11. September -  - E-Book

11. September E-Book

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Beschreibung

Der Tag, der die Welt veränderte - zum 20. Jahrestag der Anschläge vom 11. September 2001

Die Anschläge des 11. September 2001 erschütterten die Supermacht USA bis ins Mark, die Wunden des Terrorakts sind bis heute, zwanzig Jahre später, nicht verheilt. Doch was genau geschah an diesem spätsommerlichen Septembermorgen zwischen 6 Uhr und 11 Uhr? Was erlebten Täter, Opfer, Helfer und Sicherheitskräfte in den vier entführten Flugzeugen und in den beiden Türmen des World Trade Center? Ein Team aus SPIEGEL-Reporter*innen hat unmittelbar nach den Anschlägen eine minutengenaue Rekonstruktion dieser dramatischen Stunden geschaffen, die erstmals im Januar 2002 als Buch erschien und bis heute nichts von ihrer Eindrücklichkeit eingebüßt hat. Auf Basis von Interviews mit Überlebenden, Telefonaufzeichnungen aus den Flugzeugen und den brennenden Türmen des World Trade Center, Gesprächen mit Beamten von FBI, CIA und BKA und Quellen wie dem Funkverkehr zwischen den Flugzeugen und den Fluglotsen schildern die Autoren minutiös den Ablauf des Attentats. Ein beeindruckend recherchiertes und packend erzähltes Dokument der Zeitgeschichte, das die Wucht der Ereignisse vor zwanzig Jahren noch einmal unmittelbar erlebbar werden lässt.

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Seitenzahl: 511

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Zu den Herausgebern

Stefan Aust, geboren 1946, war von 1994 bis 2008 Chefredakteur des SPIEGEL, seit 2014 ist er Herausgeber der Tageszeitung „Die Welt“. Aust schrieb zahlreiche Fernsehdokumentationen und Bücher, darunter „Der Baader-Meinhof-Komplex“, das Standardwerk zur Geschichte der RAF.

Cordt Schnibben, Jahrgang 1952, leitete von 2001–2013 das Ressort „Gesellschaft“ des SPIEGEL. Er wurde mit vielen Journalistenpreisen ausgezeichnet und ist Autor und Herausgeber zahlreicher Sachbücher.

Zum Buch

Die Anschläge des 11. September 2001 erschütterten die Supermacht USA bis ins Mark, die Wunden des Terrorakts sind bis heute, zwanzig Jahre später, nicht verheilt. Doch was genau geschah an diesem spätsommerlichen Septembermorgen zwischen 6 Uhr und 11 Uhr? Was erlebten Täter, Opfer, Helfer und Sicherheitskräfte in den vier entführten Flugzeugen und in den beiden Türmen des World Trade Center? Ein Team aus SPIEGEL-Reportern hat wenige Monate nach den Anschlägen eine beeindruckende Rekonstruktion dieser dramatischen Stunden geschaffen, die erstmals im Januar 2002 als Buch erschien und bis heute nichts von ihrer Eindrücklichkeit eingebüßt hat. Auf Basis von Interviews mit Überlebenden, Telefonaufzeichnungen aus den Flugzeugen und den brennenden Türmen des World Trade Center, Gesprächen mit Beamten von FBI, CIA und BKA und Quellen wie dem Funkverkehr zwischen den Flugzeugen und den Fluglotsen schildern die Autoren minutiös den Ablauf des Attentats. Ein beeindruckend recherchiertes und packend erzähltes Dokument der Zeitgeschichte, das die Wucht der Ereignisse vor zwanzig Jahren noch einmal unmittelbar erlebbar werden lässt.

Stefan Aust•Cordt Schnibben (Hg.)

11. September

Geschichte eines Terrorangriffs

Klaus Brinkbäumer, Uwe Buse,

Dominik Cziesche, Fiona Ehlers,

Ullrich Fichtner, Hauke Goos,

Lothar Gorris, Ralf Hoppe,

Thomas Hüetlin, Ansbert Kneip,

Dirk Kurbjuweit, Georg Mascolo,

Cordula Meyer, Alexander Osang,

Marc Pitzke, Alexander Smoltczyk,

Barbara Supp, Andreas Ulrich

Deutsche Verlags-Anstalt

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen. Sollte diese Publikation Links auf Webseiten Dritter enthalten, so übernehmen wir für deren Inhalte keine Haftung, da wir uns diese nicht zu eigen machen, sondern lediglich auf deren Stand zum Zeitpunkt der Erstveröffentlichung verweisen.

Um ein Nachwort ergänzte Neuausgabe der 5. Auflage von 2002

Copyright © 2002 by Deutsche Verlags-Anstalt, München

in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH,

Neumarkter Straße 28, 81673 München,

und SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG, Ericusspitze 1, 20457 Hamburg

Covergestaltung: Berndt & Fischer, Berlin

Coverabbildungen: Tannen Maury, dpa

Satz: Brigitte Müller

E-Book Konvertierung: GGP Media GmbH, Pößneck

ISBN 978-3-641-28961-4V001

www.dva.de

Inhalt

Vorwort

1 „Du pflanzt die Angst in die Herzen der Ungläubigen“

Flug American Airlines 11 und der Anschlag auf den Nordturm des World Trade Center

2 „Schauen Sie, Sie haben keine Falten mehr“

Flug United Airlines 175, der Anschlag auf den Südturm und der Überlebenskampf in beiden Türmen

3 „Sagt meiner Frau, dass ich sie liebe“

Die Schlacht der Feuerwehrleute in den Türmen des World Trade Center, der Angriff auf das Pentagon, und warum Präsident George W. Bush durch dieUSAirrte

4 „Leider sind die Harburger Studenten sehr langweilig“

Die Jagd auf die Täter, das Terroristennetz in Hamburg und die Verbindungen zu Osama Bin Ladens al-Qaida

5 „Er ist Vater geworden, da plant man doch kein Attentat“

Wie der 11. September die Überlebenden und die Familien der Täter verändert hat

Nachwort zur Neuausgabe von 2021

Anhang

Die Attentäter und ihre Helfer in Deutschland

Chronologie des Attentats

Fibel für Selbstmordattentäter

Kabuler Bombenblätter

Das Bin-Laden-Tape

Vorwort

Am 15. April 1912 sank die „Titanic“. Über 80 Jahre später beschäftigt der Schiffsuntergang die Menschheit immer noch so sehr, dass die Verfilmung dieser Katastrophe zum größten Filmerfolg aller Zeiten wurde.

Am 22. November 1963 wurde John F. Kennedy erschossen. Bis heute gehen immer wieder Filme, Bücher, Artikel der Frage nach, wer den US-Präsidenten tötete und warum.

Vom 15. bis zum 17. August 1969 versammelten sich Hunderttausende in der Nähe des kleinen Ortes Woodstock und feierten eine Massenorgie, die der Beginn einer friedlichen Weltkommune aller Menschen sein sollte. Wenige Jahre später war dieser Traum unter Drogen, Gewalt und Kommerz begraben; bei jedem Open-Air-Festival glimmt er wieder auf.

Am 2. Juni 1967 wurde der Student Benno Ohnesorg in Berlin erschossen. Sein Tod verwandelte die antiautoritäre Bewegung der Studenten in einen Aufstand gegen den westdeutschen Staat und später zum bewaffneten Kampf der RAF. Bis heute wird der Geist der 68er bewundert und verflucht.

An die großen Tage der Weltgeschichte, die wie Weichen des Schicksals sind, erinnern sich Menschen Jahre und Jahrzehnte später, erzählen sich immer wieder, wie sie diesen Tag erlebt haben, was sie gemacht haben, woran sie gedacht haben. Wer am 11. September von 15 Uhr an im Fernsehen verfolgt hat, wie United Airlines 175 im Südturm des World Trade Center verschwand und wie später die beiden Türme zusammenfielen, der wird diese Bilder nie mehr aus seinem Kopf bekommen. Der 11. September 2001 wird ein Tag sein, über den noch am Ende dieses Jahrhunderts gesprochen werden wird – wie allerdings, das dürfte sich erst in den kommenden Jahren entscheiden.

Es kann sein, dass der 11. September 2001 nicht mehr sein wird als der Tag einer großen Katastrophe, so wie der 15. April 1912. Das wäre schön.

Es kann sein, dass der 11. September als Tag in die Geschichte eingeht, an dem die Menschheit lernte, wie die Staaten und Kulturen der Welt die Quellen des Terrors beseitigen können. Das wäre noch schöner.

Es kann sein, dass der 11. September der Beginn war für einen langen, immer aggressiveren Kampf zwischen Armeen und Islamisten, zwischen Staaten und Terroristen, zwischen Nahem Osten und Westen, zwischen Christen und Muslimen. Das wäre fürchterlich.

Nichts bleibt, wie es ist, hieß es in den Tagen nach dem 11. September überall, und das ist schon jetzt als Floskel erledigt. Vieles ist so, wie es vor dem 11. September war. Und dennoch ist der Angriff auf das World Trade Center ein Angriff auf unser Denken. Vieles von dem, was wir vorher wussten, ist nicht mehr viel wert. Und wer nicht begreift, was er nicht weiß, wird zum nützlichen Idioten des Terrors.

Terroristen wollen Schrecken verbreiten und uns mit Gewalt zwingen, über Dinge nachzudenken, über die wir vorher nicht nachgedacht haben. Das haben die Attentäter des 11. September erreicht: Wir denken über Islam und Terror nach.

Obwohl wir 3,5 Millionen Muslime im Land haben, war uns das Denken und Treiben dieser Leute vorher nicht interessant genug, um uns über die 1,3 Milliarden Muslime in der Welt den Kopf zu zerbrechen. Dass die Muslime in den arabischen Staaten die Globalisierung als Amerikanisierung erleben, dass sie sich von dieser Arroganz erniedrigt, von der Wirtschaftsmacht an den Rand gedrängt und von der Welt ausgeschlossen fühlen, haben wir nicht verstanden; dass der Islam taugt zur Weltanschauung der Verdammten dieser Erde und die Islamisten die Enttäuschung über das Versagen der islamischen Eliten in Anklagen gegen den Westen umzuleiten verstehen, haben wir nicht bemerkt.

Seit der Islamismus 1979 in Iran die Macht ergriff, haben wir gedacht, das ginge uns nichts an, weil wir von Religion nichts verstehen. Seit sich viele Islamisten auf deutschem Boden gen Mekka beugen, finden wir uns tolerant und weltoffen.

Als 1993 Terroristen versuchten, mit 550 Kilogramm Sprengstoff den einen Turm des World Trade Center auf den anderen stürzen zu lassen, aber die Baukonstruktion falsch berechneten, taten wir das ab als die Wahnsinnstat eines blinden Scheichs. In den folgenden Jahren versuchten Islamisten siebenmal, Flugzeuge, Tunnel, Schiffe in die Luft zu jagen, immer mit dem Ziel, möglichst viele Menschen umzubringen. Dreimal hatten sie Erfolg, viermal wurden die geplanten Attentate vorher entdeckt.

Wen die Anschläge treffen sollen, hat Osama Bin Laden spätestens seit 1996 nicht mehr verhehlt: Amerikaner und ihre Verbündeten, Soldaten ebenso wie Zivilisten – weil sie Steuern zahlen und zur Wahl gehen. Erst Saudi-Arabien und seine Ölfelder von den US-Soldaten befreien, dann in Pakistan die Macht und die Atomwaffen erkämpfen, schließlich die Welt mit Guerilla-Aktionen in Angst und Schrecken versetzen – bis die Islamisten in vielen Ländern das öffentliche Leben dominieren.

Das Erschreckende ist: Wäre der Anschlag am 11. September, wie so mancher vorher, missglückt, würden wir Bin Laden und den Feldzug islamistischer Terroristen immer noch für eine Erfindung der CIA halten.

Das Attentat ist ein Angriff auf unser Denken, in den Trümmern des World Trade Center liegen neue Wahrheiten und Fragen: Eine Horde unauffälliger, intelligenter, todessüchtiger Islamisten zieht um die Welt. Wie kann man verhindern, dass sie uns in die Luft jagen, dass sie noch mehr werden, dass sie uns für Gesindel halten? Leiden die Länder, aus denen sie kommen, an zu viel oder an zu wenig Globalisierung? Wie schnell lernen wir, dass kein islamisches Land ist wie das andere? Ist das Attentat die Chance, die Welt politisch zu globalisieren? Oder wird die USA dadurch endgültig zur Weltpolizei? Und so weiter und so fort.

Der religiös motivierte Terror, der sich am 11. September gesteigert hat zum Massenmord an 3000 Menschen, fordert neue Antworten der Weltpolitik, weil er noch irrationaler und skrupelloser ist als der sozialrevolutionär motivierte Terror des 20. Jahrhunderts. Seine Taten sollen Allah überzeugen, nicht Bauern, Arbeiter, Studenten oder welche Unterdrückten und Verfemten auch immer; und Allah wird sich nicht bei den Tätern melden und sagen, dass ihr Treiben nicht in seinem Sinne sei.

Allah stellt keine Forderungen, Allah verhandelt nicht, und darum sind die Terroristen, die in seinem Namen töten, nicht Verhandlungspartner für irgendeine weltliche Macht. Sie wollen die Ungläubigen ausrotten, nicht überzeugen. Die Attentäter des 11. September, wollten sie nur so viel Schrecken wie möglich verbreiten, so viele Amerikaner wie möglich umbringen? Haben sie über den Tag ihrer Tat hinaus gedacht, wollten sie die USA zum Gegenschlag provozieren, begriffen sie ihr Attentat als Beginn eines Krieges, der irgendwann mit dem Endsieg aller Islamisten endet? Haben sie sich vorher den amerikanischen Präsidenten vorgestellt in den Minuten und Stunden nach ihrem Terrorfeuerwerk? Haben sie in den Jahren der Vorbereitung geschwärmt vom Jubel, der in den Moscheen zu hören sein würde? Haben sie am letzten Abend gescherzt über die Toten des nächsten Tages, tausend, zweitausend, dreitausend?

Dieses Buch versucht die Antworten auf die Frage nach den Motiven in den Lebensläufen der Täter zu finden, in den Einschätzungen von Eltern, Geschwistern, Freunden und Fahndern. Die Terroristen waren keine Wahnsinnigen, sie waren keine Schwachköpfe, keine Hungerleider, keine Verstoßenen. Sie waren keine Hinterwäldler, keine Höhlenbewohner, sie waren Kinder der Globalisierung wie wir, sie beherrschten mehrere Sprachen, sie kannten die Welt.

Sie unterschieden sich im Grad ihrer Religiosität, aber sie einte ihre Weltanschauung. Die westliche Welt sahen sie zerfressen von Geldgier, von Sex, von Egoismus. Die islamische Welt sahen sie als Oase des Glaubens und der Kultur, bedroht von Amerika, ausgehungert vom Westen, gedemütigt seit Jahrzehnten. Sie haben den Westen so missverstanden wie den Islam, in einem sahen sie nur die Zerstörung, im anderen nur den Zerfall.

Sich selbst hielten sie für Handlanger Gottes, und Osama Bin Laden war genau der Stellvertreter auf Erden, der sie fesseln konnte: gebildet, reich, weltläufig, charismatisch, fanatisch – keiner, der kämpfen muss, einer, der kämpfen will. Auch unter den 19 Attentätern waren solche Typen, „Heilige Krieger“, für die der Dschihad so etwas war wie für westliche Wohlstandskinder das S-Bahn-Surfen, die Crack-Karriere oder das Extrem-Piercing. Wie sehr die 19 Täter Bin Ladens nur Befehlsempfänger waren, wer den Plan zum Massenmord entwickelte, woher das Geld kam für die fast zweijährige Vorbereitung, bleibt unklar; und auch das im afghanischen Jalalabad gefundene Bin-Laden-Tape stellt mehr Fragen, als es Antworten gibt. Das Gespräch wirkt wie eine Inszenierung, nicht initiiert oder manipuliert von der CIA, sondern ins Licht gesetzt von Osama Bin Laden, der sich im Gespräch mit einem Dinner-Gast, dem saudi-arabischen Kampfgefährten Scheich Khaled al-Harbi, als Drahtzieher des Attentats präsentiert, offenbar aber weniger über die Aktion wusste als die Täter: Am 6. September habe er bereits erfahren, sagt Bin Laden, dass die Flugzeuge am 11. September in die Türme fliegen würden; die Täter haben aber schon am 26. August begonnen, ihre Tickets für diese Maschinen zu kaufen.

Das Schauspiel der Zerstörung, das die Terroristen am 11. September der Welt boten, war größer, als es sich der Bauingenieur Bin Laden erträumt hatte. Er hatte nur mit ein paar zusammenstürzenden Stockwerken gerechnet. Menschen zu schockieren ist das Ziel von Terroristen, möglichst groß soll der Schock sein, möglichst viele Menschen sollen geschockt werden, und darum sind die Attentate des 11. September der bisher perfekteste Terrorakt der Geschichte. Mit der einen einschlagenden Maschine die Medien zum World Trade Center zu locken und ihnen dann 20 Minuten später mit dem Einschlag des zweiten Flugzeugs die Schreckensbilder zu liefern, die kein Mensch mehr aus dem Gedächtnis löschen kann, wirkt wie erdacht von den Hollywood-Dramaturgen, die Präsident George W. Bush nach dem 11. September zu Beratern machte, um neue Anschläge von Islamisten im Voraus erahnen zu können.

Die Täter wollten sich und Tausende Menschen in den Tod jagen, sie haben sich selbst und mehr als 200 Passagiere zu Insassen von Cruise Missiles gemacht. Dieser perfide Plan ist geglückt – und ihn in seiner Vorbereitung und in seinen Details zu beschreiben mag verstehen helfen, welche Sorte Menschenfeind uns bedroht.

Die Geschichten der Menschen, die den Tätern und den Türmen des World Trade Center entkamen, sind voller Trost. Sie erzählen davon, wie Lebenswille und Zufall über Terroristenpläne triumphieren. Die Geschichten der Feuerwehrmänner sind voller Hoffnung: Sie erzählen davon, wie die Bodentruppen der Menschlichkeit an einem Tag, der manchem zunächst schien wie der Anfang vom Ende, wieder ein paar Meter gutmachen konnten.

Die Lebenslinien von Terroristen und Managern, von Sekretärinnen, Stewardessen, Fensterputzern, Brokern, Köchen, Polizisten und von Computerexperten, von Menschen aus über 62 Ländern kreuzten sich an diesem Tag im World Trade Center. 3000 von ihnen starben, aber mehr als dreimal so viel überlebten.

Das Schicksalsgeflecht des 11. September zu entwirren war eine spannende, mühselige Arbeit. Gespräche mit Familienangehörigen und Freunden der Täter, mit vielen Überlebenden aus den Türmen des World Trade Center, mit Feuerwehrleuten aus New York und Sicherheitskräften der Flughäfen in Boston, Newark und Washington, mit Polizeifahndern aus mehreren Ländern waren ebenso wichtig wie die Auswertung vieler Dokumente: Abschriften des Funkverkehrs zwischen den Cockpits der Flugzeuge und den Fluglotsen, der Handy-Anrufe aus den Flugzeugen, der Notrufe bei Polizei und Feuerwehr, der Telefonate aus dem World Trade Center. Neue Geheimdienstinformationen über das weltweite al-Qaida-Netzwerk leuchten den Hintergrund der Täter aus.

Die minutiöse Rekonstruktion des 11. September ist eine Gemeinschaftsleistung von 48 Reportern, Redakteuren, Rechercheuren, Bildredakteuren, Dokumentaren, Grafikern und Schlussredakteuren. Die Autoren danken Udo Ludwig, Erik Schelzig, Holger Stark, Georg Bönisch, Erich Follath, Heike Kalb, Bettina Stiekel und den New Yorker Kolleginnen Sabine Schenk, Kerstin Linke-Muller und Angelika Wrubel für ihre Recherchen und Beiträge. Ohne die Dokumentare Klaus Falkenberg, André Geicke, Stephanie Hoffmann, Angela Köllisch, Wilhelm Tappe, Peter Wahle und die Schlussredakteure Lutz Diedrichs-Schneider, Hermann Harms, Anke Jensen und Manfred Petersen wäre das Buch voller Fehler. Den Bildredakteuren und Grafikern Claudia Jeczawitz, Christiane Gehner, Matthias Krug, Michael Rabanus, Martin Brinker, Michael Walter, Ludger Bollen, Cornelia Pfauter, Jens Kuppi und Claudia Conrad danken wir ebenso wie den Sekretärinnen Helma Dabla und Runhild Höfeler.

Ohne die Unterstützung der SPIEGEL-Chefredakteure Stefan Aust, Martin Doerry und Joachim Preuß hätte es dieses Buch nicht gegeben; ohne die immer noch junge Vision Rudolf Augsteins, investigative, analytische und erzählerische Talente in einer Redaktion zusammenzuführen, wären wir verstreut statt vereint.

Unser letzter und herzlichster Dank gilt den Überlebenden und Feuerwehrleuten, die in langen Gesprächen jene Stunden nochmals durchlitten haben, die sie und die Welt nicht vergessen werden.

Cordt Schnibben,Hamburg im Frühjahr 2002

1

„Du pflanzt die Angst in die Herzen der Ungläubigen“

Flug American Airlines 11

und der Anschlag auf den Nordturm

des World Trade Center

Jersey City, New Jersey, 11. September, 4.40 Uhr

Jan Demczur braucht keinen Wecker. Er muss raus, denn er hat einen Plan. Der Tag, der Monat, das Jahr, sein Leben sind aufgeteilt in Flächen, in Glasflächen. Demczur arbeitet sich seit zehn Jahren als Fensterputzer durch das World Trade Center. Er macht es sauber, immer wieder von vorn, auch am Wochenende, unaufhörlich. Das sieht sein Plan vor. Demczur hat einen weiten Weg hinter sich, und er ist noch nicht am Ziel. Irgendwann will er ein richtiger Amerikaner sein. Deshalb muss er früh raus.

Jan Demczur ist 48 Jahre alt, er hat einen polnischen Akzent, ein polnisches Gesicht und ein amerikanisches Haus, das ihm zur Hälfte gehört. Er hat zwei Töchter und eine Frau, die noch schlafen. Natürlich schlafen sie noch. Es ist Dienstag, er wird im 48. Stock anfangen. Wie immer am Dienstag. Er hat Monatspläne, Wochenpläne und Tagespläne, die er sich selbst ausarbeitet. Sie geben ihm die Glasfläche, er entwickelt den Plan. Er macht das jetzt schon zehn Jahre lang, er verschwendet keine Zeit mehr.

Demczur geht leise ins Badezimmer, er rasiert sich. Dann zieht er sich an. Er trägt eine Krawatte, wenn er zur Arbeit geht. Er findet, dass sich das gehört, er arbeitet im berühmtesten Haus der Welt, zusammen mit Geschäftsleuten. Der US Highway 78 dort draußen summt bereits, aber jetzt, kurz vor fünf, hört man Pausen zwischen den einzelnen Autos, die auf den Holland-Tunnel zurollen und aus ihm hinaus. Noch 20 Minuten, dann verschwinden die Pausen in einem Geräuschbrei. Demczurs kleines Haus steht nur drei Straßen von der Autobahn entfernt. Es ist laut, aber es gibt einen Baum vor dem Fenster.

Um 5.20 Uhr zieht Demczur die Wohnungstür hinter sich zu. Niemand hat irgendetwas von ihm gehört. Alle schlafen.

Portland, circa 5 Uhr

Das Geräusch kleiner Flugzeuge begleitet Mohammed Attas letztes Erwachen in einem Hotel, 160 Kilometer nordöstlich von Boston, 450 Kilometer nördlich von New York. Seit fünf Uhr surren Cessnas und Pipers um die zwei Rollfelder des Flugplatzes von Portland.

Attas Nichtraucherzimmer im „Comfort Inn“-Motel ist eingerichtet mit pseudo-andalusischem Stilmobiliar, dunklen Kommoden und üppigen Nachttischen, die Bettpfosten wie gedrechselt, Sessel und Decken sommerlich bunt.

Zur Tür hin geht es rechts zu Toilette und Badewanne, links ist ein Waschtisch eingelassen, über der Nische flimmert giftiges Neonlicht. Verlasse die Wohnung nicht, bevor du gewaschen und sauber bist, denn die Engel werden dir vergeben, wenn du sauber bist. Das sagt die Attentäterfibel, die man später in einer Reisetasche Attas finden wird.

Hält sich Atta an die Gebote der Fibel, dann rasiert er sich an diesem Morgen, schöpft sich Wasser ins Gesicht, säubert sich zum letzten Mal. Wickelt er auch die Motelseife aus dem blassbraunen Wachspapier? Benutzt er die flachen Stücke, 28,3 Gramm schwer, das eine gedacht fürs Gesicht, das andere beschriftet mit „Deodorant“? Riecht Mohammed Atta am Tag seines Selbstmords fruchtig nach dem „Botanical Shampoo“ der Comfort-Inn-Kette?

Um 5.33 Uhr gibt er an der Rezeption die hellblaue Schlüsselkarte seines Zimmers ab. An seiner Seite ist Abd al-Asis al-Umari, mit dem er das Doppelzimmer geteilt hat. Sie frühstücken nicht, sie verlassen das Motel zügig. Draußen wartet ein blauer Nissan Altima, Kennzeichen: Massachusetts 3335VI, gemietet bei Alamo Rental Cars in Boston. Kurz darauf fährt der viertürige Nissan in das Parkhaus am Flughafen.

Um 5.43 Uhr checken Atta und Umari im Souterrain des gestreckten Stahl-Glas-Baus ein, Flug US 5930, von Colgan Air ausgeführt für US Airways, nach Boston.

Um 5.45 Uhr passieren sie eine Etage höher die Sicherheitsschleuse. Das Röntgenbild ihrer Taschen wirkt auf niemanden beunruhigend.

Jersey City, New Jersey, 5.30 Uhr

Fensterputzer Jan Demczur läuft zehn Minuten lang durch sein kleines Viertel bis zum Pendelzug, der ihn von New Jersey nach Manhattan bringt. Die Einfahrt vor seiner Garage schimmert noch feucht, in der Nacht ist ein Unwetter heruntergegangen. Der Tag wird es vergessen machen, nirgendwo wechselt das Wetter so schnell wie in New York. Schon gar nicht in Polen. Es soll schön werden heute, sagt der Wetterbericht. Jan Demczur atmet die Morgenluft ein. Er ist seit ein paar Jahren nicht mehr abhängig vom Wetter, denn er arbeitet nur noch drinnen. Das ist ein Privileg, er ist der Dienstälteste von 35 Fensterputzern, die seine Firma „American Building Maintenance“ im World Trade Center beschäftigt.

Es ist eine Arbeit mit hoher Fluktuation, die meisten Fensterputzer sind erst seit kurzem in Amerika. Es gibt Jugoslawen, Albaner, Türken, Iren – aber nur einen Polen. Zwei seiner Kollegen bedienen die Fensterputzmaschinen, die oben auf den Türmen stehen. Demczur hat das vor Jahren auch gemacht. Man hat einen guten Blick von dort, aber es ist langweilig. Nur die obersten zwei Stockwerke und die untersten neun müssen mit der Hand gereinigt werden. Dorthin reichen die Maschinen nicht. Aber Jan Demczur muss nicht mehr raus. Seit drei Jahren ist er nur noch im Nordturm unterwegs. Er hat sich spezialisiert.

Im Pendelzug nach New York gibt es um diese Uhrzeit noch freie Sitzplätze. Um 5.50 Uhr verlässt Jan Demczur den Zug im fünften Untergeschoss des World Trade Center. Auf Rolltreppen fährt er nach oben. Er ist fast allein hier, die Geschäfte im unterirdischen Einkaufszentrum sind noch geschlossen. Um 5.54 Uhr zieht er seine Karte durch die Stechuhr im ersten Untergeschoss des Nordturms. Demczur fährt mit dem Fahrstuhl in den dritten Stock, wo sich die Fensterputzer umziehen. Er hat einen Spind mit seinen Arbeitssachen und seinem „Werkzeug“: Eimer, Lappen, Spülmittel, Gummischrubber. Es sind ein paar Kollegen da, nicht alle. Sie haben unterschiedliche Anfangszeiten, und nicht selten verschläft jemand. Jan Demczur trifft Rako Cami, einen Albaner, der die Maschine auf dem Dach des Südturms bedient, und Fabian Zoto, der jeden Morgen im Restaurant „Windows on the World“ Fenster putzt, bevor die ersten Gäste kommen. Der Stammfahrer für die Maschine auf dem Nordturm hat Urlaub, seine Vertretung scheint wieder mal verschlafen zu haben.

Es ist nicht einfach, zuverlässige Leute zu finden. Sie reden ein bisschen, nicht viel, es ist früh. Jan Demczur legt die Krawatte ab, niemand hat sie gesehen, aber darauf kommt es nicht an. Er hängt sie in den Schrank. Er kämmt sich noch mal, er trägt einen Seitenscheitel, er trug ihn schon als kleiner Junge.

Portland, 6 Uhr

Nach einer 14-minütigen Wartezeit am Gate 11 besteigen Mohammed Atta und Abd al-Asis al-Umari die mit Propellern getriebene 19-sitzige Beech 1900, Flugziel Boston, Massachusetts.

Um 6.04 Uhr, leicht verspätet, hebt die Maschine ab, hinein ins Zwielicht über der Casco Bay vor Portlands Küste. Atta und Umari sitzen, von arglosen Pendlern umgeben, nebeneinander. Um 6.17 Uhr beginnen die Strände zu glitzern. Es wird ein glasklarer Tag, wolkenlos, warm und still. Der Himmel lächelt, mein junger Sohn, sagt die Attentäterfibel. Öffne dein Herz, heiße den Tod willkommen.

Tags zuvor, am späten Nachmittag erst, sind die beiden heraufgekommen nach Maine, haben den Mietwagen am Bostoner Flughafen bestiegen, haben am Airport den großen Kreisverkehr zur Bundesstraße 1A genommen, ließen Autoverkaufshallen, Möbelhäuser, Waschanlagen links und rechts liegen, Dunkin’ Donuts, Wendy’s, viele Cash&Carry-Märkte: Amerika zog an ihnen vorbei wie ein einziger Supermarkt.

Zwei Stunden dauerte die Tour auf den sechs bis acht Spuren der Interstate 95 durch Massachusetts, New Hampshire, hinein ins südliche Maine. Der Nissan schwamm im Strom des ruhigen Verkehrs, ein gemächliches Fahren, sie überquerten die Piscataqua-Brücke auf ungefähr halber Strecke und erreichten Süd-Portland kurz nach fünf Uhr. Im Comfort Inn, Maine Mall Road 90, meldeten sich Atta und Umari um 17.43 Uhr an. Weil sie am nächsten Morgen sehr früh abreisen würden, zahlten sie im Voraus 149 Dollar Zimmermiete, dann begann ihr letzter Abend.

Sie verbrachten ihn wie Leute, die ein langes Leben vor sich und viel Zeit totzuschlagen haben. Im Auto fuhren sie auf den Hauptstraßen herum, rechts und links bläulich schimmernde Supermärkte, Hamburger-Drive-Thrus und Autohäuser. Zwischen 20 und 21 Uhr wurden sie bei Pizza-Hut an der Maine Mall Road 415 gesehen. Fast Food war ihr letztes Abendmahl.

Um 20.31 Uhr machte die Kamera im Fast-Green-Geldautomaten auf dem Parkplatz von „Uno’s Chicago Bar & Grill“ Bilder von den beiden: Umari ist im Vordergrund zu sehen, er zieht Grimassen, schneidet ein Gesicht gespielter Ratlosigkeit, dann lacht er breit und gut amüsiert.

Atta steht hinter ihm, ein kleiner Mann mit flächigem, immer gelangweiltem Gesicht, auf den Videobildern grau verwaschen. Beide werden gefilmt durch einen Spiegelstreifen über dem Bedienfeld des Automaten. Sie sehen aus wie zwei Kumpel, die an einem Samstagabend das Geld für ihre Sauftour ziehen: Jedermänner, Durchschnittstypen, höchstens kleine Ganoven.

Im Wal-Mart von Scarborough, südlich von Portland, Payne Road 451, machte Atta seinen letzten Einkauf zwischen 21.22 und 21.39 Uhr. Kameras zeigen ihn beim Hinein- und Hinausgehen an den Glastüren des Supermarkts, er trägt ein schwarz-weißes Poloshirt, beim Verlassen hat er eine Plastiktüte in der Hand.

Danach erfasst sie in dieser Nacht keine Sicherheitskamera mehr, kein Augenzeuge sieht sie. Sie kehren ins Comfort Inn zurück, irgendwann. Ein abnehmender Mond geht auf in sternklarer Nacht um 22.36 Uhr.

Am Abend bevor du deine Tat verübst: Rasiere das gesamte überschüssige Haar von deinem Körper, parfümiere deinen Körper. Rezitiere die Verse über Vergebung. Entsinne dich, dass du in dieser Nacht zuhören und gehorsam sein sollst, denn du wirst mit einer ernsten Situation konfrontiert werden. Stehe in der Nacht auf und bete für den Sieg, dann wird Gott alles leicht machen und dich beschützen. Um fünf Uhr ist die Nacht vorbei. Der 11. September ist da.

50 Minuten braucht das Propellerflugzeug bis Boston, der Flug verläuft reibungslos, es gibt in Plastik eingeschweißte Sandwiches, Kaffee und Limonaden. Touristen könnten Atta und Umari sein, Handelsvertreter, Sportfunktionäre. Ihre Tarnung ist gut. Sie spielen, seit Jahren schon, mit den Masken der Angepassten, der säkularen Muslime. Atta trägt ein leuchtend blaues Hemd mit halben Ärmeln, Umaris Hemd ist beige, ihre Schultertaschen sind mittelgroß, ihre Haare normal kurz, keine Bärte, kein Schmuck.

Sobald du das Flugzeug betrittst und dich auf deinen Sitz setzt, entsinne dich dessen, was dir zu einem früheren Zeitpunkt gesagt wurde. Gott sagt, dass du, wenn du durch einige Ungläubige umgeben bist, still sitzen und dich entsinnen sollst, dass Gott dir den Sieg auf Erden ermöglichen wird.

Atta und Umari haben eine Verabredung mit Gott. Seit Jahren schon. Die Ausbildung war hart und fordernd. Nun ist es so weit. Es ist Dienstag, der 11. September. Zu spät, um sie noch aufzuhalten. In ein paar Minuten werden sie einsteigen in die Todesmaschine.

Wie konnten die Angreifer so lange unentdeckt leben im verhassten Land der Gottlosen, ausreisen, einreisen, bleiben? Wer gab ihnen Wohnungen? Wer machte sie zu Piloten? Was suchten sie in schmuddeligen Motels am Ende des Las-Vegas-Strips? Warum stritten sie kurz vor dem großen Tag der Tat in schmierigen Bars um Rechnungen kleiner als 50 Dollar? Was wären die Attentäter ohne die Passfälscher von Church Falls, Virginia? Und hätte Josh Strambaugh, Sheriff von Broward County, den ganzen Spuk verhindern können, damals, am 26. April 2001, als er Mohammed Atta ohne Führerschein in einem roten Pontiac anhielt?

Newark, 3. Juni 2000

15 Monate bevor Mohammed Atta die Boeing in den Nordturm des World Trade Center jagen wird, betritt er an einem warmen, sonnigen Samstag das erste Mal die Vereinigten Staaten; auf dem Flughafen von Newark, im US-Bundesstaat New Jersey. Mohammed Atta, 33, ist Ägypter, Sohn eines Rechtsanwalts aus Kairo, der ihn zum Judenhass erzogen hat. Das FBI geht davon aus, dass er vor seiner Ankunft in den Vereinigten Staaten einen Tag in Prag verbracht hat.

Marwan al-Shehhi, der mutmaßliche Pilot der Maschine, die in den Südturm stürzen wird, ist am 29. Mai 2000 mit einer Sabena-Maschine aus den Vereinigten Arabischen Emiraten über Belgien in die USA eingereist. Wie Atta landet er in Newark. Wie Atta besitzt er ein HM1-Studentenvisum, das ihm den Besuch einer Flugschule erlaubt. Shehhi, 23, geboren in den Vereinigten Arabischen Emiraten als Sohn eines islamischen Predigers, kam als 18-Jähriger mit einem Militärstipendium nach Deutschland, lernte in Bonn am Goethe-Institut Deutsch, besuchte ein Studienkolleg, zog später nach Hamburg.

Am 27. Juni kommt auch Ziad Jarrah, der mutmaßliche Pilot des Flugzeugs, das in Pennsylvania abstürzen wird, in Atlanta an. Jarrah, 27, ist Libanese aus gutem Haus, ein Sonnyboy, der gern trinkt und nicht besonders fleißig studiert.

Jarrah besitzt auch ein Studentenvisum, und die Menschen, die ihm im kommenden Jahr begegnen, finden, dass er federnd durchs Leben geht. Wie einer, dem eine Last von den Schultern genommen wurde, wie einer, der sich nicht mehr fragen muss, was der Sinn des Lebens ist.

Die drei kennen sich aus Hamburg. Dort haben sie Deutsch gelernt, Elektrotechnik, Stadtplanung und Flugzeugbau studiert, dort sind sie zu fanatischen Muslimen geworden, dort ist in ihnen der Plan gereift, mitzuwirken an etwas, was die Welt noch nicht gesehen hat. Wenn die Arbeit getan und alles gut verlaufen ist, werden sich alle die Hände reiben und sagen, dass dies eine Aktion im Namen Gottes war.

Vor ihrer Einreise in die USA haben die drei ihre Pässe in Deutschland als verloren gemeldet. Verdächtige Auslandsaufenthalte in „Schurkenstaaten“ sind nun aus ihren Pässen und aus ihrem Lebenslauf getilgt – das ist gut, denn die drei sind nicht in die USA gekommen, um den amerikanischen Traum zu träumen.

Mohammed Atta war sprachlich und organisatorisch begabt, er war rational und selbstbewusst, er hasste die westliche Kultur und war psychisch wie physisch belastbar.

Und eben das, diese perfekte Emotionskontrolle, gepaart mit Attas Intelligenz, hat ihn für die Hintermänner der Attentate attraktiv gemacht. Er konnte gehorchen und gleichzeitig führen. Er war genau der Mann, der nötig war für das Unternehmen 11. September.

Atta wurde in Kafr al-Scheich im Nildelta geboren, aber schon früh zog die Familie nach Kairo; sein Vater, Mohammed Atta senior, ein Rechtsanwalt, eröffnete in der Hauptstadt eine Kanzlei. Der Junior war ein exzellenter Schüler mit ziemlich wenigen Freunden; er fehlte nie, er lebte streng, er war ein Perfektionist und ein Streber.

Dann studierte Atta an der Cairo University, machte seinen Bachelor of Architectural Engineering – nach deutschem Verständnis eine Art Vordiplom –, und 1992 ging er nach Hamburg. Sein großes Thema waren Städte: Er wollte die ägyptische Kultur schützen und glaubte, dass Hochhäuser amerikanischer Art seine Heimat zerstören; er hasste alles Westliche, was nach seinem Verständnis seiner Heimat übergestülpt wurde.

Ziad Jarrah war wankelmütig, ein Mensch, der überall nach Anerkennung suchte. Er wuchs in Beirut auf, war ein lausiger Schüler und ein leidenschaftlicher Party-Gänger. Er mochte schnelle Autos, und noch mehr mochte er die Mädchen, die in den schnellen Autos neben ihm saßen. Pilot wollte er werden, aber sein Vater schickte ihn nach Deutschland, wo er erst einmal etwas Seriöses studieren sollte.

Er muss ein zerrissener Mensch gewesen sein. Der Terrorist Jarrah lebte das westliche Leben, und er genoss es. Er lebte dieses Leben weiter bis zum Schluss, viel zu intensiv, als dass es Tarnung gewesen sein könnte. Und der Terrorist war ein netter Junge. Als der Ehemann seiner Hamburger Vermieterin im Sterben lag, hielt Ziad Jarrah ihm die Hand.

Während der kommenden Monate wird er seine türkische Freundin Aysel, die in Bochum lebt, fast täglich anrufen. Er will ein Kind. Er bittet Aysel, seine Familie im Libanon zu besuchen, damit der Vater das Okay zu Hochzeit geben kann. Und in Florida kauft er sich einen roten Sportwagen.

Es passt zu Jarrah, dass ausgerechnet seine Maschine ihr Ziel nicht erreichen wird.

Marwan al-Shehhi, der Dritte der Hamburger Terrorzelle, war der Adjutant, der perfekte Schattenmann. Er war sehr religiös und sehr verschlossen, sehr ordentlich und sehr intelligent. Erst in den letzten Jahren wurde er offener, gesprächiger, munterer; nun wurde Shehhi der Hofnarr des kleinen Königs Atta.

Shehhi kommt aus Ras al-Cheima, dem nördlichsten der arabischen Emirate, er muss eine Art verstoßener Sohn gewesen sein, zerrissen, heimatlos.

Einmal, so erinnert sich Shehhis einstiger Kumpel Khaled Bin Z., habe Shehhi einen heftigen Krach mit seinem älteren Halbbruder gehabt: Es ging dabei um gewichtige Dinge im Leben des Jüngeren, um ein Vorhaben, das seinem älteren Bruder nicht passte – was genau, das weiß Bin Z. nicht, aber der ältere Bruder habe versucht, den kleinen Marwan zu kontrollieren. Und der habe seine Familie nur noch selten angerufen und irgendwann gesagt, er werde nicht in die Emirate zurückkehren.

Nachdem Atta, Jarrah und Shehhi in die USA eingereist sind, nehmen sie Kontakt zu Hani Hanjour auf, dem mutmaßlichen Piloten der Maschine, die ins Pentagon einschlagen wird. Der 27-Jährige stammt aus Saudi-Arabien und war bereits 1991 das erste Mal in den USA.

15 Monate vor dem Angriff auf die USA sind die wichtigsten Mitglieder der vier Terrorteams in den Vereinigten Staaten angekommen, die vier Piloten und Anführer. Atta, Jarrah und Shehhi bleiben an der Ostküste, in Miami. Hanjour verbringt das kommende Jahr vor allem im Westen des Landes, in Kalifornien und Arizona. Die Aufgabe, die sie in den kommenden Monaten lösen müssen, lautet: Lernt, ein Flugzeug zu fliegen.

Venice, Florida, August bis Dezember 2000

Mohammed Atta und Marwan al-Shehhi parken ihren Wagen auf dem Rasen der Flugschule Huffman International. Vor ihnen liegt das flache, einstöckige Gebäude, in der Mitte die Rezeption, links die Büros der Fluglehrer, rechts führt ein schmaler Gang ins „Cockpit Café“. Es riecht hier immer noch nach Kaffee und Hamburgern. Durch die Fenster des Cafés können die Besucher den Übungsmaschinen beim Starten und Landen zuschauen. Niemanden wundert es an diesem August-Tag, dass sich zwei Männer mit arabisch klingenden Namen zum Flugunterricht anmelden. Das kommt hier häufig vor.

Es gibt Hunderte solcher Flugschulen in Florida, und an fast jeder finden sich Männer und Frauen aus Europa, aus Afrika, Asien, aus Süd- und Mittelamerika, die sich hier zu Piloten ausbilden lassen. Sie genießen die Sonne Floridas, die Strände und das stabile Wetter, das die Ausbildung beschleunigt, und sie müssen nur 18 Jahre alt sein und ein Visum besitzen. Und etwas Geld.

Die Ausbildung zum Piloten einer Verkehrsmaschine kostet rund 20000 Mark, dauert ungefähr vier Monate und sichert vielen Flugschülern in ihren Heimatländern einen guten Arbeitsplatz. Nach bestandener Prüfung haben die Flugschüler rund 250 Stunden am Steuerknüppel eines Flugzeugs verbracht, sie sind in der Lage, einen Airbus zu fliegen oder eine Boeing. Rudi Dekkers, Fluglehrer und Besitzer der Huffman Flugschule, ist stolz darauf, dass die Vereinigten Staaten von Amerika die Piloten der Welt ausbilden.

Atta und Shehhi beginnen ihre Ausbildung auf einer Cessna 152, einer einmotorigen Propellermaschine, die in Amerikas Flugschulen so allgegenwärtig ist wie in deutschen Fahrschulen der Golf. Die Cessna 152 ist ein gutmütiges Flugzeug. Sie verzeiht die meisten Fehler, und es braucht eine große Portion Unfähigkeit, um mit ihr in Schwierigkeiten zu geraten.

Sie bietet zwei Sitze, deren Metallrahmen durch die dünnen Polster drücken. In ihrer Nase hängt ein Vierzylindermotor, der die Cessna mit einer Höchstgeschwindigkeit von 200 Stundenkilometern durch die Luft zerrt. Lässt man den Motor an, schüttelt es das ganze Flugzeug. Die dünnen Bleche der Außenverkleidung vibrieren, innen drin scheppert etwas. Als Atta zum ersten Mal ins Cockpit blickt, sieht er vier Pedale, zwei Lenkknüppel und ein Sammelsurium von Instrumenten. Am Bug der Maschine hängt ein Propeller, der das Flugzeug beim Gasgeben zur Seite zieht. Auf den ersten Blick hat dieses Ding mit einer Boeing so viel zu tun wie ein Mofa mit einem Reisebus.

Atta lernt. Er lernt, den Hauptschalter umzulegen, den Anlasser zu betätigen, zu beschleunigen, nach 250 Metern am Steuer zu ziehen und mit der Maschine in die Luft zu steigen. Er lernt Linkskurven, Rechtskurven, hinabzugleiten und wieder zu landen. Atta schlägt sich durch das Symboldickicht der Flugkarten, übt das Navigieren, er lernt, wie sich ein Pilot mit Fluglotsen im Tower korrekt unterhält, wie er sich anmeldet und abmeldet, er lernt, einen Wetterbericht zu interpretieren, und er stellt sich bei all dem nicht blöd an.

Er sieht die Brücke aus Beton, die das neue Venice mit dem Stadtkern verbindet, er sieht die drei Strände der Kleinstadt, und vor allem sieht er das türkisfarbene Wasser des Golfs von Mexiko.

Venice ist ein guter Ort, um zu leben. Es ist ein guter Ort, um das Fliegen zu erlernen – und auch Terroranschläge lassen sich hier in aller Ruhe planen. Die Verbrechensrate ist niedrig, die Polizisten sind freundlich und an den Stränden suchen Eltern mit ihren Kindern gern nach fossilen Haifischzähnen. Die geben sie einmal im Jahr bei der Stadtverwaltung ab, und die organisiert dann ein Fest. Venice nennt sich in einer Selbstbeschreibung stolz die Haizahn-Hauptstadt der Welt.

Im Laufe der Ausbildung steigt Atta von der Cessna 152 um auf eine Piper Warrior und schließlich auf eine zweimotorige Maschine. Wie alle anderen Flugschüler bringt Atta sich die Theorie des Fliegens, verpackt in drei dicke Bücher, selbst bei.

Rudi Dekkers mag Atta nicht besonders. Atta läuft oft schlecht gelaunt zwischen den Flugzeugen herum und macht allen klar, dass er nicht hier ist, um Freundschaften zu schließen. Nach einer Weile geht Dekkers Attas mürrisches Gesicht auf die Nerven. Er nimmt Atta beiseite, rät ihm, seine Einstellung zu seinen Mitmenschen gehörig zu überdenken.

Im Oktober wechseln Atta und Shehhi für drei Wochen zur „Jones Aviation Flying Service“ in Sarasota, Florida. Wieder fallen sie unangenehm auf; Fluglehrer Tom Hammersley: „Atta wusste alles besser.“ Sie kehren zurück zu Huffman. Auch Anne Greaves findet Atta unsympathisch. Sie ist eine Flugschülerin und fliegt häufig mit ihm, und wenn sie mit ihm im Cockpit sitzt, möchte sie manchmal mit ihrer Hand vor Attas Gesicht wedeln, um ihn aus der beängstigenden Starre zu holen, in die er beim Fliegen verfällt. Atta erinnert sie an einen Roboter. Shehhi ist das genaue Gegenteil von Atta. Greaves vergleicht Shehhi mit einem tapsigen Bären, der immer lacht und Atta folgt wie dessen Leibwächter.

Zu Beginn ihrer Ausbildung wohnen Atta und Shehhi im Haus des Ehepaars Voss. Das Haus liegt am Rand der Stadt, und ihm ist anzusehen, dass Charles Voss und seine Frau Drucilla, genannt Dru, vom Leben vor allem eins erwarten: Frieden.

Vor ihrem Haus steht ein schneeweißer Brunnen aus Gips, am Fuß des Brunnens tanzen ein paar feiste Engelchen. Charles und Dru Voss sind stolz auf ihren Brunnen. Nachts beleuchten ihn Scheinwerfer. Hinter dem Brunnen liegt schneeweißer Kies, er zieht sich um die Front des Hauses wie eine Verteidigungslinie. Die Tür wird von weiteren Gipsfiguren geschützt. Auch sie sind weiß und werden beleuchtet.

Mohammed Atta und Marwan al-Shehhi bleiben nur kurz hier. Charles Voss ärgert sich über das überschwemmte Badezimmer und darüber, dass seine Untermieter mit tropfnassen Haaren durchs Haus laufen. Nach einer Woche sagt er ihnen, dass es Zeit für sie sei, sich ein neues Zimmer zu suchen. Vier Monate nach Beginn ihrer Ausbildung erhalten Mohammed Atta und Marwan al-Shehhi ihre Pilotenlizenzen.

Ebenfalls in Venice und zur selben Zeit hat Ziad Jarrah das Fliegen gelernt. Er beginnt seinen Unterricht im „Florida Flight Training Center“, einer Flugschule, genau so klein und unscheinbar wie die von Rudi Dekkers. Auch er lernt in einer Cessna 152.

Arne Kruithof, der Eigentümer des „Florida Flight Training Centers“, mag Jarrah. Kruithof hätte sich ohne Zögern von Jarrah fliegen lassen. Jarrah ist immer pünktlich, meist gut gelaunt, er hilft anderen, wenn sie Probleme haben; sind sie deprimiert, muntert er sie auf.

Seine Mitschüler fotografieren ihn. Jarrah, wie er lacht. Jarrah, wie er feiert und alle anderen ansteckt mit seiner Fröhlichkeit. Auf einem Gruppenbild steht er fast genau in der Mitte, als wäre er der Mann, um den sich alles dreht. Abends sitzen Flugschüler und Fluglehrer oft zusammen im „44th Aero Squadron“, einer Bar gleich neben der Flugschule.

Während des Zweiten Weltkriegs wurden hier Kampfpiloten ausgebildet, und Keith und Serena Schortzmann, die Eigentümer, erinnern gern an diese Zeit. Sie sammeln Devotionalien aus dem Krieg, stellen sie in ihrem Restaurant auf und geben ihren Gerichten lustige Namen. Sie heißen Land Mines, Booby Trap Wire, Pearl Harbor Midway.

Kruithof glaubt, dass Piloten sich wohl fühlen müssen in der Gesellschaft anderer. Seinen Schülern hält er Vorträge über die Teamfähigkeit des modernen Piloten, über seine Vorbildfunktion, seine Selbstdisziplin und die Tatsache, dass herumliegende Bierdosen im Zimmer eines Flugschülers nicht akzeptabel seien.

An der Wand hinter seinem braunen durchgesessenen Sofa hat er ein Fax aufgehängt. Es stammt von einer europäischen Fluglinie, es ist nur eine Seite, aber es stellt viele Fragen. Ist der Kandidat zuverlässig? Ist er fähig, im Team zu arbeiten? Ist er selbstkritisch? Ist er durchsetzungsfähig? Was sind seine Schwächen?

Kruithof bekommt regelmäßig Anfragen wie diese. Er ist nicht nur Fluglehrer, er ist auch ein Richter, der über seine Schüler urteilt, wenn sie sich bei einer Fluglinie um einen Posten im Cockpit bewerben. Über Ziad Jarrah hat Kruithof sein Urteil schnell getroffen: der perfekte Kandidat.

Jarrahs Mission in Amerika ist so schwierig wie die der anderen Verschwörer. Er muss in der Lage sein, über ein Jahr lang im Land des Feindes zu leben. Er muss bereit sein, dem Feind zu gehorchen, sich von ihm unterweisen zu lassen in all den Fertigkeiten, die er und die anderen Attentäter brauchen, um ihre Mission durchzuführen. Er muss bereit sein, den Feind kennen zu lernen, mit ihm zu feiern, zu lachen. Und ihn dann immer noch töten können.

Auch Jarrah besteht seine Flugprüfung ohne Probleme.

Scottsdale, Arizona, August bis Dezember 2000

Hani Hanjour, dem mutmaßlichen Piloten der Maschine, die ins Pentagon stürzte, bereitet das Fliegenlernen größere Schwierigkeiten.

Hanjour lebt während seiner Flugausbildung in Scottsdale, im US-Bundesstaat Arizona, und besucht dort das CRM Airline-Trainings-Center. Die Schule hat einen hervorragenden Ruf.

Hanjour hat mit allem Probleme: mit den Starts, mit den Landungen, mit den Kurven. Er ist nervös und unkonzentriert. Nach drei Monaten intensiven Unterrichts besitzt er nicht einmal die Privatpilotenlizenz, die normal begabte Schüler nach vier bis sechs Wochen erhalten. Die Prüfung zum Verkehrspiloten schließlich besteht Hanjour nur dank sehr vieler Flugstunden und mit viel Glück.

Hanjour, ein zartgliedriger Saudi-Araber mit Dackelaugen und einem spärlichen Oberlippenbart, ist schon seit dem 3. Oktober 1991 in Amerika. Erst in Arizona, wo er an der Universität ein Sprachprogramm absolvierte. Anfang 1992 ging er nach Saudi-Arabien zurück, um im April 1996 erneut in die USA einzureisen – diesmal für immer. Die erste Zeit lebt er bei den Khalils, einer arabisch-amerikanischen Familie in Hollywood, Florida. Über ihren seltsamen Hausgast wissen die Khalils wenig – und ahnen nichts. Adnan Khalil arbeitet als Englischlehrer am örtlichen College, seine Ehefrau Susan, eine typische Mittelstandsamerikanerin, kümmert sich um den dreijährigen Sohn Adam.

Susan hilft dem verzweifelten Hanjour, der bei jeder Gelegenheit knallrot anläuft und kaum ein Wort Englisch spricht, seine Formulare für diverse Flugschulen auszufüllen. Adnan, jovial und heiter, kocht opulente arabische Menüs für Hanjour und ermuntert seinen Hausgast immer wieder, viel Fernsehen zu gucken, um sein Englisch aufzubessern. Was nichts nützt. Susan Khalil hat das Gefühl, als würde Hanjour in einem Schneckenhaus leben. Vor Amerika hat der angehende Pilot höllischen Respekt, und am deutlichsten ist seine Hilflosigkeit in der Gegenwart von Frauen.

Am ehesten entwickelt Hanjour noch ein Verhältnis zu Adam, dem dreijährigen Sohn der Khalils. Stundenlang spielt er mit dem Knaben, er bringt ihm arabische Worte bei, lässt ihn auf seinem Rücken reiten. Und so oft er kann, besucht er die Dar-Ulum-Moschee, 7050 Pines Boulevard, ein umgebauter Supermarkt, grau und unscheinbar. Susan Khalil, selbst gläubige Protestantin, staunt über die gusseiserne Frömmigkeit ihres Hausgastes. Zu ihrem Mann sagt sie: „Dieser Junge hat irgendein ernstes Problem – aber welches?“

Opa-Locka-Flughafen bei Miami Beach, 29. Dezember 2000

Eine Woche nachdem Atta und Shehhi ihre Pilotenlizenzen erhalten haben, mieten sie im Norden Miamis, in Opa-Locka, für sechs Stunden einen Boeing-727-Simulator. Sie üben vor allem das Fliegen von Kurven. Starts und Landungen interessierten sie kaum. Gemessen an den 250 Flugstunden, die sie hinter sich gebracht haben, sind sie akzeptable Flugzeugführer. Nach allem, was bislang bekannt ist, sitzen Atta und Shehhi danach nie wieder in einem Boeing-Simulator.

So haben, ein dreiviertel Jahr vor dem Anschlag, die Attentäter die erste Aufgabe gelöst. Sie sind in der Lage, die Maschinen zu fliegen, bis zum Attentat werden sie nun immer wieder, in Florida, Georgia und Maryland, Flugzeuge mieten, um im Training zu bleiben.

Nun beginnt die nächste Phase des Unternehmens „Anschlag auf Amerika“: die Vorbereitung der Entführung, das unauffällige Warten auf den Tag X.

Die Finanzierung des rund eine Million Mark teuren Unternehmens steht bereits: Das Geld kommt, wie FBI und CIA herausgefunden haben, per Boten und Überweisungen vor allem aus den Vereinigten Arabischen Emiraten, aber auch aus Ländern wie Bahrain; und es kommt in vielen kleinen Tranchen, um keinen Verdacht zu erregen. Am 4. Juli 2000 beispielsweise gehen auf dem Konto 573000259772 bei der Suntrust Bank in Florida, das Atta und Shehhi eröffnet haben, knapp 10000 Dollar ein. Absender ist ein gewisser Isam Mansur aus den Emiraten. Am 30. August kommen nochmals 19985 Dollar, diesmal von „Mr. Ali“, am 18. September desselben Jahres 69985 Dollar, nun von „Hani“. Insgesamt werden 116500 Dollar allein auf dieses Konto von Atta und Shehhi geschoben.

Oder: Hamsa al-Ghamdi, einer der Terroristen an Bord der Maschine, die in den Südturm fliegt, eröffnet in Hollywood, Florida, ein Konto, auf das bisher unbekannte Helfer mal 3000 Dollar, mal nur 1000 einzahlen. Per Travellerscheck, ausgestellt in Bahrain. Oder über ein Konto bei der HSBC Bank in den Emiraten. Es gehört dem Piloten Shehhi, zwischen Juli 1999 und November gehen hier rund 100000 Dollar ein, fast immer telegrafisch.

Kleine Summen. Verschiedene Konten. Verschiedene Absender. Nur keine Regelmäßigkeiten. Perfekt.

Für die Organisation des Alltags können die Chefs auf ihre „Logistiker“, wie sie das FBI nennt, zurückgreifen: Sie sollen sich um Wohnungen, Kleidung, Verpflegung kümmern. Es sind zwei Männer, die ebenfalls Piloten werden sollten – aber scheiterten: Chalid al-Midhar und Nawaf al-Hamsi.

Midhar, sehnig, agil und klein gewachsen, stammt höchstwahrscheinlich aus dem Jemen. Hamsi, kräftige Statur, kommt aus Saudi-Arabien. Hamsis Vater, Mohammed Salim al-Hamsi, besitzt in Mekka einen Supermarkt; er ist Hausbesitzer und wohlhabend genug, seinem Sohn eine unbeschwerte Zukunft bieten zu können.

Beide Männer sind schon seit dem 15. Januar 2000 in den Vereinigten Staaten. Zuvor waren sie in Kuala Lumpur, der Hauptstadt Malaysias, wo sie sich mit Verbindungsleuten von Osama Bin Laden getroffen haben.

Die Kuala-Lumpur-Gruppe steht im Verdacht, im Jemen das Bombenattentat auf den Zerstörer USS „Cole“ organisiert zu haben. Von diesem Treffen existiert eine Videoaufzeichnung des malaysischen Geheimdienstes, die, über vielerlei Umwege, in die Hände des CIA gelangen und dafür sorgen wird, dass Midhar und Hamsi auf die „Watch List“ der Einwanderungsbehörden gesetzt werden. Dies geschieht allerdings viel zu spät, nämlich am 21. August 2001, 20 Monate nachdem Midhar und Hamsi bereits in den USA sind – und erst drei Wochen vor dem 11. September.

San Diego, Dezember 2000

In den USA leben die beiden Logistiker im kalifornischen San Diego, in den hübsch-bescheidenen „Parkwood Apartments“, 26401 Mount Ada Road. Hamsis Rufnummer 858-279-5929 ist bis zum heutigen Tag eingetragen im Telefonbuch von San Diego. Die Parkwood Apartments liegen unweit des Commercial Strip von San Diego, und Midhar bewohnt ein Apartment im Erdgeschoss – so wie es das Attentäter-Handbuch der Qaida vorschreibt.

Diese Gebrauchsanleitung des Terrors im Namen Allahs, 180 Seiten dick, stellt auf der ersten Seite klar: Nie in der Vergangenheit und nie in der Zukunft wurde und wird ein islamisches Reich durch friedliche Verhandlungen und durch die Zusammenarbeit von Gremien errichtet werden. Islamische Reiche werden errichtet durch den Stift und das Gewehr. Und durch das Wort und die Kugel. Und durch die Zunge und den Zahn.

Lektion 4 des Handbuchs erklärt in 22 Punkten, wie ein ordentliches Terroristen-Apartment aussehen sollte. Es darf nicht in der Nähe von Polizeistationen und Behörden liegen. Es darf nicht einsehbar sein für neugierige Nachbarn. Es muss Schlösser haben, die man auswechseln kann. Und es muss im Erdgeschoss liegen, um im Falle eines Überraschungsangriffs noch entkommen zu können. Den angehenden Terroristen wird außerdem empfohlen, ihrem Geschäft zu möglichst normalen Arbeitszeiten nachzugehen, um bei den Nachbarn keinen Verdacht zu erregen.

Was den Logistikern Midhar und Hamsi jedoch nicht ganz gelingen wird.

Zunächst machen sie sich in „Sorbi’s Flying Club“ verdächtig, weil sie unbedingt Fliegen lernen wollen, aber nicht das geringste Talent haben. Sie bieten Fluglehrer Richard Garza zusätzlich Geld, damit er sie für Düsenflugzeuge ausbildet. Garza lehnt ab, wird auch misstrauisch, meldet sich aber nicht bei CIA oder FBI.

Auch die Nachbarn in den Parkwood Apartments wundern sich über das Gebaren der beiden Araber. Monate nach ihrem Einzug haben Midhar und Hamsi immer noch keine Möbel, sie schlafen auf Matratzen; nie sieht man sie ohne Aktentaschen und Handy am Ohr, gelegentlich lassen sie sich von einer auffälligen Limousine abholen. Bevor jemand die Polizei alarmiert, wechseln Midhar und Hamsi die Wohnung.

Dass sie dann, entgegen der al-Qaida-Terroranweisungen, Unterschlupf im islamischen Milieu suchen, mag man als Hinweis auf ihre gestiegene Nervosität und Eile deuten.

Nachdem die Ausbildung der vier Todespiloten erfolgreich abgeschlossen ist, müssen die Logistiker Midhar und Hamsi vor allem die Ankunft der übrigen Terroristen vorbereiten. Das FBI hat die Terroristen in drei Gruppen eingeteilt: „Piloten“ – das sind Atta, Shehhi, Hanjour und Jarrah; „Logistiker“ wie Midhar und Hamsi; und schließlich die „Kämpfer“, Männer ohne besondere Talente – außer, dass sie in der Lage sein müssen, so viel Crew-Leute und Passagiere wie nötig umzubringen und möglichst Furcht erregend zu wirken, um alle übrigen Menschen an Bord in Schach zu halten.

Müssen diese Männer den ganzen, selbstmörderischen Plan kennen? Nein. Aus der Sicht der Anführer schiene es sogar sinnvoller, die Kämpfer an Bord im Glauben zu lassen, es gehe um eine ganz „normale“ Entführung. Je weniger Mitwisser, desto geringer die Gefahr, dass sich einer verquatscht oder die Nerven verliert angesichts seines bevorstehenden Todes.

Dubai, März 2001

Wer die zwölf Männer angeheuert hat, ob die vielen Reisen der beiden Piloten Atta und Shehhi, unter anderem nach Madrid, Prag und Amsterdam, dazu dienten, kampferprobte und mordbereite Männer persönlich zu rekrutieren, oder ob sie von Verbindungsleuten der Qaida gestellt wurden, weiß man noch nicht. Sicher aber ist, dass die Kämpfer in dem Zeitraum zwischen März und Juni 2001 einreisen. In kleinen Gruppen, von Dubai aus.

Die Kämpfer sind: Salim al-Hamsi, höchstwahrscheinlich ein Bruder des Logistikers Nawaf al-Hamsi, aus dem saudi-arabischen Mekka. Zusammen mit dem Piloten Hanjour und den Logistikern Midhar, Hamsi und Madschid Mukid wird er auf der Maschine sein, die um 9.40 Uhr ins Pentagon stürzt. Mukid ist der Sohn eines Beduinen-Stammesfürsten aus der Nähe von Riad und hat die Jura-Fakultät der König-Saud-Universität besucht.

Es kommen außerdem: Hamsa al-Ghamdi aus der Stadt Baljurschi in der saudi-arabischen Provinz Baha, der einige Monate vor dem 11. September seine Familie ein letztes Mal anruft – sie sollen ihm seine Sünden vergeben und für ihn beten; und der Saudi-Araber Mohald al-Scheri, der ein Semester lang an der Islamischen Universität in Abha studiert hat, dann nach Riad zog und schließlich nach Tschetschenien verschwand. Die beiden landen am 28. Mai 2001 in Miami, sie kommen via London aus Dubai. Ahmed al-Ghamdi, ebenfalls aus Baljurschi, reist am 2. Mai 2001 über London und Washington D. C. ein.

Zusammen mit dem Saudi Fajis Ahmed werden sie, geführt von dem Piloten Shehhi, in den Südturm des WTC rasen.

An Bord der American Airlines 11, die Atta in den Nordturm fliegen wird, sind die Kämpfer: Satam al-Sukami aus den Vereinigten Arabischen Emiraten; die Brüder Walid und Wail al-Schari, Physiklehrer der ältere Wail, Student mit Psychoproblemen der jüngere Walid, beide aus der saudi-arabischen Stadt Chamis Muscheit und zwei von elf Söhnen eines erfolgreichen Geschäftsmanns; außerdem Abd al-Asis al-Umari, ebenfalls Saudi-Araber. Er reist als Letzter in die Vereinigten Staaten ein; wahrscheinlich unter falschem Namen und mit gestohlenem Pass.

Die Maschine, die mit 40 Minuten Verspätung abfliegen wird und später in Shankersville, Pennsylvania, zerschellen soll, hat drei Muskelmänner an Bord. Während Ziad Jarrah, gebürtiger Libanese, das Cockpit übernimmt, werden diese drei Männer mit den Passagieren einen Kampf auf Leben und Tod führen: Said al-Ghamdi, Ankunft in Orlando, Floria, am 27. Juni 2001 aus den Emiraten, Ahmed al-Hasnawi und Ahmed al-Nami. Über Nami ist am meisten bekannt: Der 23-Jährige, der am 28. Mai 2001 in Miami landet, brach im August 2000 zu einer Pilgerfahrt nach Mekka auf, seitdem wird er vermisst. Er habe sich, sagen seine Eltern, vor zweieinhalb Jahren zum frommen Eiferer gewandelt und sei sogar Imam, also Vorbeter, an der Moschee von Asir gewesen. Eine hohe Ehre für einen so jungen Mann.

Von den 19 Attentätern kommen 15 Männer aus Saudi-Arabien, die meisten sind Söhne wohlhabender Familien, Söhne von Supermarkt-Besitzern und Stammesfürsten.

Sie kommen aus dem konservativen Königreich, das die heiligen Stätten des Islam hütet und das gleichzeitig Tankstelle der westlichen Wirtschaft ist. Ein Fünftel aller amerikanischen Rohöleinfuhren stammen dorther, als Wortführer der Opec gewährleistet die saudi-arabische Regierung außerdem einen stabilen Preis.

Der regierende Saud-Clan hat geschäftliche Verflechtungen bis in die höchsten politischen Ränge der USA. Gleichzeitig investierte das Land Milliarden von Dollar in den islamischen Befreiungskampf auf der ganzen Welt. Ein Riss, der sich durch das ganze Land zieht, durch viele Familien. Die meisten Väter und Mütter der Soldaten hatten keine Ahnung, was ihre Söhne trieben.

Nirgends sonst konnten arabische Terroristen so leicht Einreise-Visa in die USA bekommen. „Visa an Terroristen auszustellen war meine Aufgabe“, sagt Michael Springman, ehemaliger Chef des US-Konsulats im saudi-arabischen Dschidda. In seiner Zeit ging es um Terroristen, die die CIA und Osama Bin Laden in aller Eintracht rekrutiert hatten und die in den USA für ihren Einsatz in Afghanistan ausgebildet wurden – gegen die Sowjets. Es wird den Terror-Rekruten nur zu recht sein – und gerecht vorkommen –, diese gute alte Tradition nun für ihre Zwecke genutzt zu haben.

Florida, Frühjahr und Sommer 2001

Logistik für 19 Männer, die nicht aussehen wie Durchschnittsamerikaner, die sich nicht alle verhalten wie Amerikaner, die aber nicht auffallen dürfen, ist eine schwierige Sache. Sie müssen schlafen, frühstücken, sie brauchen frische Socken, Führerscheine, sie müssen Durchfall kurieren und fünf Mal am Tag beten. Sie dürfen keine rote Ampel überfahren, keinen Blinddarmdurchbruch erleiden und in keine Schlägerei verwickelt werden.

Die vier Anführer entwickeln, unterstützt von ihren Logistikern, eine möglichst verwirrende Choreografie des Wohnungswechsels, die nur ein Ziel hat: Unsichtbarkeit.

Ziad Jarrah zum Beispiel ist es, der für die Brüder Wail und Walid al-Schari, die später zur Atta-Truppe gehören werden, am 28. April ein Zimmer im „Bimini-Motel“ am North Ocean Drive in Hollywood mietet. Für einen Monat, für 650 Dollar, die Jarrah vorweg und cash bezahlt.

Besitzer ist das Ehepaar Solic; John Solic, ein 53-jähriger Jugoslawe, hat in den achtziger Jahren in Düsseldorf und Bonn gelebt, er ist dankbar für jede Gelegenheit, sein Deutsch zu üben.

Er beobachtet, wie der eher schmächtige Jarrah den kräftigen Brüdern Anweisungen gibt, wie er den Raum, Zimmer 8, kurz besichtigt, die Vorhänge prüft und die Brüder mit knappem Arabisch anweist, was sie dürfen und was nicht. Zum Beispiel sollen sie nicht auf der Terrasse sitzen, obwohl die Sommernächte gnadenlos stickig sein können, Zimmer 8 zur ebenen Erde liegt, mit Rückfront auf den wunderschönen Nord-Süd-Kanal und diese Terrasse der ganze Stolz des Bimini darstellt. Jarrah überwacht auch ihre Einkäufe und schleppt persönlich palettenweise den Durstlöscher „Gatorade Grape“ heran, ein blaues Fruchtgetränk.

Morgens um zehn verlassen die Brüder das Zimmer, abends gegen sechs kehren sie meist zurück. Stets sind sie, wie alle Attentäter, nach dem All-American-Dresscode gekleidet: gebügelte Khakihosen, bunte Polohemden. Gelegentlich erschnuppern die Solics das Aroma der arabischen Speisen, die die Brüder sich brutzeln. Und gelegentlich kommt Jarrah, schaut nach dem Rechten und bleibt eine Nacht.

Alles schön unauffällig, alles ganz gewöhnlich.

Erkennbar haben sie aus den Fehlern der Logistiker Midhar und Hamsi in San Diego gelernt, als deren Nachbarn anfingen, Fragen zu stellen. Die Attentäter mieten eine Vielzahl von kleinen Apartments, Motel- und Hotelzimmern, vorzugsweise der billigeren Preisklasse wie das Bimini in Hollywood, Florida. Meistens zahlen sie die Miete im Voraus, 650 Dollar zum Beispiel für eine winzige Wohnung im Obergeschoss in dem schmuddeligen Haus 1818 Jackson Street in Hollywood, Florida, die Atta von Mai bis Juni mietet. Hier wohnen Einwanderer, Späthippies, Studenten, die sich nichts Besseres leisten können. Ein paar arabische Youngster fallen hier nicht auf.

Oder sie beziehen Apartments in bewachten Wohnanlagen, wie der Pilot Shehhi, der sich für 6000 Dollar zwei Monate lang im „Hamlet-Country-Club“, 401 Greenswald Lane, in Delray Beach, nördlich von Miami, einmietet. Hier lebt man so luxuriös wie unauffällig.

Die Attentäter verteilen sich über die dicht besiedelte Ostküste Floridas, wo jeder zweite Ort auf „Beach“ endet und es genügend Flugschulen und Sonne gibt, um im Training zu bleiben. Außerdem verbringen hier Scharen von jungen Touristen ihren Urlaub, junge Araber in Khakihosen und Polohemden fallen hier nicht auf. Den arabischen „Thaub“, ihre beigegelben, knielangen Kittel, tragen sie nur in ihren Hotelzimmern. Und jede Menge Fitness-Clubs gibt’s außerdem: So dass die Attentäter ihre Muskeln trainieren und, wie Jarrah, Kampfsporttraining nehmen können.

Coral Springs, April bis Juni 2001

Das „Tara Gardens Condominium“, 10001 West Atlantic Boulevard, dient von Mai bis Juli als Zentrale der Terroristen. Das weiße, zweigeschossige Haus hat 38 Apartments, umstanden von Fächerpalmen.

Atta und Shehhi, die Piloten, haben das Apartment 122 gemietet, für 840 Dollar im Monat. Immer wieder hocken sie vor dem Computer, üben auch mit Flugsimulationsprogrammen. Die sind beliebt unter Gotteskriegern, auch Osama Bin Ladens Kämpfer in Kabul vertreiben sich damit die Zeit – nach der Einnahme der afghanischen Hauptstadt im November wird die Bedienungsanleitung des Microsoft-Programms „Flugsimulators 98“ in den Trümmern des al-Quaida-Lagers gefunden.

Im Laundry Room der Wohnanlage in Coral Springs stehen den Mietern riesige Waschmaschinen zur Verfügung. Hier wird Shehhi oft gesehen, offenbar erledigt er die Wascharbeit für das ganze Team. Nachbarn wundern sich gelegentlich, dass zwei Männer derartig viele Hemden und Hosen verbrauchen. Keiner der Araber wird je am Swimmingpool gesehen; dafür steht Atta oft auf dem Parkplatz, um dort eine Marlboro light nach der anderen zu paffen. Glatt rasiert, Bügelfalten, Button-down-Hemden – Atta wirkt wie ein junger ernsthafter Ingenieur oder Lehrer; etwas grimmig wohl, aber unauffällig.

Die Attentäter haben eine wirksame Abwehr gegen die Neugier und Leutseligkeit der Amerikaner errichtet. Wenn Nachbarn ein bisschen Small Talk mit dem Piloten Shehhi machen wollen, reagiert er betont brüsk. Auch Atta senkt ostentativ den Blick, sobald ein Bewohner des Hauses ihm über den Weg läuft und zum Gruß ansetzt. Auch untereinander wechseln die Männer grundsätzlich kein Wort, sobald sie ihre Wohnung verlassen haben.

Ihre Bilanz im Frühjahr 2001 sieht gut aus: Atta und Shehhi haben die Truppe ausgezeichnet organisiert. Sie sind mal hier, mal dort, hinterlassen kaum Spuren, und wollte man ein Bewegungsdiagramm der Attentäter für das Frühjahr und den Sommer 2001 zeichnen, sähe das Ganze aus wie ein Schnittmusterbogen. 19 Attentäter, die dabei sind, den größten Angriff auf die Supermacht der Welt zu organisieren, bleiben für CIA, FBI und die Polizei unsichtbar. Fast unsichtbar.

Fort Lauderdale, 26. April 2001

Der Inverrary Boulevard ist eine zweispurige Schnellstraße und gehört zum Gebiet des Broward County Sheriffs in Fort Lauderdale. Um kurz vor elf Uhr abends überholt Deputy-Sheriff Josh Strambaugh den Fahrer eines roten Pontiac, Baujahr 1986, in Höhe der „Forrest Trace“-Wohnanlagen. Der Fahrer fährt ein bisschen hektisch, Sheriff Strambaugh knipst die Sirene an, Routinekontrolle. Der Fahrer des Pontiac ist Mohammed Atta.

Für Atta muss es ein heilloser Schreck gewesen sein, als Deputy-Sheriff Strambaugh ans Fahrerfenster pocht und nach den Papieren fragt. Atta hat seinen ägyptischen Führerschein nicht dabei – oder er will ihn nicht zeigen. Der Polizist mustert den Wagen, ihm fallen die arabischen Sticker auf, er befragt Atta, der kaltblütig bleibt und höflich antwortet.

Attas Glück ist es, dass Deputy Strambaugh zur Road Patrol des Countys gehört, nicht zum Traffic Enforcement, der Motorradstaffel, deren Job es ist, so viele dollarschwere Strafzettel wie möglich auszustellen. Außerdem hat Strambaughs Dienst gerade eben begonnen, die Nachtschicht geht von 22.45 Uhr bis morgens 6.45 Uhr.

Deputy Strambaugh belässt es bei ein paar väterlichen Ratschlägen und einer Verwarnung. Atta soll genau 30 Tage später, um Punkt 8.45 Uhr morgens im County West Satellite Courthouse auftauchen und seinen Führerschein vorlegen. Sollte er – wider Erwarten – nicht kommen, würde eine „Warrant“ ausgesprochen, ein Haftbefehl auf Atta, gültig im ganzen Staat Florida. Ein ernst-mahnender Blick des Officers, noch eine beflissene Versicherung von Atta – so muss die Begegnung geendet haben.

Zum festgesetzten Termin Ende Mai taucht Atta nicht auf – obwohl er sich am 2. Mai einen Führerschein des Bundesstaates Florida besorgt hat.

Nun wird sein Name in den Computer der Polizeistellen von ganz Florida eingegeben. Theoretisch haben nun alle Polizisten der 67 Countys in Florida Attas Namen gespeichert.

Delray Beach, 5. Juli 2001

Zunächst ist das Warrant nur ein Routinevorgang. Und doch hätte alles auffliegen können – denn Atta wird am 5. Juli wieder von einem Sheriff gestoppt, wegen zu hoher Geschwindigkeit.

Diesmal findet das Ganze in Palm Beach County statt, in der Nähe des Städtchens Delray Beach. Diesmal heißt der Polizist Scott Gregory, und diesmal zeigt Atta seinen amerikanischen Führerschein, ausgestellt in Florida am 2. Mai 2001, mit der Nummer A 300 540-68-321-0.

Routinemäßig checkt Gregory die Personendaten. Aus mysteriösen Gründen aber verschweigt der Computer Officer Gregory die Tatsache, dass Atta im Broward County gesucht wird. Der Mann, der in gut zwei Monaten den größten Terroranschlag der Geschichte anführen wird, kommt mit einer simplen Geldbuße davon. „Die Wahrscheinlichkeit, dass der Computer in so einem Moment aussetzt, liegt bei vielleicht zwei, drei Prozent“, sagt Officer John Williams, Dienstleiter der Broward-County-Polizei. Er fügt hinzu: „Verdammt, eigentlich hatten wir ihn schon.“

Falls Church, Virginia, 1. August 2001