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Wohin gehst du, wenn es keinen Ausweg gibt? Es ist Freitag, kurz vor Weihnachten. Auf dem Campus der exzellenten Provinzuni halten sich nur wenige Menschen auf, als plötzlich das Licht ausgeht. Von einem Moment zum anderen sind Strom und Heizung abgeschaltet, weder Mobilfunknetze noch das Internet sind verfügbar. Und alle Ausänge sind mit Sprengladungen gesichert - Die Uni wird zur Todesfalle.
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Seitenzahl: 284
Veröffentlichungsjahr: 2014
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Claudia Rapp
© 2013 Amrûn Verlag
Jürgen Eglseer, Traunstein
Umschlaggestaltung: Jürgen Eglseer Lektorat: Veronika Pirnack
Alle Rechte vorbehalten
ISBN – 978-3-944729-35-0
Vorbereitung
Das Handy brummt. Schon wieder eine SMS. Genervt wühlt die rothaarige Studentin in ihrer Tasche, um nachzusehen, was ihre Freundin nun wieder von ihr will. Das Telefon ist natürlich nach ganz unten gerutscht, und während sie noch sucht, geht ein ganz und gar unauffälliger Mann an ihrem Arbeitsplatz in der Bibliothek vorbei und biegt um die nächste Regalreihe. Er zieht einen Kugelschreiber aus der Schultertasche, drückt hinten auf den Schieber, so dass vorne die Mine schreibbereit herausschaut und legt den Stift neben eine Reihe Soziologiebücher über Identität, knapp oberhalb seines Kopfes. Eine Etage höher, bei den Büchern über die Französische Revolution, wird er eine Minute später das Gleiche tun. Die Studentin hat ihr Telefon gefunden und verdreht die Augen. Schon wieder Liebeskummer. Ihre Freundin sollte sich lieber öfter zum Lernen vergraben, statt ihr mit ständig wechselnden Affären das Leben schwer zu machen. Der Mann verlässt die Bibliothek. Er hat kein Buch ausgeliehen, aber fünfzehn Kugelschreiber aktiviert und abgelegt. Selbst im Leseraum für wertvolle Manuskripte war er, und die zuständige Bibliotheksangestellte war die einzige, mit der er an diesem Morgen ein Wort gewechselt hat. Er fragte nach den Reichenauer Handschriften. Aber die liegen seit jeher in der Badischen Landesbibliothek in Karlsruhe.
In der Mensa verteilt eine junge Frau Flyer für die nächste Party. Auf jedem Tisch landet ein Zettel; ein paar fallen auf den Boden. Niemand hebt sie auf. Es ist noch relativ leer hier, der Ansturm beginnt erst gegen halb zwölf.
Ein kleiner Mann geht in der Eingangshalle umher und pinnt Aushänge an die Wände. Zu verkaufen: Gebrauchtes Rennrad. 150 Euro, mit Telefonnummer. Um ihn herum fluten die Studierenden den Raum und fließen in unterschiedliche Richtungen ab. Stimmengewirr, Lachen, Verabredungen. Der kleine Mann ist bereits auf dem Weg zum Parkplatz, als die Erste vor einem seiner Zettel stehen bleibt, gleich das Telefon aus der Tasche ihrer Sporthose zieht und die Nummer wählt. Eine undeutliche Stimme leiert den üblichen Mailbox-Spruch herunter: Ich kann gerade nicht ans Telefon kommen, aber hinterlasst mir doch eine Nachricht.« Schade.
Als die Sportstudentin sich umdreht, rauscht einer der Hausmeister in seinem dunkelgrünen Kittel an ihr vorbei. Sie lacht in sich hinein. Dieser Kerl sieht immer aus, als sei er in einer höchst wichtigen Mission unterwegs. Wahrscheinlich funktioniert wieder irgendwo ein Beamer nicht. Wichtige Mission. Und dabei sieht er aus wie ein Covermodel für Heftromane aus den neunziger Jahren. Langes Haar, kleines Kinnbärtchen und schmaler Schnauz, eng anliegendes T-Shirt, dessen offene Knöpfe das Brusthaar sehen lassen, verbringt offensichtlich viel Zeit im Fitnessstudio. Der grüne Hausmeistermantel bauscht sich im Schwung seines entschlossenen Schrittes. Sie stellt sich immer vor, wie er als junger Mann Pate stand für all die Highlander, englischen Lords, Wikinger, und sonstigen Titelhelden. Seine beste Zeit ist vorüber, die Fältchen um die Augen verraten sein Alter, er muss an die fünfzig sein, aber die geschwellte Brust, der Gang des Helden und das wehende Haar sind ihm geblieben. Sie schüttelt den Kopf über ihre blühende Fantasie und geht weiter zum Automaten, um sich eine Cola zu ziehen. Das Rennrad ist vergessen.
Auf dem Parkplatz wartet der unauffällige Mann bereits an einem Mercedes, als die junge Frau und der kleine Mann auftauchen. Sie steigen gemeinsam in das blaue Auto und fahren davon, über die einzige Zufahrtstraße zum Campus.
Die Sekretärin des Rektors tippt ein Memo, das an alle Organisationseinheiten geht:
Betreff: Erneuerung der Belüftungsanlagen
Aufgrund der derzeit laufenden Baumaßnahmen findet am Freitag den 2. November zwischen 9:00 und 12:00 eine routinemäßige Schadstoffmessung im gesamten oberen Bibliotheksbereich statt. Bitte stellen Sie sich darauf ein, dass es zu Lärmbelästigung und Verzögerungen bei der Verbuchung kommen kann. Legen Sie Ihre Bibliotheksarbeitszeit wenn möglich auf einen anderen Tag. Wir danken für Ihr Verständnis. Mit freundlichen Grüßen.
An einem weit entfernten Ort sitzt ein Mann im Halbdunkel vor dem Bildschirm seines Computers. Seine Finger verharren über der Tastatur. Er ist abgelenkt, nicht hundertprozentig bei der Sache. Vor seinem inneren Auge sieht er den See, leuchtend blau in der Sommersonne, dunkelgrün am frühen Morgen, bleigrau unter Novembernebel. Der Blick aus dem Fenster, auf die ewig wechselnden Farben, ist einmal sein liebstes Morgenritual gewesen. Aber der Gedanke an diese launische Schönheit aus Wasser und Licht ändert nichts an seinem Plan. Mit einem verächtlichen Lachen verbannt er die Bilder aus seinem Kopf und konzentriert sich wieder auf die Arbeit. Heute steht der See nur noch als Chiffre für einen Ring, den er erobern, eine Bank, die er ausrauben, einen Planeten, den er zerstören wird.
Die ersten Schritte sind getan, die Uhr tickt. Jetzt kann er geduldig warten, in der Gewissheit, dass seine Stunde kommt. Unaufhaltsam. Während er seine Berechnungen mit wechselnder Konzentration durchgeht, suhlt er sich geradezu im Gefühl seiner Überlegenheit. Die Vergleiche tanzen durch seinen Kopf. Ich bin dein Vater. Ich bin der Große Bruder. Nein, besser, ich bin der Hüter meines Bruders
Warten
Die rothaarige Studentin sitzt wieder an ihrem Platz bei den Soziologiebüchern. Eine ruhige Ecke, besonders Freitags, wenn viele bereits auf dem Heimweg ins Wochenende sind. Es sei denn, ihre bisweilen sehr anstrengende Freundin belästigt sie mit ihren endlosen Textnachrichten. Heute ist es noch leerer als sonst, und die Ruhe tut gut. Das Lernen geht voran.
Umso mehr erschrickt sie, als plötzlich eine Stimme durch die Sprechanlage ertönt, von der sie nicht einmal gewusst hat, dass es sie gibt. »Leider müssen wir die Bibliothek aus dringendem Anlass schließen. Bitte begeben Sie sich umgehend zur Verbuchung und nehmen Sie ihre persönlichen Gegenstände mit. Ich wiederhole: Die Bibliothek muss umgehend geschlossen werden. Bitte begeben Sie sich zum Ausgang.«
Was? Es ist Freitagnachmittag, und das ist eine 24-Stunden-Bibliothek! Ein Fakt, mit dem die kleine Eliteuniversität auf ihrer Homepage stolz wirbt. Während die Rothaarige noch kopfschüttelnd ihre Bücher und den Notizblock einpackt, kommt bereits ein Mitarbeiter auf sie zu und bittet sie ebenfalls, sofort zum Ausgang zu gehen. Kein Brandgeruch, kein Lärm, nur diese Stille, die nun mit einem Mal gar nicht mehr angenehm, sondern unheimlich und bedrohlich wirkt.
Es sind nur eine Handvoll Studenten, die sich nun ratlos vor der verschlossenen Tür der Bibliothek wiederfinden. Mutmaßungen werden geäußert, dem Ärger Luft gemacht. »Was soll denn das, kann man uns nicht wenigstens sagen, was hier eigentlich los ist?« »Wenn es brennen würde, müsste man es riechen.« »Ja, aber was kann es denn sonst wohl sein?« »Ich habe meine Tasche vergessen, ich muss nochmal rein.« »Da wirst du Pech haben, die Angestellten sind auch alle raus. Die sehen genauso schlau aus wie wir.« »Hallo, wissen Sie was da genau los ist? Meine Tasche ist noch da drin.« »Das ist doch lächerlich, wieso dürfen Sie nicht mehr aufschließen, was soll der Scheiß?« Man diskutiert, man entschuldigt sich, man weiß nichts.
Zögernd löst sich der kleine Haufen auf, lernt zuhause weiter, startet verfrüht ins Wochenende, verflucht die dämliche Uni, geht ein Bier trinken.
Am Samstag geht eine Mail über die Schließung der Bibliothek an den Uni-Verteiler, aber wer schaut schon am Wochenende nach?
Die Rothaarige trifft sich mit ihrer Freundin in einem Club, im kleinen Industriegebiet der Stadt, und bekommt den neusten Fang serviert, einen hübschen Langweiler. Aber man kann ja nicht immer lernen. Für sie selbst ist nichts Interessantes dabei, immer dieselben Gesichter. Man hätte in einer Großstadt studieren sollen, nicht hier in der Idylle am Bodensee, wo alles so überschaubar und bekannt ist. Jetzt geht es darum, schnell fertig zu werden, und dann einen Job irgendwo zu finden wo es spannender ist. Hoffentlich hat die Bibliothek am Montag wieder auf, sie muss lernen. Die Sportstudentin mit den Hausmeisterfantasien geht joggen, verbringt die Nacht bei ihrem Freund, bleibt den Sonntag über mit ihm im Bett. Es ist ein gutes Wochenende, die Liebe ist noch frisch. Sie machen Pläne, wollen ins Ausland, Australien wäre für beide der Traum. Der blonde Hausmeister trainiert im Studio, wäscht seinen Wagen, einen alten weißen Mercedes, mit Hingabe. Und natürlich von Hand. Er verbringt den Samstagabend bei seiner Modelleisenbahn, bastelt und poliert, baut eine neue Brücke zusammen. Am Sonntag liest er einen alten Tom Clancy Roman. Zum dritten Mal? Er liebt gut gemachte Thriller, auch die unwahrscheinlichen. Am Abend wird er den Hamburger Tatort anschauen, und ihn schlecht gemacht finden. Ein hanebüchener Terrorismus-Plot. Sowas sollten sie den Amerikanern überlassen, die können solche Geschichten erzählen.
Zwei Fremde
»Hast Du diesen Mist gehört? Die Bib ist bis auf Weiteres geschlossen. Um elf und um halb zwei gibt’s Infoveranstaltungen im Audimax.«
»Mir doch egal. Ich geh erst mal essen. Kannst mir ja nachher erzählen, was die sagen.«
Das Wochenende ist vorüber, die Uni füllt sich. Einige haben die Rundmail bereits gelesen, aber die meisten sehen verwundert, dass an der Eingangstüre Plakate hängen mit der Aufschrift: WICHTIG – Informationsveranstaltungen zur Schließung der Bibliothek.
Viele gehen achtlos daran vorbei, wie auch an den Infotafeln im Eingangsbereich. In den Seminaren geben die Dozenten die spärlichen Informationen weiter, die sie haben.
Die Rothaarige erfährt es von ihrem Statistik-Professor: »Bei einer Routinemessung wurden sehr hohe Feinstaubwerte in der Bibliothek festgestellt. Diese musste sofort geschlossen werden. Noch ist nicht klar um welche Schadstoffe es sich handelt. Alles Weitere werden der Rektor und die Bibliotheksleitung in den Infoveranstaltungen bekannt geben. Ich mache um fünf vor elf Schluss, damit wir alle dorthin gehen können. Aber nun wenden wir uns noch einmal der Problematik von letzter Woche zu …«
Ihre Sitznachbarin ist eine von den Engagierten, die Dreadlocks trägt und im AStA sitzt. Jetzt echauffiert sie sich: »Feinstaub? Schadstoffe? Das wird wie immer Asbest sein. Was für ‘ne Überraschung. War doch klar bei einem Bau aus den frühen Siebzigern. Was muss man da denn auf einmal alles dichtmachen, hat doch sonst auch noch nie jemanden interessiert.« Der Professor bedenkt sie mit einem deutlichen Blick, und sie ist still, aber man sieht ihr den Groll an. Sie wird sicher eine der ersten sein, die unangenehme Fragen stellt, wenn sich alles im Audimax drängt, in einer halben Stunde.
Prateet Prattapoo zieht sich einen Automatenkaffee. Er ist müde, denn die Skype-Gespräche mit seiner verzweigten Familie finden immer zu unmöglichen Zeiten statt. Er beginnt inzwischen, die Sonntage zu hassen. Unter der Woche ist alles gut, er kann sich auf seine Kurse konzentrieren, in der Mensa eine Suppe essen, lernen, lernen, lernen, und abends am Computer zocken. Samstags arbeitet er an Dingen, von denen keiner weiß, keiner wissen darf, und die es ihm ermöglichen, auf angenehme Art sein Studium zu finanzieren, insbesondere diesen Auslandsaufenthalt. Ein Jahr Deutschland, ein Jahr im kleinen aber feinen Informatik-Fachbereich an dieser idyllisch gelegenen Provinzuni. Weit weg. Aber wehe es wird Sonntagnachmittag. Gegen vier meldet sich seine Tante aus Lampali, einem kleinen Dorf im Norden seiner Heimat Sri Lanka. Die Internetverbindung dort ist nicht sehr stabil, aber nach unzähligen Versuchen haben sie gemeinsam herausgefunden, dass es gleich nach dem sonntäglichen Abendessen in Lampali am ehesten eine störungsfreie Verbindung gibt. Also ruft Tante Neeha ihren Neffen an und erzählt ihm haarklein von der Benzinknappheit, den Gefechten, dem Dorftratsch und den heiratsfähigen Mädchen im Ort. Immer wieder; das meiste davon hört er mindestens fünf Mal. Neeha wird vergesslich. Inzwischen simuliert er manchmal Verbindungsstörungen, wenn der Redeschwall gar nicht mehr aufhören will. Immerhin hat Tante Neeha keine Webcam, so muss er sie nur hören, und kann nebenher etwas essen, oder Wäsche aufhängen. Aber so lästig diese Anrufe sein mögen, sie sind kein Vergleich zu dem, was unausweichlich danach kommt.
Prateets Schwestern, die allesamt im sicheren Süden des Landes wohnen, wechseln sich mit ihren Kontrollanrufen ab, brav ihrem Alter nach geordnet. Pasupathy ist die erste, und sie will jedes Detail von Tante Neehas Bericht wiederholt bekommen. Ameeta interessiert sich nur für den Klatsch, während Jayanthi die militärischen und politischen Entwicklungen verfolgt. Zuletzt ruft Chandraya an, die Langeweile hat. Trotzdem ist all das nicht dafür verantwortlich, dass er montags so müde ist, denn Sri Lanka ist der deutschen Zeitzone nur dreieinhalb Stunden voraus. Aber wenn es auf Mitternacht zugeht, kommt der Anruf seiner Mutter. Prateets Eltern leben in Kalifornien, und dort ist es dann erst drei Uhr nachmittags. Nachdem Teventhira, Prateets Mutter, gegessen hat, will sie den Sonntagnachmittag mit ihrer Familie verbringen. Leider ist sie ein ziemlicher Tyrann, und so verbringt ihr Mann Kumar den Nachmittag lieber mit seinen amerikanischen Arbeitskollegen in Stadien und auf Sportplätzen, die Abende in der Kneipe. Es hat sicher seinen guten Grund, dass ihre vier Töchter, allesamt auch nicht gerade sanfte Engel, es vorgezogen haben, zurück in die Heimat ihrer Kindheit zu ziehen, anstatt bei den Eltern in Kalifornien zu bleiben. Oder, dass Teventhira und ihre Schwester Neeha seit nunmehr neun Jahren kein Wort mehr miteinander wechseln. Bleibt nur Prateet.
Er ist vierundzwanzig, ein brillanter Informatiker, ein beinahe ebenso fähiger Hacker, ein wenig übergewichtig, nicht besonders groß, hat funkelnde dunkelbraune Augen und schwarze, nicht zu kurz geschnittene Haare. Er trägt zuhause auf dem Sofa gern das traditionelle weiße Hemd mit dem gewickelten Männerrock der Sri Lanker, aber das weiß niemand hier. Freunde, die ihn in seinem Studentenzimmer besuchen kommen, hat er nicht. Die Kommilitonen kennen ihn nur als ehrgeizigen indischen Austauschstudenten, der immer noch kein Deutsch gelernt hat. Die nationale Fehleinschätzung nimmt er unkommentiert hin. Für ihn sehen die Nordeuropäer auch alle gleich aus. Fremdsprachen sind seine schwache Seite; auch für das Englische hat er viel länger gebraucht als seine Schwestern. Aber die Schwäche, die ihn jetzt mit müden Augen am Kaffeeautomaten stehen lässt, besteht darin, dass er nicht nein sagen kann, wenn seine Familie ihn als Vermittler, Boten, Informationsquelle und Friedensstifter benutzt. Und das tun sie alle, jeden Sonntag, bis spät in die Nacht.
Langsam seinen Kaffee schlürfend registriert er jetzt, dass irgendetwas anders ist als sonst. Das übliche Gedränge, Geraune, Gerede im großen Foyer ist dichter, lauter und chaotischer als sonst. Verstehen tut er fast nichts, denn sein Deutsch ist wirklich schlecht; es reicht gerade, um eine Pizza zu bestellen, wenn nötig. Oder ein Bier.
Und alle strömen ins Audimax, oder besser gesagt, sie sammeln sich davor, denn inzwischen ist das Auditorium Maximum, der größte Hörsaal der Uni, mehr als übervoll. Kurzerhand spricht er eine Rothaarige an, die zu spät gekommen ist und sehr besorgt aussieht. Sein Englisch ist einwandfrei, aber ihres scheinbar nicht, denn sie schaut ihn erst einmal für mehrere Herzschläge an, als sei er verrückt. Dann erst reagiert sie, offenbar kommt sie mit seinem hübschen Akzent nicht klar, der über die Konsonanten gleitet, sie abschleift, und die Worte zu einer Melodie fügt, die weder britisch noch amerikanisch klingt. Aha, die Bibliothek ist geschlossen, alle sind verwirrt, und hier wird man jetzt erfahren, was Sache ist. Stört ihn nicht besonders, er bezieht die meisten seiner Informationen aus dem Netz, zumeist legal, zur Not auch anders. Woran es liegen soll, hat er nicht richtig verstanden. Feiner Nebel? Vielleicht Asbest? Egal, was genau passiert ist, wird mit der Zeit auch bis zu ihm durchdringen, denkt er. Und natürlich ist die Stabsstelle Presse- und Öffentlichkeitsarbeit auch bereits angewiesen, die nächsten Rundmails auf Deutsch und Englisch zu verfassen. Es gibt immerhin fast eintausend internationale Studierende an dieser Uni, etwa ein Zehntel der gesamten Studentenzahl.
Eine davon ist Lara, die eine Schwäche mit Prateet teilt. Auch sie hat Schwierigkeiten mit der deutschen Sprache, mit Sprachen überhaupt. Laras Muttersprache ist tschechisch. Man könnte ihr nachsagen, dass auch sie so ihre Schwierigkeiten mit dem nein sagen hat. Denn Gerüchten zufolge hat sie viele Liebhaber, wie in ihrer Nachbarschaft neugierig registriert wird. Enge Freunde hat sie jedenfalls genauso wenig wie er. Daher weiß auch niemand so ganz genau, was es mit den häufigen Herrenbesuchen auf sich hat. Noch weiß jemand, dass sie an den Abenden, an denen sie keinen Besuch empfängt, umgekehrt bei anderen zu Gast ist. Lara hat ein üppiges Bankkonto, eingeschrieben ist sie nur zum Schein, um unbehelligt ihrer lukrativen Beschäftigung nachzugehen. Natürlich könnte sie ernsthaft studieren, das Köpfchen dafür hätte sie. Aber das Lernen langweilt sie und sie hat einen ganz anderen Traum. Für den braucht sie Geld.
Als es auf das Ende der Schulzeit zuging, hat sie sich in ihrer Heimatstadt Ziln, im Osten des Landes, unweit der slowakischen Grenze umgesehen. Keine Möglichkeit, auch nur annähernd so zu verdienen wie nötig wäre für das, was ihr vorschwebt. Ein Studium schien ihr ein guter Weg zu sein Zeit zu gewinnen und Pläne zu schmieden. Sie kam an die westböhmische Uni in Pilsen, nahe der deutschen Grenze, und sah ungläubig, wie sehr die Prostitution in dieser Region blühte. Schleuderpreise und unangenehme Erfahrungen, die sie möglichst schnell hinter sich lassen wollte. Sie sagte sich, dass mit dieser Art Job in Deutschland viel mehr zu verdienen sein musste, wenn die Deutschen alle hierher kamen, um Geld zu sparen. Ein Austauschjahr, möglichst weit im Westen Deutschlands, denn an den Ostgrenzen gab es ja die Billigangebote. Wie erfreut war sie, als sie feststellte, dass es an der Westgrenze die Schweizer gab, die noch mehr zu zahlen bereit waren.
Auch Lara hat nur teilweise mitbekommen, was heute für die allgemeine Unruhe sorgt, und auch ihr ist die Bibliotheksschließung herzlich egal. Sie hat ein paar Kurse in VWL belegt, die ihr sehr leicht fallen, nicht nur weil sie auf Englisch unterrichtet werden, sondern auch weil sie die meisten Inhalte bereits in ihren ersten beiden Semestern in Pilsen abgehakt hat. Dieser bedauerliche Irrtum der Doppelbelegung wird erst nach Beendigung ihres Studienjahres in Deutschland auffallen, wenn sie ihre Kurse und Noten an der Heimatuni vorlegen muss. Wenn überhaupt, schließlich kann sich hinter einem Veranstaltungstitel wie Basic Economics alles Mögliche verbergen. Sie wird es denen schon irgendwie als relevant verkaufen. Falls sie zurück geht, wer weiß. Unbeteiligt betrachtet sie die schlechtgelaunten Studenten, die sich außerhalb des Audimax versammelt haben, weil sie ein paar Minuten zu spät gekommen sind.
Sie wendet sich dem Kaffeeautomaten zu, denn die Nachtarbeit hat auch sie müde gemacht. Im letzten Moment weicht sie Prateets immer noch halbvollem Kaffeebecher aus, den er etwas ungeschickt vor sich her trägt. Beinahe wären die beiden zusammengestoßen. Unfreundlich über den Schreckmoment schauen sie sich an und murmeln ihre halbherzigen Entschuldigungen.
Drinnen wird geredet, erklärt, erläutert. Viel könne man noch nicht sagen, denn es müssen weitere Messungen vorgenommen und eine Spezialreinigungsfirma bestellt werden, die nach eingehender Analyse der Situation einen Zeitplan für die Reinigung der betroffenen Bereiche aufstellt. Blabla Bla. Es gibt eine Menge Fragen, besorgte Studierende kurz vor der Abschlussprüfung, die nun keinen Zugang zum Lernmaterial haben. Referate, Hausarbeiten, Semesterapparate, Abgabefristen – es gibt so viele Aspekte, die zu klären, zu erklären sind. Aber der wesentliche Punkt, der den Zuhörern nach und nach dämmert, ist, dass es keine Sache von ein paar Tagen werden wird, um die es hier geht. Die Universität wird vielleicht monatelang ohne Bibliothek auskommen müssen. Niemand will verbindlich ein Datum nennen, niemand kann es. Man weiß nicht, wie schlimm und wie flächendeckend die Schadstoffbelastung ist, man fürchtet lediglich, dass es schlimm ist. Einigen wird es mulmig bei dem Gedanken, wie krank das Lernen in der Bibliothek sie bereits gemacht haben könnte. Wie lange sitze ich da drin jede Woche? Die Rothaarige ist sehr blass um die Nase, auch wenn sie von draußen nicht allzu viel mitbekommen hat. Die Studenten spielen Stille Post, Informationen werden weitergegeben, verkürzt, ergänzt, verdreht.
Von Wegen Asbest
»Wann sind denn diese Spezialfritzen endlich fertig? Haben sie dir was gesagt?«
»Hm?« Ingo schaut von seinem Inspektor Jury auf. Er war ganz vertieft in die Handlung und hat nicht zugehört. Sein Kollege Hannes wiederholt die Frage, aber Ingo hat keine befriedigende Antwort. Auch er weiß nicht, wie lange die Reinigungsfirma in der Bibliothek unterwegs sein wird. Keiner von seiner Einheit weiß mehr als das, was in den wöchentlich erscheinenden Informationsmails steht. Seine Einheit, das ist das Facility Management, wie Hausmeisterei, Haustechnik und andere Wartungs- und Instandhaltungsbereiche seit einigen Jahren zusammenfassend genannt werden.
Zu Beginn hatten sie damit gerechnet, dass ihnen diese Feinstaubgeschichte eine Menge Überstunden bescheren würde, aber nach den zusätzlichen Messungen im ganzen Haus sickerte lediglich durch, dass die Belastung in der Bibliothek am massivsten ist, dass aber selbst in der Mensa und im Foyer leicht erhöhte Werte gemessen wurden. Um die Studenten und Mitarbeiter nicht über Gebühr zu beunruhigen, wurden seither sämtliche weiteren Maßnahmen auf die Wochenenden verlegt. Es obliegt gänzlich der auf Schadstoffe spezialisierten Firma, die Feinstaubquellen ausfindig zu machen, zu versiegeln, das Innere der belasteten Räume mit Spezialsaugern zu reinigen und den in der Luft befindlichen Feinstaub zu binden und herauszufiltern. Mit dieser Gefahr, dieser Art von Dreck kennt sich keiner aus.
Jeden Montag prangen dann an Wänden, Türen, oder den Ausgängen der Lüftungsschächte mehr große Aufkleber: Ein durchgestrichener roter Kreis wie bei allen Verbotszeichen, aber in der Mitte dieser Klebeschilder steht ein fettes schwarzes A, in Anlehnung an die üblichen Achtung-Asbest-Warnschilder mit dem kleinen dicken a. Die hier angebrachten Aufkleber sollen signalisieren, dass der jeweilige Abschnitt überprüft ist, sauber, gesichert. Abgehakt. Scheinbar macht nur die Bibliothek Schwierigkeiten; sie ist auch nach über fünf Wochen noch geschlossen. Dabei ist sie das Herzstück der Uni, sowohl architektonisch als auch inhaltlich: Sie liegt in der Mitte des Gebäudekomplexes, hat mehrere Zugänge, aber nur einen Ausgang, mit zentraler Verbuchung. In ihrem jetzigen Zustand ist die Universität ein Ort des Lernens ohne Bücher, ohne einen Großteil der Computer, der Kopierer und der Einzelarbeitsplätze. Das Rechenzentrum der Uni befindet sich unter der Bibliothek, nur ein kleiner Teil der Server und IT-Einrichtungen ist in den Verwaltungstrakt ausgelagert, so dass auch hier die Einschränkungen schmerzhaft spürbar sind, jeden Tag.
Manchmal denkt Ingo, dass der Feinstaub eine Erfindung ist. Die neueste Seuche, um die Dummköpfe und die Naiven in Panik zu versetzen, damit alle etwas zum Reden haben. Müßig fragt er sich, welcher wirkliche Skandal wohl damit verborgen werden soll. Dann muss er wieder über sich selbst lachen. Zu viel Clancy und Le Carré und Grimes, viel zu viele Krimis und Verschwörungstheorien. Aber was ist es dann? Der zu erwartende Asbest jedenfalls nicht, so viel war bereits nach wenigen Tagen zu hören. Die Begriffe bleiben dennoch schwammig. Feinstaub, das kennt man von Autoabgasen. Nanopartikel, auch ein Modewort, das vor einem Jahr noch niemand benutzt hatte. Kohlenstoff-Verbindungen, teilweise krebserregend. Die kommen überall vor, werden jede Saison in neue Modewörter verwandelt. Graphit. Tonerstaub. Polyzyklische Aromate. Benzypren. Acrylamid. Draußen Grillen, Pommes aus dem Backofen, und natürlich das leidige Rauchen. Das ist alles immer um uns herum, warum also nun dieser Aufwand, da muss doch etwas Schlimmeres dahinter stecken, wenn sie es so vorsichtig und pauschal umschreiben. Aber was geht ihn das an? Er mag nicht auf den kleinen, gut verborgenen Teil in sich hören, der gegen Unrecht und das Böse zu Felde ziehen wollte, und teuer, zu teuer bezahlt hat. Das liegt hinter ihm. Der Funke des weit jüngeren Ingo in seinem Inneren versucht aufzuflackern, aber er nimmt noch einen Schluck bitteren, kalt gewordenen Kaffee aus seinem Becher.
Freitagmorgen
sechs wochen nach der plötzlichen schliessung der bibliothek
Die Busse der Stadtwerke streiken, aber das ist bereits vor einigen Tagen angekündigt worden. Es ist Mitte Dezember, nicht mehr lange bis zu den Weihnachtsferien. Es ist kalt, Schnee liegt in der Luft, manche Straßen sind glatt. Der See scheint heute bleigrau und spiegelstill, irgendwo stadtauswärts tönen Sirenen. Ingo ist bereits um halb acht auf den Parkplatz gerollt. Er möchte so viele Stunden wie möglich arbeiten, damit alles erledigt ist, bevor es nächsten Mittwoch nach Prag geht. Fünf Tage Krimireise, mit Lesungen, Kellerkneipenabenden, gutem Bier und deftigem Essen. Und Spaziergängen im Nebel, in der Melancholie, in der Geschichtsträchtigkeit. An Heiligabend geht es zurück. Zufällig hat er das Plakat in seiner Buchhandlung entdeckt, und spontan gedacht, dass er genau so etwas braucht. Um den Funken in seinem Inneren zum Schweigen zu bringen, oder um ihn neu zu entfachen? Diese Frage stellt er sich nicht, denn er zieht es vor, nicht nach innen zu schauen, sich abzulenken, unwillkommene Gedanken abzuwürgen. Aber etwas flackert auf wie eine Flamme, ein Echo der Vergangenheit. Oder eine Vorahnung, die man leicht abtun kann, weil sie absurd ist. Weil es keinen Grund dafür gibt. Prag. Er war noch nie da, hat Lust auf neue Erfahrungen. Und gutes Bier. Die Gedanken kreisen um den Urlaub und um das was noch zu erledigen ist.
In den letzten Wochen wurden an allen Gebäuden die Schließzylinder an den Türen gegen Transponder ausgetauscht, die nun auf digitalem Weg die Sicherheit auf dem Campus gewährleisten sollen. Spätestens nach den Weihnachtsferien müssen sie damit fertig sein. Hannes und er machen diese Arbeit. Das Zeug ist hochmodern, sicher, zentral steuer- und programmierbar. Und nahezu wartungsfrei. Wer weiß, ob das nicht auch bedeutet, dass man wieder eine Stelle im Facility Management wegrationalisieren kann. Sie liegen gut in der Zeit; Ingo hofft, dass sie heute mit dem nächsten Gebäudeteil fertig werden, dann bleiben nur noch zwei Bereiche für die nächste Woche. Als Hannes um kurz vor neun dazukommt, fluchend über die Kälte, die Busse, seine nörgelnde Frau, hat Ingo bereits gutgelaunt acht mechanische Schließzylinder sowie deren Gegenstücke im Türrahmen ausgebaut. Es handelt sich um die Büros und den großen Serverraum in der Kelleretage des Verwaltungstrakts; hier ist der Teil des Rechenzentrums untergebracht, von dem derzeit alles abhängt, denn die Bereiche im Bibliothekstrakt sind ja nach wie vor nicht zugänglich. Alle die hier arbeiten, müssen am Montagmorgen ihre Transponder abholen, für jeden von ihnen liegt ein personalisiertes Exemplar entsprechend ihrer Zugangsberechtigung bei seinem Chef Erwin bereit. Erwin hat heute frei; die passenden digitalen Zylinder hat er gestern programmiert, und die wird Hannes nach zwölf einbauen, wenn die Kollegen hier alle ins Wochenende verschwinden. Hannes beschwert sich ständig über alles und jeden, aber er arbeitet präzise und schnell. Wenn Ingo ihm zur Hand geht, sollten sie gegen drei, spätestens aber um vier fertig sein.
Es ist sehr ruhig heute Vormittag in der Uni. Kein Wunder, denn dank des ungemütlichen Wetters, des Busstreiks und der nahenden Ferien sind viele Studenten gar nicht erst gekommen. Einige aber haben sich tapfer auf den Weg gemacht. Zwei davon sind Lisa, die Sportstudentin, deren Liebe immer noch so frisch und stark ist, wie der Wunsch, in Australien zu studieren, und Kristin, die rothaarige Soziologin, die lieber in einer Großstadt leben würde. Ein Lateinprofessor hat sie in seinem alten Ford mitgenommen. Der Mann im karierten Jackett hat an der Zufahrtsstraße angehalten, weil ihm die beiden Mädchen, die frierend hintereinander her liefen, leid taten. Dankbar sind sie hinten eingestiegen und haben erst im Auto gemerkt, dass sie sich vom Sehen kennen.
»Warst du nicht auch in diesem Kompaktkurs politologische Methoden?« hat Lisa gefragt.
»Stimmt, du warst das mit dem Referat über statistische Auswertungen. Was studierst du noch?«
Sie haben wieder einen Kompaktkurs zusammen, bei derselben Dozentin. Drei ganze Freitage statt wöchentlich Vorlesungen. Diesmal geht es um empirische Sozialforschung. Die beiden haben beschlossen, sich gegen die aufkommende Müdigkeit und die Kälte mit Milchkaffee aus der Mensa wappnen, bevor sie sich in die Arbeit stürzen. Dort angekommen müssen sie allerdings feststellen, dass die Mensa aufgrund eines Betriebsausflugs heute bereits um zwölf schließt; es gibt also gar kein Mittagessen.
»Ich hab nur Müsliriegel und einen Apfel mit! Was denken die sich eigentlich, der Letzte macht das Licht aus?« Lisa ist sauer, aber Kristin, die methodische, hat vorgesorgt mit belegten Broten, einer Tafel Schokolade und mehreren Mandarinen. Getränke gibt es ja immer noch am Automaten.
»Die Ratten verlassen das sinkende Schiff. Wirst sehen, bald macht die Uni komplett dicht. Heute sind wir wahrscheinlich die einzigen Deppen, die den ganzen Tag absitzen müssen. Die letzte Legion. Mann, ich will in die Ferien!« Lisa kauft sich ein Sandwich und ein Croissant, solange es noch etwas gibt. Sie schaut jeden der ihr begegnet finster an, und hört nicht auf, zu meckern und zu schimpfen.
Kristin hat bereits keine Lust mehr, ihr zuzuhören, denn was bringt es schon. Sie hat keine Zeit sich aufzuregen; sie will einfach die notwendigen Kurse schnell absolvieren und dann raus aus der Enge. Sie hat keine Geduld mit Nörglern, Trödlern, oder mit ihrer Freundin Tanja, die immer wieder die gleichen Fehler macht – wahrscheinlich mit Absicht, weil sie das Ausheulen hinterher so genießt. Mit Verdruss merkt Kristin, dass Lisas schlechte Laune nun auch auf sie selbst übergeschwappt ist. Schweigend gehen die beiden zum Kursraum und wechseln vorerst kein Wort mehr miteinander. Lisa denkt an Florian, der heute liegen bleiben kann, der den ganzen Tag im Bett verbringen wird, wahrscheinlich zappend vor dem Fernseher. Während sie sich stundenlang etwas über langweilige Methoden erzählen lassen muss. Wieso nur hat sie Politik als Beifach gewählt?
Auf dem Parkplatz steht neben Ingos weißem Benz nun ein ähnliches Modell in blau. Ansonsten nur wenige Autos, obwohl die Busse streiken. Man ist früher ins Wochenende, man hat sich den Tag geschenkt, man lernt zuhause, viele Veranstaltungen finden freitags sowieso nicht statt, in diesem Semester. Manche sind mit dem Fahrrad gekommen, oder zu Fuß, auch wenn der Campus ein gutes Stück außerhalb der Stadt inmitten eines Waldes liegt. Die wenigen, die sich außer Lisa und Kristin auf den Weg gemacht haben, sind zum großen Teil wenig besser gelaunt. Es scheint fast, als sei Ingo der Einzige, der gut gelaunt und gleichmütig seiner Arbeit nachgeht.
Und Prateet. Der ist ebenfalls guter Dinge, denn er hat eine Verabredung mit seinem Professor, der sein Kursprojekt so gut fand, dass er Prateet gerne als Diplomanden betreuen möchte. Nun wollen sie die Formalitäten besprechen, und das genaue Thema der Diplomarbeit festlegen. Die Aussicht, noch eine Weile länger hier zu bleiben, wo er – bis auf seine Sonntagabende – unbehelligt von seiner Familie leben kann, beflügelt ihn. Er pfeift ein tamilisches Lied vor sich hin, als er durch die Gänge geht, vorbei an einer jungen Frau mit braunem Haar, vorbei an einigen schicken Typen, die zum Strafrechtsseminar unterwegs sind. Vorbei an einem kleinen Mann ohne Bart.
Startschuss
Es geht auf Mittag zu. Die Sonne kommt nur schwer durch die trüben, Schnee verheißenden Wolken. Der See scheint immer noch aus Blei gegossen, nur hier und da ein Glitzern, wo die Strahlen sich zu ihm durchkämpfen. Man mag an solchen Tagen gar nicht glauben, dass er auch postkartenblau leuchten kann, oder in grünlichen Tönen, die der Palette eines holländischen Meisters zu entstammen scheinen. Dann, plötzlich, Lärm wie aus dem Nichts. Knirschen, Splittern, das Krachen des Stammes, das Rauschen der nadelbewehrten Äste. Ein Baum stürzt auf die Zufahrtsstraße. Aber niemand hört es, außer einer Krähe, die mit wütendem Krächzen davon fliegt. Sie kann nicht sagen, dass der Baum präpariert, angesägt gewesen ist, dass nur ein Mann nötig war, der sich einmal mit Wucht dagegen wirft, um den Baum endgültig zu fällen. Gleich darauf stürzt auf der anderen Straßenseite ein zweiter Baum um. Die Zufahrt ist blockiert. Der Mann, den die Krähe nicht beschreiben kann, versendet eine Textnachricht. Sie ist leer.
Kurz danach gibt es einen Riesenaufruhr im zehn Kilometer entfernten Allensbach, wo mehrere Gehege des Wildparks geöffnet wurden. Wildschweine, Luchse, Raubvögel, Rot- und Damwild, alles irrt durch den Ort, über die Bundesstraße und die umliegenden Wiesen. Ein Großaufgebot von Polizei, Feuerwehr und THW rückt aus, man rekrutiert alle verfügbaren Leute aus der Umgebung, selbst eine Schweizer Forsteinheit eilt zur Hilfe, um die Tiere wieder einzufangen. Eine rätselhafte Geschichte, denn die Sicherheitstechnik war doch vor kurzem erst auf den neuesten Stand gebracht worden. Hat es einen Stromausfall gegeben, der die Elektronik außer Kraft gesetzt hat?
