12 - Katrin Bohnen - E-Book

12 E-Book

Katrin Bohnen

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Beschreibung

Begegnen Sie dem unheimlichen Glasmännlein im Schwarzenwalde, lassen sie sich von freundlichen Wichteln das Weihnachtsfest versüßen und lösen sie das Geheimnis eines brutalen Mordes. Der dritte Kurzgeschichtenband der Kraniche nimmt Sie mit auf eine bezaubernde Reise, in der ein Jahr wie im Flug vergeht. Mit einer Gastgeschichte von Christina Löw.

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Begegnen Sie dem unheimlichen Glasmännlein im Schwarzenwalde, lassen Sie sich von freundlichen Wichteln das Weihnachtsfest versüßen und lösen Sie das Geheimnis eines brutalen Mordes.

Der dritte Kurzgeschichtenband der Kraniche nimmt Sie mit auf eine bezaubernde Reise, in der ein Jahr wie im Flug vergeht.

Als Gastautorin haben die Kraniche Christina Löw gewinnen können, die Sie zu der Geburtstagsfeier einer Sphinx einlädt.

Inhalt

Januar

Wenn Märchen wahr werden

Kerstin Radermacher

Februar

Schwarzenwalde

Katrin Bohnen

März

Die Erinnerung im Wald

Fabienne Siegmund

April

Aprils Versuch der Veränderung

Christin C. Mittler

Mai

Segen und Fluch

Jörg Neuburg

Juni

Als die Sphinx Geburstag hatte

Christina Löw

Juli

Die Sache mit dem Glück

Katrin

Bohnen

August

Der eine Wunsch

Fabienne Siegmund

September

Der Fluch der Loreley

Christin C. Mittler

Oktober

Heinzelmännchen

Kerstin Radermacher, Fabienne Siegmund

November

Bisibal

Kerstin Radermacher

Dezember

Die Überraschung

Jörg Neuburg

Die Autoren

Januar

Wenn Märchen wahr werden

Kerstin Radermacher

Sophie schniefte, wischte sich eine Träne aus ihren eisblauen Augen und warf einen Blick gen Himmel, als sie sich an der Spree entlang auf den Weg nach Hause machte. Dunkle Wolken zogen auf, drohend, ihre Last jederzeit zu entladen.

›Ach, wenn das doch alles Schnee dort oben in den Wolken wäre‹, dachte sie bei sich.

Doch leider würde es wieder nur Regen sein. Es war einfach viel zu warm, das Thermometer zeigte zweistellige Temperaturen an. Und das Anfang Januar! Sophie schüttelte den Kopf und beschleunigte ihre Schritte. Wenn sie sich beeilte, kam sie noch trocken zu Hause an.

Sie seufzte.

Zu Hause, was war das schon. Eine leere Wohnung, die auf sie wartete. So wie jeden Abend. Sie hatte niemanden, war alleine, seit sie nach Berlin gezogen war. Ihr Herz zog sich schmerzlich zusammen, als sie daran dachte, warum sie ihr Heimatdorf verlassen hatte. Sie war der Liebe und des Jobs wegen fortgegangen, doch bereits kurz nach ihrem Umzug war die Liebe verflogen, hatte sich mit einem lauten Knall verabschiedet. Und heute, heute hatte sie auch noch ihren Job verloren. Aus Rationalisierungsgründen, wie ihr Chef ihr erklärt hatte. Das zuvor so blühende und aufstrebende Unternehmen hatte plötzlich mehr und mehr rote Zahlen geschrieben. Und da sie als letzte dort eine Stelle angetreten hatte, war sie nun die erste, die die Firma wieder verlassen musste. Ein Schluchzer bahnte sich seinen Weg aus ihrer Kehle. Sie dachte kurz an ihre frühere Heimat. Doch es gab kein Zurück mehr. Das konnte und wollte sie auch nicht, dafür war sie zu stolz. Außerdem, seit ihre Eltern vor einem Jahr bei einem Unfall gestorben waren, war auch ihr Elternhaus nicht mehr dasselbe für sie, es gehörte nun ihrer älteren Stiefschwester, mit der sie sich nie sonderlich gut verstanden hatte.

Eine weitere Träne, die sich in ihre Augen gestohlen hatte, wegwischend, blickte sie erneut zum Himmel hinauf. Die Wolken waren noch dunkler und tiefer geworden, aus der Ferne war sogar ein leises Grummeln zu hören. Es schien fast so, als ob sich das Wetter ihrer Stimmung anpasste. Ihre Großmutter hatte ihr einmal erzählt, dass dem auch so sei, was Sophie damals mit einem Lachen als Unfug abgetan hatte. Schließlich war beinahe jeder bei schönem Wetter gut gelaunt und deprimiert, wenn es für längere Zeit regnete. Doch ihre Großmutter hatte darauf bestanden und sogar gemeint, dass Sophie wahrscheinlich sogar Schnee riechen könne. Im Januar geboren, fühle sie sich als Winterkind schließlich den eisigen Temperaturen und dem Schnee mehr zugetan als der Hitze eines Sommertages. Als ihr die Worte der Großmutter wieder in den Sinn kamen, sog Sophie die Luft durch die Nase und schnupperte. Doch alles was sie roch, war der Duft von süßen Äpfeln. Sie stutzte und sah sich um. Tatsächlich, der Apfelbaum vor dem Café Ephraims hing voller Früchte!

Soweit war es also schon gekommen, dass Obstbäume im Winter Früchte trugen. Ein Danke an die Klimaerwärmung, dachte sie bitter, als sie der erste Tropfen des Regens im Gesicht traf. Schnell ging sie zu dem Baum, um unter seinen tiefhängenden Ästen Schutz vor dem Regen zu finden. Als sie unter diesem stand, hörte sie unter dem Rauschen des Regens, der auf das Blätterdach prasselte, eine leise Stimme.

»Ach, schüttel mich, schüttel mich, meine Äpfel sind alle miteinander reif.«

Sophie sah sich um, doch niemand war zu sehen. Da vernahm sie die Stimme erneut, sie schien vom Baum selbst zu kommen. Erinnerungen kamen in ihr auf an früher, als ihre Mutter ihr vor dem Zubettgehen immer Märchen vorgelesen hatte. So auch das von Frau Holle. Konnte es denn sein, dass so etwas Wirklichkeit war und nicht nur ein Märchen?

Sophie sah sich vorsichtig um, ob sie jemand beobachtete, doch niemand war weit und breit zu sehen. Dann rüttelte sie zaghaft an dem Stamm. Tatsächlich lösten sich einige Äpfel. Sophie rüttelte erneut, dieses Mal beherzter, und nun lösten sich auch die restlichen Äpfel allesamt und fielen zu Boden, ohne sie jedoch zu treffen. Schnell hob sie die Früchte vom Boden und schichtete sie neben dem Baum auf, als sie ein leises »Danke! So ist es viel leichter!« vernahm.

Sophie lächelte, flüsterte ein »Gern geschehen« zurück und wandte sich ab, um ihren Weg fortzusetzen, da der Regen nachgelassen zu haben schien.

Und tatsächlich, als sie unter dem Baum hervortrat, hatte der Regen gänzlich aufgehört und ein vereinzelter Sonnenstrahl bahnte sich seinen Weg durch die Wolken. Sophie setzte ihren Heimweg beschwingt fort.

Auf der Hälfte des Weges kam sie an einer Bäckerei vorbei, als die Eingangstüre plötzlich wie durch einen Windstoß nach innen aufgestoßen wurde. Sophie hörte aus dem Inneren Stimmen rufen.

»Ach, zieh uns raus, zieh uns raus, sonst verbrennen wir. Wir sind schon längst ausgebacken.«

Sie betrat daraufhin die Bäckerei, dort war aber niemand zu sehen. Als auf ein »Hallo? Ist jemand hier?« keine Reaktion erfolgte, ging sie vorsichtig weiter bis zur Backstube. Auch hier war niemand zu sehen, allerdings hörte sie die Stimmen erneut rufen. Sie schienen aus dem Backofen zu kommen, aus dem bereits leichter Rauch quoll. Schnell öffnete Sophie die Ofenklappe, griff nach dem Schieber, als sie sah, dass im Ofen viele Laibe Brot lagen, deren Krusten bereits knusprig braun waren. Eines nach dem anderen holte sie heraus.

»Hab Dank! Du hast uns gerettet!«, erscholl es vielstimmig, was sie lediglich mit einem »Dafür nicht!« abtat und die Bäckerei mit einem guten Gefühl verließ, nachdem alle Laibe in der Auslage lagen.

Wenn mir jetzt noch eine Kuh begegnet, die gemolken werden möchte, falle ich echt vom Glauben ab. Das ist einfach nur surreal. Sophie musste bei diesem Gedanken schmunzeln. Doch eine Kuh begegnete ihr auf dem restlichen Weg nicht mehr. Dafür sah sie, als sie um die letzte Ecke zu ihrer Wohnung bog, eine alte Frau am Straßenrand vor ihrem Wohnblock sitzen, welche die an ihr vorbei hastenden Menschen um Geld für etwas zu Essen anbettelte.

Als Sophie näher kam, sprach die Frau auch sie an. Sophie hatte Mitleid mit ihr und gab ihr etwas von ihrem Geld, auch wenn sie selbst in Zukunft den Gürtel wohl enger schnallen musste, wenn sie ihre Wohnung behalten wollte. Ihr Gespartes würde nicht sehr lange reichen und sie musste sich jetzt erst einmal um einen neuen Job kümmern. Die alte Frau dankte ihr vielmals und gab ihr für das Geld zwei Kissenbezüge.

»Hab Dank, mein Kind. Gutes wiederfährt demjenigen, der Gutes tut. Hier, bitte nimm im Gegenzug für das Geld diese beiden Bezüge. Ich habe sie selbst gefertigt und sie sollen dein Schaden nicht sein. Gib auf sie Acht und schüttel sie nur bei geöffnetem Fenster. Was dann passiert, wirst du dann schon sehen.«

Dabei zwinkerte sie, was Sophie zwar irritierte, aber nicht weiter beachtete. Sie nahm die Kissenbezüge mit einem Lächeln entgegen und betrat ihr Wohnhaus.

Im 13. Stock in ihrer Wohnung angekommen, empfing Sophie bereits der Anrufbeantworter mit einem hektischen roten Blinken. Sie hörte ihn ab, während sie ihre Kopfkissen mit den beiden neuen Bezügen bezog, hielt aber inne, als ihr gewahr wurde, was sie da hörte.

Ihr Chef teilte ihr mit, dass er sich umgehört habe, da sie ihm leidgetan habe und ihre Arbeit immer zu seiner vollsten Zufriedenheit gewesen war. Bei einem ehemaligen Studienkollegen war in dessen Firma kurzfristig eine Stelle frei geworden und er hatte Sophie empfohlen. Sie solle sich doch bitte dort melden.

Sophie schwindelte. Das schien zu gut, um wahr zu sein. Sollte es so etwas wirklich geben? Ihr fielen die Worte der alten Frau wieder ein.

»Gutes wiederfährt demjenigen, der Gutes tut.«

Glücklich lächelnd fuhr sie mit dem Beziehen der Kissen fort und schüttelte sie auf. Dabei entwichen den Kissen viele Daunen und wirbelten durch ihr Zimmer.

Nein, keine Daunen, Schneeflocken! Sophie staunte, dann lachte sie laut auf.

Schnell lief sie zu ihrem Schlafzimmerfenster, öffnete es und schüttelte die Kissen so fest, wie sie nur konnte, sodass die weißen Flocken schneegestöbergleich durch die Luft wirbelten. Sophie war glücklich. Jetzt gab es doch noch Schnee im Januar.

- Ende -

Februar

Schwarzenwalde

Katrin Bohnen

Man erzählte sich von einem Ort, hoch oben in den Bergen. Umgeben von dichtem Nebel und hohen Wäldern, tiefen Seen und rauschenden Bächen. Ein Ort, wo Geister ihr Unwesen trieben und den sogar Hexen mieden.

Tief verborgen im Schwarzenwald, am Fuße des Feldabergs, lag ein kleines Dorf namens Prägum. Die Menschen dort waren weder reich noch arm, lebten von der Feldarbeit und Glasbläserei.

Auf den ersten Blick schien es ein normales Dorf zu sein, doch etwas Geheimnisvolles, gar Unheimliches umgab das kleine Örtchen. Denn auf dem benachbarten Feldaberg, so sagte man sich, spukte es. Es gab Gletschernymphen, die im ewigen Eis lebten und Lawinen ins Tal stürzen ließen. Kobolde und Wassergeister und ein Wesen, dessen Name Angst und Unheil mit sich brachte. Kaum einer wagte es, den Wald zu betreten und schon gar nicht den Weg bis zum Feldasee zu gehen, denn das war der Ort, an dem die Geister sich des Nachts versammelten.

Die einzige, die sich traute, bis zum See zu gehen, war Eila, die Priesterin des Dorfes. Sie war für den Schutz Prägums verantwortlich. Wagte ein Geist oder Waldwesen, sich dem Dorf zu nähern und sein Unwesen zu treiben, so verbannte die Priesterin ihn in eine Flasche, verschloss diese mit einem Korken und brachte sie zum Feldasee, wo sie mitsamt dem Wesen versenkt wurde.

So geschah es Monat für Monat, Jahr für Jahr. Doch an einem Tag passierte etwas Unausweichliches.

Ein Geist trieb sein Unwesen im Dorf, die Menschen flüchteten in ihre Häuser und blieben dort, bis Eila den Geist gebannt und fortgebracht hatte, so wie sie es immer tat.

Eila hatte eine kleine Tochter namens Dilia. Gerade einmal knapp drei Jahre alt, war sie sehr neugierig und erkundete mit Freude ihre Umgebung. Vor allem den Wald in der Nähe des Dorfes. Wie oft hatte Eila ihr verboten, alleine dort hineinzugehen, und wie oft musste sie ihre Tochter wieder zurück ins Dorf holen. Das Mädchen schien keine Furcht zu kennen.

Jedes Mal, wenn ihre Mutter einen Geist bannte, blieb sie in der Obhut ihrer Großmutter Gila. So auch an jenem Tag. Doch für einen kurzen Moment war die alte Frau unaufmerksam und Dilia nutzte diese Gelegenheit, um durch die Hintertür in den Wald zu laufen. Denn dort hatte sie vor kurzem ihre Mutter hineingehen sehen.

Kaum hatte sie den Rand des Waldes erreicht, umfingen sie Kälte und Nebel. Doch das machte Dilia keine Angst. Mutig setzte sie einen Schritt nach dem nächsten in den Wald hinein. Schwach konnte sie den Umriss ihrer Mutter erkennen und folgte diesem.

Je weiter sie ging, desto dichter und dunkler wurde der Wald. Zudem brach langsam der Abend an. Doch Dilia wusste, dass das Teil des Rituals war. Die eingefangenen Geister mussten bei Nacht im Feldasee versenkt werden, damit der Bannzauber vollständig wirken konnte.

Eila war mittlerweile am Feldasee angekommen. Seit jeher hatten die Bewohner Angst vor dem Bergsee, der wie ein dunkles, schimmerndes Auge in einem tiefen Bergkessel ruhte.

Am Ufer des Sees führte ein kleiner Steg auf das Wasser hinaus. Eila betrat ihn und kniete sich an seinem Ende hin. Sie spürte, dass sie nicht alleine war. Der See lockte andere Geister zu sich, die flüsternd ihren Namen riefen.

»Eila….Eila...Sieh uns an. Dreh dich um...«

Würde sie auf die Stimmen hören und sich umdrehen, so würde sie selbst in den See gezogen werden. Deshalb durfte sie es unter keinen Umständen tun. Eila verbannte die Stimmen aus ihren Gedanken und konzentrierte sich allein auf die Verbannung. Sie holte die Flasche mit dem Geist hervor und begann die letzten Worte zu sprechen, bevor sie die Flasche versenken würde. Plötzlich mischte sich unter die flüsternden Geisterstimmen eine ihr sehr wohlbekannte Stimme. Eine Kinderstimme. Sie erkannte diese Stimme sofort. Es war die ihrer kleinen Tochter Dilia.

»Mutter, Mutter. Spielen!«, rief sie mit ihrer fröhlichen, unbekümmerten Art.

Erschrocken und überrascht drehte sich Eila um, was ein fataler Fehler war. Das letzte, was Eila sah, war das erst fröhliche Gesicht ihrer Tochter, dann formten sich Schrecken auf ihren kindlichen Zügen.

Eila spürte nur noch, wie Hände sie an Armen und Beinen packten und in den See zogen. Danach war alles ruhig. Der See lag still im Schatten der Nacht, als wäre nie etwas passiert.

Dilia fand man schlafend einige Stunden später am See. Als ihre Großmutter bemerkt hatte, dass sie verschwunden war, war das ganze Dorf zur Suche aufgebrochen. Da Gila früher ebenfalls Priesterin gewesen war, kannte sie den Weg zum See und konnte ihn so den Bewohnern zeigen. Von Eila fehlte jedoch jede Spur. Nicht mal ein Kleidungsstück oder Gegenstand war zurückgeblieben.

Doch die alte Frau konnte sich denken, was passiert war. Warum Eila verschwunden war. Immerhin kannte sie die Regeln des Rituals.

Sie beschloss, dem Mädchen nichts von diesem Tag zu erzählen, falls sie sich überhaupt daran erinnern würde. Wie könnte sie damit leben, dass sie Schuld am Tod ihrer Mutter hatte. Diese Schuld wollte Gila ihr nicht auferlegen.

Vorsichtig hob sie das Mädchen hoch und zusammen mit den anderen Dorfbewohnern machte sie sich auf den Weg zurück ins Dorf. Zuvor bat sie die Bewohner, nie ein Wort über das Geschehene zu verlieren. Mit einem stummen Nicken bejahten sie die Bitte.

Sechzehn Jahre vergingen.

Die Großmutter zog Dilia wie ihr eigenes Kind auf und lehrte sie alles, was man als Priesterin wissen musste. Seit einem Jahr nun vollzog Dilia die Rituale alleine.

An den Tag vor sechzehn Jahren konnte sie sich nicht erinnern. Die Bewohner hielten ihr Versprechen, die Geschehnisse mit keinem Wort zu erwähnen. Gila hatte ihr erzählt, dass ihre Mutter unglücklich gefallen sei und im See ertrunken wäre. Jede Hilfe sei zu spät gekommen.

Es war Februar. Kälte und Eis umhüllten Schwarzenwald wie einen dicken Mantel. Bäche waren zugefroren, Frost überzog die Bäume und Wiesen und ließ sie weiß erstrahlen. Die Winter waren sehr langwierig und bitterkalt. Eine Zeit, in der Mensch und Tier wenig hatten und auf den Frühling hofften.

In diesen Tagen verließ kaum ein Dorfbewohner seine Hütte, außer er musste. Diese Zeit nutzten Gila und Dilia stets, um neue Kränze zum Schutz des Dorfes zu flechten. Dazu wurden Zweige von Johanniskraut geflochten und dann über die Türen gehangen, um sich gegen Einflüsse böser Geister zu schützen. Währenddessen saßen die beiden immer an der Feuerstelle und unterhielten sich.

An einem dieser Tage bemerkte Gila:

»Dilia, die Flaschen zum Bannen der Geister gehen langsam zur Neige. Würdest du bitte zur Glashütte gehen und neue kaufen?«

»Natürlich Großmutter. Die übliche Menge?«, fragte Dilia.

»Bitte. Mach dich rasch auf den Weg. Du weißt, es ist ein gutes Stück und der Abend kommt im Winter früh. Sieh zu, dass du vor Einbruch der Dunkelheit wieder im Dorf bist. Und bitte sammle noch etwas Feuerholz auf deinem Weg ein, unseres geht bald aus.«, bat sie Dilia und reichte ihr die Hutte, einen geflochtenen Rückenkorb, und ein großes Wolltuch. »Sei vorsichtig«, mahnte sie noch, wie immer, wenn Dilia in den Wald musste.

»Und trägst du deine Kette?«, hakte die Großmutter nach.

»Natürlich. Mach dir nicht so viele Sorgen«, lächelte Dilia wissend und machte sich auf den Weg zur Glashütte.

Sie griff an das Amulett an ihrem Hals. Als Kind hatte ihr Gila zum Schutz vor bösen Geistern eine Kette aus Silber geschenkt, in deren Anhänger die Beeren von Misteln gefasst waren.

Kaum war Dilia aus der Hütte getreten, umfing sie die kalte Februarluft. Sie schlang das Wolltuch enger um ihre Schultern und setzte die Hutte auf.

Die Glashütte lag mitten im Wald, aber der Weg war ihr gut bekannt und nach fast zwei Stunden kam sie bei der Hütte in der Nähe eines großen Baches an. Um die Hütte herum war der Wald schon ein Stück gerodet worden. Die Holzstämme von Buchen, Fichten und Tannen lagen gestapelt neben der Hauswand. Zur Herstellung von Glas brauchte man viel Holz. War ein Waldstück nicht mehr ertragreich, zogen manche Glashütten weiter.

Meister Greinert gehörte zu den kleineren Glasbläserfamilien in der Gegend, war deshalb aber nicht weniger bedeutungsvoll. Je näher sie ans Haus trat, desto mehr spürte sie die Hitze des Ofens innerhalb des Hauses. Sie klopfte an die Tür und nach einem kurzen Moment öffnete ihr ein Junge von vielleicht zehn Jahren. Es war der Jüngste der drei Greinert-Söhne.

Dilia lächelte den Kleinen an.

» Guten Tag, Anton. Kann ich bitte mit deinem Vater sprechen?«

Der Junge nickte und rannte ins Innere der Hütte, in der die Hitze stand. Sie blickte hinein. Im hinteren Teil erkannte sie den großen Ofen, in dem Glas gebrannt wurde. Werkzeuge und Tische mit fertigem Glas standen in der Nähe. Im vorderen Teil lebte die Familie. Betten, ein Tisch und eine Kochecke befanden sie nahe dem Eingang. Die zwei älteren Söhne waren gerade dabei, Glas zu blasen. Dazu drehten sie die Stange, an dessen Ende sich die heiße Glasmasse befand, immer wieder und pusteten hinein, damit sich langsam eine Form bildete. Danach wurde die Masse wieder in dem heißen Ofen erhitzt und der Vorgang wiederholt, bis die gewünschte Form und Größe zustande gekommen war.

Nach kurzem Warten kam das Oberhaupt der Familie Greinert an die Tür und begrüßte Dilia.

»Guten Tag, Fräulein Dilia. Brauchen Sie wieder ein paar Flaschen?«

»Guten Tag, Meister Greinert. In der Tat. Die übliche Menge bitte«, bestätigte Dilia.

»Natürlich, einen Moment«, antwortete Meister Greinert, wandte sich ab und kam nach ein paar Minuten mit der gewünschten Anzahl Glasflaschen zurück. Diese verstaute Dilia sorgfältig in ihrem Rückenkorb. Die Flaschen zum Bannen von Geistern waren etwas anders als die üblichen. Zusätzlich zum üblichen Quarzsand gab man noch zermahlene Salzkristalle aus einer Tropfsteinhöhle hinzu. Die Zweige der Misteln wurden ebenfalls als Brennmaterial verwendet. Später wurde in die Flaschen noch ein Kräuter-Salz-Gemisch gefüllt, um den Geist in der Flasche zu halten.

»Haben Sie vielen Dank«, bedankte sich Dilia beim Meister und reichte ihm die übliche Bezahlung in Münzen.

Dilia und ihre Großmutter wurden von der Kirche für ihre Dienste bezahlt. Reich wurden sie davon nicht, aber es war genug, um davon zu leben und die nötigen Gegenstände für die Rituale und Schutzzauber zu kaufen.

Dilia verabschiedete sich von Meister Greinert, machte sich wieder auf den Rückweg, sammelte hierbei noch das erbetene Holz für den Kamin ein und erreichte kurz vor Einbruch der Dunkelheit das Dorf.

Gila hatte bereits das Abendessen gekocht. Eine Gemüsesuppe, dazu ein Stückchen Brot. Wie sehr freute sich Dilia auf die warme Suppe. Die Kälte steckte ihr noch in den Knochen.

Nach dem Essen setzten sich die beiden Frauen wieder an die Kränze und Dilia bestückte die abgeholten Flaschen noch mit dem Kräuter-Salz-Gemisch, ehe sie zu Bett gingen.

So vergingen die Tage.

Das alljährliche Scheibenfeuerfest kam immer näher. Der Tag, an dem die Bewohner des Dorfes den Winter vertrieben und den Frühling willkommen hießen. Sobald es dunkel war, wurde ein großes Feuer in der Mitte des Dorfes entfacht. Die Männer des Dorfes wanderten mit leuchtenden Fackeln einen kleinen, waldfreien Berg nahe des Dorfes hoch. Oben angekommen, entzündeten sie kleine Holzscheiben, die auf Zweige von Haselnusssträuchern gesteckt wurden. Diese wurden dann mit aller Kraft den Berg runter geschleudert. Wessen Stück am weitesten flog, dessen Besitzer wurde Scheibenfeuerkönig. Zudem