Zwölf Wasser 1 - Teil 1 - E. L. Greiff - kostenlos E-Book
Beschreibung

eSequel: Teil 1 des archaischen Kampfs zwischen Gut und Böse

›Zu den Anfängen‹ als eSequel in 5 Teilen. Teil 1 gibt's gratis!

Zwölf Quellen – zwölf große menschliche Tugenden: Auf dem Kontinent sind das Wasser und die Menschlichkeit untrennbar miteinander verbunden. Aber eine Bedrohung schwebt über der Welt, denn Quelle für Quelle versiegt. Ein Verlust, der zu gravierenden Veränderungen führt – für das Zusammenleben der Völker und für jeden einzelnen Menschen. Das Böse gewinnt an Macht …

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EPUB

Seitenzahl:152


E. L. Greiff

ZWÖLFWASSER

Buch 1:Zu den Anfängen

Teil 1

Deutscher Taschenbuch Verlag

Zwölf Wasser sollen fließen,

zwölf Quellen sollen sprechen

vom Werden und Vergehen durch die Zeit.

Zwölf Wasser sollen fließen,

zwölf Quellen sollen stillen

der Menschen Durst nach Menschlichkeit.

So soll es sein, so ist es nicht mehr.

Wasser sinkt. Wasser steht. Wasser schweigt.

Menschlichkeit versiegt und Bitternis steigt

auf in den Seelen, dunkel und schwer.

PROLOG

DAS GROSSE STERBEN

Der Fisch gab auf. Sein Leben lang hatte er das Wasser in sich hineingepumpt und an den Kiemen entlangströmen lassen, jetzt war es vorbei. Erst sank er, dann drehte er sich und trieb langsam trudelnd aufwärts. Bauchoben durchbrach er den Wasserspiegel des großen Sees, die Schuppen glänzten wie frisch geputztes Silber im Licht der aufgehenden Sonne. Sanft schaukelte der tote Fisch auf den Wellen, bis er schließlich mit einem leisen Klatschen gegen die mit Algen bewachsenen Steine des Hafenbeckens schlug. In der morgendlichen Geschäftigkeit des Hafenviertels, zwischen zerborstenen Holzkisten, zerfransten Seilenden, Öltuchfetzen und anderem Unrat, die den Kai und die Piers wie ein bunter Saum umschwammen, konnte ein einzelner toter Fisch keine Aufmerksamkeit erregen. Auch der Mann, der oben über die Promenade eilte, hatte keine Ahnung von dem Tod, der unter ihm im Wasser lag. Er war mit einem weit größeren Sterben beschäftigt. Einem Sterben, das ihn nicht hatte schlafen lassen und früh aus dem Bett getrieben hatte.

Im Schatten gestapelter Fässer saß eine fette Ratte mit nassem Fell, die Hälfte des Schwanzes fehlte. Als der Mann vorüberlief, machte sie einen müden Hopser, die Andeutung einer Flucht, aber der Mann hatte sie nicht einmal bemerkt. Ein feiner Schweißfilm bildete sich auf seiner hohen Stirn, der Mann verlangsamte seinen Schritt, wich einem Schwall Schmutzwasser aus, das sich aus der dunklen Türöffnung einer Schenke über das Pflaster ergoss. Im Vorbeigehen nahm er die geröteten Hände einer Frau wahr, die einen Eimer hielten. Aber sie trat nicht nach draußen in den Morgen, sondern blieb unerkannt im Dämmer, im schalen Geruch der Gastwirtschaft und der Mann ging weiter. Er bog auf eine breite Straße ein. Viele Menschen waren schon auf den Beinen, die Händler öffneten ihre Stände. Die große Stadt kam nie vollends zur Ruhe, aber heute schien dem Mann die frühe Stunde besonders belebt. Der Eindruck täuschte vielleicht, der Mann traute seinen Sinnen nicht. Schlafmangel machte ihm zu schaffen, er fühlte sich wie unter Wasser, dumpf und schwerelos. Zugleich war er bedrückt und empfindlich: Das Splittern einer fallen gelassenen Obstkiste ließ ihn zusammenschrecken, der Fluch und die unmittelbar darauf folgende Ohrfeige hallten in seinem eigenen Kopf, die über das Pflaster rollenden Äpfel waren die rotesten, die er je gesehen hatte.

Der Mann hob den Kopf und sah den Himmel violett leuchten. Die goldenen Kuppeln der alles überragenden Zwillingstürme glänzten wie große Gestirne. Als habe sich die Stadt selbst eine Doppelsonne an den Himmel geheftet, damit die Dunkelheit diesen Ort nicht erreichen konnte. Und so war es bis jetzt auch: Pram hatte noch jede Katastrophe von sich abwenden können. Der Mann kniff geblendet die Augen zu und wischte sich über die feuchte Stirn. Dies würde der erste wirklich heiße Tag des Solders werden.

In der kühlen Stille des hohen Lesesaals, umgeben vom Wissen des gesamten Kontinents, wurde der Mann etwas ruhiger. Wenn er Folianten um sich herum stapeln konnte, wenn er Schriftrollen ausbreiten und sich über die Zeichen der Vergangenheit beugen konnte, wenn er las, ging es ihm gut. Seine Augen, sonst unstet und nirgendwo Halt findend, saugten sich fest. Er vergaß den Saal, er vergaß sich selbst und er vergaß die Zeit. Er ging über hundert Soldern zurück, hinein ins große Sterben.

Der Eldron hat sich einen Gürtel aus Stahl umgelegt. Drüben, am flachen, grasigen Ufer, ist es dunkel geworden; dort sind die Welsen aufmarschiert und es schimmert schwarz über den Wassern des großen Stroms. Ab und an wehen Fetzen der grausigen Schlachtgesänge hinüber in unsere freie, schöne Heimatstadt, die sich dieser Tage mit gleichsam angehaltenem Atem an nur einen Gedanken klammert: Die Kwother werden uns zur Hilfe kommen. Bald! Bald!

Wenn nicht, sind wir verloren. Die Streitkraft der Welsen muss vernichtend genannt werden. Am Ostufer des Eldrons sind in Stellung gebracht: Lanzenträger, Bogenschützen, Schwertkämpfer und Berittene, wobei die Schwertkämpfer zu Fuß den anderen Einheiten zahlenmäßig voraus sind. Es ist ein großes Verschieben und Vermischen im Gange. Es formen sich, wie von großer, unsichtbarer Hand geführt, vier Armeen aus den Truppenteilen, jede über siebzigtausend Helme stark. Immer mehr in schwarzen Stahl gerüstete Männer stehen da, wo eben noch Bäume standen; es ist, als ob das Welsenheer aus dem Wald herauswüchse. Aber nein, sie schlagen die Bäume! Sie bauen Boote und Flöße! Sie wollen übersetzen!

Bald ist nichts mehr zwischen uns und der Vernichtung. Nur das Wasser gibt uns Aufschub. Der große Strom, der Eldron, unser aller Vater und Ernährer, ist dieser Tage unser Beschützer. Nicht mehr lange, und der Kriegstreiber, der grausamste aller Herrscher dieser Welt, König Farsten von Wandt, wird ihn überwunden haben.

Der Mann zupfte an seinem dünnen Bart, er hatte diese Passage schon so oft gelesen, dass er sie auswendig kannte. Dennoch, und obwohl der damalige Chronist nicht gerade ein begnadeter Schreiber gewesen war, las er sie immer wieder. Heute erschien sie ihm besonders düster, ohne dass er den Grund dafür fand. Heute halfen die zittrigen Zeilen nicht gegen das Unwohlsein, sie machten ihn nur noch nervöser. Er bemühte sich, sein Herz zu beruhigen, das wie ein abgehetzter Bote mit einer fast unverschämten Dringlichkeit gegen seinen Brustkorb klopfte. Welche Nachricht wollte es ihm überbringen? Der Mann versuchte zwischen den Zeilen zu lesen, aber da war nichts außer nackter Angst. Pram, die freie, schöne Heimatstadt, stand jedoch noch, sie war der Vernichtung entkommen und war heute sogar schöner, größer und freier als damals. Der Mann war hindurchgelaufen, gerade eben erst. Er wusste es, das Unmögliche war damals gelungen; und er wusste auch, wie, denn er hatte es gelesen.

Aber die Unruhe, die sich in seinen Körper und in sein Denken gepflanzt hatte und daran emporkroch wie ein schnell wachsender Efeu, verdrängte die Gewissheit. Er war nicht mehr sicher, dass das, was geschrieben stand, die ganze Wahrheit war, und das erschütterte ihn, denn er kannte kein anderes Mittel gegen Ungewissheit als das Lesen. Er griff sich ein weiteres Buch, eine Abschrift aus dem Fürstenkodex, und schlug die berühmte Rede Palmons nach.

Bürger von Pram, seht her: Die Welt ist zu uns gekommen. Denn hier und heute, in dieser Nacht, in Pram, entscheidet sich das Schicksal der freien Völker des Kontinents. Und seht: Hier stehen wir und wir stehen zusammen! Wir sind im Recht. Wir verteidigen unsere Freiheit.

Wer diese Stadt, wer dieses Volk von Pram preisgeben würde, der würde eine ganze Welt preisgeben. Deshalb ist die Welt nach Pram gekommen.

Deshalb sind sie hier, die Führer der Kwother mit ihren Soldaten, der König der Steppenläufer mit seinen Spähern, sogar die Seguren haben ihre Besten gesandt, Asing ist hier, neben mir, um uns zu beraten. Wir stehen zusammen in einer Allianz, einer Front, dem Feind entgegen.

Pram ist eine Festung – ohne Mauern. Pram ist ein Bollwerk – für die Freiheit.

Pram ist der Vorposten der Menschlichkeit, den niemand ungestraft preisgeben kann und darf und will.

Wir gehen nicht zurück. Wir lassen uns nicht in die Finsternis stürzen. Wir unterwerfen uns nicht der Gier, dem Machthunger, dem Wahnsinn eines Mannes, der nichts kennt als den Krieg. Ich rufe dir zu: Sieh dich vor, Farsten, schwarzer Soldatenkönig, grausamer Kriegsfürst! Denn über uns wirst du stolpern! An Pram wirst du scheitern. Hier wirst du fallen!

Bürger von Pram! Das Auge der Welt ist heute auf euch gerichtet! Was wird es sehen? Weinende Kinder? Geschändete Frauen? Verstümmelte Männer? Geplünderte Häuser? Tod und Leid, Versklavung und Unterwerfung, die vollkommene Vernichtung all dessen, was wir lieben?

Ich sage euch, was ich sehe: Ich sehe Tränen. Tränen der Freude. Ich höre Schreie. Schreie, die unseren Sieg jubelnd in die Lüfte tragen. Ich sehe das Licht eines neuen Tages auf euren Gesichtern leuchten. Ich sehe eine Stadt, die unberührt vom Grauen des Kriegs einer Zukunft entgegengeht, die noch heller strahlt in der Nachbarschaft der totalen Zerstörung. Der totalen Zerstörung von Machthunger und Wahnsinn. Der totalen Zerstörung eines Kriegstreibers, der unser Volk ohne Not angreift und sein eigenes ins Verderben stürzt:

Farsten wird fallen. Farsten wird brennen.

Und mit ihm ganz Welsien!

Eine gute Rede, eine Rede, die Mut machte am Vorabend der großen Schlacht, die verloren schien, es aber nicht gewesen war. Eine prophetische Rede. Denn die Allianz, das glorreiche Westliche Bündnis, hatte nicht nur das übermächtige Welsenheer vernichtet, sondern ganz Welsien – genau so, wie Fürst Palmon es den Bürgern des freien, schönen Pram versprochen hatte. Ein gewaltiger Feuersturm war über das weite Land der Welsen gefegt, die kwothischen Soldaten im Gefolge. Die Elemente waren den Rechtschaffenden wohlgesonnen gewesen: zuerst das Wasser, das die Feinde der Freiheit aufgehalten hatte. Dann das Feuer. Und die Winde, die die Flammen über die Ebenen Welsiens trieben, bis das kriegerische Volk beinahe vollständig ausgerottet war und das große Sterben ein Ende hatte. So oder so ähnlich war es überall verzeichnet. Und das konnte keine Lüge sein, denn es war geschehen: Welsien war verbrannt, König Farsten war verbrannt und mit ihm sein Volk, alles war Asche geworden vor über hundert Soldern. Wen kümmerte das heute noch?

Ihn. Der Mann hatte nicht nur alles gelesen, was an Schriften über die große Feuerschlacht in der Bibliothek von Pram verfügbar war, und das war viel. Er hatte sich auch Abschriften aus Kwothien schicken lassen und jede Quelle, auch die dunkelste, angezapft, um noch mehr Informationen aufzutun. Erst heute wurde ihm klar, wie blind er gewesen war.

Er musste nichts mehr lesen über den hervorragenden, weitsichtigen Palmon von Pram, über die strategisch brillanten Heerführer der Kwother, über die flinken Steppenläufer. Er musste nicht mehr Truppenstärken nachrechnen, Versorgungswege nachvollziehen, Schlachtordnungen durchspielen. Er hatte sich viel zu lange mit den Militärs beschäftigt.

Er musste das Feuer verstehen, nicht die Schlacht.

Dem Mann wurde übel, er beugte sich vor und hielt den Atem an. Sein Herz, klüger als er selbst, war mit einem Mal still geworden, als wollte es ihn in Ruhe das erfassen lassen, was es längst wusste.

Er musste das Feuer verstehen.

Er holte tief Luft, er rang mit der Übelkeit.

Er musste neu und anders denken, und das zog mit einer solchen Gewalt an ihm, dass er sich am Stuhl festhalten musste.

Sein Herzschlag setzte wieder ein, schmerzhaft, und mit dem ersten Schlag sah er es. Das Inferno, wirklich wie nie. Ein ganzes Land in Flammen. Der Mann sah den Boden glühen und die Menschen brennen. Er hörte die Schreie und roch verkohlte Haut – und das war es, was er nie hatte lesen können, denn dieses Feuer war unbeschreiblich in seiner Ausdehnung, seiner lodernden Gier, seiner rasenden Vernichtung. Der Mann fühlte die Glut, den heißen Atem der Todesangst und endlich verstand er: Dies war die Vergangenheit und es war die Zukunft.

Denn dieses Feuer war zu groß gewesen. Es war so heiß, so mächtig gewesen, dass es in einer Nacht ein ganzes Volk verbrennen konnte. Ein solches Feuer konnte niemals völlig verlöschen. Ein solches Feuer schwelte weiter. Wenn niemand die verborgenen Glutnester austrat, konnte es auch nach über hundert Soldern wieder auflodern. Und dann würde es nicht nur ein Land, sondern den ganzen Kontinent in Brand setzen.

Der Mann lehnte sich zurück und fuhr sich durch die Haare. Er schloss die Augen und schluckte den Speichel, der sich in seinem Mund gesammelt hatte. Er schmeckte bitter wie Galle.

TEIL EINS

ERSTES KAPITEL

IM LANGEN TAL

Sie hatten ihr Lager am sandigen Ufer der Merz aufgeschlagen, die nach dem außergewöhnlich heißen Lendern wenig Wasser führte. Flirrende Hitze hatte das Lange Tal gelähmt und in der Mittagsglut schien die Luft über den Gräserspitzen zu brennen. Nun, in der aufziehenden Nacht, wurde es kühler. Aber es regnete nicht. In einem Bett, das ihm zu groß geworden war, glitt der dunkle Fluss träge an ihnen vorüber.

Jator drehte zwei Gelbhühner über dem Feuer, die Babu von seinem Ausritt mitgebracht hatte, fettes Federvieh, es zischte, wenn der Saft austrat und in die Flammen tröpfelte. Ihm lief das Wasser im Mund zusammen.

»Unser Land sorgt gut für uns, was meinst du, Babu?«

Der Freund schwieg erst, rang sich dann doch zu einer Antwort durch.

»Die Hühner sind so fett, ich hätte sie im Vorbeigehen mit der Hand fangen können.«

Babu lag auf der Seite, den Kopf aufgestützt. Der lange schwarze Zopf ringelte sich im gelben Sand wie eine Schlange, die hellbraunen Augen wirkten dunkler im Schein des Feuers und ruhten mit einer Verachtung auf den Hühnern, die sie nicht verdient hatten. Jator zog den Ärmel seines Lederhemds über die Hand und drehte wieder an den heißen Spießen. In letzter Zeit war mit Babu kein rechtes Gespräch mehr anzufangen. Den ganzen Tag über hatte Babu kaum ein Wort gesagt, sondern in die Ferne gestarrt, und dann war er losgeritten. Hatte Jator allein gelassen mit der Herde und den Hunden. War es nicht so, dass sie zusammen reiten sollten? Über Tag Langeweile und am Abend nicht einmal Spaß beim Essen. Jator seufzte. Babu sah ihn an.

»Jator?«

»Ja?«

»Sag mir, woraus ist unser Brennholz?«

»Was soll das, Babu, das weißt du so gut wie ich.«

»Sag es mir dennoch.«

Widerstand war zwecklos. Babu hielt an seiner Sache fest, stur wie ein alter Mann, dabei war er sogar noch jünger als Jator.

»Wir machen unser Feuer aus getrocknetem Kafurdung«, leierte der, »wie es schon unsere Väter gemacht haben und die Väter unserer Väter und deren Väter auch. Wir sind Grasleute, wir brauchen kein Holz für ein schönes Feuerchen, um uns ein paar leckere Gelbhühnchen zu brutzeln.«

»Ganz genau. Wir sind Grasleute«, sagte Babu und richtete sich auf, »wir brauchen kein Holz. Und erst recht brauchen wir keine Steine und noch viel weniger brauchen wir Häuser, die aus Steinen sind, und vor allem …«

»Ho, ho, warte, Babu, tu mir den Gefallen und lass uns das abkürzen. Ich sage es jetzt noch genau ein Mal: Ich mag mein Haus. Ich bin gerne zu Hause. Und, ja, schüttel du nur den Kopf, ich sitze gern in der Küche und löffel Mutters Stockmus, das ist nämlich sehr gut, wie du weißt. Außerdem trinke ich lieber ein kräftiges Bier als Flusswasser. Und außerdem«, er hob die Stimme, um Babu abzuwürgen, der dazwischenreden wollte, »ist unser Haus nicht aus Stein, sondern aus Lehm. Die Hühner sind durch.«

Babu schwieg beleidigt.

Jator zog das knusprige Geflügel von den Spießen auf zwei dicke, speckige Spaltlederlappen – Geschirr nahmen sie nicht mit, wenn sie die Herde zum Grasen ausführten, nur ein paar Blasshaferfladen, vielleicht einige getrocknete Strauchbeeren.

Jator sah auf das gebratene Gelbhuhn, er hatte Hunger. Aber nun sogar im Streit essen? Das konnte er nicht.

»Ich mag zwar ein Nichtsnutz sein, Babu, ich weiß, dass du im Geheimen so denkst – jeder denkt so, denn ich habe keine eigene Herde. Aber weißt du was? Es ist mir egal. Ich komme mit dir mit und das reicht mir. Ich bin gern zu Hause, ja, aber ich jammere nicht, wenn wir unterwegs sind. Weißt du auch, warum? Mir gefällt mein Leben, ich mag alles so, wie es ist. Und ich glaube einfach nicht daran, dass gestern alles besser war. Weil das nicht wahr ist. Immer umherziehen, heute hier, morgen da, die große Freiheit. Deine Freiheit war Krieg, Babu, begreif das doch endlich. Diese Zeiten sind vorbei. Was willst du eigentlich? Du hast doch alles. Kannst du dich nicht ein wenig anpassen? Kannst du nicht … dankbar sein?«

Babu sah ihn ernst an und warf sich den Zopf auf den Rücken. Dann, endlich, lächelte er.

»Du bist also ein Nichtsnutz? Wer hilft mir denn mit der Herde, wer hat heute auf sie achtgegeben, wem gehorchen denn die Hunde? Du bist ein guter Hirte, Jator. Ich bin froh, dass du mitkommst. Ich bin dankbar, dass du mich begleitest. Außerdem: Mit wem sollte ich sonst streiten?«

Jator zog mit den Zähnen die Haut vom Gelbhuhnschenkel und warf sie den Hunden hin, die mit der Geduld eines Rudels Wölfe genau darauf gewartet hatten und sich nun gierig auf den Fetzen stürzten. Ja, zum Streiten war Jator gut genug. Aber das wollte er nicht. Er wollte seine Ruhe haben und ein wenig Spaß, das war nicht viel verlangt. Er hatte nichts dagegen, Babu zu begleiten, mit ihm die Herde auszutreiben, so war es immer gewesen und es war gut gewesen. Den Freund auf seinen Gedankengängen in die Vergangenheit zu begleiten, mit ihm in eine Zeit zu gehen, die vor ihrer eigenen, gemeinsamen Zeit lag, das aber widerstrebte Jator zutiefst. Denn es war eine dunkle, blutige Zeit gewesen. Warum also dorthin schauen? Der Thon sagte es doch auch: Die Merzer sollen in die Zukunft sehen. Und der Thon hatte recht.

»Tascha wird heiraten«, sagte Jator.

Babu verschluckte sich, würgte.

»Wann?«

»Sobald Kager sich die Hochzeit leisten kann, nehme ich an.« Er schlug Babu auf den Rücken, Babu wehrte ihn ab. Jator gab ihm einen kräftigen Schlag auf die Schulter.

»Na, was soll’s! Ich habe ja noch eine Schwester.«

Babu hustete und blickte finster auf die Mahlzeit in seinem Schoß. Dann packte er das Hühnchen und warf es vor die Hunde.

»Ich will noch nicht ausgesucht werden. Ich bin noch nicht so weit.«

»Sicher«, sagte Jator ruhig, biss ab und kaute ausgiebig. »Du bist noch nicht so weit … Du lässt das Leben an dir vorbeiziehen und grübelst. Hier draußen … am Feuer, am Fluss, unter den Sternen.«

»Wirst du dann, wenn es so weit ist … wirst du dann mit Kager reiten?«

Babus Augen waren groß und rund. Manchmal konnte man glauben, er sei gar kein echter Merzer.

»Das müsste ich wohl«, sagte Jator. »Das wird von mir erwartet. Er ist dann mein Schwager.« Er puhlte sich Fleischfasern aus den Zähnen. »Aber was kümmert mich das, was andere von mir erwarten?« Er lachte. »Ich bin ein Nichtsnutz! Mir fehlt der Ehrgeiz. Meine Mutter und meine Schwestern haben sich längst damit abgefunden, dass aus mir nichts mehr wird. Ich soll Kagers Kafur hüten? Ich denke nicht daran.«

Babu blickte Jator erstaunt an.

Jator beugte sich vor. »Babu, ich bin dein Freund, ich komme mit dir. Von mir aus bis an mein Lebensende … unter einer Bedingung.«

»Die wäre?«