Der Mordclub von Shaftesbury – Ein Herz und eine tote Seele - Emily Winston - E-Book
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Der Mordclub von Shaftesbury – Ein Herz und eine tote Seele E-Book

Emily Winston

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Beschreibung

Showdown in Shaftesbury.

Turbulente Zeiten im idyllischen Shaftesbury: Ein Rabe terrorisiert das Dorf, ein Kleptomane scheint von Haus zu Haus zu gehen, und obendrein wird das Anwesen Highgrove Hall von einem Mann gekauft, der aussieht, als hätte man ihn eben aus dem Gefängnis entlassen. Alles Fälle für Penelope St. James meint man im Dorf, weil alle sie für eine verdeckt arbeitende Detektivin halten. Doch der schwierigste Fall erwartet Penelope noch – als sie den neuen und schon unbeliebten Pfarrer tot in der Kirche findet ... 

Cosy Crime im idyllischen Südengland – mit liebenswerten Figuren und tierischer Unterstützung.

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Über das Buch

Das beschauliche Dorfleben von Shaftesbury wird ganz schön durcheinandergewirbelt. Penelope weiß gar nicht, welches Rätsel zuerst gelöst werden soll: das des unheimlichen Raben, der immer wieder im Dorf auftaucht, oder das des abgerissen aussehenden Mannes, der es sich leisten kann, Highgrove Hall zu kaufen, das immerhin über zwanzig Zimmer und fünf Bäder verfügt? Oder das Rätsel um die geheimnisvollen Geldgeschenke, die einige Dorfbewohner plötzlich unter ihrer Fußmatte vorfinden, während anderen regelmäßig Dinge abhandenkommen? Bei der wöchentlichen Versammlung im Pub Golden Horse ist man einstimmig der Auffassung, dass dies ein Fall für Penelope St. James ist, die Gerüchten zufolge nur vorgibt, eine Partnervermittlungsagentur zu führen, tatsächlich jedoch sicher eine Detektivin ist. Aber der schwierigste Fall erwartet Penelope noch: Als sie den Pfarrer aufsucht, um die Einzelheiten einer Hochzeitsfeier zu besprechen, findet sie ihn tot auf, erschlagen mit dem Altarkreuz.

Über Emily Winston

Emily Winston ist das Pseudonym von Angela Lautenschläger. Sie arbeitet seit Jahren als Nachlasspflegerin und erlebt in ihrem Berufsalltag mehr spannende Fälle, als sie in Büchern verarbeiten kann. Ihre Freizeit widmet sie dem Krimilesen, dem Schreiben und dem Reisen. Besonders die britische Lebensart und der englische Humor haben es ihr angetan. Sie lebt mit ihrem Mann und zwei Katzen in Hamburg. Im Aufbau Taschenbuch liegt bisher ihr Roman „Der Mordclub von Shaftesbury – Eine Tote bleibt selten allein“ vor.

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Emily Winston

Der Mordclub von Shaftesbury – Ein Herz und eine tote Seele

Kriminalroman

Übersicht

Cover

Titel

Inhaltsverzeichnis

Impressum

Inhaltsverzeichnis

Titelinformationen

Informationen zum Buch

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Prolog

Sonntag

Montag

Dienstag

Mittwoch

Donnerstag

Freitag

Samstag

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Dienstag

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Donnerstag

Freitag

Samstag

Sonntag

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Mittwoch

Samstag

Impressum

Wer von diesem Kriminalroman begeistert ist, liest auch ...

Prolog

Die kleine schwarze Katze schlenderte in den letzten Sonnenstrahlen des Sommers über die Wiese. An dem niedrigen Mauervorsprung hielt sie kurz inne, bevor sie etwas unbeholfen auf den sandigen Boden hinuntersprang. Vor dem Steinhäuschen mit der offenstehenden Tür und dem Auto davor hatte sie keine Angst. Sie war die neugierigste Katze des ganzen Wurfs und chaotische Verhältnisse gewohnt. Sie tänzelte auf die offenstehende Tür zu, als plötzlich eine schwarze Gestalt herauskam und, ohne sie zu beachten, zu dem offenen Kofferraum des Wagens ging. Ächzend hob die Gestalt einen großen Sack heraus und schleppte ihn in das Häuschen hinein. Die Katze folgte der schwarzen Gestalt und sah zu, wie sie den Inhalt des Sacks auf einige Strohballen ausschüttete, wo bereits ähnliche Dinge lagen. Die Gestalt wandte sich abrupt um und ging mit so großen Schritten zur Tür, dass die kleine Katze nicht so schnell folgen konnte. Sie wollte durch die Tür mit nach draußen schlüpfen, aber die Gestalt schlug die Tür bereits zu. Dabei wurde ihr kleiner Schwanz eingeklemmt. Den Grund, weshalb sich die Tür nicht schließen ließ, bemerkte die Gestalt nicht. Fluchend öffnete die Gestalt die Tür wieder, und die kleine Katze flüchtete in das Innere des Häuschens. Die Gestalt schlug die Tür von außen zu und schloss ab.

In einer dunklen Ecke des Häuschens putzte das Kätzchen seinen schmerzenden Schwanz. Es wusste nicht, dass die Gestalt nie mehr zurückkehren würde, um sie hinauszulassen. Aber das wusste die Gestalt ja auch nicht.

Sonntag

Penelope St. James trat aus ihrem Cottage und blickte in den sonnigen Himmel. Sie spannte ihren Regenschirm auf und zog die Tür hinter sich zu. In ihren spitz zulaufenden schwarzen High Heels konnte sie nicht besonders schnell gehen, aber sie hatte ohnehin keine Eile. Der Pfarrer begann den Sonntagmorgen gern in aller Ruhe mit einem Gläschen Cognac und einer Zigarre, bevor er den Gottesdienst eröffnete. Als sie den Kirchhof von St. Joseph’s erreichte, stellte sie zu ihrer Verwunderung fest, dass die Kirchgänger Shaftesburys heute nicht wie üblich plaudernd in kleinen Grüppchen auf dem Friedhof standen und auf den Pfarrer warteten. Der Friedhof war menschenleer. Ob sie sich im Tag vertan hatte? Nein, die Kirchenglocke von St. Joseph’s hatte vorhin geläutet. Okay, das Glockenläuten war schon eine Weile her, weil sie noch darauf hatte warten müssen, dass ihr Nagellack Summer Look von Dior trocknete, aber solche minimalen Verspätungen waren in der Vergangenheit auch kein Problem gewesen.

Erst als Penelope den Schirm schloss und das schwergängige Kirchenportal aufschob, fiel es ihr siedend heiß ein: Der alte Pfarrer war in den wohlverdienten Ruhestand gegangen, und heute würde der neue Pfarrer das erste Mal auf der Kanzel stehen. Als die Kirchentür krachend hinter ihr ins Schloss fiel, wandten sich die Köpfe der Gottesdienstbesucher zu ihr um. Der Pfarrer hielt inne und wartete, bis Penelope sich mit niedergeschlagenem Blick in die letzte Reihe gezwängt hatte. Als sie aufsah, begegnete sie dem Blick des Pfarrers, der vorwurfsvoll auf ihr ruhte. Er war mittelgroß, hatte volles, graues Haar und einen leichten Silberblick, was Penelope irritierte.

»Sodom und Gomorrha«, sagte der Pfarrer. »Sodom und Gomorrha, Mrs …«

Jemand aus der ersten Reihe beugte sich vor und wisperte dem Pfarrer etwas zu.

»Mrs Satan Ames.«

Erneutes Wispern.

»St. James«, korrigierte sich der Pfarrer.

Penelope wusste nicht, woran es lag, aber sie hatte ein Talent dafür, ständig ungewollt im Mittelpunkt des allgemeinen Interesses zu stehen. Das war bereits so gewesen, als sie vor einem halben Jahr nach Shaftesbury gezogen war, um hier eine Niederlassung der elitären Partnervermittlungsagentur The Golden Sunshine and Luxury Club zu eröffnen. Noch heute hielten die Dorfbewohner die funkelnde Fassade für die perfekte Tarnung eines Detektivbüros und Penelope für eine Agentin des MI 5.

Penelope erschrak, als ihr Banknachbar ihr den Ellenbogen unsanft in die Rippen stieß. Immerhin handelte es sich bei ihrem Sitznachbarn um den Metzger, der von Berufs wegen über einige Kraft verfügte. Sie sah ihn vorwurfsvoll an, aber der Metzger machte eine Kinnbewegung in Richtung der Kanzel. Dort stand der Pfarrer, dessen Blick immer noch auf ihr ruhte. Schlagartig fühlte sich Penelope in ihre Schulzeit zurückversetzt. Sie schluckte.

»Sodom und Gomorrha.« Nach einer bedeutungsvollen Pause fügte er hinzu: »Üppiges, ausschweifendes Leben, Verzehr im Übermaß und das Lästern des Herrn.«

Damit konnte er wohl kaum Penelope meinen. Außer einer leichten Unpünktlichkeit hatte sie sich heute noch nichts zu Schulden kommen lassen. Und sie hatte noch nicht einmal gefrühstückt.

»Tugenden!«, donnerte der Pfarrer plötzlich und weckte damit halb Shaftesbury auf einen Schlag aus dem üblichen Gottesdienstschlummer.

»Die sieben Tugenden sind …« Der Pfarrer ließ den Blick über die Gemeinde schweifen, deren Mitglieder die Sauberkeit ihrer Fingernägel überprüften, schon einmal die nächste Seite im Gesangbuch aufschlugen oder das sonnenbestrahlte Kirchenfenster bewunderten.

»Demut, Mildtätigkeit, Keuschheit, Geduld, Mäßigung, Wohlwollen, Fleiß«, zählte der Pfarrer auf.

Plötzlich fühlte sich Penelope schlecht. Sieben Tugenden waren eine ganze Menge, wenn man sie direkt hintereinander vernahm.

»Wir werden in den nächsten Gottesdiensten einiges zu besprechen haben. Die Vorarbeit dazu erfolgt weiterhin wöchentlich im Bibelkreis«, kündigte der Pfarrer an.

Rechts von Penelope kam ein erstickter Laut.

»Die Zehn Gebote, Mrs St. James! Das erste lautet wie?«

»Ähm, also, du sollst nicht …«

Penelope war abgelenkt, weil sich unter ihrer Sitzbank etwas bewegte. Sie sah nach unten und direkt in Lillys Augen. Die achtjährige Tochter ihres Nachbarn hatte sich offenbar zu ihrer Ehrenrettung durch die Beine der Menge gekämpft, um ihr zu helfen. Glücklich und erleichtert versuchte sich Penelope im Lippenlesen.

»Keine«, korrigierte sie sich. »Keine armen Ritter machen neben mir.«

Lilly verzog das Gesicht und machte einen weiteren Versuch.

»Keine anderen Götter haben neben mir«, haspelte Penelope.

Der Pfarrer seufzte, Penelope und Lilly klatschten sich unter der Bank ab.

»Ich sehe, wir haben in den kommenden Wochen viel zu tun«, dröhnte der Pfarrer. »Der Gottesdienst beginnt deshalb bis auf Weiteres bereits um halb zehn, am Mittwoch sehen wir uns alle um fünf Uhr nachmittags zum Bibelkreis.«

Bei dieser Ankündigung ging ein Raunen durch die Menge.

»Ich schlage vor, dass Sie am kommenden Mittwoch einen Vortrag über das erste Gebot halten, Mrs St. James. Auch Gegenstände des täglichen Gebrauchs können Götter sein.«

Hätte er nicht ihren Namen genannt, wäre Penelope wegen seines Silberblicks davon ausgegangen, dass er den Metzger ansprach.

»Und heute Nachmittag werde ich wie bisher künftig jeden Tag ein Gemeindemitglied zu Hause aufsuchen, um ein wenig über die Bibel zu plaudern.«

Penelope unterdrückte ein Seufzen. Sie konnte sich schon vorstellen, vor wessen Tür der Geistliche am Nachmittag stehen würde.

Als die Gemeinde frohgemut Open the Eyes of my Heart Lord anstimmte, meinte Penelope eine gewisse Erleichterung bei den Sangesgenossen herauszuhören. Na wartet, dachte sie. Es gibt noch neun weitere Gebote.

***

Eilig wie nie verließen die Gottesdienstbesucher die Kirche, während die Orgel noch spielte. Alle hatten das Bedürfnis, so schnell wie möglich an die frische Luft zu gelangen. Die Männer trugen breitrandige Hüte, was ein wenig den Eindruck vermittelte, sie befänden sich im Wilden Westen. Die Frauen spannten ihre Schirme auf, sobald sie einen Fuß auf den gepflasterten Vorhof setzten.

»Hat ihn heute Morgen schon jemand gesehen?«, fragte Mrs Winterbottom, während sie unter ihrem Schirm hervor in den Himmel lugte.

»Du meinst den Raben? Noch nicht.« Sarah, Haushälterin von Blackmore Manor, hielt ihren Schirm tief über den Kopf.

»Wir sollten schnell reingehen.« Edith zog Mrs Winterbottom am Ärmel in Richtung Pub und setzte damit eine Karawane der Gottesdienstbesucher in Gang.

Penelope sah ihnen nach. Die Bewohner Shaftesburys sahen aus wie Anhänger einer eigenartigen Religion, in der Hüte und Schirme eine Rolle spielten. Dabei ging es in erster Linie um Gefahrenabwehr. Sie hob den Blick nach oben. Aber sie selbst war auch nicht besser. Penelope wollte sich mutiger zeigen und schloss den Schirm.

»Hallo, Penelope.«

Vor ihr standen Lilly und ihr Vater Sam. Penelope war froh, dass sie sich rechtzeitig von ihrem peinlichen Schirm befreit hatte.

»Hast du auch Angst vor dem Raben?«, fragte Lilly und deutete auf den Schirm, auf den Penelope sich stützte.

»Den Schirm habe ich eigentlich nur für den Fall, dass es regnet.«

Lilly legte den Kopf in den Nacken und sah in den strahlend blauen Himmel. »Da drüben ist eine Wolke«, stellte sie fest und deutete auf etwas, was wie der Hauch einer Schäfchenwolke aussah.

Penelope versuchte, Sams Blick auszuweichen. Sam war der örtliche Tierarzt und hatte seine Praxis direkt neben ihrer Partneragentur The Golden Sunshine and Luxury Club. Mit Tieren konnte Penelope nichts anfangen. Sie waren in ihren Augen unberechenbare Wesen – und sie haarten. Mit Sam hingegen konnte sie eine Menge anfangen. Genau genommen war sie ein kleines bisschen in ihn verliebt.

»Na ja«, begann Sam etwas verlegen. »So ein Rabe hat einen wirklich spitzen Schnabel.«

Sam war der einzige Mann in Shaftesbury, der keinen Hut trug. Und Lilly keinen Schirm. Die beiden waren so eng mit Tieren verbunden, dass sie sich keine Sorgen um einen aggressiven Vogel machten.

Penelope seufzte. »Ihr seid wirklich nett, aber heute Morgen hatte ich das Bedürfnis, gewappnet zu sein.«

»Schon okay.« Lilly schob ihre Hand in Penelopes. »Wir begleiten dich zum Pub, dann kann dir nichts passieren.«

Penelope beugte sich zu ihr hinunter. »Vielen Dank noch mal für deine Hilfe. Ich war bei den Zehn Geboten zugegebenermaßen ein wenig überfordert.«

»Und dann warst du auch noch zu spät«, stellte Lilly fest.

»Richtig. Das war ich auch noch.«

»Kann ja auch keiner ahnen, dass der neue Pfarrer pünktlich mit dem Gottesdienst beginnt und dann auch noch religiöse Themen anschneidet«, stellte Sam versöhnlich fest. »Wir sollten uns aber sputen, damit wir nicht auch noch zur Dorfversammlung zu spät kommen.«

Ganz kurz überlegte Penelope, ihren Schirm doch noch aufzuspannen, aber Sam und Lilly nahmen sie in die Mitte, so dass ihr eigentlich nichts passieren konnte.

***

Die übrigen Dorfbewohner hatten bereits ihre Plätze im Pub eingenommen, und Luke, der eben in der Kirche noch die Orgel gespielt hatte, traf ebenfalls gerade ein und stellte sich hinter den Tresen. Penelope, Lilly und Sam fanden einen kleinen Tisch in der Ecke. Ein lauschiges Plätzchen, und Penelope genoss die Nähe zu den beiden. Sie, die bisher keine wirkliche Familie gehabt hatte, empfand inzwischen so etwas wie eine familiäre Verbundenheit zu ihnen.

»Penelope nimmt eine Portion Fish und Chips, nicht wahr?«, erklärte Lilly. »Da könnte ich ja auch gleich eine Portion nehmen, dann muss Luke nicht zwei verschiedene Sachen kochen.«

»Das ist sehr rücksichtsvoll von dir, Liebes.« Sam strich seiner Tochter über das Haar. »Wenn das so ist, sollte ich auch eine Portion nehmen.« Er zwinkerte Penelope zu.

»Wie sieht es denn heute mit unserem Picknick aus?«, erkundigte sich Sam. Seit einer Weile machten sie zu dritt am Sonntagnachmittag ein Picknick auf dem Hang unterhalb des Schlosses. In ihrem Schlepptau immer die Hunde der beiden. Ohne Kompromisse war ein Zusammensein mit Sam und Lilly eben nicht möglich.

»Ja, gern«, antwortete Penelope, die damit zugleich eine gute Gelegenheit sah, etwaigen Nachstellungen des Pfarrers zu entgehen.

»So, Herrschaften.« Die Stimme des Briefträgers erhob sich über das Gemurmel der Anwesenden. »Wir haben wieder eine Menge zu besprechen, deshalb sollten wir sofort anfangen.« Dorian Greys Blick ließ das Geplauder verstummen.

»Dazu möchte ich gleich mal etwas sagen.« Ein großer wohlbeleibter Mann erhob sich und steckte die Hände in die Hosentaschen seiner Latzhose.

»Ja, Martin?«, fragte Dorian mit schlecht verhohlener Ungeduld in der Stimme.

»Der Rabe ist ein Wesen Gottes.«

»Das bin ich auch«, ließ sich John von der Theke vernehmen. »Und ich hacke auch nicht jedem, der vorbeikommt, mit dem Schnabel in die Frisur.«

»Von Frisur kann bei dir wohl kaum die Rede sein«, ließ sich eine Stimme vernehmen.

»Ich habe immer noch mehr Haare auf dem Kopf als du«, rief John.

»Leute!« Dorian stemmte die Hände in die Hüften. »Ich hab heute noch was vor.«

»Richtig, die Zehn Gebote auswendig lernen«, wisperte jemand.

Aber es lachte niemand. Dafür war die Situation zu ernst.

»Dazu kommen wir später. Deshalb müssen wir jetzt auch mal anfangen, weil wir eine ziemlich lange Tagesordnung haben.« Dorian trat vom Tresen in die Mitte des Pubs. Auch wenn er unter der Woche nur die Briefe austrug, hatte er sich einen gewissen Respekt unter den Dorfbewohnern erarbeitet. Und genau genommen wären sie ohne seine zupackende Art ziemlich aufgeschmissen in Shaftesbury. Nachdem auch der Letzte sein Ale bekommen hatte, kehrte Stille ein. Hinter dem Tresen stand Luke, den Arm um Laura gelegt. Laura führte den Gemischtwarenladen, und die zwei waren schon lange ineinander verliebt. Penelope durfte es sich auf die Fahne schreiben, dass es zwischen den beiden endlich geklappt hatte – nachdem Laura ihre Bedenken wegen des Altersunterschieds über Bord geworfen hatte. Warum sollte eine Frau nicht mit einem Mann zusammen sein, der einige Jahre jünger war als sie? Die beiden waren jedenfalls glücklich und kaum noch voneinander zu trennen. Laura winkte Penelope zu und deutete dann auf Dorian.

Dorian, der Penelope fest im Blick hatte.

Penelope öffnete den Mund in der Annahme, dass sie wieder einmal irgendetwas Wichtiges verpasst hatte. Sie schloss den Mund wieder und griff nach ihrer Teetasse. Vielleicht ging der Kelch an ihr vorüber, wenn sie schwieg.

»Wir haben in den vergangenen zwei Wochen insgesamt zwölf Angriffe des Raben auf Dorfbewohner Shaftesburys zu verzeichnen.« Dorian zog einen Zettel aus der Hosentasche. »Mrs Winterbottom hat er vor ihrem Tearoom aufgelauert und die Strapazen auf ihrem Strohhut angeknabbert.«

»Strelitzien«, korrigierte Mrs Winterbottom.

»Am Donnerstagmorgen hat er Mrs Colombines Mops attackiert. Der Hund hat laut Mrs Colombine einen Schock erlitten und musste den ganzen Tag ruhen.«

Penelope blinzelte und suchte Blickkontakt zu Sam. Mrs Colombines Mops war ebenso wie sein Frauchen übergewichtig und vermutlich froh über einen zusätzlichen Ruhetag gewesen. Wenn sich dieser Tag überhaupt von seinen übrigen Tagen unterschied.

»Dann hat er Erwin angegriffen und versucht, ihm eine Schwanzfeder auszureißen«, las Dorian vor.

Erwin war der Pfau des Earl Blackmore, der gern mit seinem üppigen Federkleid angab. Der Verlust einer Schwanzfeder würde ihn schwer treffen.

»Mrs James hat er auf dem Weg zum Dorfladen aufgelauert und wollte auf ihrem Einkaufstrolley mitfahren.« Dorian steckte den Zettel zurück in die Hosentasche. »Und so weiter.«

»Und so weiter?«, beschwerte sich John. »Was ist mit seinem Angriff auf mich? Er hat mir eine schwere Verletzung beigebracht.« Der alte Mann schob sein struppiges Haar beiseite und deutete auf eine blutige Schramme auf der Stirn, die auch von einem Zusammenstoß mit einem Türrahmen herrühren konnte. Oder einem Stück Holz, das aus der Holzkonstruktion seiner Hütte hervorsah.

»Gut. Es geht ja auch vielmehr darum, dem Tier das Handwerk zu legen«, fuhr Dorian fort.

Es überraschte Penelope nicht, dass Martin bei diesen Worten von seinem Stuhl aufsprang.

»Wenn jemand diesem Tier auch nur einen Federkiel krümmt, kriegt er es mit mir zu tun.« Martin reckte die Faust.

Sam hob die Hand. »Wenn ich dazu vielleicht etwas sagen darf.«

Dorian verzog ein wenig das Gesicht, erteilte dann aber dem Tierarzt das Wort. »Bitte.«

»Diese Vorfälle mit dem Raben sehe ich nicht als Angriffe auf uns, sondern als Versuche der Kontaktaufnahme«, erklärte Sam.

Im Raum machte sich eine gewisse Unruhe breit.

»Ich glaube nicht, dass er uns verletzen will. Der Rabe ist ein sehr geselliges Tier. Er lebt in ständiger Gemeinschaft mit seinem Partner.«

»Dieser nicht«, warf jemand ein.

»Richtig. Und das ist möglicherweise das Problem. Er fühlt sich einsam und sucht deshalb Kontakt.«

Das klang so vernünftig und nachvollziehbar, dass es den Bewohnern Shaftesburys für einen Moment die Sprache verschlug.

»Ich glaube auch nicht, dass er vorhat, jemanden von uns ernsthaft zu verletzen. Es ist vielleicht seine Art, Aufmerksamkeit zu erregen.«

»Sein ganzes Leben?«, fragte jemand.

»Und was machen wir jetzt? Ihm eine Frau besorgen?«

»Wer sagt dir denn, dass es ein Männchen ist?«, fragte Edith und suchte in ihrer Handtasche nach ihrem Flachmann.

»Also, wir sind doch hier in Shaftesbury nicht dafür verantwortlich, dass jeder den passenden Partner findet.«

Nach diesem Einwurf herrschte Schweigen im Pub. Dann wandten sich ganz langsam die Köpfe der Anwesenden zu Penelope um. Sie schluckte. Natürlich hatte sie eine Partnerschaftsvermittlungsagentur. Aber für Menschen. Am besten für wohlhabende Menschen. Einen Raben würde sie ganz schwer in ihre Kartei aufnehmen können.

»Prima. Vielen Dank an Penelope dafür, dass sie sich dieses Problems annimmt. Und auch an Dr. Bower, der sie dabei unterstützen wird.« Dorian kehrte zum Tresen zurück und trank einen Schluck Bier.

Lilly schlug die Hände vor den Mund und kicherte.

»Gut, machen wir also weiter«, sagte Dorian. »Es gibt außerdem Meldungen, dass einigen Menschen seit einer Weile Dinge abhandenkommen.«

»Das kann man wohl sagen! Meine Silberschale, die ich von meiner Großmutter zur Hochzeit bekommen habe, ist spurlos verschwunden!«, rief Cyrus Bloom.

»Ah, die Schale stammt also noch aus dem Mittelalter. Die ist bestimmt wertvoll.«

Irgendwie hatte Penelope das Gefühl, dass sich die Leute jetzt, wo ihnen ein Problem abgenommen worden war, besser fühlten.

»Und meine Münzsammlung ist ebenfalls weg«, sagte Mrs Gladstone. »Die hat mir mein erster Mann hinterlassen.« Sie legte die Stirn in Falten. »Oder war es mein zweiter?«

»Ich bin überrascht, dass ihr den Zusammenhang nicht erkennt«, sagte Sarah, die Haushälterin von Blackmore Manor. »Raben bringen Unglück und sind diebische Tiere. Sicher wurden sie von den glänzenden Gegenständen angelockt und haben sie gestohlen.«

»Die Münzen lagen in meiner Kommode im Schlafzimmer«, wandte Mrs Gladstone ein. »Wie soll der Vogel darangekommen sein?«

»Durchs Fenster. Vermutlich stand die Schublade offen«, antwortete Sarah. »Wo stand denn die Silberschale?«, fragte sie Cyrus.

»Na, auf dem Tischchen mit den Fotos unserer Kinder.«

Sarah zuckte mit den Schultern. »Also konnte der Rabe ebenfalls durchs Fenster drankommen. Ich weiß nicht, worüber wir hier sprechen. Haltet eure Fenster geschlossen, und das Problem ist gelöst.«

»Aha!«, machte John. »Und dann stammt das Geld unter meiner Fußmatte auch vom Raben, oder wie?«

»Geld unter der Fußmatte?«, fragte Alice Bingham. Sie betrieb nach dem Auszug ihrer Kinder eine Pension in ihrem großen Haus und war nicht auf Rosen gebettet. »Bei mir lag es im Briefkasten.«

»Was?«

»Na, das Geld. Einhundert Pfund. Das Geld reichte genau für die Renovierung meines Frühstücksraums.« Alice sah fragend in die Runde.

»Klingt ganz so, als hätte der Rabe den Plunder geklaut, ihn zu Geld gemacht und das Geld den Armen geschenkt.«

»Plunder?«, rief Mrs Gladstone empört.

»Ich bin nicht arm«, rief einer.

»Es erscheint mir ein wenig, sagen wir, ungewöhnlich, dass der Rabe Diebesgut bei einem Hehler versilbert«, fasste Dorian das Gehörte zusammen.

»Man weiß es nicht«, meldete sich erstmals Leonard, der pensionierte Lehrer, zu Wort.

Während Penelope gespannt darauf wartete, dass Leonard sich weiter auslassen würde, flüsterten die Leute miteinander. Nach zwei Minuten hatte Leonard immer noch nicht zu einer Erklärung angesetzt. Jetzt erinnerte sich Penelope auch wieder daran, dass Dorian deshalb die Führungen im Herrenhaus Blackmore Manor übernommen hatte, weil Leonard die Leute zum Einschlafen brachte. Penelope unterdrückte ein Gähnen.

»Am Anfang war schwarze Nacht«, sagte Leonard schließlich. »Irgendwann trat ein nachtschwarzer Rabe aus dieser Nacht heraus und stellte fest, dass er durch dieses Heraustreten aus der Polarnacht die Welt geschaffen hatte, sagen die Inuit.«

»Äh, und wo kommt in dieser Geschichte der Hehler ins Spiel?«, fragte jemand Leonard.

»Okay, Leute.« Dorian hob die Hände. »Ich lege hier eine Liste aus. Bitte schreibt auf, wer, wann wie viel Geld findet und wo. Bitte Datum und Uhrzeit genau angeben. Dann sollen die anderen gucken, wo sie sich zu diesem Zeitpunkt aufgehalten und was sie beobachtet haben.«

Penelope sah Sam an. »Viel zu kompliziert«, sagte sie. »Das klappt nie.«

»Aber es schadet auch nicht. Allerdings bezweifle ich, dass jeder, der irgendwo Geld gefunden hat, das auch verraten wird.« Sam schob seine leere Schale von sich.

»Soll das heißen, dass ein Unbekannter durch Shaftesbury schleicht und den Leuten Geld in den Briefkasten stopft?«, fragte Penelope.

»Oder unter die Fußmatte legt.« Lilly trank einen Schluck Limonade.

»Wer macht so etwas?«, fragte Penelope.

»Genau das ist die Frage, aber so wie ich es sehe, haben nur diejenigen Geld bekommen, die es dringend benötigen.«

»So eine Art Robin Hood?«

Sam legte den Kopf schief.

»Aber kein Gespenst, oder?«, fragte Penelope. Es war noch nicht allzu lange her, dass man in Shaftesbury gedacht hatte, ein Gespenst ginge um. Auch wenn sich später herausstellte, dass es sich bei dem Gespenst um den demenzkranken Lord Finncliff handelte.

Sam beugte sich zu Penelope hinüber. »Ich denke, dass es weder ein Rabe noch ein Gespenst ist. Vermutlich ist es einfach ein Mensch.«

»Allerdings sind Menschen, die Geld verschenken, meiner Erfahrung nach sehr rar«, gab sie zu bedenken.

»Wir werden dieses Rätsel heute nicht mehr lösen.«

»Nö, und deshalb können wir auch Picknick machen. Boss und Foxi müssen ganz dringend Pipi«, verkündete Lilly.

»Penelope?« Wie aus dem Nichts stand Laura plötzlich neben ihrem Tisch. »Kann ich dich kurz sprechen?«

Sam stand auf. »Lilly und ich holen das Auto und die Hunde und kommen dann gleich zu Ihnen.« Er legte einen Schein auf den Tisch, und die beiden verließen das Pub.

Laura setzte sich und legte ihre Hände auf den Tisch.

»Und, was gibt es?«, fragte Penelope ihre Freundin.

Laura wirkte ein wenig aufgeregt und zugleich verlegen.

»Ich möchte dich um etwas bitten«, sagte sie und fasste Penelopes Hand.

»Ich tue alles für dich, wenn es nicht mit den Zehn Geboten, Raben und Geldgeschenken zu tun hat.«

Laura legte den Kopf schief. »Also, der Rest ist in Ordnung, aber mit den Zehn Geboten, das kann ich nicht versprechen. Wir kommen eventuell in die Nähe des sechsten Gebots.«

»Was?«

»Du sollst nicht ehebrechen.«

»Laura, ich verstehe kein Wort.«

Laura deutete zum Tresen hinüber, hinter dem ein äußerst glücklich aussehender Luke stand.

»Soll das heißen, dass Luke dich gefragt hat, ob du seine Frau wirst?«

»So ist es!« Laura fasste auch nach Penelopes anderer Hand. »Und du sollst nicht nur unsere Trauzeugin sein, sondern auch die Hochzeitsfeier ausrichten. Denn wer könnte das besser als du?«

***

Als Penelope vor die Tür des Golden Horse trat, fühlte sie sich leicht mitgenommen. Praktisch auf nüchternen Magen waren wieder eine ganze Menge Aufgaben über sie hereingebrochen. Dabei waren die Aussichten für die Hochzeitsplanung noch am angenehmsten. Sie hatte bereits einige Ideen. Dummerweise sollte der Bund der Ehe durch die Kirche besiegelt werden, was bedeutete, dass Penelope Kontakt zum Pfarrer aufnehmen musste. Etwas, das sie gern vermieden hätte.

»Penelope, du kannst einsteigen.«

Vor ihr war Sams Land Rover zum Stehen gekommen, und Lilly hielt ihr die Beifahrertür auf. Auf dem Rücksitz saßen der Golden Retriever Boss und der Terrier Foxi, und der Gedanke an den hechelnden Atem des großen Hundes in ihrem Nacken erschien Penelope heute etwas zu viel.

»Ist alles in Ordnung?«, fragte Lilly besorgt und griff nach Penelopes Hand.

»Alles in Ordnung.« Penelope stieg ein, schob automatisch den Sitz so weit nach vorn, wie es ging, und ärgerte sich darüber, dass sie heute das marineblaue Hemdblusenkleid von Michael Kohrs angezogen hatte. Die cremefarbenen Hundehaare würden darauf besonders gut zu sehen sein.

Schweigend lenkte Sam den Wagen über die Brücke Richtung Middlesbrough, dort, wo vor nicht allzu langer Zeit ein Mord geschehen war. Aber keiner der Anwesenden erwähnte das Unglück, nicht einmal Lilly. Als der Rover einige Minuten später rumpelnd auf dem grasbewachsenen Hang unterhalb des Schlosses zum Halten kam, sprang Lilly mit den beiden Hunden aus dem Wagen. Sam sah Penelope besorgt an.

»Ist wirklich alles in Ordnung? Sie machen heute einen angeschlagenen Eindruck. Geht es um Ihren Vortrag über das erste Gebot?«

Penelope schlug die Hände vors Gesicht. »Mal ehrlich«, fragte sie. »Hätten Sie es gewusst? Ich konnte es nur mit Lillys Hilfe aufsagen.«

»Ich glaube schon«, antwortete Sam ein wenig verlegen. »Ich kenne mich mit der Bibel gar nicht mal schlecht aus.«

Penelope nahm die Hände herunter und grinste ihn an. »Das trifft sich gut. Ich könnte ein wenig Hilfe gebrauchen.«

Sie stiegen aus, und während Penelope versuchte, die Hundehaare von ihrem Kleid zu klopfen, breitete Sam eine Decke im Gras aus und klappte den Picknickkorb auf. Lilly lief, gefolgt von den Hunden, über die Wiese. Versorgt mit einem Stück Shepherds Pie und einem Becher Tee ließ Penelope den Blick über Shaftesbury schweifen. Diese kleine Gemeinde mit ihren skurrilen Bewohnern war ihr mittlerweile wirklich ans Herz gewachsen.

»Was ist eigentlich so schlimm daran, wenn jemand Geld verschenkt?«, fragte sie.

Sam lag auf dem Rücken, er hatte die Augen geschlossen und die Hände im Nacken verschränkt. »Die Herkunft des Geldes.«

»Wenn jemand zu viel davon hat, kann er es doch verschenken.«

»Sie haben doch eben gesagt, dass Menschen, die Geld verschenken, eher rar sind«, gab Sam zu bedenken.

»Aber es gibt sie.« Penelope sah kurz zu Sam hinüber, der die Augen immer noch geschlossen hielt. Diese Pastete schmeckte verdammt lecker, aber sie wollte auch nicht verfressen wirken.

»Nehmen Sie sich ruhig noch von der Pastete«, forderte Sam sie auf.

»Oh, ich weiß gar nicht, ob ich noch Hunger habe.«

»Haben Sie«, erklärte er grinsend.

»Ich kann besser denken, wenn ich nicht hungrig bin«, sagte sie entschuldigend, bevor sie zugriff. »Glauben Sie, das Geld ist gestohlen?«

»Mir fällt jedenfalls niemand ein, der plötzlich zum Wohltäter geworden ist und Geld verschenkt.«

»Und wenn es der Pfarrer ist?«

»Hm«, machte Sam. »Der macht mir ehrlich gesagt einen eher verbissenen Eindruck. Ich kenne ihn zwar noch nicht, und ich will auch nichts Falsches über ihn verbreiten, aber so eine richtig fürsorgliche Ader konnte ich bisher nicht an ihm entdecken.«

»Ich auch nicht.« Penelope stellte ihren leeren Teller auf die Decke. Die Straßen Shaftesburys waren am Sonntag kaum befahren. Jetzt zeigte sich dort unten ein riesiger Truck, dessen Chromteile in der Nachmittagssonne aufblitzten. Der Lastwagen war so breit wie die Fahrbahn und nahm behutsam die engen Kurven der Hauptstraße Richtung Dreamweather.

»Was ist das denn?«, fragte Penelope.

Sam öffnete die Augen, blinzelte kurz in die Sonne und stützte sich dann auf den Ellenbogen auf. »Hui«, sagte er. »Sieht aus wie eine Mischung aus Star Wars und Heavy Metal.«

Montag

Montagvormittag rannten ihr die heiratswilligen Kunden üblicherweise nicht gerade die Bude ein. In weiser Voraussicht hatte Penelope deshalb die Bibel mitgenommen, die sie in ihrem möbliert gemieteten Cottage im Bücherregal gefunden hatte. Sie hatte sich von der Lektüre ein wenig Erhellung und etwas Futter für ihren Vortrag über das erste Gebot erhofft, aber mehr als das Gebot stand dort nicht. Glücklicherweise funktionierte seit einer Weile das Internet in ihren Agenturräumen – jedenfalls meistens. Vielleicht fand sich im Netz etwas darüber, welchen falschen Göttern sich der Mensch heute noch unterwarf. Penelope hatte so eine dunkle Ahnung, dass darunter auch übermäßiger Konsum von Designermode und Kosmetika fallen könnte. Sie wartete gerade darauf, ob sich die Internetverbindung heute gnädig erwies, als die Türglocke doch einen unerwarteten Besucher ankündigte. Ganz kurz befiel sie Panik. Womöglich wollte sich der Pfarrer nach ihren Fortschritten bei der Abfassung des Vortrags erkundigen. Aber es war nur Edith Fergus, ein Mitglied des Bücherclubs. Außer Atem ließ sie sich auf den Besucherstuhl vor Penelopes Schreibtisch fallen. Penelope sparte sich die Frage, ob Edith eine Tasse Tee trinken wollte. Die alte Dame führte immer ihren Flachmann bei sich, dessen Inhalt sie mehr abgewinnen konnte als einer Tasse Darjeeling.

»Edith, hallo.«

»Hallo, meine Liebe. Haben Sie schon gehört?«

»Ich habe sehr viel gehört. Über Raben, gestohlene Silbersachen und ungewöhnliche Geldgeschenke. Wovon sprechen Sie?«

»Von dem geheimnisvollen Besucher.«

»Besucher wovon?«

»Ach, Liebes, Sie sind ja überhaupt nicht im Bilde.« Edith setzte ihren Flachmann kurz an die Lippen und verstaute ihn anschließend in ihrer Handtasche. »Es hat sich doch endlich jemand gefunden, der Highgrove Hall kauft.«

Penelope hatte von diesem Anwesen noch nie gehört. Und deshalb auch nicht davon, dass sich bisher offenbar niemand dafür interessierte.

»Aha«, entgegnete sie daher lediglich.

»Ein riesiger Schuppen«, fuhr Edith fort. »Sicher fünfzig Schlafzimmer und zehn Bäder.«

»Erstaunlich«, stellte Penelope fest. Das war eine Größenordnung, die man kaum übersehen konnte.

»Das muss jemand mit sehr, sehr viel Geld sein.« Edith sah Penelope zufrieden an.

Es dauerte einen Augenblick, bis Penelope verstand. Edith sprach offenbar von einem potentiellen Kunden der Agentur.

»Alleinstehend?«, fragte sie.

Edith hob die schmalen Schultern. »Man weiß so gut wie nichts über diesen Menschen.«

Das war eine dieser kaum verhohlenen Aufforderungen, mit denen ein Bewohner Shaftesburys Penelope an ihre angebliche Profession als Detektivin erinnern wollte.

»Was weiß man denn über diesen Menschen?«, fragte Penelope, die kurz abgelenkt war, weil der Internetaufbau abgeschlossen war. Interessanterweise war wie von Geisterhand ein Fenster des Onlineshops ihrer Lieblingsboutique aufgegangen. Von den Zehn Geboten keine Spur.

»Tja, gesehen hat ihn noch niemand. Womöglich sind es ja auch mehrere. Wäre ja denkbar, bei den vielen Zimmern. Ist für einen allein viel zu groß.« Edith hielt ihre Handtasche auf dem Schoß fest. »Da müsste man noch ein bisschen recherchieren.«

Hab ich verstanden, dachte Penelope. »Wer hat denn früher in Highgrove Hall gewohnt?«

»Eliza und Jerome Troy. Er war ein hohes Tier in der Regierung, und sie hat sich hier draußen zu Tode gelangweilt. Und als er starb, ist sie in ein Heim gezogen. Dabei hätte sie dann doch noch etwas aus ihrem Leben machen können. Na ja.« Edith erhob sich. »Ich wollte es Ihnen nur erzählt haben.« Die alte Dame winkte Penelope zu und verließ dann die Agentur. Nachdenklich sah Penelope ihr nach. Die Bewohner Shaftesburys hatten es wirklich drauf, ihr quasi im Vorbeigehen einen neuen Auftrag zu erteilen. Ihr Blick fiel auf den Bildschirm ihres Laptops. Dort wurde ein Hosenanzug von Dolce und Gabbana zum herabgesetzten Preis angeboten, mit dem Penelope schon eine Weile geliebäugelt hatte. Irgendwie wusste sie jetzt, worauf der Pfarrer mit dem ersten Gebot hinauswollte.

***

Den Vormittag über hatte Sam in seiner Praxis Kleintiere behandelt: Katzen, Hunde, Wellensittiche und Hasen. Nach dem Mittagessen musste er zu Bauer Ingram hinausfahren, dessen Zuchteber möglicherweise unter Actinobacillus Pleuropneumonie litt. Einer Viruserkrankung, die möglichst früh mit Antibiotika behandelt werden musste. Natürlich konnte er Lilly über die Mittagszeit allein lassen. Sie war schließlich kein Kleinkind mehr, aber meist wollte sie gern mitkommen. Nachdem er seine Sprechstundenhilfe Heather in die Mittagspause verabschiedet hatte, ging er in die Wohnung über der Tierarztpraxis, wo Lilly ihren beiden Hunden etwas vorlas.

»Hi, Daddy.«

»Hi, Schatz. Was liest du den beiden denn vor?«

»Meinen Aufsatz über den Raben Croak.«

»Aha.« Sam nahm sich eine Flasche Mineralwasser aus dem Kühlschrank und schenkte sich ein Glas ein.

»Er ist erkältet und fliegt überall rum und kräht die Leute an, damit sie ihn von seiner Erkältung befreien. Er kann nämlich eigentlich nicht mehr richtig krähen, weil er ja wegen der Erkältung heiser ist. Aber dann landet er bei einem Tierarzt, und der gibt ihm eine Tablette, und hinterher kann er wieder singen wie eine Nachtigall.«

Sam setzte das Glas ab. »Das ist eine echt schöne Geschichte.«

»Ja, das finden Boss und Foxi auch. Meine Hausaufgaben sind also fertig, falls du mich fragen wolltest, ob ich mit dir zur Sprechstunde aufs Land fahren will.«

Sam schnalzte mit der Zunge. Irgendwie hatte dieses Kind den siebten Sinn. Vermutlich verriet er sich auch nur durch irgendetwas.

»Tatsächlich wollte ich zu Bauer Ingram fahren.«

»Prima, bei Mrs Ingram gibt’s immer Braten mit Senfkruste.«

»Na, wir gehen aber nicht zum Essen zu Bauer Ingram, sondern um seinen Eber zu behandeln.«

»Und weil uns Mrs Ingram jedes Mal etwas zu essen anbietet, gehen wir auch zum Essen.«

Sam schraubte die Wasserflasche zu. Genau genommen hatte sie ja recht. »Gut, dann mal los.«

Lilly kletterte mit den beiden Hunden auf den Rücksitz seines Rovers. In letzter Zeit dachte Sam häufiger darüber nach, sich noch einen kleinen Personenwagen zuzulegen. Einen, in dem Tierverbot herrschte und in dem er Penelope durch die Gegend fahren konnte. Er wusste, dass es sie jedes Mal Überwindung kostete, sich den Tierhaaren und den verschiedenen Gerüchen, die die Tiere im Rover hinterließen, zu stellen.

»Wir könnten unser Auto ja mal aussaugen und einen Duftbaum aufhängen«, sagte Lilly von hinten. »Oder wir kaufen ein ganz neues Auto. Eines, in dem Boss nicht hinter Penelope sitzt und ihr in den Nacken atmet. Ich glaub, das mag sie nicht so gern.«

Diesen siebten Sinn hatte das Kind eindeutig von seiner verstorbenen Mutter.

»Gemmas Vater sagt, der Autohändler in Little Magnolia bescheißt die Leute. Der dreht den Tacho zurück und sagt, dass das Auto viel weniger gefahren ist.«

Zu dieser Mitteilung schwieg Sam. Gemmas Vater, der Landvermesser, schien allwissend zu sein und versorgte seine Tochter Gemma regelmäßig mit seinen Weisheiten, die diese dann an Lilly weitergab.

»Aber so einen fetten Truck, wie wir gestern gesehen haben, hat der bestimmt nicht. Gemmas Vater sagt, dass der bestimmt eine Million Pfund kostet.«

Sam seufzte. »Und, weiß Gemmas Vater zufällig, wem der Truck gehört?«

»Er meint, dass es einer der Eisenbahnräuber ist.«

Auch diese Mitteilung kommentierte Sam nicht. Er ging schwer davon aus, dass Gemmas Vater sich irrte. Der berühmte Eisenbahnraub hatte 1963 stattgefunden, der Fahrer müsste heute mindestens achtzig Jahre alt sein. Und Sam wollte keinen Achtzigjährigen einen Vierzigtonner durch Shaftesbury steuern sehen.

»Aber vielleicht hat auch nur jemand etwas gespart.« Eine Weile sah Lilly schweigend aus dem Fenster. »Mrs Ingrams Senfkrustenbraten ist immer eine Wucht, oder?«

»Ja, der ist sehr lecker.«

»Also, ich hab meine Hausaufgaben schon fertig, aber ich glaube, Penelope muss noch an ihrem Vortrag arbeiten. Ich könnte sie die Zehn Gebote abfragen, damit sie das nächste Mal nicht so dumm dasteht. Aber das Gute ist ja, dass du ihr bei ihren Hausaufgaben hilfst. So wie mir sonst.«

***

Als es Mittagszeit war, beschloss Penelope, dass sich der Besuch nicht länger aufschieben ließ. Sie hatte Laura versprochen, sich um die Hochzeitsfeier zu kümmern, und das würde sie auch tun. Mit dem früheren Pfarrer hätte sie sich auf ein nettes Pläuschchen bei einem Glas Cognac freuen können, mit dem neuen Pfarrer würde sich das Gespräch nicht so angenehm gestalten. Möglicherweise verlangte der Pfarrer zunächst eine Beichte von ihr oder bestellte gleich einen Exorzisten. Sie zog sich die Lippen nach und wappnete sich mit dem Gedanken, dass sie sich in ihrem bisherigen Leben mit Ausnahme von klitzekleinen Verfehlungen nichts hatte zu Schulden kommen lassen.

Der jeweils amtierende Pfarrer lebte in einem winzigen Backsteincottage neben dem Friedhof. Vor der Friedhofsmauer stellte Penelope ihren Wagen ab. Erst nachdem sie ihre Handtasche vom Beifahrersitz genommen und die Wagentür zugeworfen hatte, fiel ihr Blick auf den Raben. Er saß auf dem Mauerpfosten und musterte Penelope aus seinen schwarzen Knopfaugen. Ganz langsam bewegte sie den Kopf und warf einen begehrlichen Blick auf ihren Regenschirm, der auf der Rückbank lag. Dieser Rabe war ein ganz schlechtes Zeichen für ihr Vorhaben. Aus so kurzer Entfernung hatte sie ihn noch nie gesehen. Der Vogel war ziemlich groß, sein pechschwarzes Gefieder schimmerte am Kehlkopf ein wenig blau. Eigentlich war er ein schönes Tier, wenn nur sein Schnabel nicht so beeindruckend wäre. Vorsichtig setzte Penelope einen Fuß vor den anderen. Ohne den Raben aus den Augen zu lassen, ging sie durch das Friedhofsportal hindurch. Vielleicht würde er das Interesse an ihr verlieren, wenn sie sich ganz schnell aus dem Staub machte.

Das heruntergezogene Strohdach des Pfarrhauses ließ das kleine Cottage missmutig aussehen. Penelope betätigte den Türklopfer, und nach einer Weile öffnete ihr eine grauhaarige Dame, die sich die Hände an ihrer Schürze abtrocknete.

»Ja?«, fragte sie in wenig gottgefälligem Tonfall.

»Mein Name ist Penelope St. James. Ich würde gern den Pfarrer sprechen.«

»Haben Sie einen Termin?«

»Äh, nein, ist das denn notwen…«

Die Frau, vermutlich die Haushälterin, machte eine Kopfbewegung zur Kirche hinüber. »Der Herr Pfarrer ist drüben zum Mittagsgebet. Können Sie rübergehen, aber nicht stören.«

Die Tür fiel vor Penelopes Nase zu. Hätte sie sich auch denken können, dass der Pfarrer mittags betete. Sie stöckelte mit ihren Louboutin Hot Chick über den Rasen zur Kirche. Vor dem beeindruckenden Kirchenportal des St. Joseph’s atmete sie kurz ein, dann schob sie vorsichtig den rechten Flügel auf. Kühle Luft kam ihr entgegen, irgendwo schlug eine Tür zu. Mit aller Kraft hielt sie den Türflügel am Türgriff fest, damit das Portal nicht krachend ins Schloss fiel. Als das Türschloss leise einschnappte, war es totenstill in der Kirche. Ihre Absätze machten einen Höllenlärm auf dem felsigen Boden, weshalb Penelope auf Zehenspitzen weiterging. Sie ließ den Blick über die Bankreihen schweifen, konnte den grauen Haarschopf des Pfarrers aber nirgendwo entdecken. Nach zwei weiteren Schritten erkannte sie den Grund dafür: Der Pfarrer lag ausgestreckt auf den Stufen vor dem Altar. Unter seinem Kopf hatte sich eine Blutlache ausgebreitet.

Ach du Schreck!, dachte Penelope. Du sollst nicht töten. Wenn sie jetzt noch wüsste, welches Gebot das war.

***

Die Behandlung von Mr Ingrams Eber hatte nicht viel Zeit gekostet. Nach einer gründlichen Untersuchung hatte Sam dem Tier Medikamente verabreicht. Anschließend hatten Bauer Ingram und er den Eber in eine Einzelbox gebracht. Lilly hatte sich währenddessen bei der Bäuerin in der Küche aufgehalten, der sie einen Vortrag über den Raben hielt. Beim Eintreten der Männer wirkte Mrs Ingram ein klitzekleines bisschen erleichtert. Tatsächlich servierte die Bauersfrau Senfkrustenbraten und anschließend eine schottische Creme, bei der sie die Schale für Lilly ohne einen Schuss Whiskey servierte. Trotzdem war Lilly auf dem Rückweg so müde, dass sie auf dem Rücksitz einschlief. Boss hielt geduldig still, während Lillys Kopf auf seinem Rücken ruhte.

Kurz vor der Kirche St. Joseph’s reckte Sam den Kopf. Dort schien etwas passiert zu sein. Vielleicht ein Verkehrsunfall, was die Streifenwagen erklären würde, deren Blaulichter aufflackerten. Er reduzierte das Tempo und hielt den Wagen schließlich an. Vor ihm war ein kleiner Stau entstanden, weil nur eine Fahrspur frei war und die Fahrer sich an einer Reihe von Fahrzeugen vorbeizwängen mussten, die vor der Friedhofsmauer aufgereiht standen. Unter anderem ein Leichenwagen und ein Transporter des Coroners. Von beschädigten Autos war hingegen nichts zu sehen. Die Wagenkolonne setzte sich wieder in Gang, und Sam wollte eben die enge Stelle passieren, als sein Blick auf eine vertraute Gestalt fiel. Penelope saß auf der Bank neben dem Kirchenportal und sah schrecklich verloren aus.

»Hm, Daddy.« Lilly reckte die Arme. »Was ist denn hier passiert?«

Nichts Gutes, dachte Sam und ärgerte sich darüber, dass er seine kleine Tochter im Wagen hatte. Sie mochte ihm bei einfachen Operationen eine Hilfe sein, aber keinesfalls wollte er ihr den Anblick eines Toten zumuten.

»Ich bring dich schnell nach Hause, Liebes, und dann schaue ich nach.«

»Aber Daddy, sieh nur, da ist Penelope. Wir müssen zu ihr gehen, falls ihr etwas passiert ist.«

Sam seufzte. Den Gedanken, Lilly zu Hause abzusetzen, konnte er damit definitiv vergessen. Er wüsste überhaupt nicht, womit er sie bestechen sollte.

»Okay, Lilly.« Er wandte sich zu ihr um. »Ich stelle den Wagen an die Seite, und wir sehen mal nach, ob wir Penelope helfen können. Aber erstens: Die Hunde bleiben im Wagen. Zweitens, du bleibst an meiner Seite und hältst dir die Ohren zu.«

Lilly sah ihn mit zweifelnder Miene an. »Ich halte mir die Ohren zu?«

»Lilly, ich will jetzt nicht lange diskutieren. Ich möchte nicht, dass du hier irgendetwas mitkriegst, was nicht für die Ohren einer Achtjährigen bestimmt ist.«

»Kein Problem.« Lilly öffnete die Wagentür. »Ich halte mir die Ohren zu und frag dann morgen Gemma, was hier los war.«

Sam folgte ihr und fasste Lillys Schulter. Möglicherweise beeindruckte die Szenerie sie doch mehr als gedacht, denn sie drückte sich an seine Seite und schob ihre kleine Hand in seine. Am Friedhofstor stand ein uniformierter Beamter.

»Guten Tag, Officer«, sagte Sam. »Ich sehe, dass hier etwas geschehen ist. Ich bin Arzt. Genau genommen Tierarzt, aber wenn ich irgendwie helfen kann?«

Der Polizist deutete auf Penelope. »Vielleicht können Sie sich um die junge Dame kümmern. Sie hat die Leiche gefunden, und mit all dem Blut war das bestimmt keine schöne Sache. Vermutlich hat sie einen Schock.«

Ja, so wie meine achtjährige Tochter nach dieser bildhaften Schilderung, dachte Sam und drückte Lillys Hand.

»Dann werde ich mich mal um die arme Frau kümmern.«

Penelope sah erst auf, als sie vor ihr standen. »Sam, Lilly, wo kommt ihr denn her?«

»Wer ist denn die Leiche, und woher kommt das ganze Blut?«, fragte Lilly aufgeregt und setzte sich neben Penelope auf die Bank. »Konntest du die Verletzung sehen? War es ein Messer?«

Penelope fasste sich an die Schläfe. »Also, ich weiß überhaupt nicht, was passiert ist. Aber als ich den Raben sah, wusste ich, dass ein Unglück geschehen wird.«

»Was ist denn geschehen?«, fragte Sam und setzte sich auf Penelopes andere Seite. Jetzt war es auch egal. Lilly würde sich vermutlich heute Nacht mit Albträumen leise in sein Bett schleichen.

»Der Pfarrer, er hat sogar einen Namen«, sagte Penelope. »Er heißt Charles Tremain.«

»Aha.« Sam fasste sich ein Herz und nahm Penelopes Hand. »Und ist ihm etwas passiert?«

»Das kann man so sagen. Er liegt auf den Stufen zum Altar, und er …«, Penelopes Blick wanderte zu Lilly. »Also, tot – tot liegt er da.«

»Und du hast ihn gefunden?«, fragte Lilly.

»Ja, ich wollte mit ihm sprechen wegen der Hochzeit.« Penelope schlug sich die Hand vor den Mund. »Also, das ist doch wirklich ein Unglück, jetzt haben wir keinen Pfarrer, der Laura und Luke traut.«

»Ja, das ist ein schöner Mist«, stimmte Lilly zu.

»Darum kümmern wir uns vielleicht später«, schlug Sam vor. »Wie geht es Ihnen? Haben Sie einen Schock, ist Ihnen übel? Brauchen Sie ein Medikament oder müssen Sie sich hinlegen?«

»Einen Schluck Whiskey könnte ich vertragen. Ich denke, wenn die Polizei mich laufen lässt, werde ich nach Hause gehen. Aber sie wollen mich noch befragen. So lange soll ich noch warten.«

Sam sah sich um. Ständig gingen Polizeibeamte in die Kirche und kamen wieder heraus. Vermutlich dauerte es nicht mehr allzu lange, bis der Coroner den Leichnam in einem Sarg abtransportieren würde, und sie saßen hier in der ersten Reihe. Eine Frau, die unter Schock stand, und ein kleines Mädchen.

»Ah, also, kennen wir uns nicht?«

Sam, Penelope und Lilly sahen zu dem hochgewachsenen blonden Mann auf, der vor der Bank stand. Tatsächlich kam er Sam bekannt vor. Der Mann musterte sie alle drei nachdenklich, bis sein Blick an Penelope hängen blieb.

»Mrs St. James, richtig? Sie haben doch vor einigen Monaten die tote Frau und den verletzten Hund auf der Straße nach Middlesbrough gefunden, oder?« Er sah Sam an. »Und Sie sind der Tierarzt.« Dann wandte er sich an Lilly und gab ihr die Hand. »Wir kennen uns noch nicht. Ich bin Philip Farnsworth.«

Lilly schüttelte seine Hand. »Bist du der Inspector, der Penelope was fragen will?«

»Ganz genau, der bin ich. Sag mal, könntest du mir vielleicht deinen Sitzplatz abtreten?«

»Klar, kann ich machen.« Lilly hopste von der Bank. »Dann könnt ihr Erwachsenen in Ruhe quatschen, während ich nach den Hunden sehe.«

»Nettes Kind.« Farnsworth setzte sich, schlug die Beine übereinander und betrachtete die kleine Menge Schaulustiger, die sich inzwischen vor der Friedhofsmauer eingefunden hatte.

»Ich habe gehört, dass Sie ein Faible für den Friedhof haben«, begann der Inspector.

»Na ja, das ist so nicht richtig. Ich halte mich hier häufiger mal auf, weil man hier den besten Handyempfang hat. Bis zu vier Balken«, erwiderte Penelope.

»Verstehe. Und Sie sind im gestrigen Gottesdienst mit dem neuen Pfarrer aneinandergeraten?«

Penelope wandte sich zu ihm um. »Ich bin nicht mit ihm aneinandergeraten. Der Pfarrer hat mich lediglich gebeten, etwas vorzubereiten, um über das erste Gebot zu sprechen.«

Der Inspector kratzte sich am Kinn.

»Du sollst keine anderen Götter haben neben mir«, erklärte Penelope.

»Ich muss zugeben, ich bin nicht sehr bibelfest. Wussten Sie, wie das erste Gebot lautet?«, fragte der Inspector.

»Nein.«

»Inspector, wenn ich mich vielleicht einmischen darf«, sagte Sam. »Mrs St. James geht es nach diesem Vorfall nicht so besonders gut. Vielleicht möchten Sie ihr einige Fragen zum Auffinden des Leichnams stellen, damit sie nach Hause gehen kann?«

Der Inspector beugte sich vor und musterte Sam. »Ich habe eigentlich schon damit begonnen.«

»Denken Sie, dass Mrs St. James den Pfarrer umgebracht hat, weil sie die Zehn Gebote nicht auswendig kennt?«, fragte Sam verärgert.

»Nun, vielleicht hat es Mrs St. James nicht gefallen, dass der Pfarrer sie vor der gesamten Gemeinde bloßstellt. Und dann soll Mrs St. James auch noch einen Vortrag darüber halten.«

»Wenn ich vielleicht etwas dazu sagen dürfte«, meldete sich Penelope zu Wort. »Als ich die Kirche betrat, lag der Pfarrer bereits tot vor dem Altar. Selbst wenn ich ihn hätte umbringen wollen, wäre ich zu spät gewesen.«

Farnsworth lehnte sich zurück und wechselte die Beinhaltung. »Ich denke auch nicht, dass Sie es waren.«

Sam zog eine Grimasse. Dieser Kerl wollte ihn offenbar eifersüchtig machen. Und das war ihm auch noch gelungen.

»Sie haben zwar erst kürzlich eine Leiche gefunden, aber zugleich auch den Mörder enttarnt. Also, Mrs St. James, erzählen Sie noch einmal in Ruhe, was hier los war.«

Interessiert lauschte Sam Penelopes Beschreibung der Ereignisse, nachdem sie beim Friedhof angekommen war. Selbstverständlich glaubte er ihr jedes Wort, trotzdem hatte er das Gefühl, dass sie unbewusst etwas ausließ.

»Eine Tür schlug zu?«, fragten Sam und Inspector Farnsworth zur selben Zeit, als Penelope davon berichtete, wie sie die Kirche betrat.

»Ja, vermutlich gab es einen Luftzug in der Kirche, als ich das Portal öffnete.«

»Oder jemand hat zum selben Zeitpunkt, zu dem Sie die Kirche betreten haben, die Kirche auf der anderen Seite verlassen. Gibt es dort noch eine Tür?«, fragte der Inspector.

»Tja, also so genau weiß ich das nicht«, murmelte Penelope. »Ich bin nicht übermäßig häufig in der Kirche. Also, am anderen Ende.« Sie seufzte.

»Der Pfarrer ist noch nicht sehr lange in Shaftesbury, sagt seine Haushälterin.«

»Nein, aber die paar Tage haben ausgereicht, um sich unbeliebt zu machen. Er hatte offenbar vor, Shaftesbury in ein religiöses Zentrum zu verwandeln«, sagte Penelope. »Er hatte damit begonnen, jedes Gemeindemitglied zu Hause aufzusuchen und mit ihm eine Bibelstelle durchzunehmen. Und den Bibelkreis wollte er dazu missbrauchen, seine Gottesdienste vorzubereiten. Neben den Zehn Geboten wollte er die sieben Tugenden diskutieren. Dabei hat der Bibelkreis wirklich wichtigere Themen zu besprechen. Ich habe dort zum Beispiel ein sehr einfaches Rezept für Scones erhalten, die immer gelingen. Und Sie müssen wissen, dass ich weder gut kochen noch backen kann.«

Der Inspector sah sie irritiert an. »Die sieben Tugenden?« Es klang, als habe er davon noch nie gehört. »Na, egal. Und was wollten Sie heute hier?«