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Finde die wahren Täter!
So lautet die Aufforderung des Videos, das das LKA erreicht. Es zeigt den brutalen Mord an einem Vietnamesen. Waren es die Triaden? Das Team um Leana Meister weiß: Wer gegen die ostasiatische Mafia ermittelt, bringt sich selbst in höchste Gefahr. Als auf den Leiter des LKA geschossen wird, scheint diese Bedrohung Wirklichkeit zu werden.
Das Innenministerium evakuiert das Düsseldorfer Spezialisten-Team, damit es in einer geschützten Einrichtung weiter ermitteln kann. Dennoch können die Polizisten weitere Morde nicht verhindern. Kann es sein, dass sich die wahren Täter nicht unter den Triaden befinden sondern in den eigenen Reihen?
Der zweite Fall für Leana Meister jetzt als eBook von beTHRILLED: mörderisch gute Unterhaltung.
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Seitenzahl: 420
Veröffentlichungsjahr: 2018
Janusmond
18 – Zahlen des Todes (Leana Meister, Band 1)
»Finde die wahren Täter!«
So lautet die Aufforderung des Videos, das das LKA erreicht. Es zeigt den brutalen Mord an einem Vietnamesen. Waren es die Triaden? Das Team um Leana Meister weiß: Wer gegen die ostasiatische Mafia ermittelt, bringt sich selbst in höchste Gefahr. Als auf den Leiter des LKA geschossen wird, scheint diese Bedrohung Wirklichkeit zu werden.
Das Innenministerium evakuiert das Düsseldorfer Spezialisten-Team, damit es in einer geschützten Einrichtung weiter ermitteln kann. Dennoch können die Polizisten weitere Morde nicht verhindern. Kann es sein, dass sich die wahren Täter nicht unter den Triaden befinden – sondern in den eigenen Reihen?
Der zweite Fall für Leana Meister – jetzt als eBook von beTHRILLED: mörderisch gute Unterhaltung.
Mia Winter ist das Pseudonym von Stefanie Koch, die 1966 in Wuppertal geboren wurde. Sie ist weit gereist und hat nach einem Studium in Frankreich lange dort gelebt. Heute wohnt sie in Düsseldorf. Weitere Informationen unter: www.stefanie-koch.com
MIA WINTER
21
Zahlen des Todes
Thriller
beTHRILLED
Digitale Neuausgabe
»be« – Das eBook-Imprint von Bastei Entertainment
Für die Originalausgabe:
Copyright © 2016 by Bastei Lübbe AG, Köln
Originalverlag: LYX, verlegt durch EGMONT
Verlagsgesellschaften mbH
Für diese Ausgabe:
Copyright © 2018 by Bastei Lübbe AG, Köln
Textredaktion: Maike Hallmann
Projektmanagement: Lukas Weidenbach
Covergestaltung: bürosüd, München
eBook-Erstellung: Greiner & Reichel, Köln
ISBN 978-3-7325-6693-8
www.be-ebooks.de
www.lesejury.de
Für Nina!
Danke für dreißig Jahre unzerbrechliche Freundschaft, auf die nächsten dreißig!
»Dieser Mord ist persönlich.« Leana tippte auf das Display von JJs Smartphone.
Sie befanden sich bei ›La Copa‹, einer beim LKA äußerst beliebten Tapasbar in der Düsseldorfer Carlstadt. Der Laden war bis auf den letzten Platz besetzt, selbst an der Theke drängten sich die Leute und aßen. Dass die hohen Tische mit den Barhockern nicht sonderlich bequem waren, verzieh man gern, denn die weißen, mit blauen Motiven bemalten Kacheln an den Wänden, die Serranoschinken, die über der Theke reiften, authentische Tapas und der gute Service ließen das schnell vergessen. Immer wieder trugen die Kellner brutzelnde Gambas in Tonschalen, Teller mit Lammfilet, Tintenfisch oder Oliven an ihnen vorbei. JJ blickte ihnen sehnsüchtig hinterher, sein Magen beschwerte sich vernehmlich. Leana hatte den lärmenden Trubel ringsum vergessen, sie starrte immer noch auf das Foto. Es erinnerte sie an eine alte Fotografie von 1920 in George Batailles Buch ›Die Tränen des Eros‹. Auf einer der letzten Seiten befand sich die Fotografie eines Mannes in China, dem bei lebendigem Leib die Gliedmaßen abgesägt wurden. Leana wusste noch, dass in dem Text unter dem Foto stand, die verurteilende Instanz hätte den Tod durch Verbrennen als zu gnädig befunden. Und irgendjemand hatte geknipst, als man dem Mann, dem schon beide Arme oberhalb der Elle abgetrennt worden waren, das erste Bein absägte. Ihm standen, das würde Leana nie wieder vergessen, vor Grauen die Haare hoch. Es war weniger sein Gesichtsausdruck gewesen als dieser Fakt, der Leana immer wieder verfolgt hatte: dass die Kopfhaare eines Menschen hochstehen konnten vor Entsetzen.
Dieser Mann in JJs Smartphone hatte zwar nur kurze Haare, aber sie standen ab, als habe er in eine Steckdose gefasst. Sie hatte es sich damals bei Batailles Foto gefragt und fragte es sich auch jetzt: Warum schenkt der Körper einem in solchen Momenten keine Bewusstlosigkeit? Leana wusste, was körpereigene Drogen alles bewirken konnten und dass eine Mischung aus Adrenalin, Noradrenalin und körpereigenem Opioid zur völligen Schmerzunempfindlichkeit führen konnte.
Der Kellner kam mit den ersten Tapas.
»Alles einpacken, bitte«, kommandierte JJ, und der Kellner drehte augenblicklich um. Man kannte das hier. JJ sah Leana entschuldigend an. »Ich schätze, wir müssen ein bisschen arbeiten und im Konferenzraum essen. Wartest du auf die Tapas? Ich geh schon mal raus, rufe in München an und besorg uns ein Taxi.«
Dieser Abend war ganz anders geplant gewesen, sie hatten in Ruhe essen wollen, hinterher vielleicht noch ein paar der unzähligen Bars in der Düsseldorfer Altstadt besuchen.
Leana nickte und fragte sich, ob es ihnen jemals vergönnt sein würde, eine Aussprache zu führen. Eine Aussprache darüber, was vor vielen Jahren nicht passiert war, dafür aber vor zwei Monaten. Darüber, warum sie seit jener Nacht umeinander rumschlichen und sich gleichzeitig aus dem Weg gingen.
Auf dem Weg nach draußen wählte Dr. Janosch Jacob Köhler seinen Münchner Kollegen an. »Danke, Fin, du hast mir gerade einen romantischen Abend versaut.«
»Wie traurig«, antwortete Fin lakonisch, »aber ist das nicht das Aushängeschild eures Kompetenzcenters? Rund um die Uhr? Es heißt, ihr könnt immer?«
»Leck mich.« JJ lachte. »Also, schickt alles rüber, was ihr an Tatortfotos, ersten Analysen, Hintergrundinfos habt.«
»Köhler«, seufzte Fin, »heute ist Samstag. Wir haben den Mann vor einer Stunde gefunden, und stell dir vor, das Erste, woran ich gedacht habe, bist du! Das ist doch auch ganz romantisch, oder etwa nicht?«
»Du sagst mir also gerade, dass ihr gar nichts habt außer den Fotos?«
»Mhm, so in etwa.«
»Dann beweg deinen Arsch hierher, mitsamt den Tatortspuren, Blutproben, allem, was du bisher hast. Mit kleinem Team fang ich sofort an, der Rest könnte dann morgen früh starten, wenn du hier aufschlägst. Und nichts für ungut, aber ich schicke noch einmal meine eigenen Leute durch den Tatort, also sieh zu, dass er unberührt bleibt, bis sie morgen so früh wie möglich da sind!«
»Großartig. Ich sammle bis Mitternacht, was geht, und setze mich dann in den Zug, rechne mit mir so um acht Uhr.«
Es klickte. JJ seufzte und sah durch die Scheiben der Tapasbar Leana, die gerade eine Tüte in die eine und Restgeld in die andere Hand gedrückt bekam. Sie wechselte ein paar Worte mit dem Kellner und lächelte ihn an. Ihr braunes Haar trug sie offen, was selten war, und der Kerzenschein von den Tischen tanzte darin. Es reichte ihr fast bis zur Taille. Sie schob sich zwischen den hohen Tischen hindurch, öffnete die Tür, blickte ihn fragend an und zog ihre Jacke zu, obwohl der Oktoberabend lau war. Die Erinnerung an das Bild ließ sie frösteln.
»Komm, wir nehmen oben am Carlsplatz ein Taxi«, antwortet JJ auf die unausgesprochene Frage. Während sie die Straße hinaufliefen, schickte er eine SMS an Tanni, die Spezialistin für Computerforensik und Recherche: Sie sollte sofort im LKA aufschlagen. Dem restlichen Team hinterließ er die Nachricht, dass ihr Wochenende morgen früh um sechs Uhr zu Ende sei.
Als das Taxi das LKA erreichte, sahen sie von unten, dass oben bereits Licht brannte. Links am Geländer des Eingangs lehnte Tannis buntes Rennrad, mit zwei Ketten gesichert. Obwohl Leana sich nach fast zwei Monaten ein wenig an die professionelle Schnelligkeit des Kompetenzcenters gewöhnt hatte, staunte sie doch immer wieder. In allen Büros brannte Licht, die Computer waren bereits hochgefahren, im Konferenzraum auf die Hauptwand vor Kopf die Tatortfotos eingespielt, an den Seiten die ersten Ergebnisse der Rechercheabteilung. Die junge Frau, erst achtundzwanzig Jahre alt, stets bunt gekleidet wie ein Papagei, leitete die Computerforensik und Recherche im Kompetenzteam.
»Hi, Fools«, begrüßte sie Leana und Dr. Janosch Jacob Köhler, »das ist echt krass, meine Güte. Ich habe hier ja schon so einiges gehabt, aber das? Wow!«
Leana stellte die Tüte ab und ging ganz nah an den Bildschirm heran. Jetzt sah sie es deutlich. Ganz wie in Batailles Buch standen tatsächlich auch diesem Mann die kurzen Haare zu Berge. Sein Entsetzen war greifbar, fast konnte Leana seine Angst riechen. Aber da ist noch etwas, dachte sie, eine andere Angst, er hatte nicht nur Angst vor dem, was mit ihm geschah. Aber vor was noch?, fragte sie sich und fand keine Antwort in ihrem Inneren.
»Dieser Mord ist persönlich!«, wiederholte sie. »Sehr persönlich«, setzte sie nach, und ihre Worte schwebten durch die Stille des Konferenzraums.
Der große Hauptbildschirm vor Kopf zeigte jedes Detail des Ermordeten in Übergröße. Die vor Entsetzen aufgerissenen Augen, die vor Schmerz gespreizten Finger, die hochstehenden Haare. In München Bogenhausen, im Cosimapark, hatte die Putzfrau eines edlen Chinarestaurants ihren Chef tot aufgefunden: in seiner eigenen Blutlache stehend und an eine Säule gefesselt. Von Kabelbindern an Armen und Beinen, die in sein totes Fleisch schnitten, aufrecht gehalten. Ein goldener Drachenkopf, der die Säule krönte, lächelte versonnen auf den toten Vietnamesen herab. Man hatte dem Mann die Ohren abgeschnitten und ihm in den Mund gestopft. Den Mund mit groben Stichen zugenäht.
»Das viele Blut beweist, dass ihm die Ohren ante mortem abgetrennt wurden«, sagte Leana leise.
»Meinst du, auch das Zunähen fand statt, als er noch lebendig war?«, fragte Tanni und zog die Schultern hoch.
»Ganz sicher.« Ein Frösteln durchlief Leana. »Wir brauchen einen Experten für Serienmord und einen Experten für Mafiamorde.«
»Du meinst, es wird weitere Opfer geben?«, fragte JJ hinter ihr.
Leana hätte lieber Nein gesagt. Aber auch wenn sie noch nicht wusste, was an diesem Tatort ihr das sagte, es war da, deutlich spürbar. »Ja! Ganz sicher.« Sie drehte sich langsam um. »Was hast du schon, Tanni?«
Tannis Finger tanzten über den liegenden Bildschirmtisch. Die Fotos des Ermordeten wanderten an den unteren Bildschirmrand, und in der Mitte erschien ein Foto des Vietnamesen zu Lebzeiten. Seine untere Gesichtshälfte war rund, die Stirn gedrungen, seine Wangen glänzten rot, das schwarze Haar war voll, die Zähne standen ungeordnet nebeneinander, und um den seltsam weichen, fast weibischen Mund spielte die Andeutung eines Lächelns.
Dr. Janosch Jacob Köhler kam nach vorn und faltete seine knapp zwei Meter Größe auf einem Stuhl neben der stehenden Leana zusammen. Wie elektrisiert starrte er das Bild an, und Leana spürte, dass es ihm auf andere Weise naheging als die meisten Mordfälle … wie hätte es auch anders sein können, die Grausamkeit der Tat war außergewöhnlich.
»Die Kollegen aus München haben das: Nguyen Thien Duc. Wobei Nguyen der Nachname ist. In seinem Pass steht, dass er achtundvierzig Jahre alt ist und geschieden. Er führt das Restaurant seit knapp zehn Jahren. Es läuft gut, macht Sahneumsätze. Sein Konto bestätigte mir das.« Tanni sah kurz hoch und grinste. Wie immer trug sie sehr buntes Make-up, ein Auge war blau, das andere grün geschminkt, ihr T-Shirt zeigte ein Schweinegesicht, darunter den Schriftzug: Iamthedevil. »Nun, ich habe dann mal unsere Datenbanken nach Thien Duc suchen lassen und kann hiermit aufwarten: Thien Duc wurde wohl – genauer ist das den Behörden weder in Vietnam noch in Deutschland bekannt – Ende der Sechziger in Südvietnam geboren, in Thang Tam. Mit acht Jahren kam er nach Deutschland, immer angenommen, die Zahlen stimmen einigermaßen. Er wurde damals von der Kap Anamur aufgelesen«, Tanni sah hoch, »haben alle das noch auf dem Schirm? 1,6 Millionen Boatpeople?«
»Weiter«, knurrte Dr. Köhler.
»Yes, Sir. Er machte hier, genau genommen in Stuttgart, eine Schulausbildung, brach aber kurz vor dem Abitur ab. Versuchte sich als Drogendealer. Wurde für vier Jahre einkassiert. Kam mit vierundzwanzig raus, ging nach München. Er heiratete eine Krankenschwester, Vietnamesin, Bian Chai, ein Kind folgte ein Jahr nach der Hochzeit, ein Mädchen mit dem Namen Hoa. Die Ehe wurde nach zwei Jahren geschieden. Mutter und Tochter migrierten in die USA. Unser Opfer arbeitete fortan als Kellner. Danach bietet er einen lückenlosen Lebenslauf in der chinesisch-vietnamesischen Gastronomie.« Das Dokument erschien auf dem Hauptbildschirm.
»Der Lebenslauf ist zu lückenlos, und die Stationen verteilten sich über ganz Deutschland«, brummte JJ. Tanni nickte zustimmend und fuhr fort: »Es scheint, er hat sich hochgearbeitet, vom Hilfskellner und Küchenjungen zum Oberkellner, Geschäftsführer, Partner und dann Pächter. Er hat gespart und ist sesshaft geworden.« Tanni machte eine Pause und warf neue Fotos auf den Hauptbildschirm. »Das ist seine Freundin, Susanne Hilgers, einunddreißig, und hier zwei entzückende eurasische Kinder, sechs und acht Jahre alt, Liang Su und Li Mo.«
Die Fotos zeigten eine liebevolle Familie: ein Vater, der stolz und schützend die Hände um die schmalen Schultern seiner Kinder legte, eine schöne und starke Mutter, die ihren Mann aus vollem Herzen anlachte.
»Alle drei verschwunden«, endete Tanni.
»Das ist es, was in seinen Augen steht, die Angst um seine Familie. Was fürchtet er, was ihnen passieren könnte? Hat jemand sie entführt? Aber doch sicher nicht, um ihn zu erpressen?«
Tanni und JJ zogen die Schultern hoch. Leana ließ sich auf den Stuhl neben JJ sinken. »Was haben wir außerdem?«
JJ räusperte sich, stand auf, trat an den Bildschirmtisch, rief eine E-Mail auf und schickte sie auf den Seitenbildschirm: »Fin, mein Kollege vom LKA in München, hat das hier geschickt.«
Das ausschließlich vietnamesische Personal des Restaurants Dragon House schweigt, trotz Dolmetscher. Der Geschäftsführer Nguyen Tai schwört, dass sie regelmäßig den Tribut an ihre vietnamesischen Beschützer abgeführt hätten. Bei Rückfrage im Mafiateam hieß es, ein toter Vietnamese macht noch keinen Mafiakrieg, man hat aber gleich zu bedenken gegeben, dass wir deutschlandweit sehr wenig über die asiatischen Mafiaorganisationen wie Yakuza, Triaden und deren Ableger wissen. Bisher hatte Deutschland vor allem mit der Mafia aus Italien, Ungarn, Russland und Polen zu kämpfen. Allerdings würde der vietnamesische Ableger der Triaden über Polen Zigaretten nach Deutschland schmuggeln. Es heißt, zehn bis zwanzig Millionen Euro gehen jährlich an Vietnam zurück. Die einen sagen, es gäbe weder Triaden noch Yakuza in Deutschland, die anderen warnen, die hätten längst die Geschäfte übernommen. Unbemerkt und gut verborgen. Die Leiche reist schon zu euch, unser Gerichtsmediziner hat gleich die Hände gehoben, als er den Namen Maxim Winter hörte. Ich habe zwei Hotelzimmer gebucht, Dario Guillermo Rodriquez reist auch an. Dario ist spezialisiert auf ostasiatische Bandenkriminalität. Er hat in New York gelernt, war in China und Japan und ist vor drei Jahren nach Europa zurückgekehrt. Ihm hatte ich die Fotos auch gemailt, kenne ihn von einem Seminar, und da er gerade in Brüssel ist, hat er es nicht weit. Er gehört übrigens zu denen, die fest daran glauben, dass die ostasiatischen Gangs uns überrollen werden oder schon dabei sind. Dario hat mir geraten, unsere Polizei in Habachtstellung zu bringen. Denn sollte dieser Mord ein Auftakt zu einem Krieg der Gangs sein, hätten wir es sehr bald mit viel mehr Toten zu tun.
JJ blickte zu Leana hinüber und nickte ihr anerkennend zu. Leana wandte das Gesicht ab und lächelte. Sie wusste genau, dass ihr unerklärliches Gespür für Mordfälle allem widersprach, woran JJ glaubte. Wie die meisten Menschen nahm er mit einer seltsamen Mischung aus Ratlosigkeit und Arroganz nur widerwillig hin, dass es Menschen gab, die Farben hören konnten, auf einen Blick die Zahl der Streichhölzer in einer Schachtel bestimmten … oder wie Leana an einem Tatort das Echo des Mörders spürten oder anhand einer Tat die Folgetat erahnten.
»Wie machen wir weiter?«, fragte Tanni.
»Du suchst alles raus, was du zur Familie finden kannst. Meistens ist so einer Geschichte noch etwas anderes vorausgegangen. Ein Familienstreit, eine geplatzte Hochzeit, aber auch Waffendeals, Drogengeschäfte; alles, worin unser Opfer verwickelt sein könnte. Mach Lücken in seinem lückenlosen Lebenslauf sichtbar. Finde seine erste Familie in Amerika, ich will wissen, warum die Ehe geschieden wurde, vielleicht gibt uns das einen Anhaltspunkt. Schlage vor, JJ und ich arbeiten uns ein ins Thema Mafiamorde in Deutschland.« Leana band ihre langen braunen Haare mit einem Tuch zu einem Knoten und blickte JJ fragend an.
»Ich übernehme die Recherche zur ostasiatischen Mafia in Deutschland, du suchst nach inszenierten Morden, vielleicht finden wir etwas Vergleichbares«, entschied JJ.
Tanni stöpselte ihren Laptop vom Bildschirm ab und ging zu dem Teil ihres Teams, das Nachtschicht hatte. Das Kompetenzcenter musste rund um die Uhr besetzt sein, für Momente wie diesen, aber auch, um deutschlandweite Anfragen der Kollegen umgehend zu bearbeiten. Besondere Fälle übernahmen die Chefs der Abteilungen selbst. Der auf so grausame Weise ermordete Vietnamese war so ein Fall. JJ baute seinen Laptop im Konferenzraum auf, Leana verzog sich in ihr Büro. Sie setzte sich an ihren Schreibtisch, schaltete den Bildschirm an und stand wieder auf, um das Fenster zu öffnen. Die Oktobernacht roch nach Herbst, obwohl der Spätsommer Düsseldorf momentan noch mit zweistelligen Nachttemperaturen verwöhnte. Es war die Würze des bunten und bald fallenden Laubes. Nach achtzehn Jahren in Südafrika würde dies ihr erster Herbst und Winter in Deutschland sein, und Leana verspürte ein wenig Angst vor der grauen dunklen Jahreszeit. Sie hörte JJ hereinkommen, der sich hinter ihr an der Kaffeemaschine zu schaffen machte. Er hatte sie ihr zum Einstand geschenkt und damit gleichzeitig das Recht erworben, in ihr Büro zu platzen, wann immer ihm der Sinn nach einem guten Kaffee stand. JJ reichte ihr eine Tasse schwarzen Kaffee mit einer perfekten Crema obendrauf.
Leana umschloss die Tasse mit beiden Händen und drehte sich wieder zum Fenster. »Dieser Mord ist so unglaublich persönlich«, wiederholte sie.
»Warum sagst du das immer wieder?« JJ trat neben sie.
»Ich fühle es, ich fühle es so deutlich, wie ich die Kälte in der noch warmen Luft dieser Nacht spüre.«
JJ räusperte sich: »Holen wir unseren Abend bald nach?«
»Irgendwann ganz sicher. Wenn wir gleichzeitig freihaben, du deine Zwillinge nicht hast, mein Mann nicht gerade in Deutschland ist oder ein Mordfall wie dieser uns vereinnahmt.« Sie wandte sich ihm zu, sah ihm von unten in die hellblauen Augen und zuckte mit den Schultern. »Tut mir leid, JJ, es ist nur …«
»Was?« fragte er sanft nach und legte seine Hände auf ihre Schultern. Leana machte sich frei, brachte ihre Tasse zum Schreibtisch und setzte sich.
»Wir sehen uns …«, sie blickte auf die kleine Uhr rechts unten auf ihrem Bildschirm, es war kurz nach Mitternacht, »… um zwei Uhr im Konferenzraum?«
JJ lächelte. »Du hast eine wirklich nette Art zu sagen: Verschwinde!« Er nahm seine Tasse, stellte sie im Spülstein ab und ging.
Leana atmete ein paarmal tief ein und aus. Am Horizont sah sie das Lichtspiel des Rheinturms, dahinter wölbte sich der schwarze Nachthimmel. Sie gönnte sich einen Moment Sehnsucht nach Südafrika, der klaren Luft und den immensen Weiten. Ihr Ehemann Gregor hatte Deutschland vor vier Wochen mit ihren beiden Töchtern wieder verlassen. Beim Abschied am Flughafen hatte er ihr ins Ohr geflüstert, dass er den Antrag auf Scheidung rückgängig machen würde, denn er habe sich neu in sie verliebt. Leana selbst hatte Südafrika Anfang August verlassen müssen, am Rand eines totalen Zusammenbruchs, weil sie die zahllosen vergewaltigten Mädchen und Frauen nicht mehr aushalten konnte, während sie zugleich knietief in den Scherben ihrer Ehe stand. Der gut aussehende Dr. Gregor Meister hatte eine Affäre mit Marlo gehabt, einer Ärztin im gleichen Krankenhaus. Leana dachte an die Freundin ihres Mannes. Sie hatte sie kennengelernt und gemocht, auch dann noch, als sie schon wusste, was los war. Leana verstand jede Frau, die sich in Gregor verliebte. Er war einfach zu gut, um wahr zu sein: Groß, schwarze Locken, helle Augen, ein sinnlicher Mund, klug, eine hypnotisierende Stimme, und er verfügte über einen sehr charmanten Witz.
Leana hatte das Feld geräumt, räumen müssen, zu müde, zu erschöpft zum Kämpfen. Ihr Start in Deutschland nach achtzehn Jahren Südafrika war temporeich gewesen und hatte ihr kaum Zeit zum Nachdenken gelassen. Dann war ihre Tochter in Afrika gestürzt und für eine Untersuchung nach Deutschland gebracht worden, Gregor und ihre andere Tochter folgten. Für ein paar Wochen waren sie wieder als Familie vereint, und selbst ihre Töchter Georgia und Louisa hatten ihren Hass auf ihre Mutter beiseitegelegt, wie ein Kleidungstück, das ihnen nicht mehr passte. Dann musste Gregor zurück, das Krankenhaus in Kapstadt konnte und wollte nicht länger auf seinen Herzchirurgen verzichten. Vier Wochen war das jetzt her. Gregor hatte sofort nach seiner Rückkehr nach Kapstadt die Beziehung zu Marlo beendet und es Leana gesagt. Seitdem rief er sie jeden Tag an. Und jeden Tag endete das Telefonat mit dem hartnäckigen Schweigen über die unausgesprochene Frage und die unausgesprochene Antwort darauf: Gibt es für unsere Ehe noch eine Chance? Ja oder nein? Ob Marlo wohl um ihn kämpft?, fragte sich Leana und war sich gleich sicher, dass Marlo es tat. Wie auch nicht, sie arbeiten im gleichen Krankenhaus, es ist fast unmöglich, einander aus dem Weg zu gehen. Plötzlich tauchte eine weitere Frage in ihr auf: Teilen Marlo und Gregor schon längst wieder das Bett? Ein paarmal atmete sie tief ein und aus und wartete auf den Schmerz der erneuten Zurückweisung. Aber er kam nicht. Ist es vorbei, fragte sie sich, die große Liebe zu diesem großartigen Mann? Leana schüttelte den Kopf, um diese Gedanken loszuwerden, denn sie glaubte an Familie und daran, dass man Krisen überwinden und zusammenbleiben sollte. Sie senkte die Fingerspitzen auf die Tastatur und fütterte das Programm, das Tanni geschrieben hatte und das auf interne und zugleich auf alle im Internet zur Verfügung stehenden Datenbanken zugriff – und ganz sicher auf noch ein paar, die niemand außer Tanni kannte – und die Ergebnisse nach Relevanz sortierte. Sie gab die Suchbegriffe nacheinander ein: ritualisierte Morde; Sprache der Morde; Sprache der Täter; Morde Yakuza; Morde Triaden … Zur Sicherheit gab sie auch Camorra, Ndrangheta, Cosa Nostra und Sacra corona unita ein, suchte nach der russischen, tschechischen, bulgarischen, rumänischen und der polnischen Mafia. Zahlenkolonnen liefen über ihren Bildschirm, Fotoserien spulten am Rand entlang. Sie ging die Bilder durch und versuchte, innerlich Distanz zu wahren. Da wurden Schädel gespalten, vor den Augen der Kinder, Enthauptungen vorgenommen, bei lebendigem Leib die Haut abgezogen. Stets ging es darum, mit demonstrativer Grausamkeit möglichst viele Menschen zu ›erziehen‹, damit sie keinen Widerstand leisteten. Ob sie nun Schutzgelder zahlen, Drogen schmuggeln, Waffen oder Zigaretten verkaufen oder im Auftrag morden sollten. Es war das Geschäft mit der Angst. Leana wusste sehr genau: Wenn ein wirklich skrupelloser Mensch einmal das Ausmaß seiner Grausamkeit demonstriert hatte, das, wozu er fähig war, wirkte es wie ein lähmendes Gift auf sein Umfeld. Das funktionierte in Familien, in Dörfern, in Städten und, wie die Geschichte immer wieder gezeigt hatte, in ganzen Nationen.
Als Leana eine Pause brauchte und sich gerade einen neuen Kaffee machte, kam Tanni in ihr Büro gerannt: »Komm sofort in den Konferenzraum, es ist einfach unglaublich!«
Tanni drehte sich um und eilte zurück. Irgendetwas schrillte in Leana auf, ein jäher Kopfschmerz. Frösteln und schweißfeuchte Hände ließen sie einen Moment innehalten. Sie legte ihre Hände auf den Solarplexus und atmete dagegen an. JJ erschien im Türrahmen, und Leana bemerkte seinen sorgenvollen Blick. »Was ist?«
»Es tut mir schrecklich leid.« JJ drehte die Handflächen nach oben. »Kommst du?«
Leana fühlte sich wie in einem Vakuum. Sie hörte ihre Schritte nicht, nicht die Geräusche des Beamers, nur ihren Herzschlag vernahm sie überdeutlich und beängstigend. Als sie endlich den Konferenzraum erreicht hatte, sah Tanni sie mitfühlend an. JJ drückte sie auf einen Stuhl. Tanni schob eine Videodatei auf den Hauptbildschirm, blickte JJ fragend an, und als er nickte, startete sie den Film.
Leanas Nacken schmerzte, als sie versuchte, sich aufzusetzen. Sie war noch betäubt von dem Schlafmittel, das JJ ihr eingeflößt hatte. Als sie die Augen aufzwang, klebten die Lider aneinander. Ihre Armbanduhr zeigte kurz vor sechs. Der elende Geschmack im Mund erinnerte sie daran, dass sie sich in der Nacht mehrfach übergeben hatte. Sie schloss die Augen wieder, und die Bilder kamen zurück: in glänzenden schwarzen Handschuhen verborgene Hände, die dem Vietnamesen mit einer Sichel die Ohren abtrennten. Der Schnitt wurde mit einer schnellen Bewegung ausgeführt, es war, als hätte das Ohr noch einen Moment neben dem Kopf geschwebt, bevor es zu Boden fiel. Dann das andere. Der Mann hatte nicht geschrien, nur die Augen verrieten sein Entsetzen. Er würgte, als ihm seine eigenen Ohren in den Mund gezwängt wurden. Die Nadel musste so scharf wie die Sichel gewesen sein, denn der Mörder führte sie durch die Lippen des blutenden Mannes, als sei er aus Wachs. Da ihr Magen wieder rebellierte, zwang Leana sich dazu, die Bilder zu verdrängen und tief durchzuatmen. Leana Meister! Finde die wahren Täter!
Leana sprang auf, lief ins Bad und übergab sich noch einmal. Sie zog sich aus, stellte sich unter die Dusche und drehte das Wasser so heiß, dass es gerade eben noch auszuhalten war. Immer wieder tanzte dieser Satz, der den Abschluss des Videos krönte, durch ihre Gedanken: Finde die wahren Täter! Finde die wahren Täter …Unten links im Bild, das hatten JJ und Tanni zunächst gar nicht wahrgenommen, gab es insgesamt sechs Spielpüppchen, wie man sie von einem Mensch-ärgere-dich-nicht-Spiel kannte. Fünf standen aufrecht, eines lag auf der Seite, als ob es schliefe.
Es klopfte laut an der Tür: »Leana?«
Sie trat aus der heißen Dusche, wickelte sich in ein Handtuch und öffnete.
JJ machte eine Geste, als wolle er sie umarmen, aber sie wehrte ab. Da sich zu ihren Füßen eine Pfütze bildete, ging sie noch einmal ins Bad zurück und wickelte auch um ihre langen nassen Haare ein Handtuch.
»Ich habe das Team aufgescheucht. Bis auf Sven sind alle schon seit vier Uhr im Konferenzraum und werden von Tanni auf Stand gebracht. Kaffee oder lieber Tee?«, fragte JJ über die Schulter, er machte sich an der Kaffeemaschine zu schaffen.
»Kaffee!« Leana trat ans Fenster und lehnte die Stirn gegen die kühle Scheibe. »Wie kann das sein? Warum ich?« Sie drehte sich herum. »Nie war ich in Asien, ich gehe nicht einmal in irgendein asiatisches Restaurant. Wo soll meine Verbindung zu einem derart brutalen Mörder sein?«
JJ reichte ihr die Tasse. »Ich schätze, es ist sehr simpel. Du bist viel in der Presse. Dein Korbinian Baumgartner schreibt fast jede Woche über dich.« Leana hörte den Groll in JJs Stimme und war nicht sicher, ob es Eifersucht war oder seine gekränkte Eitelkeit – ob es ihm einfach nicht passte, dass zumeist nur über sie geschrieben wurde.
Leana knallte die Tasse auf das Fensterbrett, der Kaffee schwappte über. »So ein Unsinn! In den zwei Monaten, seit ich hier bin, haben wir deutschlandweit Morddelikte entweder selbst gelöst oder lokale Ermittlungen unterstützt. Keiner hat mit wahren oder falschen Tätern zu tun. Davor war ich achtzehn Jahre in Südafrika. Was«, Leana schluckte, »will dieses Monster von mir, verdammt noch einmal, was?«
JJ kam zu ihr. »Hör sofort damit auf. Du bist dafür nicht verantwortlich.«
»Die anderen Spielpüppchen«, flüsterte Leana, »sind das die nächsten Opfer? Warum liegt eine, warum stehen die anderen, sind das alles Menschen, die noch ermordet werden?!«
»Wir wissen es noch nicht!« JJ seufzte. »Sobald Tanni ein wenig Luft hat, will sie ein Profil von allem erstellen, was in den letzten Monaten über dich in der Presse war, um so vielleicht herauszufinden, wie der Täter ausgerechnet auf dich gekommen sein könnte.«
Leana schloss die Augen. »Das ist eine gute Idee.«
»Der Heli fliegt in dreißig Minuten mit Natalia, Zorro und Theo los. Schaffst du es, mitzufliegen?«
»Ich muss. Ich muss es einfach.« Leana ging zu dem Schrank auf der Rückseite des Badezimmers, ließ ihr nasses Handtuch fallen und nahm sich eine frische Jeans, eine Bluse, Socken, Unterwäsche und eine Strickjacke. Jedes Büro im Kompetenzcenter verfügte über Badezimmer, Schränke und eine Schlafcouch. Was auf den ersten Blick als Luxus erschien, war nichts anderes als die Perfektionierung des effektiven Durcharbeitens. Manchmal betrat sie morgens ihr Büro, und Mitarbeiter, die sie noch nie gesehen hatte, kamen aus ihrem Badezimmer oder schliefen auf ihrer Couch.
Als Leana um die Ecke bog, sah sie, wie JJ mit dem Unterkiefer mahlte. »Geh zu den anderen«, sagte sie. »Ich möchte noch einen Moment alleine sein. Natalia soll mich abholen, wenn wir fliegen.«
Als er sie anblickte, waren seine Augen kalt und leer. Er ging ohne ein weiteres Wort, zog die Tür langsam hinter sich zu und verschwand. Ihm geht der Fall besonders nah, dachte Leana, jeder Ermittler hat das, irgendeinen Fall, der einem besonders zu schaffen macht. Sie holte sich den Kaffee von der Fensterbank, schaltete ihren Bildschirm ein und sah sich das Video noch einmal und noch einmal und noch einmal an. Immer wieder stoppte sie, versuchte ein Auge, ein Stück Mund des Täters in den Messingbeschlägen der Theke zu entdecken. Sie fand nichts. Die Präzision der Schnitte, die sichere Hand, mit der er dem Opfer den Mund zunähte, jeder Schritt, jeder Atemzug auf dem Video zeigte, dass die Person ein Profi war. Kein Zögern, kein Innehalten, kein Abwarten.
Sie wandte den Kopf, als Natalia klopfte und – wie immer – eintrat, ohne ein Herein abzuwarten. Ihr schmaler schlanker Körper steckte in einem geblümten Sommerkleid, das Haar hatte sie streng nach hinten gebunden, was ihre scharfen slawischen Gesichtszüge noch markanter wirken ließ. Leana vermutete, dass die Blümchenkleider eine zarte Frau vortäuschen sollten, wo eine zähe Dan-Karateka drinsteckte. Mehr als einmal hatte Leana erlebt, wie ein Gegenüber vollkommen davon überrumpelt wurde, wie unglaublich schnell und hart diese grazile Frau zupacken konnte. »Wie wollen wir vorgehen?«, fragte Leana und drehte sich langsam ganz zu ihr um.
»Der Heli ist bereit, Zorro und Theo packen schon ihren Kram ein. Tanni quält die Datenbanken. Wenn der Typ aus Barcelona ohnehin das Ass ist für die Mafia aus Ostasien, sollten wir mit dieser Recherche nicht unsere Zeit verschwenden. Maxim wartet auf die Leiche, und wenn Fin aus München da ist, untersucht Sven die mitgebrachten Spurenträger und füttert unsere Maschinen, sodass wir Vergleichsproben haben, wenn wir zurück sind. Und eingedenk deiner Fähigkeit, die ich nicht verstehe, dachte ich, es wäre gut, wenn wir uns beide den Tatort ansehen. Außerdem könntest du noch ein bisschen schlafen im Heli, du siehst nämlich echt …«
»Sag es nicht.« Leana lächelte gequält.
Sie gingen schweigend an den verschiedenen Abteilungen vorbei, Biologie, Kriminaltechnische Untersuchung/Spurensicherung, Physik, Gerichtsmedizin und die Nerds. Jede Abteilung umfasste dreißig bis fünfzig Mitarbeiter, die auf Anfrage Mordfällen in ganz Deutschland als Spezialisten zugeteilt wurden. Neben Tanni, die als jüngste Chefin die Abteilung der Nerds leitete, deren offizieller Name Computerforensik lautete, führte Theo ten Wolde die Physiker, Sven Alius die Biologen, Zorro die Spurensicherung und Professor Maxim Winter die Gerichtsmedizin inklusive der Psychologischen Forensik. Insgesamt verfügte das LKA-Kompetenzcenter über gut zweihundert Mitarbeiter.
Draußen erwarteten sie frische Herbstluft und ein tiefroter Himmel, der den anbrechenden Tag ankündigte.
Als sie vom Dach des LKAs in die aufgehende Sonne starteten, fragte sich Leana, wie ein Morgen so bezaubernd und friedlich sein konnte und zugleich so blutdurchtränkt wie dieser Himmel.
Es war kurz nach neun Uhr, als das Team den Tatort im Münchner Cosimapark erreichte. Das ›Dragon House‹ befand sich leicht zurückgesetzt in der Klingsorstraße, gegenüber einem kleinen Einkaufszentrum mit Commerzbank, Supermarkt und Apotheke. Der Vorplatz war leer bis auf einen alten Mann mit Hut und Hund, der sie beäugte. Die Luft war warm, ein lauer Wind trieb ein paar zu früh gefallene Blätter vor sich her. Die friedliche Fassade eines Sonntags, dachte Leana.
Das ›Dragon House‹ versteckte sich unter Schatten spendenden Bäumen. Zwei Löwenkörper mit Drachenkopf flankierten den Eingang, sie ähnelten dem Drachenkopf, den sie schon von den Fotos kannten. Der junge uniformierte Polizist, der sie am Flughafen eingesammelt hatte, löste die Versiegelung der Eingangstür.
Er ließ den Frauen den Vortritt und blieb selbst am Eingang stehen. Theo und Zorro schlüpften in ihre Anzüge, reichten Natalia und Leana ebenfalls welche und machten sich umgehend an die Sammlung und Katalogisierung möglicher Spuren. Leana und Natalia fotografierten in Tannis Auftrag. Der Modergeruch des trocknenden Blutes vermischte sich mit dem schweren Duft nach Räucherstäbchen. Links in der hinteren Ecke leuchtete ein Aquarium. Die bunten Koi-Karpfen darin verrieten Leana, dass das Opfer wirklich sehr gut verdient haben musste, denn Kois waren ein kostspieliges Hobby. Ihre Recherche der letzten Nacht hatte ergeben, dass Kois schon lange nicht mehr als Zeichen für Schutzgeldzahlungen galten. Sie trat an das Aquarium und sah, dass ein Koi tot am Grund des Beckens lag.
»Dieser ätzende Föhn macht mir jetzt schon Kopfschmerzen«, grollte Natalia dem unangenehm warmen Wind, der zur Tür hereinwehte und einem das Atmen erschwerte. Als sie jeden Winkel des Lokals gefilmt und fotografiert hatten, bat Leana Natalia, sich vor den Pfeiler zu stellen, wo der Tote gestanden hatte, denn Natalia hatte ungefähr seine Größe.
Natalia stellte sich so hin, wie sie es von dem Video in Erinnerung hatte.
»Theo, stellst du dich bitte vor Natalia, und da du zu groß bist, geh weit in die Knie, bis ich Stopp sage.«
Theo strich seine Locken unter die weiße Kapuze, stellte sich Natalia gegenüber und ging langsam runter.
»Stopp.« Leana trat von hinten an Theo heran. »Kannst du einen Moment aushalten?«
»Stunden, wenn es sein muss«, behauptete Theo.
Leana fotografierte sämtliche spiegelnden Oberflächen rechts und links von Natalia. Das Messing der Theke, den Drachenkopf über ihr, die verkehrt herum hängenden Flaschen. Die Gläser.
»Danke Theo, das genügt.«
Seine Kniegelenke knackten, als er sich wieder zu seiner vollen Größe von einem Meter dreiundneunzig aufrichtete. »Verrätst du mir, warum? Die Größe des Mörders werde ich dir ohnehin genau ausrechnen.«
Leana speicherte die Fotos und schickte sie direkt von der Kamera an Tanni, während sie es Theo und Natalia erklärte: »Ich habe im Video auch mit maximalen Vergrößerungen im Chrom nichts erkennen können. Jetzt, wo ich aus dem Winkel fotografiert habe, wo unser Täter gestanden hat, hoffe ich, dass Tanni gezielt suchen und vielleicht doch mit maximalen Ausschnittvergrößerungen irgendwas erkennen, sichtbar machen kann.«
»Gute Idee«, gab Theo unumwunden zu.
»Siehst du, Theo«, Natalia löste sich von dem Pfeiler, »ich frage schon gar nicht mehr, warum Leana irgendetwas tut.«
Leana zog ihre Handschuhe wieder an und ging noch einmal durch den gesamten Laden. Sie öffnete jedes Schubfach, sammelte Rechnungen ein, Bestellzettel, entlockte der elektronischen Kasse die Buchungen der letzten drei Wochen und druckte sie aus, stapelte alle Fotos, die sie finden konnte, und packte die Sachen in eine extra dafür vorgesehene Tasche. Zorro würde zunächst sämtliche möglichen Spuren sammeln, Haare, Hautschuppen, Fingerabdrücke. Sven würde in der Biologie das analysieren, was Zorro als nicht menschlich einstufte.
»So langsam müssen wir«, mahnte Natalia und klopfte auf ihre Smartuhr, »der Heli soll um dreizehn Uhr fliegen, die nächste Besprechung ist um sechzehn Uhr, also – haben wir alles?«
Leana nickte und folgte Theo, Natalia und Zorro zur Tür. Der junge Polizist wollte sie gerade wieder versiegeln, da sagte Leana: »Warten Sie, ich will die Kois noch mitnehmen.«
Natalia rollte mit den Augen: »Muss das sein?«
»Wie war das gerade noch«, fragte Theo mit hochgezogener Augenbraue, »du fragst schon gar nicht mehr?«
Leana verschwand noch einmal im Restaurant. In der Küche fand sie einen sauberen Eimer, neben dem Aquarium einen Kescher, behutsam sammelte sie die Kois ein. Auf dem Weg zurück zum Heli schickte sie Maxim eine Nachricht und fragte, ob er etwas in seiner Gerichtsmedizin habe, das vier Koi-Karpfen aufnehmen könne. Prompt kam zurück, er habe zu Hause noch ein Aquarium und würde gleich jemanden schicken, der es holte.
Leana lächelte in sich hinein. Dieser junge Gerichtsmediziner und sie lagen auf eigenartige Weise auf einer Wellenlänge. Wenn sie gemeinsam mit dem gesamten Team nachdachten, konnte der eine oft die Sätze des anderen vervollständigen. Manche Nächte hatten sie schon damit zugebracht, ungestört von den anderen an einem Fall zu tüfteln. Er hatte die seltene Gabe, keine Idee, keine Meinung sofort zu beurteilen, sondern ließ erst einmal alles gelten, durchdachte es sehr gründlich und schien bar jeder Eitelkeit zu sein, wann immer er etwas für richtig oder falsch befand. Er bezog keine Meinung, keine Äußerung auf sich selbst.
Leana stellte die Kois im Heli zu ihren Füßen und hoffte, dass die Tiere den Flugstress gut überstehen würden. Hinter ihr verstauten Zorro und Theo die mit Proben gefüllten Transportkisten.
»Willst du jetzt drüber reden?«, fragte Natalia und blickte Leana von der Seite an.
»Ich habe dazu nichts zu sagen, nicht einmal ein Gefühl. In Kapstadt habe ich auch Drohbriefe bekommen, ja. Bin auch mal tätlich angegriffen worden. Aber dass ein Mörder wie aus dem Nichts kommt?«
»Es ist sehr merkwürdig«, gab Natalia zu, »zudem es auch noch München ist und du gerade erst zwei Monate bei uns arbeitest. Mal sehen, was Tanni herausfindet. Sie findet eigentlich immer was«, versuchte sie Leana Mut zu machen.
Ein Windstoß fegte ins Innere des Helis. »Ich glaube nicht, dass es mit meiner Pressepräsenz zu tun hat, Tanni soll lieber nach anderen Sachen suchen.«
»Lass Tanni ihren Job machen, und wir machen unseren«, antwortete Natalia knapp. Die Tür ging zu, sie schnallten sich an, und kurz darauf hob der Heli schwankend in den Föhnwinden ab mit Kurs auf Düsseldorf.
Nach der Landung brachte Leana als Erstes die Karpfen in die Gerichtsmedizin. Maxim hatte das Aquarium fachgerecht aufgebaut und mit allem versehen, von dem er annahm, dass die Fische es brauchten. Als Leana langsam den Eimer ins Wasser gleiten ließ, fragte Maxim: »Warum hast du sie mitgebracht?«
»Ich weiß es noch nicht«, Leana blickte in das Wasser, »es war mehr ein Gefühl als eine konkrete Überlegung. Sie sind offiziell als Beweismittel geführt, und so macht es nichts, wenn sie hier ein paar Tage herumschwimmen. Oder stören sie dich?«
So unvoreingenommen Maxim Ideen und Meinungen auch gegenüberstand, inzwischen hatte Leana mehrfach miterlebt, wie schnell ihn selbst kleinere Änderungen in vertrauten Räumen irritieren konnten.
»Es wird schon gehen«, antwortete Maxim, »sie machen ja keine Geräusche.«
Leana ging in ihr Büro und fand an ihrer Kaffeemaschine JJ vor und einen Mann, der seine dunkelbraunen Haare zu einem Pferdeschwanz gebunden hatte, einen sichtbar teuren schwarzen Anzug trug und mit dem Rücken zu ihr stand. Sie dachte, sie müsste Natalia einmal fragen, wie sie es schaffte, dass niemand ihr Büro benutzte, um dort zu duschen, zu schlafen oder sich einen Kaffee zu machen. Denn in Momenten wie diesem nervte sie die WG-Mentalität des Kompetenzcenters. Sie hätte gern ein paar Minuten für sich gehabt, um sich zu sammeln.
»Gibt’s auch einen Kaffee für mich?«, fragte sie schroffer als beabsichtigt. Der Unbekannte schnellte herum und streckte ihr eine große, behaarte Hand hin: »Finley Fitzpatrick, entschuldigen Sie, dass wir Ihr Büro besetzt haben.«
Seine grünen Augen blitzten unter dichten Brauen. Leana bemerkte, dass die Haare auf seinem Handrücken rot waren. Sein braunes, von einzelnen grauen Strähnen durchsetztes Haar hatte ebenfalls einen rötlichen Schimmer. Der Pferdeschwanz machte das sehr eckige Gesicht etwas weicher. Wie JJ trug auch er ein T-Shirt unter dem Jackett. Was Leana am meisten erstaunte, waren die Tattoos, die an den Handgelenken und am Hals zu erkennen waren. Sie entzog ihm ihre Hand.
»Leana Meister!«
»Oh, das weiß ich, und zwar seit unzähligen Jahren. Nein, genau genommen, seit Sie vor einundzwanzig Jahren Janosch Jacobs Team zugeordnet wurden.«
»Nun, ich weiß von Ihnen erst seit gestern Abend!«
Fin lachte lauthals. »Und wie wäre es mit dem Namen ›Harley‹?«
»Sie sind … der Ire?«
»Genau, und JJs bester Freund. Als Sie nach Ihrer Ausbildung in sein Team kamen, ging ich gerade als Harley in den Untergrund. Und ehe ich von dort wieder zu Besuch kam, waren Sie nach Afrika verschwunden. Das war, wenn mich mein Zahlengedächtnis nicht täuscht, vor gut achtzehn Jahren, richtig?«
Kaffeegeruch erfüllte den Raum.
»Ja«, sagte Leana, »das ist richtig. Entschuldigung, dass ich so unfreundlich war. Ich bin Leana!« Sie reichte ihm noch einmal die Hand, die er herzlich ergriff. Leana erinnerte sich, dass Harley/Fin lange undercover bei den Hells Angels ermittelt hatte. JJ brachte ihr schwarzen Kaffee.
»Heute nennt mich niemand mehr Harley, genauso wenig wie Janosch Jacob noch JJ genannt wird.«
»Außer von mir.« Leana grinste.
»Tatsächlich?« Fin schmunzelte. »Nun, wenn Harley Ihnen besser gefällt …«
»Fin ist wunderbar.« Sie trank und verschluckte sich fast.
»Wie war es in München?«, fragte JJ.
»Lasst uns in den Konferenzraum gehen«, bat Leana, »dann ist es gleich für alle.« Sie legte ihre Tasche auf den Schreibtisch und ging vor, ihren Block in der einen, den Kaffee in der anderen Hand.
Der Konferenzraum war überfüllt. Wie immer bei solchen Gelegenheiten lagen auf ein paar Stühlen Zettel mit dem Hinweis »Teamleitung«. Tanni stand am Bildschirmtisch und warf rundum auf die Monitore, was sie gefunden hatten.
Als im Raum Ruhe eingekehrt war und Tanni gerade loslegen wollte, ging die Tür des Konferenzraums noch einmal auf.
»Entschuldigen Sie die Verspätung, der Zug … Ich bin Dario Guillermo Rodriquez. Hi, Fin!« Dario schlug Fin, der direkt an der Tür saß, auf die Schulter und beugte sich kurz zu einer Umarmung hinunter. Leana nahm aus dem Augenwinkel wahr, dass Natalia einen Moment lang der Mund offen stehen blieb.
Dario war wie das fleischgewordene Klischee eines Südspaniers. Knapp eins achtzig groß, sehnig, tiefschwarze Augen und Haare und dunkler Teint. Er trug ein schwarzes Hemd zur Jeans, Gold hing um seinen Hals, fand sich als Ringe an seinen Händen wieder und als linker Eckzahn seines Gebisses.
»Setz dich, Dario, wir stellen dir das Team später vor.«
Tanni starrte Dario ebenfalls einen Moment zu lange an und errötete, weil er es bemerkte und sie anlächelte.
»Also«, Tannis Stimme klang piepsig, sie räusperte sich, »wir haben das hier über unser Opfer zusammengetragen.« Sie wiederholte, was sie schon in der Nacht gefunden hatten, warf noch einmal den Lebenslauf von Nguyen Thien Duc an die Wand und gab zu, dass sie bisher keine Lücke in seinem lückenlosen Lebenslauf gefunden hatten. »Die Ehe von Thien Duc wurde vor zwanzig Jahren geschieden. Unmittelbar nach der Scheidung, die aus Amerika eingereicht wurde, verschwanden seine Exfrau und die Tochter. Wir haben zwar die Einreisepapiere nach USA gefunden, aber dann kam ein schwarzes Nichts.« Tanni hob entschuldigend die Hände.
Leana drehte sich zu JJ um. »Zeugenschutz?«
»Kann ich mir nicht vorstellen. Tanni, war Thien Duc in dieser Zeit in irgendwas verwickelt?«
Tanni hob wieder die Hände. »Nein, gar nichts. Nach seinem Drogendelikt ist er sauber geblieben. Zumindest laut der digitalen Datenbanken – ihr wisst, das prädigitale Papier braucht eklatant länger.«
»Na ja«, meldete sich Dario mit dunkler Stimme und leichtem spanischen Akzent zu Wort, »wenn ich dazu was sagen darf: Vor zwanzig Jahren als Asiate in Amerika zu verschwinden war relativ leicht. Man reiste mit Touristenvisum ein, verschwand, gerade als Mensch mit Schlitzaugen, in irgendeiner Chinatown einer großen Stadt. Übernahm irgendwann und gegen viel Geld dann – denn gestorben wird immer – die Sozialversicherungsnummer eines anderen im ähnlichen Alter, und schon war man seinen ursprünglichen Namen für immer los. Wir nannten es Zeugenschutz für das Fußvolk.«
»Hm«, bestätigte JJ, »das kennen wir auch aus Ostdeutschland, die haben uns die Vietnamesen eingebrockt. Immer der gleiche Pass mit dem gleichen Namen, aber unzählige verschiedene DNS-Signaturen. Weiter, Tanni.«
Theo kam nach vorn an den Bildschirmtisch und legte die Analyse zur Größe des Täters dar. Aufgrund der Schnittrichtung der Sichel und der Hebelbewegung, die er mit dem Arm vollführt hatte, ließ sich auch sein ungefähres Gewicht ableiten. »Das war für uns eine ziemliche Überraschung. Einen Meter achtundfünfzig, achtundvierzig bis zweiundfünfzig Kilo schwer.«
»Ganz sicher?«, hakte JJ nach.
»Janosch Jacob, ich rechne seit Jahren und habe noch nie danebengelegen«, Theo schob sich eine dunkelbraune Locke aus der Stirn, »und trotzdem haben wir es im Team dreimal durchgerechnet. Unser Täter ist mit nur acht Zentimetern an der Mikrosomie vorbeigezogen. Die sich daraus ergebene Frage, wie ein so kleines Wesen einen so stattlichen Mann in Schach halten konnte, wird Maxim beantworten.«
Maxim verbeugte sich leicht in Richtung Leana. Gab ein paar Befehle am liegenden Bildschirm auf dem Tisch ein, und auf den Monitoren ringsum erschien das Opfer, nackt auf dem Sektionstisch. Der Mund war von der Naht befreit, die Ohren lagen links und rechts neben dem Kopf. Bei dem fürs Nähen verwendeten Material handelte es sich, wie Zorro gemeinsam mit der Spurensicherung herausgefunden hatte, um einen extrem dünnen Draht, der sich wie Zwirn verhielt, aber tausendfach stabiler war. Maxims dunkelblonde Haare waren wie immer mit Gel nach hinten gekämmt, und ihm haftete die leicht exaltierte Körperhaltung eines durchtrainierten Florettfechters an. »Unser Opfer stand unter Drogen. Wir haben in der Lippennaht Spuren von blauem Lotus gefunden. NympheaCaerulea, Blauer Lotus, wir kennen die Droge von den Ägyptern, die sich damit in rauschhafte Zustände versetzt haben. Blauer Lotus gehört zu den ethnobotanisch bedeutsamen Pflanzen und ist in Deutschland legal. Er versetzt uns in einen hypnotischen Zustand und wirkt zugleich schmerzlindernd. Wir haben eine sehr hohe Dosis im Blut unseres Opfers gefunden – als wir dann wussten, wonach wir suchen sollten –, der schmerzlindernde Effekt ist dennoch keinesfalls so stark, dass er keine Schmerzen mehr gespürt hat. Aber an Hand- und Fußgelenken zeigen sich überhaupt keine Spuren, dass er sich gegen die Kabelbinder gewehrt hat, die Abdrücke, die hier sichtbar sind, sind jedenfalls post mortem entstanden. Also liegt der Schluss nahe, dass er keine Schmerzen hatte. Wenn es so war, muss es an einer anderen Droge liegen, wir haben jedoch noch nichts gefunden, auch keine Hinweise darauf, wie sie gegebenenfalls injiziert wurde. Ich kann also nicht ausschließen, dass weitere Drogen eingesetzt wurden, aber keine, die wir kennen, das erschwert die Suche. Zusätzlich zu den injizierten Drogen werden die körpereigenen Drogen zur Schmerzfreiheit beigetragen haben, hoffentlich!«
»Körpereigene Drogen?« fragte Fin belustigt nach.
»Die sogenannten Endorphine«, antwortete Maxim. »Das Endorphinsystem wird in Notfallsituationen aktiviert. Bisher ging man davon aus, dass die Endorphinausschüttung in bestimmten Situationen das Schmerzempfinden unterdrückt. Neuere Erkenntnisse zeigen, dass das aus der Hypophyse in die Blutbahn freigesetzte beta-Endorphin …«
»Maxim«, sagte Leana leise, und er verstand den Wink, dass er zu weit ausholte.
»Jedenfalls ist medizinisch gesichert, dass Schmerzerfahrungen beispielsweise bei einem Marathonlauf einen individuell höchst unterschiedlichen Grad an Glückszuständen hervorrufen, das sogenannte Runner’sHigh, was den Endorphinen den leicht irreführenden Namen ›Glückshormone‹ eingebracht hat. Wir haben noch die Opiatpeptide … okay, entschuldige, Leana. Es zeigt sich immer wieder, dass schwer verletzte Menschen wie unser Opfer hier für einen individuell sehr unterschiedlich ausgeprägten Zeitraum keine Schmerzen verspüren.«
»So genau wollte ich es gar nicht wissen«, sagte Fin lakonisch.
»Nun, wir schon«, gab Maxim zurück. »Todeszeitpunkt elf Uhr morgens.«
»Das Restaurant hat an Sonn- und Feiertagen geschlossen«, meldete sich Fin nochmals zu Wort, »und die Geschäftsführung teilte uns mit, dass das Opfer sich an diesen Tagen oft dort aufhielt, um in Ruhe Abrechnungen zu machen, manchmal Inventur. Das war langjährige Routine.«
»Wir«, Tanni ging wieder nach vorn und schob Maxim mit einer versöhnlichen Geste zur Seite, »haben hier«, sie strich über den liegenden Monitor und warf einen Film auf den Hauptbildschirm vor Kopf, »das Material der Überwachungskameras der Umgebung zusammengeschnitten.«
»Ihr seid ätzend«, murmelte Fin düster.
»Nur kein Neid«, gab JJ lächelnd zurück.
»Hier kommt Thien Duc in seinem weißen Mercedes in die Straße gefahren und, hopp, verschwindet in der Tiefgarage. Genau neun Uhr! Danach«, Tanni verdreifachte die Geschwindigkeit des Films, »kommen und gehen ein paar betagte Herrschaften, der Mann mit Hut und Hund hier zum Beispiel.«
»Wurde befragt und hat nichts gesehen«, brummte Fin.
»Danke. Noch zwei Autos, ein Escort, ein VW Beatle, zwei Fahrradfahrer, das war’s. Alle fahren dran vorbei.«
Leana drehte sich zu Fin um. »Habt ihr die Tiefgarage geprüft? Als wir da waren, wusste ich nämlich nicht einmal, dass da eine ist.«
»Ich auch nicht, ich schicke gleich Leute hin«, gab Fin zerknirscht zu. Er nahm sein Smartphone aus der Innentasche seines Jacketts und ging raus, um zu telefonieren.
»Die sollen mir die Fotos mailen«, rief Tanni ihm hinterher.
»Das bedeutet, dass der Täter schon im Gebäude war«, sagte Natalia, zog sich mit einer nachlässigen Geste das Zopfgummi aus dem Haar und massierte sich sanft die Kopfhaut. »Habt ihr auch das Filmmaterial der Nacht und des Abends davor?«
»Klar, Mam, und schon durchgesehen. Noch ein zweites Mal, als wir von Theo die Größe und das Gewicht bekamen.«
Natalia legte den Kopf schräg. »Zeig das ganze Haus.«
Tanni wischte über den Bildschirm, und auf der rechten Seite des Konferenzraums erschien das ›Dragon House‹ in voller Größe. Es sah aus, als wäre es zwischen den Bäumen regelrecht eingezwängt.
»Zoom das Dach näher ran«, bat Natalia.
Fin kam in den Raum zurück und setzte sich wieder.
»Hast du auch 360 Grad?«, drängte Natalia weiter.
Tanni ließ das Haus um die eigene Achse kreisen.
»Stopp!«
Jetzt sahen es alle: Auf der hinteren Seite des Dachs stand ein Fenster offen.
»Er ist übers Dach gekommen«, sagte Natalia bestimmt.
»Keine Kameras auf der Seite, Mam«, Tanni hob die Hände.
Einen Moment herrschte Stille.
»Was haben wir noch?« JJ strich mit den Händen über seine kurz geschnittenen grauen Haare.
»Die Analyse von Leanas Fotos. Selbst bei zweitausendfacher Vergrößerung und anschließender neuer Feinkörnung sehen wir gar nichts.« Tanni schob das Haus an den unteren Bildschirmrand, stellte einige Fotos nebeneinander und vergrößerte sie. »Wir haben das im Team diskutiert und denken, der Täter hatte nicht nur schwarze Handschuhe, sondern war komplett schwarz gekleidet.«
»Deshalb werden wir wohl auch keine verwertbare DNS finden«, nuschelte Zorro, »unser Täter ist eingenäht in einen Anzug, der entweder keine Fasern verliert oder so übliche Fasern hat, dass es gar nicht auffällt unter den tausend Fasern, die wir in einem Restaurant finden.«
»Danke, Tanni, Maxim, Zorro, Theo und euren Teams. Dario, können Sie uns ad hoc etwas zu dem Mordritual sagen? Für euch andere: Dario Rodriquez hat in Amerika Kriminalistik studiert, war oft in Ostasien und kennt sich mit der Mafia dieser Länder bestens aus. Deshalb haben wir ihn gebeten, uns zu helfen. Dario?«
Dario ging nach vorn, stellte sich vor den großen Bildschirm und sich selbst kurz vor. »Einen kurzen Abriss«, sagte er dann mit spanischem Akzent und einem schiefen Lächeln, »müssen Sie über sich ergehen lassen …«
Er ging nicht auf Entstehung und Geschichte der Mafia in Asien ein, sondern beschränkte sich auf die Triaden in Europa, die sich bis vor ein paar Jahren überwiegend in den Niederlanden, Frankreich und England breitgemacht hatten. In den Niederlanden gab es zahlreiche Ritualmorde zu verzeichnen. In Deutschland tickte die Bombe immer lauter, die Triaden finanzierten exklusive Hotels, traten als Baufirmen auf oder wickelten Geschäfte über In- und Exportfirmen ab, die über Hamburg oder Rotterdam ihren internationalen Handel betrieben. Dario selbst habe letztes Jahr eine Untersuchung in München betreut, und dabei sei herausgekommen, dass 95 Prozent der chinesischen Lokale Schutzgelder zahlten. In den Neunzigern habe es dreißigtausend legal in Deutschland lebende Chinesen gegeben, 2010 schon weit über hunderttausend, mittlerweile nähere man sich der zweihunderttausend, von der Dunkelziffer gar nicht zu reden.
»Sie kommen auf leisen Sohlen, und sie gehen auf leisen Sohlen. Spurt jemand nicht, macht er offiziell eine Reise in sein Heimatland und wird dann in Hongkong als Leiche aus dem Meer geborgen. Kaum ein deutscher Ermittlungsbeamter, kaum ein europäischer, spricht Chinesisch, erst recht nicht einen der Dialekte. Die Schmugglerbanden verfügen über ein weltumspannendes Netzwerk von Gold- und Juwelenhändlern, Handelsgesellschaften, Wechselstuben, legalen Casinos in Asien und eben auch in Europa. Per Codes laufen weltweite Zahlungsanweisungen. Die Triaden haben eine eigene Kassibersprache, die wir kaum entschlüsseln können. Aber so weit kommen wir meist ohnehin gar nicht, denn die chinesische Gemeinschaft ist in allen Ländern der Welt eine geschlossene Gesellschaft.« Dario trat zur Seite und bat Tanni, noch einmal das Tatortfoto des Toten auf den Hauptbildschirm zu geben.
Er ging ganz nah an den Hauptbildschirm heran, studierte kurz den Schnitt an den Ohren, dann zeigte er auf den zugenähten Mund. Leana fröstelte, als sie wieder in die entsetzten Augen des Ermordeten blicken musste.
