ZWISCHENFALL AUF ISLAND - Bill Knox - E-Book

ZWISCHENFALL AUF ISLAND E-Book

Bill Knox

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  • Herausgeber: BookRix
  • Kategorie: Krimi
  • Sprache: Deutsch
  • Veröffentlichungsjahr: 2020
Beschreibung

Peinlich: Die britische Krone erbt Anteile einer Fluggesellschaft, die sich nebenher mit Schmuggelgeschäften befasste! Jonathan Gaunt, Ermittler für das Schatzamt der Königin, sieht bereits die Schlagzeile vor sich: DIE QUEEN ALS SCHMUGGLERBOSS? In Reykjavik angekommen, stellt Gaunt fest, dass es obendrein obskure Querverbindungen zu einem von US-Konzernen finanzierten Ausbildungslager gibt. Und dass er mit seinen Ermittlungen in ein gefährliches Wespennest gestochen hat... Der Roman ZWISCHENFALL AUF ISLAND von Bill Knox (* 1928 in Glasgow; † März 1999) erschien erstmals im Jahr 1979; eine deutsche Erstveröffentlichung erfolgte 1980. Der Apex-Verlag veröffentlicht eine durchgesehene Neuausgabe dieses Klassikers der Kriminal-Literatur in seiner Reihe APEX CRIME.

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Seitenzahl: 189

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Bill Knox

 

 

Zwischenfall auf Island

 

Roman

 

 

 

 

Apex Crime, Band 60

 

 

Apex-Verlag

Inhaltsverzeichnis

Das Buch 

 

ZWISCHENFALL AUF ISLAND 

Erstes Kapitel 

Zweites Kapitel 

Drittes Kapitel 

Viertes Kapitel 

Fünftes Kapitel 

Sechstes Kapitel 

Siebtes Kapitel 

 

 

Das Buch

 

Peinlich: Die britische Krone erbt Anteile einer Fluggesellschaft, die sich nebenher mit Schmuggelgeschäften befasste! Jonathan Gaunt, Ermittler für das Schatzamt der Königin, sieht bereits die Schlagzeile vor sich: DIE QUEEN ALS SCHMUGGLERBOSS?

In Reykjavik angekommen, stellt Gaunt fest, dass es obendrein obskure Querverbindungen zu einem von US-Konzernen finanzierten Ausbildungslager gibt. Und dass er mit seinen Ermittlungen in ein gefährliches Wespennest gestochen hat...

 

Der Roman Zwischenfall auf Island von Bill Knox (* 1928 in Glasgow; † März 1999) erschien erstmals im Jahr 1979; eine deutsche Erstveröffentlichung erfolgte 1980.  

Der Apex-Verlag veröffentlicht eine durchgesehene Neuausgabe dieses Klassikers der Kriminal-Literatur in seiner Reihe APEX CRIME.

   ZWISCHENFALL AUF ISLAND

 

 

 

 

  Erstes Kapitel

 

 

Selbst der schottische Winter schien dem Gleneagles King’s Course gebührenden Respekt erweisen zu wollen. Die Neuschneedecke, die auf den Bergen von Perthshire lag, endete knapp vor den Spielbahnen des bekannten Golfclubs, und die fahlgelbe Wintersonne gab sich redlich Mühe, etwas angenehmere Temperaturen zu schaffen. Allein die Vorstellung, dass in nur wenigen Kilometern Entfernung die Hänge voller Skifahrer waren, wirkte beinahe lächerlich.

Jonathan Gaunt beeindruckte das alles wenig. Er stand auf dem Erdwall hinter dem achtzehnten Loch im sogenannten Grün. Im Hintergrund lag das elegante Fünfsternehotel Gleneagles mit seinen grauen Steinfassaden. Gaunt war mittlerweile klar geworden, dass Golf für ihn kein Spiel zum Zuschauen war. Er überlegte sogar frevelhafterweise, wie viele Tonnen Kartoffeln man erwirtschaften könnte, wenn man aus dem sechseinhalb Kilometer langen Golfplatz Ackerland machen würde.

Außer Jonathan Gaunt beobachteten noch ungefähr zwölf weitere Zuschauer die beiden Golfspieler, die jetzt langsam auf das Loch im Grün zugingen. Sie hatten ihre Bälle fast gleich nah an die Lochflagge geschlagen, was ihnen den gedämpften Beifall der Umstehenden eingetragen hatte.

Gaunt zuckte mit den Achseln und sah den untersetzten Mann an, der neben ihm stand. Henry Falconer, ein leitender Beamter des Queen’s and Lord Treasurer’s Remembrancer, einer Unterabteilung des britischen Finanzministeriums, war in seiner ungewöhnlichen Freizeitbekleidung kaum wiederzuerkennen. Er hatte seinen üblichen dunklen Einreiher mit einer hellblauen Wollmütze, einer roten, viel zu engen Kordhose und einem grellbunten, handgestrickten Pullover vertauscht.

Falconer hatte Gaunt zu unchristlich früher Stunde angerufen und ihn aufgefordert, nach Perthshire zu kommen, Gaunts Pläne für einen gemütlichen Sonntagmorgen waren damit zunichte gemacht worden. Als Gaunt schließlich am Gleneagles Hotel eingetroffen war, hatte er Falconer auf dem Golfplatz gefunden, wo dieser fasziniert das Spiel verfolgte und entschlossen schien, sich dabei durch nichts stören zu lassen.

»Einer von beiden sollte ein Paar mit fünf Schlägen versuchen«, murmelte Falconer unvermittelt, als er Gaunts Blick auffing. »Es wird ein interessantes Finish geben.«

»Amen«, seufzte Gaunt gelangweilt.

Gaunt war erst nach drei Uhr morgens in seine Wohnung in Edinburgh zurückgekommen. Er hatte die Nacht in einem Jazzclub verbracht und dann zu Hause feststellen müssen, dass die Heizung in seinem Apartment wieder einmal nicht funktionierte. Kurz darauf hatte Falconer ihn angerufen, und die Fahrt auf teilweise vereisten Straßen in Richtung Norden war auch kein Vergnügen gewesen. In der eiskalten, klaren Luft des Hochlands hatte er Kopfschmerzen bekommen, und das Spiel unten auf dem Golfrasen war wirklich das letzte, was ihn interessierte.

Eine große, schlanke Rothaarige, die nur wenige Meter entfernt das Spiel beobachtete, erregte Gaunts Aufmerksamkeit. Gaunt konnte ihre Formen unter den vielen Pullovern und Hosen, die sie offensichtlich übereinander trug, nur ahnen. Aber das genügte bereits. Ihre Blicke trafen sich, und sie verzog das Gesicht zu einer gelangweilten Grimasse. In diesem Moment erreichten die beiden Golfspieler, ein amerikanischer Diplomat und ein arabischer Ölscheich, das Grün.

Während sich die zwei Golfspieler und ihre Caddies zum Finish bereitmachten, sah Gaunt erneut zu Falconer hinüber. Doch dieser konzentrierte sich ausschließlich auf das Spiel auf dem Rasen.

Gaunt seufzte. Ein ärgerlicher Ausdruck trat in sein kantiges, sommersprossiges Gesicht, als er die Hände tiefer in den Taschen seiner Lederjacke vergrub. Er würde warten müssen. Geduld war allerdings nicht seine starke Seite. Gerade das beanstandete Falconer häufig und redete ihm ins Gewissen, den Maßstäben gerecht zu werden, die man bei Regierungsbeamten anlegte, besonders wenn es sich um einen Revisor im Außendienst des Queen’s Remembrancer handelte.

Wie ein Regierungsbeamter sah Gaunt allerdings kaum aus. Er war Anfang Dreißig, groß und athletisch gebaut, und hatte ein kantiges Gesicht mit melancholischen grünen Augen, die sein Temperament widerspiegelten. Hätte man Falconer um eine Beschreibung Gaunts gebeten, hätte er sicher hinzugefügt, dass Gaunts zu langes, blondes Haar meistens schlecht frisiert war, dass er Erfolg bei Frauen hatte und sich immer zu leger kleidete. Gemessen am vornehmen Publikum von Gleneagles, konnte man Gaunt in seiner alten Lederjacke, der braunen Hose, dem grauen Wollhemd und den bequemen Mokassins kaum als sportlich elegant bezeichnen.

»Jetzt!«, zischte Falconer plötzlich.

Im nächsten Moment ging ein enttäuschtes Raunen durch die Reihen der Zuschauer, als der Putter des Amerikaners das Loch nur um wenige Zentimeter verfehlte. Sein Gegner machte einen Schritt vorwärts, schlug seinen Ball ebenfalls mit senkrechter Schlagfläche und traf genau ins Loch. Damit hatte der Araber das Loch und die Partie gewonnen. Ein zynisches Lächeln umspielte Gaunts Mundwinkel, als der Amerikaner anschließend seinen Ball mit einem sicheren Schlag aus dem Handgelenk ins Loch beförderte.

»Er hat den Scheich absichtlich gewinnen lassen, Henry«, bemerkte Gaunt tonlos, als die beiden Spieler ihre Caddies entließen und zum Clubhaus hinübergingen. »Nennt man das Diplomatie?«

Falconer nickte enttäuscht. »Wahrscheinlich. Wir müssen eben alle unsere Opfer bringen.«

Sie blieben noch einen Moment auf ihren Plätzen stehen, während die übrigen Zuschauer die kleine Tribüne bereits verließen. Unter diesen war auch die hübsche Rothaarige. Sie ging zu dem Amerikaner hinüber, der einen Arm um ihre Schultern legte.

»Ich spendiere Ihnen einen Drink«, schlug Falconer unvermittelt vor.

In Gaunts Ohren klang diese Einladung eher wie eine Warnung.

 

An der Club-Bar war verhältnismäßig wenig Betrieb, was Falconer nur recht zu sein schien. Er bestellte zwei Whisky der Marke Auchentoshan, gab ein paar Tropfen Wasser in jeden Drink, bezahlte und führte Gaunt zu einem freien Ecktisch. Dort nippte er eine Weile schweigend an seinem Whisky und beobachtete, wie Gaunt dasselbe tat.

»Also gut, kommen wir zur Sache«, begann er schließlich. »Sagen Sie, was halten Sie eigentlich von unserer Königin als Frau?«

»Darüber habe ich mir noch nie Gedanken gemacht«, antwortete Gaunt und zog fragend die Augenbrauen hoch. »Warum?«

»Für ihr Alter sieht sie doch noch sehr gut aus, und sie hat eine prima Figur.« Falconer spitzte nachdenklich die Lippen. »Ich persönlich mag sie. Von ihrer Familie kann ich das allerdings nicht behaupten, aber gerade mir steht ein Urteil nicht zu.«

Gaunt grinste. Henry Falconer hatte nie ein Geheimnis daraus gemacht, dass er Angst vor seiner Frau hatte. In seinem Büro in Edinburgh stand nur deshalb eine große Standuhr, weil Mrs. Falconer sie nicht in der Wohnung duldete. Sie behauptete, die Uhr würde nicht zur Tapete passen.

»Weiter«, forderte Gaunt Falconer auf. »Die Sache fängt an, interessant zu werden.«

Falconer runzelte die Stirn, trank einen Schluck Whisky und stützte die Ellbogen auf den Tisch.

»Ich meine, vielen Engländern geht es wie mir. Es gibt sogar einige treue Untertanen, die ihr testamentarisch etwas vermachen... es handelt sich dabei meistens um kleine Zeichen ihrer Verehrung. Wenn das passiert, dann hat unsere Abteilung damit zu tun, und das ist gewöhnlich kein Vergnügen.«

»Augenblick!«, unterbrach Gaunt ihn ärgerlich. »Haben Sie mich hierherbeordert, weil irgendeine alte Jungfer der Königin eine Teekanne hinterlassen hat?«

»Nein. Ich dachte, Sie sind schon froh, wenn es nichts mit Golf zu tun hat«, sagte Falconer leichthin und musterte Gaunt dabei wachsam. »Aber eine unverheiratete Lehrerin namens Violet Douglas ist kürzlich in Aberdeen gestorben und hat ihr gesamtes Vermögen der Königin hinterlassen. Zuerst hat es so ausgesehen, als handle es sich nur um ein paar hundert Pfund, die das Königshaus sofort für karitative Zwecke gespendet hätte.« Falconer verzog das Gesicht. »Aber plötzlich ist die Sache zum Alptraum geworden. Zu Miss Douglas’ Vermögen gehört auch eine fünfzigprozentige Beteiligung an einem sehr einträglichen Alkoholschmuggelgeschäft.«

»Wirklich?« Gaunt grinste ungläubig.

»Ja, wirklich!«, schnaubte Falconer. Sein Gesicht nahm die Farbe seiner Golfhose an, als sich mehrere Clubgäste nach ihnen umsahen, und er fügte flüsternd hinzu: »Nur ein Bordell hätte noch schlimmer sein können.«

»Aber es ist keines«, sagte Gaunt. »Und wo hat dieses Unternehmen seinen Sitz?«

»In Island.«

»Hm, das liegt immerhin nicht zu nahe.« Gaunts Lächeln erstarrte. Die Insel Island weckte Erinnerungen in ihm, auf die er gut verzichten konnte. »Und die Kabeljaukriege sind doch jetzt vorbei, Henry.«

»Ja, aber die Isländer haben sie nicht vergessen«, entgegnete Falconer grimmig. »Wenn durchsickert, dass die Königin in den Schmuggel mit Alkohol verwickelt ist, dann schlachten sie das sicher weidlich aus.«

»Und lachen sich dabei ins Fäustchen«, bemerkte Gaunt und ahnte in diesem Moment bereits, was kommen würde. Die Sache gefiel ihm immer weniger.

»Diese Miss Douglas ist vor einer Woche gestorben... und zwar eines natürlichen Todes«, fuhr Falconer fort. »Sie war sechzig Jahre und lag seit längerer Zeit krank darnieder.« Er trank einen Schluck Whisky. »Kurz nach ihrem Tod haben wir erfahren, dass ihr jüngerer Bruder James, ihr einziger Verwandter, bereits vor einem Monat in Island ums Leben gekommen war. Die Isländer hatten Schwierigkeiten gehabt, seine Familie in England ausfindig zu machen.«

»Er ist ums Leben gekommen? Was heißt das?«, erkundigte sich Gaunt.

»Douglas hatte einen Unfall... Es ist auf irgendeinem kleinen Flugplatz passiert.« Falconer hielt die Angelegenheit offensichtlich für unwichtig. »Er war an einer Lufttransportgesellschaft namens Arkival Air beteiligt, die auch Charterflüge für Touristen durchführt. Douglas ist Privatpilot gewesen. Die Arkival Air ist nach außen hin ein durchaus solides Unternehmen. Unsere Botschaft in Reykjavik hat allerdings von Kontaktleuten bei der isländischen Polizei den Hinweis erhalten, dass eine Schmugglerorganisation dahintersteckt, welche die isländischen Einfuhrbestimmungen für Alkohol erfolgreich unterläuft.«

»Und die diesbezüglichen Gesetze sind in Island verdammt streng«, überlegte Gaunt. »Der Alkoholgenuss ist staatlich reglementiert, und es gibt nur alkoholfreies Bier. Also ein ideales Absatzgebiet für Schmuggelware.«

»Richtig.« Falconer musterte Gaunt verwirrt und überrascht zugleich. »Douglas ist jedenfalls britischer Staatsbürger mit einem Zweitwohnsitz in Schottland gewesen. Und da er kein Testament hinterlassen hat und vor seiner Schwester gestorben ist, war sie seine rechtmäßige Erbin... Und genau an diesem Punkt wird’s für uns problematisch.« Er lehnte sich seufzend auf seinem Stuhl zurück. »Mein Chef hat die Akte gestern bekommen und mich sofort angerufen. Meine Frau hat ihm natürlich gesagt, dass ich übers Wochenende zum Golfspielen nach Gleneagles gefahren bin...«

»Wo sich die Leute mit den dicken Brieftaschen ein Stelldichein geben«, fiel Gaunt trocken ein.

»Ich wohne nicht im Hotel, sondern in einer kleinen Pension am Ende der Straße«, sagte Falconer. »Aber das tut nichts zur Sache. Der Remembrancer hat mich jedenfalls hier angerufen, und wir sind übereingekommen, so schnell wie möglich einen Mann nach Island zu schicken, der Douglas’ Anteile an der Firma Arkival Air veräußern soll, bevor jemand von der Sache Wind bekommt.« Falconer machte eine Pause und sah Gaunt schadenfroh an. »Ich erwarte nicht, dass Sie jetzt vor Freude Luftsprünge machen, aber Sie werden morgen von Glasgow abfliegen. Der Flug ist bereits gebucht.«

Eine Reise nach Island war so ziemlich das Letzte, was Gaunt sich wünschte. Stirnrunzelnd lehnte er sich auf seinem Stuhl zurück, zündete sich eine Zigarette an und suchte krampfhaft nach einem Ausweg.

»Ich sollte doch eigentlich unseren Kollegen von der Industrieaufsicht bei der Aufklärung der Steuerhinterziehungssache bei der Küstenschifffahrt helfen...«

»Das hat Zeit«, unterbrach Falconer ihn brüsk. »In Island werden Sie kaum Schwierigkeiten haben. Die Isländer sind im Großen und Ganzen sehr zivilisierte Leute. Die Landessprache soll angeblich ein schrecklicher germanischer Dialekt aus dem zwölften Jahrhundert sein, aber die meisten sprechen ein besseres Englisch als wir.«

»Sind alle rechtlichen Schritte hier eingeleitet? Ich meine Testamentsvollstrecker, Anwälte, das Nachlassgericht...«

»Alles schon erledigt.« Falconer strahlte über das ganze Gesicht. »Violet Douglas' Testamentsvollstrecker ist ein angesehener schottischer Anwalt, der auf einen Titel scharf ist. Und wenn es um das Ansehen der Krone geht, hat der Queen’s Remembrancer natürlich besondere Vollmachten.«

»Die Sache kann also hingebogen werden.« Gaunt nickte trübsinnig.

Falconer hatte recht. In kritischen Situationen fand der hohe Regierungsbeamte, der den mittelalterlichen schottischen Titel des Remembrancer trug, immer einen Ausweg.

Im Mittelalter hatten die Remembrancer des Königs nur auf diese Weise Kopf und Kragen retten können. Damals sind sie noch die Kammerdiener des jeweiligen Souveräns gewesen, denen vorrangig die Aufgabe zugekommen war, den König oder die Königin an wichtige Dinge zu erinnern.

Im Laufe der Jahrhunderte hatten sich jedoch auch dieses Amt und sein Aufgabenbereich gewandelt. Der Remembrancer des zwanzigsten Jahrhunderts hat seinen Sitz im Gebäudekomplex des schottischen Finanzministeriums in der George Street in Edinburgh. Seine Abteilung umfasst zwar nur knapp siebzig Mitarbeiter, die jedoch an fast allen wichtigen Regierungsgeschäften in Schottland beteiligt waren. Der Remembrancer hat sogar ein eigenes Gericht, und in seiner Abteilung werden Fälle bearbeitet, für die niemand sonst zuständig ist.

»Was ist los?«, erkundigte sich Falconer ungeduldig.

Gaunt fuhr aus seinen Gedanken auf und rieb sich das Kinn. »Nichts. Jedenfalls nichts Besonderes. Ich habe nur nachgedacht.«

»Wirklich?« Falconer musterte Gaunt beinahe besorgt. »Sie nehmen doch normalerweise gern jede Gelegenheit, zu verreisen, wahr. Vor allem, wenn Sie... nun, wenn Sie ein privates Problem haben.«

Gaunt verzog sein Gesicht zu einem halbherzigen Grinsen und schüttelte den Kopf. Sein Gegenüber war einer der wenigen Leute, die ihn wirklich gut kannten. Allerdings gab es einen Punkt in Gaunts Leben, von dem Falconer entweder nichts ahnte, oder den er momentan vergessen hatte.

»Na gut.« Falconer war offensichtlich erleichtert. »Was machen Ihre Börsengeschäfte?«

»Hm, da sieht’s schlecht aus«, musste Gaunt zugeben. Falconer wusste, dass Gaunt gern an der Börse spekulierte. »Meine Zinnaktien sinken täglich. Dabei wollte ich damit meinen Urlaub finanzieren.«

»Erwarten Sie von mir bitte kein Mitleid«, murmelte Falconer mit unbewegter Miene. »Ich muss heute Abend zu meiner Frau zurück.« Er trank sein Glas Whisky aus und warf einen bedeutungsvollen Blick auf die Uhr. »Schade, dass Sie zum Mittagessen nicht bleiben können. Sobald Sie wieder in Edinburgh sind, bringt ein Bote Ihnen die Akte, das Flugticket und alles, was Sie brauchen. Je weniger Leute wissen, dass Sie in Island sind, desto besser. Morgen kommen Sie am besten nicht mehr ins Büro. Ich werde sagen, Sie hätten sich krank gemeldet.«

Damit war für Falconer die Unterredung offensichtlich beendet. Gaunt stand auf.

»Bleiben Sie noch hier, Henry?«, fragte er.

»Natürlich. Schließlich bin ich hergekommen, um Golf zu spielen«, erwiderte Falconer grimmig. »Wenn man erst mal in meinem Alter ist, dann lässt man sich nicht so leicht von was abbringen.«

»Ich werd’s mir merken«, antwortete Gaunt. »Leute wie Sie gibt es leider nur wenige.«

Damit verließ er das Clubhaus und ging zum Parkplatz hinüber, auf dem fast ausschließlich Bentleys und Rolls-Royce-Limousinen standen. Gaunts staubiger Chrysler Alpine wirkte dort beinahe deplatziert.

Jonathan Gaunt stieg in sein Auto, ließ den Motor an, schaltete die Heizung ein, zündete sich eine Zigarette an und rauchte ein Weilchen nachdenklich.

Island, dachte er. Er war vor einigen Jahren schon einmal kurz auf der Insel gewesen. Danach hatte er das Bedürfnis gehabt, sie nie mehr wiederzusehen.

Lieutenant Jonathan Gaunt, Angehöriger des königlich britischen Fallschirmjägerregiments, war damals im Rahmen einer NATO-Übung mit seiner Truppe von England aus zum amerikanischen Luftwaffenstützpunkt Keflavik auf Island geflogen. Eine Stunde nach der Landung auf der Insel waren sie erneut mit einem Flugzeug ins Landesinnere unterwegs gewesen, wo sie über einer der Lavawüsten abspringen sollten, welche die Isländer Obyggdir nennen. Dort sollte dann das Kriegsspiel mit den Amerikanern beginnen.

Theoretisch war es eine glatte, einfache Sache gewesen. Aber dann hatte sich sein Fallschirm nicht geöffnet, und was sich dann zugetragen hatte, war ein schrecklicher Alptraum gewesen. Als die Amerikaner eintrafen, konnten sie ihn nur noch mit gebrochenem Rückgrat ins nächste Krankenhaus fliegen. Seine Offiziers-Karriere war damit beendet gewesen.

Gaunt zuckte mit den Schultern und zog an seiner Zigarette. Damals war es Sommer mit Mitternachtssonne, Regen und schwarzen Fliegenschwärmen gewesen. Der isländische Winter war sicher nicht minder »interessante

Er legte die Hand auf den Knauf des Schalthebels und wollte gerade losfahren, als ein kleiner, azurblauer Volkswagen auf den Parkplatz einbog. Die Fahrerin, eine elegante, ungefähr fünfunddreißigjährige Brünette mit guter Figur, stieg aus.

Für Jonathan Gaunt war sie keine Unbekannte. Sie hieß Hannah und war Henry Falconers Sekretärin. Ihrer Kleidung nach zu schließen, kam sie heute allerdings wohl kaum zum Arbeiten nach Gleneagle.

Gaunt lächelte vor sich hin. Er wartete, bis die hübsche Brünette im Clubhaus verschwunden war, dann fuhr er aus der Parklücke heraus.

Das, was Hannah in Gleneagle machte, ging ihn wirklich nichts an.

 

Auf der achthundert Kilometer langen Strecke zwischen Glasgow und Keflavik verkehrten Maschinen vom Typ Boeing 727 von der Fluggesellschaft Icelandair, die man der Werbewirksamkeit halber Saga-Jets getauft hatte.

Am Spätnachmittag des folgenden Montags stieß eine dieser Maschinen, die außerhalb der Touristensaison nur halb besetzt war, beim Landeanflug durch die dichte Wolkendecke und war plötzlich mitten in einem Schneesturm.

Jonathan Gaunt hörte von seinem Fensterplatz in der Touristenklasse aus, wie die Triebwerke der Boeing erneut aufheulten. Dann neigte sich die Maschine leicht zur Seite und machte eine weite Schleife. Der Grund für dieses Manöver war für jeden Fluggast unschwer zu erkennen. Dicke Schneeflocken wirbelten gegen die Scheiben des Flugzeugs, und tief unten auf dem Zielflugplatz blinkten rote Warnleuchten in der Dämmerung der schon früh hereinbrechenden nordischen Winternacht, als Schneepflüge fieberhaft gegen die Schneedecke auf der Hauptstart- und -landebahn ankämpften.

Gaunt seufzte resigniert, lehnte sich auf seinem Sitz zurück, sah, dass das No smoking-Zeichen noch aufleuchtete und nahm die Akte aus dem Büro des Remembrancer aus dem Aktenkoffer.

Wie Falconer versprochen hatte, war die Akte kurz nach Gaunts Rückkehr nach Edinburgh zusammen mit dem Flugticket, der Quittung über eine Hotelreservierung und einem dicken Bündel isländischer Kronenscheine samt Spesenabrechnungsformularen der Finanzbuchhaltung von einem Boten bei ihm abgegeben worden.

Die wenigen Stunden, die Gaunt an diesem Sonntag noch verblieben waren, hatte er allerdings nicht mit dem Aktenstudium, sondern mit Freunden beim Poker und mit einer hübschen Brünetten verbracht, die sich als Physiotherapeutin eines Krankenhauses nicht nur für seine Rückenmuskeln interessierte, sich jedoch im Laufe der Zeit an die Tatsache hatte gewöhnen müssen, dass Gaunt sich nicht fester binden wollte.

Trotzdem hatte der Abend nicht ganz so geendet, wie beide es sich vorgestellt hatten, und Gaunt war in seinem Bett nachts mehrmals schweißgebadet aus Alpträumen aufgewacht, in denen er den Fallschirmabsturz wieder erlebt hatte. Am folgenden Morgen war er schließlich müde und zerschlagen aufgestanden, hatte seine Reisetasche gepackt, der Zugehfrau eine kurze Nachricht hinterlassen und war mit seinem Wagen zum Flugplatz nach Glasgow gefahren.

Während die Boeing weiter über Keflavik kreiste, versuchte Gaunt seine Erinnerungen energisch auszuschalten. Er hatte die Akte während des Fluges bereits zweimal durchgelesen, und als er sie nun erneut überflog, prägte er sich die wichtigsten Informationen ein.

Da war zuerst das kurze Schreiben eines Anwalts aus Aberdeen, der Violet Douglas’ Testamentsvollstrecker gewesen war, und der Gaunt darin formell sämtliche Vollmachten bezüglich des Vermögens der Toten übertragen hatte. Es folgten die Fotokopien von Briefen und Schriftstücken aus der Korrespondenz der britischen Botschaft in Reykjavik, die Violet Douglas als einzige Verwandte und Erbin ihres Bruders ausfindig gemacht hatte.

Gaunt überblätterte diesen Teil der Akte und befasste sich dafür eingehender mit dem vertraulichen Bericht eines Botschaftsangehörigen, der die Angelegenheit damit abzuschließen gehofft hatte, ohne zu ahnen, wieviel Staub sie noch aufwirbeln würde.

Zum Zeitpunkt seines Ablebens hatte James Douglas 49 Prozent des Firmenkapitals der Arkival Air besessen, die als zwar kleiner, aber finanziell gesunder Betrieb galt. Damit hatte Douglas die auf der Insel gesetzlich zulässige maximale Anteilsmenge für Ausländer an einem isländischen Unternehmen innegehabt. Die restlichen 51 Prozent gehörten dem Geschäftsführer der Firma, einem gewissen Lief Ragnarson. Abgesehen von den Büros, Hangars und ähnlichen Einrichtungen stellten zwei zweimotorige Sportflugzeuge vom Typ Cessna die wichtigsten Vermögenswerte der Firma dar, und der Botschaftsangehörige wies in seinem Bericht darauf hin, dass die beiden Maschinen einen Schätzwert von mehr als hunderttausend Pfund hatten.

Der letzte Abschnitt des Berichts war besonders wichtig, denn darin hieß es wörtlich:

Ausstehende Kredite reduzieren das Firmenvermögen allerdings erheblich. Miss Douglas’ Anwalt sollte im Übrigen darauf hingewiesen werden, dass eine Übernahme ihrer Anteile an der Firma Arkival Air peinliche Konsequenzen haben könnte. Ermittlungen der isländischen Polizei haben schon seit längerer Zeit Hinweise darauf ergeben, dass die Firma als Tarnung für ein großangelegtes Alkoholschmuggelunternehmen missbraucht wird. Bisher fehlen jedoch für eine gerichtliche Verfolgung noch ausreichende Beweise, da das isländische Alkoholgesetz bei einem großen Teil der Bevölkerung sehr unbeliebt ist. Lief Ragnarson, ein sehr tatkräftiger Mann, scheint nach Informationen der Polizei der Chef der Schmugglerorganisation zu sein, und man muss daher annehmen, dass auch der verstorbene James Douglas in die Sache verwickelt war.

Gaunt schlug seufzend die Akte zu, verstaute sie wieder in seiner Tasche und nahm die Montagsausgabe der Financial Times zur Hand. Seine Bergwerksaktien standen so schlecht wie immer. An diesem Tag rechnete er sich jedoch genau aus, wieviel er bisher verloren hatte, und wünschte dann, er hätte es nicht getan.

 

Die Boeing musste noch zweimal über Keflavik kreisen, bevor sie endlich die Landeerlaubnis erhielt. Dann allerdings verlor der Pilot keine Zeit mehr. Die Maschine neigte sich so abrupt zur Seite, dass das Bordpersonal aufgeregt durcheinanderlief. Sekunden später hatte die Boeing aufgesetzt und raste an den blinkenden Begrenzungsleuchten der Landebahn vorbei durch eine graue Wand von durcheinanderwirbelnden Schneeflocken. Schließlich bog die Maschine von der Landebahn ab und rollte langsam vor das hellerleuchtete Flughafengebäude. Dort wartete eine kleine Gruppe mit dicken Kapuzenanoraks bekleideter Leute vom Bodenpersonal, und die ersten Fluggäste stiegen aus.

Gaunt schlug den Mantelkragen hoch, als er ins Freie trat, und lief wie die anderen mit eingezogenem Kopf den nur notdürftig freigeschaufelten schmalen Weg zwischen Gangway und Flughafengebäude entlang. Vor der Abfertigungshalle lag bereits eine gut zwei Meter hohe, aufgeschüttete Schneemauer, und es schneite unvermindert heftig weiter. Warme Heizungsluft schlug ihm wie eine Welle entgegen, als er das Gebäude betrat. Ein untersetzter, gelangweilt aussehender Beamter drückte einen Stempel in Gaunts Pass, dann konnte dieser den Durchgang zur Gepäckausgabe passieren.

Gaunt stellte sich vor ein Werbeplakat, zündete sich eine Zigarette an und betrachtete seine Mitreisenden genauer. Es waren einige Geschäftsleute mit den üblichen müden Gesichtern darunter, die man fast immer in Flugzeugen trifft. Die meisten anderen schienen heimkehrende Isländer zu sein, die bereits eifrig mit dem Bodenpersonal die neuesten Nachrichten und den neuesten Klatsch austauschten.

Drei Männer allerdings, die sich von den übrigen etwas abgesondert hatten, fielen Gaunt besonders auf. Alle drei waren ungefähr Ende Zwanzig, trugen sportlich elegante Kleidung, und jeder hatte eine kleine, orangefarbene Flugtasche über der Schulter. Wie Touristen sahen sie jedoch nicht aus. Während zwei sich angeregt unterhielten, schweiften die Blicke des dritten unaufhörlich und aufmerksam durch die Abfertigungshalle.