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Das Jahr 2075: Die radikale Gleichheitsbewegung "Movement for Optical Justice" (MOVE) wendet sich gegen die ungleiche Verteilung von Schönheit. Attraktive Frauen genössen angeblich unverdiente Privilegien im Berufs- wie im Privatleben. Darum: "Schönheit ist ungerecht." Die Bewegung gewinnt immer mehr Einfluss. Stück für Stück verwandelt sich die Demokratie in eine Gleichheitsdiktatur. Es beginnt mit höheren Steuern und beruflichen Nachteilen für Schöne. Aber schließlich setzt sich der radikale Flügel der Bewegung durch: "über-schöne" Frauen, bezeichnet als "Privileged Beauty", müssen sich einem chirurgischen Eingriff ("Optical Optimization Therapy") unterziehen, der sie weniger attraktiv macht. Das führt zu individuellen Dramen und Verzweiflung, aber auch zu einer entschiedenen Gegenwehr. Die Studentin Alexa, die Angst um ihre Schwester Alica hat und der Journalist Riven leisten Widerstand gegen die Etablierung der Diktatur. Eine ebenso spannende wie aktuelle Abrechnung mit dem Gleichheitswahn, der in der Tradition steht von Romanen wie "1984" und "Brave New World". Und zugleich ein nervenaufreibender Thriller über Neid, die dunkle Seite der Schönheit und die Gefahren einer Gesellschaft, die Ungleichheit als Verbrechen begreift.
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Veröffentlichungsjahr: 2025
Inhalt
Prolog
18 Monate zuvor
Nachwort
Impressum
Prolog
Die 15-jährige Eva gehörte zu den ersten Mädchen, die operiert werden sollten. Viele andere hatten sich durch Flucht oder rechtliche Schritte entzogen, doch Evas Eltern waren einfache Leute. Sie ahnten nicht, welche Gefahr ihrer Tochter drohte. Und selbst wenn sie es gewusst hätten, wäre ein guter Anwalt für sie unerschwinglich gewesen.
Für die Behörden war Eva eine leichte Beute. Sie brauchten ein Exempel. Ein erstes Opfer, um den Widerstand zu brechen und die Eingriffe allmählich zur Normalität werden zu lassen. An einem kalten Morgen, um 6 Uhr, klopfte die Polizei an die Tür. Erst als Evas Eltern sechs uniformierte Beamte mit zwei laserbewehrten Cop-Robotern vor der Tür stehen sahen, allesamt bewaffnet und in robuster Task-Force-Montur, begriffen sie den Ernst der Lage. Aber es war zu spät, und ihre Verzweiflung änderte nichts daran. Der Vater schlug auf die Beamten ein und schrie: »Ihr verdammten Monster! Meine Tochter bekommt ihr nicht!« Die Mutter, weinend vor Hilflosigkeit, griff nach einem Obstmesser und verletzte einen Polizisten leicht. Die Polizei nahm Eva mit – und ihre Eltern auch.
Die Nachbarn, durch die Schreie aufgeschreckt, filmten die Szenerie und streamten sie live ins Netz. In wenigen Stunden explodierte der Protest. »Free Eva! Free Eva!« und »Schönheit ist kein Verbrechen!« hallte es durch die Straßen, Tausende schlossen sich den Demonstrationen an. Auch ehemalige Anhänger von MOVE – wie das Movement for Optical Justice sich jetzt nannte – wandten sich von der Bewegung ab. Zwei junge Frauen, die einst diese Organisation mitgegründet hatten, marschierten mit an der Spitze einer Demonstration für Evas Freilassung.
Die Behörden blieben unerbittlich. Während draußen die Menschen lautstark protestierten, lag Eva schon auf dem Operationstisch eines hermetisch abgeriegelten Gefängniskrankenhauses. Der scharfe Geruch von Desinfektionsmitteln und Medikamenten durchdrang die kalte, sterile Luft. Die behandelnde Ärztin schaute sie an, nur ihre schmalen Augen waren oberhalb der OP-Maske zu sehen. Sie waren dunkel und starrten herab auf Eva, die Erwachsene bisher immer als behütend erlebt und sich nie zuvor so ausgeliefert gefühlt hatte. Festgeschnallt, schrie und wand sich Eva verzweifelt, sie sah das missbilligende Kopfschütteln der Ärztin, dann spürte sie den Einstich einer Spritze.
Als Eva erwachte, brauchte sie einen Augenblick, um sich zu orientieren. War das alles nur ein Albtraum? Doch der pochende Schmerz in ihrem Gesicht ließ keine Zweifel zu. Die ersten zwei Tage traute sie sich nicht, in den Spiegel zu schauen. Doch dann hielt sie es nicht mehr aus und wollte Gewissheit. Mit zitternden Händen blickte sie sehr vorsichtig auf ihr Spiegelbild und hatte augenblicklich das Gefühl, von einem gewaltigen Strudel weggerissen zu werden. Es war kein Albtraum. Sie war in etwas hineingezogen worden, das ganz alltäglich begonnen hatte. Und niemand hätte am Anfang gedacht, dass es so enden würde.
***
18 Monate zuvor
Daxon hörte das gedämpfte Surren des Aufzugs, der direkt in sein Apartment führte. Während die Tür kaum hörbar aufglitt, kämpfte er sich aus der Gemütlichkeit seines weichen Sofas hoch und stoppte mit einer Handbewegung das Hologramm, das unmittelbar vor seinen Augen die abendlichen »Universum News« aus aller Welt präsentierte. Ein rascher Blick auf die Uhrzeit in der unteren Ecke bestätigte ihm, dass Alexa sich wieder einmal verspätet hatte, um eine gute halbe Stunde. Daxon, der sehr viel von Pünktlichkeit hielt, rechnete angesichts ihrer Verabredung zum Dinner zumindest mit einem Wort der Erklärung. Vielleicht hatte sie ja noch ein Gespräch mit einem ihrer Dozenten führen oder eine Gruppenarbeit mit ihren Kommilitonen vorbereiten müssen, oder die Schlange an den Flugtaxis für den Heimweg war diesmal besonders lang gewesen. Aber seiner Freundin war offenkundig nicht nach Reden zumute: »Sorry, mir kam was dazwischen«, meinte Alexa lediglich und ging ohne einen zumindest herübergehauchten Begrüßungskuss, ohne ihr sonst übliches strahlendes Lächeln und ohne jedes weitere Wort in ihr Zimmer. Sie hatte zwar eine eigene Wohnung, war aber so regelmäßig bei Daxon, dass er ihr vor einigen Monaten einen Raum in seinem Penthouse eingerichtet hatte, und den Code zum Öffnen der Wohnungstür besaß sie ohnehin.
Daxon war nicht besonders gut darin, Gesichter zu lesen, zumal er Menschen oft nicht ansah, wenn er mit ihnen sprach. Das war bei ihm kein Zeichen von Unsicherheit, sondern von Konzentration auf andere Dinge. Auch für feine Veränderungen in der Stimmlage hatte er wenig Gespür. Aber diesmal bemerkte er, dass etwas nicht stimmte. War sie sauer auf ihn? Hatte er etwas falsch gemacht? Er grübelte erfolglos, blieb noch einige Augenblicke auf dem Sofa sitzen und sagte sogar »News, Fortsetzung« in Richtung der Smart-Home-Konsole. Kurze Nachrichtenblöcke flimmerten in seinem Wohnzimmer auf: »… erstmals ist die einstige Wüste Sahara der größte Lebensmittelproduzent der Erde … faszinierende Aufnahmen von einem gigantischen Vulkan-Ausbruch auf dem Jupiter-Mond Io … Abbau wertvoller Rohstoffe auf dem Asteroiden Psyche hat begonnen.«
Dann stoppte Daxon mit einem Fingerzeig in Richtung der Konsole das dreidimensionale Bild, erhob sich, ging zu Alexas Zimmer und klopfte. Die Tür glitt auf, Alexa lag auf dem Bett, den Blick an die Decke gerichtet. Dort schaute sie auf Bilder einer in roten Staub gehüllten Wüstenlandschaft auf dem Mars, die langsam an ihr vorüberzogen. Sie sah niedergeschlagen aus. Daxon setzte sich zu ihr auf die Bettkante: »Stimmt etwas nicht? Bist du sauer auf mich?«
»Nein, nein, alles okay«, versicherte sie, aber das okay klang so, als ob gar nichts okay sei. Sie schwieg, und er blieb ebenso stumm neben ihr sitzen. Er kannte das. Alexa wollte in solchen Situationen keine drängenden Nachfragen, sondern brauchte ein wenig Zeit. Immerhin ließ sie es sich gefallen, dass seine Hand nach der ihren suchte. Wenn sie ein Problem hatte, dann offenkundig nicht mit ihm. Nach zwei Minuten des Schweigens schaute sie ihren Freund an: »Findest du auch, dass ich wegen meines Aussehens unverdiente Privilegien habe?«
Alexa war wunderschön. Ihr langes, blondes Haar glänzte, ihre Haut zeigte sich makellos, und ihre Figur war wie aus einem Traum. Ihr Gesicht zeigte harmonische, symmetrische Züge mit weichen, geschwungenen Konturen. Die grünen Augen leuchteten groß und strahlend, mit einem weiten Abstand zueinander. Besonders auffällig erschienen ihre vollen, kräftigen Augenbrauen und ihre zierliche Nase. Manchmal fragte man sie, ob ihre Nase wirklich echt war oder das Ergebnis einer Schönheitsoperation. Doch Alexa ließ nie etwas an sich machen – abgesehen von den Augenbrauen, bei denen sie leicht nachgeholfen hatte. Schon in der Schule zog sie alle Jungen magisch an. Ihre außergewöhnliche Schönheit wirkte auf viele Männer so einschüchternd, dass sie sich nicht trauten, sie anzusprechen.
»Privilegien …?«, fragte er. »Ich verstehe nicht, was du meinst.«
»Ach, vergiss es, war nur eine Frage. Wollten wir nicht heute Abend zum Vietnamesen?« Daxon wunderte sich über den jähen Stimmungswechsel, aber dann nickte er. Ja, das war ihre Verabredung gewesen, zudem verspürte er nicht zuletzt wegen der Verspätung Hunger, und zu ihrem Lieblings-Vietnamesen waren sie nur zehn Minuten unterwegs.
Es regnete in Strömen, und der feuchte Geruch von nassem Asphalt hing in der Luft. Sie hatten keine Lust, auf ein Flugtaxi zu warten. Die waren bei einem solch scheußlichen Wetter regelmäßig ausgebucht. So gingen sie zu Fuß, wobei der Wind dermaßen peitschte, dass sie trotz Schirm ziemlich nass waren, als sie im Restaurant eintrafen. Ein sanftes Aroma von Gewürzen und gebratenem Gemüse strömte ihnen entgegen, als sie durch die Tür traten.
»Hoffentlich ruinieren wir nicht die Polster«, sagte Daxon, vor allem, um ein Gespräch in Gang zu bringen, als sie sich an ihrem gewohnten Tisch niederließen, der von exotischer Dekoration umgeben war: große, üppige Pflanzen in verzierten Töpfen, Laternen mit filigranen Mustern und farbenfrohe Wandgemälde, die Szenen aus tropischen Landschaften zeigten. Alexa reagierte nicht, sie war ungewöhnlich ruhig, und Daxon wusste, dass da noch etwas in ihr arbeitete.
Immerhin, als der Servierroboter den Pomelosalat als Vorspeise an den Tisch brachte, richtete sie sich auf und redete, erst etwas stockend, dann immer aufgeregter: »Heute … in der Uni … Ich war im Seminar zum Thema Vorurteilsforschung. Da hatte ich eine kleine Auseinandersetzung mit Lena. Ich hatte ja schon immer das Gefühl, dass sie mich nicht leiden kann.«
Lena studierte Geschichte und Kulturwissenschaften. Sie kam aus einer Professoren-Familie, beide Eltern waren Hochschullehrer, die Mutter für Chemie und der Vater für Kunstgeschichte, beide sehr angesehen an ihren Fakultäten, und mindestens einer von beiden gehörte ständig dem Board der Universität an. Daxon war Lena Abbot-Caldwell einmal begegnet, sie hatte etwas Verbittertes, ja vielleicht sogar Fanatisches. Ihre Lippen waren schmal und wirkten, als würden sie oft in Unmut zusammengepresst.
»Was war denn los?«, wollte Daxon wissen. Daxon kippelte auf dem Stuhl hin und her, eine seiner vielen Angewohnheiten, die Alexa an ein Kind erinnerten. Ihr war das peinlich, wenn sie beide mit Freunden oder Bekannten unterwegs waren, aber er schien es gar nicht zu bemerken – manchmal trat sie ihn vorsichtig unter dem Tisch zur Erinnerung an seine Eigenheit, aber heute waren sie ja nur zu zweit unterwegs.
Alexa schaute ihn hilfesuchend an: »Sie hat mich vor dem ganzen Seminar wegen meines Aussehens angemacht!«
»Wegen deines Aussehens?! Wie meinst du das? Was hat sie denn gesagt?«
»Na, wir hatten über Privilegien gesprochen und wie Menschen damit umgehen, zum Beispiel solche, die aus einer reichen Familie kommen. Oder Männer, die es einfacher haben im Leben als Frauen …« Daxon erwog an dieser Stelle für einen Moment zu widersprechen, unterließ es aber wohlweislich. »… oder Weiße, die es auch heute noch manchmal einfacher haben als Schwarze …«, und er überlegte, ob Yves, sein engster Sportkumpel aus Kamerun, dem zustimmen würde, hörte dann aber weiter Alexas Ausführungen zu: »Und da sagte Lena unvermittelt vor dem ganzen Seminar so was wie: ›Alexa, also ich meine das jetzt nicht persönlich. Aber hast du schon mal über deine unverdienten Privilegien nachgedacht und ganz generell über optische Gerechtigkeit?‹ Ich wusste zuerst nicht, wovon sie spricht. ›Optische Gerechtigkeit?‹, habe ich zurückgefragt. Und sie so: ›Na, mit deinem Aussehen bist du eindeutig privilegiert, hast du das nicht mal kritisch reflektiert? Dass du andere dadurch einschüchtern könntest, vielleicht sogar nur unbewusst? Und dass du Vorteile hast im Leben, von Anfang an? Dass du Männer treffen kannst, die andere nie treffen können, dass du Einsamkeit nicht kennst, dass du in der Uni oder im Beruf vielleicht bevorzugt wirst und dass du Privilegien hast als Frau, die dem eigentlich wissenschaftlich längst widerlegten, aber leider immer noch sehr verbreiteten allgemeinen Schönheitsideal so perfekt entsprechen. Hast du noch nie vom ›Schönheitsbonus‹ gehört?‹ … Und alle haben mich natürlich angestarrt!«
Alexa machte eine Pause. Sie wusste um ihr gutes Aussehen, obwohl sie manchmal Selbstzweifel hatte. War ihr Busen wirklich so perfekt, wie die Männer ihr sagten, oder sagten die das nur, um ihr zu schmeicheln? Außerdem hatte sie seit dem Kindergarten an unzähligen Body-Positivity-Workshops teilgenommen. Sie wusste ja, dass man Menschen nicht nach Größe, Gewicht oder Körperform beurteilen sollte. Nur manchmal hatte sie sich gewundert, dass ihre damalige Lehrerin, Frau Dr. de Lusion, am lautesten predigte, niemand habe zu viele Kilos, um nicht doch wunderschön zu sein. Wobei ihr bei anderen Gelegenheiten manchmal beiläufig entfuhr, wie stolz sie auf die ein, zwei Pfund war, die sie in kurzer Zeit wieder einmal abgenommen hatte.
Alexa erzählte Daxon weiter, dass sie nach Lenas Ansage schlicht sprachlos war und nicht gewusst habe, wie sie reagieren sollte. Ethan, ein Kommilitone, der ihr manchmal bei ihren Seminararbeiten half, war ihr dann zur Seite gesprungen. Ethan war ein sehr reflektierter Mensch, allergisch gegen alles »politisch Korrekte«. Er war durchtrainiert, weil er seit Jahren Bodybuilding betrieb, aber sein Gesicht, dessen Attraktivität durch eine gewaltige Nase beeinträchtigt war, schien irgendwie nicht zum modellierten Körper zu passen. Alexa bewunderte Ethan, weil er, im Gegensatz zu ihr, immer schlagfertig war und dabei eine entspannte Souveränität ausstrahlte. »Was soll das, Lena?!«, fuhr Ethan Lena an: »Was ist das wieder für eine Parole? Optische Gerechtigkeit? Ich finde das lächerlich. Was kann Alexa dafür, dass sie gut aussieht?«
»Das ist es ja genau«, meinte Lena, und ihre Stimme wurde schärfer. »Sie kann eben gar nichts dafür, genießt aber Vorteile, genau wie so ein reicher Erbe, der mit dem silbernen Löffel auf die Welt kommt und weiß, dass er später von Papa die Firma erben wird. Wir können hier nicht über Vorurteile und Privilegien sprechen und die optische Gerechtigkeit ausklammern. Verstehst du das nicht? Alexa war nur ein Beispiel.«
Daxon, der sich Alexas Geschichte ruhig angehört und manchmal mit dem Kopf geschüttelt hatte, wusste nicht so recht, was er dazu sagen sollte. Alexa nahm sich manchmal Sachen zu sehr zu Herzen, besonders wenn andere sie kritisierten. Schließlich atmete er tief durch und sagte: »Ach, das ist doch totaler Blödsinn. Die Lena spinnt doch. Wahrscheinlich hat sie wieder irgendein Buch gelesen – so was wie Niemand ist besser als niemand – das ultimative Manifest der Mittelmäßigkeit – und denkt jetzt, sie ist die Botschafterin der Gerechtigkeit. Oder vielleicht war es auch Gerechtigkeit für alle: Warum niemand mehr Freude haben darf als du. Vergiss sie. Lass uns den Abend nicht von so einer Lappalie verderben.«
Daxon sah, dass Alexa weiter über den Vorfall grübelte. »Wollen wir morgen wieder zusammen ins Fitness-Studio?«, versuchte er sie abzulenken. »Weiß nicht«, antwortete Alexa. »Das können wir morgen entscheiden, okay?«
Alexa wusste in vielem zunächst nicht so genau, was sie wollte. Nur in einem war sie sich im Grunde seit ihrer Kindheit sicher gewesen: Sie wollte sich nicht mit einer Durchschnittsexistenz zufrieden geben. Sie wollte etwas Besonderes. Auf keinen Fall wollte sie später einmal in einem Beruf arbeiten, bei dem sie in Routine erstickte.
Stück für Stück hatten sich konkreter werdende Wünsche und Ziele herauskristallisiert: mitzuhelfen, die erste wirklich große Stadt auf dem Mars zu gestalten, und an entscheidender Stelle mitzuwirken, den Mars in eine freundlichere Umwelt zu verwandeln. Eigentlich wollte sie Terraforming oder Marswissenschaften studieren, beide Fächer waren vor rund 20 Jahren entstanden, aber Alexa teilte ihre Träume mit vielen anderen: Es war daher fast unmöglich, einen Studienplatz zu bekommen.
Schon als Schülerin hatte sie jede Dokumentation über den Mars gesehen. Und mit 18 hatte sie beim Public Viewing in New York die Landung des 10000. Menschen auf dem Mars verfolgt, am 20. Februar 2070, genau 100 Jahre und sieben Monate, nachdem das erste Mal Menschen auf dem Mond gelandet waren. Das hätte noch vor 50 Jahren kaum jemand für möglich gehalten, außer vielleicht Elon Musk, der damals sogar das Ziel verkündete, eine Million Menschen zum Mars zu bringen. Nachdem seltene und extrem wertvolle Rohstoffe auf dem Mars entdeckt worden waren, die es auf der Erde und dem Mond nicht gab, hatte dies dazu geführt, dass private Unternehmen gigantische Summen in das Projekt der Marsbesiedlung gesteckt hatten.
Das Ereignis »Mars 10000« war mit sportlichen Wettkämpfen auf dem Mars verbunden und mit einer Show, wie sie die Welt noch nicht gesehen hatte. Besonders beeindruckt hatte Alexa die Übertragung eines Basketballspiels, bei dem die Spieler doppelt so hoch springen konnten wie auf der Erde. Wären ihre Muskeln nicht auf der Reise von der Erde zum Mars – trotz regelmäßigen harten Trainings – zurückgegangen, hätten sie sogar drei Mal höher springen können, weil die Schwerkraft auf dem Mars nur ein Drittel der terrestrischen beträgt. Atemberaubend war der Anblick von Eiskunstläuferinnen, die sich aufgrund der geringeren Schwerkraft und des geringeren Luftdrucks in unglaubliche Höhen schraubten und Sprünge und Pirouetten meistern konnten, die man auf der Erde nicht kannte. Eine junge Sportlerin aus Nigeria, Sune Touré, wurde augenblicklich weltberühmt und zum Top-Model, weil sie, wunderhübsch und gerade erst 16 Jahre alt, einen zwölffachen Rittberger gesprungen und mühelos gestanden hatte. Unterbrochen wurde die Übertragung nur mit Werbung für auf dem roten Planeten geförderte Diamanten und für Mars-Tourismus, unterlegt durch Bilder und Videos vom Olympus Mons, dem höchsten Berg, der mit 22 Kilometer etwa dreimal so hoch ist wie der Mount Everest auf Mutter Erde. Obwohl er sogar der höchste Berg im ganzen Sonnensystem ist, nimmt man ihn als sehr sanft ansteigende Ebene wahr, weil der Vulkankegel sehr flach ist.
Seit diesem Ereignis hatte Alexa den Traum, später einmal auf dem Mars zu leben und als Pionierin mitzuhelfen, eine neue Welt zu gestalten. Sie hatte sich dieses Ziel sogar aufgeschrieben und es sich regelrecht in ihr Unterbewusstsein einprogrammiert. Sie trug ihre Ziele an jedem Silvesterabend in ein »Traumalbum« ein, noch ganz altertümlich mit einem Stift auf Papier, weil sie überzeugt war, sich solche Notizen besser merken zu können, als wenn sie es diktieren würde. Und sie visualisierte ihre Träume. In ihrem Zimmer hingen Bilder vom Mars und seinen Landschaften, die sie als schön empfand, obwohl es dort weder Grün noch Wasser gab. Sie erinnerte sich noch, als ihre einige Jahre ältere Freundin Zoraya, die damals schon Asteroid-Mining an einer der besten Universitäten des Planeten studierte, ihr das erste Mal das Konzept des Terraforming erklärte und sie sofort fasziniert war: »Terraforming ist, wenn man einen Planeten so verändert, dass er für Menschen bewohnbar wird. Stell dir vor, du möchtest den Mars in eine zweite Erde verwandeln, damit Menschen dort leben können, und zwar nicht in Höhlen und geschützten Gebäuden, sondern so wie heute in den kleinen Marsstädten. Dazu müsste man die Atmosphäre, das Wasser und die Temperatur verändern, damit sie wie auf der Erde sind. Das ist eine riesige Herausforderung, weil der Mars eine sehr dünne Atmosphäre und keine flüssigen Ozeane hat.«
»Wie soll das gelingen?«, hatte Alexa eingewendet. »Das ist doch unmöglich.«
Zoraya schüttelte den Kopf: »Früher hielt man das für unmöglich. Aber nachdem die Methode entdeckt wurde, mit Nanopartikeln den Mars zu erwärmen, ist man optimistisch, dass das Terraforming wesentlich schneller geht, als man früher glaubte.«
»Ich verstehe nur Weltraumbahnhof.«
»Ich erklär’s dir ja gerade: Terraforming mit Nanopartikeln nutzt winzige, maßgeschneiderte Partikel, die gezielt chemische Reaktionen auslösen, wie die Bindung von Treibhausgasen oder die Freisetzung von Sauerstoff, und so Atmosphäre, Temperatur oder Bodenfruchtbarkeit anpassen. Man hat schon mit praktischen Experimenten gestartet, und es gibt bereits einen eigenen Studiengang dazu.«
Am Abend nach diesem Gespräch hatte sie Daxon gesagt: »Ich möchte dazu beitragen, dass die Menschheit überleben kann. Irgendwann wird unser Planet wieder von einem Asteroid getroffen, so wie es in der Vergangenheit immer wieder der Fall war. Wir wissen nur nicht, wann es das nächste Mal sein wird. In 1000 Jahren? In 100000 Jahren? Oder schon viel früher? Heute gibt es zwar die zwei kleinen Marsstädte, aber sie könnten ohne die Erde nicht überleben. Irgendwann müssen Millionen Menschen auf dem Mars wohnen, damit im schlimmsten Fall das Überleben der Menschheit dort gesichert ist, auch unabhängig von der Erde. Und eine echte Zukunft werden die nur haben, wenn Terraforming von einem Traum zur Wirklichkeit wird.«
Alexa bekam aber nach ihrem Schulabschluss zu ihrem großen Bedauern keinen Platz an einer Universität mit ihrem neuen Traumfach. Darum studierte sie aus Verlegenheit Geschichte. Die Vergangenheit hatte sie auch schon immer interessiert – allerdings nicht so sehr wie die Vision, dass Menschen den Mars besiedeln. Daxon war beeindruckt von Alexas Zielstrebigkeit. Alexa war 23, Daxon bereits 44. Er war ein erfolgreicher Immobilienmakler und hatte vor einigen Jahren zusammen mit einem Partner ein angesehenes und extrem erfolgreiches Unternehmen gegründet. Manchmal träumten Alexa und Daxon von einem großen Abenteuer: zusammen auf den Mars zu ziehen und dort noch einmal neu durchzustarten. Daxon sah große Chancen für Makler, die Grundstücke in aussichtsreichen Lagen auf dem roten Planeten verkauften, an Investoren oder auch an Spekulanten.
Seitdem es möglich war, Eigentum auf dem Mars zu erwerben, hatte ein regelrechter Hype um diese Grundstücke begonnen. Manche nannten es das »rote Goldfieber«, andere schlicht die größte Blase seit dem Tulpenwahn im 17. Jahrhundert. Die Preise hatten sich binnen sechs Monaten fast verzehnfacht. Die meisten Käufer kauften nicht etwa ein Grundstück, um dort ein Gebäude zu errichten, sondern in der Hoffnung, es einige Wochen oder Monate später zu einem teureren Preis verkaufen zu können. Daxon war ziemlich früh eingestiegen, als die Grundstücke noch billig waren, und hatte sich auch selbst einige Parzellen gesichert.
»Damals sagten die meisten: ›Du bist verrückt‹«, erzählte er Alexa jetzt beim Vietnamesen, während der würzige Duft von Zitronengras und Kokosmilch zwischen ihnen hing. Während der Hauptspeise – gelber Curry mit Garnelen für sie, roter Curry, dessen Schärfe in der Luft förmlich prickelte, für ihn – ließ Daxon die Ereignisse Revue passieren. Das leise Zischen des Woks mischte sich mit dem geschäftigen Murmeln der anderen Gäste.
Nachdem die Preise sich verfünffacht hatten, war er misstrauisch geworden und hatte die Hälfte der Grundstücke auf dem Mars verkauft und dies auch seinen Kunden geraten. Alexa wusste, dass Daxon stolz darauf war, oft genau dadurch eine Menge Geld verdient zu haben, dass er das Gegenteil von dem tat, was die Masse machte. Aber während sie ein Stück Garnele aufspießte und der intensive Duft des Currys sie durchströmte, hatte sie doch Zweifel.
»Glaubst du nicht, dass du zu früh verkauft hast?«, fragte sie und schien froh zu sein, den Zwischenfall mit Lena an der Uni vergessen zu können.
»Mag sein«, meinte Daxon und kippelte wieder auf dem Stuhl. »Aber ich traue der Sache nicht so recht. Manchmal habe ich das Gefühl, fast jeder will irgendetwas auf dem Mars kaufen, so viel wird da in den nächsten 100 Jahren nicht gebaut. Den perfekten Zeitpunkt erwischt man eh nicht. Man kann schon sehr zufrieden sein, wenn man in der Nähe von einem Tief kauft und in der Nähe von einem Hoch verkauft.«
***
Am nächsten Morgen stand ein Seminar über die Geschichte der Raumfahrt von 1970 bis 2020 auf Alexas Stundenplan. Sie konnte gar nicht genug darüber erfahren, zudem beeindruckte sie der Professor. Nathaniel Joffe schien nicht nur alles darüber zu wissen, was im Zeitalter von künstlicher genereller Intelligenz und dem Zugriff aller auf alle Informationen nicht mehr übermäßig beeindruckend war, sondern er analysierte historische Entwicklungen sehr scharf und versah sie mit zukunftstauglichen Szenarien und Perspektiven. Was folgt aus dem, was wir wissen? Und, vor allem, wie erfahren wir das, was wir noch nicht wissen? Joffe hatte viel beachtete wissenschaftliche Werke verfasst. Er setzte sich das Ziel, anhand der Raumfahrt aufzuzeigen, dass der Kapitalismus anderen Wirtschafts- und Gesellschaftssystemen überlegen war. Joffe war genauso alt wie Daxon, und Alexa fand ihn ebenfalls ziemlich attraktiv. Er war sehr groß, mit breiten Schultern, vollem dunklen Haar und Augen, die in einem Blau leuchteten, wie sie es noch nie gesehen hatte.
Manchmal glaubte sie, dass auch sie ihm gefiel. Irgendetwas an seinem Verhalten ihr gegenüber wirkte anders als bei den anderen Studenten. Seine Blicke schienen auf eine besondere Weise auf ihr zu ruhen, und hin und wieder meinte sie, einen Anflug von Flirten zu erkennen – aber nie so offensichtlich, dass sie sich sicher sein konnte. Zudem wäre ein Verhältnis zwischen Professor und Studentin sowieso verboten, und schließlich gab es ja noch Daxon.
Mit Daxon war sie erst ein Jahr zusammen, sie hatte ihn mit 22 Jahren durch ihre Freundin Jessica kennengelernt. Jessica hatte mal eine Affäre mit Daxon, aber irgendwann war es zwischen den beiden vorbei. Daxon hatte Jessica zusammen mit Alexa gesehen und sie so lange genervt, bis sie einwilligte, ihm ihre schöne Freundin vorzustellen. Bei Daxon hatte es gleich gefunkt. Alexa fand ihn jedoch zunächst zu alt. »Hm, der könnte ja fast mein Vater sein«, meinte sie zu Jessica, und beide mussten lachen. »Außerdem ist er nicht mein Typ. Ich mag eigentlich keine Schönlinge.«
Daxon war 1,88 Meter groß, schlank und von sportlicher Statur. Sein Gesicht war markant, mit einem starken Kiefer und strahlenden Augen. Seine vollen, braunen Haare waren gepflegt und saßen stets perfekt. Er trug immer coole, aber schicke – wenn auch nicht immer gut sitzende – Klamotten, und er wirkte so lässig, dass Alexa seine Erscheinung schon als übertrieben und gespielt empfand. Sie mochte zwar sein Lächeln und seine Grübchen, trotzdem war er nicht ihr Typ.
Die Wochen vergingen. Daxon lud sie zum Kaffee ein, zum Essen, ins Theater. Sie trafen sich in Gruppen und zu zweit. Alexa genoss seine Gesellschaft, auch wenn sie sich immer wieder sagte, dass daraus nicht mehr werden würde.
Es passierte lange nichts – bis zu einem bestimmten Abend. Es war an Daxons Geburtstag, er hatte sie eingeladen, auch in der Hoffnung, dass sie beeindruckt sein würde von all seinen wichtigen und sympathischen Gästen. Und er malte sich aus, dass sie ihm vielleicht am Geburtstag einen besonderen Wunsch nicht abschlagen könnte. Als alle Gäste gegangen waren, auch seine Ex-Freundin Marina, saßen sie auf dem Sofa, und er nahm ihre Hand. Im Hintergrund spielte leise, romantische Musik, wie man sie aus den aktuell angesagten K-Novellas kannte, den auf allen Plattformen dreidimensional gestreamten Serien aus Kasachstan. Langsam zog er sie zu sich rüber und küsste sie lange. Er war so erregt, wie schon lange nicht mehr.
Alexa erwiderte seine Zärtlichkeit. Sie war schon seit Längerem ein wenig neugierig, wie es wohl sei, mit ihm zu schlafen, zumal sie schon mitbekommen hatte, dass er bei Frauen einen Stein im Brett hatte. Da Daxon den Ruf eines Playboys hatte, würde er allerdings für eine feste Beziehung ohnehin kaum infrage kommen. Doch seit diesem Geburtstagsabend trafen sie sich regelmäßig. Es wurde eine offene Beziehung. Doch Daxon wollte bald schon mehr. Er wäre gerne fest mit ihr zusammen gewesen und sprach sogar schon nach drei Monaten von Heirat. Doch Alexa, die gerade eine längere, sehr stressige Beziehung hinter sich hatte mit einem jungen Mann, der sie ständig betrog, war nicht bereit für etwas Festes – und zum Heiraten sowieso nicht.
Dennoch entwickelte sich eine Beziehung, die über das rein Sexuelle hinausging. Alexa sah in Daxon einen Freund, ein wenig auch einen Lehrer. Sie bewunderte seine Lebenseinstellung, immer wieder auf neue Erfolge hinzuarbeiten, sich große Ziele zu setzen und sich damit vor allem persönliche Freiheit und Unabhängigkeit zu sichern. Mit niemandem konnte sie so gut reden, zumindest mit keinem anderen Mann. Das war der wichtigste Unterschied zu ihrem Ex-Freund, dem der Ehrgeiz gefehlt hatte und der sich unausgesprochen am Mittelmaß orientierte. Alexa aber wollte mehr als eine Durchschnittsexistenz. Ihre Ziele hatten sich manchmal geändert, aber eines war ganz sicher: Sie wollte etwas Besonderes aus ihrem Leben machen und nicht irgendeinen Job annehmen, nur um Geld zu verdienen.
Eine Woche nach dem Vorfall mit Lena in der Uni passierte etwas Merkwürdiges. »Hör mal, das glaubst du nicht«, meinte Daxon abends, als Alexa zu ihm kam. »Es gibt immer mehr Verrückte.«
»Warum, was ist passiert?«
»Marina hat mir eine ganz ähnliche Geschichte erzählt wie du neulich ...«
Alexa war nicht begeistert, wenn der Name seiner Ex-Freundin Marina fiel. Auch jetzt unterbrach sie ihn, einen Moment zu schnell, um beiläufig zu wirken. »Marina? Ich dachte, zwischen euch sei Funkstille!« Sie lächelte kurz, doch es wirkte etwas gezwungen. »Trefft ihr euch wieder?«
»Nein, nein, wir sind uns zufällig in der Stadt begegnet«, erwiderte Daxon, wobei er kurz die Schultern hob und den Blick zur Seite wandte. Seine Stimme blieb ruhig, wenn auch ein wenig entschuldigend, während er sich bemühte, die Situation zu entschärfen. »Und dann hat sie mir diese Geschichte erzählt, das Gleiche, was dir passiert ist. Jemand hatte sie auf ihre Vorteile als schöne Frau angesprochen. Optische Privilegien und so. Und Marina sagt, es gebe sogar eine Studentengruppe, eine Bewegung, die sich MOJ nennt, ›Movement for Optical Justice‹.«
Alexa wusste zwar nicht, ob sie ihm das mit dem zufälligen Treffen glauben sollte, wollte aber keine Szene machen. Schließlich hatte sie selbst darauf bestanden, dass es eine offene Beziehung sein sollte. Also überging sie die Sache mit Marina und blickte zur Konsole an der Decke über dem Wohnzimmertisch: »Hey, Smartie, was hat es mit MOJ auf sich?«
»Smartie«, wie sie Daxons AI-Software getauft hatte, antwortete augenblicklich: »›Movement for Optical Justice‹ ist eine Gruppe, die sich 2073 gebildet hat. Ihr Ziel ist es, ein kritisches Bewusstsein für die Privilegien von Menschen, besonders von Frauen, zu schaffen, die als ›schön‹ gelten und deshalb zahlreiche unverdiente Vorteile genießen, zum Beispiel bessere Chancen bei der Partnerwahl und vielerlei Bevorzugungen im Berufsleben. MOJ, von vielen ihrer Anhänger inzwischen als MOVE bezeichnet, kritisiert in diesem Zusammenhang die ›Kulturindustrie‹, die in der kapitalistischen Gesellschaft eine oberflächliche und konsumierbare Schönheit produziere. Diese Art von Schönheit sei glatt, leicht verdaulich und diene der Ablenkung und der Erhaltung des Status quo – in letzter Konsequenz sei solche Schönheit hässlich. Schönheit – definiert durch gesellschaftliche Standards – sei ein Instrument der Herrschenden, um Menschen zu formen und zu normieren. So diskutiert die Bewegung MOVE über Wege zu mehr optischer Gerechtigkeit, die ebenso wichtig sei wie soziale und ökologische Gerechtigkeit.« Smartie räusperte sich sehr menschlich und fügte mit dem Unterton der Vertraulichkeit an: »Ihr beiden, Alexa und Daxon, werdet deren Agenda ungefähr so überzeugend finden wie einen Vortrag über die Vorteile von Diät-Wasser. Das passt nicht zu euren Überzeugungen. Das ist ziemlich üble Gleichmacherei.«
»›Vorteile von Diät-Wasser‹, an deinem Humor musst du noch arbeiten«, sagte Daxon, der sich schon lange nicht mehr wunderte, wie gut ihn sein Smartie kannte. »Ja, klingt für mich bescheuert. Schön soll hässlich sein und ungleiches Aussehen ungerecht? Wieder diese Gleichheitsfanatiker. Wahrscheinlich schließen sich nur Leute der Bewegung an, die aus nachvollziehbaren Gründen ihren Spiegel längst mit einem schmeichelhaften Jugendfoto tapeziert haben – und dann aus Trotz beschlossen haben, alle zu hassen, die das nicht nötig haben.«
***
Daxon hatte eine Überraschung vorbereitet. Er wollte mit Alexa den »Kennenlerntag«, der ein Jahr zurück lag, im exklusiven Luna1-Hotel feiern. Es befand sich in einer Raumstation, die den Mond umkreiste. Die Zimmer dort waren sehr teuer, aber Daxon hatte gute Beziehungen zu der Hotelkette und bekam einen anständigen Rabatt. Er überreichte Alexa einen handgeschriebenen Brief mit einem Gutschein: »Liebe Alexa, nächste Woche kennen wir uns ein Jahr. Du bist in dieser Zeit der wichtigste Mensch in meinem Leben geworden. Eine Reise zum Mars würde zu lange dauern, aber ich schenke dir eine Reise zum Luna1-Hotel, wo wir zwei Tage verbringen können, um unseren Kennenlerntag zu feiern.«
Die Überraschung war gelungen. Alexa strahlte, ihre Augen weiteten sich vor Freude, und sie schlug die Hände vors Gesicht, bevor sie einen begeisterten Freudenschrei ausstieß. Sie machte einen kleinen Hüpfer auf der Stelle, dann nahm sie Daxon stürmisch in den Arm. »Du bist so lieb! Das hätte ich nie erwartet! Nächste Woche schon? Wie cool!« Sie klatschte in die Hände und drehte sich einmal um die eigene Achse. »Ich habe so viel über das Hotel gehört, aber kenne niemanden, der tatsächlich mal dort war.« Daxon konnte nicht anders, als zu lächeln. Er liebte es, wie Alexa ihre Freude nicht nur zeigte, sondern auslebte – und wenn sie sich freute, war auch er glücklich.
***
Am nächsten Tag in der Uni konnte Alexa nicht innehalten und erzählte ein paar Freunden von der Einladung. Ihre Augen leuchteten, während sie gestikulierte, als ob sie die Details des luxuriösen Hotels schon vor sich sah. Ihre Freunde schauten beeindruckt drein und nickten anerkennend, bis Lena, die das Gespräch von der Seite mitgehört hatte, trocken meinte: »Luna1, das passt ja zu Alexa. Weißt du jetzt, was ich mit den Privilegien gemeint habe? Das Hotel ist bekannt dafür, dass sich dort die Reichen und die Schönen treffen.«
Ethan verschränkte lässig die Arme. »Klingt fast so, als ob du ziemlich neidisch wärst«, konterte er mit einem leicht spöttischen Grinsen. »Aber keine Sorge, ich bin sicher, Alexa wird dir alle Details erzählen, damit du nichts verpasst.«
Lena presste ihre schmalen Lippen aufeinander und schnaubte leise. Ihre Hände ballten sich kurz zu Fäusten, bevor sie sie betont locker an ihren Seiten baumeln ließ. »Neid, was für ein Quatsch«, sagte sie, wobei ihre Stimme einen scharfen Ton annahm. »Das ist so eine typische Unterstellung der Privilegierten, wenn ihre Privilegien kritisch hinterfragt werden. Wir sprechen hier von Gerechtigkeit und nicht von Neid.«
»Wir?«, Ethan runzelte die Stirn und schaute Lena herausfordernd an. »Wer ist wir?«
Lena zuckte nonchalant mit den Schultern, ein Lächeln, das zwischen Arroganz und Triumph pendelte, huschte über ihr Gesicht. »›Wir‹, das ist MOVE, die Bewegung für optische Gerechtigkeit«, erklärte sie. »Wenn du noch nichts davon gehört hast, dann ist das eine echte Bildungslücke – wir werden jeden Tag mehr.«
***
Als der Tag der Reise endlich gekommen war, konnte Alexa den Start kaum erwarten. Sie waren nach Boca Chica geflogen, dank des Weltraumbahnhofs inzwischen die zweitgrößte Stadt in Texas, und warteten am Gate. Ihr Herz schlug schneller, ihre Hände waren leicht feucht, und ein angenehmes Kribbeln zog durch ihren ganzen Körper, während sie daran dachte, dass sie zum ersten Mal in einem Raumschiff fliegen würde – dem Goddard, benannt nach einem Raumfahrtpionier, von dem sie im Geschichtsseminar gehört hatte.
Robert H. Goddard war ein amerikanischer Wissenschaftler und Vorreiter der Raketentechnologie. Der »Vater der modernen Raumfahrt« konstruierte und startete 1926 die weltweit erste flüssigkeitsbetriebene Rakete und legte damit den Grundstein für die moderne Raumfahrt. Anfangs wurde er verlacht. Die damals sehr angesehene New York Times veröffentlichte eine vernichtende Kritik seiner Pläne. Sie meinte, Goddard fehle das Wissen, das jedes Schulkind in der Mittelstufe erwerbe. Doch trotz anfänglicher Ablehnung wurden seine Konzepte später zur Grundlage für die Entwicklung von Weltraumraketen.
Aus dem Geschichtsseminar wusste Alexa, dass das, was heute alltäglich war, früher sogar als gefährlich galt. Elektrizität, Autos, Flugzeuge, Atomkraft, genmodifizierte Nahrung zur Abwehr von Schädlingen und Steigerung der Ernte, künstliche Intelligenz, Raumfahrt – wahrscheinlich hatte irgendwann ein Steinzeitmensch in seiner Höhle das Rad erfunden und der Nachbar war rüber gekommen und hatte vor dem Rausch der Geschwindigkeit gewarnt … Aber sie kannte auch die Statistiken: Heute war es nicht riskanter, zum Mond zu fliegen, als vor 50 Jahren mit dem Auto zu fahren.
Beim Start wurde sie in den Sitz gedrückt. Doch da die Beschleunigung weniger intensiv war als bei älteren Raketentypen, war sie leichter zu ertragen. Seit damals hatte sich viel verbessert. Flüge zum Mond gehörten längst zum Alltag. Während noch vor 20 Jahren der Countdown über alle Bordlautsprecher übertragen wurde und die Passagiere aufgeregt mitzählten, war der Start heute so wie zu früheren Zeiten in einem Flugzeug. Es applaudierte auch längst keiner mehr bei der Landung.
Alexa hatte nicht erst in der Uni gehört, wie die ersten Menschen zum Mond gekommen waren: Mit einer Saturn V-Rakete, die zwar 110 Meter hoch war, aber nur drei Menschen befördern konnte. In einer kleinen Kapsel mit 3,2 Metern Höhe und 3,9 Meter Durchmesser hatten die drei Astronauten nicht viel Platz. 50 Jahre später war das Starship der Firma SpaceX entstanden, das nur 15 Meter höher war, in dem aber 100 Menschen Platz hatten. Die moderne Goddard-Rakete, in der sie und Daxon heute flogen, maß 200 Meter. 150 Menschen hatten bequem Platz, es gab Fitnessräume, Kinos, eine Bar und mehrere Luxus-Suiten mit riesigen Betten.
Daxon und Alexa nahmen einen Drink an der Bar. Alexa hatte erwartet, das gehe nur mit einem Trinkhalm. Aber dann bekam sie ihren Gin Tonic in einem Zero-G-Cup gereicht, einem nach oben offenen, durchsichtigen Kunststoffbehälter, einst von dem Astronauten Donald Pettit in der International Space Station erfunden. Der Zero-G-Cup ließ die Flüssigkeit durch die physikalische Eigenschaft der Oberflächenspannung nicht auslaufen. Sie kommt nur bis zum Rand und wird von dort in den Mund gesogen, ein Trinkerlebnis kaum anders als auf der Erde, nur dass jeder Null-Schwerkraft-Becher an der Bar vor dem Kunden mit einer halben Meter langen Schnur angeleint wird, damit er sich nicht für eine eigene Space-Odyssee innerhalb des Raumschiffs selbstständig machte. »Da kann nichts rausspritzen?«, fragte Alexa den zum Flirten aufgelegten Bartender fasziniert.
»Ich hoffe nicht«, sagte der, griff nach Alexas Cup – und stieß ihn mit einem »Oh, sorry« um. Dann lachte er, weidete sich an Alexas kurzem Schrecken und zeigte ihr, dass sie den Zero-G-Becher auch auf die Seite legen oder auf den Kopf stellen konnte und trotzdem kein einziger Tropfen über den Rand hinaus kleckerte.
»Wow«, sagte Alexa, »Schwerelosigkeit kann ja sogar praktisch sein.«
Sie betrachtete die übrigen Passagiere. Hier, in der Ersten Klasse, sah man vor allem Geschäftsleute. Daxon traf einen entfernten Bekannten wieder, Zihan, der auch in der Immobilienbranche tätig war. »Hi, Zihan, Mensch, was machst du denn hier?«, fragte Daxon. Zihan, der immer ein fröhliches Lächeln auf den Lippen hatte, erzählte, dass er inzwischen Geschäftsführer einer Firma war, die neue Verfahren zum Asteroid Mining erfunden hatte.
»Wir gehen ein Mal im Jahr in Klausur mit unserer Führungsmannschaft, jedes Mal etwas Besonderes. Diesmal geht es in das Luna1.«
Ein Mitreisender fiel Alexa auf, der anscheinend die anderen Passagiere genau musterte. Zwischendurch schrieb er etwas in ein Notizbuch, ganz altertümlich mit Stift und Papier. Er trug zur Jeans ein klassisches, schon etwas abgetragenes Jackett mit Weste. Der junge Mann hatte eine leicht zerzauste Frisur, sein schmales Gesicht zeigte Konzentration und Neugier, vielleicht auch leichte Spuren von Müdigkeit. »Hi, ich bin Riven«, begrüßte er Alexa, als er an der Bar angelangt war, mit einem netten Lächeln und einem derben Spruch: »Scheiße, siehst du gut aus!« Dann entschuldigte er sich sofort: »Oh, das ist mir rausgerutscht, ich will dich nicht anmachen, bestimmt nicht …«
»... wäre auch nicht die beste Technik«, grinste Alexa, die eine gewisse Schwäche für etwas tolpatschige Zeitgenossen hatte, und dieser Riven schien zu ihnen zu gehören.
»Wohin geht es bei dir?«, fragte Riven.
»Zum Luna1«, sagte Alexa stolz.
»Da will ich auch hin, shit, was für ein Zufall.« Sie schaute den jungen Mann an, wohl nur wenige Jahre älter als sie, und sie fand ihn nett, auch wenn er sich gewisse Vulgarismen in der Sprache zu leisten schien.
Daxon unterhielt sich gerade einige Sitzreihen entfernt mit seinem ehemaligen Kollegen Zihan, der stolz von seiner Entwicklung neuer Methoden zur Ausbeutung fliegender Gesteinsbrocken erzählte. Zihan hatte nicht bemerkt, dass Daxon mit Alexa da war. Er schaute den Kollegen forschend an. »Sag mal, bist du immer noch hinter den hübschen Frauen her? Oder die hinter dir? So wie früher? Echt jetzt, wie machst du das? Verrat mir mal dein Geheimnis.«
Daxon hob beschwichtigend die Hand und legte den Zeigefinger an die Lippen. »Psst, nicht so laut. Ich bin mit meiner Freundin hier – Alexa. Da drüben, an der Bar. Siehst du sie?«
Zihan nickte anerkennend: »Na, da hast du dich ja mal wieder selbst übertroffen. Die würde ich auf der Stelle heiraten.«
»Wir haben eine offene Beziehung«, sagte Daxon. »Versteh’ das jetzt aber nicht als Einladung. Ist auch nur, weil sie nichts Festes will.«
Zihan, der seit 15 Jahren verheiratet war und zwei Kinder hatte, schüttelte ungläubig den Kopf. »Sag mal, willst du nicht auch mal was Ernstes? Eine Familie? Wie alt bist du jetzt eigentlich?«
Daxon grinste. »34.« Zihan runzelte die Stirn.
»34? Echt? Ich hätte dich älter geschätzt.«
Daxon lachte. »War ein Scherz. Man sagt doch, ein Mann ist so alt wie sein Alter plus das seiner Freundin, geteilt durch zwei. Na ja, gib mal ungefähr zehn drauf, dann hast du es.«
»Mal im Ernst – keine Sehnsucht nach Familie?«, bohrte Zihan nach.
Daxon zuckte mit den Schultern: »Da muss ich erst mal die richtige Frau finden. Ich dachte schon mal, ich hätte die perfekte Frau gefunden, aber die war leider auf der Suche nach dem perfekten Mann.« Beide lachten. Dann klopfte Daxon Zihan freundschaftlich auf die Schulter. »Ich gehe mal zurück zu Alexa.« Und damit ließ er ihn stehen.
Als er sah, wie sich Alexa angeregt mit einem Fremden unterhielt, spürte er einen Anflug von Misstrauen in sich aufsteigen. Baggerte der seine Freundin an? Alexa stellte ihn vor: »Das ist Daxon«, und Daxon registrierte, dass sie ihn nicht als ihren Freund einführte.
»Hi Daxon«, sagte Riven, »schön dich kennenzulernen. Wie lange wollt ihr im Luna1 bleiben?«
»Nur zwei Tage, wir feiern unseren Kennenlerntag.«
»Kennenlerntag? Seid ihr verheiratet?«
»Nein, Kennenlerntag, der Tag halt, an dem wir uns kennengelernt haben.«
Alexa empfand die Situation beinahe als unangenehm. Warum musste Daxon einem Fremden solche Dinge erzählen? Offensichtlich wollte er klarstellen, dass sie zusammengehörten. Seine leicht angespannte Haltung und der kurze, prüfende Blick auf den Mann verrieten ihn. Obwohl sie eine offene Beziehung führten, in der eigentlich beide frei sein sollten, schwang in seiner Stimme ein Anflug von Unbehagen mit – ein leises, unausgesprochenes Gefühl, das er nicht ganz verbergen konnte.
»Was machst du im Luna1?«, fragte Daxon. Riven sah nicht gerade aus wie ein reicher Geschäftsmann.
»Ich bin Journalist und arbeite an einer Story über das Leben der Reichen und der Schönen. Und da muss man heute verdammt noch mal auch im Luna1 gewesen sein.«
Die drei standen noch einige Zeit an der Bar zusammen, bevor sich Riven verabschiedete. Er sei müde, sagte er, genau genommen »scheißmüde«, und Daxon dachte: »Man sieht’s dir an.« Journalisten schienen ein hartes Leben zu haben. Aber auch er und Alexa gingen zu ihren Sitzen und fuhren sie in die Liegeposition aus. Daxon war recht bald eingeschlafen, während Alexa noch längere Zeit aus den Fenstern hinaus in das geheimnisvolle All blickte. Das Schwarz des Universums wirkte gleichzeitig unendlich und greifbar, durchzogen von zahllosen funkelnden Sternen, die wie glitzernde Nadeln durch die Dunkelheit stachen. Später, nachdem die Rakete an die Raumstation, die den Mond umkreiste, angedockt hatte, trafen sie Riven wieder, und die drei checkten gemeinsam in das Hotel ein.
