Das Erbe der Macht - Band 17: Seelenmosaik - Andreas Suchanek - E-Book

Das Erbe der Macht - Band 17: Seelenmosaik E-Book

Andreas Suchanek

4,5

Beschreibung

Es ist der letzte Schachzug, den Bran vor dem großen Schlag einleiten will. Chloe und Eliot erhalten grauenvolle Aufträge und Crowley soll sich auf die Suche nach dem Verräter machen, der einst für die Blutnacht von Alicante verantwortlich war. Unterdessen bittet Johanna ihre beste Freundin um Hilfe. Diese war seit vielen Jahrzehnten zwischen den Welten unterwegs, muss jetzt aber umgehend wieder ins Geschehen eingreifen. Das Erbe der Macht ... ... Gewinner des Lovelybooks Lesepreis 2018! ... Gewinner des Skoutz-Award 2018! ... Silber- und Bronze-Gewinner beim Lovelybooks Lesepreis 2017! ... Platz 3 als Buchliebling 2016 bei "Was liest du?"! ... Nominiert für den Deutschen Phantastik Preis 2017 in "Beste Serie"! Das Erbe der Macht erscheint monatlich als E-Book und alle drei Monate als Hardcover-Sammelband.

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Table of Contents

Titelseite

Was bisher geschah

Prolog

1. Zweisamkeit

2. Marks Pfad

3. Beste Freundin

4. Die nächsten Schritte

5. Das Wiedersehen

6. Reich unter Wasser

7. Das dynamische Duo

8. Die Ankunft

9. Des Rätsels Wurzel

10. Zeitschatten

11. Der Siegelbrecher

12. Ein Reich zu bewahren

13. Ein Spaziergang

14. Der Lilie Schein in Engelslicht

15. Ein Mysterium

16. Ohne Hoffnung

17. Fischstäbchen mit Dreizack

18. Das Urböse

19. Der magische Nimag

20. Die ewige Kirche

21. Die Puppen des Spielers

22. Der Rauch der Erkenntnis

23. Das Seelenmosaik

24. Alles oder nichts

25. Versprich es mir!

26. Die Silhouette im Spiegel

27. Der Untergang

28. Signum Malus …

29. … Signum Dominus

30. Getrennte Wege

Epilog

Vorschau

Seriennews

Glossar

Impressum

Das Erbe der Macht

Band 17

»Seelenmosaik«

von Andreas Suchanek

 

Was bisher geschah

 

In der Welt der Magie herrscht Chaos. Nach dem erfolgreichen Kampf gegen die Schattenfrau ist der Wall vollständig entstanden und dämpft die Magie immer stärker.

Im Castillo ist der mystische Onyxquader zerbrochen. Aus dem Inneren kommt ein Mann zum Vorschein, der scheinbar sein Gedächtnis verloren hat. Chloe gibt ihm den Namen Ellis. Niemand ahnt, dass es sich dabei um Bran handelt, der die Erschaffung des Walls einst in die Wege leitete. Erst später erfährt Johanna, dass Bran noch lebt, nicht jedoch, dass er Ellis ist.

Nach einem Abenteuer in tiefster Vergangenheit erhält Alex endlich sein Gedächtnis zurück und kann wieder Magie wirken. Auch Wechselbalg Kyra schließt sich dem Team um die Lichtkämpfer an. Die beiden verbergen sich im Verlorenen Castillo, um den Ordnungsmagiern nicht in die Hände zu fallen. Hier finden sie gemeinsam mit Nils – bei dem es sich in Wahrheit um das Sigil Mozarts handelt – die Essenzmanifestation eines verstorbenen Lichtkämpfers.

Moriarty erfährt unterdessen, dass der Gesellschaft der Magier etwas Furchtbares bevorsteht. Der Verräter, der vor vielen Jahren die Blutnacht von Alicante auslöste, scheint damit in Verbindung zu stehen. Moriarty macht sich auf die Suche.

Prolog

 

Der Wasserfall teilte sich wie ein Vorhang und gab den Blick frei auf eine Bühne voller Gegenstände.

»Wow«, kommentierte Chloe.

Ihre Boots patschten in den Pfützen, als sie tiefer in die Höhle vordrang. Neugierig betrachtete sie die Artefakte. Sie lagen in geöffneten Kisten oder wurden in Bernstein aufbewahrt.

»Du hast das alles zusammengetragen?«, fragte Eliot, der bisher schweigend neben ihr hergeschritten war. Im fahlen Licht der Höhle wirkte er bleicher als gewöhnlich.

»In der Tat«, bestätigte Bran.

Er trug lederne Schuhe, eine Hose aus dunklem Stoff und eine Kutte darüber. Im Gegensatz zu früher waren seine Schritte fest, aus jeder Bewegung sprach Stärke. Und Gnadenlosigkeit.

Kantige Felsbrocken umrahmten eine Höhle mit den Ausmaßen einer kleinen Dorfkapelle. Ein ausgetrockneter Brunnen ragte exakt im Zentrum aus dem Boden. Hoch über ihnen gab es Schächte im Gestein, durch die Tageslicht fiel.

»Warum sind wir hier?«, fragte Chloe.

Bran schenkte ihr ein Lächeln, was ein Feuerwerk freudiger Gefühle in ihrem Inneren auslöste. »Wir sind hier, weil ich euch beiden wichtige Aufgaben übergeben werde. Schlüsselaufgaben, die den letzten Schritt zur neuen Ordnung darstellen.«

Er hob die Hand und eine Kiste öffnete sich.

Einmal mehr begriff Chloe, dass Brans Magie anders funktionierte. Gewöhnliche Lichtkämpfer und Unsterbliche mussten Essenz durch Artikulation in Verbindung mit magischen Symbolen manifestieren. Bran nicht. Er schien seine Kraft direkt von einer unerschöpflichen Quelle abzugreifen und mit einem Gedanken auszuformen.

Eliot ging neben der Kiste in die Knie und entnahm ihr einen Kragen aus Holz. »Hexenholz. Die Symbole darauf habe ich noch nie gesehen.«

»Weil sie heutzutage nicht mehr benutzt werden«, erklärte Bran. »Die Unsterblichen sehen es als Folter an, wenn der Kragen eingesetzt wird. Da nutzen sie lieber den Immortalis-Kerker. Diese Halskrause aber, einmal umgelegt, verhindert die Ausübung besonderer magischer Fähigkeiten.«

Bran strich mit dem Finger durch die Luft, worauf der Kragen sanft zu Chloe schwebte. »Ich möchte, dass du ihn an dich nimmst und auf mein Kommando Nikki umlegst.«

Für den Bruchteil einer Sekunde fuhr ein elektrischer Schlag durch Chloes Magen. Dann akzeptierte sie es. Der Weg zum Glück war steinig. Sie nahm den Kragen an sich. »Wann wird das sein?«

»Schon sehr bald. Denn du wirst zu einer Mission aufbrechen. Zu einer der wichtigsten Missionen, die du je durchgeführt hast. Nikki wird an deiner Seite sein.«

Bran öffnete eine zweite Kiste.

Wieder ging Eliot in die Knie und entnahm den darin befindlichen Gegenstand. »Für mich?«

»In der Tat«, bestätigte Bran. »Du wirst dich um jemand anderen kümmern. Für diese Person benötigen wir eine endgültige Lösung.«

Er legte ihnen ihre Aufträge dar.

»Wir werden dich nicht enttäuschen«, erklärte Chloe.

»Natürlich werdet ihr das nicht.«

Bran lächelte.

1. Zweisamkeit

 

Jen öffnete die Augen und gab sich ganz ihren Gefühlen hin. Wie lange war es her, dass sie schwerelos, befreit von Sorgen, einfach hatte dahintreiben können? Keine Gedanken an das Gestern oder Morgen.

Lächelnd wandte sie den Kopf zur Seite. »Waaaah!«

Alex grinste sie an. Er war längst wach und musste sie beobachtet haben. »Ich stehe doch eher auf das klassische ›Guten Morgen‹.«

»Wenn du mich das nächste Mal nicht mehr so anstarrst, lässt sich das vielleicht einrichten. Wie lange tust du das schon?«

»Nicht lange genug.«

»Kent!«

»Eine Stunde. Plus minus zwei Stunden.« Er grinste.

Tausend Schmetterlinge flatterten in ihrem Magen umher. »Das ist total …«

»… romantisch?«

»… beängstigend.« Sie drehte sich weg.

Wie vermutet rückte er näher, umschlang sie von hinten und hauchte einen Kuss in ihren Nacken. »Besser?«

»Viel besser.« Und sie spürte da noch etwas anderes. »Du scheinst wirklich bereits komplett wach zu sein.«

»Ich halte das mit dem alten Spruch ›allzeit bereit‹«, hauchte er.

»Angeber.«

»Soll ich es beweisen?«

»Na gut.«

Da sie praktischerweise sowieso fast nackt waren, kostete es lediglich Sekunden, bis auch die verbliebenen Stofffetzen verschwunden waren. Dann taten sie das, was sie am vergangenen Abend und in der Nacht bereits zweimal getan hatten.

Jen trieb auf einer Welle des Glücks dahin. Sie waren sich so nah wie nie zuvor. Küsse überall, Haut auf Haut. So fühlte es sich richtig an.

Irgendwann lagen sie dicht umschlungen nebeneinander.

Seit drei Tagen absolvierten sie dieses Programm hier gemeinsam in Alex‘ Zimmer, nur unterbrochen vom Duschen zu zweit, Spaziergängen oder Stippvisiten im Castillo, wo sie zum Schein immer mal wieder auftauchen musste.

Die Stille tat so gut.

Ein Knurren erklang.

»Hunger?«, fragte sie.

»So was von. Aber warte, dafür habe ich eine Lösung.« Alex grinste breit, schlüpfte in seine Shorts und griff an den Kontaktstein.

Plopp. Nils erschien. Er hielt ein winziges Tablett in den Händen, auf dem sich Kekse und Sandwiches stapelten. »Das ist ein komisches Spiel.«

»Es macht auch erst richtig Spaß, wenn du mir zehnmal Essen und Trinken gebracht hast. Und du darfst selbst nichts davon nehmen.«

Nils zog eine Schnute, überreichte Alex aber das Tablett. Um den Hals des Zwergs hing ein winziger Kontaktstein.

»Ich rufe dich dann«, sagte Alex.

Plopp.

Nils war verschwunden.

»Sandwich?« Alex stopfte sich bereits eines in den Mund.

»Kent!«, brüllte Jen. »Hast du wirklich einen kleinen Jungen dazu gebracht, uns Essen zu bringen? Was kommt als Nächstes, Bier?!«

»So was würde ich nie tun!«

Plopp.

»Habe ich vergessen.« Nils stellte eine Flasche Bier auf dem Tisch ab und verschwand wieder.

Alex schluckte, schielte aus den Augenwinkeln in Richtung der Bierflasche und sagte: »Das war jetzt blödes Timing.«

»Ich gebe dir gleich Timing!«

Dieser elende … Jen überlegte ernsthaft, Alex mit dem Essenzstab zu verprügeln. »Du kannst doch nicht einfach … Das geht doch nicht!«

»Er hat mir die letzten Kekse weggegessen, die Tilda ihm mitgegeben hatte. Das ist die Strafe. Er hat angefangen.«

Jen fasste sich mit der Hand an die Stirn. »Ich fasse es nicht.«

»Weißt du, du solltest mehr essen. Das täte dir wirklich gut.« Er hielt ihr eines der Sandwiches hin, zog es aber zurück, als sie ihm einen eisigen Blick zuwarf.

»Du wirst Nils nicht länger als Butler benutzen.«

»Nur noch fünfmal?«

»Nein!«

»Einmal!«

»Das ist keine Verhandlung! Wenn du weiterhin willst, dass ich hier nackt neben dir liege, dann hörst du damit auf.«

»Ist erledigt«, gab er sofort nach. »War sowieso nicht so wichtig.«

Jen seufzte. Wenigstens war es für sie gerade ziemlich einfach, ihre Argumente durchzusetzen. Trotzdem hätte sie Alex gerne ordentlich geschüttelt, als dieser genüsslich grinsend zu der verdammten Bierflasche griff.

»Weißt du, als Nächstes hätte ich Nils natürlich beigebracht, wie er Cosmopolitans für dich mixt.«

Ein tödlicher Blick.

»Was natürlich eine dumme Idee gewesen wäre.«

»Da schau, schon sind wir uns einig.«

Plopp.

»Echt jetzt?« Jen setzte bereits zu einer Tirade an, als sie Nikki erkannte. »Oh, sorry.«

»Du wolltest doch, dass ich dir die Recherche-Ergebnisse vorbeibringe«, verkündete die neuseeländische Lichtkämpferin. »Hier.« Damit legte sie eine Mappe auf den Tisch.

»Ach, das wollte Jen von dir?« Alex warf ihr einen Blick zu, für den sie ihn in den nächsten Minuten eindeutig aus dem Fenster werfen würde. »Und da lässt sie dich einfach hierherspringen? Wie einen Butler? Das gehört sich echt nicht.«

»Viel Spaß noch.« Nikki zwinkerte und verschwand.

»Dein Zimmer verwandelt sich langsam in einen Bahnhof«, sagte Jen nur.

»Es ist wirklich eine gemeine Sache, Sprungmagier ständig für die eigenen Zwecke zu missbrauchen, was?« Freches Grinsen hoch zehn. »Sandwich? Komm schon, du willst es doch auch.«

»Kent! Na gut, gib her.« Schließlich musste Frau etwas essen. Trotzdem ergänzte sie: »Das ist nicht dasselbe. Und wage es nicht, darüber zu diskutieren.«

»Käme mir nie in den Sinn«, gab er kauend zurück. »Sonst kommen wieder irgendwelche Drohungen über Sexentzug.«

Sie aßen schweigend. Am Ende ließ Jen sich dazu hinreißen, einen Schluck Bier zu trinken – es war einfach nichts anderes da. Damit festigte sich ihre Überzeugung, das Zeug nie wieder anzurühren. Es war einfach ekelhaft.

»Was hat Nikki dir da gebracht?«, fragte Alex und deutete auf die Mappe.

Jen wischte sich den Mund mit einer Serviette ab, die auf dem Tablett gelegen hatte. »Hast du Nils tatsächlich ein Stück deines Kontaktsteins gegeben?«

»Hab‘ ich.«

»Komisch. Ich dachte, Magier können keine Kontaktsteine von anderen benutzen. Immer nur die eigenen, weil die sich mit dem Sigil verbinden.«

»Frag den Knirps«, schlug Alex vor. »Wurden seine Eltern denn mittlerweile gefunden?«

Jen schüttelte den Kopf. »Bisher nicht. Und seine Angaben sind auch total seltsam. Wir wissen nur, dass seine Mutter Anna Maria heißt. Und frag nicht, wie schwer es war, das herauszubekommen. Er sagt nämlich immer: Anma.«

Alex kicherte. »Bis sie gefunden sind, geben wir auf jeden Fall gut auf ihn Acht. Also, was hat es mit der Akte auf sich?«

Jen nickte und wandte sich diesem Thema zu. »Das finden wir jetzt gemeinsam heraus.«

Sie griff danach.

2. Marks Pfad

 

»Mark?«, fragte Alex.

Der Gedanke verursachte ihm Magenschmerzen. Natürlich war das völlig idiotisch. Trotzdem teilte er Jen auf gewisse Weise mit zwei anderen Männern.

Einmal gab es da Dylan. Den tollen Superkerl und Nimag. Er stellte für Jen den Ausweg aus einem chaotischen Leben als Magierin dar, das verdammt viele schmerzhafte Ereignisse enthielt.

Eines dieser schmerzhaften Ereignisse war Mark. Alex‘ Vorgänger war durch die Attacken eines geheimen Ordens gestorben, deren Mitglieder später auch versucht hatten, Alex zu töten. Ein Teil von ihrem ehemaligen Partner würde wohl immer mit dabei sein.

»Jap«, bestätigte Jen.

Sie saßen beide auf dem Bett. Während er selbst nur Shorts trug, hatte Jen sich einen ziemlich knappen Slip angezogen. Mal ehrlich, wer konnte bei einem solchen Anblick vernünftig denken? Schnell griff er nach einem weiteren Sandwich, um sich abzulenken.

»Ich habe Nikki gebeten, noch einmal die alte Spur zu verfolgen. Wir haben uns total darauf konzentriert, das zweite Kryptex zu finden, dabei ist das gar nicht notwendig. Mark muss ja selbst irgendwann auf die ursprünglichen Informationen gestoßen sein.«

»Und diese Quelle willst du ebenfalls finden.«

Jen nickte. »Schau, hier steht, dass Mark wenige Tage vor seinem Tod seine Eltern besucht hat.«

»Das ist Glück, so haben sie ihn wenigstens noch mal gesehen.«

»Die waren nicht gut aufeinander zu sprechen«, erklärte Jen. »Anders gesagt: Er hat sie gehasst und sie ihn.«

»Er war gar nicht dort«, schloss Alex.

»Eher nicht. Aber das bedeutet, dass er seinen wahren Zielort geheim gehalten hat.« Jen knabberte gedankenverloren an ihrer Unterlippe, was sehr süß aussah. »Aber wo war er dann? Er wird kaum einen Mentiglobus angefertigt haben.«

Konzentration! »Was er auch herausgefunden hat, es hat ihn geschockt. Er schrieb es in das zweite Kryptex. Aber wo könnte er geforscht haben?«

Jen überflog die Liste. »Er hatte mehrere Auslandseinsätze, aber immer im Team mit anderen. Dann war er einmal im Archiv, aber das wissen wir schon.«

Mark hatte für die Eltern von Chris und Kevin recherchiert. Ava Grant hatte diese Erinnerungen in einem Mentiglobus-Siegelring festgehalten. Dank eines weiteren Erinnerungsspeichers, den Kevin angefertigt hatte, war das Wissen mittlerweile jedem in ihrem Team bekannt.

Alex kniff die Augen zusammen und versuchte, sich alles ins Gedächtnis zurückzurufen. »Er hatte das Archiv über ein Türportal nach Brasilien verlassen, richtig?«

Jen nickte. »Aber das bringt uns auch nicht weiter. Wir wissen, dass er den beiden alles zum wilden Sigil offengelegt hatte.«

Im Reflex strich Alex über seine Brust. Endlich verspürte er wieder das vertraute Bernsteinglimmen des Sigils in seinem Inneren.

»Da fällt mir ein: Wie steht es um die Anklage gegen Ava Grant?«, fragte er.

»In ein paar Tagen startet der Prozess«, erklärte Jen. »Sie ist noch daheim, wird sich aber bald im Castillo einfinden.«

»Wie geht es den Zwillingen?«

»Kevin wälzt Gesetzestexte«, erwiderte Jen. »Chris ist eher am Verdrängen. Dabei hilft ihm Nikki.«

Alex kicherte. »Wer hätte gedacht, dass aus den beiden was werden würde. Sie ist so winzig und er der starke Muskelmann.«

»Innerlich sind sie aber völlig gleich«, merkte Jen an. »Nach allem, was er erlebt hat, ist Chris total verletzlich.«

»Genau. Total«, sagte Alex nickend.

»Männer.« Jen verdreht die Augen. Das sah auch ziemlich niedlich aus. »Aber zurück zum Thema. Wo würde jemand wie Mark suchen, um Informationen über das wilde Sigil zu erhalten? Nein, halt. Es kann nicht wirklich darum gehen. Dazu wissen wir doch alles. Es geht eher um die Kombination aus dem wilden Sigil mit dir.«

»Du meinst um mich«, stellte Alex klar. »Das wilde Sigil wurde von der Schattenfrau in mich gelenkt, ein paar Personen sind darüber sehr unglücklich. Aber was ist an mir anders? Wieso darf ausgerechnet ich kein Magier sein?«

»Und weshalb ist Johanna, die wirklich zu den größten Lichtkämpfern der Geschichte zählt und auf die Einhaltung der Regeln pocht, dazu bereit, dich zu töten?«

Ein Punkt, der Alex schlaflose Nächte bescherte. Johanna von Orleans war eine Unsterbliche, die erwählt worden war, weil sie sich um die Menschheit positiv verdient gemacht hatte. Ausgerechnet sie sollte eine Mörderin sein? Dafür musste es einen Grund geben. »Wir können davon ausgehen, dass Leonardo eingeweiht ist.«

»Die beiden haben keine Geheimnisse voreinander«, stimmte Jen zu.

»Sind wir jetzt eigentlich zusammen?«

Verdattert starrte sie ihn an. »Was?«

»Ich meine ja nur, weil wir jetzt hier … drei Tage lang … und da ist ja auch noch Dylan. Vielleicht willst du ja etwas Offenes. Oder nur Spaß. Spaß ist natürlich toll. Wenn du das willst, hab‘ ich damit …«

»Kent!«

»Ja?«

»Bevor du weitersprichst – und wir wissen, dass das in eine Katastrophe führen wird: Lass es lieber.« Sie strich sich leicht verlegen eine Strähne aus der Stirn. Was total süß aussah. »Ja, wir sind zusammen. Also, falls du das willst?«

»Absolut.«

»Gut. Dann ab jetzt kein Bier mehr.«

»Was?«

Das Entsetzen stand ihm so deutlich ins Gesicht geschrieben, dass Jen im gleichen Augenblick schallend lachen musste. Dieses gemeine Biest. Das führte zu einer Kitzelschlacht, die in feurigen Küssen endete. Das wiederrum führte zum vierten Mal.

Danach lagen sie keuchend auf dem Bett.

»Wenn wir so weitermachen, werden wir einen Rekord aufstellen«, kommentierte Jen.

»Gute Idee.«

»Fühl dich auf den Hinterkopf geschlagen.«

»Autsch.«

Jen grinste. »Brav.«

Alex fuhr kerzengerade in die Höhe. »Johanna.«

»Ernsthaft?«

»Nein, ich meine: Johanna ist der Schlüssel. Verstehst du nicht: Mark hat das Rätsel irgendwann gelöst, indem er es von der Quelle erfahren hat. Leonardo und Johanna wissen Bescheid, und beide müssen es doch auch irgendwie herausgefunden haben.«

Jetzt war es an Jen, in die Höhe zu schnellen. »Du hast Recht! Davon muss es eine Aufzeichnung geben. Die Frage ist, wie wir diese finden.«

»Es gibt nur einen Ort, an dem so etwas aufbewahrt wird.« Alex sprang in die Höhe, schlüpfte in Shorts, Jeans und Shirt. »Im Archiv.«

»Da stimme ich dir zu. Und ich finde sicher eine Möglichkeit, dort vorbeizuschauen. Du allerdings …«

»Vergiss es«, unterbrach er sie. »Ich war lange genug auf der Ersatzbank. Es geht hier um mein Leben, meine Zukunft, meine Familie. Ich möchte meine Mum wieder besuchen, sie soll sich an mich erinnern. Außerdem muss ich Alfie retten. Ich bleibe nicht hier.«

Jen wirkte unglücklich. »Ist dir klar, was du für ein Risiko eingehst?«

»Absolut.«

Ein Seufzen. »Okay. Gemeinsam.« Ein diabolisches Grinsen schlich sich auf Jens Gesicht. »Und ich habe da auch schon eine Idee.«

Aus irgendeinem Grund fühlte Alex sich unwohl.

3. Beste Freundin

 

Prag

 

»Willkommen daheim.«

Lächelnd fielen sie sich in die Arme.

»Ich dachte mir schon, dass du die Erste bist. Steh nicht so herum, komm rein.«

Der vertraute Geruch nach Honig und Tee hieß Johanna willkommen. Den Rest erledigte sie auf Autopilot. Schuhe abstreifen, Jacke an den Kleiderständer hängen. Kurz stehen bleiben und die Zehen in dem flauschigen Teppich vergraben, dann weiter in den Salon. Im Kamin prasselte bereits ein Feuer, auf dem Tablett standen vier Tassen mit Tee und Kaffee.

Dieser Anblick versetzte Johanna einen Stich.

»Dann schauen wir mal, welcher der beiden als Nächstes kommen wird.« Grace lächelte freudig.

Sie mochte als Unsterbliche nicht älter werden, doch in ihren Augen lag eine Tiefe, die zuvor nicht dagewesen war. Es wunderte Johanna nicht, immerhin hatte das Nimag-Leben von Grace erst 1948 geendet, sie war direkt danach zur Unsterblichen ernannt worden. Anfangs war sie recht ungestüm gewesen, wenn auch durchsetzungsstark wie im vorherigen Leben. Doch jetzt …

»Du warst lange fort«, sagte Johanna, um nicht sofort auf die Bemerkung eingehen zu müssen.

»Es kam mir auch lange vor«, gab Grace zurück. »Aber hast du nicht schon Expeditionen hinter dich gebracht, die über ein Jahr gingen?«

»Das schon«, entgegnete Johanna. »Aber keine, die über 59 Jahre ging.«

Es geschah nicht oft, doch jetzt zuckte Grace verblüfft zusammen. »Wovon redest du? Ich war drei Jahre unterwegs.«

Sie starrten einander an. In den Augen ihrer besten Freundin erkannte Johanna die stille Hoffnung, dass dies alles nur ein Scherz war. Eine Hoffnung, die zerstört wurde, als Johanna das tatsächliche Datum nannte.

»Der Zeitablauf ist durcheinandergeraten«, flüsterte Grace. »Natürlich. In manchen Splitterreichen vergeht die Zeit schneller oder langsamer. Andere schicken dich beim Verlassen ruckartig in der Zeit voran, in dem sie den Übergang verlangsamen. Da die äußerliche Bezugsgröße fehlt, konnte ich das nicht merken.«

Mit hinter dem Rücken verschränkten Armen ging Grace langsam durch das Zimmer. Wie immer bevorzugte sie eine wissenschaftliche und logische Herangehensweise.

Nicht umsonst hatte sie zu Lebzeiten den Beinamen Weiblicher Sherlock Holmes getragen. Mochten in der heutigen Zeit nur die wenigsten von Grace Humiston gehört haben, so war sie zu ihren Lebzeiten als Nimag doch eine beachtliche Größe gewesen, wenn es darum gegangen war, Verbrechen aufzuklären.

»Hattest du Erfolg?«, fragte Johanna.

Grace stoppte ihren Gang. »Das weiß ich noch nicht. Zuerst muss ich den Zauber weben, um das Ergebnis zu erden und die Linien zu ziehen. Möglicherweise.«

»Du ahnst es noch nicht, aber es könnte ausschlaggebend für die Zukunft sein, wenn du Erfolg hattest.«

»Was ist passiert?« Grace sank neben Johanna auf die Couch. »Leonardo wird nicht kommen, oder?«

»Nein, wird er nicht«, bestätigte Johanna. »Und Steph auch nicht.«

»Steph«, echote Grace. »Wann ist er gestorben?«

»1993«, erklärte Johanna.

Die Worte, leichthin ausgesprochen, ließen die Traurigkeit in Johannas Seele aufsteigen wie aus einem tiefen See, der bisher in Stille geruht hatte, nun jedoch Wellen warf.

»Wer ist es in dieser Generation?«

»Alexander Kent. Aber wir haben ein Problem, das wir schon einmal hatten.«

Grace schloss für eine Sekunde die Augen. Sie war als Frau Anfang vierzig ins Leben zurückgekehrt. Das schwarze Haar trug sie schulterlang, ihren linken Ringfinger schmückte ein Siegelring. Neben ihr an der Seite lag ein alter Expeditionshelm, wie er 1914 gängig gewesen war. Grace‘ Hemd war blütenweiß, obgleich es zweifellos einiges mitgemacht hatte, die Treckinghosen waren nur leicht verschlissen. Sie wirkte wie eine Urwaldentdeckerin aus einem Tarzan-Film.