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1 waagrecht – 's beschte Eckch? 2 senkrecht - Grautier mit el? Robert ist selbständiger Unternehmer und richtet sein Leben nach seinem eigenen Tempo und Belieben. Erst beschäftigt Robert Larner nur das vertrackte Kreuzworträtsel seiner Sonntagszeitung. Diese fünfundfünfzigste Aufgabe stellt sich quer. Schlimmer noch, der Code des Rätsels legt Robert Zugänge zu seiner eigenen Vergangenheit, die er so gar nicht haben möchte. Robert droht daran zu scheitern – am Denksport und am Leben?
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Seitenzahl: 314
Veröffentlichungsjahr: 2017
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Ich zwinkere. Für einen kurzen Augenblick bleibt alles still.
Ich zwinkere nochmals. Ich fliege, lande. Ein dumpfes Geräusch – ein Pfloff fast wie im letzten Asterix-Band während einer Keilerei mit den Römern.
Zuerst ein dumpfer Aufprall, dann ein Knacksen. So wie eines dieser dürren Fichtenästchen, wenn ich darauf trete. Ein zerbrechliches Knacksen. Beinahe wie das Weinglas, das ich letzte Woche beim Abtrocknen etwas zu fest gedrückt hatte. Als ich Mama bei der Abwasch half.
Ein Aufprall, das Knacksen. Jetzt geht das Gewimmere los.
Im Halbdunkel liegend blicke ich unter mich. Während der Aufprall eindeutig unterhalb von mir war, bin ich mir beim Knacksen nicht sicher. Was ist zerbrochen. Etwas da gleich unter mir, etwas bei mir? In mir?
Egal. Das Klagen kommt jedenfalls aus zehn, fünfzehn, zwanzig Zentimetern Nähe, tiefer. Es ist unerträglich. Nicht unerträglich laut, nein. Aber unerträglich nah. Unerträglich er.
Ich stemme meine Arme in den Stütz, mühsam. Ich versuche mich mit Schwung zu erheben. Wieder ein Augenblick scheinbar vollkommener Stille. Ein zweiter Moment Ruhe, als ob mein Aufstehen dem Lärm Pause gebietet. Mein Schrei setzt ein. Ich verspüre wilde Schmerzen. Kreische, während sich mein Wimmern mit dem anderen vermischt – dem Jammern, Brüllen, Weinen.
Ich stehe auf meinen zwei Beinen. Nehme meine staubigen Socken, die zerschlissenen Sportschuhe und gehe zum Licht. An Sophie und Florentina vorbei.
»Hallo, Sophie«, sage ich und trete aus dem Halbdunkel unseres Lieblingsbaumes. Meines Lieblingsbaumes. Meines. Meines.
Eigentlich noch schlaftrunken drehte Robert den dicken Schlüsselbund zweimal herum. Er zog fest an der Tür, die in den kühleren Jahreszeiten klemmte. Geblendet blinzelte Robert mit lichtempfindlichen Augen in die Morgensonne, die zu dieser Uhrzeit den Zufahrtsweg zum Haus meist angenehm aufwärmte. Er blickte zur Tür hinaus.
Dann ging er die paar Meter in Richtung Gartentor. Die Zeitungsrolle erreichte er barfuß über die nach dem nächtlichen Gewitter noch etwas feuchten Pflastersteine. Bald würde das nicht mehr so sein, wenn das Wetter – wie vorausgesagt – in den kommenden Tagen die Weichen klar auf Herbst stellen würde. Die Presse-Am-Sonntag erwartete ihn bereits.
Nach einem kurzen Blick in die umliegende, leicht hügelige Gegend des Mühlviertels schlüpfte er zurück ins Haus.
Mission completed. Meine Sonntagslektüre gesichert.
Robert fühlte beim Hochsteigen über die Holztreppe, wie kalt seine Zehen geworden waren. Er faltete die Zeitung auseinander und betrachtete zunächst das dieswöchige Aufmacherthema.
Die Sonntagsausgabe hob sich für ihn erfreulicherweise von anderen Zeitungen ab.
Sie blieb in einer Art Vogelperspektive und ging nur in wenigen Artikeln auf das lähmende Tagesgeschehen ein. Das Generalthema dieser Ausgabe war ‚Mega-Trend Regionalität?!’ Die Redaktion hatte sich offenbar mit dem Gegenentwurf zur Globalisierung auseinandergesetzt.
Robert betrat sein und Glorias Schlafzimmer.
»Ich mache die Jalousien auf, okay?«, flüsterte er. Von ihr kam zunächst nur ein leises Hm. Sie zog ihre nackten Beine unter die Decke und schlug sich fest ein, als wäre ihr kalt. Gloria genoss das Wochenende. Sie liebte es auszuschlafen. Den Stress, der sie von Montag bis Freitag heimsuchte, wich an den Wochenenden einer Gemütlichkeit und bewussten Langsamkeit.
»Okay? Jalousien auf?«, wiederholte er etwas lauter.
»Wie spät ist es?«, noch immer schlaftrunken.
»Acht, grad vorbei. Ich lass’ mehr Licht herein, ja ...?«
»Okay«, meinte Gloria. Sie drehte sich der anderen Bettseite zu. Das braune Haar fiel ihr ins Gesicht, sie vergrub es im Kopfpolster. Robert kurbelte bereits, ließ das zu dieser Jahreszeit flache Morgenlicht ins Zimmer und setzte sich dann mit der Zeitung ins Bett. Die noch körperwarme Decke schlug er fest um seine fröstelnden Beine, damit die wieder auftauen würden.
Wenig hasste er mehr als eiskalte Füße.
Er knipste die Nachttischlampe an, nahm aus seinem Nachkästchen einen der Kugelschreiber zur Hand, die immer gemeinsam mit einigen Post-It Blöcken bereit lagen, damit er sich spontane Gedanken sofort – auch nachts – notieren konnte. Robert und die Presse-Am-Sonntag – ein wöchentliches Ritual mit beinahe autistischen Zügen: keiner in seiner Familie durfte die Zeitung angreifen, bevor er sie gelesen und – vor allem – die Rätselseite gelöst hatte. Die Rätsel in der Blattmitte: seine erste Sonntagsbeschäftigung. Akribisch faltete Robert das Großformat.
Das Zeltlager war seine Aufwärmübung, beim Hashiwokakero zog er nach langer Zeit wieder einmal eine falsche Verbindung – ein Anfängerfehler auf halbem Weg durch das Rätsel. Auf der falschen Annahme aufbauend hatte er ein paar weitere, natürlich ebenso falsche Verbindungslinien gezogen. Das Hashiwokakero war, als er seinen Irrtum bemerkte, quasi zerstört.
Na das fängt ja gut an ... Wie soll ich mit der Tagesform die Königsdisziplin lösen, ärgerte er sich.
Als das bezeichnete Robert selbst nämlich das komplexe Kreuzworträtsel der Zeitung. Der Begriff Kreuzworträtsel wurde dem Schwierigkeitsgrad kaum gerecht, immerhin handelte es sich nicht um eine einfache Form mit den scheinbar ewiggleichen Fragen – á la ‚Initialen der Piaf’ – wie sie in anderen Tageszeitungen abgedruckt waren.
Nein, das hier ist Denksport. Und ich bin Spitzensportler.
Robert dachte an seinen Notizzettel über seinem Schreibtisch im Arbeitszimmer. IIII, IIII, IIII, IIII, IIII, IIII, IIII, IIII, IIII, IIII, IIII. Vierundfünfzig Striche. Je einer für ein gelöstes Presse-am-Sonntag-Rätsel.
Ich und meine vierundfünfzig in einer Reihe. Ohne technische Hilfsmittel. Ohne Internetsuche, ohne Wörterbücher oder Lexika. Jetzt starte ich Mission Nummer fünfundfünfzig.
Wie üblich begann er, die Rätseltexte durchzulesen – waagrecht und senkrecht. Die low hanging fruits – also jene Lösungswörter, die auf der Hand lagen – waren das, was er bei diesem ersten Scan zu finden suchte.
Quick-winsspielten eine zentrale Rolle, um bei den kniffligeren Begriffen überhaupt eine Chance zu haben. Er blickte zu Gloria hinüber, die noch immer ruhig schlummerte. Die wenigen Male, die sie sich vor einigen Jahren mit Robert gemeinsam an deren Lösung versuchte, hatten seine Frau derart frustriert, dass sie irgendwann einfach aufstand und meinte, über welch krankes Hirn man verfügen müsse, um überhaupt die Chance zu haben, so um die Ecke denken zu können, wie es angesichts dieser Angaben notwendig wäre.
Fast so als hätte sie seine Gedanken gespürt, regte sich Gloria neben ihm. Sie wendete sich ihm gähnend zu. Robert blickte von den Texten auf. Ihre braunen, schulterlangen Haare waren vom Schlaf zerzaust. Robert ließ sie durch seine Finger gleiten und strich die Strähnen aus dem Gesicht, die ihre Augen verdeckten.
Er musste an die Zeit denken, als sie einander kennengelernt hatten, schon damals waren sie häufig miteinander aufgewacht – in seinem Zimmer im Studentenheim in Wien. In Glorias Heimatstadt.
Damals hatten sie ganze Vormittage im Bett verbracht, um sich von den anstrengenden Festen zu erholen, die oft bis in die frühen Morgenstunden dauerten. Er hatte ihr das nie gesagt, aber Gloria und ihre Beziehung zueinander waren ihm als etwas erschienen, das er sich nicht verdient hatte – als ‚Trophäe auf Zeit’.
Robert war – ähnlich wie viele Männer um die zwanzig – damals in vielerlei Hinsicht unreif gewesen. Ein immer noch bubenhaftes Aussehen, bartlos, kein erkennbarer Haarschnitt für seine dichten, beinahe schwarzen Haare. Zudem leichtes Übergewicht und eine unreine Haut von seinen schlechten Ernährungsgewohnheiten, vom etwas zu häufigen Bierkonsum und dem Mangel an Bewegung. Gloria dagegen trainierte bereits damals – Rudern und Laufen. Mit dem erfreulichen Ergebnis einer sportlich-schlanken, großen und doch weiblich-sinnlichen jungen Frau.
Ganz im Gegensatz zu seinem eigenen, damaligen Selbst war Gloria damals schon rein optisch eine Erscheinung gewesen, die für gewöhnlich nicht lange alleine blieb.
Getroffen hatten sie einander nicht auf einer dieser Parties, sondern auf der Donauinsel. Ganze Nachmittag verbrachte Robert dort auf einer Bank sitzend mit einem Becher Kaffee und Büchern von Gaarder, Köhlmeier oder anderen. Der Zufall führte Regie, indem im Umkreis die anderen Bänke mit Senioren besetzt waren und Gloria just auf seiner Höhe ihr Tageslaufpensum erreicht hatte.
Sie hatte sich zu ihm gesetzt. Was dann passierte und vor allem warum, daran erinnerte sich Robert nicht mehr.
Dass ich Gloria auf Dauer haben könnte. Nie hätte ich mir das gedacht.
Beinahe jeden Sonntagmorgen wiederholte Robert seither in ihrem gemeinsamen Bett fast den gleichen Gedanken.
Meine schöne Ehefrau. Nicht meine erste große Liebe. Aber meine erste ernsthafte Liebe.Eine realistische Liebe. Erwachsenenliebe.
Und sie sah mit ihrem hellen, ins zarte Rosa gehenden Teint, ihren braunen Haaren und den milden, etwas verträumt geschnittenen Augen ein wenig so aus wie Sophie heute aussehen könnte. Beinahe.
Gloria schien seine Gedanken zu spüren. Schlaftrunken öffnete sie ihre braun-grauen Augen ein wenig und blickte Robert lächelnd an, so wie sie es immer tat, wenn sie registrierte, dass er sie bereits zuvor unbemerkt angesehen hatte. Robert legte seine Hand nochmals in ihren Nacken und streichelte ihren Haaransatz.
»Guten Morgen, Liebes!«
»Hallo«, gab sie noch immer schläfrig zurück, »legst du dich noch ein paar Minuten zu mir?«
»Ja, warte kurz.«
Robert faltete die Zeitung zusammen und legte sie auf das Kästchen neben seinem Tisch. Auch das war ein gern wiederholtes Muster zwischen den beiden.
Er steckte sein Gesicht in die Grube zwischen ihrem Kinn, Hals und Schulter. Nach fast zwanzig gemeinsamen Jahren genoss er immer noch Glorias umwerfenden Körpergeruch.
Wie würde ich das beschreiben, fragte er sich. Wie eine Mischung aus – ja, was eigentlich? Zitronen? Apfelnoten? Verwaschen durch leicht salzige Sandkörner? Abgerundet mit den Überresten der Parfums ihrer vielen Tagescremen und nächtlichen Feuchtigkeitsfluids.
Robert ließ ihren Duft durch seine Nase sickern und atmete flach, um Gloria in ihrem Dämmerzustand zu halten. War Gloria erst einmal munter, folgte in der Regel kurz darauf der Griff zu ihrem eBook.
‚Die Nachttischlampe ist eingeschaltet’, durchfuhr es ihn. Bei so viel Licht war das gemeinsame Dösen meist von kurzer Dauer.
Kaum wieder beim Einschlafen meldete sich – eigentlich auch wie jede Woche – der jüngere der beiden Söhne aus dem Kinderzimmer. Diese Woche lag es also nicht am grellen Licht der Nachttischlampe.
»Wann gibt’s Frühstück?«
»Eh bald, Ben«, rief Robert so leise als möglich zurück und mit einem leisen Seufzer stand er auf.
Die Zeitung nahm er mit. Die Denksportseite lag obenauf. Noch gänzlich leer.
WAAGRECHT
1. Da kommt's beschte Eckch eher weich daher 13. eher das Gegenteil vom kürzeren selbst 14. Auch nicht gewusst, dass darein eventuell glattes Brät stecken kann? 15. ... da kann einem dann das sein? 17. Bei der Ingwerart kommt dir dann auch noch das Gelbe hoch? 18. Straße, s.v.p. 19. Erwachsener im Dialekt? Tse-tung! 20. Dort wo das Wort herkommt, kann man den Lachs selten aber doch so zubereiten. 22. Gottesdienst im Fernsehen? 25. that is how the Austrian calls the people of that nationality? Ian not sure! 30. eins und eins macht zwei 31. Sprachenmischung: Min-Son? Balltreter! 32. Hatte seine Hochzeit in den 1940ern! 34. haben die Association of American Medical Colleges und das Australian Army Medical Corps gemeinsam. 36. Selbst heute ist 32 waagrecht mitnichten das 39. In Film und Fernsehen kurz für das ursprüngliche 40. ... Wonne, wenn du das weißt 42. Netter, weil umgestellter Ekel 43. Hat mit athlon was mit 30 waagrecht zu tun. 44. Zuerst Druck, dann Beschleunigung 45. hatten wir das nicht schon mal? 46. Und schon wieder auf gut Österreichisch: leicht abfallender Hang zum seelisch und körperlich belastet sein? 48. Für den Rufnamen ergänze die Pluhar vornämlich? Kaufe dazu ein m! 49. Kontonummer 2.0 50. Brauchst du, wenn's natürlich nicht reicht 51. Womit Koksler ihre Rivalen zur Schwarz-Weiss-Glut brachten: »Lasst Andere siegen Kameraden!« 54. Verstehst du 18 waagrecht, kennst du auch sie 55. pausenlos alle Augenblicke 56. Lässt mich das GPS auf die Himmelsrichtung warten, denk' ich mir manchmal ungeduldig. 57. An seinem Ende fällt der Vorhang das letzte Mal.
SENKRECHT
1. Auch dem Emil'schen »Grautier mit el« wirft man vor, einer zu sein 2. Dem Schabrackenschakal ist's beziehungsweise wichtig. 3. Ist die wirklich eine schlechte Mama? 4. hat als Friedensprojekt bereits eine vergleichsweise lange Halbwertszeit 5. wegen der Ortschaft jetzt bloß nicht die Nerven Werfen! 6. Anders gesagt: Takashi Kano, Saitama, Japan 7. Schnecken gibt's mit und ohne 8. Mit -ach ein Ort oder @ThingsThatDoNotNeedTheWorld.Com: wie du deine Arme zu etwas ganz Besonderem machst 9. Betrunkener Rasenmäher? Sorry, Produktplatzierung! 10. diese generische Top-Level-Domain ist mehr als einBildung. 11. Heißt fast wie ein afrikanischer Strom, ist aber eine indische Kleinstadt. 12. Ganz frei, du Römer: Schluss, aus, vorbei! 16. Dort ins Museum zu gehen, kann nur lachhaft sein. 21. Ohne Hütchen und Accents der 36. Buchstabe des armenischen Alphabets 23. Schon The Clash waren sich unsicher: stay or ... 24. OMG: other word for «peace out« or «later, man« 26. Gemeinsam mit Cetium war das damals schon ein Verwaltungsmittelpunkt 27. abbr. britisch-hauptstädtischer Haupthandlungsort von Holzmanns Vermächtnis 28. in die Liste einzusetzen, wenn ich's nicht weiss 29. Was ist das nun schon wieder: Takelage? Teil davon! 32. Neusprech: Forschung und Entwicklung um die Mitte beraubt. 33. Kategorie: Prägendste Staubsaugerwerbung der frühen 80er - and the Oscar goes to ... 35. Transformiert sich erst dazu, wenn's dir wer beweisen kann 37. Dabeisein war alles auf slowakisch: Martin-«Gansl« statt Adler? Sein größter Erfolg waren zwei Olympia-Teilnahmen! 38. Was ist der Mann? 41. Beim langen Laufen im Winter wichtig für Hand und Schub 42. Aschgrauer Beutelsäuger mit 5 Buchstaben 43. Norwegische Großmeierei 47. so nehmen Briten Nahrung zu sich. 50. die allermeisten österreichischen Adressen enden so 52. Aufschlag. Punkt. Weiter geht's 53. Airlines Austrian in IATA-Sprech
Die Familie war mit dem ausgiebigen Sonntags-Frühstück fast fertig. Ben und David –obwohl beide bereits Teenager und damit dem Gröbsten bereits entwachsen – stritten sich gerade noch fast schon traditionellerweise darum, wer von beiden welches Briochekipferl essen würde.
Sie hatten es beide auf dasselbe abgesehen – das etwas hellere ohne erkennbare Druckstelle in der Teigkruste. Gloria sah den Kindern eine Minute lang zu, um dann einzugreifen und mit den unmissverständlichen Worten ‚Das nimmst jetzt du. Alles klar?!’ das verschmähte Gebäckstück auf Bens Teller zu platzieren.
Der Jüngere setzte sein charakteristisches Schmollgesicht auf. Sein schräg ins Gesicht fallender blonder Seitenscheitel verdeckte das Gesicht weitgehend und ließ die heruntergezogenen Mundwinkel sehr dramatisch erscheinen. David wiederum konnte sich ein Lächeln kaum verkneifen.
»So. Was haben wir heute vor?«
Robert eröffnete mit dieser Floskel eine gefährliche Phase am sonntäglichen Frühstückstisch und blickte gleichzeitig auf seine Presse-Am-Sonntag Ausgabe.
»Die Kinder werden jetzt dann raufgehen und die Sachen für die Schule erledigen«, gab Gloria wie eingeübt zurück.
»Nix auf«, raunte David – mittlerweile ebenso ein Schmoll-gesicht ziehend. Wenn beide Jungs nebeneinandersaßen – noch dazu in der gleichen Stimmungslage – sahen sie einander ziemlich ähnlich – ohne die knapp eineinhalb Jahre Altersunterschied hätte man die beiden für Zwillinge halten können.
Beide ein sonnengebräuntes Teenagergesicht. Bei David zeichnete sich die nahende Pubertät durch einige Hautunrein-heiten ab. Aber ansonsten: Beide hochgeschossen und schlank. Beide sonnenblondes, langes und geglättetes Deckhaar, Seitenscheitel, Undercut. Mit Ausnahme der hellen Haarfarbe, die von Roberts Seite der Familie stammte, hatten ihre Jungs eindeutig mehr von Glorias Genen als von den seinen mitgenommen. Die idente Augenpartie mit den zierlichen Brauen, den langen Wimpern, und den braun-grauen Augen. Die vorne etwas zu zarte Nase und die eher schmale Mundpartie.
Gloria unterbrach seine Gedanken.
»Was heißt das?«, wandte sie sich nochmals an David.
»Naja, was schon. Keine Hausübung über das Wochenende.«
»Ich auch nicht«, versuchte sich Ben gleich anzuhängen.
»Ja, und zum Vorbereiten gibt’s nichts? Ben, du hast am Mittwoch Englisch Vokabeltest«, wobei Gloria von Bens Mah-he nur kurz unterbrochen wurde, »und du, David, Latein. Vokabeln, alles klar?«
Auch von dessen Seite kam dazwischen ein murrendes Geh-he, mit wenig Chancen auf Erfolg. Dicht gefolgt von Bens Das ist so unfair-Ausruf, den Robert und Gloria schon so gut kannten, dass sie sich wissend und lächelnd anschauten, um dann wie aus einem Mund die neueste Jugendsprache ihrer beiden Kinder zum Besten zu geben: »Gönn’ dir!«
Weil sie darauf natürlich angestrengte Mah-he-Blicke der Jungs ernteten, ergänzte Robert das Gesagte.
»Schaut’s, jetzt macht ihr die halbe Stunde etwas für die Schule und dann habt ihr den ganzen Sonntag frei. Und könnt tun, was ihr wollt.«
»Darf ich dann xBox spielen?«, nutzte David gleich die Steilvorlage. Keine Minute später waren die Jungs ohne weitere Diskussion – dafür unter Roberts und Gloria bösen Blicken – in ihren Zimmern und machten sich vermutlich ans Lernen.
Sie selbst setzten sich nach dem Frühstück stets mit einem weiteren Café ins Wohnzimmer. Robert besetzte den Ohrensessel, seinem einzigen Erinnerungsstück an seine Großmutter. Vor einiger Zeit hatte er ihn neu polstern und beziehen lassen, als er nach jahrelangem Suchen im Internet ein beinahe identes Stoffmuster gefunden hatte. Gloria saß ganz in seiner Nähe am Wohnzimmersofa.
Sie vertiefte sich in ihr eBook, er in seine Zeitung. Das Rätsel ruhte, sein Sonntagvormittag gehörte dem Inhalt. Immer wieder verlor der den Text aus dem Fokus und blickte abwechselnd auf Gloria, abwechselnd sah er zum den großen Terrassentüren hinaus in den Garten, der sich bereits herbstlich einfärbte.
Was seine Gedanken beschäftigte, konnte er nicht festmachen. Jedenfalls war es nichts Bestimmtes, das ihn unkonzentriert werden ließ. Vielleicht war es ja nur das dieswöchige Aufmacherthema der Zeitung – Regionalität – das ihn nicht ansprach, einzig im Eco-Wirtschaftsheft war ein aus seiner Sicht wirklich lesenswerter Artikel. Aus beruflicher Sicht.
Unter dem Titel Fahr nicht fort, mach’s im Ort beschäftigte sich der Journalist mit einem Netzwerk von Lebensmittelproduzenten, deren Wertschöpfungskette sich zu einem höchstmöglichen Anteil in einem Umkreis von dreißig Kilometern abspielte – einem Cluster verschiedenster Spezialisten, deren Lieferanten, Werber und der lokalen Verbraucher.
Robert sprang darauf an, weil dieses Netz sich in seiner erweiterten Heimat etabliert hatte – in drei eher kleinen und jedenfalls sehr ländlichen Gemeinden des unteren Mühlviertels. Die first-mover in dieser Zusammenarbeit waren durchwegs junge Betriebsnachfolger der elterlichen Bauernhöfe. Der Artikel thematisierte deren Herangehen über Industrial Design und Design Thinking. Auch oder vielleicht gerade weil Robert noch kein genaues Bild von diesen Begriffen hatte, nahm er sich vor, an einer der nächsten Gelegenheiten darüber zu recherchieren.
In Roberts Branche der Unternehmensberatung konnte es nie schaden, wenn man etwas über solche Initiativen und die dahinterliegenden neumodernen Konzepte plaudern konnte.
Was ihn geweckt hatte, nahm Robert nicht bewusst wahr. Vielleicht einfach ein dringendes Bedürfnis, vielleicht aber auch ein Geräusch von Gloria. Oder Bens charakteristisches Husten im Nachbarzimmer. Jedenfalls erlaubte er sich ein leises Blinzeln.
Die Dunkelheit war drinnen und draußen vor dem Fenster noch vollkommen.
»Gut so«, dachte er einen kurzen Moment. Doch dann blitzte ein Gedankenstakkato auf.
Oktober. Montag. Morgen. Dunkel. Wie spät? Hoffentlich Mitternacht. Erst.
Robert schlug die Decke zurück, setzte sich kurz an die Bettkante. Er vertrieb den kurzen Schwindel und horchte auf Glorias leichten Atem. Sie war nicht aufgewacht. Robert schlich auf Zehenspitzen durch den Gang.
Er spähte in Bens Zimmer, doch der schlief tief und fest. Keine Spur von Husten. Er drehte sich aus dem Zimmer und tappte weiter ins Bad. Vier Uhr dreißig zeigte dort die Uhr.
»Hm,« dachte er enttäuscht, wusch sich die Hände, trank zwei Schlucke Wasser und trocknete sich ab, ging zurück und schlüpfte ins schlafwarme Bett.
Noch eineinhalb Stunden.
Ihn beschlich das Gefühl, nicht wieder einschlafen zu können. Doch kaum fünf Minuten später, war er eingenickt.
Fast hatte er den Eindruck eine zweite Nacht verbracht zu haben, als das schrille Läuten des Weckers seinen Schlaf erneut beendete.
Es war Glorias Wecker – natürlich. Denn für ihn waren diese Geräte nichts als lärmende Ungetüme, die ihn sein Leben lang aus dem Bett zu reißen versuchten. Schon seine gesamte Kindheit, Jugend und insbesondere die Studienzeit hindurch hatte er für fünfzehn Minuten extra Schlaf am Morgen vieles gegeben.
Das Schrillen hatte immer noch nicht gestoppt, als er seine Frau neben sich hörte. Sie tastete nach dem Gerät.
»Noch fünf Minuten«, flüsterte sie leise, drehte sich auf seine Seite und legte den Wecker zwischen sich und ihn.
»Scheiss Schlummertaste«, nuschelte Robert.
Irgendwann kroch Gloria sich aus dem gemeinsamen Ehebett und schlüpfte leise aus dem Zimmer.
»Noch dreißig Minuten«, dachte er wieder bei sich.
Gloria benötigte eine halbe Stunde morgens, um gepflegt in ihren Tag zu starten. Im Halbschlaf hörte er sie im Bad hantieren – waschen, föhnen, glätten und was sie sonst noch so zu schaffen hatte.
Wenn sie fertig war, kam sie angezogen und mit dichtem Parfumgeruch wieder zurück ins Schlafzimmer. Sie beugte sich über ihn, gab ihm einige Dinge mit, für den Tag und für die Kinder. Er nahm das alles noch immer dösend wahr. All die Dinge schwebten wie Wolken an ihm vorbei. Zuletzt drückte Gloria ihm einen Kuss auf den Mund, flüsterte ein leises Ciao und verließ ihn.
»Noch zwei Minuten«, registrierte Robert zufrieden.
Er klammerte sich an seinen letzten Strohhalm, von Etappe zu Etappe, die ihm noch im warmen Bett blieb. Gloria warf unten die Haustür ins Schloss, öffnete das Garagentor und die elektrische Schiebetür in der Zufahrt. Sie öffnete und schloss die Autotür.
Dann startete sie den Motor, dessen Zündkerzen im Zusammenspiel mit dem Starter schon eher nach Zweitakter klangen. Rollte mit dem VW Touran aus der Einfahrt. Und begann die elektrischen Tore wieder zu schließen – sein Zeichen. Zeichen, dass es sich um kurz nach sechs Uhr morgens endgültig ausgeschlafen hatte.
Robert schälte sich aus dem schlafwarmen Bett.
»Wenn die Kinder aus dem Haus sind ...«, dachte er grimmig und schlüpfte aus dem Zimmer, um seine Jungs auf den morgendlichen Weg zu bringen.
Wenn die Kinder aus dem Haus sind, leg’ ich mich nochmal nieder.
Die Woche hatte ihn wieder.
Seine Halbwüchsigen brauchten einige Minuten Begleitung, um aus den Federn zu kommen. Für ihn wäre es leichter gewesen, das Licht aufzudrehen, die Jalousien aufzuklappen ins Zimmer hineinzukrachen – wie er es für sich oft bezeichnete – und die Jungs sprichwörtlich aus dem Schlaf zu reißen. Dennoch wählte er den sanften Weg – sollte doch auch die Nacht für die Kinder ruhig und entspannt enden.
Und vor allem mich.
Im gesamten Haus bleiben die Lampen ausgeschaltet. Nach Möglichkeit vermied er jede künstliche Lichtquelle in dem Raum, in dem er sich gerade aufhielt. Im dunklen Winterhalbjahr brachten manches Mal nur die Straßenlaternen zaghaft etwas Hell in die Finsternis.
Schlussendlich bekam er David und Ben aus den Betten. Nach jahrelanger Mühe hatte er die beiden nun soweit, dass sie nach dieser Hürde die Dinge morgens soweit eigenständig erledigten.
Robert konnte sich also seiner nächsten Aufgabe widmen – er nannte es – nur halb – scherzend, nach Bill Murrays Film, seine Murmeltieraufgabe. Das Frühstück, die Jausenbrote der Jungs und deren Getränkeflaschen für den Tag reihten sich nahtlos ein in die Aufgaben, die er täglich zwar bemüht erledigte, aber an denen er natürlich keine wie auch immer geartete Freude empfand.
In seinem persönlichen Ranking der am leichtesten vorzubereitenden Frühstücksspeisen für die Jungs liebte er den Briochezopf mit Butter auf der Skala einfach bis herausfordernd.
Weich, wenig kraftaufwändig, dankbar was das nötige Konzentrationslevel anlangte.
Einfach angenehm empfand er auch Müsli. Wobei hier schon die Vorlieben der Kids durchschlugen.
Körperlich einfach, aber geistig komplex. Zumindest für die Tageszeit unnötig komplex im Vergleich zum Briochezopf mit der Butter. Ben und David hatten unterschiedliche Müsli-Vorlieben, in unterschiedlichen Mischverhältnissen. Und: zu allem Überdruss stellte sich noch die Frage des Müsli-Mischpartners: Joghurt? Milch? Ersteres war ihm schon allein deswegen unsympathischer als die kalte Milch, weil es durchgerührt werden musste.
Gänzlich unumstößlich in die schwierigste Kategorie zählten alle Frühstücks- und Jausenvarianten, die das Schneiden von frischen Krustenbroten notwendig machten. Robert sah sich dabei stets mit dem Brotmesser abrutschen und mit einer tiefen Schnittwunde bei der Wasserleitung hängen. Unter einem kühlend kalten, aber blutrot eingefärbten Strahl.
Mechanisch und mit verhältnismäßig guter Laune säbelte er heute jeweils zwei ansehnliche Stücke Marmorkuchen ab und legte sie auf die Frühstücksteller der Kinder. Zwei weitere Schnitten legte er in eine Jausenbox, verschloss sie und bereitete anschließend zwei Flaschen mit selbstgemachtem Hollerblüten-Saft und Leitungswasser zu. Alles zusammen stellte er seinen Kindern auf den Frühstückstisch.
Robert hörte die beiden im ersten Stock diskutieren, wer denn das Haargel als erster benützen dürfte. Er schüttelte den Kopf und fragte sich still, in welcher Generation nach seiner eigenen der durchschnittliche männliche Mittelstandsjugendliche begonnen hatte, sich zu stylen. Zu seiner Zeit war jede Sekunde im Bad eine verlorene gewesen. Natürlich hatte er auf diese rein hypothetische Frage keine Antwort, als David und Ben schließlich mitsamt ihren Schultaschen die Treppe herunterpolterten.
Sie murmelten ein leises Gu’Morgen! bevor sie begannen, sich gierig über die Kuchenstücke herzumachen. Mit prächtig gefülltem Mund begannen sie sich über die Fußballergebnisse des letzten Wochenendes zu unterhalten. Robert stand daneben und war eigentlich froh, dass sie ihn bei diesem Gespräch nicht brauchten. Denn das bedeutete, dass er selbst noch nicht aktiv an der Unterhaltung teilnehmen musste. Ein gelegentliches Mhm reichte bei diesem Typ Gespräch vollkommen aus. Er kannte die Spieler über die sie sich unterhielten ohnedies nicht mehr.
Robert blickte auf die Uhr.
»Ab zum Bus!« Er trieb die Kinder aus der Küche, trug ihnen die Schultaschen nach und wunderte sich, dass die Jungs so entspannt Schuhbänder banden – selbst wenn es Zeit war, mal schneller zu tun.
»Los jetzt, geht das ein wenig schneller!?«
Endlich waren alle Schuhe angezogen, die Sweaterjacken gezippt und die Taschen geschultert. Noch immer über die Fußballspiele diskutierend, gingen David und Ben zur Tür hinaus.
»Macht’s gut! Aufpassen! Mitdenken«, rief Robert ihnen noch nach, als sie in aller Ruhe den Zufahrtsweg hinauf zur Bushaltestelle in Angriff nahmen. Ein Ruf, der weitgehend ungehört verhallte, zu oft hatte er diesen Spruch bereits abgelassen. Dann ließ er die Türe ins Schloss fallen. Und mit einem Mal war er putzmunter – so wie jeden Tag. Von einer Rückkehr ins Bett war er eigentlich weit entfernt.
Robert hatte das Haus für sich – von Montag bis Freitag, von sieben am Morgen bis zirka zwei Uhr am Nachmittag. Wenn Gloria länger arbeiten musste oder die Jungs Nachmittagsunterricht hatten, manchmal auch länger.
Als einziger in der Familie musste er morgens nicht außer Haus, außer er sollte selbst zu einem seltenen Frühmorgen-Termin. Als Unternehmensberater hatte er sich vor einigen Jahren selbständig gemacht. Für ihn bedeutete das die große Freiheit, da es seinen Kunden egal war, wo er sein Büro hatte – sie kamen ohnedies nicht zu ihm.
Robert ging zurück in die Küche und begann, seinen Morgenkaffee zu brühen. Die Nespresso-Maschine ließ er ausgeschaltet. Anstelle dessen ging er zum Wasserkocher, füllte ihn und stellte ihn an.
Dann hob er die CHEMEX-Kanne aus der Küchenlade, stellte sie auf die Anrichte. Er fischte einen Filter aus der Packung, faltete und steckte ihn in die Kanne. Als das Wasser kochte, goss er etwas davon in den Trichter – das Glas sollte bereits vorerhitzt sein, damit es die Temperatur nachher besser halten konnte. Er leerte das bisschen Heißwasser zurück in den Ausguss. Zuletzt löffelte den frisch gemahlenen Suchan-Kaffee in den Filter und träufelte das noch heiße Wasser in den Filter. Das Kaffeepulver wallte in dem papierenen Trichter auf.
Bald tropfte der Kaffee durch den Filter und füllte die Kanne rasch mit dem braunen Getränk – viel milder als die geschmacklich rauheren Kapselcafé-Systeme, die in den vergangenen Jahren den Filterkaffee hinweggespült hatten. Man war old-fashioned gewesen, noch auf Filter zu setzen: Café anstelle von Kaffee. Zumindest Robert gefiel sich jedoch darin, für sich selbst ein wenig retro zu sein – was den Kaffee betraf.
Während sich die Kanne Tropfen um Tropfen füllte, verließ Robert die Küche und ging in den ersten Stock in sein kleines Büro. Dort holte er sein Apple-Notebook, sein Mobiltelefon und einige Papierunterlagen und kehrte in das Erdgeschoß zurück. Mit wenigen Handgriffen übersiedelte er jeden Morgen sein Büro. Aus dem engen Raum im ersten Stock – einer Art Office-Abstellkammer mit den Auftragsordnern, dem Drucker und dem kleinen Büroartikelkasten.
Was das digitale Arbeiten anlangte, saß er lieber am großen Esstisch im offenen Erdgeschoss. Ohne das Gefühl haben zu müssen, allzu bedrängt zu sein.
Zurück in der Küche füllte er seine Tasse mit dem Kaffee, fügte etwas Zucker dazu und ging zur großen Terrassentüre in den Garten. Robert blickte hinaus in die Morgenlandschaft, öffnete die Glasfront und stieg hinaus. Er drehte eine kurze Runde zwischen den Topfpflanzen, betrachtete die noch immer nicht abgeernteten Birnen und Äpfel. Und ging wieder einmal kopfschüttelnd an der Olive und der Zitrone vorbei, die sich seit Jahren erfolglos abmühten, genießbare Früchte hervorzubringen.
Bei den Oleanderstauden hatte man so etwas ja nicht zu erwarten. Diese waren strohig und zerwachsen. Gloria forderte von Robert eigentlich zurecht deren Ablöse als Terrassenpflanzen. Robert jedoch war ein hoffnungslos empathischer Pflanzenbesitzer, sodass ihm ein Wegschmeißen noch lebendem Grünzeugs wie schnöder Mord vorkam. Also hatte der den Büschen bis dato die Stange gehalten. Seine heurige Strategie würde sein, sie durch den Winter zu bringen und im Frühling einen Radikalschnitt zu versuchen. Robert ging zurück ins Haus. Er schloss die Tür zum Garten. Mit der Kaffeetasse setzte er sich zum Computer – um viertel nach sieben Uhr, am Montagmorgen.
Immer wieder blickte Robert fasziniert auf den Bildschirm seines Apple, wenn der sofort aufleuchtete, kaum dass die Klappe geöffnet wurde. Aus reiner Gewohnheit besuchte er nacheinander einige Webseiten von denen er sich seine morgendliche Information beschaffte. Zuletzt las er seine Feeds auf facebook.
In Wahrheit hielt ihn aber keine der Seiten länger als zwei bis drei Minuten. Der Neuigkeitsgehalt der Infos war an diesem Montagmorgen wie so oft eher dünn. Scheinbar mussten auch die Redaktionsteams erst aus ihrem Wochenende zurückkommen. Robert hatte seinen Kaffee in der Zwischenzeit ausgetrunken und stand in der Küche, um sich die zweite Kaffeetasse aus der Kanne zu leeren. Als er den Zucker eingerührt hatte, kamen ihm die ungemachten Betten in den Sinn. Mit der Tasse in der Hand stieg er die Treppen hoch in den ersten Stock und begann mit seinem und Glorias Ehebett.
Keine Chance den Hausstaubmilben, dachte er bei sich. Dabei erinnerte er sich an eine eindrückliche Vorführung eines Staubsaugervertreters vor einigen Jahren. Der hatte das Bett halb abgezogen. Dann saugte der Verkäufer mit seinem High-End-Gerät, einer Spezialbürste und einem frischen Filter beeindruckend viel Hausstaub aus der damaligen Matratze. Gloria und Robert hatten daraufhin einen klassischen Impulskauf getätigt und den heilsbringenden Staubsauger noch am selben Abend erworben.
Wie im Affekt organisierten sie einen Vorführabend einer Schlafberatung, um sich bei dieser Verkaufsveranstaltung mit einer Naturmatratze inklusive wendbarer Kräuterkissenauflage neu auszustatten – nicht nur für sich selbst, auch für die Jungs.
Ihr Ehrgeiz zur regelmäßigen Reinigung ihrer Schlafsysteme, wie es der verkaufstüchtige Vertreter hochtrabend genannt hatte, war freilich von kurzer Dauer gewesen. Auch der Profistaubsauger diente bald wieder ausschließlich dem Reinigen der Böden.
Robert ging weiter ins Zimmer seines Älteren. Die dortige Decke drittelte er und legte sie leicht aufs untere Bettende. Den Kopfpolster schüttelte er auf, öffnete das Fenster, kurbelte die Jalousien hoch und nahm einen Schluck Kaffee, den er auf Davids überfülltem Schreibtisch abgestellt hatte.
Kurz blickte er sich im Zimmer um und stellte leicht resignierend fest, dass hier ganz offensichtlich keineswegs ein ordnungsliebender Mensch hauste. Roberts fortgeschrittene Pingeligkeit hatte David jedenfalls nicht übernommen. Das Zimmer war in einem leicht instabilen, fast schon an der ökologischen Kippe stehenden, kreativen Chaos.
No son of mine. Zumindest was das Zusammenräumen betraf.
Mit der Tasse in der Hand schloss er die Zimmertüre und ging in das Zimmer des Jüngeren weiter. Bens Reich nahm er nur kurz als sich in einem ähnlichen Zustand befindlich wahr. Auch hier: Hochkurbeln der Jalousien, Dritteln der Bettdecke, Aufschütteln des Polsters und ein kurzes Bedauern, dass sein Elfjähriger erneut einige Paar schmutztriefender Socken einfach unter dem Bett verschwinden lassen wollte. Dort lagen sie nun in einem Knäuel von Staubmäusen.
Ein kurzes Gruseln durchfuhr Robert. Ein unwillkürliches Achselzucken und einen bedächtigen Schluck aus der Kaffeetasse später war er auf dem Weg, auch diesen zweiten Hort der Unordentlichkeit hinter sich zu lassen. Robert schloss die Türe und kehrte ins Erdgeschoß zu seinem in Standby geschalteten Laptop zurück. Die Funkuhr in der Küche stand auf halb acht Uhr, am Montagmorgen.
Ein Rutschkommando noch, dann ist die Piste bereit.
Bunt und fordernd liegt sie direkt vor mir. Zunächst eine Mausefalle, die sich wie ein Abgrund vor mir und meinen Skiern auftut. Gefolgt von langen, polsterartigen Geländekuppen – die mich an die Chiaslat-Wiese erinnern. Flacheres Gelände dann im beginnenden, unteren Teil. Bevor ein Steilhang ins Ziel gleichsam wegkippt – wie in Adelboden, vorgestern. Von meinem Starthaus aus, kann ich den untersten Teil nicht sehen. Dort scheint die Stimmung fast überzukochen. Noch hier hört man das Geschrei des Moderators und die laute Musik, die jedes Mal anhebt, wenn einer der Top-30 durchs Ziel brettert.
Wir drei Führenden nach dem ersten Durchgang sind noch oben. Es geht um mehr als dieses eine Rennen, es geht um die Entscheidung im Riesenslalom-Weltcup.
Der Druck auf mich ist groß. Dieses Rennen möchte ich nicht nur gewinnen, ich muss siegen, um in der Riesenslalomwertung noch ganz vorne zu landen. Ich bin Hans Enn – mit meinen 4er-Lego-Latten an den Füßen, den Lego-Grillgabeln verkehrt an den Händen. Ich stoße mich ab, drifte, rutsche schon ganz oben fast weg, fange mich. Ab der Hälfte bekomme ich die Torfolge dann besser hin, setze die Schwünge früher an und habe das Zielstück toll hinbekommen, schwinge lässig ab. Die Masse schreit und eine digitale ‚Eins’ leuchtet auf der Zieltafel auf. Sogar Robert Seeger höre ich jubeln.
Blende. Ich bin Phil Mahre. Im Weltcup zwar ohne Chance auf den Titel. Zu viele Ausfälle heuer. Heiß auf den Sieg bin ich trotzdem. Der Starthang ist meiner, Schwung auf Schwung. Der Mittelteil elegant. Ich presche auf die Kante zum Schlusshang zu, komme etwas zu direkt zum Tor. Ich drifte stark, komme in das Wand’l vor dem Tor. Die Bindung öffnet sich. Abflug in den bunten Schnee. Mit einem Mal ist es vollkommen still, nur das Gedudel aus den Boxen geht weiter. Werbung. Raunz nicht – kauf.
Ingemar. Ingemar Stenmark. Dass Hans Enn in Führung liegt, weiß ich. Ein zweiter Platz reicht mir für den Gesamtsieg. Ich habe die Klasse, alles zu gewinnen. Ein zweiter Platz heute reicht mir nicht! Starthaus. Doppelstock. Ab geht’s. Meine Eleganz im Riesenslalom. Die Skier drücke ich in den Hang, sodass ich tiefe Rillen im Untergrund hinterlasse. Attacke, jedes Tor. Zwei, drei Stangen reiße ich aus. Die Piste bekommt tiefe Löcher – egal. Nach mir kommt niemand mehr.
Einsdreißig, einsfünfundreißig. Zwischenzeit. Vorsprung, eine Sekunde achtzehn. Das nur mehr ins Ziel tragen. Die letzte Kante. Hoch anfahren, eng hinein. Jetzt hoch bleiben. Ahhh, drittvorletztes Doppeltor. Zu spät angesetzt. Zu tief, zu tiiiief. Ich muss bergauf. Kämpfe. Die entscheidende Zeit. Was bleibt da liegen? Zehntel? Die Sekunde? Egal. Das Tempo ist wieder da. Das vorletzte. Das letzte Tor. Die Ziellinie vor mir. Einseinundfünfzig, einszweiundfünfzig. Durch. Einsdreiundfünfzig einundsechzig. Höre ich Robert Seeger schreien.
Ich kann ihn verstehen, obwohl ich Schwede bin. Und er ist Kommentator für den österreichischen Rundfunk. Was heißt das, was bedeutet das? Nur Rang drei für Stenmark, schreit er weiter. Sieg, Sieg, Sieg! Für ‚unseren’ Hans! Hans Enn ist Weltcupsieger.
Als ich mich beruhigt habe, sammle ich die Lego-Männchen mit ihren Skiern ein. Gemeinsam mit den Grillgabeln, die ich als Stöcke verwendet habe, den Zahnstochern und dem Starthäuschen aus Lego-Bausteinen lege ich alles in einen eigenen Karton.
Dass die Bettdecke an zwei Stellen zerrissen ist, fällt mir auch auf. Ich versuche das mit Alleskleber zu kitten, werfe die Decke dann wieder aufs Bett. Die darunterliegenden Pölster lege ich auf einen Haufen zusammen. Ziehe die Kiste mit den Asterix-Heften unter dem Bett hervor. Ich setze mich auf den Polsterberg. Asterix bei den Goten.
Jemand hat mir einen Krug Saft und ein Teller Butterkekse zur Tür hereingestellt. Vermutlich Papa. Er passt heute Nachmittag auf mich auf. Ich trinke einen Schluck, lasse die trockenen Kekse stehen. Die hasse ich. Ich beginne zu lesen.
Robert klickte das Mailprogramm an.
Seit Sonntagnachmittag nur drei neue E-Mails: ein Newsletter einer großen Buchhandlung, ein weiterer einer Fachmarktkette für Autozubehör. Dazu das wöchentliche E-Mail von xing – dem beruflichen facebook-Klon. Für seine Zwecke nicht uninteressant. Eigentlich.
Die Mail der Buchhandlung löschte er, nachdem er in der Rubrik Das könnte sie interessieren, auch diesmal durchaus nichts Interessantes für sich gesehen hatte. Bei der Autofachmarktkette rang er sich endlich dazu durch, auf Newsletter nicht mehr erhalten zu drücken.
Die xing-E-Mail scrollte er durch, sein Profil war in den vergangenen sieben Tagen ganze zwei Mal angesehen worden. Eine Kontaktaufnahme hatte wieder einmal niemand versucht. Robert nahm sich – wie letztlich fast jede Woche – vor, seine Angaben auf der Plattform endlich zu schärfen. Wie er das machen sollte, hatte er sich jedoch noch nie so genau überlegt und infolge dessen auch bis dato nichts unternommen.
Das Beratergeschäft lief im Grunde genommen gut, wie er auf Nachfragen seiner Schwiegereltern und seiner Freunde stets betonte. Dies mochte für die ersten Geschäftsjahre gestimmt haben, in den vergangenen beiden Perioden hatte er jedoch deutliche, schmerzliche Umsatzrückgänge hingenommen.
Schweigend und unkommentiert. Und vor allem unkommuniziert gegenüber Gloria.
Er wusste, er brauchte seine möglichen Auftraggeber nicht anzurufen. Sie würden ihn anrufen. Auch deswegen hatte er lange ein entspanntes Leben gehabt. Jetzt nicht mehr – denn die Aufträge standen nicht gerade Schlange. Vielleicht hätte er doch seine Akquisitionsbemühungen verstärken sollen oder einige themenbezogene E-Mails an seine Geschäftskontakte versenden können.
In seiner Euphorie der Unternehmensgründung und auf Anraten von Beraterkollegen – Das macht mehr her – hatte er damals eine Gesellschaft mit beschränkter Haftung gegründet. Robert hatte kurz mit dem Gedanken gespielt, wie so viele Kollegen einfach seinen Namen zum Titel zu machen. Robert Larner Beratung GmbH hatte er dann wenig überraschend oder sexy empfunden – selbst wenn ihm einige Weggefährten aus Studienzeiten und andere Freunde stets gesagt hatten, dass Robert Larner fast so einfach über die Zunge ging wie Arthur Anderson.
Oder Roland Berger. Das Beratungsunternehmen Roland Berger natürlich. Nicht der Schlagerstar. Robert lächelte.
Nach einigem Nachdenken war er dann auf den ein wenig sperrigen, aus seiner Sicht aber genialen Namen Mach’halt’ich’keit GmbH gekommen. Gloria hatte die Genialität damals nicht nachvollziehen können. Sie konnte es heute noch nicht. Robert warf damals ein, es sei seine Firma und zog die Sache mit dem Namen durch. Die Adresse der Website war schwierig zu vermitteln und neuen Geschäftspartnern war [email protected] nur mit großer Mühe und mehrmaligem Buchstabieren beizubringen.
Seine fremdsprachigen Partner schienen förmlich an dem Adressungetüm zu verzweifeln. Im engeren Freundeskreis erzählte er manchmal augenzwinkernd, dass er das Gefühl nicht loswurde, dass ihm allein schon diese verqueren Webadressen den einen oder anderen Beratungsauftrag gekostet hätten. In seinem Innersten war er sich freilich im gleichen Augenblick nicht sicher, ob das nicht auch tatsächlich stimme.
Der Computer machte das vertraute Pling! Das Zeichen, dass eine neue Mail-Nachricht eingegangen war.
