Zwischen uns die Flut - Eva Moraal - E-Book
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Zwischen uns die Flut E-Book

Eva Moraal

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Beschreibung

Zwei Familien, zwei Schicksale. Dazwischen eine Liebe, die nicht sein darf. Als Nina und Max sich ineinander verlieben, steht ein großes Geheimnis zwischen ihnen. Es wird ihre Wege auseinanderreißen und wieder zueinanderführen. Doch die Wahrheit kann zerstörerisch sein. Sie sät Zorn, wo Schuld gesucht wird. Und nur allzu schnell werden aus Opfern Täter. Eine atemlose Jagd nimmt mit einer Entführung ihren Lauf, und schon bald ist klar: Nichts ist, wie es scheint.

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Seitenzahl: 496



Sammlungen



 

 

 

 

 

 

Für Anders

 

 

 

I heard the sound of a thunder, it roared out a warnin’

I heard the roar of a wave that could drown the whole world

(…)

Who did you meet, my darling young one?

(…)

I met a young girl, she gave me a rainbow

I met one man who was wounded in love

I met another man who was wounded in hatred

And it’s a hard, it’s a hard, it’s a hard, it’s a hard

And it’s a hard rain’s a-gonna fall.

 

Aus: A Hard Rain’s A-Gonna Fall – Bob Dylan

Teil eins

Nina

DNS-Alarm. Ein durchdringendes Geräusch, das immer lauter wird und wogegen man nichts anderes tun kann, als aufzustehen. Ich versuche es möglichst lange hinauszuschieben und ziehe mir das Kissen über den Kopf. Natürlich gelingt es mir nie, länger im Bett zu bleiben.

Sobald meine Füße den Boden berühren, verstummt das Geräusch.

Es ist genau zwei nach sieben, Montagmorgen. Ich gehe zu meinem Schreibtisch, wo mein Handcomputer liegt. Das Erste, was vor mir auf dem Bildschirm erscheint, ist Paps mit Dutzenden von Mikrofonen vor der Nase. Er hat ein beruhigendes Lächeln aufgesetzt: Alles in Ordnung, Leute, wir haben das unter Kontrolle.

Ich schaue, ob die Sendung live ist. Sie ist live.

Dann wird er heute Nacht nicht mehr nach Hause gekommen sein. Aber ich hätte ihn ohnehin nicht gehört, bei der Menge an Schlaftabletten, die ich schlucke. Ich reibe mir mit den Händen über die kalten Oberarme, verschwinde in mein Bad und ziehe mich aus. Ich stelle mich unter die Dusche, die sofort lossprüht, sobald die Sensoren mich erfasst haben.

»Heißer!«, verlange ich.

Ich lasse mir das heiße Wasser übers Gesicht laufen, über meine langen Locken, die mir schon bald nass am Rücken kleben. Ganz still stehe ich da und halte mich selbst umarmt. Heute ist der erste Tag in der neuen Schule. Nach sechs langen Monaten.

Als meine Haut zu protestieren beginnt, komme ich unter der Dusche hervor und nehme das Handtuch, das Maria für mich bereitgelegt hat. Zurück in meinem Zimmer, sehe ich das rote Warnlicht des Digitalen Nachrichtensystems blinken. Ich bin spät dran.

Schnell schlüpfe ich in meine Sachen: Jeans, T-Shirt und Pulli. Mit noch nassen Haaren gehe ich nach unten. Das Haus ist groß und leer. An Isas Zimmertür husche ich mit abgewandtem Gesicht vorbei.

In der Küche ist Maria, unsere nasse Haushaltshilfe, mit dem Frühstück beschäftigt.

»Nina.« Ihr Lächeln ist immer warm, immer echt. »Guten Morgen!«

»Morgen«, murmele ich und greife nach meinem Kaffeebecher. Die Dusche hat nicht wirklich geholfen.

»Wo ist Mams?«

»Frau Brandsma ist noch im Bett.«

Ich hatte nichts anderes erwartet.

Erik, Paps’ zweiter Chauffeur, kommt herein, legt die Hände auf den Küchentisch und schaut mich an.

»Keine Chance, dass ich mit der Straßenbahn fahren darf?«

Er schüttelt den Kopf. »Die Instruktionen deines Vaters waren deutlich.«

»Gut, also gehen wir.« Ich trinke meinen Becher in einem Zug leer.

Draußen ist es kalt. Es ist erst November, doch es friert schon seit Tagen. Eine dicke Schneeschicht bedeckt den Rasen und die Spitzen des hohen Zauns, der uns vom übrigen GG1 trennt. Die blassblaue Plane über dem Schwimmbad hängt schon durch, und Mams’ Rosensträucher brechen unter der weißen Last beinahe zusammen.

Schnee ist Wasser. Noch mehr Wasser. Erstickendes, alles ertränkendes Wasser.

Nächste Woche wird das Wetter wohl wieder umschlagen. Seit der Zweiten Großen Überschwemmung vor einigen Jahrzehnten wurde sogar der Flugverkehr zwischen den einzelnen Zonen so gut wie eingestellt. Das Wetter ist zu unzuverlässig geworden, erst recht wegen der undurchdringlichen Nebelbänke, die den Piloten nach lang anhaltenden Regenfällen die Sicht nehmen. Das hier ist der erste echte Winter seit Jahren.

Erik geht voraus zur Garage, in der auch Paps’ Sportwagen steht. Irgendein altes Modell aus dem zwanzigsten Jahrhundert, das noch mit Benzin fährt. Er benutzt es ab und zu, aber nie für größere Strecken. Denn Paps befürchtet, dass der kostbare Wagen beschädigt werden könnte.

Daneben parkt der zweite Dienstwagen, elektrisch wie die meisten Fahrzeuge. Erik hält mir die Tür auf. Die Fensterscheiben sind abgedunkelt. Ich kann zwar hinaussehen, aber die Leute können nicht hereinschauen. Früher fand ich das schön und spannend. Isa und ich spielten, dass wir auf geheimen nassen Missionen außerhalb der beiden Geschlossenen Gemeinschaften wären. Jetzt freue ich mich in erster Linie, dass niemand mich sehen kann.

Erik rollt aus der Garage die Auffahrt hinunter und kommuniziert am Tor über seinen HC mit dem Pförtner Frank. Die erste Schranke ist überwunden.

Wir fahren durch unser Viertel. Hier und in GG2 wohnen meine alten trockenen Freunde mit ihren Eltern, hinter hohen Zäunen mit lauter Kameras und sonstigen Sicherheitsvorkehrungen. In der Ferne erstrahlt das neue Digiscope mit der grellbunten Glaswand, gleich vor dem Einkaufszentrum. Im Park spielen Kinder im Sandkasten.

Wir nähern uns dem schwer gesicherten Zugangstor von GG1. Einer der Trockenpolizisten kommt aus seinem Häuschen. Seine rote Uniform lässt sein weißes Gesicht noch bleicher erscheinen. Erik öffnet sein Seitenfenster und zeigt seinen Pass, der gescannt wird. Der Mann nickt und tritt einen Schritt zurück, während sein Kollege das Tor öffnet.

Wir fahren hinaus in die überflutete Welt.

 

Die Schule steht in Viertel Eins im Zentrum unserer Zone. Sie ist die kleinste der Fünf Zonen, aus denen unsere Welt seit der Ersten Großen Überschwemmung besteht. Wir haben es also nicht weit und können die schlimmsten Gegenden meiden: die Außenviertel am Wasser, wo die Häuser oft kaum mehr bewohnbar sind und vielfach bereits durch hohe graue Wohntürme ersetzt wurden, die man auf künstlich aufgeschütteten Warften errichtet hat.

Hastig und mit hochgezogenen Schultern eilen die Leute die Straße entlang. Bei dem fürchterlichen Wetter will niemand lange draußen sein. Ein vereinzelter Radfahrer saust an uns vorbei; das ist mutig bei den glatten Straßen. Die Trockenpolizei zeigt Präsenz, hat sich in kleinen Gruppen versammelt und bewacht Kreuzungen. »Abreiber« oder »Rote«, so nennen die Nassen die trockenen Ordnungshüter. Ich komme mir vor wie ein Voyeur. Trotzdem gleitet mein Digi-Stift automatisch über den Bildschirm. Ich zeichne Gesichter, Gestalten und Körperhaltungen. Es beruhigt mich.

In der neuen Schule darf ich meinen richtigen Namen nicht benutzen. Das Risiko wäre zu groß. Ich bin also nicht Nina Brandsma, sondern Nina Bakker. Ich sage es immer wieder leise vor mich hin: »Nina Bakker. Ich heiße Nina Bakker.« Paps ist paranoid. Ich bin mir sicher, dass ich mich irgendwann verspreche.

Erik hält vor einem niedrigen, offenbar vor nicht allzu langer Zeit errichteten Gebäude. Es sieht eher aus wie ein Haufen Bauklötze als wie ein Bauwerk, das Stürmen trotzen könnte. Auf dem Schulhof stehen mehrere Gruppen Jugendlicher und unterhalten sich. Der Schnee ist beiseitegeräumt. Einige Jungs liefern sich eine Schneeballschlacht.

»Erik, würdest du bitte um die Ecke anhalten?« Doch die Schüler haben uns schon entdeckt und starren dem Auto hinterher. Erik nickt und fährt ein Stück weiter. Er ist wirklich okay.

»Danke.«

Ich steige aus, warte, bis er noch mal abgebogen ist, und gehe in Richtung Eingang.

Es ist einfach eine Schule, Nina. Einfach eine Schule.

Wahrscheinlich wurden noch mehr Trockene hierher verwiesen. Ich kann unmöglich die Einzige sein. Trotzdem bin ich nervös. Auf dem Schulhof angekommen, weiß ich, dass alle mich beobachten. Schnell laufe ich weiter zu der altmodischen Eingangstür, so einer, die man selbst aufziehen muss.

Drinnen ist es nicht viel wärmer als draußen. In den GGs hat Paps viel Einfluss. Wenn ihm dort etwas nicht passt, wird es geändert. Hier offenbar nicht. Ich durchquere eine Halle mit noch mehr Schülern und auch einigen Lehrkräften. An der Wand hängen Bildschirme. Im Hintergrund flackern DNS-Nachrichten. So rückständig sind sie hier also doch nicht.

Ich melde mich im Sekretariat an.

»Name?«

Die Frau, Mitte fünfzig und mit einer Lesebrille auf der Nasenspitze, schaut noch nicht einmal hoch.

»Nina Bakker.«

Nervös drehe ich mir eine Haarlocke um den Finger, während die Frau in aller Seelenruhe auf ihrem HC meinen Namen sucht.

»Gut«, sagt sie endlich. »Hier ist dein Stundenplan. Du kannst dich auf deiner PS mit dem allgemeinen Passwort einloggen und es anschließend nach deinem Wunsch ändern.« Sie überreicht mir einen anderen HC und blickt mich an, eine Augenbraue hochgezogen.

»Was …?« Panik lässt meine Stimme heiser klingen.

»Der Nächste!« Ihre Augen schwenken von mir zu der Person hinter mir, und ich beeile mich, wegzukommen. Ich bin schon genauso paranoid wie Paps. Natürlich erkennt sie mich nicht. Isa und ich sind schon seit Jahren nicht mehr in den DNS-Nachrichten gewesen oder auch nur außerhalb der GGs.

Von der allgemeinen Schulseite wechsle ich auf meine persönliche und gebe ein neues Passwort ein. Ich studiere meinen Stundenplan und die Fächer, die sich kaum von denen in meiner alten Schule unterscheiden. Meine erste Stunde beginnt in fünf Minuten: Sprache & alte Literatur.

Das erste Klingelzeichen ertönt, und die Schüler strömen ins Gebäude. Ein Mädchen rempelt mich an, und meine Tasche und mein HC fallen auf den Boden. Die herausgefallenen Sachen werden weggekickt und verschwinden in dem Meer von Beinen. Ich muss warten, bis der Gang wieder leer ist.

Meine Hände zittern, als ich meine Tasche aufhebe und meine Sachen einsammele. Sie hat es absichtlich getan. Ich habe sie lachen gehört. Dabei wollte ich doch vor allen anderen in der Klasse sein. Meine Augen werden feucht. Ich wische schnell eine Träne weg. Ich will nicht weinen. Nicht hier. Nicht jetzt.

»Hier.«

Ich schaue hoch. Ein Junge steht vor mir. Er hat eine große Nase und scheue braune Augen mit langen Wimpern. Seine Haut ist mokkafarben wie der Cappuccino, den Maria zubereitet, mild und sahnig. Er gibt mir Isas Goldmedaillon.

»Danke.«

Er nickt. Mit der linken Hand trommelt er auf die Fensterbank. »Wohin musst du?«

Ich schaue auf meinen HC. »L3.«

»Komm mit.«

Er geht vorneweg, mit kräftigen Schritten, ich renne hinterher. Ich wage nichts zu sagen. Als wir den Klassenraum erreichen, möchte ich mich bei ihm bedanken. Aber er ist schon durch die Tür verschwunden, ehe ich etwas herausbringen kann.

»Aha, Max, ich hatte schon befürchtet, wir müssten heute ohne dich auskommen.« Die Stimme gehört zu einem fast kahlköpfigen älteren Mann. Sein rundes rotes Gesicht sieht freundlich aus. Seine Kleidung ist alt und abgewetzt, ganz anders als bei den Lehrern an meiner vorigen Schule. Ich senke schnell den Blick, aber natürlich hat er mich längst bemerkt.

»Und du bist …?«

»Nina«, sage ich leise.

Max lässt sich an einem freien Tisch nieder. Die anderen starren von ihm zu mir. Ich hoffe, ich habe ihn nicht in Schwierigkeiten gebracht.

»Nina, willkommen am Delta-Kolleg. Such dir rasch einen Platz, dann können wir anfangen.«

Max

Die Trockene hat sich neben mich gesetzt.

Dass sie nicht von hier ist, habe ich gleich gesehen. Der Goldanhänger – Li hätte ihn längst mitgehen lassen. Dafür bekäme man ’ne Menge.

Ich versuche, mich auf Van Kralingen zu konzentrieren. Normalerweise würde ich ihm aufmerksam zuhören. Kann gut erzählen, der Mann. Und da wir bald Prüfungen haben, sollte ich besser aufpassen. Tue ich es nicht, heißt das mindestens einen Punkt weniger. Und das kann ich mir nicht leisten, wenn ich eines der wenigen nassen Stipendien für die Uni ergattern will. Aber dieses Mädchen … dieses Mädchen lenkt mich ab. Sie schaut aus dem Fenster und zeichnet mit einem Digi-Stift auf ihrem Bildschirm. Spitze Nase, ein breiter Mund, Sommersprossen. Große, blaue Augen und lange blonde Locken, hinter denen sie ihr Gesicht versteckt.

Marlies hat sie vorhin extra angerempelt. All diese Trockenen neuerdings in der Schule. War zu erwarten nach den letzten Überschwemmungen. Noch ’ne trockene Schule, die das Pech hatte, nasse Füße zu kriegen. In den DNS-Nachrichten sah ich, wie Brandsma den Angehörigen der Opfer sein »aufrichtiges Mitgefühl« aussprach. Hochmut kommt vor dem Fall, meinte Ma. Hier draußen, wo wir immer nasse Füße haben, war keiner überrascht. Und jetzt müssen sie hierher zu uns in die Schule. Nichts und niemand ist vor dem Wasser sicher, auch die Trockenen nicht, egal, was sie in den Nachrichten erzählen.

Unter dem Tisch trommele ich mit den Fingern auf meine Beine. Zu viel Energie. Ich hätte heute früh meine Runde laufen sollen, aber Li war wieder mal nicht nach Hause gekommen, und Ma hatte sich kaum beruhigen können.

»Max?«

»Ja, Herr Van Kralingen?«

Er zieht seine grauen Augenbrauen in die Höhe und schaut mich erwartungsvoll an. Verdammt, was war die Frage?

»Zeitoun«, flüstert Nina neben mir.

»Hä?«

»Zeitoun«, wiederholt sie lauter und wird sofort feuerrot.

Die anderen fangen an zu lachen.

»Na, Max?«, sagt Van Kralingen.

»Äh, Zeitoun, Herr Van Kralingen.«

Wir lesen das Buch in Übersetzung. Van Kralingen ist wie ein Dinosaurier, so dickköpfig und entschlossen unterrichtet er hier tote Sprachen. Englisch wird an den meisten nassen Schulen schon seit Jahren nicht mehr gelehrt, seit der Gouverneursrat den Kontakt mit dem Ausland abgebrochen hat. Alles bloß schöner Schein, sagt Li, der immer irgendeine Verschwörungstheorie parat hat.

»Zeitoun, ja.« Van Kralingen schaut von mir zu Nina und sagt langsam: »Danke schön, Nina. Du warst Max sehr behilflich. Heute ist eindeutig nicht sein Tag.« Sofort hebt er die Hand, um das darauffolgende Gekicher im Keim zu ersticken.

Ich weiß nicht, was heute mit mir los ist. Einer Trockenen helfen, ihre Sachen aufzuheben … immer muss ich meine Nase in anderer Leute Angelegenheiten stecken.

Sobald es klingelt, stehe ich auf, packe meinen HC in den Rucksack und gehe schnell aus der Klasse.

Umdrehen tue ich mich nicht.

 

Nach Mathe und Biologie ist endlich Pause. Nach dem einen Butterbrot von vor fünf Stunden knurrt mir der Magen, also sehe ich zu, dass ich als Erster in der Schlange stehe. Danach jongliere ich mein Tablett zu meinem üblichen Platz in der Ecke neben der Küche und setze mich. Ich esse zu schnell und verbrenne mir den Mund.

Ich nehme gerade einen neuen Bissen, da kommen Damian und zwei seiner Kumpels rein. Damian hat seine Hände gefährlich nah am Hintern eines heißen Mädchens vor ihm. Er leckt sich die Lippen, und seine Kumpels lachen, als er was sagt; bestimmt hat er irgend’nen blöden Spruch gerissen. Sie sind echt so widerlich, dass einem die Worte fehlen. Ich wende mich ab und schaue auf mein Essen und die Kratzer in dem Tisch vor mir. Gerade als ich meinen letzten Bissen verdrücken will, spüre ich eine Hand auf meiner Schulter.

»Endlich Freunde gefunden, Maurits?«

»Zisch ab, Damian.«

Er klopft mir nochmals auf die Schulter und hockt sich mir gegenüber, hinter ihm zwei seiner Kumpels. Damian ist klein und drahtig und hat einen hässlichen, rasierten Schädel. Lars ist groß und schwer und dabei so verflucht dumm, dass er ’nem Trockenen das Wasser reichen kann. Tim ist noch der Gescheiteste von ihnen. Und das will was heißen. Ich verstehe nicht, wie ich je sein Freund sein konnte. Ich hab echt keinerlei Bock auf das hier.

Mir kommt die Wut hoch. Es ist immer das Gleiche. Ein Knoten in meinem Magen, der drückt und drängt und mich ganz starr werden lässt. Ich weiß nicht mehr weiter.

»Doch, ist mir schon klar, dass du auf so ’ne Trockene stehst.« Damian setzt ein verständnisvolles Gesicht auf, was ihn noch hässlicher macht, als er ohnehin schon ist.

Ich lege die Hände auf meinen Bauch. Ruhig, Mann, ruhig.

»Jeder muss halt sehen, wo er bleibt, hab ich recht?«

Tim und Lars lachen laut auf, während Damian grinst, als wäre er der verdammte Gouverneur selber.

Ich würde ihm so gern eine reinhauen.

Ignorieren, Max.

Ich nehme einen Schluck lauwarmen Tee, damit ich nichts sagen kann.

Ignoriere sie!

»Und bestimmt kann sie auch ganz schön …«, Damian leckt sich wieder über die Lippen und zwinkert, »… nass werden.«

Bevor ich mich besinnen kann, stehe ich auf und hole aus. Der Knoten gewinnt immer. Damian ist nicht schnell genug, und ich erwische seine ohnehin schon schiefe Nase.

Genugtuung.

»Arschloch! Dreckskerl!« Er fasst sich an die Nase und stöhnt.

Ich will mich aus dem Staub machen, aber Lars hat seinen Fuß ausgestreckt, und ich knalle auf den Boden. Bevor ich mich wieder aufrappeln kann, tritt mir Tim in den Magen. Ich ziehe die Arme und Beine an mich, um mich zu schützen, während ich Damian immer noch brüllen höre, ich hätte ihm die Nase gebrochen.

Einige Schüler stehen um uns herum, sie schreien und johlen. Ich frage mich, wen von uns sie anfeuern.

Als Lars auf mich losgeht, trete ich wild um mich, und ein Schrei verrät mir, dass ich ihn getroffen habe. Mir bleibt gerade genug Zeit, auf die Beine zu kommen und auch Tim einen Fausthieb direkt in den Magen zu verpassen.

»HEDA! AUFHÖREN!«, schallt es durch den Saal.

Wogen von Adrenalin überspülen mich. Ich kann mich nicht zurückhalten. Ich will diesen widerlichen Typen, dieses Arschloch, zu Brei schlagen. Damian hat sich offenbar vom ersten Schreck erholt und scheint das Gleiche zu denken, denn er steht schon bereit. Seine Faust trifft mich am Kinn. Mir wird schwindlig, und ich schmecke Blut. Noch immer bin ich nicht ausgerastet. Wenn mich die Wut richtig packt, kann ich nicht mehr aufhören. Gerade will ich ihm mein Knie in den Bauch rammen, um mir dann seine miese Fresse vorzunehmen, da umklammert mich wer von hinten. Auch Damian wird von zwei Lehrern festgehalten.

»SCHLUSS JETZT!«, donnert es. Es ist die Stimme von Graafschap, dem Sportlehrer. Graafschap ist aus einem anderen Holz geschnitzt als Damian und seine Kumpels, und er hat mich fest im Griff. Er dreht mir den Arm auf den Rücken, und ich brülle vor Schmerz.

»Du kommst mit!«, sagt er. »Ihr auch«, bedeutet er den anderen.

Wir werden unsanft aus der Kantine geschoben, und ich halte den Kopf gesenkt. Ich spüre, wie mich die Wut immer noch am ganzen Körper zucken lässt. Sie tost in mir wie das Wasser auf dem Höhepunkt eines Sturms. Ich versuche, ruhig ein- und auszuatmen. Wäre ich doch nur meine Runde gelaufen! Mein verdammter Bruder.

Ich schaue hoch, ich weiß nicht, warum, und starre direkt in Ninas erschrockene Augen. Dann gibt mir Graafschap eins auf den Hinterkopf, und schon sind wir aus der Kantine.

 

Wir werden direkt zur Direktorin Van Deursen gebracht. Eine kleine, magere Frau, immer im Kostüm, knallrot diesmal. Ein scharfes Gesicht mit boshaften, stark geschminkten Augen. Eine Trockene natürlich. Ich bin schon oft genug bei ihr gewesen.

»Ihr schon wieder!« Sie seufzt gespielt. Eigentlich sind wir ihr schnuppe.

»Max hat angefangen«, wirft Damian schnell ein. Er lispelt, und das verschafft mir Genugtuung.

»Ruhe!«

Van Deursen schaut zu Graafschap.

»Sie haben sich in der Kantine geprügelt. Ich konnte nicht sehen, wer angefangen hat, aber der hier« – er packt mich noch etwas fester – »hat sich seiner Haut mal wieder gut zu wehren gewusst.«

Abschätzig schüttelt Van Deursen den Kopf. »Max Maurits. Du bist genau wie dein Bruder.«

Ich spüre, wie sich der Knoten enger zusammenschnürt. Ruhig ein- und ausatmen. Ich bin nicht wie Li, egal, was sie von mir denken.

Sie schaut von mir zu den anderen. »Weil ihr kurz vor den Abschlussprüfungen steht, will ich ausnahmsweise mal ein Auge zudrücken.«

Wütend schnaube ich. Ich bin einer der besten Schüler in dieser ganzen beknackten Schule. Ich allein hebe schon den Klassendurchschnitt nach oben. Das weiß sie genauso gut wie ich.

»Zwei Wochen Nachsitzen und Strafarbeit wird euch hoffentlich lehren, dass wir hier am Delta-Kolleg absolut keine Gewalt dulden. Die Art der Arbeit darf sich Graafschap überlegen.«

Damit ist sie fertig. Sie dreht sich um und blickt aus dem Fenster, das auf den Schulhof hinausgeht. Graafschap knirscht mit den Zähnen. Er mag sie ebenso wenig wie wir. Er scheucht uns zur Tür hinaus und sagt: »Los, wascht euch das Gesicht, und dann ab in den Unterricht. Anschließend meldet ihr euch bei mir. Punkt vier Uhr. Wer zu spät kommt, fliegt von der Schule!«

Er eilt davon.

Eine Sekunde stehen wir da und sagen nichts. Dann tritt Damian auf mich zu, drückt seine Schulter gegen meine und zischt mir ins Ohr: »Ich mach dich fertig!«

Er geht weiter. Tim und Lars folgen ihm.

Nina

Ich warte in der Essensschlange, als ich Geschrei höre.

Irritiert schaue ich hoch und entdecke Max. Ein Typ hält ihn fest, während ihm ein anderer in den Magen tritt. Mir stockt der Atem.

Aber Max berappelt sich. Er holt kräftig aus und sofort noch einmal. Mit voller Wucht schlägt er zu und prügelt mit verzerrter Miene auf die anderen ein. Ich bekomme Angst. Schlägereien hat es in der Schule auf dem Festland nicht gegeben.

»He, vertrocknete Schlampe, mach mal Platz!«

Ich bin zu verdattert, um das Schimpfwort sofort zu kapieren. Wortlos klatsche ich mir etwas Essen auf meinen Teller und gehe weiter. Fast alle schauen jetzt der Prügelei zu. Einige feuern Max an, einige den anderen.

Wie die Tiere.

»Alles unter Kontrolle.« Ich höre wieder Paps’ Worte und spüre, wie mir schlecht wird.

»AUFHÖREN!«

Ein Lehrer mit muskulösem Stiernacken und auch dem Blick eines wütenden Stiers kommt in die Kantine gestürmt. Zwei weitere Lehrkräfte folgen ihm auf dem Fuß.

Der Kampf ist rasch vorbei, obwohl sich Max erst als Letzter geschlagen gibt. Seine Augen sind groß und rot unterlaufen, und aus seinem linken Mundwinkel tropft Blut. Ist das derselbe Junge, der mir vorhin noch geholfen hat? Ich hätte im Unterricht besser den Mund halten sollen.

Der Stier zieht Max mit sich, und wir starren uns eine Sekunde lang an. Die Härte seines Blicks erschreckt mich, und ich schlage schnell die Augen nieder.

Dann sind sie aus der Kantine, und alles ist wieder wie zuvor. Die Schülerinnen und Schüler nehmen Platz, bilden Gruppen und unterhalten sich, tun, als wäre nichts passiert. Ich stehe da wie versteinert. Gewaltsam zwinge ich meine Beine, sich zu bewegen, und setze mich an einen leeren Tisch. Ich esse, was auf meinem Teller liegt, ohne es zu schmecken. Ist vielleicht auch besser so.

»He, hallo!«

Ein Mädchen lässt sich mir gegenüber nieder. Sie hat rotes Haar und trägt große Ohrringe. Gold. Um den Hals einen Anhänger. Auch Gold. Und ihre Kleidung bekommt man nur dort, wo ich herstamme. Eine Trockene.

»Du bist neu hier, wie?«

Ich nicke.

»Ich bin hier jetzt drei Monate, aber wir sind nicht die Einzigen.« Sie zeigt auf eine kleine Gruppe von Jungen und Mädchen, die direkt auf unseren Tisch zusteuern.

»Sie versuchen es immer, am Anfang.«

»Was?«

»Dich einzuschüchtern. Die Leute von der NATU sind zu allem fähig.« Sie mustert das Mädchen am Tisch gegenüber und verzieht dabei das Gesicht, als hätte sie einen Penner auf einer riesigen Müllhalde vor sich. Ihr Blick wird nicht weniger hitzig erwidert.

»Du bist nicht allein.«

Ich lächele und entspanne mich etwas.

Drei Jungs und zwei Mädchen setzen sich zu uns.

»Benjamin, Ruben und Joey, Cynthia und Sophie«, stellt sie die anderen vor. Zu viele Namen und Gesichter, um sie mir alle auf Anhieb zu merken. »Und ich bin Nikki.«

»Nina«, sage ich.

»Woher kommst du?«

Ich schlucke und sage so normal wie möglich: »GG1.«

»He, da wohne ich auch!«

Nikkis kurze Locken tanzen, und ihre grauen Augen leuchten auf. Ich mag sie, glaube ich.

»Und deine frühere Schule?«

Jetzt wird es schwieriger.

»Auf dem Festland.«

»Ach.«

»War das die Schule, die vor einem halben Jahr …?«, fragt das Mädchen, die – glaube ich – Sophie heißt. Sie hat ihr langes braunes Haar zu einem modischen Knoten hochgesteckt und trägt einen teuren Pulli von einer Marke, die ich aus Isas Kleiderschrank kenne.

»Ja«, sage ich schnell und senke den Blick.

»Du liebe Güte …« Das ist Benjamin; ein Junge mit kurzem blondem Haar und einem karierten Hemd mit Hosenträgern. Er hat sanfte Augen und ein noch sanfteres, freundliches Gesicht.

Ich lächele schwach.

»Und jetzt bist du hier.« Nikki seufzt. »Genau wie wir.«

Genau wie sie.

Wäre es nur so einfach.

 

Als es nach der letzten Stunde klingelt, gehe ich schnell nach draußen.

»Sehen wir uns morgen?«, ruft Nikki mir hinterher.

Ich drehe mich um und nicke. »Ja, bis morgen.«

Ich haste über den Schulhof, und plötzlich sind sie wieder da: die Jungs, die sich geprügelt haben. Der Stier ist auch dabei und erteilt ihnen Anweisungen. Sie müssen Schnee räumen. Einer steht etwas abseits von den anderen und schaufelt wie besessen.

Max.

Ich renne in die andere Richtung. Erik erwartet mich um die Ecke, und ich steige schnell ein. Aus dem Fenster gucke ich erst, nachdem ich sicher weiß, dass die Schule außer Sichtweite ist.

Max

Sobald Graafschap uns gehen lässt, sprinte ich vom Hof und laufe. Damian und seine Kumpels können mich niemals einholen.

Das Laufen ist meine Rettung. Das Laufen ist meine Droge, der Rausch, der mich überkommt, bis ich meine Beine kaum mehr spüre, so als bewegten sie sich von selbst. Ich laufe. Mein Atem wird immer ruhiger, als ich in mein gewohntes Tempo verfalle.

Ich weiß, dass Damian es ernst meint, aber er ist auch ein Feigling, der sich ohne seine Freunde nichts traut. Das war wirklich das letzte Mal, dass ich mich in Dinge eingemischt habe, die mich nichts angehen.

Ich habe das Blut abgewaschen. Nicht dass ich damit bei Ma durchkäme. Mein Kinn ist geschwollen und fühlt sich merkwürdig heiß an. Ich habe Stiche im Bauch und eine aufgeplatzte Augenbraue. Trotzdem muss ich selbst jetzt noch lachen, wenn ich an Damians Gesicht denke und ihn wegen seiner gebrochenen Nase winseln höre.

Draußen vor der Tür steht Li. Natürlich hat er mich schon gesehen, bevor ich durch den Toreingang des Wohnblocks geschlüpft bin.

»He, Kleiner.«

Verdammt, was will der Arsch? Aber wenn ich nichts sage, kommt er eben später dahinter.

»He, Li.«

Wie immer hängt er einfach bloß rum, zusammen mit seinen Kumpels Julius und Ramon. Ein Mann im Mantel mit hochgeschlagenem Kragen entfernt sich in Richtung der mit NATU-Parolen beschmierten Straßenbahnhaltestelle. Ich habe ihn schon mehrmals gesehen. Was will er hier?

Ich schüttele den Kopf.

Li kommt auf mich zu und legt mir seine Hand auf die Schulter, die brennende Fluppe noch zwischen Zeige- und Mittelfinger. Er ist fast zwei Jahre älter als ich, aber manche Leute können uns nicht auseinanderhalten. Li ist kantiger und schwerer, ich bin dafür ein, zwei Zentimeter länger.

»Rauferei gehabt?«

Er grinst, und seine Kumpels lachen. Wenn seine Kumpels dabei sind, muss er sich immer als großer Bruder aufspielen.

»Lass mich, Mann!«

»Was?« Er berührt mich am Kinn, und ich vergehe vor Schmerzen. »Jedenfalls haben sie dich gut erwischt.«

»Ich sie auch.«

Ich kann es nicht lassen zu prahlen.

»Sehr schön, Kleiner. Bist ja doch nicht so brav, wie du aussiehst.« Er lacht.

»Schnauze, Li«, murmele ich halb verärgert, halb zufrieden. Bevor er noch mehr sagen kann, gehe ich schnell weiter zum Treppenhaus.

»Das habe ich gehört, Max!«

Ich zeige ihm den Mittelfinger. Wäre er heute früh da gewesen, wäre das hier gar nicht erst passiert. Dann hätte ich laufen und mich anschließend beherrschen können. Warum kann ich mich bloß nie zusammenreißen?

Zwei Stufen auf einmal nehmend, renne ich die Treppen hoch. Der Fahrstuhl funktioniert schon seit Jahren nicht mehr. Siebter Stock, vierzehn Treppen, hundertvierzig Stufen. Ich zähle sie. Es macht mich ruhig. Ich stecke meinen Schlüssel ins Schloss und höre Ma in der Küche hantieren.

»Bin zu Hause!« Ich husche schnell in mein Zimmer, um mir etwas anderes anzuziehen.

»Max!«

Zu spät. Mein Kopf schaut noch halb aus meinem blutbespritzten T-Shirt.

»Wo warst du so lange?«

Sie streckt den Kopf durch die Tür, und ich sehe, wie ihre Miene von fragend zu besorgt wechselt.

»Es war nichts, Ma. Wirklich nicht.«

Sie kommt auf mich zu und inspiziert zuerst mein Kinn, dann meine Augenbraue.

»Was noch?«

»Mein Magen.«

»Kannst du dich bücken?«

»Ja, Ma, kann ich.«

Sie schaut mich an und haut mir eine, voll ins Gesicht. Auf die heile Seite, das immerhin.

»Au!«

»Das ist eine Warnung, damit du dich beim nächsten Mal zusammennimmst. Ich will nicht, dass du von der Schule fliegst, Max!«

Sie will nicht, dass ich so werde wie Li. Aber das sagt sie natürlich nicht.

»Hätte ich vorher laufen können …«

»Du weißt, dass das keine Entschuldigung ist.«

»Sie waren widerlich und …«

»Max, ich will gar nicht wissen, was sie getan haben. Du sollst dich einfach aus so was raushalten! Du weißt, wie sie sind!«

Sie ist sauer. Ich beiße mir auf die Lippe, bis ich Blut schmecke.

»Geh, wasch dich und zieh dich um. In einer Viertelstunde gibt es Essen.«

Sie dreht sich um und geht aus dem Zimmer. Ich spiegele mich in der Fensterscheibe und sehe meine demolierte Visage.

Verdammt.

Nina

Ich schaue hinaus. Kurz bevor wir nach links in Richtung GG1 abbiegen, erkenne ich das Mädchen, das mich im Flur angerempelt hat. Sie ist nicht allein, und alle zeigen sie auf das Auto. Das Mädchen starrt uns am längsten hinterher und spuckt dann mit deutlichem Widerwillen aus, ehe sie sich umdreht und von einer Freundin mitziehen lässt. Ich bin heilfroh, dass sie mich nicht sehen können.

Ich nehme meinen HC aus der Tasche und blättere durch meine Hausaufgaben. Es ist ein älteres Modell, bei dem man noch ziemlich viel selbst eingeben muss. Ansonsten unterscheidet es sich wenig von dem in meiner früheren Schule. Arbeit lenkt mich ab. Also nehme ich meinen Digi-Stift und beginne mit einer der Aufgaben. Zwischendurch zeichne ich an den Rand. Erik hat die DNS-Nachrichten eingeschaltet.

»Die Lebensmittelbank in Viertel Sieben wurde heute schwer beschädigt. Eine wütende Menschenmenge hat das Gebäude gestürmt, weil dort nicht länger Punkte eingetauscht werden können. Ein in einem Schneeball verborgener Stein hat die Scheibe zertrümmert, und das war für die nasse Menge das Signal, das Heft in die eigene Hand zu nehmen. Es wird davon ausgegangen, dass die NATU …«

»Zu!« Die Wand zwischen Erik und mir schiebt sich hoch. Ich will es nicht hören. Wieder Viertel Sieben. Wieder Ausschreitungen. Wieder die NATU, die Nationale Allianz gegen Terror und Unterdrückung. Paps ist zurzeit öfter in der Zonenverwaltung als daheim. Als vor anderthalb Jahren die Viertel abermals überflutet wurden, gewann die NATU rasch Zulauf. Paps schweigt sich weitgehend dazu aus. Ich weiß, dass es auch in den anderen vier Zonen Probleme gibt.

Mein Digi-Stift kratzt über den Bildschirm.

Wir erreichen das doppelt bewachte Tor von GG1 und unterziehen uns der gleichen Kontrolle wie auf dem Hinweg. Als die Wachleute merken, dass ich einen neuen HC habe, wird auch der durchleuchtet.

Ich frage mich, wo Nikki wohnt. Es erscheint vielleicht verrückt, dass ich sie noch nie gesehen habe. Aber so merkwürdig ist es nicht. Hier lebt jeder auf seiner eigenen kleinen Insel.

Als wir die Auffahrt hinauffahren und Erik das Garagentor öffnet, entdecke ich Paps’ Dienstwagen.

Er ist also zu Hause.

Erik hält mir die Wagentür auf. Als ich an der Küche vorbeikomme, lächelt mir Maria zu, während sie sich bückt, um etwas in den Backofen zu schieben. Ihr dickes schwarzes Haar hat sie wie immer hochgesteckt und mit einer bunten Stoffblume geschmückt. Ich gehe die Treppe hinauf, bevor sie sich aufrichten kann, und verschwinde in meinem Zimmer.

Nach einer Weile blinkt die DNS-Leuchte auf meinem Bildschirm, und Marias Stimme hallt durchs Zimmer.

»Essen ist fertig, Nina!«

Ich habe gerade mit Van Kralingens Aufgabe über Zeitoun angefangen. Das Buch handelt von einem Mann, der eine Flutkatastrophe im Süden dessen überlebt, was damals die Vereinigten Staaten waren. Aber was da geschah, ist nichts im Vergleich zu dem, was hier passiert ist, und außerdem schon lange her! Die Vereinigten Staaten gibt es überhaupt nicht mehr. Warum müssen wir etwas von vor zig Jahren lesen, während im Hier und Jetzt … Verärgert klappe ich den HC zu.

Ich sause die Treppe hinunter und ignoriere Isas Zimmer. Bestimmt ist Mams heute wieder dort gewesen. Genau wie gestern. Und vorgestern.

Im Speisezimmer sitzen sich Paps und Mams an den Kopfenden des langen Tischs gegenüber. Die Vorhänge sind halb geschlossen, und die mit Kirschholz getäfelten Wände machen das Zimmer schwer und dunkel. Als ob die Atmosphäre nicht auch so schon bedrückend genug wäre.

Ich nehme in der Mitte Platz, gegenüber der Stelle, an der Isa immer saß. Paps dankt für das Essen. Wachsam beobachte ich meine Eltern. Mams ist blass. Sie hat ihre dünnen Finger so fest zusammengepresst, dass ihre Knöchel kreideweiß hervortreten. Ihre Lider zittern, als könnte sie jeden Moment in Tränen ausbrechen. Es wäre nicht das erste Mal.

Ich ähnele ihr. Wir haben beide die gleichen honigblonden Locken und diesen breiten Mund. Unsere Wangen sind mit Sommersprossen übersät, und unser spitzes Kinn ragt etwas zu weit hervor. Mams war Kinderärztin im Krankenhaus. Bis vor einem halben Jahr.

Paps ist wie immer: dominant und ganz er selbst. Man sieht ihm an, dass er nicht mehr der Jüngste ist – er wirkt etwas aufgedunsen und hat ein kleines Bäuchlein –, und doch besitzt er etwas Jungenhaftes. Seine angegrauten Schläfen verleihen ihm die Autorität, die er als Gouverneur der Fünften Zone braucht. Isa hatte seine Augen; von einem klaren Blau und stechend; Augen, die einen immer zu durchbohren schienen.

Als Paps mit der Danksagung fertig ist, richtet er seinen Blick auf mich.

»Na, wie war’s in der Schule?«

Maria beginnt das Fleisch zu schneiden, während Paps ihr seinen Teller hinhält.

»Okay«, murmele ich.

»Erik hat dich bis ans Tor gebracht?«

»Hm, hm.«

Irgendwie erwarte – nein: hoffe ich – dass er weiterfragt, aber seine ganze Aufmerksamkeit gilt jetzt dem Stück Fleisch, das Maria ihm auf den Teller legt. Die Uhr tickt hörbar. Paps schmatzt. Rote Flüssigkeit läuft ihm das Kinn herunter. Sofort sehe ich den Jungen aus der Schule vor mir. Sein Blut, das ihm genau so vom Kinn tropfte. Ich starre auf das Fleisch vor mir auf meinem Teller. Als Maria die Kartoffeln und das Gemüse bringt, schiebe ich schnell den größten Teil beiseite.

Mams isst kaum etwas; vielleicht ein bisschen Gemüse und ein wenig von ihrer Kartoffel. Sie schiebt ihr Essen bloß hin und her und schaut immer wieder auf den leeren Platz mir gegenüber.

Sagt doch was! Diese Stille macht mich verrückt.

Die Tür zu Paps’ Arbeitszimmer geht auf, und ein junger Mann in einem tadellosen, grau gestreiften Anzug kommt herein. Er trägt einen Ohrhörer und dazu den neuesten, halb in seinen Unterarm integrierten HC. Felix Samuel Feliks, Paps’ persönlicher Assistent.

Er ist nur wenige Jahre älter als ich, zweiundzwanzig, höchstens dreiundzwanzig. Ich weiß noch genau, was Isa sagte, als sie ihn zum ersten Mal sah: »Den muss ich haben, Nini!« Isa bekam immer alles, was sie sich in den Kopf gesetzt hatte. Aber Felix Feliks war selbst für sie unerreichbar. Natürlich ist er immer höflich und charmant. Er lächelt und hat uns, die Brandsma-Töchter, immer mit kleinen Komplimenten bedacht. Ebenso Mams, die ich ein Mal sogar erröten sah, als er sie »die schöne Helena« nannte, wen immer er damit auch gemeint haben mag. Aber letztendlich bleibt er immer auf Distanz.

Ich gebe zu, mit seinen blonden Seidenhaaren und den intelligenten blauen Augen ist er keineswegs unattraktiv. Aber ganz verstehen konnte ich Isas Schwärmerei für ihn nie. Einmal, ich war etwas früher aus der Schule gekommen, stieß ich mit ihm zusammen, als er aus Paps’ Arbeitszimmer trat. Unsere Blicke trafen sich, und die Verbissenheit, die ich in seiner Miene las, erschreckte mich. Natürlich entschuldigte er sich sofort. Er legte seine Hand auf meinen Arm und schenkte mir sein perfektes Lächeln; das Lächeln, mit dem er Isa zufolge »alles bei einem erreichen« konnte. Isa wusste gar nicht, wie recht sie damit hatte, durchzuckt es mich. Denn inzwischen ist Felix aus dem Brandsma-Haushalt gar nicht mehr wegzudenken.

Felix steuert direkt auf Paps zu und flüstert ihm etwas ins Ohr. Seine samtweiche Stimme ist das einzige Geräusch im Raum. Er zeigt auf seinen HC, tippt auf den Bildschirm und hält ihn Paps unter die Nase. Paps liest. Er ist die Ruhe selbst. Mit seiner Serviette tupft er sich das Blut vom Kinn. Er steht auf, nickt mir kurz mit dem Kopf zu und tätschelt Mams im Vorbeigehen die Schulter. Felix folgt ihm ins Arbeitszimmer. Sobald sich die Tür hinter ihnen geschlossen hat, nehme ich undeutlich ihre erhitzten Stimmen wahr.

Ich schaue auf meinen Teller und dann zu Mams. Wir blicken uns gegenseitig an. Sie guckt weg. Ich entschuldige mich und flüchte die Treppe hinauf. Das Essen bleibt unangerührt liegen.

Max

Li verpasst mir einen Schlag auf die Birne, als er in die Küche kommt. Er lässt sich auf einen der alten Stühle neben mir fallen. Das Ding knarrt beängstigend.

»He!«, protestiere ich schwach, während ich mir über den Hinterkopf reibe.

»Erzähl, Kleiner! Wer, was, wo?«

Er kippelt. Ma dreht sich weg vom Herd, den Topf in den Händen, und stellt ihn vor uns auf den Tisch.

»Liam! Ein Stuhl hat vier Beine!«

»Was?« Er wirft die Hände in die Luft und zwinkert mir zu. Ich kann ein Grinsen nicht unterdrücken. Unzählige Male haben Li und ich uns gegenseitig verprügelt. Und unzählige Male haben wir uns gegenseitig aus dem Schlamassel geholfen.

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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