Zurück nach Tara - Kate Alcott - E-Book

Zurück nach Tara E-Book

Kate Alcott

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Beschreibung

Hollywood, 1938. Der Himmel leuchtet grell orangerot, Gebäude gehen in Flammen auf, Menschen eilen aufgeregt durcheinander. Eine junge Frau bahnt sich einen Weg durch die Menge, auf der Suche nach keinem Geringeren als David O. Selznick. Gerade jetzt, als der in Culver City ein Flammeninferno inszeniert – und damit die Dreharbeiten zum aufsehenerregendsten Filmprojekt aller Zeiten einläutet: Vom Winde verweht. Julie ist noch nicht lange hier, in der sagenumwobenen Stadt voll Glitzer und Glamour, umjubelter Filmstars und skandalöser Partys. Sie will Drehbücher schreiben, doch noch ist sie nur eine kleine Schreibkraft in Selznicks Produktionsfirma. Nie hätte sie sich träumen lassen, dass sie mitten hineingerät in die dramatische Liebesgeschichte von Scarlett und Rhett, die ganz Amerika aufseufzen ließ. Und nicht nur das: Auch die Affäre von Selznicks Star Clark Gable mit der Femme fatale Carole Lombard wird mit einem Mal Julies ganz persönliche Angelegenheit … Zurück nach Tara öffnet die Türen zum alten Hollywood, wirft mit der abenteuerlustigen Julie einen Blick hinter die Kulissen und taucht ein in die schillernde und abenteuerliche Welt zwischen Filmset und Blitzlichtgewitter.

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Seitenzahl: 468

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Hollywood, 1938. Der Himmel leuchtet grell orangerot, Gebäude gehen in Flammen auf, Menschen eilen aufgeregt durcheinander. Eine junge Frau bahnt sich einen Weg durch die Menge, auf der Suche nach keinem Geringeren als David O. Selznick. Gerade jetzt, als der in Culver City ein Flammeninferno inszeniert – und damit die Dreharbeiten zum aufsehenerregendsten Filmprojekt aller Zeiten einläutet: Vom Winde verweht.

Julie ist noch nicht lange hier, in der sagenumwobenen Stadt voll Glitzer und Glamour, umjubelter Filmstars und skandalöser Partys. Sie will Drehbücher schreiben, doch noch ist sie nur eine kleine Schreibkraft in Selznicks Produktionsfirma. Nie hätte sie sich träumen lassen, dass sie mitten hineingerät in die dramatische Liebesgeschichte von Scarlett und Rhett, die ganz Amerika aufseufzen ließ. Und nicht nur das: Auch die Affäre von Selznicks Star Clark Gable mit der Femme fatale Carole Lombard wird mit einem Mal Julies ganz persönliche Angelegenheit …

Kate Alcott ist das Pseudonym der Autorin und Journalistin Patricia O’Brien. Nach ihrem New York Times-Bestseller Ein Koffer voller Träume (2012) erscheint nun auch der neueste Roman der Autorin, Zurück nach Tara, auf Deutsch. Sie lebt in Washington, D. C.

KATE ALCOTT

ZURÜCKNACH TARA

ROMAN

Aus dem Englischen vonGabriele Gockel und Barbara Steckhan

Insel Verlag

Die Originalausgabe erschien 2015 unter dem Titel A Touch of Stardust bei Doubleday, a division of Random House LLC, New York

eBook Insel Verlag Berlin 2015

Der vorliegende Text folgt der 1. Auflage der Ausgabe des insel taschenbuchs 4421.

© der deutschen Ausgabe Insel Verlag Berlin 2015

Copyright © 2015 by Kate Alcott

Alle Rechte vorbehalten, insbesondere das des öffentlichen Vortrags sowie der Übertragung durch Rundfunk und Fernsehen, auch einzelner Teile.

Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotografie, Mikrofilm oder andere Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.

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Umschlaggestaltung: Zero Werbeagentur, München

Umschlagfotos: Elisabeth Ansley/Trevillion Images; akg-images

eISBN 978-3-458-74174-9

www.insel-verlag.de

Die Handlung dieses Romans ist erfunden, obwohl sich sein Grundgerüst rund um die Entstehung von Vom Winde verweht und die wichtigsten Daten auf reale Ereignisse stützen. Die Dialoge der Filmszenen wurden gekürzt.

Für meinen Vater:

Du hast immer Deine Freude an guten Geschichten gehabt.

Diese ist für Dich.

KAPITEL 1

Los Angeles

10. Dezember 1938

Wie geplant ging Atlanta in Flammen auf.

Die Arbeiter waren in der Dunkelheit über die Anlage gelaufen, hatten die Zündschnüre in Brand gesetzt und sich anschließend rasch in Sicherheit gebracht. Kurz darauf stieg dröhnend die erste Feuersäule auf, dann noch eine und noch eine. Inzwischen brachen immer häufiger brennende Holzstücke los, die von der Hitze der Glut in den Himmel gewirbelt wurden. Häuser, Schuppen, Karren, alles brannte lichterloh.

»Mein Gott, ist das ein Feuer!«, rief ein Mann in Konföderierten-Uniform. Der Himmel über den Selznick-Studios glühte in einem beängstigenden Orangerot, und während Männer in Geschäftsanzügen auf der Aussichtsplattform applaudierten, fragten sich die verängstigten Bewohner von Culver City in ihren Häusern, ob dies der Weltuntergang war.

Julie Crawford ließ sich davon nicht aufhalten und lief weiter, obwohl sie alle paar Schritte stolperte. Lächerlich, diese Pumps mit hohen Absätzen. Dabei hatte sie eigentlich gehofft, dass sie ihr bei ihrem ersten wichtigen Auftrag in den Studios von Selznick International Pictures mehr Selbstsicherheit verleihen würden. Sie versuchte, das Gesicht von den Flammen abzuwenden, trotzdem spannte ihre Haut bereits in der Hitze. Sie wagte einen kurzen Blick nach oben zum Aussichtsturm. David O. Selznick stand im Licht eines Scheinwerfers und blickte wie ein König über sein brennendes Reich.

Plötzlich preschte eine Pferdekutsche mit zwei geduckten Gestalten heran. Abgerissene Typen lösten sich aus dem Hintergrund und versuchten, die Zügel zu packen. Das Pferd bäumte sich vor Angst auf. Ein Mann mit einem breitkrempigen Hut sprang vom Wagen und band dem Tier mit einem Tuch die Augen zu. Seine Konturen zeichneten sich scharf vor dem glutroten Himmel und den nach ihm züngelnden Flammen ab, als er das Gefährt in Sicherheit brachte.

Für einen kurzen Augenblick glaubte Julie wirklich, das brennende Eisenbahndepot von Atlanta vor sich zu sehen. Rhett Butler, der das Pferd führte, Scarlett, die auf dem Kutschbock hockte, und hinten auf der Ladefläche Melanie und das Baby. Julies Herz schlug schneller. Unglaublich. Der Produzent auf der Plattform hatte Vom Winde verweht zum Leben erweckt.

»Das mit dem Wagen hat richtig echt ausgesehen.« Der Darsteller in Konföderierten-Uniform wies voller Begeisterung auf das Set. »Nun kann die Munition nicht mehr in Shermans Hände fallen.«

Einige der Anwesenden jubelten und klatschten, andere schlugen sich erleichtert auf die Schulter, obwohl manch einer immer wieder nervös auf die Feuerlöschfahrzeuge blickte, die am Rand des Geländes standen. Keine Sorge, man würde sie nicht brauchen, beruhigten sie einander. Selznick war vielleicht waghalsig, aber nicht dumm. Die Flammen, die sich durch die ausgedienten Kulissen fraßen, um für Tara Platz zu machen, waren ein für alle Mal auf Zelloloid gebannt. Alles lief wie geplant, das hier war schließlich Hollywood.

Julie blickte auf den Zettel in ihrer Hand. Was war nur in sie gefahren, dass sie herumstand und große Augen bekam! Sie hatte die Anweisung, ihn Selznick persönlich zu übergeben, bevor der Brand gezündet wurde. Ihre erste Chance, aus dem Schreibbüro und von ihrer Arbeit am Mimeografen wegzukommen, und sie hatte sie vertan.

Aber so schnell wollte sie sich nicht geschlagen geben. »Ich muss zu Mr. Selznick«, erklärte sie laut, während sie sich zur Plattform vordrängte, wo sie sich auf Zehenspitzen stellte, um über die Köpfe der anderen hinwegzublicken. Sie versuchte, furchtbar wichtig zu klingen, wie es hier im Studio offenbar jeder tat. »Ich habe eine Nachricht für ihn.«

Ein Feuerwehrmann – ob ein echter von der Feuerwehr Los Angeles oder ein Statist des Studios konnte sie nicht sagen – blickte sie verärgert an. Sein Gesicht war in der Hitze glutrot angelaufen. »Lady«, erklärte er, »sehen Sie denn nicht, dass er damit beschäftigt ist, uns auf Trab zu halten? Treten Sie zurück – das ist ein Befehl!«

Ein Mann johlte. Julies Wangen brannten jetzt noch heißer.

»Von wem ist denn die Nachricht?«, fragte eine Männerstimme.

Sie wandte sich um und sah ihn an der Seitenwand des aus Holz gezimmerten Aussichtsturms stehen. Er trug eine schwarze Wildlederjacke, ein zerknittertes Hemd und abgetragene Tennisschuhe. Sein dunkles Haar war ziemlich lang und sah aus, als hätte er nicht nur einen Friseurtermin verpasst. Seine kräftigen Hände waren mit Sommersprossen übersät; sein Gesicht hatte die in Kalifornien übliche Bräune. Auffallend war der souveräne Blick, mit dem er sie betrachtete, ein Blick, in dem sich Amüsiertheit und Ernst die Waage hielten. Sein Alter ließ sich nur schwer schätzen. Plötzlich bereute Julie, dass sie nicht noch rasch ihren Lippenstift nachgezogen hatte, ehe sie losgelaufen war.

»Von einem seiner Assistenten«, antwortete sie.

»Von welchem?«

»Keine Ahnung. Den Namen kenne ich nicht.«

Er trat seine Zigarette aus und schüttelte den Kopf. »Ist wohl Ihr erster Tag heute«, meinte er dann. »Man bringt Selznick keine Nachricht, wenn man nicht weiß, von wem sie stammt. Geben Sie sie mir. Ich sorge dafür, dass er sie bekommt.« Er streckte die Hand aus. Sein Blick war kühl, aber um seine Mundwinkel spielte ein Lächeln.

»Ich würde sie ihm lieber persönlich geben«, erklärte sie argwöhnisch.

Er ließ den ausgestreckten Arm sinken. »Gut, diesen Test haben Sie bestanden. Lassen Sie sich Mitteilungen für Selznick niemals aus der Hand nehmen.« Jetzt grinste er sie an, ein warmer Ausdruck lag in seinen Augen, und winkte sie zu sich. Dabei zeigte er auf die Leiter zur Plattform. »Ich bringe Sie nach oben. Ich sollte mich sowieso dort blicken lassen. Wie heißen Sie?«

»Julie Crawford. Ich arbeite im Hauptbüro.« Sie brauchte ihm ja nicht zu sagen, dass sie am Mimeografen stand und Pressemitteilungen vervielfältigte. Er wirkte ungeheuer selbstsicher, fühlte sich in dieser neuen Welt offenbar wie zu Hause. Vielleicht konnte sie ihm ja den Eindruck vermitteln, als hätte sie wenigstens ein bisschen Ahnung von dem, was sie tat.

»Demnach sind Sie also nicht irischer Herkunft. Wahrscheinlich stammen Sie aus einer guten protestantischen Familie. Von wem haben Sie das rote Haar?«

»Von meiner Mutter. Und es ist nicht rot, sondern kastanienbraun«, entgegnete sie. »Außerdem bin ich weder streitsüchtig noch aufbrausend oder sonst irgendetwas, was man Rothaarigen gern nachsagt. Aber wie ich bereits erwähnte, ich bin ja auch kastanienbraun.« Verärgert biss sie sich auf die Lippen. Da hatte sie schon wieder zu viel gesagt.

Er grinste sie an. »Allerdings auch empfindlich, wenn ich mich nicht irre. Sie gehen anscheinend häufig ins Kino. Und wahrscheinlich würden Sie, wie jedes Mädchen in Hollywood, gern die Scarlett O’Hara spielen. Die hatte allerdings schwarze Haare, wie Margaret Mitchell schreibt. Selbst falsche Blondinen sind gegenwärtig bereit, ihren Typ zu ändern. Haben Sie auch schon eine neue Farbe ins Auge gefasst?«

»Nein! Zu diesen Frauen gehöre ich nicht.«

Er zuckte die Achseln und stieg auf die Leiter. »Sicher, mit der Natur fährt man am besten. Kommen Sie mit.«

Julie war froh, dass sie eine Hose trug. Ihre Mutter würde zwar in Ohnmacht fallen, aber besser das, als sich von einem konföderierten Soldaten unter den Rock schauen zu lassen. Die Leiter wirkte stabil, trotzdem war sie Julie nicht ganz geheuer. Die Holzkonstruktion sah aus, als wäre sie rasch zusammengezimmert worden, wie eigentlich alles an diesem wunderbaren, aufregenden Ort.

Als sie oben auf die Plattform trat, entdeckte sie zu ihrer Überraschung mindestens zwanzig Schaulustige, die alle sehr wichtig zu sein schienen. Als Julie nach unten blickte, stockte ihr der Atem. Das tosende Feuer am Boden verschlang alles, was am Morgen noch da gestanden hatte: die ehemaligen Kulissen von King Kong und die weiße Frau und von dem im Jahr 1924 gedrehten Film Der Dieb von Bagdad. Am nächsten Tag wollte Mr. Selznick hier mit dem Bau von Tara beginnen. Dass sich an diesem Ort demnächst Scarlett O’Haras imposantes Elternhaus erheben würde, konnte sich Julie einfach nicht vorstellen.

»Sie kommen zu spät, junge Frau«, sagte eine kräftige Stimme. »Ihre Nachricht hat mich schon vor Ihnen erreicht.«

Julie wirbelte herum und stand vor dem Mann, der in dieser Welt des schönen Scheins das Sagen hatte und über jedes Detail und jeden Mitwirkenden herrschte: David O. Selznick, den angesichts seiner herausragenden Stellung niemand beim Vornamen nannte. Er war nicht besonders groß, hatte Geheimratsecken und dichte, dunkle Brauen. Da ihm die Brille mit dem Metallrahmen ein Stückchen auf der Nase heruntergerutscht war, hatte er beinahe etwas Oberlehrerhaftes an sich. Doch mit seinem Blick hätte er einen Schüler auf dem Fleck festnageln können; Güte suchte man vergeblich in seinen Augen.

Und in diesem Moment richteten sie sich auf Julie. Sie brachte kein Wort heraus.

»Es ist nicht ihre Schuld. Die Feuerwehr hat sie nicht durchgelassen«, sagte der Mann, der Julie heraufgebracht hatte. Er klang dabei ganz unaufgeregt und sachlich.

»Tut mir leid, Mr. Selznick ...«, stammelte sie und hielt ihm den Zettel hin.

Mit einer Handbewegung tat er ihre Worte ab, als würde er lästige Fliegen verscheuchen. Dann warf er einen kurzen Blick auf die Nachricht, runzelte ungeduldig die Stirn und widmete seine Aufmerksamkeit wieder ganz den Flammen, die das Studiogelände von Selznick International Pictures verschlangen und den Himmel blutrot färbten. Ihm schwoll die Brust, und sein Gesicht zeigte, wie entzückt er war.

»Großartig, diese Szene, nicht wahr?«, rief er glücklich, während er mit der Hand einen Kreis über die lodernde Glut beschrieb.

Die Zuschauer auf der Plattform applaudierten in stummem Einklang. Selznick hatte es mal wieder geschafft, auch wenn er manchmal ein bisschen verrückt war. Brillant natürlich, aber auch verrückt.

»Und was sagen Sie zu dieser hübschen Dame?« Selznick wandte sich von dem Inferno ab und betrachtete die Frau, die neben ihm stand, mit gespielter Bewunderung. »Damit Sie es wissen«, meinte er dann zu Julie, »die Nachricht sollte mich vom Eintreffen dieser bezaubernden Engländerin informieren. Aber sie kam Ihnen zuvor. Gewöhnlich mag ich ja keine Überraschungen, doch heute mache ich eine Ausnahme. Darf ich Ihnen unser britisches Juwel vorstellen, die atemberaubende Miss Vivien Leigh?«

Sprach er etwa zu ihr? Nein, seine Worte galten den anderen Anwesenden. Julie betrachtete die Schauspielerin. Alles an ihr – ihr Gesicht, ihre Figur – war zart und fein. Die Haut schimmerte wie Perlmutt, und die mandelförmigen, von kunstvoll aufgetragenem grünem Lidschatten betonten Augen verliehen ihr das Aussehen einer schläfrigen Katze. Ihr cremefarbenes Seidenkleid war an der unglaublich schmalen Taille gerafft, ehe der halblange Rock in üppigen Falten herabfiel. Sie blickte verschmitzt unter dem Rand ihres Samthuts hervor, dann zeigte sie ein hinreißendes Lächeln. Durch das flackernde Licht der im Hintergrund züngelnden Flammen erschien sie, als wäre sie wie durch Zauberhand geradewegs einem bebilderten Geschichtsbuch über den Bürgerkrieg entstiegen.

»Scarlett?«, stieß Julie hervor.

Einige Anwesende lachten auf. Julie wurde rot. Da war sie wohl zu weit vorgeprescht. Die Rolle der Scarlett O’Hara war noch nicht vergeben.

Vivien Leigh hingegen freute sich ganz augenscheinlich über die Bemerkung. Wer konnte schon sagen, wie viele Stunden sie während der Überfahrt auf der Queen Mary vor dem Spiegel verbracht hatte, um Haltung und Gesichtsausdruck der Scarlett ihrer Fantasie einzuüben. »Ich hoffe, das haben Sie gehört, Mr. Selznick«, flötete sie, während sie mit einer aufreizenden Bewegung eine Falte ihres Rocks herumwarf. Das Kleid bauschte sich auf, und einige Zuschauer waren gezwungen, zur Seite zu treten, um nicht von der Plattform gefegt zu werden.

Selznick lachte hemmungslos, warf Julie aber einen vernichtenden Blick zu. »Gehen Sie, meine Gute. Ich dulde keine Säumigkeit, nicht bei den Angestellten meines Studios. Sie finden sicher woanders Arbeit. Immerhin können Sie Ihren Freunden zu Hause berichten, dass Sie die wunderschöne und ausgesprochen kluge Vivien Leigh getroffen haben.«

Niedergeschmettert wandte sich Julie ab. Sie war gerade an Ort und Stelle gefeuert worden. Sie drückte das Kreuz durch, während sie mit aller Willenskraft gegen die aufsteigenden Tränen ankämpfte. Nein, sie würde nicht nach Hause zurückkehren. Dazu konnte sie nicht einmal der berühmte Mr. Selznick zwingen. Sie war hier, um der Enge von Fort Wayne in Indiana zu entfliehen und sich ein neues Leben aufzubauen. Da würde sie nicht gleich beim ersten Rückschlag die Flinte ins Korn werfen.

Als sie sich zur Leiter wandte, sah sie eine blonde Frau, die lässig am Geländer lehnte. Neben ihr stand ein Mann mit dichtem dunklem Haar und einem sorgfältig gepflegten Oberlippenbart. Er hatte die Arme vor dem breiten Brustkorb verschränkt. Julie meinte ihn zu kennen, richtete ihre Aufmerksamkeit jedoch gleich wieder auf die Frau. Sie hatte etwas Besonderes an sich, eine Haltung, mit der sie sich von anderen unterschied. Während sich die restlichen Besucher mit ihren Glückwünschen um Selznick drängten, blieb sie unbeeindruckt. Das Honigblond ihres Haars stammte augenscheinlich nicht aus der Tube, sondern war echt, und ihre Kleidung hatte offenbar keine Stylistin ausgesucht. Die Leinenbluse und die ungebügelte weite Hose, die sie trug, mochten vielleicht im schicken Bullocks Wilshire gekauft worden sein, wirkten aber ebenso unaufgeregt wie Julies Kleidung aus dem Kaufhaus Ayres in ihrem Heimatort in Indiana.

»Eine Freundin von dir, Andy?«, fragte sie mit einer Kinnbewegung in Julies Richtung den jungen Mann, der sie auf die Plattform gebracht hatte. Ihr Blick war freundlich, die kehlige Stimme klang amüsiert.

»Aus dem Sandkasten«, antwortete er, ohne die Miene zu verziehen. »Sehr talentiert.«

»Dann besorgen Sie ihr einen Job als Tippse. Bei all den Leuten, die hier am laufenden Band neue Szenen entwerfen.«

»Die schreiben doch ständig um, was nutzen da sauber getippte Drehbuchseiten? Kann sie nicht bei dir und Clark aushelfen?«

Die Frau zuckte mit den Schultern. »Wenn es dir gelingt, sie an David vorbeizuschmuggeln.«

»Vielleicht mit einer schwarzen Perücke.«

Sie lachte. »Das wäre eine todsichere Methode. Nur zu!«

»Ich will aber keine ...«, setzte Julie an.

»War nur ein Scherz«, erklärte die andere.

»Ach so.« Julie kam es vor, als blamierte sie sich immer mehr.

»Folgen Sie einfach Andys Anweisungen«, fuhr die Frau fort. »Er wird bei den richtigen Leuten ein Wort für Sie einlegen. Stimmt’s, Andy?« Es klang ganz ungezwungen und beiläufig. Und Andys Antwort kam prompt.

»Stimmt.«

»Keine Sorge, Kleines. Irgendwann wird jeder mal von David gefeuert. Andy als seine rechte Hand wird Sie schon irgendwo unterbringen. Bei dem Tempo, das unser Mr. Selznick vorlegt, habt ihr wahrscheinlich alle noch bis ins Rentenalter Arbeit.«

»Wenn auch nicht unbedingt in unserem Traumjob«, warf ihr Partner ein.

Die Blonde schenkte ihm ein zärtliches Lächeln. Der Blick, mit dem sie anschließend Selznick bedachte, war jedoch voller Zorn.

»Ich kümmere mich drum«, meinte Andy. Und ehe Julie noch etwas sagen konnte, zog er sie fort und stieg mit ihr die Leiter hinunter.

Unten angekommen, standen sie sich gegenüber. »Wie soll ich das verstehen?«, fragte Julie.

»Sie sind nicht entlassen, warten Sie nur ab. Nennen Sie morgen einfach den Namen ihrer zauberhaften Beschützerin, und Selznicks Büro wird Sie unverzüglich wieder Nachrichten austragen lassen. Aber noch einen Rat, meine Kleine. Sie dürfen sich auf keinen Fall bei Selznick entschuldigen, denn das kann er nicht ausstehen. Diese Begegnung mit ihr war ein Riesenglück für Sie.«

»Wer ist sie?«

Er schaute Julie erstaunt an, dann lachte er auf. »Sie sind ja wirklich die Unschuld vom Lande! Sie hat hier in Hollywood eine Sonderstellung. Als eine der ersten Frauen, der die Studiobosse nicht den Kopf abgerissen haben, weil sie ganz offen und freizügig in einem skandalösen Verhältnis lebt. Sie wissen es vielleicht nicht, aber hier bei uns gelten strikte moralische Regeln. Wenn sich Louella Parsons, die boshafteste Klatschkolumnistin Hollywoods, über das Liebesleben einer Schauspielerin auslässt, wird die betreffende Dame sofort fallen gelassen. Aber sie hier ist der Star unter den »in wilder Ehe Lebenden«, wie Photoplay sie nennt. Kennen Sie die Zeitschrift?«

Julie schüttelte den Kopf. Sie musste noch viel lernen, selbst wenn sie nicht mehr davon träumte, sich in die Welt der Stars hinaufzutanzen. Jener kleine Traum war geplatzt, als sie sich zum ersten Mal orangeroten Lippenstift auf den Mund geschmiert hatte. Was für eine Erfahrung, sich beim Blick in den Spiegel einem Zerrbild gegenüber zu sehen. Danach konnte sie es eher akzeptieren, dass sie weder schön noch talentiert war, wie das Urteil ihrer Mutter lautete. Es gab ihr die Freiheit, im Smith College ein Leben als Bücherwurm zu führen und das Fehlen ansehnlicher Verehrer von Princeton und Harvard zu ignorieren. Dies natürlich in der sicheren Gewissheit, dass zu Hause ihr Freund aus der Highschool auf sie wartete. Julie hatte noch immer ein schlechtes Gewissen, wenn sie daran dachte, wie sie ihn behandelt hatte.

»Ich bin keine Unschuld vom Lande, sondern hier, um möglichst viel zu lernen«, erklärte sie mit großer Bestimmtheit. »Da, wo ich herkomme, bringt man uns bei, Fragen zu stellen, wenn man nicht dumm bleiben will.«

Er schien beeindruckt davon, wie sie sich wehrte. »So frisch und unverbraucht, Julie. Julie ...« Er hielt inne, als wollte er herausfinden, wie es war, ihren Namen auszusprechen. »Das war Carole Lombard, die Königin der Screwball-Komödien. Eine exzellente Schauspielerin. Aber ganz richtig, stellen Sie ruhig Fragen. Und wenn Sie das Selbstmitleid überkommen sollte, führen sie sich vor Augen, dass Carole gerade für die Rolle der Scarlett abgelehnt wurde. Was meinen Sie also, wie sie sich fühlt?«

»Nicht besonders gut, nehme ich an.«

»Richtig. Der Mann neben ihr war der ›König von Hollywood‹, der zukünftige Rhett Butler. Auch bekannt als Clark Gable. Sie ist schon lange geschieden, könnte ihn also heiraten, wenn seine Ex das Ganze nicht in die Länge ziehen würde. Selznick dreht fast durch. Er fürchtet einen Skandal, möchte aber Gable bei Laune halten. Um den beiden einen Gefallen zu tun, hat er deshalb heute auch Carole mit auf das Zuschauerpodest eingeladen.«

»Er sieht anders aus als auf der Leinwand«, stellte Julie fest. Wie konnte sie Carole Lombard und Clark Gable begegnen, ohne sie zu erkennen? Wenn das herauskäme, hätte sie ihren Ruf wohl ein für alle Mal ruiniert.

»In Fleisch und Blut sehen sie alle anders aus. Dicker, dünner, kleiner. Viele Männer sind in Wahrheit nicht besonders groß und müssen sich für eine Liebesszene auf einen Eimer stellen.«

»Aber Gable doch nicht.«

»Nein, er braucht keine Hilfsmittel. Vielleicht sollte ich mich übrigens auch noch vorstellen. Ich bin Andy Weinstein, Produktionsassistent beim berühmten David O. Selznick. Und Mitarbeiter an dem Projekt Vom Winde verweht, diesem Monster von einem Film, für den es noch nicht einmal ein fertiges Drehbuch gibt. Und von dem viele sagen, er werde das größte Desaster der Filmgeschichte. Wenn Sie verstehen, was ich meine.«

Er sah nicht nur gut aus, sondern war auch klug und gewitzt. Doch sie fühlte sich davon eingeschüchtert und reagierte instinktiv mit Gegenwehr. »Wie den meisten anderen auch hat mir das Buch gut gefallen. Deshalb gehe ich davon aus, dass der Film ganz ausgezeichnet werden wird.«

»Aha, ein Trotzkopf. Ich hoffe, Sie haben recht. Ehe Sie jetzt aufbrechen und ihre Wunden lecken, darf ich Sie heute Abend zum Essen einladen?«

Er hatte ein übermütiges Lächeln und eine Herzlichkeit, die die Schatten in seinen Augen vertrieb.

Zu Hause in Indiana wäre er wahrscheinlich nicht als akzeptable Begleitung durchgegangen, aber sie war weit fort, brauchte darauf also keinen Gedanken zu verschwenden. Abenteuer und Unabhängigkeit – war sie nicht deshalb hergekommen? Sie konnte sich entweder mit diesem Mann zum Essen treffen und etwas lernen oder sich feige zu dem Thunfisch-Toast heimschleichen, der für heute auf ihrem Speiseplan stand.

»Gern«, antwortete sie. Sie klang ruhiger, als sie sich fühlte – hoffte sie zumindest. Und, wie er ihr später beschrieb, unterstrich sie diesen Eindruck, indem sie das Kinn hob und hinzufügte: »Wenn Sie ein Lokal kennen, das Glamour hat.«

KAPITEL 2

Sie fuhren von Culver City zum Sunset Boulevard und dann nach Osten in Richtung Vine Street. Der Abend war mild nach der Gluthitze des Studiofeuers. Julie kurbelte in Andys blaulackiertem DeSoto-Coupé das Fenster herunter und betrachtete staunend die über den Palmwipfeln glitzernden bunten Neonschilder. Und versuchte dabei, sich nicht anmerken zu lassen, wie beeindruckt sie war.

»Sehen Sie, dort!« Andy nahm die Hand vom Lenkrad, als sie vom Sunset Boulevard abbogen, und wies auf ein Gebäude. Über dem abgedunkelten Eingang war eine Werbetafel angebracht, die den überdimensionalen Kopf einer Frau zeigte. Die Passanten auf dem Bürgersteig blieben stehen, um sie zu betrachten. Was auch kein Wunder war, denn ein fast noch größeres Neonschild verkündete: »DURCH DIESE TORE GEHEN DIE SCHÖNSTEN MÄDCHEN DER WELT«.

»Das ist das neue Dinner-Theater des Broadway-Produzenten Earl Carroll«, erklärte Andy. »In New York ist er mit einem ähnlichen Projekt zwar pleite gegangen, aber hier bei uns kriegt jeder eine zweite Chance. Es wird allerdings erst nach Weihnachten eröffnet, sonst hätten wir uns heute dort eine Show ansehen können.«

»Soll das heißen, dass ich mich wie durch Zauberei in eins der schönsten Mädchen der Welt verwandle, wenn ich dort hineingehe?«

»Sie müssen nur daran glauben«, sagte er leichthin. »Oder höre ich da eine gewisse Skepsis in Ihrer Stimme?«

»Glauben Sie es denn?«

Er lachte. »Ich glaube schon lange nicht mehr an den Weihnachtsmann, und Sie wahrscheinlich auch nicht. Ich möchte Ihnen lediglich die verschiedenen Verwandlungstricks zeigen, die wir von der Unterhaltungsindustrie auf Lager haben.«

Ihr gefiel seine trockene Art, die Mischung aus Bescheidenheit und Ironie. Und dass er blitzschnell zwischen beiden hin und her wechseln konnte.

»Sie sind also ein braves protestantisches Mädchen? Fühlen Sie sich nicht von meinem Namen gestört?«

»Was interessiert mich Ihr Name?« Sie reagierte so brüsk, weil ihr sofort durch den Kopf schoss, was ihr Vater dazu sagen würde. »Weinstein? Aha!«, oder so etwas in der Art, woraufhin er resolut seine Abendzeitung zusammenfalten und sein Missfallen mit einem Stirnrunzeln ausdrücken würde. Das konnte er gut.

»Richtig. Dazu besteht kein Grund«, sagte er. Und viel heiterer fuhr er fort: »Wissen Sie, meine Mutter setzte mir ständig mit diesem Spruch zu: ›Warum kannst du dir in Hollywood kein nettes jüdisches Mädchen suchen?‹ ›Ma‹, habe ich dann immer geantwortet, ›in Hollywood gibt es keine netten jüdischen Mädchen, und die, die hier sind, wollen alle Filmstars werden und ein Haus in Beverly Hills haben.‹ Die meisten Juden allerdings, die hier leben, schreiben Drehbücher oder arbeiten als Cutter und wohnen noch immer in West-Hollywood. Einige haben sich immerhin schon zu den Hollywood Hills vorgearbeitet, aber so richtig geschafft haben wir es noch nicht.«

Dabei zuckte er so unschuldig mit den Schultern, dass Julie lachen musste. »Danke für Ihre Hilfe heute Nachmittag.«

»Gern geschehen. Das war schon beeindruckend, nicht wahr?«

»Der Brand? Ja, wirklich.«

»An so etwas wagt sich hier niemand außer Selznick«, sagte Andy. »Dabei hat er bis jetzt weder ein komplettes Drehbuch noch eine Hauptdarstellerin. Ob man will oder nicht, man muss ihn für seine Chuzpe bewundern.«

»Chuzpe?«

»Das ist jiddisch und bedeutet so etwas wie Wagemut und Nervenstärke.« Er bog scharf nach rechts ab, und für einen Moment wirkte er etwas bedrückt. Doch dann hellte sich seine Miene wieder auf und er fuhr ganz unbekümmert fort. »Wir gehen in eins meiner Lieblingsrestaurants am Beverly Boulevard. Wollen Sie eigentlich Filmstar werden? Bitte sagen Sie nein.«

Diese Frage kam für Julie recht unvermittelt. »Nein«, sagte sie.

»Ehrlich nicht?«

»Warum sollte ich? Ich habe kein Talent für die Schauspielerei.«

»Davon hat sich bisher kaum eine junge Frau abhalten lassen.«

»Dann können sie wohl wenigstens mit ihrem Aussehen punkten. Ich dagegen zähle noch nicht mal zu den Feld-Wald-und-Wiesen-Schönheiten.«

»Vielleicht ist das Ihr Glück.«

Das versetzte ihr einen kleinen Stich. Er hätte ja wenigstens ansatzweise protestieren können.

»Wo bringen Sie mich hin?«, fragte sie.

»Dort, wo die Stars hingehen, um Chili con carne zu essen«, sagte er. »Es heißt Chasen’s. Ein Lokal, wie es für Hollywood typisch ist, ganz ohne gaffende Touristen.«

»Seien Sie nicht so herablassend. Ich bin schließlich selbst noch eine Touristin.«

»Touristen machen die Story kaputt«, meinte er. Was immer das heißen sollte.

Das Restaurant befand sich in einem unauffälligen Gebäude mit Stuckfassade und einer fröhlich grün-weiß gestreiften Markise über dem Eingang. Anderswo wäre sie nicht auf die Idee gekommen, es sich näher anzusehen. Sie setzten sich in eine der überdimensionalen Nischen auf die mit dickem schokoladenbraunem Leder bezogenen Polster, das sich weich wie Butter anfühlte. Julie blickte sich unauffällig um. Ob sie wohl einen Schauspieler entdeckte?

»Was meinen Sie, hätten Sie Clark Gable in dieser Umgebung erkannt?«, fragte er amüsiert.

»Natürlich«, antwortete sie leicht ungehalten. »Auf der Plattform war ich einfach zu nervös. Aber ich bin nicht die Hinterwäldlerin, für die Sie mich vielleicht halten. Ich gehe so oft ich kann ins Kino.«

»So denke ich nicht über Sie, und ich will mich auch nicht lustig machen. Sie haben ein ganz besonderes Leuchten, und das gefällt mir. Schließlich sind Sie noch neu in der Stadt, und es ist nichts dabei, wenn man sich nicht auskennt. Fast jeder hat sich hier anfangs erst mal dumm angestellt.«

Bei ihm konnte sich Julie das nicht vorstellen, doch das würde sie ihm nicht sagen.

Sie aßen an diesem Abend genau wie die meisten anderen Chili con carne. Und tranken Martinis. Julie erhaschte einen Blick auf Humphrey Bogart, der vor einem Bier an der Bar hockte und sein Essen in sich hineinlöffelte. Doch Julie interessierte sich inzwischen weit stärker für den Mann, der ihr in der Nische gegenübersaß. Bislang wusste sie nicht mehr von ihm, als dass er bei Selznick als dessen Produktionsassistent arbeitete.

Sie erzählte ihm von ihrer Kindheit in Fort Wayne und vom Studium am Smith College, wie sie sich nach dem Abschluss im vergangenen Juni mit der Aussicht abgefunden hatte, nach Hause zurückzukehren, um in absehbarer Zeit einen diamantenbesetzten Verlobungsring an den Ringfinger gesteckt zu bekommen. Es war bereits alles arrangiert. Ihr Freund von der Highschool, ein sanfter, liebenswerter junger Mann, hatte sogar schon begonnen, nach ihrem ersten Haus zu suchen – groß genug für Kinder natürlich. Weihnachten war als guter Zeitpunkt für die offizielle Feier festgelegt worden. Der Verlobungsring würde ein Karat haben, hatte er zum Entzücken ihrer Mutter erklärt. Beruflich war er auf dem Weg nach oben, ohne einen zu übermäßigen Ehrgeiz an den Tag zu legen. Julies Mutter freute sich, einen so wunderbaren Schwiegersohn zu bekommen. Einen zuverlässigen Mann, der gut für seine Familie sorgen würde.

Doch dann, so erzählte sie weiter, habe sie erschrocken festgestellt, dass sie andere Ziele verfolgte als er: Es war nicht ihr Traum, die Gattin eines anständigen Rechtsanwalts aus guter Familie zu werden, der sein Arbeitsleben damit zubrachte, für die Reichen Fort Waynes Testamente anzufertigen. Und in Wohltätigkeitsvereinen Spenden für die Leidtragenden der Depression zu sammeln, war zwar eine ehrenhafte Beschäftigung, doch das reichte Julie nicht. Etwas in ihr wollte fliegen. Ihm und ihren Eltern die Wahrheit zu sagen, war allerdings nicht leicht gewesen.

»Sie kamen sich vor wie eine Verräterin«, mutmaßte Andy.

Sie nickte. »Zu allem Überfluss konnte ich ihnen nicht einmal erklären, was ich stattdessen eigentlich wollte.«

»Sie wollten einfach nur die Beine in die Hand nehmen und weg. Nein ...« Er lächelte »... Ihre Flügel ausbreiten.«

»Genau. Aber jetzt sind Sie dran.«

»In Deutschland geboren. Mutter Deutsche, Vater Amerikaner. Eltern geschieden. Aufgewachsen – oder so was in der Art – in New Jersey.«

»Und weiter?« Sie lachte. Ihr gefiel seine kraftvolle Stimme.

»Gut. Columbia-Universität, eine Zeitlang Lehrer, dann einen Roman geschrieben, der nie veröffentlicht wurde. Habe mich gelangweilt.« Er hielt inne. »Meine Großeltern sind in Berlin geblieben, und mein älterer Bruder ist nach Frankreich gezogen, hat dort geheiratet und die französische Staatsbürgerschaft angenommen. Im Sommer 1932 bin ich nach Europa gefahren, um sie alle zu besuchen. Da hatte ich noch die dumme Vorstellung von idyllischen Fahrradtouren, besonders durch die romantischen Landschaften Deutschlands. Doch dann ist alles anders gekommen.«

»Was ist geschehen?«

Er wandte den Kopf ab. »Nichts Gutes.«

Als sie noch überlegte, was sie darauf antworten sollte, hatte sich seine Stimmung schon wieder aufgehellt.

»Ich bin jedenfalls nach Hause gefahren. Habe den Lehrerjob an den Nagel gehängt und bin nach Hollywood gegangen. Habe von Ruhm und Ehre geträumt. Ach, und vom großen Geld natürlich.«

Seine erste Anstellung fand er im Stall der Drehbuchautoren von Louis B. Mayer. »Wir waren die Lachnummer Hollywoods«, sagte er, während er den Kopf zurücklehnte und den Rauch seiner Zigarette in feinen Ringen zur Decke blies. »Sie steckten uns in einen Saal voller Schreibmaschinen, und wenn jemand Alarm gab, dass Mayer im Anmarsch war, begannen wir alle wie wild zu tippen. Das war ein Rattern und Klappern, ein ohrenbetäubender Lärm! Und dabei wurde ständig geraucht. Wer nicht unablässig in die Tasten haute, wurde gefeuert.« Mit einem sarkastischen Grinsen zuckte er die Schultern. »Mayer konnte einfach nicht verstehen, dass Autoren hin und wieder auch mal nachdenken müssen. Immerhin wurde mir dabei eins klar: Drehbuchschreiben ist nichts für mich. Und, sind Sie weit- oder kurzsichtig?«

»Wie bitte?« Wieder einer seiner plötzlichen Themenwechsel.

Er zeigte auf ihre Brille. »Das da«, meinte er.

»Ach so.« Sie berührte kurz den Hornrahmen, dann sagte sie ihm die Wahrheit. »Weder noch.«

»Warum tragen Sie sie dann?«

»Damit man mich ernst nimmt, ja, vor allem deshalb.«

Verdutzt starrte er sie an. »Hier legen eigentlich alle ihre Brille beiseite. Aber vielleicht haben Sie insgeheim ja die Sehnsucht, dass sich jemand über sie beugt, sie Ihnen abnimmt und sagt, wie schön Sie sind?«

Warum musste er sie nur alle paar Minuten provozieren? »Wie ich schon sagte, ich möchte ernst genommen werden.«

»Und bei was möchten Sie ernst genommen werden? Sagen Sie es mir, denn das interessiert mich wirklich.«

»Ich möchte Drehbuchautorin werden.« Sie trank einen großen Schluck von ihrem Martini. »Hoffentlich finden Sie das nicht verrückt.«

»Nein, ich mache mich nicht darüber lustig«, erklärte er. »Wie sind Sie darauf gekommen?«

»Es war Frances Marion«, antwortet sie. Was er wohl dazu sagen würde?

»Sie war mal ganz oben. Hat lange für Mary Pickford gearbeitet. Eine der wenigen Frauen, die sich in diesem Geschäft noch halten kann. Eine bewundernswerte Person.«

»Ohne jeden ironischen Seitenhieb?«

»Ja, wirklich ganz ohne Hintergedanken. Frances Marion ist eine der besten Autorinnen der Branche, aber Frauen haben es schwer heutzutage. Man kann mit Drehbüchern inzwischen viel Geld verdienen, und die besten Stellen reißen sich die Männer unter den Nagel. Bestimmt ärgert Sie das.«

Julie ignorierte die Stichelei. »Sie hat am Smith College einen wunderbaren Vortrag gehalten. Darüber, dass Frauen ihr Leben selbst in die Hand nehmen und neue Wege gehen müssen.« Allerdings mochte sie ihm in diesem Augenblick lieber nicht gestehen, wie stark sie die Ansichten der Hollywood-Autorin tatsächlich beeinflusst und ihr letztlich eine ganz neue Perspektive eröffnet hatten. Oder wie entsetzt ihre Eltern gewesen waren und wie ihr Vater gebrüllt hatte, dass er seiner Tochter nicht hätte erlauben sollen, auf ein Mädchencollege wie das Smith zu gehen.

»Dann haben Sie Ihrem Freund also den Laufpass gegeben und sind nach Hollywood gekommen. Woher wissen Sie, dass Sie schreiben können?«

»Ich habe ein paar Ideen. Und ich habe schon im College geschrieben.« Er brauchte nicht zu wissen, dass ihre Texte von den Dozentinnen gelobt worden waren. Es würde ihn nicht beeindrucken, ein Klassenzimmer war keine Bewährungsprobe für Hollywood.

»Wie haben es Ihre Eltern aufgenommen, nachdem Ihnen die Heirat und die gute Partie praktisch schon sicher war?«

»Sie waren nicht gerade begeistert«, gestand sie. »Aber sie haben mir ein Jahr gegeben, um zu beweisen, dass ich etwas kann.«

»Danach drehen sie Ihnen den Geldhahn zu?«

»Ja, richtig. Aber ich habe vor, bis dahin finanziell auf eigenen Beinen zu stehen. Irgendwas werde ich schon finden.« Die ganze Wahrheit war allerdings nicht so einfach. Denn wenn ihr das nicht gelang, würden ihre Eltern eine Möglichkeit finden, sie wieder zurück nach Hause zu holen. Und das war das Letzte, was sie wollte, wie er sich wahrscheinlich denken konnte.

Er lächelte trocken, als er den Arm hob, um dem Kellner zu signalisieren, er solle noch eine Runde bringen. »Eins möchte ich Ihnen schon im Vorhinein sagen: Die meisten Drehbuchautoren in dieser Stadt sind verbittert. Sie leben im Schatten, sind völlig unterbewertet und haben wahrscheinlich noch nie erlebt, dass etwas, was sie geschrieben haben, es auf die Leinwand geschafft hat.«

»So schlimm kann es nicht sein, denn sonst wären sie ja wohl kaum noch hier.«

Er hob sein fast leeres Martiniglas und seine Augen funkelten, als er mit ihr anstieß. »Das hat einen einfachen Grund. Sie haben ein paarmal ein Skript überarbeitet, ein- oder zweimal ihren Namen im Vorspann gelesen und meinen deshalb, stets vor dem ganz großen Wurf zu stehen, vor dem Drehbuch, das ihnen den Oscar bringt. Wie ein Esel laufen sie der Karotte hinterher, die vor ihrer Nase baumelt.«

»Sie sind ganz schön zynisch, Andy.«

»Wollen Sie wissen, warum? Aus reinem Selbstschutz«, erklärte er. »Aber ich drücke Ihnen die Daumen.« Dabei sah er sie nachdenklich an.

Sie lachte viel an diesem Abend. Andy war klug und witzig, er konnte zuhören, und zum ersten Mal, seit sie vor vier Wochen aus dem Zug gestiegen war und sich auf den Weg zu den Selznick-Studios gemacht hatte, war sie entspannt und genoss den Augenblick.

»Was ist das Beste an Fort Wayne?« fragte er, während er seinen Teller leer kratzte.

Sie dachte nach. Gegenwärtig hatte sie noch immer mit dem zu kämpfen, was am schlimmsten war, die ständige Kritik ihrer entsetzlich biederen und verknöcherten Verwandten beispielsweise. In Fort Wayne fragte niemand nach den Gründen für ein Verhalten oder eine Einstellung – warum man erwartete, dass ein Schwarzer wusste, wo »sein Platz« war; warum man ein Mädchen als »alte Jungfer« ansah, wenn sie mit zwanzig noch keinen Ehemann vorweisen konnte. Ihre Mutter war beinahe in Ohnmacht gefallen, als Julie ihr sorgfältig ausgesuchtes Brautkleid einer Klassenkameradin geschenkt hatte.

»An einem warmen Sommerabend Glühwürmchen zu fangen«, sagte sie schließlich. Und das war wirklich schön in Fort Wayne.

Sie erzählte ihm von dem Mädchen aus Texas, mit dem sie sich das Zimmer teilte. Sie hieß Rose und wollte Schauspielerin werden, und sie hatten sich kennengelernt, als sie ihre Hände in Norma Shearers Abdruck im Zement vor Grauman’s Chinese Theatre legten, um zu sehen, ob sie hineinpassten. Kurz darauf hatten sie beide eine Stelle als Bürohilfskraft im Studio ergattert, und Julie, die nicht gut genug tippen konnte, um die Presseerklärungen zu schreiben, wurde an den Mimeografen gestellt.

»Wie kommt das?«

»Ich habe nicht tippen gelernt, weil ich nicht als Sekretärin enden wollte.«

Er lachte auf. »Geplante Unfähigkeit, das gefällt mir!«

Dann war er an der Reihe. Er erzählte, dass er sich in seiner Kindheit in Bücher vergraben und nur einmal, im Alter von zwölf Jahren, geweint hatte, als sein Hund gestorben war. Um sich beliebt zu machen, hatte er in der Highschool Witze erzählt, und es war die schlimmste Demütigung seines Lebens, als seine Klassenkameraden in seinen Taschen die Zettel fanden, auf denen er sie sich notiert hatte, um ja nicht die Pointe zu verschusseln. Als er all das erzählte, erschien er Julie plötzlich sehr jungenhaft, als hätte er es noch nie jemandem anvertraut. Sie mochte die kleinen Fältchen um seine Augen, wenn er lachte. Vor allem aber mochte sie die Art und Weise, wie er sie ansah – es lag eine Tiefe darin, ein Spiel von Licht und Schatten. Doch in diesem Moment war sie mehr als zufrieden, sich auf der Oberfläche dahintreiben zu lassen, zu plaudern und Martinis zu trinken. Hollywood war aufregend und beängstigend zugleich, und sie hatte keine Ahnung, was noch auf sie zukommen würde. Immerhin saß sie jetzt hier neben dem Regieassistenten, und allein das war schon ein Erfolg. Ihre Eltern wären sicher anderer Meinung, doch Julie war überzeugt, dass die Begegnung mit Andy seit langem das Beste war, was ihr das Schicksal geschenkt hatte.

Es war schon spät, als er sie nach Hause fuhr. Julie ließ das Fenster offen, schloss die Augen und atmetete tief den sinnlichen Duft der kalifornischen Nachtluft ein. Wie sie ihn liebte! Und sie wusste, wann immer sie in Zukunft etwas Vergleichbares roch, würde unverzüglich diesen Abend zurückbringen, den Tag, an dem sie Clark Gable und Carole Lombard begegnet war und einen Mann namens Andy Weinstein kennengelernt hatte.

Sie glaubte, dass er sie küssen werde. Und bestimmt hatte er auch die Absicht, als er den Motor abstellte und den Arm ausstreckte, um ihn ihr auf den Nacken zu legen. Es würde sicherlich ebenso köstlich und betörend sein wie die Abendluft. Julie schloss die Augen. Sie spürte seinen Atem auf ihrer Haut.

Aber er sagte nur: »Morgen früh! Neun Uhr, keine Sekunde später. Vorzustellen haben Sie sich bei einer gewissen Doris Finch. Eine kluge Frau, die keinen Künstlernamen braucht.«

»Wie?« Julie riss die Augen auf.

»Im Pressebüro des Studios. Und passen Sie auf, dass Sie diesmal nicht träumen, Kleines!«

Dann stieg er aus, ging um das Auto herum und öffnete ihr die Tür.

»Ach, und eins noch: Sie sind hübsch, Sie Dummkopf!« Er brachte sie bis zur Haustür ihres Wohnheims in der Fairfax Avenue und wartete, bis sie den Schlüssel umgedreht hatte. Dann grinste er sie verschmitzt an. »Aber das wissen Sie sicher ganz genau, nicht wahr?«

Sie schlief wie ein Engel in dieser Nacht.

Am nächsten Morgen machte Julie sich schon früh auf den Weg. Als sie in Culver City über die lange Auffahrt auf den Eingang von Selznick International Pictures zuging, bewunderte sie die Schönheit des weiß schimmernden Gebäudes mit den schlanken Säulen. Es hieß, Selznicks Anwesen sei ein Nachbau von George Washingtons Landsitz Mount Vernon, aber für Julie verkörperte es Tara. Und sie stellte sich vor, sie wäre auf dem Weg in ihr Zuhause. Ihre Röcke bauschten sich um ihre Fesseln, im Hintergrund hörte sie die Geräusche der geschäftigen Plantage ...

Plötzlich erklang eine laute Autohupe, und Julie sprang zur Seite. Mit hoher Geschwindigkeit rauschte ein Wagen heran, und da er empfindlich nah an ihr vorbeifuhr, konnte sie einen Blick auf den Fahrer erhaschen. Es war der Mann, den sie am Tag zuvor dummerweise nicht erkannt hatte. Clark Gable wirkte nicht glücklich. Die Frau neben ihm hatte blondes Haar, ob es Carole Lombard war, konnte Julie jedoch nicht erkennen.

Die Angestellten im voll besetzten Pressebüro des Studios unterhielten sich gedämpft, während aus Selznicks Büro am Ende des Flurs laute Stimmen drangen. Man gab sich zwar den Anschein, nichts zu hören und sich voll und ganz seinen Aufgaben zu widmen, aber die Worte hallten so laut durch den Korridor, dass man sie gar nicht ignorieren konnte.

Einzig Andy schien die Aufregung nicht zu kümmern. Er saß entspannt auf einem der Schreibtische, drehte einen Stift in der Hand und sprach mit einer Frau, die ihn unentwegt anlächelte. Sie hatte lange Beine und trug das dunkle Haar in vollen weichen Wellen nach hinten gekämmt. Julie hatte sich an dieser Frisur versucht, sie aber nicht hinbekommen – ihr Haar war zu dick. Instinktiv wusste sie, dass sie Doris Finch vor sich hatte. Und sie träumte besser nicht länger vor sich hin, wenn sie einen guten Eindruck machen wollte.

Als Andy aufsah, winkte er Julie heran. Doris drehte ihren Stuhl in ihre Richtung und betrachtete sie mit einem kühlen Blick. Mehr brauchte Julie nicht, um zu wissen, dass diese Frau nicht ihre Freundin werden würde.

»Guten Morgen, kommen Sie näher! Sie sind das Mädchen, das gestern mit Selznick aneinandergeraten ist? Wie gut, dass Sie seinen ganz besonderen Schützling kennengelernt haben – unseren Sonnenschein hier.« Sie warf Andy einen strahlenden Blick zu.

»Ich bin nicht der Einzige, der sich für sie einsetzt«, brachte Andy vor, während die Stimmen aus Selznicks Büro immer lauter wurden. »Sie hat auch die Lombard auf ihrer Seite. Doris, das ist Julie. Und umgekehrt.«

Sie sahen sich stumm an. Doris senkte fast im gleichen Moment die Lider wie Julie.

»Also ...«, setzte sie an.

In diesem Augenblick wurde die Tür von Selznicks Büro aufgestoßen. Sie knallte mit solcher Wucht an die Wand, dass der Putz abbröckelte. Gable erschien auf der Schwelle. Sein Anblick genügte, um sämtliche Gespräche verstummen zu lassen. Seine physische Präsenz schien fast greifbar, obwohl sich nichts an ihm regte außer seinen Augen. Er machte einen Schritt nach vorn. Die Wut zeichnete sich so deutlich in seinem Gesicht ab, dass seine Erscheinung umso kraftvoller wirkte. Julie hielt die Luft an. Sie konnte sich kaum einen maskulineren Mann vorstellen. Jede der anwesenden Frauen würde ihm wahrscheinlich auf der Stelle erliegen – selbst jetzt, wo es so aussah, als würde er am liebsten jemanden umbringen.

Er ging an ihnen vorbei und näherte sich der Eingangstür. Auf der gegenüberliegenden Seite des Raums stand Selznick in der Tür seines Büros und sah ihm, die Arme verschränkt, kalt nach – der Macher, der Mann aus Stein. Neben ihm erschien Carole Lombard. Sie trug wieder weite Hosen und, wie es aussah, dieselbe zerknitterte Bluse wie am Vortag.

»Hey, Pa!«, rief sie.

Gable blieb stehen und wandte den Kopf.

»Liebster, du bist der König!« Ihre Stimme war so ausdrucksvoll, so wohltuend, dass sie den gesamten Raum auszufüllen schien. Selbst die Telefone schwiegen ehrfürchtig. »Verflixt, das weiß jeder in diesem Studio hier«, fuhr sie fort. »Im Studio und im ganzen Land. Warum also kommst du nicht zurück, damit wir diese kleine Unstimmigkeit ausbügeln können? Gib dir einen Ruck, Pa! Tu es für mich!«

Gable blieb an der Tür stehen, und man sah, wie es in ihm arbeitete. Schließlich richtete er sich auf und drehte sich langsam und theatralisch auf dem Absatz um. Er funkelte Selznick wütend an, ehe er an den stummen Menschen hinter ihren Schreibtischen vorbei und zurück zum Produzentenbüro ging. Lombard streckte die Hand aus und zwickte ihm grinsend ins Ohr. Dann traten die drei ein und schlossen die Tür.

Ein kollektives Aufatmen lief durch den Raum. Gleich darauf hörte man das Einsetzen der üblichen geschäftigen Geräusche. Und als hätten sie die Erlaubnis bekommen, begannen auch die Telefone wieder zu klingeln.

»Immer noch das alte Problem?«, fragte Andy, der als Einziger unbeeindruckt von der Szene wirkte.

Doris lehnte sich zurück, nahm eine Nagelfeile und strich sie resolut über einen abgebrochenen Nagel. Ein Geräusch, bei dem sich Julies Haare aufstellten.

»Ja, immer noch. Er wird hier nicht so bevorzugt behandelt wie bei MGM und hat Angst, der Rolle nicht gewachsen zu sein«, antwortete sie. »Aber das weißt du nicht von mir.«

»Er wird doch nicht den Film zum Scheitern bringen?«

»Natürlich nicht. Aber er ist unsicher und will einen anderen Regisseur als Cukor.«

»Und wir wissen auch beide, warum.«

»Offiziell heißt es, weil Cukor die Schauspielerinnen zu Höchstleistungen bringt, aber Schwierigkeiten hat, Männern die richtige Führung zu geben.« Sie hielt inne, fuhr dann jedoch fort. »Gable braucht die Lombard jetzt mehr denn je.«

»Wann ist er denn endlich geschieden?«

»Wenn seine Frau die gewünschte Summe bekommt und ihre Einwilligung gibt. MGM hilft dabei, ihr die Trennung zu versüßen. Carole will nicht länger warten.«

Die beiden lachten kumpelhaft, und Julie begann sich zu ärgern.

»Entschuldigung«, sagte sie. Doris blickte mit einem blassen Lächeln auf, und Julie erkannte, dass sie keineswegs vergessen worden war. »Nun, da Sie unter Lombards Fittichen stehen, werden Sie sie heute Nachmittag bei ihrem Interview begleiten. Warten wir ab, wie Sie sich dabei schlagen. Es wird noch jemand dabei sein, der Sie vor etwaigen Fallstricken bewahrt.«

Dieser »Jemand« war, wie sich herausstellte, Rose, Julies Zimmergenossin und Arbeitskollegin im Schreibbüro des Studios. Und Rose kannte die »Fallstricke« ebenso wenig wie Julie.

»Wir beide ganz allein?«, fragte sie verdutzt. »Was wird von uns erwartet?«

Das konnte ihr Julie auch nicht sagen. Die beiden hatten bereits mit leiser Verzweiflung feststellen müssen, dass sie in ihrem Job keine Leuchte waren, das hier aber war weit schlimmer. Rose konnte immerhin ein bisschen tippen, wenn sie auch häufig zur Korrekturflüssigkeit greifen musste. Da sie jedoch schwarze Flecken auf dem Papier hinterließ, wenn Julie die Seiten auf dem Mimeografen abzog, machte das Ganze einen unsauberen Eindruck.

»Wie von Motten zerfressen«, gab Rose zu, als ihr Julie einmal ein besonders krasses Beispiel zeigte. »Sie werden mich rauswerfen.«

Doch Julie beruhigte sie. »Tipp es neu, und wir versuchen es noch einmal.« Das war der Moment, der ihre Freundschaft besiegelte.

Aber nun waren sie ratlos.

Andy war bereits im Begriff, das Studiobüro zu verlassen, als Julie ihn einholte. »Was soll ich tun?«, fragte sie. »Was wird von uns erwartet?«

Er schien ein bisschen überrascht. »Das werden Sie schon sehen«, meinte er. »Sie sollen dem Reporter seine Grenzen zeigen. Eine böse Miene machen und sich hin und wieder mal räuspern.«

»Andy, bitte! Ich meine es ernst.«

Jetzt war er wirklich überrascht. »Machen Sie sich keine Sorgen. Sie haben die Lombard auf Ihrer Seite. Sie müssen nur noch herausfinden, wie Sie das am besten nutzen können. Essen wir heute Abend zusammen?« Er nahm seinen Hut vom Hänger neben der Tür, faltete den Rand in Form und setzte ihn auf.

»Das muss ich mir noch überlegen«, antwortete sie.

»Wie Sie wollen.«

War das etwa Enttäuschung, was in seinen Augen aufblitzte? Zu schade, dass er ihr nicht etwas mehr Unterstützung angeboten hatte.

Er öffnete die Tür und war bereits verschwunden, ehe sie ihre Meinung ändern konnte.

KAPITEL 3

Als Julie und Rose sich auf den Weg zu Carole Lombards Garderobe am entgegengesetzten Ende des Studiogeländes machten, kamen sie an der Brandstelle des vergangenen Tages vorbei. Dutzende von Lastwagen rumpelten über die Asche, die Anhänger gefüllt mit Ziegelstaub. Sobald sie ihre Ladung abgekippt hatten, machten sich Arbeiter mit Harken daran, das kupferfarbene Pulver über der schwarzen Asche zu verteilen.

»Damit es wie der rote Lehmboden im Süden aussieht, hat man mir gesagt«, erklärte Rose. »Für Mr. Selznick muss offenbar alles bis ins Detail stimmen. Ein erstaunlicher Mann.«

»Und wie schnell das geht! Ohne einen Tag Pause wird hier jetzt Tara aufgebaut ...« Julie schüttelte den Kopf und kniff, geblendet von der Nachmittagssonne, die Augen zusammenen. Immer wieder mussten sie ausweichen, um nicht von einer der roten Staubwolken eingefangen zu werden.

»Ja, es ist wie Zauberei«, stellte Rose ehrfürchtig fest. »Was für ein Glück, dass wir das hier miterleben dürfen.«

Julie nickte. Sie war froh, dass Rose bei all dem dieselbe Aufregung verspürte wie sie selbst. Wahrscheinlich waren sie einfach nur vom Glamour geblendete Neulinge, und vielleicht würden all die Magie und der Zauber dahinschwinden, wenn sie Abläufe wie diese öfter sahen. Aber erst einmal waren sie hier, im Kreis der Filmleute, wenn auch nur am Rande. Aber wer weiß ...

»Hast du keine Sorge, dass uns unsere Illusionen genommen werden?«, fragte Julie, als sie an Andys trockene, fast schon spöttische Kommentare über seine Erfahrungen dachte.

»Das werde ich nicht zulassen«, erklärte Rose bestimmt. »Wenn irgendetwas kommt, was ich nicht sehen will, mache ich einfach die Augen zu.«

Julie überlegte, ob ihr das auch gelingen könnte. Und wieder meldeten sich in ihr die beiden Stimmen – eine, die stets mahnte, realistisch zu sein, und eine andere, die sie drängte, ihren Träumen zu folgen. Es ging nicht nur ums Fliegen, sie brauchte auch ein Ziel!

Irgendwie war sie auf Rose neidisch. Ihre Freundin wirkte vielleicht zerbrechlich, aber sie wusste weit besser als Julie, Grenzen zu setzen und die Schotten dicht zu machen.

Schließlich trafen sie an Carole Lombards luxuriösem Trailer ein, der ihr als Garderobe diente, während in der Halle nebenan der Film Ein ideales Paar gedreht wurde. Auf den Stufen hockte ein ungeduldig wirkender Reporter in ausgebeulten Hosen, der demonstrativ auf seine Uhr schaute, als sie näher kamen.

»Unser Termin war um eins«, sagte er. »Jetzt ist es schon fünf nach. Ihr Studioleute lasst mich hier einfach warten, ich aber muss mich an meinen Redaktionsschluss halten und ...«

Da wurde die Tür des Trailers aufgestoßen und Carole Lombard erschien im Eingang. Sie trug einen schimmernden Hausmantel aus Seide, der ihren Körper sanft umschmeichelte, aber kaum ihre Brüste verhüllte. Er glich einem Negligé, und Julie stockte der Atem, als sie sah, mit welcher Selbstsicherheit sich die Lombard darin bewegte. Aber sie war eben auch atemberaubend schön.

»Ach, lassen Sie die Jammerei!«, erklärte sie dem Reporter fröhlich. Mit einer Handbewegung forderte sie die drei auf einzutreten. »Ich habe Sie hier schon sitzen sehen, mir aber gedacht, Sie könnten sich ruhig ein bisschen aufwärmen. Schließlich kriegen Sie ein gutes Interview.« Sie lachte. »Für den Anfang: Ich trage dies auf der nackten Haut. Wäre das nichts für Ihren Aufmacher? Von welcher Zeitung kommen Sie?«

»Vom Reading Eagle in Pennsylvania«, antwortete er, deutlich aufgeräumter als zuvor. »Ich habe gehört, Sie unterschreiben gerade Ihren nächsten Filmvertrag.«

»Der wird noch verhandelt. Dafür gebe ich verdammt viele Autogramme. Wenn ich an all die Albernheiten denke, die ich dazusetzen soll, wird mir ganz schlecht.«

Das plapperte sie heraus, ehe Julie sich räuspern konnte.

Der Salon der Lombard war schlicht, aber elegant eingerichtet. Natürlich hatte Julie noch nie zuvor die Garderobe eines Filmstars von innen gesehen. Doch der in tiefem Waldgrün gehaltene Teppich mit dem dichten Flor war sicher teuer gewesen. Das Sofa und die beiden Sessel waren mit Brokatstoff in gedeckten Farben bezogen, und davor stand ein schmaler weißer Couchtisch. Der Schminktisch war hinter Wandschirmen verborgen, doch Julie konnte die darüber angebrachten wandbreiten Spiegel hervorblitzen sehen. Auf jeder freien Fläche standen Vasen mit cremefarbenen Rosen.

Der Reporter, der sich mit einer gewissen Gereiztheit als Jeff Malone vorgestellt hatte, setzte sich aufs Sofa. Julie und Rose nahmen die Sessel, blieben aber, um ein geschäftsmäßiges Auftreten bemüht, auf der Kante sitzen.

»Seid ihr zum ersten Mal als Aufpasserinnen zu einem Interview abkommandiert, Mädels?«, fragte die Lombard, während sie neben Malone aufs Sofa sank. »Na, jedenfalls viel Glück! Ich lasse mir nämlich von niemandem den Mund verbieten.«

In diesem Augenblick klingelte das Telefon auf dem Beistelltisch. Sie nahm ab, hörte einen Augenblick ungeduldig zu, dann verdrehte sie die Augen. »Ich soll Geige spielen? Unmöglich, das wäre die reine Lachnummer. Wenn Sie dagegen jemanden brauchen, der ein Gewehr vom Kaliber 410 abfeuert, dann bin ich die Richtige für Sie.« Damit legte sie auf.

»Ich wusste gar nicht, dass Sie auf die Jagd gehen«, hakte der Reporter rasch nach.« Das Telefon klingelte erneut.

»Ich schieße auf Tontauben«, erklärte sie, ehe sie nach dem Hörer griff. »Clark jagt echte Vögel, aber das ist mir zu blutig. Bei ein paar Produzenten würde ich allerdings gern eine Ausnahme machen.« Damit wandte sie ihre Aufmerksamkeit dem Anrufer zu. »Können wir diese Einzelheiten bitte festklopfen?«, fragte sie nach einer Weile. »Verflixt noch mal, ja, ich möchte das Haus haben, Süßer. Ich habe vor, darin nächste Woche eine Party zu geben. Betrachten Sie sich als eingeladen. Als Ehrengast erwarte ich entweder einen Bären oder einen Löwen, da habe ich mich noch nicht festgelegt.« Mit einem resoluten Schubs beförderte sie den Hörer auf die Gabel zurück.

»Sind Sie und Gable offiziell ein Paar?«

Sie lachte. »Aber sicher!«, antwortete sie. »Gut, sprechen wir Klartext. Sie möchten von mir etwas über Sex hören. Ich finde Sex wunderbar, eine gesunde Sache, und die Mädchen hier in Hollywood sollten nicht so viel Energie darauf verwenden, ihre Unschuld zu bewahren. Und bitte keine zweierlei Maßstäbe. Wenn wir Männern das Fremdgehen durchgehen lassen, ist das gut, aber die gleiche Freiheit möchte ich auch für mich in Anspruch nehmen. Ist das Thema damit abgehandelt?«

Malone fiel die Kinnlade runter. Dann nickte er stumm.

Rose warf Julie einen entsetzten Blick zu. In Julie überschlugen sich die Gedanken, aber sie ließ sich nichts anmerken. Mussten sie hier eingreifen? War das alles ernst gemeint? Sollte ihre Beziehung zu Clark Gable nicht noch geheim bleiben? Andererseits ließ sich das wohl kaum bewerkstelligen, wenn sich die beiden in aller Öffentlichkeit so unverkennbar als Paar zeigten.

»Miss Lombard behält sich das Recht vor, diese als nicht für die Öffentlichkeit bestimmten Äußerungen eventuell aus dem Interview zu streichen«, stieß Julie rasch hervor. »Das ist Teil der Interviewbedingungen.« Sie hatte zwar keine Ahnung, was sie da tat, aber es galt, die Schauspielerin zu schützen. Obwohl es ihr vorkam, als sollte sie einen heranrauschenden LKW anhalten.

Carole Lombard betrachtete sie interessiert. »Ist schon gut, Kleine«, sagte sie. »Aber danke, dass Sie Krallen zeigen.«

Malone war wie im Rausch. Eine halbe Stunde lang füllte er Seiten seines Notizbuchs mit ihren Antworten, nur unterbrochen von den ständigen Telefonaten der Schauspielerin. Schließlich erklärte sie ihm knapp: »Die Zeit ist um! Sind Sie zufrieden?«

»Ja, gnädige Frau«, antwortet er.

»Schicken Sie uns Kopien!« Dann sah sie die beiden belustigt an. »Das ist eigentlich euer Satz, Mädels.«

»Natürlich.« Julie schoss das Blut in die Wangen. »Bitte senden Sie Kopien der Ausgabe an unsere Pressestelle.«

»Versprochen.« Malone stand auf, öffnete die Tür und machte Anstalten zu gehen. Dann aber wandte er sich um und stellte noch eine Frage. »Wird Ihnen das Tempo nicht irgendwann zu viel?«

Lombard antwortete nicht gleich. Wieder klingelte das Telefon, diesmal hatte sie es aber offenbar nicht eilig, das Gespräch anzunehmen. »Lassen Sie es mich so ausdrücken«, meinte sie schließlich. »Wenn ich alt und grau bin, möchte ich sagen können, dass ich mein Leben gelebt habe.«

»Wie meinen Sie das?«

»Irgendwann stehe ich nicht mehr als Marionette zur Verfügung.«

»Und wie wollen Sie das erreichen?«

Darauf antwortete sie etwas, was Julie im Gedächtnis bleiben sollte. »Wenn ich meinen letzten Film drehe, werde ich dafür sorgen, dass man ihn als ›Lombards Abschiedsauftritt‹ deklariert. Und sobald das einmal auf die Plakate gedruckt ist, garantiere ich Ihnen, wird es auch wahr sein.«

Malone wirkte höchst zufrieden, als er sie verließ.

Lombard, die hinter ihm die Tür schließen wollte, hielt plötzlich inne. Dann stieß sie einen Seufzer aus. »Da kommt der nächste Besucher«, sagte sie. »Habt ihr Mädels schon Jerry Bryant kennengelernt?«

»Wer ist das?«, fragte Julie.

»Der inoffizielle Tugendwächter und Moralpolizist des Studios.« Sie lächelte, als Julie sie ratlos anstarrte. »Eigentlich ist er unser leitender Pressesprecher. Er soll dafür sorgen, dass wir den Zeitungen keine Skandalnachrichten liefern, und im Augenblick gehöre ich nicht gerade zu seinen Lieblingen.«

Der Mann, der die Stufen heraufkam, hatte einen runden Bauch, über dem sich sein Anzugjackett spannte, und graue Haare mit dem Ansatz einer Glatze. Er wirkte verärgert, doch als er zu Carole aufblickte, setzte er geübt eine freundliche Miene auf.

»Aber, aber, Carole, schon wieder ein unbeaufsichtigtes Interview? Warum hast du mich nicht gerufen, Süße? Du weißt doch, wer ich bin, oder? Der, der dir Probleme vom Leib halten soll.« Er schenkte ihr ein gekünsteltes Lächeln und zeigte dabei ungewöhnlich kleine weiße Zähne.

»Mein lieber Jerry, du hast die Aufgabe, Selznick International vor Schwierigkeiten zu bewahren. Aber du kommst zu spät. Ich habe gerade das größte Skandalinterview der Welt gegeben, und jetzt können wir nur noch auf die Fluten warten, die über uns hereinbrechen werden. Was kann ich für dich tun?«

»Wonach hat er gefragt?«

»Nach meiner Meinung natürlich. Ob dieser stattliche Mr. Roosevelt im Weißen Haus dabei ist, uns in den Krieg in Europa zu verwickeln. Nun, ich habe dem Zeitungsmann ein, zwei Dinge klargemacht.«

Jerry zögerte. »Du und deine Witzchen«, sagte er schließlich, ehe er über die Schwelle trat. Erst jetzt bemerkte er Julie und Rose. »Wer sind die beiden?«, fragte er.