Zwei Frauen - Diana Beate Hellmann - E-Book

Zwei Frauen E-Book

Diana Beate Hellmann

4,5
6,99 €

Beschreibung

Eva ist eine Kämpferin. Ihre Kindheit opfert sie für den Traum, Balletttänzerin zu werden. Doch mit 18 bricht sie einfach zusammen - Diagnose: Krebs. Der härteste Kampf ihres Lebens beginnt. Einzig die Freundschaft zu ihrer Leidensgenossin Claudia gibt ihr die Kraft, nicht aufzugeben ...

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Seitenzahl: 775

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INHALT

COVERINHALTÜBER DIE AUTORINTITELIMPRESSUMWIDMUNGKAPITEL 1KAPITEL 2KAPITEL 3KAPITEL 4KAPITEL 5KAPITEL 6KAPITEL 7KAPITEL 8KAPITEL 9KAPITEL 10KAPITEL 11KAPITEL 12KAPITEL 13KAPITEL 14KAPITEL 15KAPITEL 16KAPITEL 17KAPITEL 18KAPITEL 19KAPITEL 20KAPITEL 21KAPITEL 22KAPITEL 23KAPITEL 24KAPITEL 25KAPITEL 26KAPITEL 27KAPITEL 28KAPITEL 29KAPITEL 30KAPITEL 31KAPITEL 32KAPITEL 33KAPITEL 34KAPITEL 35NACHWORT

ÜBER DIE AUTORIN

Diana Beate Hellmann, 1957 in Essen geboren und dort aufgewachsen, wurde bekannt durch ihren Bestseller ZWEI FRAUEN, in dem sie ihren Kampf gegen den Krebs verarbeitet. In ICH FANG NOCHMAL ZU LEBEN AN und LEBEN OHNE ALKOHOL äußerte sie sich offen über ihren jahrelangen Alkoholmissbrauch. Der Krankheit hat sie bis heute erfolgreich getrotzt – der Krebs kehrte indes zurück in ihr Leben. In AUS LIEBE ZU IHM griff sie das Thema Prostata-Krebs auf. Diana Beate Hellmann lebt seit 1994 in Los Angeles. Seit einigen Jahren ist sie verstärkt als Übersetzerin tätig.

Diana Beate Hellmann

Zwei Frauen

Das Buch zum Film

BASTEI ENTERTAINMENT

Vollständige E-Book-Ausgabe

des in der Bastei Lübbe AG erschienenen Werkes

Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG

Der Film ZWEI FRAUEN ist eine Produktion der Bavaria Film,

Lisa Film, Roxy-Film und BR (1989).

Regie: Carl Schenkel

Hauptdarsteller: Jamie Gertz, Marsha Plimpton

Alle Rechte über © 2012 Literatur-Agentur, Axel Poldner

Für diese Lizensausgabe:

Copyright by Bastei Lübbe AG, Köln

Einbandgestaltung: Bianca Sebastian

Titelbild: Classic Media

Datenkonvertierung E-Book:

hanseatenSatz-bremen, Bremen

ISBN 978-3-8387-1665-7

www.bastei-entertainment.de

www.lesejury.de

Für meinen Vater

KAPITEL 1

Es war im Frühjahr 1962 an der italienischen Riviera. Der Ort war klein, er lag irgendwo zwischen Finale Ligure und Alassio. Hier gab es noch keinen Touristenrummel, hier regierten noch die Fischer. Abends fuhren sie mit ihren Booten aufs Meer hinaus, morgens kehrten sie zurück und legten am Strand ihre Netze aus, und den Tag verbrachten sie im Schatten der Palmen auf der Strandpromenade. Dort schliefen sie, dort aßen sie, dort debattierten sie lautstark über Politik. Währenddessen standen ihre Frauen auf dem Markt. Sie verkauften den nächtlichen Fang, aber auch den selbst gemachten Käse, das im eigenen Gärtchen gezogene Obst und Gemüse, die handgestrickten Pullover und Tischdecken, und nicht selten boten sie alles zusammen an einem einzigen Stand feil. Der Lärm, den sie dabei machten, klang in meinen Ohren wie Musik. Ich liebte diese Frauen, die mich »bella bimba« nannten, und ich liebte ihre Männer, die mich »bella bionda« riefen, wie ich diesen ganzen Ort liebte, seine malerische Altstadt, seinen lang gestreckten weißen Strand, die sich majestätisch erhebenden Gebirgszüge im Hinterland. Noch nie hatte ich etwas ähnlich Schönes gesehen.

Damals war ich gerade vier Jahre alt. Zum ersten Mal in meinem Leben hatte ich meine Eltern in die Ferien begleiten dürfen. Wir bewohnten ein Haus in den Bergen. Von der Terrasse aus hatte man einen wundervollen Blick aufs Mittelmeer, und an klaren Tagen konnte man am Horizont sogar die großen Frachter erkennen, die den Hafen von Genua ansteuerten. Auf dieser Terrasse frühstückten wir morgens, und anschließend fuhren wir dann mit dem Wagen zum Meer hinaus. Dort saß ich oft stundenlang im warmen Sand und baute Burgen, die ich mit grobem Kies und großen Steinen verzierte. Manchmal lief ich mit meiner Mutter zum Jachthafen, um die ankernden Segelschiffe zu bestaunen, oder ich tobte mit meinem Vater im Wasser. Meist spielte ich jedoch mit italienischen Kindern: Legte ich beide Hände vor die Augen, wussten sie, dass sie sich verstecken sollten, streckte ich die Zunge heraus, hieß das, dass der Eismann gleich Kundschaft bekommen würde – so konnten wir uns über alle Sprachbarrieren hinweg mühelos verständigen. Dann kam der 28. April.

Es war ein ganz besonders klarer, aber auch stürmischer Tag. Die Fischer waren am Vorabend gar nicht erst hinausgefahren, und deshalb standen ihre Frauen auch nicht wie sonst auf dem Markt. Überhaupt schien das ganze Dorf ausgestorben zu sein, denn als ich morgens mit meinen Eltern an den Strand kam, waren wir trotz des strahlenden Sonnenscheins die einzigen Gäste. Mit uns war nur noch die rote Fahne, das Zeichen für Gefahr. Sie flatterte im Wind, und zu ihren Füßen gingen krachend mannshohe Wellen nieder. Ich fand das großartig, es war so gewaltig. »Es ist aber auch gefährlich«, behauptete meine Mutter, um mir alsdann ausdrücklich zu verbieten, mich dem Wasser auch nur zu nähern. »Spiel im Sand!«

Das passte mir zwar gar nicht, doch nickte ich artig, wie es meine Art war, und dann ließ ich mich nieder, um mich meinem Schüppchen, meinem Eimer und meinen Förmchen zu widmen.

Wie lange ich so dasaß, wusste später niemand mehr zu sagen, und ich selbst erinnere mich nur, dass mich das Spiel mit den Förmchen irgendwann fürchterlich langweilte. Deshalb fing ich an, meine Eltern mit den üblichen Forderungen zu bestürmen: »Ich habe Durst! Ich habe Hunger! Ich will mit dem Ball spielen! Ich möchte ein Eis!«

Gerade wollte ich aufstehen, als mein Vater trotz der roten Fahne in die tosenden Fluten stürzte und weit hinausschwamm. Dort draußen legte er sich flach auf den Rücken, sodass ich nur noch seinen Kopf und seine Zehenspitzen sehen konnte. Er ließ sich von den Wogen schaukeln. Wut und Enttäuschung machten sich in mir breit. Sonst nahm Papa mich immer mit, mich und Helmut, mein Schwimmtier, ein sonnengelbes, luftgefülltes Seehundungetüm aus Plastik, das ich über alles liebte. Das lag jetzt einsam und verlassen neben meiner Mutter, die im Windschatten der Strandbar saß, und als ich zu ihr lief, um mich zu beschweren, musste ich zu allem auch noch feststellen, dass sie schlief.

Man hatte mich also abgehängt! Da kam mir eine Idee: Ich pirschte mich mit vorgeschobenem Unterkiefer – dem deutlichsten Anzeichen meiner kindlichen Entschlossenheit – heran an mein geliebtes Schwimmtier, schnappte es mir unbemerkt und rannte zum Ufer zurück. Dort wurde es schwierig. Helmut war mir zwar lieb, doch war er auch sperrig und schwer umzuschnallen. Die Haken waren groß, viel zu groß für meine kleinen Hände. Nach einigen Fehlversuchen hatte ich es endlich geschafft. Ich holte tief Luft, rannte los, kniff Nase, Mund und Augen zu, und dann, dann sprang ich durch den schäumenden Wellenkamm.

Es klappte gleich beim ersten Mal. Mein Seehund fing mich ab, sodass ich die Wucht der Brandung kaum spürte, und dahinter war die See dann längst nicht mehr so stürmisch und bedrohlich. Es war wie auf einer Kirmes. Die hohen Wogen warfen mich und Helmut auf und nieder, und das machte mir Mordsspaß. Ich genoss meinen Triumph. Mein Vater hatte dieses unvergleichliche Vergnügen für sich allein haben wollen, aber so leicht ließ ich mich nicht abschütteln. Ich winkte ihm zu. »Papa, Papa, guck mal!«

Erst da entdeckte er mich, doch reagierte er ganz anders, als ich erwartet hatte.

»Eva!«, schrie er entsetzt. »Zurück!«

Ich lachte nur. »Ich komme, Papa! Guck mal!«

»Zurück, verdammt noch mal! Zurück, Eva!!!«

»Ich komme! Ganz schnell!«

Jauchzend strampelte ich mit den Beinen, und meine Arme schlang ich fest um Helmuts sonnengelbes Plastikköpfchen. Ich war so fröhlich in diesem Moment, so ausgelassen, es war herrlich – da spürte ich auf einmal diesen Ruck an meiner Brust, und noch bevor ich begreifen konnte, was geschah, waren meine Arme auch schon leer, und ich wurde unter Wasser gedrückt. Es rauschte in meinen Ohren, es brannte in meinen Augen, ich bekam keine Luft mehr. Endlich tauchte ich wieder auf, aber ich konnte nur husten, ich schlug verzweifelt um mich, fand aber nirgends einen Halt …

»Der Schwimmreifen!«, rief mein Vater mir zu. »Er ist ab, Eva, macht nichts, schwimm allein, Eva, schwimm!«

»Ich kann nicht!!!«

»Doch, Eva, du kannst! Schwimm!!!«

Die Stimme meines Vaters klang anders als sonst, aber es schwang keine Angst in ihr mit. Ich sah, wie er mir entgegenzuschwimmen versuchte, ich sah, dass er sich umsonst anstrengte, weil ihn das Meer immer wieder hinaustrug. Dennoch schien er keine Angst zu haben.

»Schwimm, Eva, schwimm!«, rief er nur immer wieder.

Ich konnte aber nicht schwimmen. Nur ein einziges Mal, und das war schon lange her, hatte mir mein Vater in seichtem Wasser gezeigt, wie man Arme und Beine bewegt, um nicht unterzugehen. Ich wusste es, aber jetzt, da ich es versuchen musste, waren die Bedingungen denkbar schlecht, denn das Wasser drang mir in Nase und Mund. Ich hustete, bekam keine Luft, und meine Augen brannten wie Feuer.

»Schwimm!!!«, hörte ich meinen Vater wieder rufen. Dieses Mal war es ein zorniger Aufschrei und keine ermutigende Aufforderung.

Mir wurde schwarz vor Augen. Ich wusste genau, dass dies hier das Ende war oder ein neuer Anfang, aber ich wusste nicht, wovor ich mich mehr fürchtete. Es tat weh, hilflos zu sein und unterzugehen, aber es war auch bequem, es war einfach, nur noch ein paar Sekunden, dann würde ich es hinter mir haben, … und doch … etwas in mir lehnte sich auf, und dieses Etwas sorgte dafür, dass ich plötzlich ganz von allein Arme und Beine spannte, sie kräftig durchstreckte und nach vorn stob … ganz eng winkelte ich Arme und Beine an meinen Körper, spannte sie wieder, stieß sie weit auseinander, streckte sie durch … ich schwamm.

»Ja, Kind, ja!«, hörte ich die Stimme meines Vaters. »Komm, Eva, schwimm her zu mir!«

Mit brennenden Augen blickte ich zu ihm hinüber. Er lachte. Er lachte über das ganze Gesicht – seine Tränen sah ich nicht –, und so schwamm ich auf ihn zu … geradewegs ins Leben … zum ersten Mal …

Diese Geschichte erzähle ich immer, wenn man mich nach meiner Kindheit fragt. Der Tag, an dem ich schwimmen lernte, und der Tag, an dem ich leben lernte, hatten vieles miteinander gemein. Schwieriger wird es, wenn ich erzählen soll, wie »es« damals begann. »Es« hatte keinen erkennbaren Anfang, da war nichts, von dem man im Nachhinein hätte sagen können, dass es der Auslöser gewesen wäre, da geschah nichts plötzlich und unerwartet, um mit einem Schlag ein bislang sorglos verlaufenes Leben zu verändern. Denn mein Leben war niemals sorglos verlaufen. Vielmehr hatte es von Anfang an aus Herausforderungen bestanden, vom ersten Augenblick an …

Ich kam am Spätvormittag des 2. Oktober 1957 zur Welt. Der Professor, der meine Mutter entband, war ein enger Freund meines Vaters, und deshalb gab er sich ganz besonders viel Mühe. Dennoch hatte meine Mutter nach mehreren Stunden Kreißsaal plötzlich keine Wehen mehr; meine Herztöne wurden immer schwächer, und schließlich waren sie gar nicht mehr zu hören. Da sah der gute Herr Professor keine andere Möglichkeit mehr, als seine Patientin zu anästhesieren und alles für einen Kaiserschnitt vorzubereiten. Er wollte sie von dem »toten« Kind befreien.

Ich selbst spürte genau, dass da etwas nicht stimmte. Man ließ mich einfach in dem fruchtwasserlosen Dunkel zurück, man gab mich auf. Damit konnte und wollte ich mich nicht abfinden, und so machte ich mich ganz schmal und presste meinen kleinen Körper mit Gewalt aus der Enge. Ich sah, wie grelles Licht in meine Augen blitzte, ich sah die großen Hände, die sich mir plötzlich entgegenstreckten und mich aus dem Gefängnis in die Freiheit hoben, und ich sah dieses entsetzte Männergesicht … er war entsetzt, er … vor lauter Empörung schrie ich erst mal laut auf!

»Die ist zäh«, sagte der Professor später zu meinem Vater, »die bringt es im Leben zu was!« Warum er so dachte, behielt er für sich, und das, obwohl er bei uns ein und aus ging und ich ihn später liebevoll Onkel Hans nannte. Wenn wir auf meine Geburt zu sprechen kamen, wiederholte er immer nur den einen Satz: »Dein Vater und ich, Eva, wir haben damals jeder einen Kasten Bier darauf getrunken!« Der Rest blieb sein Geheimnis, zwanzig Jahre lang.

Nachdem ich mich in der ersten Schlacht meines Lebens so erfolgreich behauptet hatte, wurde ich dafür nachhaltig belohnt. Als Kronprinzessin der Familie Martin wurde ich auf den klingenden Namen Eva Katharina getauft. Mein Zuhause war eine Zwanzig-Zimmer-Villa mit Hausangestellten, Kindermädchen, Chauffeur und Gärtner.

Mein Vater war damals schon fünfzig Jahre alt. Er stammte aus einer wohlhabenden Familie und hatte es im Verlauf seines Lebens durch harte Arbeit zu wahrem Reichtum gebracht. Er war ein unkonventioneller Mann. Die Ehe mit meiner Mutter war seine vierte, und die Zahl seiner Verlobungen war nicht einmal aktenkundig. Sein Herz trug er auf der Zunge. Er nahm nie ein Blatt vor den Mund, und seine Schimpfkanonaden waren berühmt und berüchtigt. Wenn er befürchtete, mit Worten allein nicht zum Ziel zu kommen, drohte er auch schon mal mit seinen Fäusten, und ohne die dämpfende Sanftmut seiner Frau hätte er sicherlich einen Großteil seines Lebens hinter schwedischen Gardinen verbracht.

Meine Mutter war zwanzig Jahre jünger als er und stammte aus einer äußerst vornehmen Familie. »Aber Ernst!«, und »Das ziemt sich nicht!«, waren ihre bevorzugten Äußerungen. Das meinte sie aber niemals böse oder gar abfällig. Sie liebte meinen Vater über alles, und auch nach meiner Geburt spielte er die »erste Geige« in ihrem Leben.

»Als ich Mutter wurde, hatte ich schließlich nicht die Absicht, meine Stellung als Ehefrau aufzukündigen«, erklärte sie mir einmal. »Dein Vater war vor dir da, Eva, merk dir das!«

So lernte ich früh, dass ich, das Kind, ein Ergebnis der Liebe meiner Eltern war, nicht mehr, aber auch niemals weniger.

»In ihrem Miteinander liegen deine Wurzeln, Eva!«, pflegte Oma »Tati« zu sagen. Die Mutter meiner Mutter lebte mit uns im Haus. Eigentlich hieß sie Henriette, aber da ich diesen Namen als Kleinkind nicht hatte aussprechen können, blieb es bei der Koseform.

Oma Tati war eine Bilderbuch-Großmutter. Ihr Körper war weich und rund, ihr Haar lang und weiß, ihr Herz war groß und warm. Oft saß ich stundenlang auf ihrem Schoß und schmuste mit ihr, während sie die schönsten Märchen erzählte. Vor allem aber besorgte sie meine religiöse Erziehung. Das begann mit der Geschichte vom Jesuskind und endete mit dem Abfragen von Luthers Lebensweg. Mit ihr ging ich sonntags in die Kirche, sie lehrte mich lange vor der Konfirmation den Katechismus, sie verlangte, dass ich sämtliche Strophen von Befiehl Du meine Wege auswendig aufsagen konnte.

»Religiosität ist das Fundament eines Menschenlebens«, erklärte sie mir. »Nur ein Mensch, der einen festen Glauben hat, Eva, hat auch eine Zukunft.«

Da ich sie nur anzusehen brauchte, um zu wissen, dass sie die Wahrheit sprach, machte ich mich frohen Mutes auf den Weg durch meine Kindheit.

Ich war ein fröhliches Kind, das gern lachte und munter drauflosplapperte. Ließ man mich unbeobachtet, war ich mir selbst genug. Dann saß ich allein und in mich versunken in meinem Zimmer und spielte mit Legosteinen, malte Bilder, zog stundenlang meine Puppe Monika an und wieder aus.

Über ein derart pflegeleichtes Kind hätten meine Eltern nun eigentlich froh sein müssen. Sie waren es aber nur bedingt, und das machte meine an sich aufregende Kindheit so anstrengend. »Siehst du nicht, Eva, dass dein Lego-Häuschen schief ist? Mach das doch mal anständig! – Aber Eva, das Männchen, das du da gemalt hast, hat ja gar keine Haare, und die Sonne ist ja größer als der Teich. Mach das doch mal richtig! – Guck mal, Eva, du kannst der Monika doch kein gelbes Pullöverchen anziehen und ein rotes Höschen und grüne Schühchen. Hast du denn kein Farbempfinden? Nun mach das aber mal schön!« Von früh bis spät ging das so, und es wurde »Perfektionismus« genannt. Ich hielt es eher für Schinderei, hatte aber nicht die geringste Lust, mich dagegen zu wehren. Ich dachte mir, wenn ich den Ansprüchen meiner Eltern erst einmal genügen würde, fände ihre erzieherische Allmacht unwillkürlich ein Ende, und so zeigte ich mich unermüdlich, wenn es galt, etwas schöner, richtiger oder anständiger zu machen. Vielleicht ahnte ich, dass ich diese strenge Erziehung brauchen würde, um mein weiteres Leben überhaupt leben zu können, und vielleicht ahnte ich auch, dass mir nicht viel Zeit blieb, mich erziehen zu lassen, weil mich das Schicksal sehr früh auf den mir bestimmten Weg schicken würde. An einem Sommernachmittag des Jahres 1962 war es nämlich schon so weit.

Es fing ganz harmlos an. Ein Junge aus der Nachbarschaft hatte mich im Garten spielen sehen und gefragt, ob ich nicht Lust hätte, mit ihm Fahrrad zu fahren. Ich hatte keine Lust. Dieser kleine Racker pflegte zu kratzen, zu beißen und zu schlagen. Dass ich dennoch seine Einladung annahm, war wohl die reine Vorsehung. Es kam, wie es kommen musste! Das gemeinsame Fahrradfahren ging nur eine knappe halbe Stunde gut, dann schubste mich mein Kavalier – aus purer Lust am Schubsen –, und ich flog in hohem Bogen mitten auf die Straße. Im nächsten Moment sah ich den Tod. Er rollte auf mich zu in Gestalt eines Sattelschleppers. Meine ahnungslosen Kinderaugen starrten gebannt auf die riesigen Räder, und in meinen Ohren dröhnte das verzweifelte Quietschen der Bremsen … Nur wenige Zentimeter von meinem Kopf entfernt kam das Ungeheuer zum Stehen … Ich war noch einmal davongekommen.

Was mir blieb, war eine lebenslange Abneigung gegen Fahrräder und kleine Jungen, vor allem aber ein gebrochenes Schienbein, und das wurde zu meinem eigentlichen Schicksal. Der Heilungsprozess erwies sich nämlich als äußerst langwierig. Jedes Mal, wenn es endlich geschafft zu sein schien, wuchs ich ein wenig, sodass der lädierte Knochen wieder riss und ich einen neuen Gipsverband bekam. Dieser reichte mir immer bis zur Hüfte und war so schwer, dass er mich dirigierte, statt umgekehrt. Er zwang mein Bein in eine völlig abnorme Stellung, und als er nach fast drei Monaten endlich abgenommen wurde, stand mein rechter Fuß auswärts, der linke geradeaus. Außerdem hatte das lange Krankenlager mich völlig verändert. Die ehemals zart besaitete, sanfte, kleine Eva war zu einer leicht erregbaren und unberechenbaren Person geworden, die man überall das »Rumpelstilzchen« nannte.

»Die hat zu viel Kraft!«, lautete das allgemeine Urteil. »Die hat so lange gelegen, dass sie jetzt fast platzt vor Tatendrang!«

So beschlossen meine Eltern, zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen. Zwecks Abbau überschüssiger Energie einerseits und zwecks Neuausrichtung meiner Gehwerkzeuge andererseits wurde ich zum Gymnastikunterricht geschickt.

»Eva ist sehr musikalisch«, hieß es da bereits nach kurzer Zeit. »Es wäre schön, wenn Sie das fördern würden. Schicken Sie sie doch zum Ballett!«

Das Ballett wurde zum Inbegriff meines Lebens. Gleich in der ersten Unterrichtsstunde spürte ich, dass ich eine Tänzerin war und auch gar nichts anderes sein wollte. Es war ein innerer Zwang, dem ich einfach nachgeben musste, und dass ich ihm auch nachgeben konnte, verdankte ich nicht nur meiner angeborenen körperlichen Konstitution, sondern auch der Erziehung meiner Eltern. Ihr Streben nach Perfektionismus zahlte sich jetzt aus, denn ich war disziplinierter und zielbewusster als andere Kinder, wenn es darum ging, im Ballettsaal die eine oder andere Bewegung schöner, besser oder schneller zu versuchen. Was ich auf Anhieb nicht schaffte, übte ich am heimischen Küchenstuhl bis zum Umfallen – die Legohäuschen hatten mich nichts so sehr gelehrt wie Ausdauer.

Darüber neigte sich meine eigentliche Kindheit schon ihrem Ende zu: Ich wurde nämlich schulpflichtig.

»Mit dem heutigen Tag beginnt der Ernst des Lebens!«, sagte Papa. »Bildung ist von enormer Wichtigkeit, Eva! Und Fleiß! Nur wer fleißig ist, kann es im Leben zu etwas bringen, und was du hast, das musst du dir erst mal selbstständig erhalten können. Tu deine Pflicht, Eva! Denn nur wer seine Pflicht tut, hat auch Erfolg! Und Erfolg, Eva, Erfolg ist das Allerwichtigste!«

»Außerdem …«, fügte Mama hinzu, »… Lernen ist schön!«

All diese Dinge hörte ich in den folgenden Jahren so oft, dass ich sie bald selbst glaubte und mich auch daran hielt. Ich war fleißig wie ein Bienchen, pflichtbewusst wie ein preußischer Offizier und erfolgreich wie eine Martin. Reibungslos überstand ich die Umschulung aufs anspruchsvollste Gymnasium der Stadt, nahtlos ging es weiter mit Einsern und Zweiern, und dafür wurde ich daheim weder gelobt noch belohnt. Gute Noten waren selbstverständlich. Ebenso selbstverständlich war, dass ich nach dem Unterricht so überaus wichtige Dinge wie Reiten, Tennisspielen und Segeln lernte. Deshalb musste ich samstags immer aufs Pferd, mittwochs und freitags auf den Aschenplatz und sonntags mit Papa ins Boot. Ich nahm das alles auf mich, aber mehr aus Berechnung als aus Leidenschaft. Reiten war meines Erachtens nur für die Figur des Pferdes von Vorteil, der Unterschied zwischen Steuerbord und Backbord war mir nur gleichgültig, und der Sinn, der darin bestehen sollte, mit der Vor- oder mit der Rückhand auf einen wehrlosen Filzball einzuschlagen, wollte mir auch nicht einleuchten. Dennoch tat ich, was man von mir verlangte, denn sonst hätte man mir womöglich nicht mehr meine Sternstunden finanziert: die Montage, die Dienstage und die Donnerstage, an denen ich zum Ballettunterricht ging. Diesen Stunden fieberte ich entgegen, und wenn es so weit war, wenn ich endlich an der Stange stand, zu sanfter Klaviermusik meine Übungen machte und meinen Körper von den Zehen- bis zu den Haarspitzen spürte, dann, nur dann erfüllte mich endlich das Gefühl, das mir sonst immer fehlte, das Gefühl, wirklich auf der Welt zu sein.

Die Einzige in meiner Familie, die dafür Verständnis zeigte, war Oma Tati. Sie ließ sich so manches Mal etwas von mir vortanzen, und wenn ich ihr dann gestand, dass ich eine berühmte Primaballerina werden wollte, lächelte sie immer und meinte: »Dann musst du viel üben, Eva!«

Als sie starb, war ich gerade elf, und ihr Tod war das schmerzlichste Ereignis meiner Kindheit. Von einem Tag auf den anderen war Oma Tati nicht mehr da, und es hieß, dass sie auch nie zurückkehren würde. Das konnte und wollte ich mir gar nicht vorstellen, auch wenn man behauptete, es ginge ihr da, wo sie jetzt wäre, besser als auf Erden. Während der Trauerfeier weinte ich so laut, dass mich der Herr Pfarrer mehrmals strafend ansah, und nach der Beisetzung lief ich sofort nach Hause und verkroch mich in mein Zimmer. Dort blätterte ich in Oma Tatis Bibel, denn die hatte sie mir hinterlassen – das Einzige, was mir von ihr geblieben war. Sie selbst hatte diese Bibel an dem Tag ihrer Hochzeit bekommen, und unter ihrem Namen und dem meines Großvaters stand mit der Hand geschrieben:

»Möge Gott mir die Kraft geben, die Dinge anzunehmen, die ich nicht ändern kann; den Mut, die Dinge zu ändern, die ich ändern kann; und die Weisheit, zu unterscheiden.«

Ich ahnte nicht, was diese Worte einmal für mich bedeuten sollten. An jenem Tag, dem traurigsten meines bisherigen Lebens, las ich sie zum ersten Mal, und sofort hörte ich auf zu weinen – denn ich fühlte mich plötzlich erleichtert …

Dieses Gefühl hielt allerdings nicht lange vor. Der Tod von Oma Tati traf mich nämlich doppelt hart. Er beraubte mich nicht nur eines Menschen, der mich geliebt hatte, sondern er lieferte mich zudem einer Person aus, die mich nicht liebte: Großmutter Martin.

»Oh, wie entsetzlich!«, hatte sie nach meiner Geburt erklärt. »Nur ein Mädchen!«

Sie selbst war zwar auch nichts Besseres gewesen, aber genau das war wohl der Punkt. Als eine Frau, die nur eine Frau war, hatte man es ihr im Leben nicht gerade leicht gemacht, und dafür rächte sie sich im Alter: Nichts fand ihre Zustimmung, niemand machte es ihr recht, natürlich auch ich nicht.

»Ich habe so gehofft, dass Henriette dich mit ihrem Gebetbuch dazu bringt, ins Kloster zu gehen, Eva! Aber nein, sie zog es vor zu sterben! Mir bleibt also nichts erspart!«

Damit deutete sie an, dass sie sich gezwungen sah, von ihrer ursprünglichen Absicht, ihr gesamtes Vermögen einem Tierheim zu vererben, nunmehr abzurücken und stattdessen mich, ihr einziges Enkelkind, trotz meines Geschlechts auf die Rolle der Universalerbin vorzubereiten.

»Auch das noch!«, stöhnte sie, und ich nickte mitfühlend, denn das Gleiche dachte ich: »Auch das noch!«

Trotzdem gelang es uns beiden im Laufe der Zeit, aus der heiklen Situation das Beste zu machen. Meine Großmutter beklagte bald nicht mehr hundertmal, sondern nur noch zehnmal am Tage, dass ich nur ein Mädchen und dazu auch noch ein schreckliches Mädchen wäre, und ich ließ mich zähneknirschend »formen«, wie sie es nannte. Sie brachte mir bei, wie man sich in der so genannten Gesellschaft zu benehmen und zu bewegen hatte, bei Konzerten, in der Oper oder auf Wohltätigkeitsveranstaltungen. Ich lernte, dass man stets freundlich, verbindlich und trotzdem kühl bleiben musste, dass man nie zornig werden oder gar fluchen durfte, und dass »Haltung« das Wichtigste war; das alles übte ich bei so genannten »Proben«, zu denen meine Großmutter mal ihren Rechtsanwalt, mal ihre Putzfrau lud.

»Damit du lernst, wie weit du dich herablassen musst, Eva, und wie weit du dich herablassen darfst. Das will nämlich gekonnt sein, weil man sich nur auf intelligente Menschen wirklich einlassen sollte. Dummheit ist gefährlich, Eva, und die meisten Menschen sind dumm, mehr noch, sie sind keine Menschen, sondern Karikaturen unserer Rasse!« Tagein, tagaus hörte ich mir diese Maximen artig an, war mit meinen Gedanken aber zumeist ganz woanders. Schließlich wollte ich keine Dame der Gesellschaft werden, sondern eine Tänzerin. Dieser Entschluss stand für mich fest, seit ich meine ersten Spitzenschuhe bekommen hatte. In jeder freien Minute trug ich diese Träume aus roséfarbenem Satin, und manchmal behielt ich sie sogar zum Schlafengehen an. Ich hegte und pflegte sie wie Wesen aus Fleisch und Blut, indem ich regelmäßig die seidigen Bänder bügelte, jede abgenutzte Stelle sofort ausbesserte und Lederflecken auf die Kappen klebte, damit sie sich nicht so schnell durchtanzten. Diese Schuhe betrachtete ich als das Symbol meines Lebens, und jedes Mal, wenn mir das neuerlich klar wurde, nahm ich mir vor, noch am gleichen Tag meinen Eltern zu sagen, dass ich nicht das Abitur machen und Medizin studieren, sondern eine berühmte Primaballerina werden wollte.

Monatelang sagte ich mir das jeden Morgen, aber ich riskierte es erst wenige Tage nach meinem zwölften Geburtstag. Ich ahnte wohl, dass da mehr auf mich zukommen würde, als ich mir in meinem Kinderverstand ausmalen konnte, ich ahnte wohl, dass wieder einmal eine Herausforderung auf mich wartete …

Ich beichtete meinen Eltern meine Zukunftspläne, aber sie lachten nur lauthals.

»So ein Firlefanz, Eva!«

»Das ist kein Firlefanz, Mama!«

»Aber Hupfdohle ist doch kein Beruf!«

»Für mich ist es sogar mehr als das, ich –«

»Für dich ist es eine Berufung, wie?«

»Ja, Papa!«

»Das kann ich verstehen!«

»Wirklich?«, fragte ich hoffnungsvoll.

»Ja …«

»Aber Ernst!«, rief meine Mutter erschrocken.

»… ich wollte als Kind auch Indianerhäuptling werden!«

Damit war das Thema für meine Eltern erledigt.

In meiner Not wandte ich mich an meine Ballettmeisterin, und die reagierte ganz anders auf meine Eröffnung. Sie lächelte. »Ich hatte gehofft, dass es so wäre«, sagte sie dann, »aber jetzt, wo ich es weiß …«

Wenige Wochen später veranstaltete sie eine Weihnachtsfeier. Zu diesem Anlass präsentierte ich voller Stolz die »Welturaufführung« eines von mir selbst choreographierten Tänzchens. Ich war noch dabei, die Ovationen meiner Mitschülerinnen entgegenzunehmen, als plötzlich eine fremde Frau auf mich zukam. Sie war klein und extrem zierlich, fast sah sie aus wie ein Junge. In ihrem hageren Gesicht prangten zwei klitzekleine Augen, eine überwältigend große Nase und ein harter Mund, der nicht einmal über den Hauch einer Venusfalte verfügte, aber sie hatte wunderschönes Haar. Es reichte ihr bis weit über die Schultern, war leicht gewellt und von einer ungewöhnlichen Farbe: nicht braun, nicht schwarz, nicht rot und doch von allem etwas. Fasziniert blickte ich auf diese Haarpracht, ängstlich auf die übrige Erscheinung dieser Dame. Ich versuchte zu lächeln. Die Frau reagierte nicht einmal darauf.

»Die will ich haben!«, sagte sie zu meiner Lehrerin. »Ist sie das?«

»Ja.«

»Wie heißt du?«

Ich erschrak über den harschen Tonfall, wollte mich aber nicht einschüchtern lassen. »Eva Martin«, antwortete ich.

Die fremde Frau zog die Augenbrauen hoch. »Klingt ganz ordentlich«, meinte sie, »kann so bleiben. – Komm her!«

Damit war der Handel perfekt. Da meine Eltern meinen Berufswunsch nach wie vor für einen Scherz hielten, hatten sie nichts dagegen, dass ich die Ballettschule wechselte, und so wurde Natascha Gruber meine neue Ballettmeisterin. Das machte mich überglücklich. Ich stellte zwar schon sehr früh fest, dass diese Frau nicht gerade der Mensch war, mit dem man im Katastrophenfall auf einer einsamen Insel hätte leben mögen, doch stellte ich ebenfalls fest, dass sie mich Dinge lehrte, die meine ehemalige Ballettmeisterin mir nicht hatte beibringen können. Unter ihrem Training bewegte sich mein Körper immer geschmeidiger und präziser. Da mir das für den Augenblick wichtiger erschien als alles andere, ließ ich mich wie im Fieberwahn von ihr malträtieren und tat alles, was in meiner Macht stand, um Schule und Ballettschule miteinander zu verbinden.

Mein Tagesablauf sah nun so aus: Kurz vor sieben in der Frühe kletterte ich aus dem Bett und raste zur Schule. Um zwei kam ich nach Hause zurück, schlang hastig das Mittagessen herunter, nahm statt der Schultasche die mit dem Trainingszeug und raste weiter zur Ballettschule. Dort begann das Training um drei, und meist war ich gegen halb neun abends wieder daheim. Dann machte ich meine Hausaufgaben, fiel gegen Mitternacht todmüde ins Bett und stand am nächsten Morgen um kurz vor sieben wieder auf.

»Solange du gute Noten schreibst, haben wir nichts dagegen«, erklärten meine Eltern. »Obwohl uns der Sinn der Strapaze nicht einleuchtet.«

Drei Jahre lang hörte ich das mindestens zweimal in der Woche, drei Jahre lang führte das mindestens zweimal in der Woche zu Streitgesprächen.

»Ich will eben Tänzerin werden!«, erklärte ich dann und bekam zur Antwort: »Tänzerin? Das ist doch ein Witz!«

»Du wirst dein Abitur machen, Eva!«

»Und Medizin studieren!«

»Nein!!!«

»Was dann, Eva, Germanistik …?«

»… Architektur …?«

»Ich will Tänzerin –«

»Kein gescheiter Mensch geht zum Theater, Kind! Das ist ein Sumpf für verkrachte Existenzen, das ist …«

»… indiskutabel!«

»Jawohl!«

So oder ähnlich ging es immer aus, mit dem Erfolg, dass ich mich drei Jahre lang mindestens zweimal in der Woche in den Schlaf weinte. Dann gab ich auf. Ich war es einfach leid: Ich verließ das Gymnasium nach der mittleren Reife, ohne meine Eltern um Erlaubnis zu bitten. Sie hätten mir ja doch nicht zugehört.

Das ließen sie als Entschuldigung jedoch nicht gelten. Sie straften mich hart für meine Eigenmächtigkeit. Am Abend des 22. Juni 1973 fiel das Urteil. Ich wurde offiziell ins Wohnzimmer gebeten, wo mir offiziell mitgeteilt wurde, dass ich das Haus umgehend zu verlassen hätte.

»Wir werden zwar weiterhin dein Training und deinen Unterhalt finanzieren«, hieß es, »aber hier leben wirst du nicht mehr. Wir können unter diesen Umständen nämlich nicht mehr mit dir leben, Eva. Also … du hast es nicht anders gewollt … pack bitte deine Sachen!«

Das ließ ich mir nicht zweimal sagen. Ich machte auf dem Absatz kehrt, fing sofort an zu packen und ging noch in der gleichen Nacht fort – mit zwei Koffern, einem schweren Herzen und einem Bauch voller Wut. Nur einmal sollte man mich wie einen räudigen Hund aus dem Haus gejagt haben, das schwor ich mir. Wiedersehen sollten mich meine Eltern erst, wenn ich eine berühmte Primaballerina wäre und an der Pariser Oper die »Giselle« tanzte. Jawohl! Dennoch blieb ich am Tor noch einmal stehen und blickte zurück auf dieses Haus, in dem ich groß geworden war.

Es lag völlig im Dunkeln, nirgends brannte mehr ein Licht, meine Kindheit und meine Jugend schienen also endgültig vorbei zu sein. Ich weinte bitterlich, aus Wut, aus Schmerz … vor allem aber aus Angst. Ich hatte Angst vor der Zukunft, vor dem Morgen, das so ungewiss war. Diese Herausforderung schien mir einfach zu groß zu sein. Ich war schließlich erst fünfzehn und doch schon ganz allein, das machte mir Angst …

Diese Angst verflüchtigte sich zunächst einmal, denn Frau Gruber nahm mich noch in der gleichen Nacht bei sich auf. Als ich um drei Uhr in der Frühe mit meinen beiden Koffern vor ihrer Haustür stand, war sie weder erstaunt noch verärgert. Stattdessen flog etwas wie ein Lächeln über ihr Gesicht. Sie bat mich herein, kochte mir eine Tasse Tee und richtete das Gästezimmer her.

»Siehst du, Eva, das ist fortan dein Zimmer! Und jetzt schlaf dich erst einmal aus!«

Als ich am nächsten Mittag aufwachte, sah die Welt nicht mehr so trübe aus wie in der Nacht zuvor. Gewiss, ich hatte meine Eltern verloren, aber zum Ausgleich harte ich etwas anderes gewonnen, etwas, was ich mir schon immer gewünscht hatte: Endlich konnte ich regelmäßig trainieren, ohne mich jedes Mal rechtfertigen zu müssen, endlich konnte ich für das Ballett leben, für diesen Traum, den ich seit meiner Kindheit träumte. Ich beschloss, das, was als Strafe gemeint gewesen war, anzunehmen wie ein Geschenk. Alles wollte ich tun, damit mein großer Traum Wirklichkeit würde.

Frau Gruber half mir dabei, wo sie nur konnte. Mehrere Stunden pro Tag arbeitete sie mit mir. In der Freizeit hetzte sie gegen meine Eltern, was eine ihrer Lieblingsbeschäftigungen wurde. Sie nannte »diese Leute« borniert und dekadent. »Schau dich doch bloß an, Eva! Du bist viel zu dick, und das kommt von den Soßen und Torten und von den vielen Kartoffeln!«

»Aber ich esse doch gar keine –«

»Ungeschälten Reis musst du essen, Eva, der ist gesund, und Salat und kurz gebratenes Fleisch!«

»Aber –«

»Und dann guck dir mal dein Gesicht an, Kind! Wenn man so ein Gesicht hat, darf man keine so breiten Augenbrauen tragen, das geht einfach nicht. Die musst du dir zupfen, Eva, ganz schmal musst du dir die zupfen, komm mal her, ich mach’ dir das! Und überhaupt solltest du dich schminken, damit du nach was aussiehst, das werde ich dir auch gleich mal zeigen, Eva! Komm!«

Ich kam jedes Mal und ließ alles mit mir machen, ließ mir da etwas wegrasieren, dort etwas hinmalen, sogar meine Haare ließ ich nach Frau Grubers Wunsch und Willen bearbeiten, denn die hatte sie von Anfang an nicht gemocht. Sie reichten mir bis zur Taille und waren mittelblond, mit einem leicht rötlichen Stich. Frau Gruber befand jedoch, mit einer solchen Farbe liefe jeder Straßenköter herum, und nachdem ich mich zwei Jahre lang zur Wehr gesetzt hatte, gab ich schließlich nach: Meine Haare wurden gefärbt.

Im ersten Anlauf wurde aus einer mittelblonden Eva eine feurige Rothaarige. »Es sähe gut aus«, äußerte Frau Gruber, »wenn du nicht die erotische Ausstrahlung eines gut gewachsenen Stangenspargels hättest.«

Also wurde ich umgefärbt: schwarz. Doch auch das war nicht des Rätsels Lösung, denn das passte allenfalls zu meinem Temperament. So wurde die Farbe herausgezogen, und ich erblondete wieder, immer mehr, immer heller. Als meine Haare endlich den Farbton einer Marilyn Monroe angenommen hatten, grunzte meine Ballettmeisterin zufrieden: »Das ist es!«

KAPITEL 2

Obwohl Frau Gruber sehr viel für mich tat, wurde ich das Gefühl nicht los, als täte sie mir damit auch sehr vieles an. Wie eine Kunstfigur kam ich mir vor, wie eine Puppe, die Frau Gruber selbst erschaffen hatte und der sie jetzt nur noch zu befehlen brauchte, und prompt tat das Püppchen, was sie wollte. Ich trat an auf Kommando; ich stand stramm auf Kommando; ich erledigte, was man mir auftrug; ich lächelte auf Kommando; ich sagte immer nur, was ich sagen sollte, und – was das Schlimmste war – ich dachte sogar zu Frau Grubers Wohlgefallen, denn da sie behauptete, meine Gedanken lesen zu können, hütete ich mich, etwas zu denken, was ihr vielleicht nicht genehm wäre. Ich stand also ganz unter ihrem Einfluss. Ich war ihr Geschöpf, und dafür, dass sie das aus mir gemacht hatte, konnte ich ihr unmöglich auch noch dankbar sein. Genau das erwartete sie aber von mir. Meine Ballettmeisterin verlangte Dank und Bewunderung von mir. Verweigerte ich ihr die demütige Anbetung, wurde ich sofort bestraft. Dann musste ich spülen oder putzen, Einkäufe oder anfallende Büroarbeiten erledigen.

»Damit du begreifst, wer hier das Sagen hat, Eva!«

Ich begriff es, schneller, als Frau Gruber lieb war, mit dem Ergebnis, dass ich mich fortan ständig bemühte, ihr etwas vorzuspielen. Bei jeder Gelegenheit erklärte ich ihr, wie unvergleichlich schön sie doch sei. Sobald ich ein paar Mark Taschengeld erübrigen konnte, kaufte ich ihr Blumen. Manchmal spülte und putzte ich sogar freiwillig.

Frau Gruber war eine höchst erfolgreiche Geschäftsfrau. Ihr gehörte eine der renommiertesten Ballettschulen weit und breit, mit sechshundert Klienten; das Unterrichtsspektrum reichte von Ausbildungs-, Kinder- und Erwachsenenklassen über Damengymnastik, Jazz-Dance und Steptanz bis hin zum Yoga, Frau Grubers Steckenpferd. Nichts liebte sie mehr, als Menschen zu erklären, wie verspannt sie doch wären, als ihnen zu zeigen, wie sie mittels Bauchatmung, Lotussitz und Kopfstand diese Verkrampfungen lösen könnten, als sie mit Phrasen zu bombardieren: »Wir sind vollkommen locker, vollkommen entspannt! – Wir sind frei von jeder Bindung! – Wir sind frisch und gesund!«

Von all den vielen Rollen, die Frau Gruber im Alltag spielte, war die des Gurus mit Abstand ihre beste. Sie war sich zwar selbst nicht ganz schlüssig, was sie denn da lehrte, ob Buddhismus, Hinduismus oder Zen, aber sie wusste zumindest, dass es sich um eine fernöstliche Religionsrichtung handelte. Ihre Unwissenheit glich sie mit Fanatismus aus: Sie befahl ihren Anhängern, nur ja gute Gedanken zu haben, weil ihnen nur dann der Weg zur Selbsterlösung offen stünde. Hatte doch mal einer gefehlt – was häufig vorkam –, so tröstete sie ihn damit, dass er Fehler, die er in diesem Leben beginge, im nächsten leicht wiedergutmachen könnte – als Präsident der Vereinigten Staaten oder als Regenwurm.

Natürlich blieben auch mir diese Sprüche nicht erspart. Dass ich eine entschiedene Christin war, hatte Frau Gruber nämlich von Anfang an nicht gepasst. Deshalb sprach sie mich jetzt schon morgens beim Frühstück auf mein »Karma« an, und nach dem Mittagessen versorgte sie mich mit Literatur, die mich einweihen und der »Erleuchtung« näher bringen sollte. War ich abends noch immer nicht bereit zur Reise ins Nirwana, wurde ich lautstark gerügt.

»Das zeigt mir, Eva, dass du nicht im Einklang bist mit dir selbst, und ein Mensch, der nicht im Einklang ist mit sich selbst, ist zum Scheitern verurteilt und deshalb …«

Deshalb wurde ich schließlich dazu verurteilt, regelmäßig am Yoga-Unterricht teilzunehmen.

Ich fügte mich. Ich hatte keinen Grund, es nicht zu tun. Mein Glaube war fest, und er war das Einzige, was ich mir von Frau Gruber nicht nehmen ließ, das sollte sie Jahre später dann auch begreifen. So lag ich fortan dreimal in der Woche abends zwischen acht und neun auf dem harten, kalten Holzboden in der Ballettschule und hörte mir an, wie Guru Grober mir weismachen wollte, ich läge in Wahrheit auf einer weichen und warmen Wiese. Packte mich darüber der Zorn, wurde mir aufgetragen, meine Seele vom Körper zu lösen; gelang mir das nicht, war ich selbst schuld: Alle anderen waren frisch und gesund, nur ich fühlte mich müde und krank – kein Wunder!

»Mach nicht so ein Gesicht, Eva, und zieh dich an! Wir gehen in fünf Minuten!«

Das sagte Frau Gruber nach jeder Stunde laut und deutlich, denn nur das garantierte ihr, dass jeder der Anwesenden noch mindestens eine brennende Frage hatte, die er in diesen kurzen fünf Minuten nun unbedingt noch stellen musste. So wurden aus den fünf Minuten jedes Mal zwei geschlagene Stunden. Guru Grubers Märchenstunden! Man konnte richtig sehen, wie sie dabei aufblühte. Bei gedämpftem Licht saß sie in einem hautengen Ganzanzug aus unschuldig weißer Baumwolle im Schneidersitz vor ihren Anhängern und hielt mit zum Licht passender Stimme lange Vorträge. Dass man viele, viele Opfer bringen müsste, um ihren Entwicklungsstand zu erreichen, behauptete sie, und dann erzählte sie aus ihrem Leben.

»Ich gehe jeden Abend früh zu Bett, um zu meditieren. Dem Sex habe ich schon mit dreißig abgeschworen, denn der verbraucht Kräfte, die man anderweitig viel sinnvoller einsetzen kann. Ich trinke keinen Alkohol, ich rauche nicht, und Vegetarierin bin ich auch …«

Nun, Vegetarierin war sie wirklich, die Frau Gruber, und wenn sie Zigaretten rauchte, dann nur solche mit Menthol. Ansonsten waren ihre Behauptungen nichts als Lügen. Den zumeist treu sorgenden Ehefrauen, die zu ihrem Yoga-Unterricht kamen, spannte sie gern die Männer aus, und was den Alkohol anging, so bestellte sie Wein und Cognac immer gleich kistenweise. Mit glasigen Augen saß sie nachts in ihrem feudal eingerichteten Wohnzimmer und ließ sich von ihren so genannten Freunden bewundern. Das waren allesamt merkwürdige Gestalten, und die merkwürdigste von allen war ein Mittvierziger, der sein Haar zartgrau färbte und ondulierte, und der sich vorzugsweise in violette oder fliederfarbene Seide hüllte. Wenn er lief, wogte sein Gesäß wie eine Nussschale auf dem Ozean, wenn er sprach, glich seine Stimme einem leidenden Koloratursopran, und wenn er ein Wesen in der Ferne erblickte, das ebenso »männlich« wirkte wie er selbst, spreizte er die beringten Fingerchen und eilte mit tänzelnden Schrittchen auf sein Opfer zu, sodass man befürchten musste, er würde im nächsten Moment zu Boden sinken und vor Begeisterung mit dem Schwänzelein wedeln. Leider hatte ich nie das Glück, diese Apotheose zu erleben. Dafür hörte ich, wie er eines Abends versehentlich rülpste und dazu meinte: »›Hubs‹ sprach der Lachs, da bin ich!«

All das entsetzte mich anfangs maßlos. Solche Leute und solche Lebensgewohnheiten hatte es in meinem Elternhaus nicht gegeben. Im Laufe der Zeit lernte ich aber, über all das hinwegzusehen: Frau Gruber war nun mal so! Womit sie sich so gern umgab, war ebenso falsch wie sie selbst. Sie war gar kein Mensch, sondern nur eine Imitation. Sie plapperte Dinge vor sich hin, die sie irgendwo gehört, aber nie verstanden hatte, und das war nicht nur brutal und skrupellos, sondern vor allem dumm. Ich verlor alle Achtung vor ihr, und das entging ihr wiederum nicht.

»Am besten, du gehst zurück zu deinen Eltern!«, pflegte sie häufig zu sagen. »Du kannst ja behaupten, du hättest es dir anders überlegt und würdest nun doch lieber Ärztin werden.«

»Ich will aber immer noch Tänzerin werden, Frau Gruber!«

»So?«

Dieses »So?«, war in aller Regel der Beginn einer Strafpredigt, im Verlauf derer Frau Gruber mir klar machte, dass alles, was ich sagte, falsch war. Was ich war, war nie genug: Ich war nicht hübsch, nicht charmant, nicht begabt genug … Sie versuchte mit allen Mitteln, mich klein zu machen, und ich ließ mir das widerspruchslos gefallen, denn ich wollte nun mal eine berühmte Primaballerina werden – unbedingt!

Meine Rechnung schien aufzugehen. Knapp sechzehnjährig, mitten in der Spielzeit, bekam ich schon mein erstes Engagement, im Theater meiner Heimatstadt. Es war kein besonderes Theater. Architektonisch war das Gebäude zwar hypermodern und mit allem Komfort ausgestattet, den es damals gab, aber was die künstlerische Klasse anging, so rangierte diese Bühne irgendwo zwischen der Hamburgischen Staatsoper und den Gummersbacher Bühnen. Aber es war mein Theater: Von hier aus wollte ich den Rest der Welt erobern, und dafür war mir keine Qual zu groß. Frau Gruber sah diese Kompromisslosigkeit gern und zwang mir einen bestimmten Lebensrhythmus auf.

Morgens rappelte mein Wecker. Noch im Halbschlaf vollführte ich die so sehr geschätzten und ach so anregenden Yoga-Atemübungen, dann sprach ich mein Morgengebet, nahm ein Bad, und anschließend gab es ein gemeinsames Frühstück. Das bestand aus Tee und Toast. Ich hasste beides, denn ich liebte Kaffee und frische Brötchen. Was ich liebte, interessierte Frau Gruber jedoch wenig, und so sah sie mir allmorgendlich dabei zu, wie ich den Tee mit verzerrtem Gesicht herunterwürgte und den Toast von einem Tellerende zum anderen schob.

Sie behielt ihre Prinzipien und ich einen knurrenden Magen.

Um halb zehn traf ich, streng nach Plan, im Theater ein, grüßte den Pförtner und huschte durch dunkle Gänge hinauf in die dritte Etage, wo ich die Garderobe mit fünfzehn anderen Mädchen teilte. Eines davon war Hilary Johnson. Sie war zwei Jahre älter als ich, und ihr eigentlicher Name war erschütternd provinziell. Deshalb habe sie sich einfach einen neuen gesucht. »In diesem Land«, erklärte sie mir, »musst du entweder Neger oder DDR-Flüchtling sein, wenn du Karriere machen willst. Bist du beides nicht, hilft nur noch ein amerikanischer Name, das muss man realistisch sehen.«

Hilarys Realitätssinn faszinierte mich. Sie stammte aus erbärmlichen Verhältnissen. Der Vater war Alkoholiker und hatte sie und ihre drei Geschwister regelmäßig verprügelt, die Mutter hatte als Putzfrau das Geld für die Ausbildung der Tochter zusammengespart.

»Dahin will ich nie wieder zurück!«, schwor Hilary mehrmals täglich. »Ich tue alles, um Karriere zu machen. Alles!«

Was Hilary unter »alles« verstand, eröffnete mir eine völlig neue Welt. Es gab im Umkreis von vielen, vielen Kilometern kaum einen Mann, den sie nicht »näher« kannte, und all diese Männerbekanntschaften brachten ihr im Verlauf weniger Monate eine komplette Wohnungseinrichtung ein und jede Menge Interviews in den Zeitungen.

»Beziehungen zur Presse muss man pflegen«, erklärte sie mir. »Wenn man oft genug in der Zeitung steht, wird man ganz von allein berühmt.«

Ich wusste nicht so recht, ob ich ihr das glauben sollte, aber da für meine Werbung ohnehin Frau Gruber zuständig war, interessierte es mich auch nicht sonderlich. Für mich war Hilary als Persönlichkeit von Bedeutung. Ich bewunderte sie einfach, weil sie, obwohl nur wenig älter als ich, längst eine Frau, ich aber immer noch ein Kind war. Sie war hübsch, und sie hatte so etwas an sich, was alle betörte. Sie konnte hervorragend mit Menschen umgehen, insbesondere mit Männern. Deshalb war es nicht verwunderlich, dass ich jeden Morgen ab halb zehn einiges mit ihr zu besprechen hatte.

Eine halbe Stunde später stand ich dann im Ballettsaal an der Stange und absolvierte mein erstes Exercice – Pliés, Tendus, Jetés, Frappés, Ronds de Jambe par Terre usw. Nach diesem Stangentraining kam das Adagio, und auf das Adagio folgten die Pirouetten, die kleinen und großen Sprünge.

Zwischen halb zwölf und zwölf saß ich dann mit den anderen Tänzern in der Kantine und gönnte mir einen kleinen Imbiss. Die Proben für die jeweiligen Vorstellungen dauerten bis zwei, danach gab es einen weiteren Imbiss, und alsdann marschierte ich quer durch die Innenstadt zu Frau Grubers Ballettschule.

Das war mein eigentliches Zuhause. Ich fand nirgends auf der Welt jemals wieder ein ähnliches Gefühl von Heimat. Jeder Winkel dieses Gebäudes war mir vertraut, ich kannte die Geräusche jeder einzelnen Bodenplatte, ich hätte jede der Fotografien, die an den Wänden hingen, mit geschlossenen Augen malen können.

Ab halb vier stand ich dort neben zehn- bis vierzehnjährigen Mädchen an der Stange und absolvierte mein zweites Exercice. Frau Gruber hielt dabei einen Bambusstock in der Hand, mit dem sie den Takt der Musik unterstrich. Wenn man nicht gehorchte, schlug sie damit auch schon mal zu. Also gehorchte man: »Höher die Beine! – Die Knie strecken! – Den Bauch rein! – Die Brust vor! – Die Schulter runter! – Den Po anspannen! – Nicht verkrampfen!!!«

Während die Kinder zu meiner Rechten und Linken zumeist unter diesem Tonfall litten, weil sie nichts mehr hassten als Ballett, genoss ich sogar die Befehle. Mehr noch als sonst brannte in jenen Augenblicken die Seligkeit in mir, eine Tänzerin zu sein, einen Körper voller Musik zu haben. In diesem Bewusstsein brachte ich dann unter Acht- bis Zehnjährigen auch noch eine weitere Kinderklasse hinter mich. Dann gab es eine kurze Pause, und ab sechs Uhr probten Peter und ich unser Pas-de-deux-Repertoire.

Dieser Peter Iwanow, seines Zeichens ein aufstrebender Solotänzer, war neben Frau Gruber der zweite Nagel zu meinem Sarg. Ich war gerade erst zwölf Jahre alt gewesen, als er mich bei einem offiziellen Vortanzen aus Scharen junger Mädchen zu seiner zukünftigen Partnerin auserkoren hatte. Seitdem wurde ich allerorten beneidet, denn Peter war schön und groß und blond, und dass er homosexuell war, sah man ihm nicht an.

»Sei dankbar!«, mahnte man mich immer wieder. »Du darfst die gleiche Luft atmen wie er.«

Wie schnell man von dieser Luft die Nase voll hatte, ahnte indes keiner dieser Neider. Peter verlangte nämlich Kadavergehorsam. Ich hatte zu funktionieren und ansonsten zu schweigen, mit anderen Worten: Peter und Frau Gruber verband eine Art von Seelenverwandtschaft. Sie waren im gleichen Alter und vom gleichen Schlage, und sie gefielen sich in den Rollen meiner Kerkermeister und holten das Letzte aus mir heraus. So beherrschte ich mit sechzehn Jahren den Pas de deux aus dem Don Quijote, mit siebzehn den Schwarzen Schwan und mit achtzehn schließlich die Spitze des Eisbergs, Le Corsaire. Um das alles zu lernen, musste man schon täglich üben. Also übte ich täglich, und anschließend lief ich, sofern ich Vorstellung hatte, wieder zum Theater zurück. Das war meist gegen acht Uhr, und der Pförtner hatte in der Zwischenzeit schon gewechselt, nur ich war immer noch die Gleiche.

Oben in der Garderobe ließ ich mich schminken, schlüpfte in mein Kostüm und verschwand zu einem weiteren kurzen Aufwärmtraining im Ballettsaal.

Irgendwann stand ich dann auf der Bühne und machte meine Mätzchen. Mit Kunst hatte das nur selten etwas zu tun, denn das Gros der Regisseure liebte es zu »abstrahieren«. Da nahm man dann einfach eine Tschaikowsky-Symphonie und ließ dazu ein Ballettensemble drei viertel nackt in einer Schlammdekoration herumstampfen, oder man bediente sich einer Puccini-Oper und verlegte die Handlung ins 23. Jahrhundert, wo die Sopranistin alsdann, von Synthesizer-Klängen begleitet, mit einem Astronautenhelm auf dem Kopf um ihr Leben schrie. All das wurde Kunst genannt, und ich hatte mich längst damit abgefunden.

Zwischen zehn und elf Uhr abends war mein Tagewerk dann in der Regel vollbracht. Ich schleppte mich heimwärts, wo Frau Gruber und das Abendessen auf mich warteten, ein zweihundert Gramm schweres Rinderfilet, medium gebraten – jeden Abend gleich –, eine Riesenschüssel grüner Salat – jeden Abend gleich sauer – und eine (!) Praline. Hatte ich das intus, setzte ich zum so genannten Endspurt an. Ich wusch mir die Haare, nahm ein Bad, bearbeitete meinen geschundenen Körper mit Arnikaöl und brachte die Yoga-Atemübungen hinter mich. Dann fiel ich todmüde ins Bett, sprach mein Nachtgebet und löschte das Licht.

Wie hart und wie eintönig dieser Alltag war, kam mir anderthalb Jahre lang gar nicht zu Bewusstsein.

»Stars werden nun mal nicht geboren«, erklärte Frau Gruber mir immer wieder, »Stars werden gemacht!«

So trainierte ich tagaus, tagein, trotz Fieber und trotz Zerrung, und stand noch artig auf meinen Spitzenschuhen, wenn das Blut bereits durch den Satin sickerte.

»Lächeln!«, schrie Frau Gruber dann. »Was wehtut, tut auch gut!«

Wenn ich einmal wagte, Zweifel an dieser Weisheit zu äußern, sagte Frau Gruber: »Pass auf, Eva! Wenn du nicht spurst, bilde ich dich einfach nicht weiter aus. Verstanden?«

Schon als Kind hatte ich das verstanden, und so hatte Frau Gruber mit dieser Drohung auch immer Erfolg. Mit einer einzigen Ausnahme hielt sie mich damit bei der Stange. Zu dieser Ausnahme kam es im Sommer 1975.

Damals war ich siebzehn, und ich tanzte mein erstes Solo, einen Csárdás, im Zigeunerbaron. Das war nichts Überwältigendes, aber es war immerhin ein Anfang, und zu verdanken hatte ich diesen Anfang unserem neuen Choreographen, einem hübschen, kleinen, zarten Amerikaner namens Jimmy Porter. Er mochte mich, und so gab er mir diese Chance – eine Chance, die ungeahnte Konsequenzen hatte. Ich, die ich bisher niemals ausgegangen war oder sonst irgendwie über die Stränge geschlagen hatte, ich veränderte mich plötzlich so sehr, dass Frau Gruber befürchtete, mir wäre »der Ruhm« zu Kopfe gestiegen. Denn von einem Tag auf den anderen sagte ich Ade zu Söckchen und Faltenröcken und stieg um auf Seidenstrümpfe und eng anliegende Kleider. Auch die flachen Sandaletten meiner Mädchenzeit landeten auf dem Müll. Stattdessen zwängte ich mich in hochhackige Pumps. Ich ging in meiner Freizeit aus, ohne zu sagen, wohin, und was für meine Ballettmeisterin das Ärgste war: Ich gab auf einmal Widerworte. So kam es zunehmend zu Streitigkeiten zwischen uns. Wenn ich mich nach einer Vorstellung noch mal für ein Stündchen vor den Fernsehapparat setzte, hieß es gleich: »Nur Bardamen sind derart vergnügungssüchtig, Eva!«

Weigerte ich mich, meine Haare wie früher zusammenzubinden, hieß es, ich sähe aus wie eine Lagerhure. »Aber das scheint dir ja nichts auszumachen, Eva, das gefällt dir vermutlich noch, wie dir dieser Krach gefällt …«

Mit dem »Krach« meinte meine Ballettmeisterin die Musik der Rolling Stones, die ich jetzt öfter hörte.

»Musik nennst du das, Eva! Das ist keine Musik, sondern Körperverletzung. Nur ein pubertäres Monstrum kann seinen Ohren so etwas antun!«

Die gute Frau Gruber war so verzweifelt, dass sie mich beschatten ließ. »Hubs!, sprach der Lachs, da bin ich!«, eignete sich prächtig dazu, weil er äußerlich sehr unauffällig war. Auf Meilen sah man seine ondulierten Haare und seine wallenden, violetten Gewänder, aber nichtsdestotrotz kam er zum Ziel. Davon war er zumindest überzeugt, und Frau Gruber war es auch, denn sie teilte mir eines Tages hoch erhobenen Hauptes mit, dass sie nunmehr alles durchschaut hätte.

Das war an einem Samstag. In der Nacht zuvor hatte ich schlecht geschlafen. Deshalb hatte ich am Morgen im Ballettsaal wohl auch eine ausgesprochen schwache Leistung gezeigt. Frau Gruber behauptete das zumindest. So hatten wir, als wir endlich am Mittagstisch saßen, mehrere handfeste Auseinandersetzungen hinter uns. Es sollte aber noch schlimmer kommen. Während ich mit der Gabel in so genanntem Lauchgemüse herumstocherte – das nichts anderes war als in Wasser abgekochter und nicht gewürzter Porree –, trank meine Ballettmeisterin ein Glas Rotwein nach dem anderen und ließ mich dabei nicht aus den Augen. »Du schläfst in letzter Zeit häufig schlecht …«, zischte sie nach etwa zehn Minuten eisigen Schweigens. »Aber ich weiß jetzt, woher das kommt – du bist verhext!«

Da ich mir derartigen Schwachsinn häufig anhören musste, erschütterte es mich nicht allzu sehr, aber es veranlaßte mich immerhin, den Blick von dem faden Porree abzuwenden. Ich schaute Frau Gruber an, die mich fast verschlang mit ihren Augen.

»Ich spüre es ganz deutlich«, knurrte sie, »diese negativen Schwingungen kann ich körperlich spüren …«

Ich atmete schwer.

»Ja, ja, Eva, ich weiß genau, dass du das nicht hören willst. Niemand will die Wahrheit hören, auch du nicht.«

Ich legte die Gabel aus der Hand und machte es mir bequem auf meinem Stuhl. »Die Wahrheit, Frau Gruber?«

»Oh ja!!«

»Was für eine Wahrheit?«

Meine Ballettmeisterin griff noch mal rasch zu ihrem Weinglas und leerte es in einem Zug, dann beugte sie sich vor und hob den Zeigefinger:

»Hilary ist an allem schuld, mein liebes Kind, das weißt du genau! Sie hat dich verhext! Dieses Mädchen ist ein ganz billiges Flittchen, aber das fällt dir ja nicht auf, weil sie dich beherrscht, weil sie –«

»Sie ist meine Freundin, Frau Gruber!« Meiner Ballettmeisterin derart schnöde ins Wort zu fallen, wäre mir früher nicht in den Sinn gekommen, aber dieses Mal konnte ich nicht anders. Unbedingt wollte ich Frau Gruber verständlich machen, was Hilary mir bedeutete, seit meiner Schulzeit hatte ich keine Freundin mehr gehabt, und ich brauchte jemanden, mit dem ich reden konnte.

»Reden?«, schrie Frau Gruber. »Du kannst mit mir reden!«

Dabei sprach sie nie mit mir, sie belehrte mich nur. Meine Probleme fand sie immer von vornherein absolut »lächerlich«.

»Das sind sie ja auch!«, schimpfte sie, als ich das jetzt endlich zu sagen wagte. »Du bist ein Kind von siebzehn Jahren! Was für Probleme willst du haben?«

»Ich bin schon lange kein Kind mehr, ich –«

»Ach, so ist das!« Meine Ballettmeisterin sprang auf, als wäre ihr der Stuhl zu heiß geworden. »Da steckt ein Kerl dahinter! Wer, Eva? Ich verlange, dass du mir auf der Stelle seinen Namen nennst, Eva! Sofort! Eva???«

Dieser Verdacht nötigte mir nur einen müden Blick ab. Ein Kerl! Als meine Schulfreundinnen bereits mit einem Jungen »gingen«, wie das genannt wurde, trainierte ich noch artig, ohne nach rechts oder links zu schauen. Ich war nicht einmal richtig aufgeklärt, das Einzige, was man mir mit auf den Weg gegeben hatte, war eine Warnung im Hinblick auf meine Jungfräulichkeit: »Lass da bloß keine Stümper ran!«, hatte mir mein Vater eingeschärft. »Denk immer dran, Eva: Was steht vor dem Bett und zittert? – Ein Anfänger!« Und da sprach Frau Gruber von einem Kerl!? Dafür konnte ich wirklich nur einen müden Blick erübrigen.

Diesen Blick wertete sie jedoch als deutliches Anzeichen zunehmender Renitenz. »Nimm dich in Acht!«, fuhr sie mich an. »Du bist nun mal nicht wie andere Mädchen. Du bisteine Tänzerin. Ich habe es dir immer schon gesagt: Karriere oder Liebe. Ein Und gibt es nicht. Solltest du irgendwann vor mir stehen und heiraten wollen, bringe ich dich um!«

Die letzten Worte schrie sie, statt sie zu sprechen. Ihr Gesicht lief feuerrot an, und ihre ohnehin kleinen Augen waren plötzlich nur noch Schlitze. Sie meinte ernst, was sie da sagte, und diese Erkenntnis ließ eine Sehnsucht in mir erwachen: ich bekam Sehnsucht, mich zu übergeben.

Also erhob ich mich von meinem Stuhl und lief zur Treppe, die in die erste Etage führte, wo mein Zimmer und das Bad waren. Da packte Frau Gruber mich am Arm.

»So kommst du mir nicht davon!«, keifte sie. »Ich weiß nämlich Bescheid, Eva. Hilary hat dich eingeladen. Sie gibt heute Abend eine Party, und du hast zugesagt, zu kommen. Aber genau das wirst du nicht tun, Eva! Du wirst heute Abend nach der Vorstellung brav nach Hause kommen, und wenn du das nicht tust …«

Den Nachsatz »… dann bilde ich dich einfach nicht weiter aus!«, konnte sie sich getrost ersparen, den kannte ich zur Genüge.

An diesem Samstag hatte meine Ballettmeisterin eine Verabredung mit ihren »Freunden«. Diese Verabredungen endeten meist erst in den frühen Morgenstunden und verliefen sehr alkoholreich. Ich selbst tanzte an diesem Abend im Zigeunerbaron. Da Peter, mein allgegenwärtiger Partner, ausnahmsweise mit Grippe im Bett lag, waren meine Gedanken, zum ersten Mal in meinem Leben nicht kontrolliert zu werden und eine aufregende Nacht zu verleben, einfach zu gut, als dass ich sie ungenutzt hätte lassen können. Ich musste zu Hilarys Party gehen, das war ich mir schuldig.

Ich tat es mit voller Überzeugung. Deshalb war ich auf dem Weg zum Theater auch bester Laune. Mein schönstes Kleid hatte ich an, einen zweiteiligen, schwarzgrundigen, mit dezenten Blütenmotiven bedruckten Traum aus Musselin. Der Rock war plissiert und reichte eine Handbreit übers Knie, was damals sehr modern war. Die Bluse war eng tailliert und hatte so genannte Fledermausärmel. Wunderschön kam ich mir darin vor, und ich fühlte mich so wohl, das Leben war herrlich, so herrlich …

An dieser Stelle endete später mein Erinnerungsvermögen. Plötzlich war da ein Loch in meinem Kopf, ein dunkles, schwarzes Loch, das Zeit und Raum verschlang. Ich kam erst wieder zu mir, als ich bereits auf Hilarys Party war, aber ich wusste weder, wie ich dorthin gekommen war, noch, wie lange ich zu diesem Zeitpunkt bereits dort weilte. Ich stand da, eine brennende Zigarette in der linken, einen Martini in der rechten Hand, und fühlte mich unendlich müde, unendlich erschöpft.

»Etwas nicht in Ordnung?«, sprach mich jemand an, und ich drehte mich um.

Vor mir stand ein Mann, der mich angrinste, und neben ihm stand noch ein Mann, der mich angrinste, und überhaupt waren da überall Männer, die mich angrinsten … Ich ließ das Glas mit dem Martini fallen und schrie. Ich hatte Angst, und ich bemerkte erst jetzt, dass mein Kopf fürchterlich schmerzte.

Da war eine Beule. Sie war riesig, aber ich wusste nicht, woher ich sie hatte. Diese vielen, fremden Männer standen immer noch da und grinsten mich an, und als mich einer von ihnen bei den Schultern fasste, war es ganz um mich geschehen: Ich attackierte ihn mit der brennenden Zigarette und ergriff die Flucht.

Draußen herrschte finsterste Nacht. Niemand war mehr auf der Straße, und ich rannte nach Hause, völlig verstört, mit dröhnendem, schmerzendem und leerem Kopf.

Frau Gruber erwartete mich bereits. »Das war dein erster und letzter Ausflug ins Nachtleben!«, empfing sie mich. »Wo kommst du her? Weißt du, wie spät es ist? Wo hast du dich herumgetrieben?«

Ich hätte viel darum gegeben, wenn ich ihr eine dieser Fragen hätte beantworten können, aber ich wusste gar nichts mehr und konnte nur noch heulen und schluchzen.

Frau Gruber nahm das zur Kenntnis, auf ihre Art.

»Bist du betrunken, Eva?«

»Nein …«

»Hast du Drogen genommen, Eva?«

»Nein.«

»Was dann, Eva?«

Ich schaute sie an und schluckte. Eh ich mich versah, versprach ich meiner Ballettmeisterin mit kindlicher Stimme, von nun an ein artiges Mädchen zu sein.

»Was?«, vergewisserte sie sich.

»Nie mehr … nie mehr was Böses tun …«, wimmerte ich, »… nie mehr …«

»Du bist doch betrunken, Eva!«

»Nein!«

»Du hast Haschisch geraucht?«

»Nein!«

»Dann geh jetzt zu Bett!«

Damit war diese Angelegenheit für Frau Gruber erledigt, was mir im Nachhinein bewies, dass sie noch wesentlich brutaler und skrupelloser war, als ich es mir in meinem Kinderverstand jemals hatte vorstellen können! Was mir widerfahren war an diesem Samstagabend, war so schrecklich gewesen, dass ich es sofort vergaß. Am nächsten Morgen konnte ich mich an überhaupt nichts mehr erinnern, ich wusste nicht einmal mehr, dass es diese vergangene Nacht gegeben hatte, und die mysteriöse Beule an meinem Kopf war mir völlig gleichgültig. Sie war nun mal da, mehr nicht.