Das Labyrinth des Malers - Carolin Römer - E-Book

Das Labyrinth des Malers E-Book

Carolin Römer

4,8

Beschreibung

»Wenn er das Meer nicht fand, dann war er verloren, da war er sich sicher. Was würde er nicht alles tun, um hier lebend herauszukommen.« Fin O'Malley begibt sich unfreiwillig auf eine Art Pilgerreise. Der Croagh Patrick will bestiegen werden, doch die wilde irische Landschaft meint es nicht gut mit Fin. Er verläuft sich im Nebel des Septembertages und landet bei Séamus LeBrun, einem alten Maler, der allein in seinem Wohnwagen am Meer haust. Als dieser in die Luft fliegt, sieht die Polizei keinen Handlungsbedarf, doch Fins Spürsinn ist geweckt, besonders als im ausgebrannten Wrack zwei Goldmünzen gefunden werden. Der alte Sonderling hütet ein Geheimnis! Fin begibt sich auf Schatzsuche. Und er ist nicht der einzige. Je tiefer er gräbt, desto unübersichtlicher wird der Fall. Und Fin muss feststellen, dass Kobolde auch nicht mehr das sind, was sie einmal waren.

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Inhaltsverzeichnis
Cover
Carolin Römer - Das Labyrinth des Malers
Es roch nach Torffeuer …
1. Ballyshannon
2. Croagh Patrick
3. Séamus
4. Old Head
5. Bridget
6. Sligo
7. Foley
8. The Sligo Boys
9. Fearghus O’Toole
10. Ór!
11. Teddy
12. Susan
13. Dare & Wear
14. The Siren & Seal
15. Grace
16. The Changeling
17. Medusa
18. Quick
19. Gruagach
20. Mullaghmore
21. Inish Creig
Fin
Anmerkung
Impressum
Die Fin-O’Malley-Krimis

Es roch nach Torffeuer. Irgendwo musste ein Haus sein. Vielleicht eine Farm.

Dann war der Geruch verflogen, davongetragen vom Wind und mit ihm das Versprechen von Wärme und die Verheißung von Geborgenheit. Die Hoffnung auf Erlösung.

Es roch wieder nach nassem Gras, nach Schafscheiße und brackigem Wasser. Nach Herbst. Und nach Regen. Regen, der einfach nicht aufhören wollte.

Eine schmale Mondsichel suhlte sich in fetten schwarzen Wolken, schwärzer noch als der Nachthimmel. Es war so finster, dass er nicht mal bis zu seinen Schuhspitzen sehen konnte. Brauchte er auch nicht. Er wusste auch so, dass seine Schuhe völlig aufgeweicht waren, spätestens seit er den Graben übersehen hatte und bis zu den Knien im Morast eingesunken war. Auf allen vieren hatte er sich mühsam herausgekämpft, der zähe Matsch klebte an seiner Jeans und machte seine Schuhe und Schritte schwer.

Er hatte keine Ahnung, wie spät es war. Es war zu dunkel, um auf seiner Armbanduhr irgendetwas zu erkennen. Er wusste nicht, wie lange er schon unterwegs war. Auf jeden Fall zu lange. Er war müde, er war hungrig und durstig, und er fror erbärmlich in seinen nassen Sachen. Nur eines war ihm klar: Er hatte sich hoffnungslos verlaufen.

Im letzten Licht der Abenddämmerung hatte er am Horizont das Meer ahnen können. Aber das war Stunden her.

Er blieb stehen und lauschte. Irgendwo bellte ein Hund, die Stille der Nacht trug das Geräusch meilenweit übers Land. Es klang nicht bösartig oder angriffslustig, eher traurig. Das wehmütige Jaulen einer einsamen Kreatur, die auf Zuwendung hoffte. Ein Gefühl, das er nur zu gut nachempfinden konnte. Auch ihm war zum Heulen zumute.

Nicht weit entfernt glaubte er, das Rauschen der Wellen zu hören. Dort musste er hin. Wenn er erst das Meer erreicht hatte, dann wusste er wieder, wo er war. Dann war er gerettet.

Aber das einzige Rauschen, das tatsächlich zu hören war, war das endlose Rauschen des Regens. Anfangs war es ein Wolkenbruch gewesen, der ihn innerhalb von Sekunden bis auf die Knochen durchnässt hatte. Mittlerweile regnete es nur noch verhalten, aber umso ausdauernder.

Wieder blieb er stehen und horchte in die Dunkelheit. Das Meer musste direkt vor ihm liegen. Irgendwo links. Oder doch eher rechts?

Wenn er das Meer nicht fand, dann war er verloren, da war er sich sicher. Was würde er nicht alles tun, um hier lebend herauszukommen. Er schwor, mit dem Trinken aufzuhören, mit dem Fluchen, mit dem Rauchen – nein, halt, er rauchte ja gar nicht. Aber ihm fiel auf die Schnelle nichts ein, was er noch in die Waagschale hätte werfen können, um sein unbedeutendes jämmerliches Leben zu retten. Sollte er mit heiler Haut davonkommen, würde er so etwas nie wieder tun. Nie wieder würde er sich vom Pfad der Tugend entfernen. Nie wieder würde er ein Gesetz missachten. Das schwor er bei Gott. Nein, besser nicht. Er hatte den alten Knaben da oben schon genug gereizt. Und für Reue war es eh zu spät.

Wieder kam Wind auf, raschelte im Gras um ihn herum und klatschte ihm die Regentropfen unbarmherzig ins Gesicht. Er schniefte. Hörte er da nicht Schritte? Ganz dicht hinter ihm?

Er fuhr herum. Nahm eine Bewegung war. Ein dürrer Kerl mit zotteligen Haaren, der scheinbar aus dem Nichts aufgetaucht war, lange knochige Finger, die nach ihm griffen – er atmete auf. Es war nur eine verkrüppelte Birke, die ihm müde ihre kahlen, kümmerlichen Zweige entgegenstreckte.

Er seufzte, stolperte und schlug der Länge nach in totes, knorriges Heidekraut. Welke Triebe kratzten über sein Gesicht.

Er hatte sich die Hölle weiß Gott anders vorgestellt. Nicht so kalt. Nicht so dunkel. Und nicht so nass.

Nicht so wie Irland.

Er hätte sich nicht mit dem Polizisten anlegen sollen.

1. Ballyshannon

Dabei hatte alles so harmlos angefangen.

Es war nicht das erste Mal, dass Fin O’Malley an einem Samstagmorgen von Donegal nach Dublin fuhr. Er hätte wissen müssen, dass an Wochenenden ganz Dublin auf den Beinen, und schlimmer noch, auf den Straßen war. Ganz zu schweigen von den Touristenströmen, die jetzt in den ersten warmen Sommertagen die Hauptstadt als Einfallstor zur Insel nutzten.

Wenn es gut lief, dann schaffte er die Strecke normalerweise in knapp vier Stunden. Vorausgesetzt, die Kühe von Farmer Paddy blieben auf der Weide, wo sie hingehörten. Vorausgesetzt, ein Möbelwagen verlor bei Navan nicht die Hälfte seiner Ladung. Und vorausgesetzt, auf der M 50 rund um Dublin war ausnahmsweise mal kein Stau.

An diesem Samstag allerdings schien alles Pech der Welt an seiner Stoßstange zu kleben. Natürlich kam er zu spät zum Essen zu seiner Mutter. Typisch, bemerkte Deirdre, seine Schwester, lapidar. Immerhin hatte er, ganz der pflichtschuldige Sohn, unterwegs an einer Tankstelle Blumen gekauft, auch wenn ihm das erst eingefallen war, als er zwei Meilen vor Bray, dem kleinen Küstenort südlich von Dublin, wo seine Mutter bei seiner Schwester wohnte, von der Autobahn abgebogen war. Deirdre bedachte das bunte einfallslose Gebinde mit jenem verächtlichen Blick, den sie eigens für ihren Bruder reserviert hatte. Es war ihm egal. Seine Mutter freute sich einfach darüber, dass er gekommen war und ein paar Stunden Zeit mitgebracht hatte. Zu wenig, wie Deirdre ihm unmissverständlich klarmachte. Das Thema war nicht neu.

Um von Bray nach Dublin zu kommen, musste er wieder zurück auf die Umgehungsstraße und geriet prompt von einem Stau nach einem Unfall nahezu nahtlos in die abendliche Rushhour. Auch das kannte er nur zu gut. Im Grunde genommen war es nicht weiter schlimm, er hatte es überhaupt nicht eilig, denn der nächste Besuch, der vor ihm lag, versprach weitaus komplizierter zu werden als der übliche Kaffeeklatsch bei seiner Mutter.

Seine Laune war kurz davor, einen historischen Tiefpunkt zu erreichen, als er den Wagen vor Susans Haus parkte. Genaugenommen war es Matthews Haus, in das Susan, seine Ex-Frau in spe, samt der gemeinsamen Tochter Lily vor einem Vierteljahr eingezogen war. Matthew Clarke, der neue Kerl in Susans Leben. Bisher hatte Fin es vermieden, ihm über den Weg zu laufen, aber er musste mit Susan reden und sei es in der Höhle des Löwen. Nein, dieses Mal ging es ausnahmsweise nicht um Geld. Susan erwartete zwar, dass er sie schon wegen Lily finanziell unterstützte, sie wusste aber auch, dass Fin keinen müden Cent auf der hohen Kante hatte. Für sie ging es eher ums Prinzip. Geld brauchte sie keins, davon hatte ihr Neuer offenbar genug. Er hatte irgendeinen gutbezahlten Job beim Fernsehen, egal, Fin konnte den Kerl nicht leiden, auch wenn der Mann ihm nie etwas getan hatte. Matthew war in Susans Leben getreten, als zwischen ihr und Fin schon lange Funkstille geherrscht hatte. Ein neuer Mann, damit kam er mittlerweile klar, aber die Vorstellung, dass dieser Mann nun im Leben seiner Tochter so was wie eine Vaterrolle einnehmen würde, das konnte und wollte Fin nicht akzeptieren.

Dieser Gedanke war nur einer der Gründe für Fins schlechte Laune, als er auf den Klingelknopf drückte. Eigentlich war er gekommen, um Abbitte zu leisten, ein Gang, der ihm ebenso schwerfiel wie das Eingeständnis, dass er vielleicht nicht ganz unschuldig war an dem, was passiert war, gepaart mit der Ahnung, dass Susan ihm wahrscheinlich nicht zuhören würde.

Er wurde nicht enttäuscht.

»Ich habe dir schon am Telefon gesagt, mein Entschluss steht fest«, empfing sie ihn an der Tür, »Lily fährt in den Ferien zusammen mit uns in Matthews Haus nach Kinsale. Ende der Diskussion.«

So war Susan. Immer ohne Umschweife zur Sache. Mitunter hatte sie den Charme einer Planierraupe.

»Lily wird sich zu Tode langweilen«, wagte Fin einen vorsichtigen Einwurf, »du kannst einer Fünfzehnjährigen unmöglich zumuten, dass sie –«

»Ach ja? Du glaubst wohl allen Ernstes, in diesem Nest in Donegal findet sie angemesseneren Zeitvertreib?« Susan hielt den Hausflur offenbar für den passenden Ort für diese Diskussion. Sie bat ihn nicht mal in die Küche, geschweige denn ins Wohnzimmer.

»Hör zu, Susan, ich rede ja nur von ein oder zwei Wochen«, versuchte Fin einzulenken.

»Kannst du dir abschminken«, ließ sie ihn abprallen, »ich werde es nicht zulassen, dass du ein weiteres Mal das Leben meiner Tochter aufs Spiel setzt.«

»Deiner Tochter? Lily ist immer noch unsere Tochter! Deine genauso wie meine!«, schnappte er.

»Mit dem feinen Unterschied, dass sie bei mir nicht Gefahr läuft, erschossen zu werden!«, konterte sie.

Eine Tür öffnete sich einen Spalt, vom lautstarken Wortgefecht angelockt steckte Matthew den Kopf heraus. »Alles klar bei euch?«

»Halt dich raus, Matt!«, fauchte Susan.

Matthew hob beschwichtigend die Hände und verzog sich schleunigst. Er tat gut daran. Er hatte schnell gelernt, dass er sich am besten raushielt, wenn es um Fin ging.

»Susan, sei nicht unfair! Es konnte doch keiner ahnen, dass –«

»Ich hätte es wissen müssen, Finbar! Wo du bist, ist Ärger vorprogrammiert!«, giftete sie.

Zugegeben, Fettnäpfchen jeder Art übten eine magische Anziehungskraft auf Fin aus, und wo andere kein Glück hatten, da kam bei ihm noch Pech dazu. Aber man konnte ihn nun wirklich nicht verantwortlich machen, wenn ein offenbar Geistesgestörter sich ausgerechnet den entlegensten Winkel Irlands aussuchte, um sein Unwesen zu treiben, und Fin und seine Tochter in ein perfide inszeniertes Schauspiel hineinzog. In einem Punkt hatte Susan recht, er hätte besser auf Lily aufpassen müssen, er hatte sie in Gefahr gebracht, aber doch nicht mit Absicht. Es war alles bloß eine Verkettung unglücklicher Umstände gewesen, an denen er keine Schuld trug. Naja, fast keine. Egal, am Ende war die Geschichte glimpflich ausgegangen. Nie im Leben hätte Fin zugelassen, dass jemand Lily auch nur ein Haar krümmte, das musste doch auch Susan einsehen. In seinen Augen war Dublin ein viel gefährlicheres Pflaster für ein junges Mädchen, das wusste er nur zu gut aus seinen früheren Erfahrungen als Polizist. In der Stadt konnten ihr tagtäglich viel schlimmere Dinge zustoßen, an die er im Einzelnen lieber gar nicht denken wollte. Drogen gehörten da noch zu den harmloseren Gefahren.

»Verdammt, Susan, das kannst du Lily nicht antun«, versuchte er es aufs Neue, »du weißt, wie sehr sie sich drauf gefreut hat, in den Ferien nach Foley zu kommen.«

»Kommt nicht in Frage!« Sie verschränkte die Arme vor der Brust, als müsse sie ein Ausrufezeichen setzen. »Nein – und das ist mein letztes Wort!«

Sie warf ihre langen Haare in den Nacken, schob ihr Kinn nach vorne und sah ihn herausfordernd an. Das tat sie immer, wenn sie ihren Standpunkt verteidigte. Besonders Fin gegenüber. Lily hatte diese Geste von ihrer Mutter übernommen.

Susans lange dunkelblonde Haare. Sie waren das Erste, in das er sich als Teenager auf der Stelle verliebt hatte. Sie hatte sie nie abgeschnitten, und wie oft hatten seine Hände in all den Jahren durch diese Haare gestrichen. Aber das war vorbei.

»Herrgott noch mal, Susan! Das Mädchen ist alt genug, lass sie doch selbst entscheiden!«, reagierte er verärgert.

»Wann Lily alt genug ist, entscheide immer noch ich!«

»Wo ist sie überhaupt? Hast du sie weggesperrt?«

»Sei nicht albern. Sie ist mit dem Hund raus.«

Der Hund. Noch so ein Reizwort. Von ihren letzten Ferien bei Fin war Lily nicht alleine zurückgekehrt, sondern in Begleitung von Pebbles, einer weißen Schäferhündin. Haustiere waren nie ein Thema gewesen, als sie noch eine Familie waren, weder Susan noch Fin hatten viel für haarige Begleiter auf vier Pfoten übrig gehabt. Aber Pebbles hatte mit ihrer stürmischen Art alle Vorbehalte hinweggefegt und auch Susans Herz im Handstreich erobert, auch wenn sie das in Fins Gegenwart nie offen zugeben würde. Stattdessen behauptete sie zähneknirschend, den Hund nur deshalb zu akzeptieren, weil Lily ihn so abgöttisch liebte. Über ihren Schatten springen gehörte definitiv nicht zu Susans Lieblingssport.

»Ich bin immer noch ihr Vater«, startete er eine neue Offensive, »dieser Matthew braucht sich gar nicht einzubilden –«

»Lass Matthew aus dem Spiel! Der hat überhaupt nichts damit zu tun!«

»Verflucht noch mal, Susan! Wenn du unbedingt jemanden bestrafen willst, dann mich, aber nicht Lily!«

»Mein Entschluss steht fest.« Susan schaltete auf stur. »Und hör auf zu fluchen. Du weißt, dass ich das nicht leiden kann. Oder ist das der Umgangston deiner neuen Freunde?«

»Blödsinn!«

»Seitdem du in diesem Piratennest lebst, hast du dich sehr verändert, Finbar O’Malley!«, stellte Susan schnippisch fest. »Nur eins ist immer noch wie früher. Du bist und bleibst ein Versager!«

Ein Versager. Das hörte er nicht zum ersten Mal, aber es tat immer wieder aufs Neue weh. In mancherlei Hinsicht mochte Susan vielleicht sogar recht haben. Aber er war immer noch ein guter Vater.

Nach dem Rausschmiss bei Susan blieb er noch eine Weile im Auto sitzen in der vagen Hoffnung, seine Tochter noch abzupassen, aber sie war wohl unterwegs irgendwo hängengeblieben, hatte eine Freundin getroffen, war aufgehalten worden.

Nein, es war wirklich nicht sein Tag. Da half es auch nichts, dass das nächste Pub gerade mal hundert Meter um die Ecke lag. Der Laden war voll, Samstagabend eben, aber niemand da, den er kannte. Es war nicht sein Viertel. Und das war ihm ganz recht. So konnte er in Ruhe an der Theke sitzen und über ein, zwei Bier vor sich hinbrüten. Das hatte er in letzter Zeit viel zu oft getan, und meist war es nicht bei den ein, zwei Bier geblieben. Gründe gab es genug. Kein Job, kein Geld. Sogar das Auto, das er fuhr, gehörte ihm nicht, der Landrover war nur geliehen. Er hatte nicht mal ein richtiges Zuhause. Ein Zimmer über einem Dorfpub, in dem er gegen freie Kost und Logis aushalf. Echte Perspektiven sahen anders aus. Aber wenigstens gab es dort Menschen, die nicht ständig auf ihm rumhackten oder ihm für alles die Schuld in die Schuhe schoben.

Und so kam es, dass sich Fin O’Malley kurz nach Mitternacht entschloss, Dublin den Rücken zu kehren und nach Donegal zurückzufahren. Er hätte auch bei seiner Schwester in Bray übernachten können, aber er wollte niemanden aus dem Bett klingeln und sich vor allem Deirdres Vorhaltungen ersparen, wenn er angetrunken auf ihrer Türschwelle auftauchte. Nein, angetrunken war er eigentlich nicht. Fünf Bier und fünf Whisky waren für Fin kein Grund, sich nicht hinters Steuer zu setzen und die ganze Strecke nach Foley zurück zu kurven.

Bis hierhin war es ein ganz gewöhnlicher Samstag gewesen und nichts deutete darauf hin, dass Fins ohnehin schon chaotisches Leben bald noch ein klein wenig mehr aus dem Ruder laufen würde.

Er schaffte es gerade bis nach Donegal. An der ersten Straßenkreuzung hinter Ballyshannon winkten sie ihn heraus.

Wieso ausgerechnet ihn?

Es war halb vier. Und sie waren zu zweit. »Habt ihr Penner kein Zuhause oder warum lungert ihr nachts auf der Straße herum?« Der denkbar schlechteste Einstieg für ein nettes Gespräch mit einem Streifenpolizisten.

Der Gardai blieb freundlich. »Haben Sie was getrunken, Sir?«

»Geht dich das was an?« Eindeutig die falsche Antwort. Fin spuckte sie trotzdem aus.

»Darf ich bitte mal Ihre Papiere sehen?« Der Ton wurde kaum wahrnehmbar schärfer. »Und steigen Sie bitte aus.«

»Du lieber Gott, macht hier jetzt nicht so’n Affentheater! Ein paar Bier, okay. Vielleicht eins zu viel. Höchstens eins!«

»Steigen Sie bitte aus.« Der Polizist war unerbittlich.

Fin ergab sich in sein Schicksal und kletterte mit sichtlicher Mühe aus dem Wagen. Er konnte sich gar nicht erinnern, dass der Landrover so hoch war. Er musste sich an der Wagentür festhalten.

»Wären Sie mit einem Alkoholtest einverstanden?« Das Stich­wort rief seinen Kollegen auf den Plan, der mit den notwendigen Utensilien neben ihm Aufstellung bezog.

»Was soll die dämliche Frage? Nein, natürlich nicht«, äffte Fin.

»Alternativ könnten wir Ihnen auch etwas Blut abnehmen, Sir, dazu müssten Sie uns allerdings zur Station begleiten.« Der Gardai blieb noch immer auffallend gelassen. Wahrscheinlich hatte er sich heute schon ganz andere Typen als Fin zur Brust genommen.

»Hört mal, ihr Pappnasen, ihr könnt euch euern Ako…, euern Allo.., also euern Test sonst wohin schieben«, stieß Fin aus, »ich setze mich jetzt in mein Auto, fahre nach Hause und wir vergessen das Ganze, ja?«

»Mit Verlaub, Sir, ich schätze, Sie fahren heute nirgendwo mehr hin«, erwiderte der Polizist, »und so wie’s aussieht, in nächster Zeit wohl auch nicht.«

»Ich denke, der Führerschein ist erstmal weg, von ’ner hübschen Geldstrafe ganz zu schweigen«, ergänzte sein Kollege mit schlecht verhohlener Schadenfreude.

Da war er bei Fin an der richtigen Adresse. »Seid ihr übergeschnappt? Früher hat man Wegelagerer wie euch an den nächsten Baum geknüpft!« Er hatte keine Ahnung, was in ihn gefahren war. Alles, was sich den Tag über aufgestaut hatte, wollte plötzlich raus. Irgendwo in seinem Hinterkopf warnte ihn eine leise Stimme, dass das nicht gut ausgehen würde. Er ignorierte sie. »Ihr könnt mich mal kreuzweise, ihr dämlichen Schießbudenfiguren!«

Er sagte noch ganz andere Dinge, an die er sich später nicht mehr erinnerte. ›Blöde Wichser‹ und ›Bogtrotter‹ zählten da noch zu den harmloseren Freundlichkeiten, die sich die beiden Polizeibeamten eifrig notierten.

Der Rest der Geschichte ist schnell erzählt.

Nachdem er sich weigerte, seinen Führerschein rauszurücken, wurde Fin kurzerhand festgenommen. Auch dieser Akt verlief nicht ohne erhebliche Gegenwehr seinerseits, so dass am Ende zu einer Anklage wegen Trunkenheit am Steuer noch Beleidigung und Widerstand gegen die Staatsgewalt hinzukamen.

Einen Monat später musste sich Fin O’Malley vor dem District Court verantworten und versuchte sich mit schuldbewusster Miene in der Rolle des zerknirschten Übeltäters. Er rechnete fest mit einer saftigen Geldstrafe. Wenn es ganz schlecht lief, dann war er den Führerschein wohl für ein paar Wochen los.

Aber es kam schlimmer.

Richter Samuel Hogan war bekannt für seine ungewöhnlich kreative Urteilsfindung, und er hatte sich auch dieses Mal etwas einfallen lassen.

Führerscheinentzug für zwei Monate.

Fin seufzte ergeben.

Eintausendfünfhundert Euro Geldstrafe.

Er hatte keinen Schimmer, wie er die zusammenkratzen sollte.

»Und außerdem verdonnere ich Sie dazu, innerhalb der nächsten drei Monate eine Pilgerwanderung auf den Croagh Patrick zu absolvieren, damit Sie Gelegenheit haben, über Ihr Verhalten nachzudenken. Sehen Sie es als ein Zeichen des Respekts gegenüber Ihren Mitbürgern, besonders jenen, die im Dienste der Öffentlichkeit stehen.«

Fin glaubte, sich verhört zu haben. »Sir, das kann nicht Ihr Ernst sein! Euer Ehren, das können Sie nicht machen!«

»Halten Sie lieber die Klappe«, raunte eine wohlmeinende Stimme aus dem Hintergrund, »sonst überlegt er sich’s anders und lässt Sie die ganze Strecke barfuß laufen.«

2. Croagh Patrick

Der Septembertag war sonnig und mild, ideale Voraussetzung, ihn unter freiem Himmel zu verbringen. Wenn man denn ein Faible für die wilde unberührte Natur hatte. Wild mochte die Natur rund um den Croagh Patrick ja sein, aber unberührt war sie schon lange nicht mehr, als Fin kurz nach Mittag auf dem Parkplatz unterhalb des Berges aus dem Auto stieg. Schon seit der Steinzeit waren Menschen einem unerklärlichen Bedürfnis gefolgt, diesen erhabenen Berg zu erklimmen, aber erst seit im fünften Jahrhundert der Heilige Patrick auf dem Gipfel gefastet und der Legende nach alle Schlangen aus Irland vertrieben hatte, war der Berg zu einer festen Größe im Kalender christlicher Pilger geworden. Wobei Größe relativ war. Gerade mal 760 Meter hoch erhob sich die markante Landmarke aus Stein direkt neben der Clew Bay über den Atlantik. Aber nichts, was selbst eine erklärte Couch Potato wie Fin O’Malley schrecken konnte.

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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