Leiden und Böses - Ingolf U. Dalferth - E-Book

Leiden und Böses E-Book

Ingolf U. Dalferth

4,3

Beschreibung

Die verbreitete Meinung, böses Tun erfordere eine böse Absicht, ist nach Ingolf U. Dalferth eine 'fragwürdige Übervereinfachung'. Der Primat des Bösen liegt nicht im Wollen, sondern in der Erfahrung des Bösen. Was zählt, ist das Leiden der Betroffenen. Aber auch dieser Ansatz kann auf Abwege führen, wenn Leiden mit Bösem gleichgesetzt wird. An diesem Punkt beginnen die Überlegungen der Studie. Für Dalferth ist die entscheidende Frage, ob Leiden in jedem Fall als Böses verstanden werden muss. Seine Überlegungen veranschaulichen in präziser Sprache die zu Grunde liegenden aktuellen Lebensphänomene an gut verständlichen Beispielen. Am Ende des Bandes werden Deutungs- und Bewältigungsstrategien von Leiden und Bösem diskutiert, die den unverzichtbaren Beitrag des christlichem Glaubens zum Umgang mit Leiden und Bösem aufzeigen und auch für Nichtchristen verstehbar machen. Die Studie ist während des Aufenthalts von Dalferth am Wissenschaftskolleg zu Berlin (2005/2006) entstanden und in ihrer lebenspraktischen Ausrichtung ein hoch zu schätzender Gewinn für alle Leserinnen und Leser.

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Ingolf U. Dalferth

Leiden und Böses

Vom schwierigen Umgang mit Widersinnigem

EVANGELISCHE VERLAGSANSTALT

Leipzig

Die Deutsche Bibliothek– Bibliographische Information

Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliographie; detaillierte bibliographische Daten sind im Internet über <http://dnb.ddb.de> abrufbar.

2., verb. Auflage 2007

© 2006 by Evangelische Verlagsanstalt GmbH, Leipzig

Alle Rechte vorbehalten

Cover: Kai-Michael Gustmann

ISBN 9783374034390

www.eva-leipzig.de

Inhalt

Cover

Titel

Impressum

A. Reden von Bösem

1. Bezeichnungen des Bösen

2. Präzisierungen

3. Leiden und Böses

4. Böses erleiden und Leiden als Böses beurteilen

5. Erleben, Erfahren und Darstellen von Bösem

B. Leiden als Ort der Erfahrung von Bösem

1. Anthropologische Verkürzungen

2. Tun und Leiden

3. Leiden und Leben

4. Passivität und Leiden

5. Leben und Leidenmachen

6. Leben als Leidenszusammenhang

7. Leiden und die Unterscheidung zwischen Gutem und Bösem

8. Gut und Böse als Orientierungsunterscheidung

9. Die kulturelle Entkoppelung von Leiden und Bösem

10. Menschliches Leiden

11. Gedeutetes Leiden

C. Orientierende Unterscheidungen

1. Vermeidbares und unvermeidbares Leiden

2. Täter und Opfer

3. Eigenes und fremdes Leiden

4. Im Leiden lernen und vom Leiden lernen

5. Schuldloses und schuldhaftes Leiden

6. Sinnloses Leiden

7. Leiden als Schlüssel zum Verständnis von Bösem?

D. Reaktionen auf Leiden

1. Verstummen und Schreien

2. Trost als Hilfe zur Neuorientierung des Lebens

a) Alltägliche Tröstungen

b) Religiöser Trost

c) Seelsorge als Neuorientierung

3. Leidensbewältigung?

a) Technik der Leidensminderung

b) Hermeneutik der Leidensdeutung

c) Folgeprobleme

4. Stationen der Leidensbewältigung

5. Unverzichtbare Umwege

a) Kultur als Umweg

b) Anforderungen an Umwege der Leidensdeutung

c) Leidensdeutung und Zeitbezug

6. Umwege über Zwischenbestimmungen

a) Leidenstypen

b) Zielvorstellungen und Leitbilder

c) Ursprungs- und Überwindungserzählungen

d) Entscheidungsnotwendigkeit und Auswahlkriterien

e) Mittelgrößen, Drittinstanzen und Zwischenbestimmungen

E. Deutungsstreit

1. Religiöse Deutungen

2. Theologische Deutungen

3. Sinndeutungen

4. Verständnis des Bösen und Verständnis des Leidens als Böses

5. Problemkonstellationen des Verstehens von Bösem

6. Grundprobleme religiöser Deutungen des Bösen

7. Das christliche Lebensparadox

8. Leiden an Gott

9. Gottes Leiden

Weitere Bücher

Endnoten

Vorwort

Die Meinung, Böses zu tun erfordere eine böse Absicht, ist eine fragwürdige Übervereinfachung. Die Entführung unschuldiger Geiseln zur Erpressung von Lösegeld mag sich so erklären lassen, die nationalsozialistische Menschenvernichtung in den Konzentrationslagern kaumund die terroristische Zerstörung der Zwillingstürme am 11. September allenfalls auf den ersten Blick. Menschen, die meinen, nur dann Böses zu tun, wenn sie böse Absichten haben, müssen nur dazu überredet werden, doch eigentlich etwas Gutes zu wollen, um das Böse nicht mehr zu bemerken, das sie tun.

Auf diese Pervertierbarkeit menschlicher Gewissen setzt die Massenpropaganda totalitärer Regime nicht weniger als die Indoktrinierungsbemühung religiöser Fundamentalisten. Wer sich einredet oder einreden lässt, seinem verbrecherischen Tun lägen edle Motive und gute Absichten zu Grunde, verstellt sich die Einsicht in das Verbrecherische seines Tuns. Man handelt ohne schlechtes Gewissen, weil man es durch das eigene Tun und seine Auswirkungen nicht mehr in Frage stellen lässt. Solche Menschen sind Überzeugungstäter, nicht weil sie das Böse wollen, das sie tun (obgleich es auch das gibt), sondern weil sie in der Überzeugung handeln, Gutes zu wollen. Für die überkommene moralphilosophische Sicht des Bösen ist das schwer verständlich. Sie unterstellt ihnen daher böse Absichten, die sie nicht wahrhaben wollen oder vor sich und anderen verbergen. Aber das dürfte in vielen Fällen ein Irrtum sein. Überzeugungstäter dieser Art handeln nicht aus bösen Absichten, die sie nicht zugeben, sondern meinen guten Gewissens, für das Böse, das sie anrichten, nicht verantwortlich zu sein, da sie aus ihrer Sicht ja keine bösen, sondern gute Absichten verfolgen. Ihr Gewissen ist durch die Irrmeinung verblendet, gute Absichten müssten in guten Handlungen resultieren und böse Handlungen könnten nur aus bösen Absichtenentspringen. Doch das ist falsch. Gut gemeint, ist niemals gut getan, und Böses geschieht nicht nur dort, wo Böses gewollt oder Gutes nicht gewollt wird.

Wie haltlos diese missbrauchbare Sicht des Bösen ist, ist schon lange bekannt. Der Primat des Bösen liegt nicht im Wollen, sondern in »der Erfahrung des Bösen im Widerfahrnis des Üblen«.1 Nicht unsere Absichten, sondern die Folgen unseres Tuns für andere entscheiden darüber, ob dieses böse ist oder nicht. Zwar stehen die Folgen unseres Handelns nur selten in unserer Macht. Aber diese Einsicht führt auf eine falsche Fährte, wenn man meint, sich stattdessen mit der Erkundung der Absichten begnügen zu können. Deren Berücksichtigung mag für die rechtliche und moralische Beurteilung von Tätern relevant sein, für die Bestimmung ihrer Taten als böse ist sie unzureichend. Absicht und Tat sind durch eine Kluft getrennt, die sich in keiner Richtung überspielen und durch keine Universalisierungsprobe vermeiden lässt. Aus bösen Absichten können gute Taten und aus guten Absichten böse Taten folgen. Beides kann auch zusammenfallen und zur Mehrfachkodierung von Handlungen führen, wo Taten, wie es häufig der Fall ist, gemeinsam von verschiedenen Akteuren aus unterschiedlichen Absichten begangen werden. In solchen Fällen mag es schwierig sein, die Verantwortung für böses Tun zu klären. Aber das ändert nichts daran, dass es unstrittig böse ist. Was zählt, ist das Leiden der Betroffenen, das solches Tun verursacht, nicht die Absichten, die es leiten. Aber auch das kann zu abwegigen Übervereinfachungen führen. An diesem Punkt setzen die Überlegungen dieser hermeneutischen Studie in theologischer Absicht ein.

Wer Böses vom Leiden der Betroffenen und nicht von den Absichten der Handelnden her versteht, vermeidet zwar die Reduktion des Bösen auf die böse Absicht, steht dafür aber in Gefahr, Leiden mit Bösem gleichzusetzen. Doch nicht alles Leiden ist böse, auch wenn sich alles Böse im Leiden von Menschen und Tieren manifestiert. Das Feld zwischen Leiden, Bösem und Übel ist anders zu vermessen, als es häufig geschieht. Darum geht es in dieser Studie. Die maßgebliche Differenz ist nicht die zwischen Bösem und Üblem, sondern zwischen dem Leiden auf der einen und den Variationen des Bösen auf der anderen Seite. Nicht ob Leiden auf die Seite des Bösen oder des Übels zu rechnen ist, ist die entscheidende Frage, sondern ob Leiden in jedem Fall als Böses verstanden werden muss. Hier wird man theologisch und ethisch differenziert zu antworten haben, wenn man an den aktuellen Lebensphänomenen nicht vorbeireden und den Beitrag von Glaube und Religion zum Umgangmit Leiden und Bösem nicht falsch verstehen will.

Die Studie ist während meines Aufenthalts am Wissenschaftskolleg zu Berlin entstanden, der realen Gegenwelt zu allem, was sich mit Leiden und Bösem in Verbindung bringen lässt. Zu erleben, wie es sein kann, wenn Geist, Zeit und gegenseitiges Interesse aus dem akademischen Leben nicht vertrieben sind, schärft den Blick für das, was im Wissenschaftsbetrieb der Gegenwart nicht sein müsste, besser sein könnte und anders sein sollte. Solange solche Gegenwelten nicht gänzlich irreal geworden sind, bleibt die Hoffnung, dass sich die Situation doch zum Besseren kehren könnte.

Für hilfreiche Kommentare zu einer früheren Fassung, die mich manches überdenken und sicher zu wenig ändern ließen, danke ich Prof. Dr. Dieter Niethammer und Dr. Annette Weidhas. Sie haben mir deutlich gemacht, wie vieles noch weiter zu klären ist. Der Verlag hat die Drucklegung vorzüglich betreut. Ich danke allen Beteiligten.

Ingolf U. Dalferth

A. Reden von Bösem

Weniges ist uns Menschen so gewiss wie die Wirklichkeit von Bösem und Übeln. Wer wüsste nicht aus eigener Erfahrung von Schmerz und Leid, Unfällen und Leiden, Ungerechtigkeiten und Anfeindungen, vergeblichen Mühen, enttäuschten Erwartungen, Verletzungen, Verbrechen und allen möglichen anderen Arten von Übeln zu berichten? Wer könnte nicht Schopenhauers bittere Bemerkung nachempfinden, dass wir den Lämmern gleichen, »die auf der Wiese spielen, während der Metzger schon eines und das andere von ihnen mit den Augen auswählt: denn wir wissen nicht, in unseren guten Tagen, welches Unheil eben jetzt das Schicksal uns bereitet,– Krankheit, Verfolgung, Verarmung Verstümmelung, Erblindung, Wahnsinn, Tod u.s.w.…«.2 Wer hätte sich noch nie gefragt, warum so viele Chancen, das Leben vieler zu verbessern, nicht wahrgenommen, wider besseres Wissen nicht ergriffen, aus Unwissenheit übersehen, durch Zufälle verhindert, aus Dummheit verscherzt, durch Bosheit zerstört, aus Leichtsinn verspielt werden? Wer wäre beim Blick auf die menschliche Geschichte noch nicht darüber entsetzt gewesen, zu welchen Ungeheuerlichkeiten Menschen im Umgang miteinander in der Lage sind? Und für wen wäre all das nicht Böses, etwas, das nicht sein sollte, von dem man wünschte, das es nicht wäre, weil es dem Leben schadet, besseres Leben verhindert oder gutes Leben zerstört, so dass die Welt ohne es besser wäre, als sie mit ihm ist?3

1. Bezeichnungen des Bösen

Jeder kennt Böses, und kein Bereich des Lebens ist davon ausgenommen. Immer wieder, und oft gerade dann, wenn man es nicht vermutet oder erwartet hätte, bricht Böses aufdringlich und unabweisbar ins Leben und Bewusstsein ein– als Übel, das einem widerfährt, als , die einem zugefügt wird, als , das man erleidet, als , die einem angetan wird oder die man mit Absicht, aus Versehen oder aus Nachlässigkeit selbst begeht.

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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