Noels Tagebuch - Richard Paul Evans - E-Book

Noels Tagebuch E-Book

Richard Paul Evans

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Beschreibung

Seit fast 20 Jahren war der Autor Jacob Churcher nicht mehr zu Hause – nicht seit seine psychisch kranke Mutter ihn mit 16 Jahren rausgeworfen hat. Als er ein paar Tage vor Weihnachten erfährt, dass seine Mutter gestorben ist und ihm das Haus überlassen hat, kehrt Jacob an den Ort seiner Kindheit zurück, um sich mit der Vergangenheit zu versöhnen. Dabei findet er ein Tagebuch, das eine junge Frau namens Noel hinterlassen hat, und erfährt, dass sie während ihrer Schwangerschaft bei seiner Familie gelebt hat. Als er auf Rachel trifft, die nach ihrer Mutter sucht, die sie vor 30 Jahren zur Adoption freigegeben hat, machen sie sich gemeinsam auf die Suche nach Noel. Unterwegs finden sie mehr, als sie sich vorgestellt haben: die Fähigkeit zu vergeben und die Chance auf Liebe. Richard Paul Evans erzählt die herzerwärmende Geschichte eines Mannes, der das beste Weihnachtsgeschenk erhält, das er sich wünschen kann: die Möglichkeit, die Vergangenheit neu zu schreiben.

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Richard Paul Evans

Noels Tagebuch

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Noels Tagebuch

LAGO

BIBLIOGRAFISCHE INFORMATION DER DEUTSCHEN NATIONALBIBLIOTHEKDie Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie. Detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://d-nb.de abrufbar.

FÜR FRAGEN UND ANREGUNGEN

[email protected]

WICHTIGER HINWEIS:

Die gewählte männliche Form bezieht sich immer zugleich auf weibliche, männliche und diverse Personen. Auf konsequente Mehrfachbezeichnung wurde aufgrund besserer Lesbarkeit verzichtet.

1. Auflage 2021

© 2021 by LAGO, ein Imprint der Münchner Verlagsgruppe GmbH

Türkenstraße 89

80799 München

Tel.: 089 651285-0

Fax: 089 652096

Die amerikanische Originalausgabe erschien 2017 bei Simon &Schuster unter dem Titel The Noel Diary. © 2017 by Richard Paul Evans. All rights reserved.

Alle Rechte, insbesondere das Recht der Vervielfältigung und Verbreitung sowie der Übersetzung, vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotokopie, Mikrofilm oder ein anderes Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme gespeichert, verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.

Übersetzung: Sonja Rebernik-Heidegger

Redaktion: Silke Panten

Umschlaggestaltung: Sonja Vallant

Umschlagabbildung: shutterstock/ArtBackground, LilieGraphie

Satz: Sania Haschemi für Pageturner Production GmbH

Druck: CPI books GmbH, Leck

eBook by tool-e-byte

ISBN Print 978-3-95761-205-2

ISBN E-Book (PDF) 978-3-95762-292-1

ISBN E-Book (EPUB, Mobi) 978-3-95762-293-8

Weitere Informationen zum Verlag finden Sie unter

www.lago-verlag.de

Beachten Sie auch unsere weiteren Verlage unter www.m-vg.de

Für Pam. Wo auch immer du bist

INHALT

PROLOG

KAPITEL 1

KAPITEL 2

KAPITEL 3

KAPITEL 4

KAPITEL 5

KAPITEL 6

KAPITEL 7

KAPITEL 8

KAPITEL 9

KAPITEL 10

KAPITEL 11

KAPITEL 12

KAPITEL 13

KAPITEL 14

KAPITEL 15

KAPITEL 16

KAPITEL 17

KAPITEL 18

KAPITEL 19

KAPITEL 20

KAPITEL 21

KAPITEL 22

KAPITEL 23

KAPITEL 24

KAPITEL 25

KAPITEL 26

KAPITEL 27

KAPITEL 28

KAPITEL 29

KAPITEL 30

KAPITEL 31

EPILOG

DANKSAGUNG

PROLOG

Mehr als einmal sah ich in dem winzigen Moment zwischen Schlafen und Wachen eine junge Frau mit langen schwarzen Haaren, die im Sonnenlicht wie Obsidian glänzten. Im Vergleich zu ihr war ich stets ein kleines Kind, und sie drückte mich an ihre Brust. Sie sang für mich und betrachtete mich liebevoll mit ihren sanften, mandelförmigen Augen. Es war immer dieselbe junge Frau. Ich wusste nicht, wer sie war und warum sie an der Grenze meines Bewusstseins umhergeisterte. Ich wusste nicht einmal, ob sie real war. Aber sie fühlte sich real an. Und etwas in mir sehnte sich nach ihr. Wer auch immer sie war, sie liebte mich. Oder hatte es zumindest getan. Und ich liebte sie.

Das ist die Geschichte, wie ich diese Frau schließlich fand. Und auf der Reise zu ihr fand ich auch die Liebe.

KAPITEL1

Mittwoch, 7. Dezember

CHICAGO

Als die Journalistin der USA Today ins »Dunkin’ Donuts« stürzte, wirkte sie gestresst und erschöpft – genau wie alle anderen in Downtown Chicago. Meine Pressebetreuerin hatte das Interview für vierzehn Uhr in dem Donut-Laden in der Nähe des Millennium-Parks fixiert, und es war bereits zehn Minuten nach zwei.

Die junge Frau sah sich suchend um und eilte auf mich zu, nachdem sie mich entdeckt hatte. »Tut mir leid, dass ich zu spät bin, Mr. Churcher«, keuchte sie, ließ ihre Tasche auf den leeren Stuhl zwischen uns fallen und wickelte sich den Wollschal vom Hals. Ihre Wangen und die Nase waren von der eisigen Kälte gerötet. »Ich hätte die Hochbahn nehmen sollen. Die Parkplatzsuche gestaltet sich in Chicago genauso schwierig wie die Suche nach einem ehrlichen Politiker.«

»Kein Problem«, erwiderte ich und musterte sie. Sie sah aus wie zweiundzwanzig oder dreiundzwanzig. Allerhöchstens fünfundzwanzig. Sie wurden jedes Jahr jünger. Vielleicht wurde ich aber auch bloß älter. Ich nippte an meinem Kaffee, während sie sich aus ihren Winterklamotten schälte.

»Es ist kalt draußen. Inzwischen verstehe ich, warum Chicago Windy City genannt wird.«

»Der Name hat nichts mit dem Wetter zu tun«, erklärte ich. »Der New Yorker Herausgeber der Sun nannte die Stadt so, weil er die Chicagoer für Angeber hielt.«

»Das wusste ich nicht«, erwiderte sie.

»Möchten Sie einen Kaffee?«, fragte ich.

»Nein, danke. Ich habe schon genug von Ihrer Zeit verschwendet.«

Nachdem ich mich bereits durch mehr als fünfhundert Presseinterviews gekämpft hatte, wusste ich, dass man Journalisten mit derselben Vorsicht behandeln musste wie streunende Hunde. Vermutlich sind sie ungefährlich, aber man muss zu seiner eigenen Sicherheit davon ausgehen, dass sie beißen. Ich hatte auch gelernt, dass der Hinweis »im Vertrauen« etwa gleichbedeutend war mit: »Sehen Sie lieber nach, ob Ihr Aufnahmegerät noch genug Saft hat, denn jetzt kommt der Dreck, wegen dem Sie hier sind.«

»Wie geht es Ihnen?«, fragte sie und wirkte bereits gefasster.

»Gut«, erwiderte ich.

Sie zog ein Aufnahmegerät aus ihrer Tasche und legte es auf den Tisch. »Macht es Ihnen etwas aus, wenn ich das Gespräch aufzeichne?«

Das fragten sie immer. Und ich überlegte jedes Mal, ob ich ausnahmsweise mit »Ja« antworten sollte.

»Nein, schon gut.«

»Okay, dann fangen wir an.« Sie drückte den Knopf auf ihrem Gerät, und ein rotes Licht leuchtete auf. »Ich interviewe den Bestsellerautor J. Churcher für die Weihnachtssonderausgabe.« Sie sah mich an. »Mr. Churcher. Darf ich Sie Jake nennen?«

»Wenn Sie möchten.«

»Jake, Sie haben gerade ein neues Buch veröffentlicht. Es ist noch zu frisch auf dem Markt, um in den Bestsellerlisten zu erscheinen, aber ich bin mir sicher, dass es bald überall zu finden sein wird.«

»Das kann man vorher nie wissen«, meinte ich. »Aber heute ist Mittwoch, das heißt, ich werde es am Nachmittag erfahren.«

»Ich bin mir sicher, dass es wieder eine Nummer eins wird.«

»Unwahrscheinlich, aber die Hoffnung stirbt zuletzt.«

»Also, wie erleben Sie diese besondere Zeit im Jahr?«

Ich trank einen weiteren Schluck, stellte die Tasse ab und machte eine ausladende Handbewegung. »Im Prinzip so wie jetzt. Ich bin viel unterwegs. Gebe viele Interviews. Trinke viel Kaffee. Signiere Bücher.«

»So wie gestern Abend in …«

»Naperville.«

»Genau. Wie ist es gelaufen?«

»Gut.«

»Wie viele Leserinnen und Leser sind gekommen?«

»Zwischen fünf- und sechshundert. Ein durchschnittlicher Wert bei einer Signierstunde.«

»Wie viele Städte besuchen Sie?«

»Ich glaube zwölf. New York, Boston, Cincinnati, Birmingham, Dallas … an den Rest kann ich mich nicht erinnern.«

»Das ist sicher anstrengend. Wann ist die Tour zu Ende?«

»Das hier ist mein letzter Halt. Ich fliege in ein paar Stunden nach Hause.«

»Zurück nach Idaho?«

»Coeur d’Alene«, erwiderte ich, als wäre die Stadt ein eigener Bundesstaat. »Ich lande am Spokane Airport.«

»Dann verbringen Sie Weihnachten also zu Hause. Wie ist das Fest im Hause Churcher denn so?«

Ich zögerte. »Wollen Sie das wirklich wissen?«

»Darum geht es in meinem Artikel.«

»Es ist vor allem ziemlich langweilig.«

Sie lachte. »Verbringen Sie die Feiertage mit der Familie? Mit Freunden …?«

»Nein. Ich bin größtenteils allein. Ich packe die Geschenke meiner Agentin und des Verlages aus, trinke ein paar Gläser Eggnog und sehe mir die Footballspiele an, die ich während meiner Lesereise versäumt habe.«

Die Journalistin wirkte ein wenig irritiert. »Haben Sie irgendwelche Weihnachtstraditionen?«

»Klar. Davon habe ich Ihnen doch gerade erzählt.«

Jetzt war sie wirklich irritiert. »Wie haben Sie als Kind Weihnachten erlebt? Gibt es irgendwelche besonderen Erinnerungen?«

Ich stieß langsam die Luft aus. »Definieren Sie ›besonders‹.«

»Gibt es ein Weihnachtsfest, das Sie nie vergessen werden?«

Ich lächelte finster. »Oh ja.«

»Wollen Sie mir davon erzählen?«

»Glauben Sie mir, das wollen Sie nicht hören.«

»Lassen wir es darauf ankommen.«

»Okay. Es war am Nachmittag des ersten Weihnachtsfeiertages. Ich war sieben Jahre alt und spielte auf dem Boden meines Kinderzimmers mit meinen Geschenken. Meine Mutter kam herein. Sie war außer sich vor Wut, als sie das Chaos sah, und begann zu brüllen. Sie schickte mich in die Küche, um ihren schweren Holzkochlöffel zu holen. Dann zog sie mir die Hose herunter und schlug damit auf mich ein. Sie war wie von Dämonen besessen und hörte erst auf, als der Löffel brach. Danach stopfte sie meine Klamotten in einen Koffer, zerrte mich hinaus auf die Straße und meinte, ich solle mir ein anderes Zuhause suchen. Ich stand beinahe drei Stunden vor dem Haus und zitterte vor Kälte. Ich war mir nicht sicher, wie es jetzt weitergehen sollte. Ich nahm an, dass Mütter so etwas ständig mit ihren Kindern machten, wenn sie sie satt hatten. Ich dachte, es würde irgendwann vielleicht jemand vorbeikommen und mich mitnehmen. Nach drei Stunden ging ich zurück zum Haus und klopfte. Die Sonne war schon seit einer Stunde untergegangen und ich fror und hatte Hunger. Meine Mutter brauchte gute fünf Minuten, um an die Tür zu kommen. Sie öffnete sie und starrte mich an. Dann fragte sie: ›Was willst du?‹

Ich sagte: ›Wenn ich artig bin, darf ich dann zurückkommen und wieder hier wohnen?‹

Sie wandte sich wortlos ab und ging zurück ins Haus. Aber sie schrie mich nicht an oder knallte mir die Tür vor der Nase zu, also ging ich davon aus, dass ich wieder hineindurfte. Ich ging in mein Zimmer, kroch unter mein Bett und schlief ein.«

Ich sah die Journalistin an: »Na, gefällt Ihnen die Weihnachtserinnerung?«

Aus ihrem Blick sprach blankes Entsetzen. »Okay. Ich denke, ich habe alles, was ich brauche.« Sie stopfte eilig ihre Sachen zurück in ihre Tasche und schlüpfte in ihren Mantel. »Danke. Der Artikel erscheint etwa eine Woche vor Weihnachten.« Dann verschwand sie hinaus in die Kälte.

Die Pressebetreuerin wird mich umbringen, dachte ich.

Falls Sie eines meiner Bücher gelesen haben, kennen Sie mich vermutlich unter dem Namen J. Churcher. Mein voller Name ist Jacob Christian Churcher. Erst als Teenager erkannte ich, wie seltsam dieser Name ist, und ich fragte mich, ob sich meine Eltern einen Scherz damit erlauben wollten.

Christian Churcher. JC Churcher. Der Name klingt sogar noch ironischer, wenn man bedenkt, dass meine Eltern kein einziges Mal mit mir in der Kirche waren.

Man möchte meinen, dass ein Schriftsteller, der Liebesgeschichten schreibt, sich mit Romantik auskennt. Mitnichten. Zumindest auf mich trifft es nicht zu. Vielleicht ist es ein klassisches Beispiel dafür, dass diejenigen, die selbst nichts zustande bringen, Lehrer werden (oder zumindest über ihr Lieblingsthema schreiben). Jedenfalls hatte ich mit vierunddreißig nichts vorzuweisen, außer einer unendlichen Abfolge gescheiterter Beziehungen. Trotzdem ließ ich nicht locker.

Man sagt, dass nur ein Idiot immer wieder dasselbe versucht und jedes Mal ein anderes Ergebnis erwartet. Vielleicht bin ich wirklich ein Idiot, aber ich vermute, es ist komplizierter. Ich habe eher das Gefühl, dass etwas in mir meine Beziehungen sabotiert.

Vielleicht ist es aber auch wie in dem Countrysong »Lookin’ for Love« von Johnny Lee, und ich suche immer an den falschen Orten nach der Liebe. Am Anfang meiner Schriftstellerkarriere gab mir ein erfahrener Autor einen klugen Rat: »Triff dich nie mit einer Leserin.« Doch ich ignorierte ihn ein ums andere Mal, lernte Frauen während Signierstunden kennen und ging Beziehungen ein, die in etwa so lange anhielten wie der Geschmack eines Kaugummis.

Das Problem ist, dass die Frauen meine Bücher lesen und sich in die Männer verlieben, die ich erschaffe. Und wenn sie einen solchen Superman im echten Leben nicht finden (viel Glück bei der Suche!), dann glauben sie, sie könnten ihn durch mich ersetzen. Genau so tickten die Frauen, mit denen ich ausging. Bis sie am Ende schließlich erkannten, dass ich genauso kaputt und fehlerbehaftet war wie jeder andere Mann. Oder sogar noch mehr.

Dafür gibt es einen Grund. Meine Welt zerbrach, als ich noch sehr klein war. Es passierten zwei Dinge. Mein älterer Bruder starb, und meine Eltern ließen sich scheiden. Ich war vier Jahre alt – fast noch zu jung, um mich an den 4. August 1986 zu erinnern. Das war der Tag, an dem Charles starb. Danach wurde alles anders. Meine Mutter wurde anders.

Meine Mutter Ruth war psychisch krank. Natürlich wusste ich das als kleines Kind noch nicht. Jahrelang dachte ich, das Leben wäre ein täglicher Albtraum aus Schlägen und Vernachlässigung. Wenn man in einem Irrenhaus aufwächst, ist das Verrückte normal. Erst als Teenager fiel es mir wie Schuppen von den Augen und ich sah meine Kindheit als das, was sie wirklich gewesen war – eine unfassbare Katastrophe.

Meine Mutter war nicht immer grausam. Es gab Zeiten, da war sie liebevoll und einfühlsam. Es kam nicht oft vor, aber ich klammerte mich daran fest. Je älter ich wurde, desto seltener wurden die guten Tage. Die meiste Zeit war sie einfach nicht anwesend.

Sie litt oft unter Migräne, verbrachte viel Zeit im Bett, in ihrem abgedunkelten Zimmer, mit ausgestecktem Telefon. Sie versteckte sich vor dem Licht. Und vor der Welt. Ich wurde sehr selbstständig für mein Alter. Ich kochte mir selbst etwas zu essen, machte mich allein für die Schule fertig und wusch meine Klamotten in der Badewanne, wenn sie schmutzig waren.

Wenn meine Mutter im Bett lag, ging ich mehrmals am Tag zu ihr in ihr abgedunkeltes Zimmer und sah nach ihr. Oft bat sie mich, ihren Rücken zu kratzen. Sie hatte einen Bleistift, an dem sie zwei Zahnstocher befestigt hatte, und ich fuhr damit auf ihrem Rücken oder an den Armen auf und ab. Manchmal stundenlang. Es waren die einzigen Momente, in denen ich das Gefühl hatte, sie würde mich lieben – oder zumindest brauchen. Manchmal sagte sie nette Sachen, während ich sie kratzte. Und ich brauchte es zum Leben wie die Luft zum Atmen.

Ich erlebte nicht nur zu Hause Isolation. Auch in der Schule blieb ich meistens für mich. Ich war ein Eigenbrötler – und bin es immer noch. Vielleicht sonderte ich mich ab, weil ich anders war als die anderen Kinder in meinem Alter. Ich war düster und ernst. Die Leute sagten, ich würde zu viel nachdenken. Außerdem hatte ich keine Zeit, Freundschaften zu schließen, denn ich war damit beschäftigt, meine Mutter am Leben zu halten. Sie hatte Suizidgedanken und zog mich mehr als einmal in ihr Vorhaben mit hinein. Einmal drückte sie mir ein Tranchiermesser und einen elektrischen Messerschleifer in die Hand und bat mich, das Messer zu schleifen, damit sie sich die Pulsadern aufschneiden könne.

Ein anderes Mal – ich war bereits ein wenig älter – kam ich von der Schule nach Hause und sah, dass sie einen Gartenschlauch am Auspuff des Autos befestigt und durch das hintere Fenster gesteckt hatte, während die anderen Fenster komplett geschlossen waren. Meine Mutter war bereits ohnmächtig. Ich zog sie aus dem Auto und legte sie auf den Garagenboden. Sie hatte danach schlimme Kopfschmerzen, trug aber keinerlei Schaden davon. Ich kämpfte jahrelang damit.

Mit dreizehn war ich bereits größer als meine Mutter und sie hörte auf, mich zu verprügeln. Vielleicht, weil ich nicht mehr weinte, wenn sie es tat. Oder weil ich sie grün und blau hätte schlagen können. Nicht, dass ich so etwas jemals getan hätte. Trotz der Gewalt, die ich erlebt hatte, war ich kein gewalttätiger Mensch. Ich verachtete Gewalt. Das tue ich immer noch.

Die Erinnerungen an meinen Vater sind bestenfalls verschwommen. Der Großteil dessen, was ich über ihn wusste, kam von meiner Mutter, und sie hatte immer betont, dass er kein Interesse an mir habe. Ich hatte zwar gelernt, nichts darauf zu geben, was meine Mutter sagte, doch es war nicht zu leugnen, dass mein Vater nicht auffindbar war, und soweit ich es beurteilen konnte, machte er keine Versuche, wieder ein Teil meines Lebens zu werden. In gewisser Weise war ich sogar wütender auf ihn als auf meine Mutter. Warum war er nicht da? Welche Entschuldigung gab es dafür? Wenn ich ihm etwas bedeutete, wie konnte er mich dann an einem solchen Ort zurücklassen?

Mein letzter Tag zu Hause verlief bemerkenswert unspektakulär. Ich war sechzehn und verkaufte Tacos in einem Fastfood-Laden. Eines Abends kam ich von der Arbeit nach Hause, und alle meine Sache lagen auf dem Rasen vor dem Haus. Sogar mein Kopfkissen. Die Haustür war verschlossen. Ich machte mir nicht die Mühe, meine Mutter zu fragen, was ich dieses Mal falsch gemacht hatte. Es spielte keine Rolle. Etwas in mir hatte klick gemacht. Ich wusste, dass es Zeit wurde zu verschwinden.

Ich sammelte ein paar meiner Habseligkeiten vom Rasen und kehrte zurück in den Taco-Laden. Dort traf ich Carly, eine Arbeitskollegin, die bis jetzt immer nett zu mir gewesen war. Sie war ein bisschen älter und hatte ein Auto, einen zweifarbig lackierten schwarz-braunen Chevy Citation. Ich erzählte ihr, dass meine Mutter mich hinausgeworfen hätte, und sie bot mir an, bei ihr zu wohnen, bis ich etwas anderes gefunden habe.

Carly war ebenfalls von ihren ultrareligiösen Eltern hinausgeworfen worden, nachdem sie sie beim Trinken erwischt hatten. Sie wohnte mittlerweile bei ihrer Schwester Candace und ihrem Schwager Tyson. Ich half ihr, den Laden sauber zu machen, dann fuhr ich mit ihr nach Hause. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass ich wirklich bleiben durfte. Ihr Schwager war ein riesiger, tätowierter Samoaner. Tyson machte mir Angst. Er war der größte Mann, den ich jemals gesehen hatte.

Dabei gab es keinen Grund, Angst zu haben. Tyson wirkte furchteinflößend, doch er war freundlich und nett, hatte ein ansteckendes Lächeln und ein donnerndes Lachen. Er war ein gläubiger Christ, der zusammen mit Candace einer nicht konfessionsgebundenen christlichen Kirchengemeinde angehörte. Außerdem besuchte er gemeinsam mit einigen anderen Männern eine wöchentlich stattfindende frühmorgendliche Bibelstunde. Als er hörte, dass meine Mutter mich hinausgeworfen habe, war er empört. Er meinte, ich könne so lange bleiben, bis ich auf eigenen Beinen stehen könne. Angesichts meines Alters und meiner Situation war das ein bemerkenswert großzügiges Angebot.

Ihr Haus war klein. Das Erdgeschoss umfasste weniger als fünfundsechzig Quadratmeter, es gab ein nicht fertiggestelltes Souterrain und ein in die Jahre gekommenes Badezimmer mit pinkfarbenen Fliesen. Sie hatten kein Gästebett, aber ich bekam eine große Matratze im Souterrain, und ehe ich mich versah, hatte ich ein neues Zuhause. Candace arbeitete als Rechtsanwaltssekretärin und Tyson im Verkauf eines internationalen Telefonherstellers, was ihm den Luxus verschaffte, um halb sechs zu Hause zu sein. Er setzte sich beinahe jeden Tag nach dem Abendessen zu mir und fragte, was es Neues gebe.

Die männliche Gesellschaft tat mir gut. Es war ungewohnt, aber angenehm. Und Tyson gefiel es wohl auch, denn Candace hatte kaum Interesse an den Dingen, die ihm gefielen, wie Rugby, höllisch scharfe Chicken-Wings und Harley-Davidson-Motorräder.

Obwohl ich nicht mehr zu Hause wohnte, ging ich weiterhin zur Schule. Tyson und Candace bestanden darauf, aber ich hätte es ohnehin getan. Es war allerdings nicht dieselbe Schule, die ich vorher besucht hatte. Die neue Schule lag nicht einmal im selben Viertel wie die alte. Doch ich mochte sie, vor allem Englisch und Kreatives Schreiben, was größtenteils mit meiner hübschen Lehrerin namens Janene Diamond zu tun hatte, die frisch vom College gekommen war. Man hört immer wieder, dass sich Schüler in ihre Lehrerinnen verlieben, und genau so war es damals bei mir. Ich habe keine Ahnung, ob Miss Diamond wusste, was bei mir zu Hause abgegangen war, aber ich glaube, dass sie es spürte. Vielleicht war sie aber auch in mich verknallt (in meiner Fantasie war sie es definitiv). Was auch immer der Grund dafür war, sie zeigte jedenfalls besonderes Interesse an mir und ermutigte mich. Sie meinte, meine Texte hätten College-Niveau und ich das Zeug zum Schriftsteller. Ich war es nicht gewöhnt, dass jemand sich so positiv über etwas äußerte, das ich getan hatte, und ich blieb öfter länger in der Schule und half ihr beim Korrigieren der Aufsätze.

Das Schreiben war für mich immer etwas Natürliches. Wie Reden, nur einfacher. Sogar wesentlich einfacher. Ich fühle mich unwohl, wenn ich vor einer Menschenmenge sprechen muss, denn in solchen Situationen springen die Worte und Ideen sinnlos in meinem Kopf umher wie Popcorn in der Mikrowelle.

Ich glaube, dass wir größtenteils nicht trotz der Hürden in unserem Leben Erfolg haben, sondern gerade wegen ihnen. Ich glaube, dass mir meine dramatischen Erfahrungen die Fähigkeit zur Empathie geschenkt haben. Die Fantasie war meine Überlebenstaktik. Ich hatte viel Zeit in den verschiedensten Traumwelten verbracht, um der echten Welt und ihrem Schmerz zu entfliehen.

Eines Tages reichte Miss Diamond einen meiner Aufsätze ohne mein Wissen bei einem regionalen Schreibwettbewerb ein. Ich gewann den ersten Preis. Tyson, Candace und Carly kamen zur Preisverleihung. Ich wurde auf die Bühne gerufen und bekam eine Plakette, ein in Leder gebundenes Notizbuch, einen teuren Kugelschreiber und ein exklusives Bleistiftset. Es waren die schönsten Dinge, die ich je besessen hatte. Und abgesehen von dem Cupcake, den ich in der zweiten Klasse beim Buchstabierwettbewerb gewonnen hatte, war es auch mein erster Gewinn.

Ein Jahr und drei Wochen später, nachdem ich bei ihnen eingezogen war, verkündete Tyson, dass sein Arbeitgeber ihn nach Spokane im Bundesstaat Washington versetzen würde und wir in zwei Monaten, gleich nach meinem Schulabschluss, umziehen würden. Wir würden umziehen. Die Frage, ob ich mitkäme oder nicht, stellte sich nicht. Sie gingen einfach davon aus. Zu diesem Zeitpunkt gehörte ich bereits zur Familie.

Ironischerweise war es Carly, die nicht mitkam. Sie hatte ihr erstes Jahr an der University von Utah abgeschlossen und wollte bei ihren Freunden in Salt Lake bleiben. Wir packten zu viert alles zusammen, dann luden Tyson, Candace und ich die Boxen in den gemieteten Umzugsanhänger und den Kofferraum ihres Trucks. Nach einem tränenreichen Abschied von Carly machten wir uns an die über tausend Kilometer lange Fahrt von Salt Lake nach Spokane. Tyson und Candace in ihrem Truck mit dem Anhänger, und ich in einem gebrauchten Toyota Corolla, den ich sechs Monate zuvor gekauft hatte.

Es ist vielleicht seltsam, dass ich meiner Mutter nicht einmal mitteilte, dass ich in einen anderen Bundesstaat zog, aber ich ging davon aus, dass es sie ohnehin nicht interessierte. Sie hatte nie einen Versuch unternommen, mich wiederzufinden, nachdem sie mich hinausgeworfen hatte. Es wäre sinnlos gewesen, es ihr zu sagen. Genauso sinnlos, wie einem Obdachlosen zu erklären, auf welchem Fernsehsender deine Lieblingsshow läuft.

Eine Woche, nachdem wir in Spokane angekommen waren, bekam ich einen Job als Pizzalieferant. Das Trinkgeld war ein nettes Zusatzeinkommen, und wir wurden gratis verköstigt, was ein großer Vorteil war. Außerdem durfte ich Pizzen, die nicht verkauft wurden, mit nach Hause nehmen, und Tyson verdrückte sie gerne ganz allein als Mitternachtssnack.

Ab Herbst besuchte ich an der Gonzaga University einen Lehrgang im Kreativen Schreiben. Ich bekam ein Stipendium und gute Noten, und das College-Leben gefiel mir. Es war nicht das Leben, das man immer im Fernsehen sieht, mit wilden, biergeschwängerten Studentenpartys. Ich war auch hier größtenteils allein, aber es passte für mich. Ich verbrachte viel Zeit in der Bibliothek und schrieb etwa ein Dutzend Kurzgeschichten, von denen mehrere in der Kunst- und Kulturzeitschrift der Universität veröffentlicht wurden. Außerdem verdiente ich mir als Mitarbeiter der Unizeitung etwas Geld dazu.

Zum ersten Mal wusste ich mit Sicherheit, was ich mit meinem Leben anfangen wollte. Ich wollte Schriftsteller werden. Mein größter Traum war, ein Buch zu schreiben, das auch veröffentlicht würde. So wie einer meiner Professoren es getan hatte. Er war zwar nicht unbedingt berühmt, aber er hatte eine gewisse Anhängerschaft. Ich konnte mir nichts Schöneres vorstellen.

Ich schloss mein Literaturstudium mit dreiundzwanzig mit einem Bachelor ab, und aus dem Praktikum bei einem Unternehmen im Gesundheitsbereich in Spokane, für das ich Onlineartikel und den wöchentlichen Newsletter verfasste, wurde nach meinem Abschluss eine Vollanstellung.

Finanziell ging es mir so gut wie noch nie zuvor in meinem Leben. Was bedeutete, dass ich schließlich bei Tyson und Candace ausziehen konnte. Sie hatten nie Andeutungen gemacht, dass es langsam Zeit würde – sie waren im Gegenteil eher bestürzt, dass ich gehen wollte –, aber nach allem, was sie für mich getan hatten, wollte ich sie auf keinen Fall jemals in eine Situation bringen, in der sie mich doch darum bitten mussten. Außerdem war Candace nach jahrelangen Versuchen endlich schwanger, und sie sollten langsam ihr eigenes Leben führen.

Ich zog in eine kleine Kellerwohnung, etwa einen Kilometer von Tyson und Candace entfernt. Wir aßen immer noch mindestens einmal die Woche zusammen zu Abend, und ab und zu brachte ich Tyson eine Mitternachtspizza vorbei.

Ich ging mit ein paar Frauen aus, aber es war nichts Ernstes dabei. Meine Einsamkeit hatte einen entscheidenden Vorteil. Nachdem ich mein Leben mit niemandem teilte, hatte ich die Abende mehr oder weniger für mich. Ein Jahr nach meinem Abschluss begann ich mit meinem ersten Roman, eine verworrene Geschichte über eine kaputte Familie. Ich habe ihn nie jemandem gezeigt. Mit sechsundzwanzig fing ich mit dem zweiten Buch an. Es war besser als das erste, aber immer noch nichts, womit man sich rühmen konnte. Ich fragte mich langsam, ob ich tatsächlich das Zeug zum Schriftsteller hatte.

Glücklicherweise war die Leidenschaft stärker als meine Zweifel. Ein Jahr später schrieb ich meinen ersten richtigen Roman. Ich nenne ihn so, weil ich zum ersten Mal das Gefühl hatte, das Buch wäre gut genug, um es jemandem zu zeigen. Es hieß Der lange Weg nach Hause und handelte von einem jungen Mann auf der Suche nach seiner Mutter. Man musste nicht gerade Sigmund Freud heißen, um zu erahnen, woher ich die Inspiration dafür genommen hatte.

Nachdem ich fertig war, machte ich mehrere Kopien und verteilte sie an einige Leute von der Arbeit. Eine Kollegin – Beth – hatte eine Cousine namens Laurie, die Miteigentümerin einer Literaturagentur in New York war. Beth las mein Buch und schickte es anschließend ohne mein Wissen an Laurie. Es war wie damals, als Miss Diamond meinen Aufsatz beim Wettbewerb eingereicht hatte.

Ich werde mein erstes Telefonat mit Laurie nie vergessen:

Laurie: »Mr. Churcher, hier spricht Laurie Lord von der Literaturagentur Sterling Lord. Wie geht es Ihnen?«

Ich: »Wer spricht dort, bitte?«

Laurie: »Mein Name ist Laurie Lord. Ich bin Miteigentümerin der Literaturagentur Sterling Lord in New York. Sind Sie der Autor von Der lange Weg nach Hause?«

Ich: »Ja.«

Laurie: »Es ist ein wirklich wunderbares Buch, Jacob. Darf ich Sie Jacob nennen?«

Ich: »Ja. Wie sind Sie zu meinem Buch gekommen?«

Laurie: »Meine Cousine Beth hat es mir geschickt. Sie sind Arbeitskollegen.«

Ich: »Beth Chamberlain?«

Laurie: »Ja. Hat sie Ihnen denn nicht gesagt, dass sie mir das Buch geschickt hat?«

Ich: »Nein …«

Laurie: »Nun, das hat sie. Und es ist fantastisch! Ich würde es gerne einigen Verlagen vorstellen. Ich vertrete im Moment zweiunddreißig Autoren, wovon sieben internationale Bestseller veröffentlicht haben. Ich würde Sie gerne zu meiner Nummer acht machen. Falls Sie Interesse haben, würde ich sehr gerne nach Spokane fliegen, um Sie kennenzulernen.«

Ich: »Ähm … ja, klar.«

Drei Tage später lernte ich Laurie Lord kennen. Die Frau, mit der ich schon bald auf geschäftlicher Ebene unzertrennlich sein würde. Ich unterschrieb den Vertrag mit ihrer Agentur, und sie machte sich an die Arbeit und schickte mein Manuskript an mehrere bekannte Verlage. Sechs davon interessierten sich dafür, und es kam zu einer Auktion, die eine Viertelmillion Dollar im Voraus einbrachte, was – natürlich – eine lächerlich hohe Summe für das erste Buch eines unbekannten Schriftstellers ist.

Innerhalb eines Monats sicherte sich ein großes Filmstudio die Filmrechte. Es war eine aufregende Zeit. Und ein bedeutender Paradigmenwandel. Mein ganzes Leben schien mit einem Mal wie verzaubert.

Mein Buch schlug ein wie ein Blitz und war sowohl ein kommerzieller als auch ein literarischer Erfolg. Ich erhielt herausragende Kritiken in der New York Times und der Publisher’s Weekly, und selbst der bekanntermaßen strenge Kritiker von Kirkus Reviews nickte es ab.

Mein Verlag bot mir einen Vertrag über drei weitere Bücher an, und ich kündigte meinen Job und wurde zum Vollzeitautor. Meine Schriftstellerkarriere war genauso, wie sie sich eine Million Möchtegernautoren erträumten.

Ab und zu fragte ich mich, ob meine Mutter mein Buch inzwischen gelesen hatte.

Mein nächster Vertrag war mehr als vier Millionen Dollar schwer. Danach veränderte sich mein Leben von Grund auf. Candace hatte ein Jahr zuvor einen über fünf Kilogramm schweren Jungen geboren (du lieber Himmel!), und an Weihnachten erhielt ich die Gelegenheit, mich für alles zu bedanken, was Tyson und Candace für mich getan hatten. Ich beglich die Hypothek für ihr Haus und kaufte Tyson die Harley Davidson Fat Boy, von der er schon so lange geträumt hatte. Es war schön, ihnen zur Abwechslung auch mal etwas geben zu können. Candace überschüttete mich mit Küssen, während Tyson vergeblich versuchte, nicht zu weinen.

»Das ist zu viel, Mann«, meinte er.

Ich umarmte ihn. »Nein, ist es nicht. Ihr habt mir das Leben gerettet.«

Ich kaufte mir ein Haus in Coeur d’Alene, einem friedlichen Ferienort etwa eine halbe Stunde östlich von Spokane. Es lag direkt am See und war wunderschön, wenn auch – wie alle Häuser dieser Preisklasse – sehr abgelegen. Die Einsamkeit wurde immer spürbarer.

Vor ihrer Überdosis meinte Janis Joplin einmal: »Auf der Bühne mache ich Liebe mit fünfundzwanzigtausend Leuten und gehe anschließend allein nach Hause.« Ich fühlte mich immer öfter wie sie. Nicht, dass es an Angeboten mangelte. Ich erinnere mich noch an die erste Stadt, die ich besucht habe. Eine attraktive Assistentin wartete bereits auf mich. Sie begleitete mich ins Hotel, und als sie eincheckte, fragte die Rezeptionistin: »Wie viele Schlüssel brauchen Sie?«

»Nur einen«, meinte die Assistentin. »Er ist allein.« Dann wandte sie sich an mich. »Es sei denn, Sie wollen, dass ich über Nacht bleibe.«

Ich tat, als hätte ich sie nicht gehört. »Ein Schlüssel ist genug.«

Das war mein Leben. Eine Million Fans. Ein Schlüssel.

Und die ganze Zeit war irgendwo in meinem Herzen diese Frau, die mich in meinen Träumen besuchte. Eine Frau, so schwer zu fassen wie ein Engel. Ich habe einmal versucht, sie in eine meiner Geschichten zu verstricken, doch sie entwischte mir auch dort. Die Geschichte entzog sich mir. Es war, als hätte ich versucht, eine Geschichte zu erfinden, die es bereits gäbe.

Mein Leben war so vorhersehbar wie die U-Bahn in Tokio. Ich schrieb ein Buch im Jahr, reiste mit einem Erste-Klasse-Ticket durchs Land, traf Leserinnen und Leser, signierte Bücher und sprach mit Journalisten.

Doch dann bekam ich eines Tages, gut drei Wochen vor Weihnachten, einen Anruf, der alles verändern sollte.

KAPITEL2

Mittwoch, 7. Dezember

Auf der Fahrt in Richtung O’Hare Airport rief meine Agentin Laurie an. »Churcher, bist du noch in Chicago?

»Ich bin auf dem Weg zum Flughafen.«

»Oje. Ich weiß ja, wie gerne du fliegst. Wie lief dein Interview mit der USA Today?«

»Keine Ahnung.«

»Das klingt ominös.«

»War es auch.«

»Ich weiß absolut nicht, wovon du redest, also lassen wir das. Ich habe die Bestsellerliste der Times.«

»Und?«

»Gratulation. Du bist auf Nummer drei.«

»Wer ist auf eins und zwei?«

Laurie stöhnte. »Mann, du bist echt schwer zufriedenzustellen! Es ist Weihnachten, und du läufst mit den ganz großen Namen, Churcher. King, Sparks, Patterson, Roberts und Grisham haben alle neue Bücher auf dem Markt. Sei glücklich mit dem dritten Platz. Deine Verkaufszahlen steigen, und das ist gut. Du misst dich nur an dir selbst.«

»Sag das den anderen Autoren.«

»Okay, ich lege jetzt auf«, meinte sie und versuchte erst gar nicht, ihren Ärger zu überspielen. »Ich wünsche dir einen guten Flug. Und Gratulation – ob du sie annimmst oder nicht. Ruf an, wenn du bessere Laune hast … Moment, warte!«, rief sie plötzlich. »Eine Sache noch. Ich weiß, du magst die Fliegerei nicht, aber …«

»Nein, ich mag keinen Rosenkohl. Die Fliegerei hasse ich.«

»Leider wohnst du auf der falschen Seite des Kontinents. Wir müssen deine Reise nach New York fixieren. Dein Verleger will wissen, wann wir uns treffen.«

»Keine Ahnung. Ich melde mich, sobald die Beruhigungstabletten Wirkung zeigen. Bis dann.«

»Ciao. Bis später.«

Ich wollte mein Handy gerade weglegen, als es erneut klingelte. Es war eine mir unbekannte Nummer mit der Vorwahl 801, die ich aus meiner Kindheit kannte.