2 Leben - 1 Tod - Ingrid G. Schmitz - E-Book

2 Leben - 1 Tod E-Book

Ingrid G. Schmitz

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Beschreibung

Avatare können nicht sterben? Können sie doch! Ein geheimnisvoller Gegenstand, eine verwirrte alte Frau und ihr Sohn, der nicht in der Realität lebt. Die Künstlerin und Hobbyermittlerin Mia Magaloff gerät in einen mysteriösen Kriminalfall, dessen Lösung nicht von dieser Welt ist - sie muss sich in Second Life an die Fersen der Täter heften ...

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Seitenzahl: 389

Veröffentlichungsjahr: 2011

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Ingrid G. Schmitz

2 Leben – 1 Tod

Verlagsgruppe Droemer Knaur GmbH & Co. KG.

Über dieses Buch

Mia Magaloff ist Trödelmarkthändlerin. Sie besucht die alte Frau Schreiber, die ihr einen geheimnisvollen Gegenstand geben will. Mia stellt fest, wie verwirrt und verwahrlost die alte Frau ist, und will schleunigst deren Sohn verständigen. Aber auch Malvin Schreiber scheint wirres Zeug zu reden. Er bewegt sich mit einem Püppchen in einer virtuellen Welt. Nur beiläufig verspricht er, sich um seine Mutter zu kümmern, gibt Mia die Webadresse des Second Life®, damit sie ihn dort einmal besuchen kommt. Mia hat nicht vor, sich auf so etwas einzulassen - muss sie aber. Die alte Frau Schreiber wird ins Krankenhaus eingeliefert und Malvin ist nirgends zu erreichen. Notgedrungen loggt sie sich in die virtuelle Welt ein, um ihn dort zu suchen. Sie erkundigt sich nach ihm und wird gewarnt, er sei ein Betrüger und Heiratsschwindler. Nach einem Tipp, wo er sich in der virtuellen Welt aufhalten könnte, findet Mia ihn tatsächlich: Sein Avatar liegt blutüberströmt im virtuellen Luxushotel Burj Al Arab. Kein Grund zur Besorgnis, wird Mia gesagt, Avatare können nicht sterben – doch Mia ahnt das, was später eintrifft: Malvin wird tot in einem realen Hotelzimmer aufgefunden – vergiftet. Jetzt beginnt die scheinbar aussichtslose Suche nach einem realen Mörder in einer virtuellen Welt.

Inhaltsübersicht

Widmung

Vorwort

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

17. Kapitel

18. Kapitel

19. Kapitel

20. Kapitel

Nachwort

Danksagung

Für ALLE, die neugierig auf das Leben sind.

Vorwort

Dieser Kriminalroman ist der erste seiner Art. Er spielt nicht nur in unserer realen Welt, sondern auch in der virtuellen Welt von Second Life1www.secondlife.com

Nachdem Sie ihn gelesen haben, müssen Sie sich nicht zwangsläufig von der Romanheldin Mia Magaloff und einigen anderen Protagonisten und Orten verabschieden, sondern bekommen die einmalige Gelegenheit, sie in der virtuellen Welt zu besuchen.

Doch was ist eigentlich die Second Life® virtual world?Antworten darauf finden Sie in dieser Geschichte. Gemeinsam mit meiner Heldin Mia Magaloff lernen Sie die aufregende Onlinewelt kennen, gehen mit ihrer Avatarin auf Abenteuerreise und geraten so an einen Mordfall, der zwar in der realen Welt geschieht, aber nur in der virtuellen Welt gelöst werden kann.

1

Der Blick auf die Klingelleiste verhieß nichts Gutes. Wenn der Name ganz oben stand, wohnte die alte Frau Schreiber bestimmt nicht auf Parterre. Direkt nach dem ersten Klingeln knarzte die Gegensprechanlage.

»Wer ist da?«

»Mia Magaloff, die Trödelmarkthändlerin. Ich soll was abholen.«

Stille.

Die Tür öffnete sich mit einem zahnfeindlichen Summen. Ich warf mich nach dem zweiten Fehlversuch, sie aufzudrücken, mit voller Wucht dagegen und stolperte in den Flur. Sofort sah ich hoch ins Treppenhaus. In der letzten Etage beugte sich eine Weißhaarige gefährlich weit über das Geländer. Beinahe hätte ich »Nicht springen!« gerufen, da wich die Alte ein Stück zurück und keifte: »Kommen Sie, schnell! So machen Sie doch voran! Er darf Sie nicht sehen.«

Na, das fing ja gut an. Die Geheimniskrämerin vom Trödelmarkt hatte ihren Verfolgungswahn noch immer im Nacken sitzen. Dabei dachte ich, es wäre dem heißen Wetter zuzuschreiben gewesen, als sie gestern an meinen Stand trat und von diesem Gegenstand erzählte, den ich unbedingt abholen sollte. Ich hatte versucht herauszubekommen, um was es sich dabei handelte, aber sie hatte nur herumgedruckst und gesagt, er sei sehr wertvoll und sie würde ihn mir schenken. Er dürfe nicht länger in ihrem Haus bleiben.

Nun waren geschenkte Sachen grundsätzlich etwas Gutes. Grundsätzlich. Es gab aber auch Dinge, die ich auf einem Trödelmarkt nicht loswurde und die noch nicht einmal in meinen Skulpturen verarbeitet werden konnten. Schließlich bin ich Künstlerin und Trödelmarkthändlerin und keine Müllsammlerin. Wie auch immer, meine Neugier war stärker. Was hatte sie da eben gesagt? Er darf mich nicht sehen? Also, das traf mich jetzt schon.

Ich legte einen höheren Gang ein und schnaubte in die fünfte Etage. Der Zeiger meines Bio-Drehzahlmessers war schon längst im dunkelroten Bereich, als ich oben ankam und in den Wohnungsflur gezogen wurde. Wäre sie keine Fremde gewesen, hätte ich mich hier und jetzt fallen lassen und alle viere von mir gestreckt. So aber durfte ich mir keine Blöße geben und begrüßte Frau Schreiber freundlich ohne Worte, indem ich ihr ausgiebig die Hand schüttelte. Zeit zum Durchatmen.

»Da sind Sie ja endlich, nicht wahr?«

»Ich denke schon«, röchelte ich.  

Die alte Frau schüttelte den Kopf und ging vor ins Wohnzimmer, das man nur an der Couch und dem Fernseher erkannte. Ansonsten hätte man den Raum auch für eine Abstellkammer oder einen Müllabladeplatz halten können. Ich kam mir vor wie in einem Suchspiel. Entdecke die zehn Gegenstände. Nur welche? Ich erkannte leere Schalen von Fertiggerichten, Becher und Trinkflaschen mit irgendwelchen schimmeligen Inhalten und gestapelte, scheinbar ungelesene Tageszeitungen. Kleidung lag wahllos im Raum verstreut. Über der Heizung hing nicht unbedingt die sauberste Wäsche. Die Luft war zum Schneiden. Wenn Frau Schreiber meinte, sie könnte mir ihren Müll schenken, hatte sie sich geirrt. Respekt vorm Alter kannte ich, aber verrückt war ich noch lange nicht.

»Nehmen Sie doch Platz.« Die Alte wischte eine struppige, verflohte Katze vom Tisch, die sich über das Milchkännchen hergemacht hatte und sich die Pfote leckte.

»Kaffee?«

Ich äugte skeptisch zur fleckig braunen Thermoskanne hinüber.

»Machen Sie sich keine Umstände«, antwortete ich.

»Wieso? Er ist schon lange fertig. Mit Milch?«

Ich schüttelte heftig den Kopf und bemühte mich, dabei nicht das Gesicht zu verziehen.

»Wo befindet sich der … Gegenstand?«, fragte ich, um Frau Schreiber abzulenken, und sah mich um. Wenn es wirklich stimmte, dass jemand ihn unter allen Umständen haben wollte, drohte ihr keine Gefahr. Er würde sich hier totsuchen.

Nach unendlich langer Zeit kam Frau Schreiber aus den Tiefen der Müllberge wieder hervorgekrochen. Auf ihren Haaren und an der Kleidung hingen Spinnweben und Wollflusen. Triumphierend hielt die Alte mir eine dickwandige Kartonschachtel entgegen. Auf der Oberseite war mit Bleistift ein Totenkopf aufgemalt. Ach, du Schreck!

»Hier, nehmen Sie. So nehmen Sie sie doch endlich!«

Ich bat sie um eine Sekunde Geduld. Vom Staub kribbelte es in meiner Nase. Ich drehte mich höflich von ihr ab und zog schnell ein Tempotuch aus der Tasche. Dezent trompetete ich hinein. Meine Erleichterung wich sofort, nachdem ich mich wieder der alten Frau zugewandt hatte. In der Hand hielt sie eine zitternde Pistole, die auf mich gerichtet war.

Ich schrie auf.

»Was denn? Was denn?«, fragte Frau Schreiber erschrocken und sah in den Lauf. Den Finger immer am Abzug. »Die tut doch nix. Nur, wenn man …«

Ich schickte ein Stoßgebet gen Himmel und griff beherzt ein.

Ein Schuss löste sich. Ich hielt die Luft an. Der Alten traten die Tränen in die Augen. Schleunigst versuchte ich meinen Verstand einzuschalten. Da ich die Pistole von ihr weggeschlagen hatte, durfte … nein, konnte nichts passiert sein. Das Projektil musste irgendwo anders stecken.

Mit der Waffe wollte ich nichts zu tun haben. Ich hob die Pistole und den Karton vom Boden auf, steckte sie hinein und entschuldigte mich kurz. Auf wackligen Beinen ging ich in die Küche und stopfte die Pappschachtel in einen der Müllberge. Alles andere wäre purer Leichtsinn gewesen.

Frau Schreiber hatte diesen Moment genutzt. Sie suchte wieder etwas. Diesmal hielt sie feierlich einen Stoffbeutel in die Höhe. Mir war nicht nach Feiern zumute. Der Ausbeulung nach zu urteilen, schien das Teil harmloserer Natur zu sein. 

»Hier, dann nehmen Sie das, wenn Sie das andere nicht wollen.«

Ich überlegte, ob ich das großzügige Geschenk annehmen sollte. Zuerst musste ich es auf Harmlosigkeit prüfen und sog tief die Luft ein, bevor ich den Beutel öffnete. Als ich die ovale, verdreckte Metallurne mit dem Griffdeckel sah, atmete ich pfeifend wieder aus.

»Nehmen Sie ihn heraus«, forderte Frau Schreiber mich auf. »Ist er nicht schön?«

»Er? Wer?«

»Na, der … der Dings … der Behälter. Machen Sie ihn auf.«

Ich zögerte. Ich ekle mich so schnell vor nichts, aber wenn ich vom Erscheinungsbild der Wohnung ausging, musste ich mit dem Schlimmsten rechnen.

Ich sah in die aufgerissenen Augen der Alten, die ihre knorrigen Finger knetete. Jetzt zog sie selbst die Urne aus dem Beutel, riss den Deckel hoch und hielt sie mir vor die Nase. Ich hielt die Luft an, blickte hinein … gähnende Leere.

Überraschter hätte ich nicht sein können, wenn etwas drin gewesen wäre. Ich atmete beruhigt aus. Offenbar hatte Frau Schreiber einen schweren Schatten, oder sie war im demenzfähigen Alter.

»Ähm …« Wie sollte ich es ihr schonend beibringen? Die Alte war dazu fähig, mich mit der Urne zu erschlagen oder mich zu beschuldigen, weiß der Geier was weggenommen zu haben, und dann das mit der Pistole ….

»Ähm, Frau Schreiber? Da … da ist nichts drin.«

Ich ging zwei Schritte zurück und wollte mich schnell verabschieden. »Tja … ha, ich muss dann mal wieder.«

»Natürlich ist da nichts drin. Da ist schon lange nichts mehr drin. Man muss ihn nur füllen. Nehmen Sie, er gehört jetzt Ihnen. Vielleicht haben Sie eine bessere Verwendung dafür. Der junge Mann bekommt ihn jedenfalls nicht, auch nicht das andere. Wer hier immer so ungefragt reinkommt und so tut, als sei er hier zu Hause, hat ihn nicht verdient.«

Ich wurde hellhörig. »Ein junger Mann? Ihr Sohn?«

»Ich habe keine Kinder.«

Ich hätte es wissen müssen. Wenn es auf ihren Sohn gemünzt gewesen wäre, hätte er in dieser Wohnung sicher für Ordnung gesorgt. Vielleicht meinte sie den Pfleger, aber auch der würde …

»Haben Sie einen Mann?«, startete ich einen letzten Versuch.

»Was für einen Mann?«

Ich sah mich um. An der Wand, direkt neben der Tür, hingen nicht nur Spinnweben, sondern auch staubige Bilderrahmen. Sie zeigten ein und denselben Jungen in sämtlichen Altersstufen. Ich tippte auf ein Bild, sah sie dabei prüfend an.

»Ja, genau, der, der kommt hier immer rein. Schon seit Jahren. Pfui!« Sie tat so, als würde sie ausspucken. »Wieso hängt der hier seine Bilder auf? Das ist ja eine bodenlose Frechheit. Er will mir wohl Angst einjagen«, zeterte sie und nahm sie nacheinander ab. »Er hat mir auch mal einen Drohbrief geschickt. Jetzt nehmen Sie endlich das Ding.« Sie drückte mir den schweren Eisenbehälter in die Hand. »Er darf ihn nicht sehen. Verschwinden Sie. Bringen Sie sich nicht länger in Gefahr.«

Ich holte meinen eigenen Stoffbeutel hervor und packte die Urne ein. »Haben Sie den Drohbrief noch? Ich kann damit zur Polizei gehen, damit es dem Mann untersagt wird, Sie zu bedrohen. Steht ein Absender auf dem Umschlag?« Was für eine blöde Frage, aber Not macht erfinderisch.

Frau Schreiber verschwand im Schlafzimmer. Ich folgte ihr lieber nicht. Der Sohn sollte sich um sie kümmern. Sobald ich seine Anschrift oder zumindest seinen vollständigen Namen hatte, würde ich ihn aufsuchen und ihm raten, sich für die Mutter professionelle Hilfe zu besorgen.

Da kam sie auch schon wieder zurück und drückte mir den Briefumschlag in die Hand, auf dessen Rückseite unter dem Namen Malvin Schreiber eine Duisburger Adresse stand. Die Alte seufzte erlöst und lächelte breit. In ihrem mit Grünspan besetzten Gebiss fehlte ein Zahn.

»Vielen Dank«, sagte ich artig und hob den Beutel kurz hoch. »Und danke auch für die Urne.«

»Wieso Urne? Das ist ein Eisdings für die … die Tiefkühlung. So was hatte man früher. Da gab es noch nicht diese … diese Eismaschinen. Also, gehen Sie gut damit um.«

Ich nickte mitleidig und gab ihr, mehr aus Verlegenheit, meine Visitenkarte: »Falls mal was ist.« Am liebsten hätte ich ihr das Kärtchen im selben Moment wieder aus der Hand gerissen. Erst denken, dann handeln, Mia. Manchmal war ich aber auch zu voreilig!

Da es spät geworden war, fuhr ich auf direktem Wege nach Hause und nicht erst nach Duisburg. Ich wollte diesen Malvin nicht überfallen. Außerdem musste ich mich vom Schock erholen. Erst jetzt wurde mir bewusst, wie unverantwortlich es war, der Alten die Pistole dazulassen. Ach was, sie müsste in den Müllbergen gezielt danach suchen. Mir fiel ein, wie gut sie das konnte. Zurückfahren …? Diese Frau erschoss niemanden, zumindest nicht absichtlich. Überhaupt, sie hatte bestimmt nicht vorgehabt, mich damit zu erschießen. Sie wollte die Waffe nur loswerden. Ja, sicher. Auch was die Wohnung von Frau Schreiber anging, musste ich mich zurückpfeifen. Noch stand ihr der Müll nicht bis zum Hals. Ein Tag länger würde da wohl keine Rolle spielen.

Erst zu Hause öffnete ich den angeblichen Drohbrief und zog den Zettel heraus. Ich las die Sütterlinschrift:

»1 Pfund Butter

1 Brot

2 Liter Milch

Aufschnitt.«

Es war wohl dringender, als ich gedacht hatte. Ich startete den Laptop. Zunächst einmal wollte ich mehr über Malvin erfahren und gab seinen Namen in die Suchmaschine ein. Voilà! Er betrieb eine eigene Website, die schon lange kein Update mehr bekommen hatte. Seine eingestellten Fotos in allen Lebenslagen waren recht passabel und stimmten zum Teil mit denen bei Frau Schreiber überein. Ein gutaussehender Mann, Ende dreißig. In den zahlreichen Selbstbeweihräucherungsberichten fand ich Links zu diversen Foren und las seine Postings. Na ja, recht angeberisch. Aus dem Impressum schrieb ich mir seine Handynummer ab.  

Besetzt. Vielleicht telefonierte er in diesem Moment mit seiner Mutter und merkte selbst, wie dringend sie seine Hilfe benötigte. Ich wollte es später noch einmal versuchen, ihn zu erreichen. Mit einem Glas Wasser und meinem Laptop unterm Arm ging ich in die Kellerwerkstatt. Nach meinem Kunststudium in Düsseldorf und diversen gescheiterten Versuchen, mit meinem studierten Wissen und dem kreativen Talent reich zu werden, war das die einzige Alternative zum riesigen Loft als Atelier. Da hatte ich sehr schnell auf den Boden der Tatsachen zurückkehren müssen. Nun hielt ich mich mit künstlerischen Auftragsarbeiten oder Trödelmarktverkäufen über Wasser. Ein wesentlich entspannteres Leben, also meistens.   

Zurzeit bearbeitete ich die Skulptur für die Hausdame vom Eros-Center. Eine schwierige Arbeit, alles so detailgetreu hinzubekommen. Darauf hatte ich nun wirklich nicht geachtet, wo genau wie viele Äderchen saßen. Ob ich Bodo anrufen und ihn bitten sollte, mir Modell zu stehen? Er hatte was zu bieten. Leider war er auch bei einer anderen Frau großzügig gewesen, wie ich vor drei Jahren herausbekommen hatte. Das verletzte mich damals sehr und führte zur sofortigen Trennung. Nach mehr als zehn Ehejahren war es ein Schock für mich, obwohl es mich nicht hätte wundern sollen. Das hatte ich nun davon, unbedingt meinen attraktiven Traummann heiraten zu müssen. Alles Schöne gehörte einem nie alleine. Zwei Monate traute er sich nicht in meine Nähe, bis ich von Scheidung sprach. Wir trafen uns vor dem Bürohaus des gemeinsamen Rechtsanwalts. Dadurch wollten wir Kosten sparen. Noch heute bin ich froh darüber. Im engen Aufzug nach oben, in die achte Etage, kamen wir uns näher und küssten uns leidenschaftlich. Unsere Hände stießen auf dem Erdgeschossknopf zusammen. Wir ließen den Termin platzen und gingen stattdessen erst einmal Eis essen. Flüsternd schworen wir, uns nie im Leben scheiden zu lassen. Bis heute ist Bodo mein Noch-Mann geblieben.   

Wie kam ich jetzt darauf? Ach ja … Ich schlug erst den Laptop auf und danach eine Pornoseite.

2

Am Frühstückstisch hing ich meinen Gedanken nach. Die Nacht war viel zu schnell vorüber gegangen. Manchmal habe ich den Eindruck, mich gerade erst hingelegt zu haben. Ob es anderen auch so ergeht? Ob es daran liegt, dass ich, je älter ich werde, die Zeit intensiver erlebe? Was ja im Grunde positiv ist, aber das Alter schlechthin bereitet mir Sorgen. Dabei bin ich noch keine 50 und fast faltenfrei, habe nur schlappe acht Kilo Übergewicht. Ich habe mich für Fett statt Falten entschieden, für Kuh statt Ziege, für langes, wallendes Haar statt Bubikopf. Ich stand auf, räumte das Geschirr ab und suchte einen der vier Telefonhörer meiner Anlage.

Nach dem fünften Klingeln bekam ich Malvin Schreiber an den Hörer. Ich gab mich als Bekannte seiner Mutter aus. Zuerst klang er sehr interessiert, aber als er hörte, dass er sich um sie kümmern sollte, seine Mutter dringend Hilfe – nicht nur im Haushalt – benötigte, wurde er muffelig. Nein, muffelig war der falsche Ausdruck, eher abwesend. So, als hätte er sich längst anderen Dingen zugewandt und nur vergessen, den Hörer aufzulegen.

Gegen Mittag stand ich vor seiner Dachgeschosswohnung und klingelte. Ich wusste mittlerweile einiges über ihn. Durch die Fotos bei Frau Schreiber und die Recherche im Internet hatte ich mir ein Bild von ihm machen können. Und das sah so aus: Malvin Schreiber, 39 Jahre, 1,80 Meter groß, 80 Kilo schwer, Brillenträger, dunkles, krauses Haar, braune Augen, gut aussehend. (Quelle: Eigene Angaben und Foto auf seiner Website) Einfacher Angestellter in einem Multimediageschäft. (Quelle: Mitarbeiternennung mit Foto auf der Website des Marktes – war aber schon zwei Jahre her. Er könnte mittlerweile auch woanders arbeiten oder arbeitslos sein.) Hobbys? Privatleben? Würde ich gleich herausfinden.

Die Tür wurde aufgerissen. Gedankenversunken schrak ich auf und wich zurück. Nur was die Größe und die Brille betraf, stimmte mein Bild von ihm überein. Er sah verwahrlost aus in seiner ausgebeulten Nylonjogginghose mit fleckigem T-Shirt. Seine fettigen Haare klebten am Kopf, der Dreitagebart schimmerte blauschwarz. Malvin drehte ab, als ich ihm meinen Namen gesagt und mich als Bekannte seiner Mutter vorgestellt hatte, und verschwand in einem Zimmer. Da ich keine Aufforderung wie »Verschwinden Sie!« bekommen hatte, folgte ich ihm zum Schreibtisch, an den er sich jetzt setzte. Ein Monitor flimmerte darauf, auf dem irgendein Programm aufgerufen worden war. Ich sah eine virtuelle Stadt, in der sich seltsame Püppchen bewegten. Ich war nicht so sehr von ihnen fasziniert wie Malvin, der für nichts anderes einen Blick hatte und nun wild in die Tasten hämmerte. Er lachte auf: »Ha! Idiot!«

»So setzen Sie sich doch«, forderte er mich beiläufig auf und zeigte, ohne hinzuschauen, hinter sich. Doch da war keine Sitzgelegenheit, nur ein mit Alkoholika und Pizzakartons vollbepackter Tisch. Das abgewetzte Dreiersofa war auch nicht dafür geeignet, es an den Schreibtisch zu rücken. Die restliche Wohnungseinrichtung, oder das, was man davon sehen konnte, erinnerte mich sehr stark an die Wohnung seiner Mutter. Da hatten beide offenbar denselben Geschmack.

Auch hier hingen eine Menge Fotos an der Wand. Sie zeigten Malvin als Erwachsenen. Auf jedem Foto hielt er eine andere Frau im Arm. Das überraschte mich. Im Internet hatte ich keinerlei Hinweise auf wechselnde Frauenbekanntschaften, auf Frauen im Allgemeinen oder auf eine Familie, noch nicht einmal auf seine Mutter gefunden. Da waren nirgendwo Babybilder, von einem Sohn oder einer Tochter. Als glückliche Eltern grüßen oder so was.

Ich stellte eine vertrocknete Palme auf den Boden und setzte mich auf den Blumenhocker, der solch schwere Gewächse wohl nicht gewohnt war und bedenklich wackelte. Ich vermied es, mich zu dicht neben Malvin zu setzen. Die undefinierbaren Gerüche, die von ihm ausgingen, waren alles andere als die Sinne stimulierend. Trotzdem hätte ich ihm beim Reden gerne in die Augen gesehen, aber das war nicht möglich, da er nur Richtung Bildschirm starrte.

»Sehen Sie diesen Avatar? Das bin ich. Ich kann fliegen und tauchen und Fallschirm springen und noch viel mehr«, erklärte er und grinste zweideutig.

»Ah ja.« Ich sah ihn von der Seite an. Zu gerne hätte ich gefühlt, ob er Fieber hatte.

»Es ist verrückt, was man alles machen kann. Ich werde hier groß rauskommen. Lasse mir gerade ein Luxushotel bauen. Ich habe da eine sehr gute Architektin an der Hand, die dabei ist, mir noch nie Dagewesenes aufzubauen.« Zufrieden kippte er mit dem Bürostuhl nach hinten und ließ sich wieder nach vorn schnellen. Den Blick immer geradeaus.

»Äh, ein Hotel?«, fragte ich. »Für diese Püppchen wollen Sie ein Hotel bauen?« Mir wurde ganz anders. Ich hatte nun zwei Pflegefälle am Hals. Das hatte ich jetzt davon, wenn ich mich überall einmischte. Zu Hause wartete die bezahlte Arbeit, und ich saß hier ehrenamtlich herum und musste mir das anhören. Wen informiert man da zuerst? Das Ordnungsamt oder die Psych KG? Dennoch schaute ich immer öfter zum Bildschirm. Also, rein von der Grafik her war es toll, was ich da erblickte. Keine Frage. Ich sah eine komplette Stadt mit Straßen und Häusern, einer Kirche, Autos, Motorrädern und Figuren, die wie Menschen aussahen und durch die Gegend liefen.

Malvins Püppchen oder Avatar, wie er es nannte, trug eine schwarze Kurzhaarfrisur und wirkte in seinem Nadelstreifenanzug und den schwarzen Schuhen wie ein Manager. Na ja, ein Manager für Püppchen halt. Seine Schritte waren schnell und die Bewegungen fließend. Sah amüsant aus. Ständig schwebte ein Kästchen mit seinem Namen über dem Kopf: Malvin6 Writer. Writer wie Schreiber. War das Zufall oder selbst ausgewählt? Aber wofür stand die 6? Es interessierte mich nicht wirklich. Ich stand auf.

»Also, ich hab nicht viel Zeit.« Ich fand in die Realität zurück. »Es geht um Ihre Mutter. Sie ist in einem schlimmen Zustand, teilweise verwirrt und orientierungslos, und sie meint, Sie hätten ihr einen Drohbrief geschrieben.«

Malvin lachte laut.

»… und ihr Sachen und Geld entwendet.« Na gut, das war jetzt etwas übertrieben, aber ich musste ihn aus der Reserve locken.

Er hörte auf zu lachen und sah mich groß an.

»Die Wohnung ist verkommen und verwahrlost«, fuhr ich fort, »und …«, sieht aus wie diese hier, wollte ich sagen, aber das schenkte ich mir. Das Argument würde bei ihm nicht ziehen.

Malvin merkte noch nicht mal, dass ich den Satz mittendrin abgebrochen hatte. Stattdessen flogen seine Finger über die Tastatur. Die Stuhllehne wackelte im Takt dazu.

»Was machen Sie da?«, fragte ich, mehr ärgerlich als gespannt.

»Ich chatte. Führe gerade eine wichtige Verhandlung mit meiner Architektin. Sie braucht noch einige Informationen über die Texturen, die auf die Wände gezogen werden sollen, und muss wissen, wie der Aufzug gestaltet werden soll.«

»Aufzug? Für die Püppchen? Ich denke, die können fliegen?«

»Ja klar, aber es sieht doch besser aus, wenn man in einem Hotel nicht durch die Gegend fliegt – wenn man sich in der virtuellen Welt genauso verhält wie in der realen. Das macht es doch aus, oder?«

Da sah ich aber schwarz, denn dann würde es schon bald das erste Messie-Hotel der Welt sein. »Sagen Sie mal, wie heißt denn Ihre virtuelle Welt? Was ist das für ein Spiel?«

Malvins Kopf ruckte zur Seite. »Spiel?«, fragte er unangenehm laut. »Das ist kein Spiel. Das ist Second Life, eine virtuelle Welt von Linden Lab. Reality Virtuality, verstehen Sie?«

Ich verstand nur »Zweites Leben«.

»Eine virtuelle Welt mit eigener Währung. Kommen Sie mich mal besuchen, dann zeige ich es Ihnen, und wir können über alles reden. Auch über meine Mutter. Aber jetzt habe ich wirklich keine Zeit dafür.« Er kritzelte die Website-Adresse www.secondlife.com auf einen Notizzettel und wie ich ihn wo finden konnte, dann warf er den Kuli auf die Unterlage und tippte wieder auf der Tastatur herum. »Geradeaus und dann links«, sagte er, ohne den Kopf zu heben.

Ich hatte verstanden. Da war die Tür.

***

Malvin reckte sich nach rechts und zog blind eine Flasche Pils aus dem Kasten. Endlich war er diese Magaloff losgeworden. Er warf nur einen Sekundenblick auf ihre Visitenkarte, die sie ihm klammheimlich untergeschoben hatte, und legte sie beiseite. Künstlerin und Trödelmarkthändlerin … ha! Sie sollte sich da raushalten, und wenn seine Mutter sich weigerte, ihn finanziell zu unterstützen, obwohl sie die Kohle dafür hatte, dann musste sie auch zusehen, wie sie allein klarkam. Er hatte den Öffner im Wust der ungeöffneten Briefe gefunden, hebelte die Flasche auf und trank einen ausgiebigen Schluck.

Noch immer schrieben ihm die dämlichen Frauen, die er über eine Anzeige in der Zeitung kennengelernt und getroffen hatte. Die Weiber regten sich wegen dem bisschen Geld auf, das sie losgeworden waren. Selbst schuld, wenn sie meinten, ihn dafür als Ehemann zu bekommen. Das hatte er ihnen nur versprochen. Versprechen konnte man viel. Aber er musste sich in Acht nehmen vor Antje. Antje: Mittelalter, künstlich aufgetakelt. Ihre blonden lockigen Haare harmonierten nicht mit ihrer Hakennase. Hinter ihrem schmalen Mund lauerte ein zu groß geratenes Gebiss. Die üppige Figur war ihm erst später aufgefallen, da lagen sie bereits im Bett. Das alles hatte ihn nicht so sehr gestört. Dafür war ihr Einfamilienhaus wunderschön, das Boot … der Jeep: phantastisch.

Malvin hatte sich alle Mühe gegeben. Antje war von ihm begeistert gewesen. Sie hatte sich gefreut, endlich einen Mann gefunden zu haben, der nicht auf Äußerlichkeiten achtete, und gestand ihm eines Tages ihre finanziellen Nöte. Das schöne Einfamilienhaus war hoch verschuldet und musste abgestoßen werden, den Wagen musste sie verkaufen. »Schuld daran sind nur die Männer«, hatte sie gejammert. Zu viel habe sie bisher in sie investiert, und sie hätten immer das Weite gesucht, wenn es ihnen zu eng geworden war. Sie sei so froh, dass sie jetzt ihn habe, und sprach von einer gemeinsamen Zukunft. Gemeinsam könnten sie es schaffen, wenn sie wieder ganz klein anfingen.

Wieder klein anfangen? Nicht mit ihm. Er wollte klotzen, nicht kleckern. Einen Kredit lang hatte er es noch mit ihr ausgehalten, danach war es ihm egal gewesen, was aus ihr und dem Haus wurde. War es seine Schuld, wenn sie immer auf denselben Typ Mann hereinfiel?

Nachdem mit Antje Schluss war, hatte er es kurz mit ihrer neuen Arbeitskollegin versucht. Sie war gut gebaut, groß, herrlich jung und naiv. Leider ließ ihr Beruf zu wünschen übrig. Als Auszubildende bei der Stadt verdiente sie nicht viel. Nur einmal hatte er sich mit ihr getroffen. Keine Chance. Für Malvin war das, was sie ihm über eine virtuelle Welt erzählte, tausend Mal interessanter. Gerne hätte er sich noch einmal mit ihr darüber unterhalten, aber als er bei der Verwaltung anrief, kannte man sie dort angeblich nicht. Ihm war nur der Name ihrer Avatarin geblieben.  

Gleich am anderen Tag hatte Malvin es auf eigene Faust versucht und sich in Second Life angemeldet. Auch der Name der Avatarin stimmte nicht. Egal. Er kam zurecht. Hier konnte er herrlich anonym bleiben. Dass es in dieser Welt eine eigene Währung gab, mit der im realen Leben gehandelt wurde, kam ihm sehr gelegen. Auch dass es so viele Frauen in seinem Alter – und sogar älter – gab, die sich gerne mit ihm trafen.

Seine Freundesliste war lang. Ein Paradies für ihn. Er hatte eine Strategie entwickelt, wie er am schnellsten an das Geld der Frauen herankam. Doch was nützte es, wenn es schnell ging, es musste auch ergiebig sein.

Malvin klopfte sich auf die Brust und rülpste heftig.

»So, wollen doch mal sehen«, sagte er und hämmerte auf die Richtungspfeile der PC-Tastatur, führte seinen Malvin6 über den roten Teppich ins virtuelle Luxushotel Burj Al Arab.

Er begab sich direkt mit dem gläsernen Aufzug in die 10. Etage, in die Penthouse-Suite, die er eigens für diesen Zweck kurzfristig angemietet hatte. Bisher hatten ihm seine virtuellen Verabredungen mit Jolie das Konto aufgefüllt, allein durch Komplimente machen oder irgendwelche Liebesschwüre. 30.000 Linden-Dollar waren bisher zusammengekommen. Umgerechnet in Euro war es nicht besonders viel, aber im SL konnte man sich eine Menge dafür leisten, und es war immerhin ein Anfang, eine Übung sozusagen, wie er den Frauen das Geld aus der Tasche ziehen konnte. Das war nicht sein Traum, sondern sein Ziel. Malvin liebte Geld und Luxus über alles. Nur schade, dass er zu wenig davon besaß. Das würde sich bald ändern, und da jeder im Leben das machen sollte, was er am besten kann … Er konnte am besten lügen und … na ja, lügen ging schneller.

Jolie, sein derzeitiges Opfer,war noch nicht da.

Zeit für ihn, seinen Plan zum hundertsten Male zu durchdenken. Zunächst brauchte er dringend Geld für sein Projekt. Vom Burj Al Arab inspiriert, hatte er sich die Masche mit dem Luxushotel ausgedacht. So allmählich war es an der Zeit, das Ding auch fertigzustellen, damit später die Gelder flossen. Mit seinem Zehnsternehotel, das mindestens zwanzig Etagen haben sollte, wollte er die Luxusweibchen anlocken und ihnen seinen realen Reichtum vorgaukeln. Wenn sie sich erst einmal für ihn interessierten, kam er schon mit ihnen zurecht. Ein paar Komplimente über ihre Avatarin, eine zuvorkommende Unterhaltung im Chat, und sie schmolzen dahin. Im Profil sah er, was sie in der virtuellen Welt so machten und in welchen Gruppen sie waren. Besonders wichtig waren Charity-Communities. Er wollte spendierfreudige Weiber. Irgendwann würde er ihnen die drei Zauberworte für Frauen in den Chat schreiben: »Ich liebe dich.« Malvin hatte keine Probleme, es zu sagen. Er war nicht so wie andere Männer, die sich anstellten, als würden sie nach diesen Worten für immer ihre Stimme verlieren.

Er ließ die Weiber reden und reden und … So bekamen sie den Eindruck, er interessiere sich wirklich für ihre Belange. Am liebsten hörte er Geschichten über die Golfszene, den Segelclub oder eine erst kürzlich erlebte Kreuzfahrt. Das signalisierte Vermögen. Eigens dafür hatte er sich mit Broschüren und Katalogen eingedeckt, um mitreden zu können.

Auch Jolie gegenüber hatte er Interesse geheuchelt und öfter nachgefragt. Im Grunde kratzte es ihn nicht, wenn sie Stress mit ihrem Chef hatte oder aber die Frau ihres Bruders fremdging. Seit einer Woche hatte er nicht mehr so aufmerksam zugehört, war nicht so oft mit ihr tanzen gewesen, weil er sich um die anderen, eventuell lukrativeren Frauen kümmern musste, und schon hatten Jolies Zahlungen gestockt. Also war es wichtig, heute einen Schritt weiterzugehen und ihr einen hochoffiziellen Heiratsantrag zu machen – für eine virtuelle Hochzeit versteht sich. Er wollte ihr eine Trauung versprechen, mit allem Pipapo, Trauzeugen, Pfarrer, Ringtausch und so weiter. Malvin kannte sich inzwischen aus. Eine Heirat wie im richtigen Leben. Das schätzten die Frauen an ihm. Er war der Tänzer unter den Nichttänzern, der Heiratswillige unter den Heiratsscheuen. Virtuell war das kein Risiko. Nur das brachte ihn voran und ließ die Kasse klingeln. Danach würde Jolie sich darum reißen, ihn unterstützen zu dürfen, aber auch schon bald die reale Partnerschaft oder Ehe wollen. Spätestens dann musste er die Notbremse ziehen und sich wieder einen anderen Goldesel suchen, denn so allmählich brauchte er den harten Euro, damit sie ihm nicht den Internetanschluss und das Telefon abstellten.

Verdammt, wo blieb Jolie denn nur?

Wenn es hier auch unendlich viele Möglichkeiten gab, auf ehrliche Art und Weise weiterzukommen, und sogar Firmen ihr Business betrieben, so wollte er es lieber auf die schnelle Tour probieren. Er war zwar nicht der Schlaueste, aber die anderen, die sich ihr bisschen Geld durch tagtägliches Schuften für nimmersatte Chefs verdienten, auch nicht. Da war ihm das mit Weibern lieber.

Als sei es ihr Stichwort. Jolie hatte sich endlich eingeloggt. Das blaue Feld unten rechts auf dem Monitor poppte auf. Gleich müsste sie vor ihm stehen. Er ging mit Malvin6 ein wenig hin und her, damit dieser nicht einschlief.

Was Malvin im realen Leben mit seinen Inseraten und den Treffen der Frauen angefangen hatte, führte er in der virtuellen Welt fort. So hatte er das Geld für die teuren Annoncen gespart. Wie weit er damit kam, blieb abzuwarten. Er war außerdem nicht abgeneigt, sich mit seiner Second-Life-Bekanntschaft im realen Leben zu treffen, vorausgesetzt, es sprang genügend dabei heraus.

Jolie kam zur Tür herein.

Malvin griff zur Flasche, trank in hastigen Zügen, sah, wie Jolie sich direkt vor seinen Avatar stellte.

»Hallo, Schatz. Wow!«, begrüßte sie ihn im Chat.

Ja, er hatte sich in Schale geworfen. Er trug einen dunkelblauen Nadelstreifenanzug mit weißem Hemd und weißer Krawatte. Gut, dass die Dinger hier nicht abnutzten. Jolie sah heute auch wieder toll aus. Sie hätte im wirklichen Leben spielend eine Misswahl gewonnen. Sie hatte lange blonde Locken, eine traumhafte Figur, mindestens Körbchengröße Doppel-D und Klamotten, die direkt aus dem Hause Lagerfeld zu kommen schienen. Zu gern hätte er sie jetzt real gesehen, ihre strahlenden Augen und ihr überraschtes Gesicht. Damit hatte sie bestimmt nicht gerechnet, dass er ausgerechnet heute um ihre Hand anhielt. Wie sie in Wirklichkeit aussah, wusste er nicht. Bisher hatte sie es vermieden, ihm ein Foto von sich aus dem wirklichen Leben zu schicken. Auch egal, wer dahintersteckte, Hauptsache, die Kohle kam.

Jolie verschränkte die Beine, sah devot nach unten. Im Chat erschien ein Befehl, den Malvin bestätigen musste. Jetzt umschlangen sich Jolie und Malvin6 und küssten sich.

Malvin am PC verdrehte derweil gelangweilt die Augen. Er fuhr mit einer Hand in seine Polyesterhose und kratzte sich. Dabei rollte er mit dem Bürostuhl ein Stück nach hinten.

»Mach voran!«, stöhnte er in Richtung Monitor in der Gewissheit, dass sie es nicht hören konnte.

Oh, Honey, hast du mir etwas zu sagen?, las er im Chat. Mit einem Sprung saß Jolie auf der Kante des Doppelbetts, hatte die Arme in freudiger Erwartung zu ihm ausgestreckt. Malvin6 fiel in seinem besten Anzug auf die Knie und hielt ihre Hände. Malvin im Jogginganzug hingegen sah auf den Zettel, den er sich aus dem Internet ausgedruckt hatte. Er schrieb den ersten der zehn besten Heiratsanträge in den Chat und musste ihn nur noch auf die virtuelle Welt ummünzen. Es dauerte eine Ewigkeit, er verrutschte in der Zeile, aber egal. Sie würde so oder so ja sagen, das wusste er genau. Vielleicht konnte er am Ende die Frage, die viel wichtiger war, geschickt einbauen. Die Zeit drängte.

Also fasste er sich kurz: Und so frage ich dich, liebste Jolie Winter, möchtest du mit mir gemeinsam durch die virtuelle Welt gehen, bis ans Ende unserer Pixeltage, in guten und in schlechten Grafiken immer an meiner Seite bleiben und mir mein Luxushotel finanzieren, dann schreibe ein großes »Ja« in den Chat.

Mist, das hörte sich ganz nach einer kirchlichen Trauung an. Ob er da was verwechselt hatte? Egal, jetzt war es raus. Malvin rülpste, beugte sich gespannt nach vorn.

Malvin! Du nimmst die Sache nicht ernst genug. Was soll das mit dem Geld? Jolie sprang auf. Das hast du also nur gewollt! Habe ich nicht genug für dich getan? In Wirklichkeit liebst du mich gar nicht. Das lasse ich mir nicht mehr bieten.

Nein, nein, reg dich ab, war ein Scherz, schrieb Malvin. Warte, ich schicke dir schnell ein Foto von mir, dann weißt du, wie ich aussehe und dass es sich lohnt, mit mir zusammen zu sein.

Aber da war Jolie schon verschwunden. Warum stellte sie sich so zickig an? Er schickte ihr rasch eine Instant Message hinterher, schrieb etwas von seiner neuen Geschäftsidee und dass er sie auch davon profitieren lässt, wenn er das große Geld damit verdiene. Dann schob er sein Foto in ihr Profil. Es dauerte eine ganze Weile, bis eine Reaktion kam.

Auf Malvins Monitor sprang ein blaues Feld auf. Die Animation: Ich habe dich gewarnt! Die Alternative: Behalten – Ablehnen.

Malvin klickte auf Behalten und sofort auf schließen, bevor sie sich richtig öffnen konnte. Für heute hatte er die Schnauze voll. Ausloggen. Er wollte die Zeit nutzen, um endlich einmal zu duschen. Wenn er sich danach gründlich rasierte, könnte er ein paar neue Digitalfotos von sich machen. Die würde er den Frauen als Entscheidungshilfe ins Second Life schicken, denn so, wie die Lage aussah, musste er sich wieder nach einem neuen finanzkräftigen Opfer umsehen.

3

Auf der Rückfahrt von Malvin Schreiber folgte ich aus gutem Grund den Hinweisschildern zum Hauptbahnhof. Ich war schon lange nicht mehr in Duisburg gewesen. Die Stadt hat ein ganz besonderes Flair, auch der Menschenschlag ist ein ganz besonderer, freundlich und natürlich. Das Herz am rechten Fleck, eben echte Kumpels, sagte man. Zugegeben, wenn ich genau überlegte, kannte ich keinen einzigen Duisburger, bis auf Malvin … aber so waren bestimmt nicht alle. 

Nach peinlichen zwei Minuten hatte ich am Zeitungskiosk im Bahnhof endlich das bekommen, was ich so dringend brauchte. Zufrieden ließ ich es unter meinem T-Shirt verschwinden und setzte die Heimfahrt fort.

Ich schwenkte rasant in meine Hofeinfahrt ein. Der wilde Wein hatte es fast geschafft, die Seitentür zuzuwuchern. Bald kam ich nicht mehr in meinen eigenen Garten. Ein sicheres Zeichen dafür, dass ich mich mehr um meine Belange und Bereiche kümmern sollte und mal wieder mit der Gartenschere arbeiten musste.

Aber nicht heute. Ich zog mich aus und ließ im herrlich duftenden Schaumbad meine Seele baumeln. Versuchte so, alle Schreiber oder Writer dieser Welt zu vergessen und an den einen Bodo dieser Welt zu denken.

Seit unserem Scheidungsversuch, der glücklicherweise mächtig misslang, hatten wir die ideale Lebensform für uns gefunden. Niemand war dem anderen Rechenschaft schuldig. Jeder konnte tun und lassen, was er wollte. Wir lebten voneinander getrennt in unseren Wohnungen und besuchten uns nur sporadisch. Wie wir Lust dazu hatten. Das belebte unsere Treffen ungemein - auch in der zwischenmenschlichen Beziehung. Ansonsten gab es keine Fragen, wer wann wo war und mit wem was und ob überhaupt etwas gemacht hatte. Vorbei war die Zeit des gegenseitigen Anödens, der Kompromisse schließen, der immer wiederkehrenden Vorwürfe, man habe wieder nichts im Haushalt gemacht, das Essen stünde immer noch nicht auf dem Tisch.    

So erinnerte ich mich auch gerne an unser Treffen vor einer Woche - ja, auch an die Nacht mit ihm. Er hatte mich mit einem perfekten Dinner verwöhnt, für das er von mir zehn Punkte bekam. Vorspeise und Hauptgericht waren ein kulinarisches Gedicht, der Nachtisch ein Traum, der nicht am Tisch eingenommen worden war und im wahrsten Sinne des Wortes den Höhepunkt des Abends ausmachte. Beim Glas Prosecco danach erwähnte er beiläufig, dass er für mindestens vier Wochen geschäftlich nach China müsse. Früher hätte ich ihm diesen unpassenden Moment nicht so schnell verziehen, heutzutage lächelte ich nur weise darüber.

Mein Handy vibrierte auf der Ablage. Selbst schuld, warum hatte ich es nicht in meiner Handtasche gelassen? Ich versuchte es mit Ignoranz, dafür hatte es aber nichts übrig. Es konterte mit langsamem Heranvibrieren an den Badewannenrand, bereit, sich todesmutig in die Unterwasserwelt zu stürzen. Ich erwischte es gerade noch rechtzeitig auf dem Weg dorthin.

»Magaloff.« Es sollte nach einem »Du störst – häng ein« klingen.

»Hallo, Frau Magaloff?«

»Ja, genau.« Es hatte wie ein Bellen geklungen.

Stille. Ich musste freundlicher werden. Vielleicht war es ja ein sensationeller künstlerischer Auftrag. Der Stimme nach zu urteilen, konnte es ein Mann oder eine Frau sein.

»Hallo?«

»Ja, hallo? Magaloff hier.« Hoffentlich gab das heute noch was.

»Ah, jetzt höre ich Sie. Bethesda-Krankenhaus, Mönchengladbach. Schwester Martina am Apparat. Ihre Mutter ist soeben bei uns eingeliefert worden. Sie ist aber wieder auf dem Wege der Besserung. Dennoch möchten wir sie 48 Stunden zur Beobachtung hierlassen. Es wäre gut, wenn Sie ihr morgen oder so ein paar Sachen bringen könnten. Zimmer …«

Beinahe hätte ich das Handy fallen lassen. War das ein Anruf aus dem Jenseits? Oder womöglich aus einer virtuellen Welt? Ich sprang aus der Wanne und löste eine Überschwemmung aus.

»Hören Sie, das muss ein Irrtum sein. Meine Mutter lebt schon lange nicht mehr.«

»Hm, seltsam. Frau Hildegard Schreiber ist nicht Ihre Mutter? Sie hat es uns aber gesagt, dass … und ich habe Ihre Visitenkarte bekommen, damit ich Sie …«

Ich stellte mich vor den beschlagenen Spiegel, begann ihn mit dem Handballen an einer Stelle frei zu wischen und sah mich nun mit hochrotem Kopf sprechen: »Ich kümmere mich darum und verständige den Sohn von Frau Schreiber. Wie war noch mal die Zimmernummer?« Ich notierte sie auf dem Beschlagenen und verabschiedete mich. Danach drückte ich auf das rote Hörersymbol, holte aus, Richtung Wanne. In letzter Sekunde begnadete ich mein Handy, es konnte ja nichts dafür.

So oft ich es auch versuchte, Malvin ging nicht ans Telefon. Noch einmal nach Duisburg zu fahren und den teuren Sprit zu verpuffen, nur um wie wild an der Haustür zu klopfen und nicht aufgemacht zu bekommen, kam nicht in Frage. Auch ich musste sparen. Bei den Spritpreisen. Das neue Wirtschaftswunder hatte ich nicht mitbekommen, erst als von der Regierung verkündet worden war, dass es vorbei sei. Nein, in puncto Malvin blieb ich eisern, außerdem war die alte Frau Schreiber ja wieder auf dem Wege der Besserung. Bei diesem Gang störte man besser nicht. Ich würde es heute Abend noch einmal bei Malvin versuchen oder seine Handynummer direkt Schwester Martina geben. Warum hatte ich das nicht sofort gemacht? Ich griff zum Hörer. Ach was, morgen reichte. Mehr konnte und wollte ich in diesem Moment nicht tun.

Ich zog mir den Blaumann an und ging in den Keller, in die Werkstatt. Das Heftchen vom Duisburger Kiosk nahm ich mit nach unten. Auf den Internet-Pornoseiten war ich zwar fündig geworden, aber je größer ich die Fotos zog, desto pickeliger – nein, pixeliger – wurden sie. Außerdem wollte ich Bodo später das Heft zeigen und dafür nicht einen Laptop mit ins Bett nehmen.

Ich grinste. Es war mir nicht leichtgefallen, ein Pornoheft zu kaufen, obwohl ich absolut nicht prüde bin und man mich am Kiosk nicht kannte. Immer wieder hatte ich betonen müssen, Künstlerin zu sein, es zu reinen Recherchezwecken zu gebrauchen, aber der lüsterne Blick des Kioskbesitzers hatte Bände gesprochen. Vorbei. Jetzt war ich nur noch neugierig, was mich erwartete.

Erst blätterte ich langsam und dann immer schneller. Donnerwetter! Meine Skulptur, die die vierfache Größe vom Original erreichen sollte, war eindeutig zu klein gewählt. Nur gut, dass ich noch mehr Rohlinge besaß. Leicht auf- und angeregt nahm ich eine Flasche Bier aus dem Werkstattkühlschrank und blätterte noch einmal zurück. Mein allererstes Pornoheft hatte ich vor 26 Jahren in die Finger bekommen. Die Darsteller sahen da alle noch ganz anders aus – zumindest die Frisuren.

***

Malvin schloss die Haustür auf und ging direkt durch ins Wohnzimmer an seinen Monitor.  Er hatte die schnellste Lösung für seine Finanzmisere gesucht und war, direkt nach dem Streit mit Jolie, mit dem Zug zu seiner Mutter gefahren.

Bis sich in Second Life alles aufbaute, blieb ihm genügend Zeit, sich umzuziehen. Shit. Er besah sich die eingerissene Knopfleiste, auf der ein paar Blutstropfen zu sehen waren. Das war nicht seine Absicht gewesen. Er hatte seine Mutter nicht schlagen wollen, aber sie hatte sich so gewehrt, ihn wie verrückt angeschrien: »Lass mich leben, lass mich leben.« Malvin musste sie zur Besinnung bringen. Ha! Zur Besinnung. In ihrem Falle nicht möglich, aber still hatte er sie bekommen. Er wollte ihr nicht weh tun, hatte sie auch nicht krankenhausreif geschlagen. Wirklich nicht. Es war ihm nur auf das Geld angekommen. Ihr verdammtes Geld, mit dem sie sowieso nichts anfangen konnte, so durcheinander, wie sie nun mal war. So durcheinander wie ihre Wohnung, die viel schlimmer aussah als seine. Vergeblich hatte er im Müll nach den Hundertern gewühlt und die Suche sehr schnell abgebrochen, nachdem er die paar läppischen fünf Euroscheine gefunden hatte – in der Zuckerdose – 15 Euro.

Malvin ging in den Flur und holte die Tüte mit dem Plastikflaschenbier, das er von den restlichen Euro gekauft hatte. Ein Großteil vom Geld … Ha! Großteil … war für die Rückfahrt draufgegangen. Nichts verdient. Er soff eine Flasche auf ex, rülpste wie ein Elch in der Brunftzeit und sah wieder zum Monitor.

Langsam beruhigte er sich wieder. Die vertraute Landschaft um ihn herum, die geschäftigen oder tanzenden Avatare auf der Kölner Domplatte, die ihn mit einem Welcome back begrüßten, stimmten ihn friedlich. Bevor er zu seiner Mutter gefahren war, hatte er sich hier umgesehen. Nun wollte er die Besichtigung fortsetzen. Der Kölner Dom entsprach so ungefähr der Größenordnung, die er für sein zweites Hotel vorgesehen hatte. Die Idee wollte er den Berlinern anbieten, gegen Kohle natürlich. Er brauchte dringend ein zweites Standbein. Wenn er sich allein auf die Weiber verließ, war er verlassen. Diese Geschäftsidee mit dem Dom musste allerdings ausgeklügelt sein. Da hatte er es mit Männern zu tun. Die bekam er nicht so schnell rum. Er durfte sich keinen Fehler erlauben, wenn er ernst genommen werden wollte.

Malvin schrak aus seinen Gedanken auf, als das Telefon bimmelte. Er sah kurz auf das Display, erkannte eine Krefelder Nummer und zog den Stecker aus der Buchse. »Lasst mich in Ruhe!«, rief er in den Raum hinein. »Da könnt ihr lange warten, bis ich dran gehe.«

***

Mein Traum lief mir nach, beim Frühstück, im Supermarkt, im Garten. Immer wieder hatte ich dieselbe Szene vor Augen: Ich starrte auf den Monitor meines PCs und bemerkte zunächst einen leichten, kühlen Luftzug im Gesicht. Wind kam auf. Die Haare wehten. Ich hörte ein dumpfes Grollen aus den Lautsprechern. Der Bildschirm wurde schwarz. Sturm fegte durch mein Zimmer und wirbelte die Briefe und Unterlagen auf meinem Schreibtisch durcheinander. Ein starker Sog entstand. Er zog mich in den Monitor hinein. Ich flog durch einen schwarzen Tunnel – dann war Windstille. Erste Geräusche drangen wattegedämpft an mein Ohr. Ich rappelte mich auf und sah mich um. Ich war im Second Life, in der virtuellen Welt, in einer Stadt am Meer mit Hafen, Häusern, Geschäften, einem Rathaus und einem Hotel. Ich lief über das Straßenpflaster, hob ab zum Fliegen, als sei es das Natürlichste von der Welt. Verzweifelt rief ich: »Malvin, wo bist du? Malvin?« Ich bekam keine Antwort. In jeden Shop ging ich hinein und suchte ihn. Unterwegs kaufte ich ein geblümtes Nachthemd, flog damit zu einem Haus, das sich in einer Art Dschungel befand. Man sah es kaum, es war umrankt von wildem Wein, mit einem winzigen Loch als Einflugschneise. Ich flog hindurch und … schreckte hoch.

Wenn ich rational an die Sache ging, dann wusste ich natürlich, was mein Verstand mir damit sagen wollte. Er wollte sagen: Kümmere dich gefälligst um die alte Frau Schreiber und sage ihrem Sohn Bescheid, dass er ihr die Sachen bringen soll. Oder kauf selbst das Nötigste für die arme hilflose Frau ein, oder nimm etwas von dir mit, aber geh verdammt noch mal zu ihr.

Ich verstand meinen Verstand nicht mehr. Es war ja nicht so, dass ich nichts unternommen hatte. Am Vorabend hatte ich noch einmal versucht, Malvin zu erreichen, und mir heute wieder die Finger wund telefoniert. Meine Rechnung, Schwester Martina einfach Malvins Nummer zu geben, war nicht aufgegangen. Nach vergeblichen Versuchen von ihr, ihn zu erreichen, meldete sie sich prompt wieder bei mir. Sie klagte mir ihr Leid, wie überlastet sie sei, und ob ich nicht noch einmal … Wohl oder übel hatte ich eingewilligt und war sogar heute, zwischen Einkaufen und Gartenarbeit, nach Duisburg gefahren. Ich hatte an Malvins Tür geklopft und Nachbarn gefragt, ob sie wüssten, wo er sei. Hatte Steinchen an die Scheibe geworfen, falls die Klingel ausgefallen war. Ich hatte mir die Lunge aus dem Hals geschrien, bis jemand androhte, die Polizei zu rufen. Sicherlich hätten die, wenn sie einmal da gewesen wären, gleich die Tür eintreten können, aber das fand ich dann doch etwas übertrieben. Diese Aktion war eher etwas für den ersten Verwesungsgeruch, der unter die Türritze hervorkroch. Vielleicht war Malvin diesmal nur einkaufen? Ich steckte ihm einen Zettel mit Namen, Anschrift und Telefonnummer des Krankenhauses in den überfüllten Briefkasten. War er verreist? Mir fiel der Zettel ein, den er mir gegeben hatte. Wenn er nicht in der realen Welt erreichbar war, dann vielleicht in der virtuellen.

Ich stellte mir Kaffee, Kekse und ein Glas Wasser bereit. Flott klickte ich mich durch bis zur englischsprachigen Website von Second Life