich selbst finden und darüber, wie wir mit einem Lächeln Erfüllung finden. »Eine herrliche Geschichte von Menschen, die Selbstzweifel überwinden und alte Lasten abwerfen.« Herald Sun, Sydney Bestseller-Autor Graeme Simsion ("Das Rosie-Projekt") , und seine Frau, Psychologin und Autorin Anne Buist, haben „Zum Glück gibt es Umwege“ gemeinsam geschrieben, jeder aus seiner Perspektive. Beide haben den Jakobsweg von Cluny bis Santiago begangen, Örtlichkeiten und Wegbeschreibungen gehen auf eigenen Augenschein zurück, und so manche Begegnung auf dem Camino ist, fiktiv abgewandelt, in die Romanhandlungeingeflossen.

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E-Book-Leseprobe Zum Glück gibt es Umwege - Graeme Simsion

Leseprobe zu:

Graeme Simsion | Anne Buist

Zum Glück gibt es Umwege

Ein Jakobsweg-Roman

Aus dem australischen Englisch von Annette Hahn

FISCHER E-Books

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Alle Rechte vorbehalten. Die Verwendung von Text und Bildern, auch auszugsweise, ist ohne schriftliche Zustimmung des Verlags urheberrechtswidrig und strafbar. Dies gilt insbesondere für die Vervielfältigung, Übersetzung oder die Verwendung in elektronischen Systemen.

© S. Fischer Verlag GmbH, Hedderichstr. 114, D-60596 Frankfurt am Main

Inhalt

[Widmung][Karte][Motto]1 Zoe2 Martin3 Zoe4 Martin5 Zoe6 Martin7 Zoe8 Martin9 Zoe10 Martin11 Zoe12 Martin13 Zoe14 Martin15 Zoe16 Martin17 Zoe18 Martin19 Zoe20 Martin21 Zoe22 Martin23 Zoe24 Martin25 Zoe26 Martin27 Zoe28 Martin29 Zoe30 Martin31 Zoe32 Martin33 Zoe34 Martin35 Zoe36 Martin37 Zoe38 Martin39 Zoe40 Martin41 Zoe42 Martin43 Zoe44 Martin45 Zoe46 Martin47 Zoe48 Martin49 Zoe50 Martin51 Zoe52 Martin53 Zoe54 Martin55 Zoe56 Martin57 Zoe58 Martin59 Zoe60 Martin61 Zoe62 Martin63 Zoe64 Martin65 Zoe66 Martin67 Zoe68 Martin69 Zoe70 Martin71 Zoe72 Martin73 ZoeEpilog MartinEpilog ZoeAnmerkung der AutorenDanksagung

1Zoe

Das Schicksal offenbarte sich mir in Form einer silbernen Muschel, die ich in der mittelalterlichen Stadt Cluny in der Auslage eines Antiquitätengeschäfts entdeckte. Sie lag auf dem Rücken, als warte sie auf Botticellis Venus, die sie wohl mit bunten Edelsteinchen am Rand ihrer weiß emaillierten Innenfläche zu locken versuchte. Aus irgendeinem Grund lockte sie mich.

Vielleicht wollte mir das Universum eine Botschaft übermitteln – da mein Kopf sich noch in einer anderen Zeitzone befand, war das schwer zu ergründen. Seit ich mein Haus in Los Angeles ein allerletztes Mal verlassen hatte, war ich vierundzwanzig Stunden unterwegs gewesen und gleichsam gefühllos. Ich schätze, ich stand noch immer unter Schock.

LAX: »Nur ein Gepäckstück?« Ja, und darin mein gesamter Besitz, abgesehen von den drei Kisten Papierkram, die ich meinen Töchtern zurückgelassen hatte.

Flughafen Charles de Gaulle: unangenehmer Schalterbeamte, der mir vor einer Frau mit Burka den Vorzug geben wollte. Meinen Protest verstand er nicht, was jedoch gut war, weil er sie dann in die Pass-Schlange der Europäischen Union schickte, in der es weitaus schneller voranging als in meiner außereuropäischen Schlange.

Der Einreisebeamte: jung, perfektes Englisch. »Holiday?« Und als ich ihm meinen Pass zeigte: »Vacation?« Jetzt also noch mal mit amerikanischem Vokabular.

»Oui.« Das musste als Antwort erst mal reichen.

»Wo werden Sie wohnen?«

»Avec une amie á Cluny.« Ich meinte Camille, die ich ein Vierteljahrhundert nicht mehr gesehen, und einen Urlaub, zu dem sie mich seit unserer gemeinsamen College-Zeit in St. Louis immer wieder gedrängt hatte. Und den Keith dreimal gecancelt hatte.

Unterdrücktes Schmunzeln über mein Schulfranzösisch. »Ihr Visum ist neunzig Tage für ganz Kontinentaleuropa gültig und läuft am 13. Mai ab. Wenn Sie länger bleiben, machen Sie sich strafbar.« Das hatte ich nicht vor. Mein Rückflug ginge sogar schon in einem Monat. Falls mein Geld überhaupt so lange reichte.

Im Zug Richtung Zentrum: Paris! Trotz allem, was passiert war, verspürte ich ein freudiges Kribbeln bei der Vorstellung, im Musée d’Orsay vor einem Monet zu stehen, im Centre Pompidou eine Ausstellung zu besuchen oder in einem Café auf dem Montmartre eine elegante Französin zu skizzieren.

Metro-Station Cluny – La Sorbonne, mitten im Quartier Latin: »Hier ist nicht das Cluny, das Sie suchen. Ihre Adresse liegt in der Bourgogne. Das ist nicht weit. Weniger als zwei Stunden mit dem TGV, dem Schnellzug Richtung Mâcon.«

Gare de Lyon: »Einhundertsiebenundvierzig Euro.« Sollte das ein Witz sein? »Der langsame Zug ist billiger. Aber der fährt nicht von hier.«

Gare de Bercy: »Vier Stunden, neunzehn Minuten, dann weiter mit dem autobus. Einhundertfünfunddreißig Euro. Nur für den Zug.«

Als ich Cluny endlich erreichte – südöstlich von Paris, auf halber Strecke Richtung Italien –, ging gerade die Wintersonne unter, und bei leichtem Nieselregen hingen runde Lichthöfe um die Laternen. Ich hatte es nur geschafft, weil völlig Fremde mich von Bahnsteigen zu Fahrkartenschaltern zu Bushaltestellen weitergereicht hatten wie einen Staffelstab. Womit sie gutes Karma gesammelt haben.

Meinen Koffer im Schlepptau, folgte ich den Schildern ins Centre-Ville. Eines der Räder rappelte mittlerweile ganz entsetzlich, und ich hoffte, Camilles langatmige Beschreibung würde sich in einen kurzen Weg übersetzen. Gleichzeitig mit Strom und Wasser hatte ich auch mein Handy abgemeldet.

Irgendwann stieß ich auf einen großen Platz, der auf einer Seite von einem gigantischen Kloster beherrscht wurde.

Eine Gruppe junger Männer und eine Frau trudelten aus einer Bar. Sie trugen lange graue Mäntel mit handgemalten Mustern darauf. Vom Mantel der Frau war ich besonders angetan: der Künstler oder die Künstlerin hatte sehr gelungen die Farben und Schnörkel japanischer Anime übertragen.

Ich schaffte ein Excusez-moi, ehe mich mein Französisch verließ. »Kunststudentin?«

»Maschinenbau«, erwiderte sie auf Englisch.

Ich zeigte ihnen Camilles Wegbeschreibung. »Geh über den Platz« hatte sie auf Französisch geschrieben, aber nicht, in welche Richtung.

»Wir kennen uns hier auch nicht so gut aus«, sagte die Studentin. »Besser, Sie fragen in einem Geschäft nach.«

So landete ich dann vor der Antiquitätenhandlung, die ich wegen der Gans aus dunklem Metall, die sich vor der Tür reckte, zunächst für eine Fleischerei gehalten hatte. Ich hatte schon immer eine Affinität zu Gänsen gehabt. Sie arbeiten als Team, kümmern sich umeinander und sind lebenslang monogam. Außerdem ist die Gans das Symbol für Suche oder Richtung – und ich suchte gerade den richtigen Weg zu meiner dusseligen College-Freundin.

Der Sog der steinverzierten Muschel im Fenster war stark, fast schon unheimlich. Nach den jüngsten Ereignissen hatte ich mich gefragt, ob ich mit dem Universum überhaupt noch in Einklang lebte – es schien also klug, einem so klaren Signal zu folgen. Mit meinem Koffer polterte ich die Stufen hinauf.

Ein gepflegter Mann um die Fünfzig mit schmalem Oberlippenbärtchen lächelte leicht verkrampft. »Bonjour, Madame.«

»Bonjour, Monsieur. Äh … das da.« Ich zeigte mit dem Finger. »S’il vous plaît.«

»Madame ist Amerikanerin?«

»Ja.« War das so offensichtlich? Er reichte mir den Talisman, und als ich ihn in Händen hielt, überkam mich das Gefühl, auf das ich mich bei allen wichtigen Entscheidungen meines Lebens verlassen hatte: So soll es sein.

»Madame will den Chemin gehen?«

»Pardon …?«

»Der Camino Francés. Nach Santiago de Compostela.«

Zu diesem Pilgerweg durch Spanien hatte ich vage Assoziationen – beim Blättern in Shirley MacLaines Autobiographie war ich vor einiger Zeit darauf gestoßen. Was dieser Muschel-Talisman, der mich mitten in Frankreich angelockt hatte, damit zu tun haben sollte, war mir jedoch schleierhaft.

Mein verständiges Nicken wertete der Antiquitätenhändler wohl als Bestätigung, dass ich wortwörtlich auf Shirley MacLaines Spuren wandeln wollte.

»Diese Muschel wird Madame sicher nach Santiago bringen.«

»Ich will nicht nach … Warum diese Muschel?«

»Das ist ein Jakobsmuschel, der Symbol von Pilgerweg. Zum Grab von Apostel Jakobus. In Santiago.«

»Okay …«

»Der Schiff von Heilige Jakobus war voll mit diese Muscheln …«

Das stand allerdings in keiner der Bibeln, die ich bisher gelesen hatte. Ich drehte die Muschel in meiner Hand, schloss die Augen und versank einen Moment in den Gedanken und Gefühlen, für die ich bislang zu abgelenkt gewesen war. Der Antiquitätenhändler hüstelte.

»Wie viel?«, wollte ich wissen.

»Zweihundertfünfzehn Euro.«

Dollar und Euro: in etwa gleich. Ich hatte noch nie mehr als hundert Dollar für ein Schmuckstück ausgegeben.

»Die ist aus später neunzehnter Jahrhundert«, erklärte er. »Vergoldete Silber und Emaille. Möglicherweise gehörte jemand aus Österreichisch-Ungarische Monarchie.«

»Ich bin sicher, sie ist es wert.« Nun ja, nicht allzu sicher. »Aber das kann ich mir nicht leisten.« Das wäre so gewesen, als hätte der gute Jack in dem Märchen sein ganzes Geld für die Bohnen ausgegeben.

»Der Chemin kostet nicht viele Geld. Pilger bekommen viele umsonst.«

»Nein … merci«, sagte ich und legte die Muschel wieder hin.

Madame hatte nicht vor, weiter als bis zu Camille zu gehen. Der Antiquitätenhändler wirkte enttäuscht, wies mir jedoch in einem Mischmasch aus Englisch und Französisch den Weg.

Ich zog meinen Koffer eine Anhöhe hinauf und hoffte, ich hätte à droite nicht mit tout droit verwechselt – nicht rechts mit geradeaus. Der Talisman ging mir nicht aus dem Sinn. Das Schicksal spricht zu jenen, die zu hören bereit sind.

Als ich den alten Stadtkern hinter mir gelassen hatte, sah ich nach oben. Auf dem Hügel lag ein Friedhof, und auf der Kuppe zeichnete sich gegen den langsam dunkler werdenden Himmel eine riesige Ulme ab. Ein großer schlanker Mann lief darauf zu und zog etwas hinter sich her, das wie eine kleine Schubkarre aussah. Es war ein seltsamer Anblick, aber das einzelne Rad seines Fahrzeugs lief weitaus runder als meine Kofferrolle, die sich genau diesen Moment aussuchte, um kaputtzugehen.

2Martin

Meine letzte Probefahrt mit dem Karren, rauf zum Friedhof und wieder runter, setzte den Schlusspunkt unter ein Projekt, das sechs Monate zuvor begonnen hatte: an einem sonnigen Tag, an dem jede Menge Touristen durch Cluny spazierten und ich meinen Morgenkaffee im Café du Centre trank.

So mancher könnte es für Glück halten, dass ich ausgerechnet in dem Moment, als der Holländer die Straße entlangtaumelte, an einem der Außentische saß. Es gibt nun mal Menschen, die eher an das Zufällige glauben als an gute Vorbereitung und was man aus gebotenen Gelegenheiten macht.

»Taumeln« war übertrieben. Er hielt sich erstaunlich gut, wenn man bedenkt, dass er wahrscheinlich Ende fünfzig und leicht übergewichtig war und einen Golf-Trolley auf dem Rücken trug. Unter dem Ding hingen zwei große Räder, und als er vorbeikam, sah man, warum er sie nicht nutzte: eines davon war fast rechtwinklig abgespreizt. Ich sprang auf und stützte ihn.

»Excusez-moi«, sagte ich. »Vous avez un problème avec la roue?« – Haben Sie ein Problem mit dem Rad?

Er schüttelte den Kopf, womit er aus mir unerfindlichen Gründen das Offenkundige leugnete, denn er war außer Atem und schwitzte, obwohl es am frühen Morgen dieses Augusttags noch kühl war.

»Sind Sie Engländer?«, fragte er – nicht gerade taktvoll, da ich intensiv an meinem Akzent gearbeitet hatte.

Ich streckte die Hand vor. »Martin.«

»Martin«, wiederholte er. Der Sprachwechsel trug nicht unbedingt zur Verbesserung der Kommunikation bei.

»Und Sie?«, wollte ich wissen.

»Holländer. Ich habe kein Problem mit der Straße. Das Problem ist der Trolley.«

Er musste roue, Rad, als rue, Straße, verstanden haben. Wir setzten die Unterhaltung auf Englisch fort, und ich erfuhr, dass er Maarten hieß. Er ging nicht golfen, sondern wandern, und im Trolley befanden sich seine Kleidung und sonstige Utensilien. Er hatte am Stadtrand gezeltet und hoffte nun jemanden zu finden, der das Rad reparierte.

Die Chancen dafür schätzte ich ziemlich gering. Er würde problemlos Schokolade, überteuerten Burgunderwein und Souvenirs vom Kloster finden, aber so was wie eine Werkstatt war mir nicht bekannt. Vielleicht gäbe es eine im Industriegebiet, aber dann würde er frustrierend lange brauchen, sie zu finden, und sich möglicherweise wegen irgendeiner Vorschrift oder eines Streiks oder fehlender Mitarbeiter die Beine in den Bauch stehen, bis ein Monteur sich irgendwann herabließe, ihm zu helfen.

»Ich könnte das für Sie reparieren«, bot ich an.

Wie sich herausstellte, brauchte ich dafür den ganzen Tag minus der Zeit für meine Vorlesung. Damals arbeitete ich erst seit wenigen Monaten an der renommierten Ingenieur-Hochschule ENSAM, konnte dort jedoch alle Räume und Materialien nutzen.

Das Rad war nicht mehr zu retten und wohl von Anfang an recht instabil gewesen. Unser Problem weckte die Neugier einiger Studenten, woraus sich bald ein improvisierter Design-Workshop ergab. Ganz im Sinne von Bildung und Gemeinschaftsarbeit demontierten wir die aufblasbaren Räder einer alten Sackkarre und schweißten sie an Maartens Trolley. Der Gummibezug des Handgriffs war auch irgendwann schon abgefallen, also fertigten wir einen Ersatz aus geriffeltem Metall. Das Ergebnis war definitiv eine Verbesserung. Natürlich wurden Maarten, sein Trolley und die gesamte Konstruktionsgruppe in ihren bemalten Mänteln ordnungsgemäß für unsere Schul-Webseite abgelichtet.

Irgendwann im Verlauf unserer Arbeit stellte ich Maarten die offenkundige Frage. »Wohin geht eigentlich deine Reise?«

»Nach Santiago de Compostela. Ich gehe den Jakobsweg.«

»Von hier aus?«

Eine frühere Kollegin in England, Emma, hatte den Weg bereits »absolviert« und war mehr als ein bisschen stolz darauf. Ich meinte mich jedoch zu erinnern, dass sie von einem Ort an der französisch-spanischen Grenze aus gestartet war.

Maarten klärte mich auf. »Logischerweise stammten früher nicht alle Pilger aus diesem einen Ort. Und im zehnten Jahrhundert konnte man nicht einfach in ein Flugzeug oder einen Zug steigen, nach Saint-Jean-Pied-de-Port reisen und dort bequem von einem Hotel aus starten. Man begann den Jakobsweg vor seiner eigenen Haustür, so wie ich.« Tja, Emma, hör dir das gut an – und geh das nächste Mal von Sheffield aus los.

In ganz Europa gab es Zuführwege, so auch den Chemin de Cluny, auf dem Maarten unterwegs war. Die meisten trafen dann an der spanischen Grenze in Saint-Jean-Pied-de-Port zusammen, wo die letzte, achthundert Kilometer lange Etappe begann: der Camino Francés oder »Französischer Weg«, den Emma gegangen war. Maarten hatte jetzt schon 790 Kilometer hinter sich, von Maastricht aus.

»Warum dieser Wagen?«, fragte ich.

Er tippte sich an die Knie. »Die meisten nehmen einen Rucksack, aber das geht ganz schön auf die Gelenke und den Rücken. Und viele Pilger sind nicht mehr die Jüngsten.«

Das konnte ich gut nachvollziehen. Mein altersreifer Versuch, den Londoner Marathon zu bewältigen, hatte zu einer Knie-OP geführt sowie dem Rat, derartige Belastungen in Zukunft zu meiden.

»Und wo haben Sie den her?«

»Den hat ein Amerikaner konstruiert.«

»Sind Sie damit zufrieden? Abgesehen von den Rädern?«

»Das Ding ist Mist«, sagte er.

Als wir um acht Uhr abends fertig waren, bot ich Maarten einen Platz auf dem Fußboden meines Wohnzimmers an.

»Und ich lade dich zum Essen ein«, fügte ich hinzu, »aber ich will alles über deinen Rollwagen wissen.«

»Hast du doch gesehen. Ist ganz simpel.«

»Nein, ich meine Details aus der Praxis. Wie lässt er sich manövrieren, wo liegen die Probleme, was würdest du ändern?«

Mir war eine Idee gekommen: Ich war überzeugt, ein besseres Design entwickeln zu können. Bevor ich allerdings mit den Entwürfen dazu beginnen könnte, gäbe es noch einige Fragen zu klären, aber das Wichtigste wäre zu verstehen, welche Anforderungen er erfüllen musste. Und wie ich meinen Studenten immer sagte, erfuhr man nichts über Anforderungen, indem man auf dem Hintern saß und eine Wunschliste verfasste. Man musste raus ins Feld, idealerweise mit einem Prototyp, und herausfinden, worauf es ankam. Genau das hatte Maarten 780 Kilometer lang mit dem Produkt getan, mit dem ich konkurrieren würde.

Wir diagnostizierten, dass der Trolley auf unebenem Terrain schwer zu ziehen und auf engen Wegen unbequem zu manövrieren war, weil sich der Griff ständig in der Hand drehte. Aus diesem Grund hatte Maarten der Fahrradroute folgen müssen, die häufig an unschönen Hauptverkehrsstraßen entlangführte.

Beim Käse fragte ich ihn über das Pilgern aus. Ich bin nicht religiös, mich interessierte die Logistik. Auch Maarten war nicht religiös. Er war aus einer Beamtenstellung wegrationalisiert worden und rechnete nicht damit, noch einmal einen Job zu bekommen. Die Gründe für seine Reise waren eher vage, doch die Wahl der Route ergab durchaus einen Sinn.

»Gute Beschilderung, überall Wasser, Herbergen mit Dusche und warmer Mahlzeit. Bricht man sich ein Bein oder kriegt einen Herzinfarkt, wird man von anderen Pilgern gefunden.«

Meine Wohnung lag einen kurzen Spaziergang vom Zentrum entfernt. Ich hatte sie über Jim Hanna bekommen, einen ausgewanderten New Yorker, der in Cluny eine Französin geheiratet hatte, mit der er in den Staaten zusammengekommen war. Die Ehe war mittlerweile gescheitert, hatte zuvor allerdings eine Tochter hervorgebracht, die ihn für die nächste Zukunft an Frankreich band.

Jim hatte mir zwei alte Lehnsessel organisiert, in denen Maarten und ich es uns nun gemütlich machten und Eau de Vie de Prune tranken, Pflaumengeist. Der Schnaps war meine erste Anschaffung in Cluny gewesen, aber nachdem ich einen Abend lang ausgiebig meine Sorgen darin ertränkt hatte, war ich mit dem Ausschenken zurückhaltender geworden.

»Keine Familie?«, erkundigte ich mich.

Er schüttelte den Kopf. »Meine Partnerin ist gestorben. Und bei dir?«

»Eine Tochter in Sheffield. Siebzehn.«

Sarah und ich schickten uns sporadische Textnachrichten. Sie hätte lieber gehabt, ich wäre geblieben, aber dann wäre sie unweigerlich in den Schuldzuweisungsstreit zwischen Julia und mir geraten, bis sie die Hälfte ihres Lebens damit verbracht hätte, zu überlegen, was sie wem erzählt, wann sie bei wem wohnt und auf wessen Seite sie sich vermeintlich schlägt. Ich wusste nur zu gut, welchen Schaden voneinander entfremdete Eltern einem Teenager zufügen konnten.

»Was willst du machen, wenn du den Weg hinter dir hast?«, fragte ich Maarten.

»Deshalb gehe ich ihn ja. Um darüber nachzudenken.«

»Und bis jetzt hast du keine Idee?«

»Ich habe noch viel Zeit. Wenn mir bis Santiago nichts eingefallen ist, kann ich auf dem Heimweg weiter überlegen.«

Am Morgen sah ich Maarten hinterher, wie er von der ENSAM aus seinen Weg mit dem reparierten Trolley fortsetzte. Das Ding kam kaum mit den Pflastersteinen zurecht, und ich hatte schon die Radaufhängung eines verbesserten Modells vor Augen, das von kniekranken Wanderern über den Penninenweg in England, über den Appalachenweg in Nordamerika und von Tausenden von Pilgern über den Jakobsweg nach Santiago de Compostela gezogen würde.

 

Einen brauchbareren Gepäckwagen zu entwickeln wäre denkbar einfach gewesen. Allein die Räder zu verbreitern hätte einen Unterschied bewirkt, und mit einer Federung wäre das Fahrverhalten abseits befestigter Wege deutlich besser geworden. Allerdings war ich auf der Suche nach einer dramatischeren Innovation.

Die ausschlaggebende Idee dazu kam durch genau die Technik zustande, für deren Unterrichtung ich bezahlt wurde.

»Also«, meinte ich zu den vier Studenten, die nach der Vorlesung noch geblieben waren, »wir stecken fest. Wie schaffen wir es, unser kreatives Potential zu fördern?«

»Mit Bier.«

»Manchmal, ja. Aber petzt euren Eltern bloß nicht, dass ich das gesagt habe. Wie noch?«

Pascale, die Studentin mit dem à la Anime bemalten Mantel, hob die Hand. »Wir könnten die Grenzbereiche austesten, Dr. Eden … die Parameter bis zu den Randwerten hin ausweiten.«

»Gut, weiter … Mit welchen Parametern können wir spielen?«

»Dem Achsabstand?«

»Und die Extremwerte wären?«

»Unendlich – und null: beide Räder zu einem einzigen zusammengeschoben. Aber …«

»Was hat sie gesagt?«

»Ein einzelnes Rad.«

»Nein, danach?«

»Aber.« Gelächter.

»Richtig, Leute. Wir sollen nicht Gründe finden, um eine Idee zu verwerfen, sondern nach Möglichkeiten suchen, sie umzusetzen.«

»Wenn das Problem in der Stabilität liegt, bauen wir einfach einen zweiten Griff dran. Ganz einfach.«

 

Das endgültige Design erinnerte nach sechs Monaten Entwicklungsarbeit mehr an Rikschas oder Sulkies als an Golf-Trolleys und war erheblich wendiger als Maartens Gefährt. Durch das einzelne Rad war ein ausgefeiltes Federungssystem möglich, das in beeindruckender Weise auf verschiedene Untergründe reagierte.

Der mit Halteclips versehene Hüftgurt erinnerte ein wenig an das Geschirr eines Pferdewagens, aber so hatte man die Hände frei und konnte Wanderstöcke einsetzen, wie sie viele Pilger zur Entlastung und Unterstützung benutzten. Maarten hatte angemerkt, durch Flüsse und über Zäune sei der Trolley schwer zu manövrieren, also hatte ich meinen Karren mit Riemen versehen, mit denen er – zumindest kurzzeitig – auf dem Rücken getragen werden konnte.

Von Anfang an hatte ich versucht, einen Investor zu finden, und konnte nach vielen E-Mails das Interesse eines chinesischen Herstellers und zweier Händler für Outdoor-Equipment wecken, einer davon in Deutschland, einer in Frankreich. Sie alle wären im Mai auf einer Pariser Fachmesse zugegen, wollten sich jedoch nicht mit einem Prototyp zufriedengeben, sondern forderten den Nachweis, dass mein Gepäckwagen ausgedehnte Wanderungen überstehen konnte. Insbesondere die Franzosen verlangten Beweise, dass er mit den – natürlich einzigartigen – landschaftlichen Bedingungen ihrer Heimat zurechtkäme. Eine solch umfangreiche Testphase hätte ich allerdings nicht finanzieren können.

Etwa eine Woche lang grübelte ich hin und her und kam immer wieder zu demselben Ergebnis. Mein Dozentenvertrag endete Mitte Februar. Danach müsste ich etwas Neues und vor allem Lohnenderes finden, um meine Finanzen aufzustocken, und dafür wäre der Gepäckwagen meine beste Chance. Und die Person, die am besten geeignet wäre, das Ding zu testen, Reparaturen und Verbesserungen vorzunehmen und im Anschluss den potentiellen Investoren die Ergebnisse zu präsentieren, war ich selbst.

Ich würde von Cluny aus den Chemin gehen, den Karren also tausendneunhundert Kilometer über französischen und spanischen Boden ziehen, Fotos und Videoaufnahmen machen und einen Blog erstellen, um die Neugier potentieller Käufer zu wecken. Am 11. Mai müsste ich Santiago erreichen, dann blieben mir zwei Tage, um zur Pariser Messe zu reisen. Wenn ich gleich nach Vertragsende aufbrach und jeden Tag fünfundzwanzig Kilometer zurücklegte, könnte ich es sogar mit einer Woche Reservezeit schaffen.

Allerdings war ein Start im Winter nicht gerade ideal. Die Herbergen auf der zweiwöchigen Strecke von Cluny nach Le Puy waren vermutlich geschlossen und der Wanderweg über das Zentralmassiv zugeschneit, so dass ich die Straße nehmen müsste.

Mit meinen Ersparnissen könnte ich pro Tag auf hundert Euro zurückgreifen, genug für eine einfache Unterkunft und Essen. Darüber, dass ich bei meiner Ankunft in Paris wieder pleite wäre, machte ich mir erst einmal keine Gedanken.

Es tat mir leid, Cluny zu verlassen. Die Studenten und die Akademie hatten mich herzlich aufgenommen, obwohl sie mich nicht gerade in der besten Zeit meines Lebens kennengelernt hatten.

 

Ich erreichte den Friedhof oben am Hügel. Irgendwo hatte ich mal gelesen, dass in Frankreich jeder Friedhof per Gesetz Trinkwasser bereitstellen musste. Und tatsächlich befand sich direkt hinter dem Eingangstor ein Wasserhahn mit dem Hinweis eau potable, aus dem mir beim Aufdrehen eiskaltes Wasser über die bloßen Beine spritzte.

Der Friedhof bot die schönste Aussicht auf die Stadt und ihre Umgebung. Ich blieb ein paar Minuten stehen, ließ meinen Blick über die Felder schweifen und versuchte, in der einsetzenden Dämmerung durch den Nieselregen hindurch den Wanderweg auszumachen.

[...]

Über Graeme Simsion & Anne Buist

Bestseller-Autor Graeme Simsion (»Das Rosie-Projekt«), und seine Frau, Psychologin und Autorin Anne Buist, haben »Zum Glück gibt es Umwege« gemeinsam geschrieben, jeder aus seiner Perspektive. Beide haben den Jakobsweg von Cluny bis Santiago begangen, Örtlichkeiten und Wegbeschreibungen gehen auf eigenen Augenschein zurück, und so manche Begegnung auf dem Camino ist, fiktiv abgewandelt, in die Romanhandlung eingeflossen.

 

Weitere Informationen finden Sie auf www.fischerverlage.de

Über dieses Buch

Völlig überstürzt verlässt Zoe ihr Zuhause in Kalifornien. Vor drei Wochen ist ihr Mann gestorben und sie reist zu ihrer Schulfreundin Camille in Frankreich. Im Schaufenster eines Ladens in Cluny sieht sie einen muschelförmigen Anhänger und entschließt sich spontan, den »Chemin«, den Jakobsweg, zu gehen. Ein alter Freund Camilles, Monsieur Chevalier, verspricht ihr, dass »der Weg sie verändern werde« – eine Idee, die sie anspricht. Beim Aufbruch beobachtet sie einen Mann, den sie für einen französischen Ladendieb hält. Als sie ihm auf dem Weg erneut begegnet, ist sie entsprechend misstrauisch.

Tatsächlich ist der Mann der englische Ingenieur Martin. Er hat einen knie- und rückenschonenden Wanderkarren erfunden und einen Prototyp gebaut. Um die Karrentechnik zu testen, scheint ihm der Jakobsweg gerade passend – es gibt Wegweiser, Herbergen und jede Menge Gelegenheit, an dem Karren herumzubasteln. Nur ärgerlich, dass ihm gleich zum Wanderstart eine schlecht ausgerüstete Kalifornierin die vorgebuchte Unterkunft wegschnappt.

Martin und Zoe kämpfen jeder für sich mit frostigen Temperaturen, schrägen Mitwanderern und den Kapriolen des eher unhandlichen Karrens. Nach und nach revidieren sie ihre jeweiligen ersten Eindrücke, spüren die gegenseitige Anziehung. Aber sie sind eigentlich grundverschiedene Menschen. Und solche Begegnungen führen erfahrungsgemäß doch nie zu etwas. Oder vielleicht doch?

 

Weitere Romane von Graeme Simsion:

»Das Rosie-Projekt«

»Der Rosie-Effekt«

»Der Mann, der zu träumen wagte«

Impressum

Die Originalausgabe erschien 2017 unter dem Titel "Two Steps Forward" im Verlag Text Publishing Company, Melbourne, Australien.

© Graeme Simsion 2017

 

Für die deutschsprachige Ausgabe:

© 2019 S. Fischer Verlag GmbH, Hedderichstr. 114, D-60596 Frankfurt am Main

 

Illustration der Landkarte: Simon Barnard

Covergestaltung und -abbildung: www.buerosued.de

 

Abhängig vom eingesetzten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

Dieses E-Book ist urheberrechtlich geschützt.

ISBN 978-3-10-490681-2