Zwei verliebte Jungs - Lawrence Schimel - E-Book

Zwei verliebte Jungs E-Book

Lawrence Schimel

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3,99 €

Beschreibung

Neun schwule Liebesgeschichten, die Lust auf mehr machen! Ein märchenhaftes Date zum Abschlussball - mit einer Drag-Fee und jeder Menge magischen Momenten. Zwei Nachbarn, die im weihnachtlichen New York auf ungewöhnliche Weise zueinander finden - und denen sich nicht nur das Herz erwärmt. Zwei nicht mehr ganz so junge Männer, die auf einer Reise nach Portugal behutsam erkunden, wohin ihre Gefühle sie noch tragen werden ... Von der aufregenden Liebe auf den ersten Blick zwischen schwulen Teenagern über heißen Sex zwischen neuen Bekannten bis zu der zart wachsenden Intimität zweier Männer "in den besten Jahren" spannt sich der Bogen der neun hier versammelten Geschichten. Die Stories in "Zwei verliebte Jungs" sind Klassiker der schwulen Erotik-Literatur - jetzt endlich wieder zu haben und nur als eBook bei Bastei Entertainment!

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EPUB

Seitenzahl: 196




Inhalt

Cover

Über dieses eBook

Über den Autor

Titel

Impressum

Das Buch der Liebe

Die Straße zur Liebe

Ein Märchen der etwas anderen Art

Fag Hag

Weihnachtsgrüße

Die Geschichte des Eau

Ganz von selbst

Wassertaxi

Der Fluss der Zeit

Über dieses eBook

Neun schwule Liebesgeschichten, die Lust auf mehr machen!

Ein märchenhaftes Date zum Abschlussball – mit einer Drag-Fee und jeder Menge magischen Momenten. Zwei Nachbarn, die im weihnachtlichen New York auf ungewöhnliche Weise zueinander finden – und denen sich nicht nur das Herz erwärmt. Zwei nicht mehr ganz so junge Männer, die auf einer Reise nach Portugal behutsam erkunden, wohin ihre Gefühle sie noch tragen werden …

Von der aufregenden Liebe auf den ersten Blick zwischen schwulen Teenagern über heißen Sex zwischen neuen Bekannten bis zu der zart wachsenden Intimität zweier Männer »in den besten Jahren« spannt sich der Bogen der neun hier versammelten Geschichten. Die Stories in »Zwei verliebte Jungs« sind Klassiker der schwulen Erotik-Literatur – jetzt endlich wieder zu haben und nur als eBook bei Bastei Entertainment!

Über den Autor

Lawrence Schimel hat über 100 Bücher als Autor oder Herausgeber veröffentlicht, darunter »Gut bestückt«, »Zwei verliebte Jungs« und »I love you – Schwule Paare über ihr Liebe«. Für seine Arbeit wurde er vielfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Lambda Literary Award (zweimal), dem Spectrum Award und der Siegessäule-Auszeichnung für das Buch des Jahres. Er lebt in Madrid und arbeitet dort als Literaturübersetzer.

Lawrence Schimel

ZWEIVERLIEBTEJUNGS

Aus dem amerikanischen Englisch vonTorsten Bless und Christian Beese

BASTEI ENTERTAINMENT

Digitale Neuausgabe

Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG

Copyright © 2017 by Bastei Lübbe AG, Köln

Die Originalausgabe erschien unter dem Titel »Two Boys in Love«

Copyright © 2006 by Lawrence Schimel

Covergestaltung: © Frank & Reed, Stuttgart unter Verwendung von shutterstock/Lopolo

eBook-Erstellung: Urban SatzKonzept, Düsseldorf

ISBN 978-3-7325-2719-9

www.bastei-entertainment.de

www.lesejury.de

Das Buch der Liebe

Die Ramblas waren noch stärker bevölkert als gewöhnlich, aber das war heute keine Überraschung. Buchhändler hatten ihre Stände auf beiden Seiten der berühmten Fußgängerzone aufgebaut, die Barcelona hin zum Mittelmeer führt, und wahre Menschenmassen wollten unbedingt die aktuellsten Neuerscheinungen durchstöbern, um etwas Passendes zu finden, das sie ihren Lieben mit nach Hause bringen konnten. Die Blumenhändler zeigten sich ebenfalls denkbar zufrieden, da ihnen die Rosen mit Fortschreiten des Tages geradezu aus den Händen gerissen wurden. An Sant Jordi, dem Namenstag des Schutzheiligen von Katalonien, war es üblich, der oder dem Liebsten und Freunden ein Buch und eine Rose zu schenken – eine Tradition, die in den 1960ern vom Katalanischen Verlegerverband begründet worden war, als man den 23. April zum Tag des Buches erklärt hatte, um an den Todestag von Cervantes und von Shakespeare zu erinnern –, und die Menschen waren bemüht, nicht mit leeren Händen nach Hause zu kommen, zumindest hier in Barcelona, aber auch in vielen anderen Städten entlang der Ostküste Spaniens.

Meine Chefin hatte mir den Nachmittag frei gegeben, aber ich wünschte mir fast, sie hätte das nicht getan, denn Sant Jordi machte mich immer depressiv. Wenn ich irgendwo anders in Spanien leben würde, dann würde mich das nicht stören, aber an Sant Jordi fühlte ich mich immer so einsam und allein, wenn ich sah, wie die ganze Welt dieses kunstvolle Ritual zelebrierte, während ich niemals einen Freund hatte, sobald dieser Tag des Jahres nahte. Selbst wenn es mal passierte, dass ich eine Affäre hatte – was ein ziemlich seltenes Ereignis in meinem Leben zu sein schien, auch wenn ich keine Schwierigkeiten hatte, Sex mit einem anderen Mann zu finden, wenn ich ihn suchte, entweder in den Bars oder in den Saunen oder auf der Straße –, dann trennten wir uns immer vor Sant Jordi, als wollte das Schicksal mich ärgern.

Trotzdem fühlte ich mich wie jeder andere zu den Ramblas hingezogen, und da ich nun mal den Nachmittag frei hatte, widerstand ich dem nicht; ich würde wahrscheinlich trotzdem dort einen Bummel machen, vielleicht einen Drink im Café del Opera nehmen und gucken, wer vorüberging. Ich war mir sicher, dass sich manche meiner Freunde in den Menschenmassen befinden würden und dass der Zufall uns zusammenbringen würde. Gleichzeitig war ich auch ein bisschen ängstlich, meinen Freunden in die Arme zu laufen, weil fast alle von ihnen in Beziehungen waren, und ich glaubte, noch depressiver zu werden, wenn ich sie so zufrieden zusammen sehen würde. Aber dann war ich mir gar nicht sicher, ob dieses intensive Gefühl von Einsamkeit – wenn auch umgeben von so vielen Menschen – nicht eigentlich noch schlechter war; ich dachte, es würde wohl besser sein, mit jemandem zu reden, egal mit wem, als diese Gedanken zu hegen, die sich ständig in meinem Kopf drehten, in einem teuflischen Kreislauf der Selbstzerstörung.

Viele Verleger warteten mit der Veröffentlichung ihrer neuen Titel bis kurz vor Sant Jordi und versuchten so den Bücherkaufrausch für den heutigen Tag anzufachen, um auf diese Weise mit hohen Erstverkaufszahlen zu starten. Das würde dann hoffentlich zu vielen Empfehlungen von Mund zu Mund führen, weil Freunde üblicherweise ihre Sant-Jordi-Geschenke in den nächsten Tagen und Wochen untereinander verglichen. Es schien mir, als ob ich sämtliche Bücher, auf die ich an den ersten paar Ständen stieß, niemals zuvor im Laden gesehen hätte; deshalb verbrachte ich eine Weile damit, die Bücher anzusehen und die Klappen- oder Rückentexte zu lesen um zu sehen, ob irgendetwas davon meine Fantasie anregte.

Aber als ich so die Reihe der Buchstände entlangging, fiel mir auf, dass viele Stände immer wieder die gleichen Titel anboten. Natürlich gab es auch ein paar Unterschiede, die einen kleinen Stopp an jedem Stand lohnend machten, und sei es nur aus Neugier. Da ich ja nicht aktiv auf der Suche nach einem Buch für einen Liebhaber war – im Gegensatz zu allen anderen hier –, entwickelte es sich fast zu einer Art Memory-Spiel, so schnell wie möglich die wenigen anderen Titel zu entdecken, die ich nicht schon am vorigen Tisch gesehen hatte.

Vor mir sah ich einen Mann, der offensichtlich schwul war, mit seinem kurz geschnittenen, blondierten Haar und einem dunklen Goatee und einem Tanktop von Ovlas – dem entscheidenden Anhaltspunkt –, das seinen durchtrainierten Oberkörper umspannte. Ein paar Sekunden später blickte er zu mir hoch, als hätte er meinen Blick bemerkt, und unsere Augen begegneten sich in einem verschwörerischen Moment. Normalerweise schleppe ich keine Muskel-Queens ab, so dass ich nicht wirklich daran interessiert war, ihm zu folgen und mit ihm zu reden oder sonst was, aber ich fühlte mich zufrieden mit unserem gemeinsamen Wahrnehmen der Sexualität und dem daraus folgenden möglichem sexuellen Interesse. Das ist etwas, was ich so an der Art liebe, wie schwule Männern cruisen, es hatte etwas so Aktives und Bestätigendes, auch wenn man zurückgewiesen wurde oder den Typ unattraktiv fand oder was auch immer; gerade in diesem Moment belebte der Gedanke mein Ego, dass mich jemand hübsch genug fand, um anzuhalten und mich auf diese Weise anzuschauen. Vielleicht war ich ja nicht der Einzige hier, der keinen Freund hatte, sagte ich mir, wer wusste, was noch geschehen würde? Ich überlegte, dass das Muskelshirt wahrscheinlich der Typ war, der mit seinem gleich muskulösen Freund zusammenlebte, aber dass sie Dreier mit anderen Fitnesstucken hatten oder beide noch Sex außerhalb ihrer Beziehung machten. Heute Abend jedenfalls würden sie sich gegenseitig die Bücher und Rosen schenken, die sie heute gekauft hätten, und egal, wie oft sie mit anderen Jungs herummachten, so hatten sie doch immer noch einander …

Ich ging weiter – weg von diesem Bücherstand und vom Muskelshirt –, aber dieser Moment hatte meine Stimmung noch einmal verändert. Verloren in der Welt dieser Bücher, hatte ich für eine Weile vergessen, wie einsam ich war. Ich begann, an jedem Stand nicht nur auf die Bücher zu gucken, sondern auch auf die Menschen, die gemeinsam mit mir stöberten. Ich versuchte mir vorzustellen, was wohl jeder von ihnen für ein Buch zu finden versuchte – dabei war ich eifersüchtig auf ihre Beziehungen – und welche Vereinzelten so wie ich hier nur mit ihren Gefühlen kämpften. Ich überlegte, ob ich auch so tun sollte, als suchte ich das perfekte Geschenk für meinen Partner. Manchmal dachte ich, ich sollte ein Buch kaufen – egal welches –, nur damit die Leute nicht dachten, ich wäre ein Verlierertyp; es würde eine Art Tarnung sein.

Ich versuchte mich wieder in die Bücher zu vertiefen, aber nun starrte ich mit glasigen Augen auf die Beschreibungen der Geschichten oder die Biografien der Autoren, in denen so oft die Ehepartner und Kinder des Autors erwähnt waren. Um mich abzulenken, begann ich, die Bücher mit den populärsten Titeln im Kopf zu behalten, und versuchte Ähnlichkeiten zwischen den Männern und den Frauen zu finden, die sie kauften.

Ich kam zum Stand des Schwulen- und Lesbenzentrums »Casal Lambda« und blieb stehen, um mich etwas genauer umzusehen. Ein netter Mann, den ich schon ein paar Stände weiter oben auf den Ramblas gesehen hatte, kam hinzu und stöberte und drehte sich nicht um, als er merkte, dass alle Bücher auf diesem Tisch schwul oder lesbisch waren. Ich lächelte in mich hinein, als ich ihn beobachtete, und dachte bei mir, dass es doch nicht nur Wunschdenken gewesen war, als ich mich ein paar Stände vorher gefragt hatte, ob er auch schwul sei. Er überflog den Tisch, machte gelegentlich Halt, um ein Buch umzudrehen und einen Blick auf die Rückseite zu werfen. Als er das Ende des Tisches erreicht hatte, guckte er hoch und sah mich, wie ich ihn immer noch anlächelte, und er lächelte zurück und setzte dann seinen Weg auf den Ramblas fort zum nächsten Stand. Ich ging dorthin, wo er gestanden hatte und legte meine Hand auf das Buch, das er zuletzt berührt hatte. Ich fragte mich, wer er war, wie er wohl war, ob er Single war, ob er wirklich schwul oder einfach aufgeschlossen war oder ob er vielleicht einen schwulen Freund hatte, für den er ein Buch kaufen wollte.

Ich guckte hinab auf das Buch, auf dem meine Hand lag, es war der neue Roman von Boris Izaguirre, einer offen schwulen Persönlichkeit aus dem Fernsehen, die von meinen Freunden (und nicht zu vergessen auch der schwulen Presse) wegen seiner tuntigen Auftritte entweder geliebt oder gehasst wurde. Viele kritisierten ihn, weil er in ihren Augen das übelste Klischee von Homosexuellen verkörperte und dabei das heterosexuelle Bild von uns verriet, während andere in ihm ein Art Camp-Ikone sahen, die es geschafft hatte, das ungeschriebene Gesetz, dass nur Heterosexuelle im Fernsehen auftreten dürfen, zu durchbrechen und sich selbst einen Namen zu machen. Ich war etwas hin- und hergerissen; ich fand ihn unterhaltsam, wenn ich ihn in der Sendung »Cronicas Marcianas« sah, aber ich war nicht fanatisch für oder gegen ihn so wie andere Leute, die ich kannte. Ich hatte das Buch noch nicht gelesen, aber ich hatte gehört, es sei zurückhaltend und literarischer, als man es von einem Menschen erwartet hatte, dessen öffentliche Erscheinung so tuntig war.

Ich fragte mich, welche Einstellung wohl der nette Fremde zu Boris hatte, ob er ihn liebte oder hasste. Ich blickte auf das Cover des Buches in meiner Hand, aber ich sah stattdessen wieder das Gesicht des Mannes in dem Moment, als er aufguckte und mich anlächelte. Wie sehr ich mir wünschte, ihn wieder zu sehen und vor allem ihn wieder so lächeln zu sehen!

Eine Reihe von Bücherständen später sah ich meinen netten Fremden wieder, nunmehr auf der anderen Seite der Ramblas. Ich guckte ihn so hungrig an, als könnte ich mit meinen Augen die spitzen Ecken seiner Wangen verschlingen; ich beobachtete, wie seine Finger sich um die Kanten der Bücher bewegten – auf eine Art, die gleichermaßen Güte und Kraft ausstrahlte. Er hielt den neuen Roman von Isabel Allende, »Fortunas Tochter«, in der Hand, und ich fragte mich, ob er es für sich selbst oder als Geschenk für jemanden in Erwägung zog, vielleicht sogar für seinen Freund. Er legte das Buch zurück und warf einen Blick auf die anderen Titel auf dem Tisch, bevor er hochguckte und sich plötzlich unsere Augen trafen, und er lächelte, wobei seine linke Augenbraue etwas zuckte, als er mich wiedererkannte. Er erinnerte sich an mich von dem Stand der Casal Lambda!

Ich lächelte zurück und machte mir mehr Gedanken über ihn, fragte mich, wünschte und hoffte, entwickelte Fantasien über den Aufbau eines Lebens zu zweit. Ich weiß, das muss etwas Mitleid erregend wirken, so langfristige Perspektiven zu entwickeln, wenn man jemanden doch gerade erst kennen gelernt hat – oder noch nicht mal kennen gelernt, sondern nur flüchtig gesehen hat –, aber ich tat es nun mal. Ich dachte nicht nur daran, wie wir Sex zusammen haben würden, obwohl solche Bilder natürlich auch in meinem Kopf abliefen, sondern auch wie wir ein Heim zusammen teilen würden: Vielleicht würden wir Liebe auf dem Balkon unserer Wohnung machen, oder er würde mich erwarten, wenn ich von der Arbeit nach Hause käme, wobei er mich in den paar Stunden, in denen wir getrennt waren, so stark vermisst hätte, dass er es gar nicht erwarten könnte, mir die Klamotten vom Leib zu reißen und mich auf den Boden zu werfen, so dass sich unsere Körper zu einem verschmölzen, keuchend vor Lust.

Ich guckte weg, weil ich besorgt war, er könnte meine Gedanken lesen, wenn er mir in die Augen blickte, starrte hinab auf das Buch, auf dem meine Hände lagen, und versuchte, an nichts zu denken. Als ich wieder hochsah, war er weg, weitergegangen zum nächsten Stand.

Ich blieb stehen und gab ihm die Gelegenheit weiterzugehen, damit er nicht auf die Idee kommen konnte, ich würde ihn verfolgen oder dergleichen. Trotzdem konnte ich nicht verhindern, dass ich den Wunsch verspürte, wieder seinen Weg zu kreuzen, vielleicht ein paar Stände weiter unten; ich fragte mich, ob ich es schaffen würde, ihn anzusprechen, wenn wir uns das nächste Mal trafen. Ich war immer schüchtern, wenn es darum ging, jemanden anzumachen, sogar dann, wenn ich wirklich interessiert war – ich war davon überzeugt, etwas Dummes zu sagen und damit jede Chance auf ein näheres Kennenlernen zunichte zu machen. Ich hoffte, dass er den ersten Schritt machen würde, wenn ich mich in Reichweite zu ihm stellen würde. Vielleicht könnte ich eine Bemerkung zu einem der Bücher machen, auf die er einen Blick warf, so dachte ich, oder nach einer Empfehlung fragen. Ja, das würde das Beste sein, denn es würde ihn ermutigen, mir zu antworten, und wenn das Gespräch erst mal in Gang gekommen wäre, dann könnten wir es auch leichter fortsetzen.

Am Stand von Complices sah ich ihn wieder, und er hielt ein Exemplar von »Taking Care of Mrs Carroll« von Paul Monette in der Hand. Er hob die blaue Banderole an, um den Text zu lesen, der darunter auf der Rückseite stand, und legte das Buch danach wieder zurück. Er griff nunmehr zu »Azul Petroleo«, dem Buch von Boris Izaguirre, auf das ich ihn vorher schon hatte gucken sehen, und schlug es auf den ersten Seiten auf. Er stand dort und las, und ich zögerte, direkt zu ihm zu gehen, denn es wäre zu offensichtlich gewesen. Ich hatte ein flaues Gefühl im Magen, und meine Hände wurden feucht. Ich starrte auf seinen Rücken und fragte mich wieder, welche Position er einnahm war in dem Spektrum von Meinungen über Boris, ob er ein Fan war oder vielleicht jemand, der ihn im Fernsehen hasste und deshalb neugierig war, ob das Buch brauchbar war oder nicht.

Ich überlegte, ob er daran dachte, das Buch für sich selbst zu kaufen, und erinnerte mich an ein Schild, das für 18.30 Uhr eine Signierstunde mit Boris am Stand von Antinous angekündigt hatte. Ich guckte auf die Uhr, es war 18.10 Uhr. Spontan beschloss ich, zum Antinous-Stand zurückzugehen, dort ein Exemplar von »Azul Petroleo« für den Fremden zu kaufen und von Boris signieren zu lassen. Es war eine alberne Idee, ich weiß, doch schon lenkten mich meine Füße wieder zurück zur Bude von Antinous; ich glaube, ich würde mich dann »sicherer« fühlen, als wenn ich einfach so zu ihm hingegangen wäre und ein Gespräch begonnen hätte. Zumindest wusste ich nun einen Weg, um das Eis zu brechen – indem ich ihm das Buch gab –, und ich hoffte nur, dass dies keine Geste war, die zu weit ging, dass er sie zumindest verstand. Es war eine sehr ungestüme, romantische Vorgehensweise, die genau passend schien für Sant Jordi. Aber nur ein romantischer Seelenverwandter konnte das erkennen.

Boris Izaguirre sprach lebhaft mit zwei Hausfrauen mittleren Alters, so dass ich geduldig wartete, um ein Buch signiert zu bekommen. Boris brach plötzlich mitten im Satz ab und guckte mich an: »Ich vergöttere total die Farbe von deinem Shirt!«, rief er aus, klatschte in die Hände und machte einen kleinen Sprung. »Bitte entschuldigen Sie mich«, sagte er zu den beiden Frauen, und bewegte sich leicht, um sich direkt vor mich zu stellen. Er streckte die Hand aus, nahm das Exemplar des Buches, das ich ihm hingehalten hatte, und wartete nun auf meinen Einsatz. Als ich ihm so Auge in Auge gegenüber stand, begann ich zu verstehen, warum ihn die Leute, die auf seiner Seite waren, liebten: Er hatte eine Art, seine ganze Aufmerksamkeit auf einen zu richten, oder einen das zumindest so empfinden zu lassen, und man spürte tatsächlich, man sei für ihn in diesem Moment die wichtigste Person auf der Welt und auf jeden Fall etwas ganz Besonderes. Das war einerseits ein mitreißendes Gefühl, aber andererseits fühlte ich mich auch ein bisschen atemlos. Es war wie unter einem zu hellen Scheinwerfer.

»Für wen ist es?«, fragte er mich und ließ den Stift über dem offenen Buch kreisen, um eine Widmung zu schreiben.

»Ich weiß es nicht«, antwortete ich und hasste mich dafür, wie hoch und dünn meine Stimme klang, weil ich so nervös war. »Ich meine, ich weiß, wem ich es schenken will«, fuhr ich fort und sprach dabei so schnell, dass jeder meine Angst erkennen konnte, »aber … ich weiß seinen Namen nicht. Noch nicht.« Ich hörte auf zu sprechen und traute mich schließlich, Boris wieder in die Augen zu schauen, der in natura noch größer und imposanter war als ich es mir nach den Fernsehbildern vorgestellt hatte; die meisten Leute sehen ja erfahrungsgemäß im richtigen Leben eher kleiner aus, dachte ich bei mir.

Boris gab einen Laut des Entzückens von sich: »Du bist der heimliche Verehrer von jemandem! Wie glücklich sich dieser Junge schätzen darf! Wie romantisch!« Er schrieb etwas, was ihm spontan einfiel, hinein, und lächelte wieder, als er mir das Buch zurückgab.

Dann wandte sich Boris zu der Frau rechts neben mir und sagte: »Oh, ich wünschte, ich hätte Ihre Haare!« Sie hob eine Hand, um die angesprochenen Locken zu berühren, und errötete, und dabei griff Boris nach dem Buch, das sie in der Hand hielt.

Ich fühlte mich erleichtert, dass seine Aufmerksamkeit weitergewandert war, während ich gleichzeitig seine Fähigkeit bewunderte, Menschen so geschickt zu behandeln, so mühelos mit jeder neuen Person von einer Situation zur nächsten zu wechseln, und sie dabei alle spüren zu lassen, er hätte jedem von uns ein Geschenk gemacht. Aber seine Intensität machte mich nervös, und ich war froh, dass ich das Buch bezahlen und gehen konnte, bevor Boris mich erneut ansehen und dabei erkennen würde, wie bemitleidenswert es war, dass ich an Sant Jordi meinen letzten Ausweg darin sah, ein Buch für einen Fremden zu kaufen, dessen Namen ich noch nicht einmal kannte!

Ich kaufte eine einzelne langstielige Rose an einem der Blumenstände und eilte dann wieder die Ramblas hinunter, um meinen netten Fremden zu suchen. Wir waren einander nun an so vielen Stellen begegnet, dass ich sicher war, dass er nicht zu weit von dem Punkt entfernt sein konnte, an dem ich ihn zuletzt gesehen hatte. Aber als ich mir meinen Weg durch die Menge bahnte und dabei links und rechts nach einem blauen Sweater Ausschau hielt, nach seinen fein geschnittenen Wangen, nach dem Lächeln, das über sein Gesicht gehuscht war, als er mich angesehen hatte … Ich wurde nervös. Wo konnte er sein? War ich an ihm vorbeigelaufen und hatte es nicht bemerkt? Nein, ich war sicher, ich würde ihn aus jedem Winkel erkennen, wenn er in mein Blickfeld geraten würde. Aber vielleicht hatte jemand direkt vor ihm gestanden, ihn verdeckt … Ich wollte losrennen, seinen Namen ausrufen – aber logischerweise kannte ich ja seinen Namen nicht, noch nicht.

Ich erreichte das Ufer, ohne ihn gefunden zu haben, und lief dann die ganzen Ramblas wieder hinauf, verzweifelt auf der Suche nach seinem Anblick. Aber eine Viertelstunde später erreichte ich wieder die Plaça de Catalunya und musste mir eingestehen, dass ich seine Spur verloren hatte. Was war ich doch für ein Dummkopf, sagte ich mir, zu glauben, dass irgendein Fremder, mit dem ich ein Lächeln ausgetauscht hatte, das alberne Buch würde haben wollen, das ich ihm gekauft hatte. Ich war einfach ein sentimentaler Idiot!

Ich saß auf der Bordsteinkante, da die Straße den ganzen Nachmittag über für Autos gesperrt war, und schmollte. Ich wollte heulen, einerseits über meine eigene Hoffnungslosigkeit, andererseits weil der nette Fremde verschwunden war. Ich starrte auf die Blume in meiner Hand und dachte, dass es eine Verschwendung gewesen war, sie zu kaufen, überhaupt gehofft zu haben.

Ich zupfte an einem ihrer dunkelroten Blütenblätter und ließ es vor mir auf den Boden fallen. »Er liebt mich«, sagte ich laut. Ich zog an dem nächsten Blütenblatt. »Er liebt mich nicht.« Und dann zerpflückte ich die ganze Rose, Blatt für Blatt, bis nur noch ein einziges übrig war, leicht eingerollt im Herzen der Knospe. Ich pflückte es und ließ es zu Boden sinken, und ich gestand meine Niederlage ein: »Er liebt mich nicht.«

Warum hatte ich mich selbst mit so einem blöden Spiel gequält, fragte ich mich. Nun hätte ich noch mehr heulen können, aber irgendwie ging es dann doch nicht, und so war ich hin- und hergerissen zwischen dem Wunsch, meine Gefühle auf diese Weise auszudrücken – als hätte ich die Leere, die ich in mir aufsteigen fühlte, durch meine Tränen wegschwemmen können –, und der Angst, albern auszusehen, wenn ich in der Öffentlichkeit weinen würde. Ich starrte hinab auf den Haufen roter Blüten, die zwischen meinen Füßen wie eine dunkle Pfütze lagen. Ich fühlte mich, als sei mein Blut aus mir herausgeflossen und hätte sich auf der Straße vor mir zu einer Lache vereinigt, als läge dort mein Herz auf der Straße, so dass jeder darauf herumtrampeln könnte. Ärgerlich – über mich, über den Fremden, weil er verschwunden war, über die Welt, die sich nicht so verhielt, wie ich es wollte – stand ich auf und trampelte auf der zerstörten Blume herum. Es änderte zwar nichts, aber ich fühlte mich danach etwas besser. Zumindest hatte ich jetzt nicht geheult und mich nicht noch weiter in der Öffentlichkeit blamiert.

Ich wollte auch das Buch mit seiner silbernen Geschenkverpackung wegwerfen, aber ich hielt mich zurück. Es war schließlich nicht richtig, meinen Ärger an dem Buch auszulassen; es hatte nichts Falsches getan. Immerhin konnte ich es aufbewahren und einem anderen geben – es war ja schließlich nicht jemand Bestimmtem gewidmet, außer »An den hübschen Fremden – Wie glücklich du dich schätzen kannst, dass du so einen netten heimlichen Verehrer hast! Wie romantisch! Ich bin so neidisch! Mit einem dicken Kuss – Boris«.

Ich überlegte, in die Sauna Casanova zu gehen, um mich abzulenken, aber ich suchte nicht nach Sex. Ich hatte Verlangen nach Intimität und Romantik; ich wollte eher jemanden, mit dem ich Händchen halten und kuscheln konnte, als einen schnellen Fick mit irgendwem, egal wie geil er war, den ich wahrscheinlich nie wiedersehen würde, oder noch schlimmer, dem ich wieder begegnen und der sich nicht an mich erinnern könnte.