Beschreibung

Sabrina ist kein großer Freund von Menschen, Kindern, Tieren, Pflanzen oder lebendigen Dingen im Allgemeinen. Lieber arbeitet sie Tag und Nacht. Um für eine Firmenfeier eine Begleitung zu haben, lässt sie sich dummerweise ein Blind Date aufschwatzen. Als das Date sie allerdings versetzt, lernt sie Kai-Uwe mit Bindestrich kennen. Schnell erkennt sie, dass sie ihre Finger einfach nicht von ihm lassen kann, doch die geeignete Begleitung für die anstehende Firmenfeier ist er in Sabrinas Augen nicht. Also muss ein zweiter Mann her – was soll dabei schon schiefgehen? Alle Bücher der Serie sind in sich abgeschlossen. Gefühlvolle Handlung. Explizite Szenen.

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Seitenzahl: 308

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Zweidrittelmond

Natalie Rabengut

Liebesroman

Copyright: Natalie Rabengut, 2014, Deutschland.

Korrektorat: Claudia Heinen – http://sks-heinen.de

Coverfoto: © deviantART - fotolia.com

Alle Rechte vorbehalten. Ein Nachdruck oder eine andere Verwertung ist nachdrücklich nur mit schriftlicher Genehmigung der Autorin gestattet.

Sämtliche Personen in diesem Text sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind zufällig.

www.blackumbrellapublishing.com

Inhalt

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Über Natalie Rabengut

Kapitel 1

Heute

Wie jedes Mal, wenn wir uns mit der Familie und den Freunden von Kai-Uwe trafen, lag ich auf der Lauer. Trotz all den Jahren traute ich dem Braten noch immer nicht.

Es war mir unerklärlich, wie diese Truppe es schaffte, so gekonnt vorzutäuschen, dass sie sich alle untereinander mochten. Kai-Uwe vergötterte seine Geschwister, von seinem kleinen Neffen Paul ganz zu schweigen.

Und mit genau dem kleinen Scheißer auf dem Arm kam Kais Bruder Don gerade auf mich zu und drückte ihn mir in die Hände.

Okay, gut. Ich mochte Paul auch. Streng genommen mochte ich die ganze Familie, mir war halt nur suspekt, dass sie sich gegenseitig leiden konnten.

Meine Schwester und ich waren wie Öl und Feuer – die alles vernichtende Todesspirale war unvermeidlich, sobald wir aufeinandertrafen. Da wir dies aber tunlichst vermieden, war die Weltordnung gesichert.

»Haben wir wirklich die ganze Bowlingbahn für uns?«, wollte Elena wissen und drehte sich um die eigene Achse. Ihr Mann Stephan wich ihr dabei elegant aus, denn Elenas dicker Schwangerschaftsbauch beanspruchte schon fast eine eigene Bahn für sich. Sie erwartete in zwei Monaten Zwillinge – immerhin lief die Veranlagung dafür durch die Familie und da es nicht aussah, als würde ihre eigene Schwester Helen sobald in die Kinderproduktion gehen, hatte Elena sich scheinbar gedacht, besser gleich zwei Babys zu bekommen.

»Zu meiner Verteidigung, hier gibt es nur vier Bahnen und eine davon ist außer Betrieb, da war es doch wohl irgendwie logisch, gleich alle drei zu mieten. Dann haben wir wenigstens unsere Ruhe«, warf Frederik ein. Helens Mann balancierte schon das erste Tablett mit Getränken an unseren Tisch.

Elena nickte, die Arme in die Hüften gestützt, schien dabei jedoch immer noch nicht zufrieden zu sein. »Und warum sind wir nicht am Valentinstag gegangen? Ich dachte, das wäre der Plan gewesen.«

Daniel nahm Frederik das Tablett ab, der daraufhin mit dem Finger auf Elena zeigte. »Wenn du solche Pläne hast, solltest du sie direkt mit mir besprechen und nicht mit deiner wortkargen Schwester. Auf diese Weise erfahre ich nämlich auch davon und komme deinem Wunsch nach. Du weißt genau, dass sie nicht zuhört, wenn sie lediglich ›Aha‹ antwortet.«

Elena seufzte und wandte sich an ihre Schwester. Der vorwurfsvolle Blick prallte an Helen ab. Sie runzelte nur die Stirn und fragte: »Was ist?«

Frederik lachte nur, legte einen Arm um seine Frau und küsste sie auf die Schläfe. »Nichts, nichts. Wir haben nur über dich geredet.«

»Ach so.« Helen machte eine wegwerfende Bewegung und ließ sich auf eine der Bänke fallen.

Sofort tauchte Elenas Mann Stephan hinter seiner Frau auf und erkundigte sich besorgt: »Willst du dich nicht vielleicht auch setzen?«

Elena rollte genervt mit den Augen. »Wenn du das heute noch einmal fragst, flippe ich aus.«

Veronikas heiseres Lachen erklang dicht neben mir. »Warum sollte es dir anders ergehen als mir damals? Dass Don nicht angeboten hat, für mich pinkeln zu gehen, war aber auch alles.«

Sie zwinkerte mir zu und fügte noch hinzu: »Wobei ich glaube, ein- oder zweimal hat er das sogar wirklich gefragt.«

Ihr Ehemann wurde rot und rümpfte die Nase. »Das hat man davon, wenn man nett sein will. Also wirklich.«

Wie immer hielt ich mich schweigend und dezent im Hintergrund, während die Geschwister und Paare liebevoll aufeinander herumhackten. Wenigstens wusste ich langsam, wie die Verwandtschaftsverhältnisse waren. Es war gar nicht so leicht gewesen, das bei vier Paaren zu entwirren, Kai-Uwe und mich nicht einmal mit eingerechnet.

Don war Kai-Uwes älterer Bruder und mit Veronika verheiratet, die beiden hatten einen Sohn namens Paul und wenn ich die Zeichen richtig deutete, war Kind Nummer 2 entweder in Planung oder im Geheimen schon unterwegs.

Mo war die jüngere Schwester meines Freundes und mit Daniel verheiratet, der wiederum zwei Schwestern hatte, nämlich Helen und Elena. Diese waren jeweils mit ihren Männern Frederik und Stephan da waren. Elena hatte zusätzlich die ungeborenen Zwillinge im Gepäck.

Lautes Geschnatter, für das hauptsächlich Elena und Mo verantwortlich waren, erfüllte den Raum. Je länger ich die Gruppe betrachtete, desto mehr fiel mir auf, dass der Druck auf Kai-Uwe und mir endlich zu heiraten immer größer wurde.

Seufzend wiegte ich Paul auf meiner Hüfte und sah ihn an. Er schenkte mir sein halb zahnloses Lächeln und wirkte dabei sehr altklug. Widerwillig musste ich lächeln und begegnete dabei Kai-Uwes Grinsen.

Er wusste, wie schwer es mir fiel, mich in der Gegenwart der ganzen Leute zu entspannen, und dass ich eigentlich überhaupt nicht so schweigsam war. Aber ich brauchte einfach lange, um mich an neue Umstände zu gewöhnen. Dass wir schon fast vier Jahre zusammen waren, ließ ich dabei dezent unter den Tisch fallen.

Vermutlich würde ich mich niemals daran gewöhnen, wie die Geschwister miteinander umgingen. Obwohl Kai-Uwe sich oft über seine Position als mittleres Geschwisterkind beschwerte, ließ er nicht zu, dass jemand ein schlechtes Wort über sie verlor.

Und als wir damals zusammengezogen waren, war der Umzug in wenigen Stunden erledigt gewesen, weil so viele Hände mit angefasst hatten.

Davon konnte ich bei meiner Familie nur träumen. Wenn meine Schwester über den Rand der Erde fallen würde, würde es vermutlich gute anderthalb bis zwei Jahre dauern, bevor mir das auffiel. Es sei denn, mein Vater würde anrufen und es mir mitteilen – aber das wiederum würde voraussetzen, dass ich ans Telefon ging, wenn ich seine Nummer sah. Das tat ich aber höchstens an meinem Geburtstag.

Mit einem lauten Seufzen zwang ich mich wieder in die Gegenwart. Der Abend würde wie immer lustig und angenehm werden, und je früher ich mich entspannte, desto schneller würde mein Argwohn verschwinden. Egal wie sehr ich lauerte, langsam musste ich mich mit der Erkenntnis anfreunden, dass sie sich alle wirklich mochten und nicht jeder eine so kaputte Familie hatte wie ich.

Mos glitzernde Augen verhießen nichts Gutes, als sie sich mir zuwandte. Verdammt, ich hatte vermutlich zu laut geseufzt und die Aufmerksamkeit auf mich gelenkt. Auch Elena betrachtete mich interessiert.

Scheiße. Sie hatten bestimmt über mich geredet. Dabei war ich doch die letzten drei Jahre ganz wunderbar mit dem Hintergrund verschmolzen. Ich wusste, dass es Kai-Uwe nicht gefiel, dass ich mich so zurückhielt, aber ich konnte mich einfach nicht öffnen.

Pauls kleine Hand, die sich an meinen Zeigefinger klammerte, spendete mir irgendwie Trost.

»Sag mal, Sabrina, du kannst doch reden, nicht wahr? Immerhin antwortest du auf Fragen ab und zu ›Ja‹ oder ›Nein‹«, stellte Mo fest und tippte sich dabei an die Unterlippe, als würde sie wichtige wissenschaftliche Erkenntnisse festhalten.

Mein mieser Freund verkniff sich mit Mühe das Grinsen und nahm mir Paul ab. Plötzlich stand ich ohne Schutzschild da und nickte nur knapp. Das erschien mir irgendwie sicherer.

Einer heimtückischen Muräne gleich tastete sich auch Elena an mich heran. »Erzähl doch mal, wie ihr euch kennengelernt habt. Du und Kai-Uwe. Wie lautet eure große, romantische Geschichte?«

Kai-Uwe stieß ein verräterisches Geräusch aus, irgendwo zwischen entsetztem Stöhnen und höhnischem Gelächter. Er hatte mich vorgewarnt, dass es eines Tages passieren würde. Er war sogar so nett gewesen, mir eine Alibi-Geschichte anzubieten, doch ich hatte abgelehnt und immer gesagt, dass ich dann einfach improvisieren würde.

Dabei war meine Hoffnung gewesen, dass ich einfach so langweilig wirkte, dass es niemanden interessieren würde. Gegen Veronika mit ihren Tattoos, Mos und Elenas losen Mundwerken und Helen mit ihrer beeindruckenden Karriere wirkte ich ohnehin farblos und uninteressant – hatte ich zumindest gedacht.

»Ach das.« Ich winkte ab.

»Ha!«, stieß Helen triumphierend hervor und deutete mit dem Finger auf mich. »Sie ist im Begriff zu lügen – wenn man sich an etwas erinnert, guckt man zur anderen Seite!«

Die Männer standen unschlüssig herum und wussten nicht so recht, ob sie einschreiten und ihre Frauen zurechtweisen sollten oder ob ihre eigene Neugier zu stark war.

Kai-Uwe warf mir einen Blick zu, der besagte, dass es meine Entscheidung war und er mir so oder so den Rücken stärken würde. In mir wuchs das Verlangen nach einer Zigarette. So stark wie schon seit ein paar Jahren nicht mehr. Aber ich brauchte gar nicht in meiner Tasche zu wühlen – das Rauchen hatte ich mir schon lange abgewöhnt.

Doch es war sowieso an der Zeit, dass ich meine Schande gestand. Denn ich war ein ganz schönes Ekelpaket gewesen und bis heute erstaunt, dass Kai-Uwe mich nicht erschlagen hatte.

Also hockte ich mich fügsam auf die Bank zwischen meine Fast-Schwägerinnen und Beinahe-Freundinnen und begann zu erzählen.

Kapitel 2

Fünf Jahre zuvor

Genervt zog ich ein letztes Mal an der Kippe, bevor ich sie zu Boden fallen ließ und mit dem Absatz meines Stiefels austrat. Dabei tastete ich in meiner Jackentasche bereits nach der Packung, um mir eine weitere anzuzünden.

Hatte ich schon erwähnt, dass ich warten hasste? Besonders im Winter – draußen, wo es kalt und dunkel ist? Fluchend beugte ich mich nach vorne, weil mir die Zigarettenpackung aus den klammen Fingern gefallen war.

»Lass sie doch liegen. Rauchen gefährdet ohnehin die Gesundheit«, riet eine dunkle Stimme mir.

Ruckartig richtete ich mich auf und funkelte mein Gegenüber böse an. »Klugscheißen auch.«

Er lachte, zuckte mit den Schultern und verschwand neben mir im Gebäude. Neidisch blickte ich ihm hinterher. Ich hätte gern drinnen gewartet, doch dort durfte ich nicht rauchen. Und wenn ich nicht rauchen konnte, knibbelte ich an meiner Nagelhaut – zumindest, wenn ich nervös war. Also lieber rauchen.

Verfluchte Blind Dates. Ich hätte direkt ablehnen sollen, als dieser Typ das Planetarium vorgeschlagen hatte. Was war das denn bitte für ein Ort für ein erstes Date, wenn man sich noch nicht kannte?

Den Kopf in den Nacken gelegt starrte ich in den Nachthimmel. Warum sollte ich Eintritt dafür bezahlen, mir Bilder vom Himmel und dem Mond anzusehen, wenn beides hier draußen umsonst zu sehen war?

Wolken zogen träge am Mond vorbei, der zu guten Zweidritteln verborgen war – wie eine Münze, die man in die Spardose steckt. Das Bild gefiel mir und der Anblick entspannte mich ein wenig. Überhaupt nahm ich mir viel zu wenig Zeit für solche Momente. Einfach nach oben sehen und bewundern.

In der anderen Jackentasche piepte mein Handy. Meine Kollegin Sophie, die mir den Typen aufgeschwatzt hatte, schickte mir die Möglichkeit, das Blind Date zu beenden, sollte es sich als miserabel entpuppen. Mein Schlupfloch – was gleichzeitig bedeutete, dass besagtes Date vor einer Dreiviertelstunde hätte beginnen sollen. Ich war also eindeutig versetzt worden, daran gab es nichts zu beschönigen.

Als Antwort tippte ich ein schnelles »Alles okay«; schon allein, weil ich keine Lust auf umständliche Erklärungen und – viel schlimmer – Mitleid hatte. Zu dumm nur, dass ich mich ohnehin nur auf dieses blöde Blind Date eingelassen hatte, weil ich eine Begleitung zum jährlichen Jubiläumsfest meiner Firma wollte.

Es kostete mich schon jedes Mal alles an Kraft, überhaupt Small Talk in der Firma zu führen, deshalb vermied ich es meistens. Doch Sophie war ein echter Bluthund und hatte zielsicher die richtigen Fragen gestellt. Da es um die Organisation der Firmenfeier ging, konnte ich ihr nicht ausweichen, weil sie es unter Garantie unserem Boss erzählen würde, und seinen Vortrag zum Thema »Kooperation« konnte ich inzwischen auswendig.

Sophie hatte nach meiner Begleitung gefragt und war sofort darauf angesprungen, als ich nur gleichgültig mit den Achseln gezuckt hatte.

Dabei hasste ich diese Veranstaltung sowieso. Der Abend endete meist in einem peinlichen Desaster, wenn ich ohne Begleitung aufkreuzte, weil irgendein Kollege betrunken der festen Überzeugung war, mich herumbekommen zu können.

Da mein Blind Date mich versetzt hatte, würde ich letztendlich wohl doch auf irgendeinen Escortservice zurückgreifen. Für alles andere fehlten mir sowohl Zeit als auch Nerven. Dass ich in diesem Moment hier allein herumstand, bestätigte mein Vorhaben nur.

Noch immer starrte ich den Mond an und überlegte, was ich nun mit dem angefangenen Abend tun sollte. Mir war danach, mich im Bett zu verkriechen und morgen schön auszuschlafen, aber an einem Samstag um 21 Uhr alleine nach Hause zu gehen, war doch auch Verschwendung.

Blöderweise hatte ich schon eine Eintrittskarte für das Planetarium gelöst, damit ich mich nicht einladen lassen musste. Das konnte ich nämlich gar nicht haben. Ich bezahlte immer schön für mich selbst – dann kam ich gar nicht erst in die Verlegenheit, mich für die Karte bedanken zu müssen. In welcher Form auch immer …

Hinter mir erklangen Schritte. »Du bist ja noch hier«, stellte die Stimme treffend fest.

Für mich noch lange kein Grund, den Blick vom Himmel abzuwenden. »Hm.«

»Bitte sag mir wenigstens, dass du nicht die ganze Zeit geraucht hast.«

»Ich wüsste nicht, was dich das angehen sollte.«

»Kai.«

Irritiert fragte ich nach: »Bitte?«

»Ich wüsste nicht, was dich das angehen sollte, Kai.«

Meine Antwort beschränkte sich auf ein knappes Nicken. Wann genau würde er endlich verschwinden?

»Irgendwie scheine ich mein Date verstimmt zu haben und sie hat mich sitzenlassen«, plauderte er ruhig weiter.

Das machte mich dann doch neugierig und ich sah ihn an. Schlecht sah er mit seinen blonden Haaren nicht aus. Außerdem schien er recht gut gebaut zu sein – soweit ich das unter der Winterjacke erahnen konnte.

»Was hast du denn gemacht?«, wollte ich wissen.

Er verdrehte die Augen. »Klar! Erst einmal davon ausgehen, dass ich auf jeden Fall der Schuldige bin.«

»Hast du doch selbst gesagt.« Dazu zuckte ich mit den Achseln. Warum stand ich eigentlich noch hier?

»Ich wollte Tickets kaufen und habe sie dabei mit dem falschen Namen angesprochen.« Verlegen strich er sich durch die Haare, ich wollte es ihm gleichtun und ebenfalls durch die seidigen Strähnen streichen.

»Das ist doch nicht schlimm. Viele Leute können sich Namen schlecht merken und benutzen den falschen.« Nur deswegen hätte ich noch lange nicht die Flucht ergriffen, aber das musste ich ihm ja nicht auf die Nase binden.

Er schob die Hände in die Hosentasche und begann, auf seinen Füßen zu wippen, was mich sofort nervös machte. Dann räusperte er sich. »Ich weiß nicht. Als ich nach dem dritten Versuch ihren Namen immer noch nicht wusste, ist sie irgendwie sauer geworden.«

Gegen meinen Willen musste ich lachen. Ganz spontan und lauter, als ich wollte. Lauter und dreckiger.

Meine Reaktion zauberte ein charmantes Lächeln auf sein Gesicht. Wir konnten uns direkt in die Augen sehen, weil wir in etwa gleich groß waren. Möglicherweise war er wenige Zentimeter größer als ich.

»So. Ich geh mir jetzt mal dieses beknackte Planetarium ansehen«, sagte ich und setzte mich langsam in Bewegung.

»Allein?«, fragte er und klang dabei, als wäre mein Vorhaben höchst unanständig.

»Das ist der Plan.«

»Wieso hast du denn dann so lange hier in der Kälte ausgeharrt?«, forschte er nach und kam mir dabei hinterhergelaufen.

Mit einem leisen Seufzen verkündete ich: »Ich habe schon eine Karte gekauft, aber mein Date hat mich versetzt.«

»Das ist ja wunderbar, dann begleite ich dich.«

Entgeistert drehte ich mich um und starrte ihn an. »Nicht nötig.«

»Aber ich würde gern«, beharrte er.

»Ich brauche aber keine Begleitung!«, stellte ich klar und verschränkte trotzig die Arme.

»Das ist doch Unsinn. Du hättest doch wohl kaum auf dein Date gewartet, wenn du lieber alleine gehen würdest.« Ruhig erwiderte Kai meinen Blick.

Die Sekunden dehnten sich aus und es dauerte nicht lange, bis ich die Stille nicht mehr ertrug. »Danke. Aber ich denke, ich gehe alleine.«

Dann drehte ich mich um und ging auf das Planetarium zu. Dabei musste ich mich zurückhalten, meine Schritte nicht zu beschleunigen. Dieser Typ machte mich echt nervös. Allerdings nicht auf die Art und Weise, dass ich Angst gehabt hätte, er könnte ein Psycho sein. Es machte mir viel mehr Sorgen, dass ich ihn anziehend fand.

Leider konnte ich nur zu deutlich hören, dass er mir folgte. »Ich werde dich jetzt bestimmt nicht alleine hier herumstreunen lassen.«

Genervt blieb ich stehen. »Das Letzte, was ich brauche, ist ein Babysitter«, sagte ich über die Schulter. Dabei schwankte ich zwischen dem Verlangen, ein Gebet auszustoßen, dass er verschwand, und dem Wunsch, dass er hartnäckig blieb. Letzteres löste um ein Haar eine Migräneattacke aus. Das war nicht gut.

»Ich hatte eher an ein Date gedacht.«

Genau, Date, Beziehung, Hochzeit, Kinder, Tod – eine traumhafte Vorstellung. Für jeden außer mir.

»Um Himmels willen. Von mir aus können wir uns dieses beknackte Planetarium ansehen. Aber nur, wenn du das nicht als ›Date‹ bezeichnest.«

Sein Grinsen entlockte mir ein Lächeln. »Einverstanden.«

Kopfschüttelnd, dass ich mich überhaupt darauf einließ, stapfte ich weiter. »Du spekulierst doch ohnehin nur auf Sex.«

»Vielleicht«, antwortete er lässig. »Aber du brauchst gar nicht zu versuchen, mich davon zu überzeugen, dass du bei dem Blind Date auf die Liebe deines Lebens gehofft hast.«

Ich stieß ein verächtliches Geräusch aus. »Dazu müsste es die erst mal geben.«

»Autsch, das ist aber pessimistisch!«

»Das Wort, das du suchst, ist ›realistisch‹«, verbesserte ich ihn.

Meine Hand lag bereits auf dem Griff der Tür, als seine Stimme mich innehalten ließ.

»Wonach suchst du denn, wenn nicht nach der großen Liebe? Ich meine, irgendetwas musst du ja suchen, sonst würdest du hier nicht stehen.«

Wow, wenn ich jetzt den ganzen Abend solche Gespräche führen musste, würde ich entweder ihn oder mich umbringen. Ich zwang meine Mundwinkel nach oben und hoffte, dass mein Gesichtsausdruck irgendwie als »verführerisch« durchgehen würde.

»Eigentlich hast du recht«, antwortete ich. »Wir können uns den Quatsch mit dem Planetarium einfach sparen und direkt zu mir fahren.«

Er blinzelte wenigstens überrascht, bevor er sich fing. »Bist du dir sicher?« Seine Stimme klang dabei merkwürdig neutral, als wäre er sich nicht sicher, was er von meinem Angebot halten sollte. Ob er Interesse hatte, konnte ich in diesem Moment nicht erkennen.

Sofort ärgerte ich mich, dass ich überhaupt gefragt hatte. Vielleicht hatte ich den Ausdruck in seinen grauen Augen falsch gedeutet.

Obwohl ich mir größte Mühe gab, konnte ich den gereizten Tonfall nicht unterdrücken. »Ja oder nein?«

Für den Bruchteil einer Sekunde war ich davon überzeugt, eine merkwürdige Schwingung zwischen uns wahrzunehmen, dann lächelte er wieder und sagte: »Als ob ich mir das entgehen lassen würde.«

Die Anspannung war verflogen und ich zuckte mit den Schultern. »Gut. Mein Auto steht im Parkhaus.«

Nachdem ich mich vergewissert hatte, dass er mir folgte, eilte ich auf das Parkhaus zu. Mit einem Mal konnte ich es kaum erwarten, aus der Kälte herauszukommen.

Den Mond konnte ich mir genauso gut von meinem Schlafzimmerfenster aus ansehen. Mit diesem netten kleinen One-Night-Stand wäre der Abend zumindest kein kompletter Reinfall mehr. Außerdem wirkte Kai – genau wie ich – nicht, als wäre er auf der Suche nach der großen Liebe.

Vor meinem Auto blieb ich stehen und wartete die Reaktion ab. Vielleicht war es gar nicht so schlecht, ihm direkt klarzumachen, dass wir in absolut verschiedenen Ligen spielten. Dann würde ich ihm bestimmt nach dem Sex schneller wieder loswerden.

Ehrfürchtig strich Kai über die Motorhaube. »Ist das deiner?«

Was war es bloß mit Männern und Autos? Die Reaktion war jedes Mal die gleiche. Ein Haufen Metall mit vier Rädern und trotzdem konnten Männer stundenlang davorstehen und den Klumpen verzückt anstarren.

»Ja. Lass mich raten – dein Verlangen, mich zu heiraten, ist gerade um ein Vielfaches gestiegen«, witzelte ich und versuchte die Anspannung, die sich in mir ausbreitete, zu ignorieren.

Er winkte lediglich ab. »Da warte ich erst einmal, wie deine Wohnung aussieht.«

Die Antwort verblüffte mich so sehr, dass ich schon wieder lachen musste. Wann hatte ich wohl das letzte Mal so oft in einer Woche gelacht?

Ich ließ mich auf dem Fahrersitz nieder und wartete. Irgendwann wurde es mir zu bunt und ich drückte den Schalter, um das Beifahrerfenster herunterzulassen. »Möchtest du vielleicht einsteigen oder brauchst du eine Extra-Einladung?«

Er beugte sich nach vorne und schielte durch das Fenster. »Irgendwie habe ich Angst, die Sitzpolster dreckig zu machen.«

Leise kichernd schüttelte ich den Kopf und er öffnete endlich die Beifahrertür. Erst nachdem er den Sicherheitsgurt geschlossen hatte, startete ich den Motor.

Das gleichmäßige Schnurren schien Kai zu entspannen und er sah sich neugierig um. »Ich hatte gleich vermutet, dass du als Model arbeitest, schöne Frau.«

Statt zu antworten, musste ich mir auf die Unterlippe beißen. Sollte ich mich geschmeichelt fühlen – oder ihm eine Ohrfeige verpassen, weil er mich auf mein Äußeres reduzierte? So attraktiv fand ich mich abgesehen davon gar nicht.

Außerdem musste ich ihm ja nicht erzählen, dass ich mir den Wagen zwar leisten konnte, ihn aber von meinem Vater geschenkt bekommen hatte. Ein weiterer, trauriger Versuch, über unser beschissenes Familienverhältnis hinwegzutäuschen.

»Tut mir leid, deine Traumwelt aus den Fugen zu kippen, aber ich bin kein Model.«

»Lass mir doch meine Illusionen. Wie viel PS hat der Wagen?«, wollte er jetzt wissen und strich mit der Hand über die Türverkleidung.

»450 – glaube ich zumindest.«

»Ach ja«, seufzte er. »So ein BMW ist schon etwas Feines.« Dabei schenkte er mir ein treuherziges Lächeln.

Fast wäre ich versucht gewesen, ihm anzubieten, dass er ihn ja einmal fahren könnte. Ich musste mich im Stillen wirklich dazu zwingen, nichts zu sagen.

»Eigentlich wollte ich nicht unhöflich sein und das fragen, aber in welchem finanziellen Rahmen bewegen wir uns hier?« Er war jetzt dazu übergegangen, versonnen das Armaturenbrett zu streicheln.

Mit einem unguten Gefühl räusperte ich mich. »So in etwa 75.000 Euro.«

Kai pfiff leise durch die Zähne. »Und du arbeitest wirklich nicht als Model?«

Nachdrücklich schüttelte ich den Kopf und gab vor, mich intensiv auf das Autofahren zu konzentrieren. »Ich bin Brokerin.«

Er dachte kurz nach, bevor er fragte: »An der Börse?«

»So in etwa. Die Firma sitzt in Düsseldorf.« Mehr sagte ich dazu nicht. Schon allein, weil ich nicht gerne über mich sprach. Bevor er die Gelegenheit hatte, mich noch weiter auszuquetschen, erkundigte ich mich eilig: »Und was machst du?«

Mittlerweile erkundete er mit den Fingerspitzen die Innenverkleidung über unseren Köpfen. Ein kurzer Schauer überlief mich und ich war überrascht davon. Ich wollte wirklich gern mit ihm schlafen und stellte mir bereits vor, mit dem Stoff unter seinen Fingern zu tauschen.

»Ich arbeite als Fitnesstrainer und studiere begleitend Ernährungswissenschaften.«

Zugegeben: Nach dem Wort »Fitnesstrainer« hatte ich bereits nicht mehr zugehört. Stattdessen fantasierte ich lieber darüber, wie er wohl nackt aussah. Ich hatte schon vorhin vermutet, dass er gut gebaut war. Jetzt ließ sich meine Neugier kaum mehr im Zaum halten.

Da ich nicht reagierte, zuckte er irgendwann mit den Achseln und sah aus dem Fenster. Die Nacht war erstaunlich klar und der Mond hing groß und blass mitten am Firmament – zumindest der sichtbare Teil. Vereinzelte Wolkenfetzen zogen vorbei. Es war wirklich ein schöner Himmel heute Nacht.

Vielleicht würde ich mich nachher noch ein wenig mit meiner dicken Decke auf die Terrasse setzen, wenn ich meinen Begleiter hinausgeworfen hatte. Die Idee verlockte mich.

»Wohnst du hier in der Nähe?« Seine Stimme durchbrach die angenehme Stille.

»Relativ, ja. Es ist jedenfalls nicht mehr weit.«

»Der Stadtteil legt die Vermutung nahe, dass du sehr gut in deinem Job bist und viel zu viel arbeitest.«

Verlegen bemerkte ich, dass eine verräterische Röte meinen Hals hinaufkroch. »Möglicherweise.«

Ich würde mich sicherlich nicht dafür rechtfertigen, dass ich gut in meinem Job war, ein teures Auto fuhr und in einer schicken Gegend wohnte. Wozu auch?

»Bist du immer so ruhig?«, bohrte er nach.

»Redest du immer so viel?«, konterte ich ruhig.

Sein leises Lachen sorgte dafür, dass ein warmes Gefühl meinen Bauch durchströmte. »Alles klar, ich habe verstanden.«

Wir verfielen wieder in Schweigen. Doch es war kein beklemmendes Gefühl, wie ich es sonst immer mit Fremden hatte. Ganz im Gegenteil, irgendwie war es nett, mit jemandem einfach so sitzen zu können.

Zwischendurch schielte ich immer mal wieder zu dem attraktiven Mann auf dem Beifahrersitz. Eigentlich hatte ich erwartet, dass er eingeschüchtert sein würde.

Doch er wirkte geradezu relaxt. Das warf in mir die Frage auf, wie oft er mit Frauen nach Hause ging. Auf der anderen Seite war meine Moral in diesem Moment ebenfalls nicht einwandfrei.

Mit einer unwilligen Kopfbewegung verwarf ich den Gedanken. Wenn ihm mein abruptes Kopfschütteln aufgefallen war, ließ er es sich nicht anmerken.

Als die Einfahrt zu der Tiefgarage in Sicht kam, machte sich ein aufgeregtes Prickeln in mir breit. Natürlich war es auch nicht das erste Mal, dass ich einen Mann mit zu mir nahm, aber heute war irgendetwas anders.

Ich konnte es zuerst nicht deuten, bis ich feststellte, dass meine Erwartungshaltung einfach höher war als sonst – wie auch immer Kai es fertiggebracht hatte, diese Reaktion in mir auszulösen. Normalerweise nahm ich Männer nicht mit zu mir – ich bevorzugte Hotelzimmer oder die Wohnungen der Männer, aus denen ich dann klammheimlich verschwand. Aber dass ich jemanden mit zu mir nahm, war wirklich die seltene Ausnahme.

Nachdem ich den Wagen auf meinem Stellplatz geparkt hatte, ignorierte ich mein klopfendes Herz und löste mit leicht zittrigen Fingern den Sicherheitsgurt.

»Lass mich raten, hier gibt es einen Aufzug«, bemerkte Kai trocken und folgte mir.

»Ja, es sei denn, du spürst das dringende Verlangen bis in den dritten Stock zu laufen.« Ich würde definitiv den Aufzug nehmen. Beim Sex zu schwitzen war die eine Sache, davor möglicherweise schon zu müffeln, die andere.

»Damit hätte ich kein Problem, da es aber dein Zuhause ist, folge ich dir natürlich«, entgegnete er diplomatisch und bedeutete mir mit einer kleinen Verbeugung, dass ich vorgehen sollte.

Im Aufzug tippte ich den notwendigen Code in das Zahlenpad und der Fahrstuhl beförderte uns sanft in die Höhe. Ich stand neben ihm und überlegte gerade, ob ich irgendetwas sagen sollte, als Kai meine Hand nahm.

Überrascht sah ich ihn an. Sein Lächeln war definitiv für meine weichen Knie verantwortlich und als er sich in meine Richtung beugte, kam ich ihm nur zu gern entgegen.

Seine Lippen waren warm und er übte genau den richtigen Druck aus. Er drängte sich mir nicht auf, war aber auch nicht so zaghaft, dass er unentschlossen wirkte.

Als ich meinen Mund öffnen wollte, um seine Zunge willkommen zu heißen, zog er sich zurück. Empört schlug ich die Augen auf. Er lächelte noch immer, als sich mit einem leisen »Pling« die Aufzugtüren öffneten.

Meine Füße wollten mir partout nicht gehorchen und ich blinzelte ihn verblüfft an.

»Was denkst du?«, wollte er von mir wissen.

»Dass du für einen Klugscheißer ziemlich gut küssen kannst.«

Doch so leicht war Kai nicht aus dem Konzept zu bringen. »Danke.« Wieder dieses charmante Lächeln, das gleichzeitig natürlich und über Jahre einstudiert wirkte. Entweder er war der geborene Charmeur oder er hatte einen grandiosen Lehrer gehabt.

Die Tür des Aufzugs hatte sich bereits wieder geschlossen und ich musste den Knopf drücken, damit wir die Kabine verlassen konnten.

Nachdem ich die Wohnungstür aufgeschlossen hatte, fragte ich: »Kann ich dir etwas anbieten? Kaffee oder Weißwein?«

Mit einem leichten Kopfschütteln folgte er mir und schloss artig die Tür hinter sich. »Das sind die einzigen Optionen? Kaffee oder Weißwein?«

»Ich kann einen Blick in den Kühlschrank werfen, aber ich schätze, auf diese Auswahl läuft es hinaus.«

Ordentlich wie immer hängte ich meine Jacke an die Garderobe neben der Tür und reichte Kai einen Bügel für seine. Dann ging ich in die Küche, schaltete das Licht ein und öffnete die Kühlschranktür.

Dicht hinter mir blieb er stehen und sah über meine Schulter in die gähnende Leere. Mit einem mitfühlenden Seufzen sagte er: »Wow. Wann warst du das letzte Mal einkaufen? Kurz vor dem Millennium?«

Tatsächlich musste ich kurz nachdenken. »Ganz so lange ist es wohl nicht her.« Immerhin war mein Weißwein-Vorrat noch nicht aufgebraucht. Es konnte also noch gar nicht so lange her sein, dass ich einen Supermarkt von innen gesehen hatte.

Kai schlenderte durch die Küche. »Wahnsinn. Wo ist das Wohnzimmer?«

Ich deutete auf die Tür und fragte mich, was er vorhatte. Also folgte ich ihm neugierig und beobachtete, wie er sich um die eigene Achse drehte.

»Hier gibt es nicht ein einziges lebendiges Objekt!«

Im Stehen goss ich den kalten Wein in ein Glas und fragte wenig eloquent: »Hä?«

»Keine Pflanze oder Blume, nicht einmal ein einsamer Kaktus ist zu sehen. Keine Schale mit Obst auf dem Tisch, kein Gemüse im Kühlschrank. Das ist genauso traurig wie beeindruckend.«

Meine Laune brach deutlich ein. »Ich kann mich nicht erinnern, dich um eine Analyse gebeten zu haben.«

»Keine Sorge, die ist gratis. Du arbeitest viel zu viel, trinkst zu viel Kaffee, vermutlich noch mehr Wein, isst zu wenig Frischzeug und schläfst vermutlich bedenklich wenig.«

»Bist du fertig?«

»Für den Moment«, nickte er. »Ich mache jetzt etwas total Verrücktes und hole mir ein Glas Wasser aus dem Hahn. In der Zeit kannst du dir ja überlegen, wann genau du mir eigentlich deinen Namen verraten willst.«

Lässig drehte er sich auf dem Absatz um und verschwand in der Küche. Genervt stellte ich die Weinflasche, die nun ohnehin leer war, auf den Wohnzimmertisch und zog die Schiebetür zur Dachterrasse auf.

Eigentlich hätte ich mir bei dem Job, den er hatte, ja schon denken können, dass er ein Gesundheitsfanatiker war. Prompt löste dieser Gedanke in mir die Lust auf eine Zigarette aus.

Stattdessen erinnerte ich mich an meinen gesunden Menschenverstand und stellte den Wein ab. Das Schlafzimmer lag direkt hinter dem Flur und in meiner Nachttischschublade lag eine gut gefüllte, kleine Kiste mit Kondomen.

Zwei steckte ich in die kleine Tasche an meinem Rock, bevor ich wieder nach draußen schlenderte.

Er kam tatsächlich mit einem Glas Wasser zurück und ich starrte ihn an, als wäre er soeben mit seinem Raumschiff neben mir gelandet. Wer trank denn freiwillig Wasser, wenn es Wein gab?

Kurz biss ich mir auf die Unterlippe. »Wie lang wird wohl der Vortrag, wenn wir einmal annehmen, ich würde eine Zigarette rauchen wollen?«

Mit einem unglücklichen Gesichtsausdruck verschränkte Kai die Arme. »Sehr, sehr lang. Das ist wirklich eine grauenvolle Angewohnheit. Vor allem …«

Mit einer raschen Handbewegung unterbrach ich ihn. »Schon gut. Ich verzichte.« Innerlich verdrehte ich die Augen.

Kai hingegen nickte völlig zufrieden und stellte sich neben mich an das Geländer. Die Arme hatte ich aufgestützt und den Kopf in den Nacken gelegt.

»Also?«, fragte er bedeutungsschwanger.

Was wollte er? Ich wandte mich zu ihm, sein Gesicht dicht vor meinem. Dann fiel mir seine Frage wieder ein. »Sabrina.«

Seine Mundwinkel wanderten nach oben. »Angenehm, Sabrina. Mein ganzer Name ist übrigens Kai-Uwe.«

»Kai-Uwe?«, wiederholte ich, als hätte ich ihn nicht verstanden.

»Genau. Kai-Uwe mit Bindestrich«, fügte er noch hinzu.

»Du verarschst mich doch«, entgegnete ich trocken, sah wieder nach vorne und fragte mich, was er damit bezweckte.

Mit einem Seufzen und einer routinierten Bewegung zog er sein Portemonnaie aus der Gesäßtasche. Er reichte mir seinen Personalausweis und ich schlug die Hand vor den Mund.

»Oh je!«

»Ach, ist halb so wild. Inzwischen habe ich mich daran gewöhnt.«

»Also, ich heiße nur Sabrina, mit einem zweiten Namen kann ich nicht dienen, geschweige denn mit einem Doppelnamen.«

»Aber du musst zugeben: So ein Bindestrich ist schon schick.« Er betrachtete seinen Ausweis, als wäre er ein seltenes Kunstwerk.

Leise lachend erwiderte ich: »Klar, vor allem zwischen ›Kai‹ und ›Uwe‹.«

Er verstaute das Portemonnaie und schüttelte den Kopf.

Was für ein schräger Abend. Lächelnd nippte ich an dem kalten Weißwein. Als ich seine Hand auf meinem unteren Rücken spürte, konnte ich den Schauer nicht unterdrücken. Die Gänsehaut kroch langsam Wirbel für Wirbel nach oben und breitete sich über meine Schultern aus.

Ich schlang meine Finger um seinen Nacken und küsste ihn. Dieses Mal wartete ich nicht so lang und ließ meine Zunge zwischen seine Lippen gleiten. Nebenbei bemerkte ich, dass er mir das Glas aus der Hand nahm.

Das war gut, denn so konnte ich die zweite Hand auch in seinen weichen Haaren vergraben. Mein Herz klopfte schneller und mein Puls stieg in schwindelerregende Höhen. Kai schlang die Arme um mich, zog mich näher an sich. Sein Körper fühlte sich fest und warm an. So warm, dass ich sogar die frische Nachtluft vergaß.

Zu keinem Zeitpunkt hatte ich das Gefühl, nicht zu wissen, was ich tun sollte. Es gab keinen Moment, wo wir nicht wussten, wer seinen Kopf jetzt nach rechts legen sollte oder wir uns mit irgendwelchen Gliedmaßen in die Quere kam.

Auf eine gewisse Weise fühlte es sich an, als hätten wir das schon unzählige Male getan – allerdings nicht auf eine stumpfe, routinierte Weise, die schon fast langweilig war, sondern völlig harmonisch, als würden wir uns ewig kennen und wüssten genau, was der andere braucht.

Der Gedanke kam so überraschend, dass ich abrupt meinen Kopf zurückzog. Verblüfft starrte ich Kai an, der meinen Blick belustigt erwiderte. »Alles klar?«

Die Frage war gar nicht so einfach zu beantworten. Distanziertheit war eigentlich meine Spezialität. Doch zum ersten Mal hatte ich das Gefühl, als hätte ich vergessen, Kai das mitzuteilen. Seine Augen zogen mich in jeder Sekunde bis auf die Haut aus und ich hatte meinen Schutzpanzer bereits abgelegt.

Zwei- oder dreimal musste ich blinzeln, bevor ich antworten konnte. »Ich glaube, ich bin betrunken.« Eine andere Erklärung hatte ich für meine seltsamen Gedankengänge nicht parat. Vielleicht würde ihm nicht auffallen, dass ich lediglich drei kleine Schlucke vom Wein genommen hatte.

»Hm.« Er betrachtete mich eindringlich und strich eine Haarsträhne hinter mein Ohr. Seine Hände lagen immer noch um mein Gesicht und ich schluckte schwer. Seine grauen Augen sorgten dafür, dass mein Magen Achterbahn fuhr.

»Zu betrunken?«, fragte er schließlich.

»Auf keinen Fall«, erwiderte ich hastig.

Zufrieden ließ Kai sich in den breiten Teaksessel sinken, der als einziges Möbelstück neben dem kleinen Beistelltisch auf der Dachterrasse stand, und zog mich auf seinen Schoß.

Ich konnte seinen harten Schwanz eindeutig unter meinem Schenkel spüren und schmiegte mich an Kais Körper. Dieses Mal küsste er mich fordernder und unsere Zungen umspielten einander.

Etwas mutiger stützte ich meine Hände auf seiner Brust ab und kam ihm entgegen. Das Blut pulsierte bereits in meiner Klit und ich konnte nicht genug davon bekommen, wie er sanft an meiner Unterlippe knabberte. Jede Berührung seiner Zähne sandte einen prickelnden Impuls in meinen Schoß.

Die Feuchtigkeit sammelte sich zwischen meinen Schenkeln. Hätte ich es nicht besser gewusst, hätte ich selbst vermutet, dass mein letzter Sex eine Ewigkeit her sein musste.

Seine Finger tasteten sich über meinen Rücken und ich zog erregt die Luft ein, als sie unter mein Shirt glitten. Das wollte ich auch, also raffte ich sein T-Shirt hoch und schob meine kalten Hände darunter. Er zuckte zusammen und sah mich strafend an. »Die sind aber warm«, murmelte er dicht vor meinen Lippen.

»Mhm«, lautete meine Antwort. Ich konnte mich nicht konzentrieren, denn im Gegensatz zu meinen Eispfoten war seine Haut geradezu heiß und es machte viel zu viel Spaß, seine Muskeln nachzuzeichnen.

Empört schlug ich die Augen auf, als er seinen Kopf zurücknahm und so unseren Kuss unterbrach. Allerdings ließ das Funkeln in seinen Augen meinen Protest sofort verstummen. Mit einer fließenden Bewegung streifte er mir das Oberteil ab und lächelte schließlich zufrieden.

Schulterzuckend dachte ich mir, dass ich das auch konnte. Allerdings entschied ich mich für seine Hose und öffnete den Knopf. Das kleine Stöhnen, das er von sich gab, als meine Finger zum ersten Mal die Beule unter dem dünnen Baumwollstoff seiner Boxershorts berührten, war unbezahlbar.

Eilig schob ich das störende Kleidungsstück beiseite und spürte die samtige Haut seines harten Schwanzes an meinem Oberschenkel. Ich biss mir auf die Unterlippe und rieb mich an ihm.

Seine Hände wanderten bereits wieder an meinem Rücken empor und fanden zielsicher den BH-Verschluss. Ungeduldig zerrte ich an seinem Shirt und er lachte leise, zog sich aber dann doch aus.

Mir war bewusst, dass wir draußen waren und es eigentlich viel zu kalt war – doch das war mir in diesem Moment ebenso egal wie mögliche Beobachter. Mittlerweile glühte mein ganzer Körper; die Erregung rann durch meine Glieder, pulsierte förmlich durch meine Adern.

Kai beugte sich vor und ich schnappte erregt nach Luft, als seine Lippen sich um meine harte Brustwarze schlossen. Als ich den Kopf in den Nacken legte, betrachtete ich den Nachthimmel. Große Güte, war das alles surreal.

Meine Finger vergrub ich in seinen Haaren und presste mich ihm entgegen. Das süße Ziehen lief von meinen Nippeln direkt in meine Lustperle, die bereits ungeduldig klopfte. Ich hielt es schon nach kurzer Zeit nicht aus und stand wieder auf. Mit schnellen Handgriffen stieg ich aus meinem Rock und der zarten Unterwäsche, die ich für mein eigentliches Date getragen hatte. Die halterlosen Strümpfe hatte ich bereits im Schlafzimmer ausgezogen – so etwas hielt doch sonst nur unnötig auf.

Zuerst sah er mir zu, dann zog auch Kai sich aus. Ich konnte mich gar nicht an ihm sattsehen. Damit, dass er so gut gebaut war, hatte ich nicht gerechnet. Jeder einzelne Muskel zeichnete sich deutlich definiert ab und an seinen schrägen Bauchmuskeln hätte ich vermutlich Käse reiben können. Für den Anblick würde ich mir getrost weiterhin seine Gesundheitsvorträge anhören.

Er machte einen Schritt auf mich zu, doch ich hatte einen anderen Plan. Also drückte ich ihn zurück auf den Stuhl, reichte ihm eins der Kondome und setzte mich auf seinen Schoß, dabei wandte ich ihm den Rücken zu.