11 tote Freunde müsst ihr sein - Richard Blynd - E-Book

11 tote Freunde müsst ihr sein E-Book

Richard Blynd

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Beschreibung

Im Ruhrgebiet geht die Angst umher. Ein Serienmörder schnappt sich nach Fußballspielen oder nach dem Training wahllos junge Kicker, verstümmelt sie und bringt sie um. Die Eltern bilden Fahrgemeinschaften, einige melden ihre Kinder in den Vereinen ab. Hauptkommissar Rolf Fänger als Leiter der SOKO Trikot sieht sich schon zum Verkehrskasperle im Kindergarten degradiert und holt sich Hilfe bei einer Wahrsagerin ... doch die Morde gehen weiter. Die Profiler des LKA beschreiben den Täter sehr gut, doch er bleibt ein Phantom. Erst gerät der freundliche Nachbar in den Focus der Ermittler, dann fällt der Verdacht auf einen Talentsucher aus Gelsenkirchen. Als das ZDF den Fall bei xy ungelöst ausstrahlt, erhält die SOKO viele neue Hinweise. Ist die heiße Spur dabei? Nach HUNDSPETERSILIE ein neuer Fall für KHK Rolf Fänger und seine Kollegen im Essener Polizeipräsidium.

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Inhaltsverzeichnis

Kapitel

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Kapitel

Kapitel

1.

Die im Jahr 1907 gebaute und geweihte Nikolauskirche in Essen-Stoppenberg war bis auf den letzten Platz in den Bänken besetzt. Die, die keinen Sitzplatz bekommen hatten, standen im Kirchenschiff dicht gedrängt mit gesenktem Kopf und Tränen in den Augen. Auch draußen vor dem Schwanhildenbrunnen und dem Kirchenvorplatz war alles voller Menschen. Die Menge zog sich den Kapitelberg hoch und die Gelsenkirchener Straße runter bis zur Grabenstraße. Man sah auffallend viele Kinder in der Menschenmenge. Einige Kinder waren mit ihren Trikots in den Farben Grün-Weiß bekleidet. Grün-Weiß ist die Farbe vom SC Stoppenberg 05. Trotz der drückenden Schwüle hatten auch einige Mütter und Väter einen Vereinsschal umgehängt. Drinnen im angenehm kühlen Kirchenschiff sprach Pfarrer Hilgert mit leiser, angenehmer, fester Stimme: „Wir stehen hier, fassungslos, geschockt und ungläubig – ja, ich sage es ganz bewusst – ungläubig; denn was kann ich Ihnen, liebe Eltern, liebe Großeltern, Schulkameraden, Freunde, Nachbarn und allen anderen, die heute hier sind, um Patrik Gehrke zu verabschieden, vom Glauben erzählen? Wie könnte ich Ihnen Trost im Glauben vermitteln, wenn ich selber mit unserem Gott hadere. Wer war das? Warum hat jemand das getan? Ja, da muss der Glaube ziemlich stark sein, um nicht laut aufzuschreien: Bleib mir gestohlen Gott. Wenn du nichts Anderes kannst, als 11-jährige Kinder zu verstümmeln und sie dann umbringen lässt. Bleib mir gestohlen! Aber, liebe Angehörige und Freunde, dann wäre ich ein schlechter Seelsorger. Wir alle müssen mit aller uns zur Verfügung stehender Kraft daran glauben, dass Gott diesen feigen Mord an Patrik nicht gewollt hat. Gott ist kein Maschinist, der vor einem Mischpult steht und einen Knopf drückt, der bewirkt: ‚Du bist jetzt ein Mörder. Gehe hin und bringe das Kind um. Nein, nicht das Kind. Links daneben das Kind.‘

Wer so eine Tat begeht ist krank und auch der Täter – und jetzt müssen Sie, liebe Gemeinde, ganz stark sein – bedarf unser Mitleid.“ In der rechten mittleren Reihe stand ein jüngerer Mann abrupt auf. „Das Gesülze höre ich mir nicht mehr an. Der Pfaffe tickt doch nicht mehr frisch. Dem sollte man auch die Finger abhacken. Genauso wie der Fuckkiller es mit Patrik gemacht hat.“ Er trat wütend vor eine Schale, die im Weg stand, und drängte sich brutal durch die Menschenmenge nach draußen. Sofort war ein Aasgeier vom Essener Tageblatt bei ihm: „Entschuldigen Sie, kannten Sie Patrik?“ Der junge Mann rammte dem Reporter seine rechte Faust vor den Kopf und rannte weg. In der Kirche ging die Trauerfeier inzwischen ohne weiteren Zwischenfall zu Ende und der Küster öffnete die Nebentüren der Kirche. Die anwesenden zwei Motorradpolizisten bockten ihr Krad auf, zogen sich den Helm vom Kopf und streiften sich ihre Handschuhe ab. Dies sah trotz der düsteren Stimmung lustig aus, denn die beiden machten alles synchron, es sah aus, als ob sie Vortänzer im Bullenballett wären.

Der Verkehr auf der Gelsenkirchener Straße wurde angehalten und der Trauerzug setzte sich über die Hallostraße in Richtung Hallofriedhof in Bewegung. Auf dem Barbarossaplatz stand ein Videobeobachtungswagen der Bereitschaftspolizei Essen-Bredeney, der sonst bei Fußballspielen oder Demos zum Einsatz kam. Der fast 50 m hoch ausfahrbare Teleskopstab auf dem Dach des Busses konnte mit seiner Hochleistungskamera im Umkreis von 200 m gestochen scharfe Filme oder Bilder aufnehmen. Im Wagen bediente Jürgen Filz, Kommissar beim Verkehrsdienst Essen, die Kamera und achtete darauf möglichst alle Trauergäste frontal zu filmen. Er tat dies mit seiner Routine aus 25 Dienstjahren und war der Meinung, dass man alles und jedes per Video überwachen sollte. Wer nichts zu verbergen hat, kann da auch nichts gegen haben. Punkt.

Auf dem Hallofriedhof warteten schon Hauptkommissar Rolf Fänger, Leiter der Mord II, sowie die Kommissare Udo Burgs, Elke Müller und der junge Kriminalhauptmeister Florian Drause. Sie hatten sich etwas abseits vom Hauptweg auf zwei Seiten postiert und beobachteten die Trauernden. Drause fotografierte unauffällig den einen oder anderen, Burgs machte sich Notizen. KHK Fänger hatte einen eher gelangweilten Gesichtsausdruck, aber wer ihn kannte wusste, dass man ihn jetzt besser nicht störte. Selbst sein Handy hatte er ausgeschaltet. Jetzt keine Störung! Er sog die Luft scharf ein und schloss die Augen. Wer, was, wie, warum passte hier nicht hin? Da vorne, der Fettsack, alleine und ziemlich nah hinter dem Sarg. Er hatte den Mann bisher noch nicht kennengelernt. Die Familie Gehrke hatte in den bisherigen Befragungen nichts von ihm erwähnt. Scheinbar ohne Frau, ohne Begleitung. „Florian“. Ein kurzes Kopfnicken und Drause wusste Bescheid. Fokussieren. 10 Bilder in Serie. Der Dicke war im Kasten. Fänger schlenderte zum Ende des Trauerzuges. Er ist dabei. Ich wette er ist dabei. Fänger hatte noch keinen Ansatz, aber er wusste, dass er ein „Er“ war. Er musste niesen. Scheiß Allergie. Er hatte gestern Abend wiedermal vergessen seine Kapsel gegen den Heuschnupfen zu nehmen.

Nachdem der letzte Trauernde die Erde ins Grab geschaufelt hatte, löste sich die Gruppe auf und ungefähr 50 nahe Angehörige und Freunde fuhren mit dem bereitgestellten Bus der Firma Köppen zur Gaststätte „Am Kreuz“ am Helfenbergweg. Fänger schickte Udo, Elke und Florian zum Präsidium zurück und fuhr alleine mit dem grauen Touran, einem Zivilwagen der Essener Kripo, dem Bus hinterher. Er wollte den Eltern Patriks noch das ein oder andere fragen.

„Setzen Sie sich Herr Fänger.“ Herr Gehrke zeigte auf den freien Platz links neben sich. Die Trauergesellschaft hatte im großen Biergarten des Restaurants Platz genommen. Rechts von ihm saß der Pastor und rechts vom Pastor saß Patriks Mutter, Frau Gehrke. „Danke. Ich bitte Sie noch einmal um Vergebung, dass ich Sie heute, äh jetzt und hier in Ihrer Trauer störe. Aber die ersten Stunden und Tage sind …“. „Ist schon gut“, antwortete Gehrke mit fester Stimme. „Wir können es uns denken. Fragen Sie, fragen, fragen, fragen Sie.“ „Ja, danke. Warum hatte Ihr Sohn kein Handy bei sich, das ist doch in dem Alter heutzutage recht ungewöhnlich?“ „Ach Herr Fänger, wir wollten ihm doch auch so gerne eins kaufen, aber er wollte nicht. Er hatte in seinem Zimmer einen Computer, der ihm ausreichte. Oh Gott, hätte ihm das das Leben gerettet?“ Gehrke sackte in sich zusammen.

„Nein. Das halten wir für völlig ausgeschlossen. Herr Gehrke, mir fiel am Grab, drei oder vier Reihen hinter Ihnen ein, nun sagen wir mal, korpulenter Mann auf …“.

„Kuhlmann, Ralf Kuhlmann. Ich war immer dagegen“, rief Frau Gehrke. „Wohnt auf 123, wir auf 129 von-Bergmann-Straße. Aber das wissen Sie ja.“ Sie kramte nach ihren Taschentüchern. „Ja, ich fand es auch nicht so toll. Sie haben es doch dann heute selbst gesehen Herr Fänger. Der drängte sich immer auf. Er fuhr Patrik zum Training, holte ihn in seinen Keller, wo er eine Eisenbahn hat und anderes Bastelzeug. Er hatte aber auch nichts dagegen, wenn ich einfach mal zu ihm rüberging. Unangemeldet. Patrik abholen oder so. Er wohnt schon lange da. War früher verheiratet und hatte wohl auch einen Sohn.

War aber vor unserer Zeit. Seine geschiedene Frau und sein Sohn sollen irgendwo in Sachsen-Anhalt wohnen. Ich habe von anderen Nachbarn gehört in Halle an der Saale. Aber ich glaube nicht ...“. „Fürs Glauben wird der Herr Pastor bezahlt“, dachte Fänger und nickte dem Pastor freundlich zu. „Herr Gehrke, denken Sie nach. Ist Herr Kuhlmann auch hier?“ „Ich habe ihn mit in den Bus einsteigen sehen …ach, da hinten kommt er gerade.“ Gehrke wurde aufgeregt. Fänger schritt gemächlich auf Kuhlmann zu. „Tag Herr Kuhlmann. Fänger, Kripo Essen. Kommen Sie, wir setzen uns.“ Er dirigierte Kuhlmann an einen abseitsstehenden Tisch, auf dem schon einige benutzte Teller, Besteck und Gläser standen. „Herr Kuhlmann“, er sah Kuhlmann gelangweilt an, um ihn zu irritieren, „wo waren Sie letzten Dienstag, also heute vor einer Woche, zwischen 18:00 und 21:00 Uhr?“ „Darf ich fragen, warum Sie das wissen wollen?“ „Natürlich dürfen Sie das fragen. Das ist die Todeszeit von Patrik.“ Kuhlmann wurde blass. „Ja, ja und?“ „Herr Kuhlmann. Das Spiel heißt: Ich frage, Sie antworten. Hier gibt’s keine Gegenfrage und keinen Joker. Auch nichts zu gewinnen. Also, wo waren Sie?“ „Nun, ich war spazieren. Seumannstraße, Tennisanlage, Hundebrinkstraße.“ „Lassen Sie mich raten.“

Fänger drückte seinen rechten Zeigefinger gegen seine Nasenspitze … „Alleine.“ „Ja, alleine. Wer soll mich begleiten? Ich habe keine Frau und keinen Hund, mein Bruder wohnt in Haltern am See. Ich laufe gerne über die alte Kohlenhalde der Zeche Helene. Dort war auch die Hohlmannstraße. Die alten schiefen Zechenhäuser, die hinten raus alle einen Schweinestall hatten. Wurde in den 70er Jahren alles plattgemacht. Jetzt ist dort alles grün. Die Natur hat sich alles zurückerobert.

Sie können dort auch noch Schienenreste von der Strecke Essen Hauptbahnhof nach Gelsenkirchen-Zoo, quer durch die alte Zeche sehen.“ „Ist für Sie bestimmt anstrengend dort rumzukraxeln, Herr Kuhlmann?“ Er hielt kurz inne. „Waren Sie auch schon einmal auf der Zeche Zollverein? Schacht 12?“ „Herr Kommissar. Bitte. Ich weiß, wo Patrik gefunden wurde.“ Er fing an zu weinen.

„Kommen Sie morgen gegen 11 ins Präsidium Zimmer 221, damit wir ein Protokoll aufnehmen können.“ Fänger stand auf und ging wieder zu Gehrke an den Tisch zurück. Nach einer Stunde verabschiedete sich Fänger von den Gehrkes und fuhr zum Präsidium. Unterwegs hielt er kurz an der Robert-Koch-Apotheke an und kaufte sich seine Kapseln gegen die Allergie. Im Präsidium holte er sich aus der Kantine im Keller eine Flasche Mineralwasser. „Wie immer, mit viel Kohlensäure?“, fragte Claudia, die schon zum Inventar gehörte und alle Vorlieben ihrer Kunden kannte. „Klar, damit ich so richtig, du weißt schon, kann.“ Er sprang trotz der Hitze die Stufen zu seinem Büro hoch und schaltete den Tischventilator an. Zwar waren die Mauern vom Präsidium sehr dick, aber er brauchte jetzt einen kühlen Kopf. Fänger nahm den Hörer von seinem Telefon, zog den Scharnierarm, an dem es hing, ganz aus und setzte sich auf seinen Stuhl. Am anderen Ende der Leitung meldete sich Dr. Adebar, einer der Rechtsmediziner der Gerichtsmedizin in der Virchowstraße, die dem Universitätsklinikum angeschlossen ist. „Hallo Doc, Fänger. Sie hatten doch letzten Dienstag den kleinen Patrik Gehrke unterm Messer. Ich konnte ja nicht kommen, weshalb ich Ihnen meinen jungen Kollegen Florian geschickt habe. Ja, Sie können sich gut erinnern?“ Er lauschte kurz und musste lachen. „Hat er es auch selber wegwischen dürfen? Weshalb ich anrufe, ich habe hier Ihren Obduktionsbericht, aber na ja, ich würde gerne mit Ihnen persönlich über die Sektion sprechen. Geht es heute noch? Gut ich komme rüber. Bis gleich“. Die Rechtsmedizin liegt fünf Gehminuten vom Präsidium entfernt und Parkplätze bekommt man dort sowieso nicht, weshalb Fänger sich zu Fuß auf den Weg machte. Die Virchowstraße und die ganzen Straßen rund ums Klinikgelände waren eine Goldgrube für die Stadt Essen. Die Leute vom Ordnungsamt lauerten hinter Büschen und Mülltonnen auf Falschparker und der Abschleppwagen hatte 24 Stunden am Tag Einsatz. Manche Fahrer saßen noch am Steuer als sie schon am Haken baumelten. Die Zusammenarbeit der Abschleppunternehmer mit der Stadt Essen klappte wie geschmiert.

Bevor er am Institut klingelte, schob er sich noch einen Glimmstängel rein und füllte seine Lungen mit Rauch. Das machte er immer, wenn er hier rein musste. Er drückte auf den kleinen Knopf neben dem Schild „Institut für Rechtsmedizin“. Ein Sektionsgehilfe öffnete und führte Fänger in Dr. Adebars Büro. Die beiden begrüßten sich noch einmal und Fänger setzte sich unaufgefordert hin. Die zwei kannten sich schon über Jahre und gingen locker miteinander um. Fänger kramte den Obduktionsbericht hervor und las laut: „Atlantookzipitale Dislokation, mechanische Reizung des zentralen Nervensystems, also des Hirnstammes, bzw. der absteigenden Gehirnbereiche, Medulla oblongata, durch komplexe paradoxe Bewegungen von Schädelbasis, Atlas und Axis, mit mechanischer Kraft oder auch diffushypoxische, vaskuläre Störungen durch rotatorische oder translative atlantoaxiale Subluxation oder kombinierte Verkippung. Das Opfer hat also einen Genickbruch, sprich, einen Bruch der Halswirbelsäule zwischen dem ersten und zweiten Halswirbel. Die Halswirbelsäule besteht aus sieben Wirbelkörpern zwischen denen knorpelige Bandscheiben, Bänder, Muskeln und Nervenstrukturen liegen. Durch das Gelenk zwischen dem ersten Halswirbel, Atlas, und dem zweiten Halswirbel, Axis, sind wir in der Lage den Kopf zu drehen. Durch einen gegenläufigen schnellen Griff von Hals und Kopf war das Opfer sofort tot. Todeszeit ziemlich genau 19:00 Uhr.“ „Können Sie diesen Griff bei mir einmal demonstrieren, Doc?“ „Natürlich Herr Fänger. Einmal.

Möchte ich aber nicht so gerne. Hier ...“, er zeigte auf ein Demonstrationsgebilde aus Schädel und Halswirbelsäule, „hier kann ich Ihnen den Griff viel besser demonstrieren.

Auch was Ihre Gesundheit betrifft.“ Er führte den Griff blitzschnell aus und Fänger schluckte. „Wer kann das? Wer macht so etwas? Wofür braucht man so etwas? Jäger? Metzger?“ „Verabschieden Sie sich vom Tierreich“, antwortete Dr. Adebar leise. „Hier war jemand am Werk, der entweder medizinisch vorgebildet ist oder das leise Töten beruflich braucht.“ „Beruflich braucht? Ich glaube ich stehe auf der Leitung.“ Fänger war sichtlich irritiert. „Ja, beruflich. Zum Beispiel Kampfschwimmer, Einzelkämpfer oder Fallschirmjäger.“ Kampfschwimmer!

Fänger stellte sich Kuhlmann als Kampfschwimmer vor und grinste. Den konnte man höchstens als Seezeichen, als Tonne in der Deutschen Bucht, gebrauchen. „Des Weiteren führen Sie in Ihrem Bericht ‚digiti sectis‘ an und ‚relinquere thumb‘. Was hat es mit dem Abtrennen von vier Fingern an jeder Hand auf sich? Nur die beiden Daumen wurden dem Opfer gelassen.“ „Nun, wie ich schon Ihrem jungen Kollegen bei der Sektion gezeigt und unter Punkt 14 im Bericht festgehalten habe, wurden an beiden Händen Zeigefinger, Mittelfinger, Ringfinger und kleiner Finger sauber abgetrennt. Hierzu hat der Täter ein äußerst scharfes Messer mit glatter Schneide benutzt, wobei jetzt der Gedanke an einen Metzger oder Jäger aufkommen könnte. Es könnte eine Bestrafung post mortem sein, das Opfer hat im Geist des Täters mit den Fingern ‚verbotene Sachen‘ gemacht.“ „Sie schrieben Fundort ist definitiv nicht Tatort.“ „Richtig. Dazu passen auch die Reifenspuren, die die Spurensicherung gesichert hat. Der Junge wurde aus einem Auto herausgehoben und direkt abgelegt. Dass er an dieser Stelle, ganz hinten am Gebüsch des Ausweichparkplatzes gefunden wurde, zudem noch so schnell, verdanken wir dem Liebespaar, das den Einbruch der Dunkelheit nicht abwarten konnte.“

Dr. Adebar und Rolf Fänger unterhielten sich noch eine Weile und Fänger verabschiedete sich. „So, jetzt muss ich aber, wir haben gleich noch eine Besprechung. Jeden Tag bei Dienstbeginn und Dienstschluss. So long Doc.“

Fänger schlenderte zum Präsidium zurück und ging ins Besprechungszimmer der Mord II, deren Dienstgruppenleiter er seit über fünf Jahren war. Udo Burg, Elke Müller, Florian Drause und Tante Martha waren schon da. Tante Martha hieß eigentlich Emma Martens, doch irgendjemand hatte sie wegen ihres grauenvollen Vornamens in Tante Martha umgetauft. Sie war Verbindungsbeamtin bei der Mord II und hielt den Kontakt mit anderen Dezernaten bei Deliktüberschneidungen und organisierte auch Termine. Frank, Simon, Sebastian und Kerstin waren auch schon im Zimmer, die Fänger aus anderen Kommissariaten angefordert hatte.