24 Dates To Fall In Love - Stefanie Diem - E-Book

24 Dates To Fall In Love E-Book

Stefanie Diem

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Beschreibung

**Schaffst du es, dich nicht zu verlieben?**  Romy wird kurz vor Weihnachten verlassen. Nun muss sie die Adventszeit allein verbringen, und als wäre das nicht genug, landet ihr Adventskalender mit 24 Dating-Ideen ausgerechnet bei Oliver, ihrem arroganten neuen Kollegen. Widerwillig lässt sie sich auf eine Wette ein: Oliver und sie verbringen die Dates miteinander – wer sich verliebt, verliert. Zwischen nächtlichen Schneespaziergängen, Christmas Partys und Weihnachtsmarktbesuchen entsteht ein Knistern, das Romy zu kontrollieren versucht. Doch es wird immer schwerer, Olivers Nähe zu widerstehen. Aber wegen ein, zwei kleinen Ausrutschern muss sie nicht gleich die Wette verlieren ... oder?  »24 Dates To Fall In Love« ist ein Winterroman voller Herz, Humor und Winterzauber – perfekt für die Adventszeit!  #HaterstoLovers #ForcedProximity #WorkplaceRomance #SmallTown  //Dieser Titel ist ein in sich abgeschlossener Einzelband.// 

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Veröffentlichungsjahr: 2025

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COVE Story

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COVE Story ist ein Imprint des Carlsen Verlags und publiziert romantische und fantastische E-Books und Prints. Wenn du süchtig machende Romance- und Romantasyromane deutschsprachiger Autor*innen suchst, ob von Newcomer*innen oder Vielschreiber*innen, wirst du hier garantiert fündig. Jede Cove Story lässt dich durch die Seiten fliegen und ist auf ihre eigene Art und Weise einzigartig.

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Stefanie Diem

24 Dates To Fall In Love

Schaffst du es, dich nicht zu verlieben?

Romy wird kurz vor Weihnachten verlassen. Nun muss sie die Adventszeit allein verbringen, und als wäre das nicht genug, landet ihr Adventskalender mit 24 Dating-Ideen ausgerechnet bei Oliver, ihrem arroganten neuen Kollegen. Widerwillig lässt sie sich auf eine Wette ein: Oliver und sie verbringen die Dates miteinander – wer sich verliebt, verliert. Zwischen nächtlichen Schneespaziergängen, Christmas Partys und Weihnachtsmarktbesuchen entsteht ein Knistern, das Romy zu kontrollieren versucht. Doch es wird immer schwerer, Olivers Nähe zu widerstehen. Aber wegen ein, zwei kleinen Ausrutschern muss sie nicht gleich die Wette verlieren … oder?

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Vita

Danksagung

© privat

Stefanie Diem arbeitet und lebt gemeinsam mit ihrer Familie im Allgäu. Schon als kleines Kind verfügte sie über eine lebhafte Fantasie und dachte sich die tollsten Geschichten aus, die sie zu Papier brachte, sobald sie schreiben konnte. Das Schreiben hat sie seither nicht mehr losgelassen und zählt neben dem Lesen zu ihren größten Leidenschaften.

Vorbemerkung für die Leser*innen

Liebe*r Leser*in,

dieser Roman enthält potenziell aufwühlende Inhalte. Aus diesem Grund befindet sich hier eine Inhaltswarnung. Am Romanende findest du eine Themenübersicht, die demzufolge Spoiler für den Roman enthält.

Entscheide bitte für dich selbst, ob du diese Warnung liest. Gehe während des Lesens achtsam mit dir um. Falls du während des Lesens auf Probleme stößt und/oder betroffen bist, bleib damit nicht allein. Wende dich an deine Familie, Freund*innen oder auch professionelle Hilfestellen.

Wir wünschen dir alles Gute und das bestmögliche Erlebnis beim Lesen dieser besonderen Geschichte.

Stefanie Diem und das COVE Story-Team

Für meine MädelsAnne, Jessy, Manu, Simone

Für unvergessliche Wellness-Tage,für unvergleichliche Ausflüge,für überraschende, wundervolle Fahrten ins Blaue,für lange Nächte mit More Passion,für aufregende Staus mit unvorhergesehenen, schokoladigen Geschenken,für Parken in zwielichtigen, viel zu engen Tiefgaragen,für ein Ausspannen vom Alltag,einfach ein Danke für alles!

Schneesturm Der letzte Tag im November

Dichte Schneeflocken rieselten wie Watte vom Himmel. Sobald ich das Fernlicht am Auto einschaltete, verdichteten sie sich zu einem Vorhang aus Weiß und Grau. An Geschwindigkeiten jenseits der fünfzig Stundenkilometer war nicht zu denken.

Spätestens jetzt hasste ich mich dafür, dass ich nicht früher aufgebrochen war.

Das Schneetreiben wurde immer stärker. Selbst die Autobahnmeistereien kamen nicht hinterher, das dichte Weiß von den Fahrbahnen zu räumen, sodass ich teilweise nur mit dreißig km/h dahintuckern konnte. Wie würden die Verhältnisse erst sein, wenn ich die Autobahn verließ und die schmale, kurvenreiche Straße nach St. Finan befuhr? Hier in den Alpen waren wir auf Schnee gut vorbereitet, aber dennoch gab es Situationen wie diese, in denen selbst hundert Schneeräumfahrzeuge nicht ausreichten.

»Guten Abend auf die Straßen, die aktuellen Verkehrsmeldungen …«

Das Radio versorgte mich mit einer Vielzahl an Informationen über Staus und Verkehrsbehinderungen sowie mit der dringenden Bitte, nach Möglichkeit zu Hause zu bleiben. Diese Warnung kam eindeutig zu spät. Doch selbst wenn ich sie schon am Mittag gehört hätte, sie hätte mich nicht davon abgehalten, zum Geburtstag meiner Mutter zu fahren. Ich besuchte sie jedes Jahr. Punkt. So sehr sie mir manchmal auf die Nerven gingen, so sehr ich ihre belehrenden Worte verfluchte, so sehr liebte ich meine Eltern.

Ich setzte den Blinker, fuhr von der Autobahn ab und schaltete den Scheibenwischer eine Stufe höher, damit er den Schnee von der Windschutzscheibe schob. Gott, ich wünschte mir Ben mit seinem Allrad-SUV herbei. Mein Freund manövrierte uns immer zielsicher und ohne Anstrengung durch jedes Wetter. Bei ihm fühlte ich mich sicher, in jeder Hinsicht.

Ich betätigte den Knopf am Lenkrad, um Siri zu aktivieren und sie zu bitten, die Nummer meines Freundes zu wählen. Ich würde es definitiv nicht mehr pünktlich zu unserer Verabredung schaffen.

In diesem Moment sah ich inmitten des dichten Schneetreibens nur wenige Meter vor mir das Blinken orange-roter Lichter. Unverkennbar eine Warnblinkanlage, die direkt aus einer Schneewehe am Straßenrand leuchtete. Der dazugehörige Wagen hing halb in einem Graben.

Ich fluchte, nahm den Fuß vom Gas und wurde langsamer. Scharf bremsen war keine Option. Wer wusste schon, wohin mein Auto dann schlittern würde, ganz zu schweigen davon, ob ich danach überhaupt wieder anfahren konnte. Wer hier lebte, wusste, wie man sich bei Schnee verhielt: möglichst untertourig fahren und so selten wie möglich bremsen oder anhalten – nur, wenn es sich nicht vermeiden ließ.

Ich biss mir auf die Unterlippe. Soweit ich sehen konnte, hatte noch kein anderes Fahrzeug gestoppt. Es war meine Pflicht, zu helfen, auch wenn es mir in dem Moment überhaupt nicht in den Kram passte.

Einen weiteren Fluch ausstoßend, schaltete ich meine eigene Warnblinkanlage ein und brachte den Wagen behutsam zum Stehen.

Ich stapfte durch den kniehohen Schnee zu dem verwehten Auto, bei dessen Anblick sich mein Herz zusammenzog. Hoffentlich war der Fahrer nicht allzu schwer verletzt. Mein letzter Erste-Hilfe-Kurs lag schon eine Weile zurück – genauer gesagt vier Jahre, seit ich meinen Führerschein gemacht hatte.

Mir fiel ein Stein vom Herzen, als ich hinter den beschlagenen Scheiben jemanden telefonieren sah. Kurz überlegte ich, einfach zurückzugehen und weiterzufahren. Dann besann ich mich und klopfte vorsichtig gegen die Scheibe.

Die Person zuckte zusammen, wischte mit dem Ärmel über das Glas und starrte mich an, als wäre ich ein Phantom.

»Ist alles in Ordnung?«, rief ich laut.

Mein Gegenüber legte das Telefon beiseite, umklammerte den Griff und öffnete die Tür.

Du meine Güte, hatte ihm niemand gesagt, dass Winter war? In grauen Stoffturnschuhen, die in Nullkommanichts durchnässt sein würden, trat er zu mir in den Schnee und zog die dünne schwarze Jeansjacke enger um den Oberkörper. Trug er darunter tatsächlich ein kurzärmeliges Hawaii-Hemd?

»Gott sei Dank haben Sie angehalten.« Mit einer fahrigen Bewegung strich er sich die blonden Haare aus der Stirn und musterte mich überrascht. »Oh … ähm, ich dachte … Sie … du wärst älter.«

Ich zog die Augenbrauen hoch und verschränkte die Arme vor der Brust. »Du kannst verdammt froh sein, dass überhaupt jemand angehalten hat bei dem Wetter!«

Sofort hob er abwehrend die Hände. Im Licht der Scheinwerfer konnte ich sein Gesicht jetzt deutlich erkennen.

Gott, war das ein schöner Mann. Der durchdringende Blick aus seinen stahlblauen Augen faszinierte und verwirrte mich gleichermaßen, ebenso wie die schön geschwungenen Lippen, die von einem stoppeligen Dreitagebart umrahmt wurden. Er musste ungefähr in meinem Alter sein, vielleicht ein, zwei Jahre älter. Anfang bis Mitte zwanzig. Circa eins neunzig – soweit man das im hohen Schnee erkennen konnte. Auf jeden Fall war er einen ganzen Kopf größer als ich, was bei meinen knapp eins fünfundsechzig kein Kunststück war. Ein bisschen erinnerte er mich an Jeremiah Fisher aus The Summer I Turned Pretty, blonde, leicht zerzauste Haare, blaue Augen zum Niederknien und eine außergewöhnlich definierte Kieferpartie. Nur wirkte er älter als Jeremiah – und auch etwas muskulöser.

»Sorry, tut mir leid. Ähm … kannst du mir helfen? Ich habe versucht, den Pannendienst zu erreichen, aber die Verbindung ist schlecht und …«

»Lass mich raten«, unterbrach ich ihn. »Die wissen sowieso nicht, ob sie heute Nacht noch irgendwo hinkommen.«

Er runzelte die Stirn. »Wie meinst du das?«

Ich verzog verächtlich den Mund und deutete auf die unaufhörlich vom Himmel rieselnden, dicken Flocken.

»Wegen des Wetters vielleicht? Oder meinst du, du bist heute der Einzige, der im Graben gelandet ist?« Ich beäugte sein Auto skeptisch. »Hast du überhaupt Winterreifen drauf?«

Mein Blick blieb an dem Werbeschriftzug hängen, der sich über die gesamte Längsseite erstreckte.

»Das ist ein Mietwagen, der sollte entsprechend ausgestattet sein«, erwiderte er patzig und setzte sich wieder hinters Steuer. »Fahr ruhig weiter, ich komm hier irgendwie weg. Irgendein Taxi wird mich schon finden.«

Ich kaute nachdenklich auf meiner Unterlippe.

Sicher bestand die Möglichkeit, dass sich früher oder später ein Taxi hierher verirrte. Die Frage war nur, wann – und ob der kleine Fiat 500 genug Batterie hatte, um den Innenraum während der Wartezeit warmzuhalten. Laut Wetterbericht sollten die Temperaturen heute Nacht auf minus fünfzehn Grad sinken.

Ein Blick auf die Uhr verriet mir, dass es mittlerweile kurz vor 18 Uhr war. Mist, Ben saß wahrscheinlich schon am gedeckten Tisch. Ihm waren unsere gemeinsamen Abendessen sehr wichtig in unserer Beziehung.

Ich beobachtete den Surfer Boy im Summer Look, der sich mit seinen langen Beinen wieder hinter das Steuer zwängte und nach dem Handy fischte.

Ich seufzte und rang mit mir. Einerseits wollte ich so schnell wie möglich nach Hause. Andererseits tat er mir leid. Ich wusste genau, wie es sich anfühlte, festzustecken und nicht mehr vom Fleck zu kommen. Zu oft war ich mit meinem kleinen Ford Fiesta, der eine erbärmliche Straßenlage auf matschigem Schnee hatte, irgendwo hineingerutscht und hatte mich weder vorwärts noch rückwärts befreien können.

Entschlossen beugte ich mich über den Fiat.

»Wo musst du denn hin? Vielleicht kann ich dich mitnehmen. Der Pannendienst wird heute sicher nicht mehr kommen.«

»Mach dir keine Umstände, ich komm schon klar«, entgegnete er und ich musste mir ein Grinsen verkneifen. Gekränkter Männerstolz. Nur nicht zugeben, dass man die Hilfe einer Frau benötigte.

»Ich kann einen Freund von mir anrufen. Der zieht dich mit seinem Traktor raus, wenn du magst.«

»Nein, danke, ich vertraue lieber einem professionellen Pannenservice.«

»Wie du willst.« Ich zuckte mit den Schultern und drehte ihm den Rücken zu. »Dann viel Spaß beim Erfrieren. Heute Nacht wird es verdammt kalt. Ich hoffe, du hast genug heißen Tee und ein paar Decken in deiner Mietkugel.«

Mit einem Nicken deutete ich auf den Fiat. Ich wollte wirklich weiterfahren und ihn zurücklassen, aber mein schlechtes Gewissen hielt mich davon ab. Ich konnte doch keinen Menschen in dieser Situation sitzen lassen, schon gar nicht, wenn er so verdammt attraktiv war. Attraktiv und, allem Anschein nach, leider auch naiv. Typischer Tourist eben.

Seufzend wandte ich mich wieder ihm zu. »Jetzt stell dich nicht so an. Wo musst du hin?«

Ich sah, wie es hinter seiner Stirn arbeitete. Ihm war es offenbar wirklich peinlich, auf die Hilfe einer gleichaltrigen Frau angewiesen zu sein. Entweder das oder er glaubte unerschütterlich an die Zuverlässigkeit unseres Pannendienstes.

Schließlich siegte wohl doch die Vernunft. »Nach … nach St. Finan.«

Ein breites Grinsen stahl sich auf mein Gesicht. »Na, sieh mal einer an. Was für ein Zufall. Ich auch.«

Er seufzte und stieg aus dem Wagen. »Okay. So wie es aussieht, bleibt mir keine andere Wahl.«

»Oh, du kannst auch gerne hierbleiben und auf den Pannendienst warten. Das dauert nur sicher ein paar Stündchen. Oder du kannst zu Fuß nach St. Finan stapfen und hoffen, dass dich unterwegs jemand anders mitnimmt. Aber wenn das«, ich deutete auf seine Jacke, »dein einziges Outdoor-Outfit ist, sehe ich schwarz, dass du weit kommst. Schon gar nicht in Turnschuhen. Also rate ich dir, steig bei mir ein.«

Ein Lächeln huschte über sein Gesicht, dem ich augenblicklich erlag. Dieser Kerl brachte Frauenherzen zum Schmelzen, so viel stand fest. Wenn ich nicht in festen Händen gewesen wäre, hätte ich durchaus schwach werden können.

In seinen Mundwinkeln bildeten sich kleine Grübchen, und in seinen hellen Augen blitzte es herausfordernd. »Okay. Du lässt mir praktisch keine andere Wahl.«

Ich nickte zufrieden. »Hey, so was steht bei uns im Alpenkodex. Wenn jemand in Not ist, helfen wir. Also, hast du noch Gepäck oder so?«

***

Er hatte insgesamt drei Koffer und eine Reisetasche in der fahrenden Kugel verstaut, die ich jetzt zum Teil auf der Rückbank und im bescheidenen Kofferraum meines Autos unterbrachte. Ein Freund von mir, Peter, würde sich später um das Mietauto kümmern und es nach St. Finan bringen.

»Ich bin übrigens Oliver.«

»Romy.« Ich nickte ihm knapp zu und manövrierte meinen Kleinwagen zurück auf die Straße. Zunächst drehten die Reifen durch, aber mit einem gefühlvollen Zucken rutschten wir auf die Fahrbahn.

»Romy?«, hakte er nach. »Wie Romy Schneider?«

Ich grinste. »Ist ein Spitzname, und glaub mir, du willst meinen richtigen Namen nicht wissen.«

»Jetzt bin ich neugierig.«

»O nein, mehr bekommst du nicht aus mir heraus. Romy muss reichen.«

Ich blickte nach vorn auf die weiß bedeckte Straße und spürte, wie er mich von der Seite musterte. Was dachte er wohl über mich? Dummes, naives Mädchen, das einfach einen wildfremden Kerl aufgabelte?

In Gedanken hörte ich meine Mutter mit mir schimpfen: »Wie kannst du nur? Der kann sonst was mit dir anstellen! Guckst du denn nicht Aktenzeichen XY ungelöst? Hast du wenigstens dein Pfefferspray griffbereit?« Das hatte ich selbstverständlich nicht. Es befand sich gut versteckt unter Lippenpflegestift, Deo, meinem Portemonnaie und mehreren Päckchen Taschentüchern in meiner Handtasche auf der Rückbank. Wobei, wenn dieser Kerl über mich herfiel, würde ich vermutlich kein Pfefferspray benötigen. Eher eine Packung Kondome. Ich atmete tief durch.

Du bist in festen Händen, Romy! An so etwas darfst du gar nicht denken!

Der Radiomoderator berichtete wieder von unzähligen Verkehrsbehinderungen, ehe er den ultimativen Weihnachtskracher auflegte. Mariah Carey mit All I Want For Christmas Is You. Ganz toll.

»Der Klassiker.« Oliver lehnte sich im Sitz zurück, während das Lied vom langsamen Teil mit Schellengeläut in den rockigen Part wechselte.

»Na ja, Mariah wünscht sich eben jedes Jahr dasselbe«, gab ich achselzuckend zurück. »Was machst du in St. Finan? Skifahren?«

Gut, Letzteres konnte ich im Prinzip ausschließen, angesichts der mangelnden Skiausrüstung in seinem Gepäck. Aber war er wirklich nur ein Tourist? Ich konnte es nicht so richtig erklären, aber irgendwie wirkte er nicht wie der typische Touri auf mich. Die meisten kamen in Gruppen nach St. Finan, um eben skizufahren und in den Après-Ski-Bars Party zu machen. Er jedoch war allein. Und so viel Gepäck deutete auch nicht auf einen kurzen Aufenthalt hin.

Ein kleines Lächeln umspielte seine Lippen, und ich sah schnell wieder nach vorn. Der Typ sah wirklich zu gut aus, um wahr zu sein.

»Nein, ich ziehe vorübergehend in ein Hotel. Beruflich.«

Oh, ich war so gut. Kein Tourist, wie ich vermutet hatte. Er würde also länger in der Stadt bleiben. Und ich war die erste Person, der er hier begegnete. Das konnte ich jetzt als Plus- oder Minuspunkt verbuchen, je nachdem, was er von mir hielt.

»Oh, wie schön. St. Finan ist wirklich eine tolle Stadt.«

»Ja, das habe ich schon gehört. Vor allem auf Tourismus ausgelegt.«

»Hast du denn etwas mit Tourismus zu tun?«

Womöglich war dieser Oliver sogar ein neuer Kollege von Ben.

Noch ehe er seinen Beruf genauer erläutern konnte, entfuhr mir ein frustriertes »Fuck«, als mein Wagen auf einer Eisplatte unter der Schneedecke ins Schlingern geriet. Glücklicherweise gewann ich rasch die Kontrolle zurück, doch Adrenalin pumpte unaufhörlich durch meine Adern, und ich atmete schneller.

»Verdammte Abkürzung«, fluchte ich.

»Abkürzung?«

»Ja, das hier ist der kürzeste Weg in die Stadt, aber auch der am schlechtesten geräumte. Ich hätte die Staatsstraße nehmen sollen, dachte aber, so wäre ich schneller. Tja, falsch gedacht. Und was ist deine Ausrede für diese Strecke?«

»Das Navi des Mietwagens hat mir gesagt, dass dies hier der schnellste Weg zum Hotel Berghof sei.« Er seufzte leise.

Ich zog die Augenbrauen hoch. »Ach, du wohnst im Berghof? Was für ein Zufall. Ein tolles Hotel.«

»Das freut mich zu hören.«

Ich verschwieg ihm absichtlich, dass ich dort an der Rezeption arbeitete. Morgen würde ich ihn überraschen, falls wir uns wieder über den Weg liefen. Mein Herz machte einen kleinen Hüpfer bei der Vorstellung, diesen attraktiven Mann künftig öfter zu sehen. Wie lange er wohl im Berghof wohnte? Ich musste gleich morgen früh seine Buchung prüfen.

Gleichzeitig meldete sich mein Verstand mit der Frage, ob ich noch alle Tassen im Schrank hatte. Ich war in einer festen Beziehung! Wohlgemerkt in einer langjährigen, sehr glücklichen Beziehung, dazu noch mit meinem besten Freund, den ich vermutlich besser kannte als mich selbst. Ben und ich waren unzertrennlich seit unserem ersten Kindergartentag, als er mir einen Eimer Sand über den Kopf geschüttet hatte. Während unserer Teenagerzeit hatte sich diese enge Freundschaft in Liebe verwandelt. Er war der Erste und Einzige, der mich geküsst hatte, der Erste, mit dem ich geschlafen hatte, der Erste, mit dem ich zusammengezogen war – tja, er war einfach in allem der Erste.

Mein Beifahrer räusperte sich und riss mich damit aus meinen Gedanken. »Hoffentlich ist die Rezeption noch besetzt für einen Late-Check-In.«

»Aber klar. Nach 22 Uhr gibt es einen Nachtportier.«

Wir rutschten um eine Kurve, und vor uns, direkt unterhalb des Hangs, tauchte St. Finan auf. Glücklicherweise ließ der Schneefall etwas nach, sodass sich uns eine klare Sicht bot. Wie Sterne in der Dunkelheit funkelten die vielen Lichter der Kleinstadt, die sich um den weißlich schimmernden See gruppierten, der in diesem Jahr zum ersten Mal komplett zugefroren war. Die Gipfel der Berge ragten dahinter wie bedrohliche Schatten auf und blickten wie stumme Wächter auf die Häuser und Straßen herab, die geschützt in der Talsenke lagen, umringt von dichtem Wald.

»Deine neue Heimat.« Mit einem Nicken deutete ich nach vorn auf die Stadt.

»Das sieht wunderschön aus.«

»Ist es auch. St. Finan hat ganz viel zu bieten. Natürlich eine tolle Innenstadt mit luxuriösen Geschäften – alles für die Touris. Aber wir sind noch nicht so überlaufen wie Kitzbühel drüben in Tirol. Auch wenn wir schon als neuer Geheimtipp gelten. Vieles ist hier natürlich aufs Skifahren ausgelegt: unzählige Langlaufloipen, Lifte, Rodelpisten und sogar eine eigene Skisprungschanze ist in Planung. Außerdem gibt es einen drei Kilometer langen Eisweg für Schlittschuhläufer, der mitten durch den Finansberger Wald führt. Das musst du unbedingt machen, ist sogar mit Schlittschuhverleih. Natürlich haben wir viele Hotels, aber die befinden sich vorwiegend in der Nähe der Innenstadt und der Skilifte. Falls man mit Skifahren oder Wandern nichts anfangen kann, gibt es auch eine Trabrennbahn, einen Golfplatz und eine große Open-Air-Arena. Letztes Jahr hat Andreas Gabalier hier ein Konzert gegeben.«

Wir passierten das gelbe Ortsschild und die schummrige Beleuchtung der Straßenlaternen hüllte uns in warmes Licht. In diesem Teil der Stadt reihte sich ein Hotel ans nächste, dazwischen befanden sich kleinere Pensionen und Ferienhäuser mit wuchtigen, meist dunkelbraunen Holz-Balkonen, auf denen im Sommer rote Geranien wucherten.

Viele Gebäude besaßen Holzvertäfelungen, dunkle Fensterläden und verschnörkelte Eingangsbereiche, die in der warmen Jahreszeit üppig bepflanzt waren und jetzt mit unzähligen Lichterketten geschmückt leuchteten. Es sah wunderschön aus, wie sie unter dem Schnee wie Glühwürmchen funkelten und der Stadt ein ganz eigenes weihnachtliches Flair verliehen.

»Der Berghof ist so ziemlich das einzige Hotel außerhalb der Stadt«, erklärte ich. »Direkt neben der Rotberg-Bahn, die rauf zu den Pisten führt. Im Hotel wimmelt es nur so vor Skifahrern.«

»Da passe ich ja optimal rein – so als jemand, der absolut nicht Skifahren kann.«

Ich zuckte mit den Schultern. »Ich kann’s auch nicht.«

Olivers Kopf schnellte zu mir herum und er zog überrascht die Augenbrauen hoch. »Wie? Du wohnst in St. Finan und kannst nicht Skifahren? Ist das denn überhaupt erlaubt?«

Ich lachte. »Tja, sollte man meinen. Also, sagen wir so: Ich kann mich auf Skiern halten und komme halbwegs heil ins Tal. Aber ich besitze keine eigenen Skier und bin seit meinem Umzug nur einmal gefahren.«

Das war damals, als Ben unbedingt meinte, mich mit auf die Piste schleifen zu müssen und ich Blut und Wasser geschwitzt hatte, bis ich wieder im Tal angekommen war. Er lebte für den Geschwindigkeitsrausch auf den Brettern, zog aber seitdem allein seine Bahnen im pulverigen Weiß.

Die Straße wand sich wieder bergauf durch schmale Gassen, vorbei an immer größeren Gebäuden, bis der Berghof vor uns aufragte. Von unzähligen Lichterketten und dem goldenen Schriftzug erhellt, thronte er majestätisch auf einer felsigen Anhöhe und beleuchtete aus unzähligen Fenstern die umliegende Parkanlage. Geschickt verbarg es durch seine Größe die rückseitig liegende, eher unschön gestaltete Liftanlage, deren Gondeln die Skifahrer in schwindelerregende Höhen über den Wald mit seinen verschneiten Tannen trugen. Gut, der Berghof selbst glänzte auch nicht gerade mit einer schönen Fassade. Ein neuer Anstrich wäre dringend fällig. Im Inneren war er ebenfalls nicht modern, aber unsere Preise waren günstig und das zählte in einem Ort wie St. Finan.

Ich parkte den Wagen auf dem kleinen Personalparkplatz direkt beim Eingang.

Wie prophezeit, waren Olivers Schuhe in kürzester Zeit durchnässt, trotzdem half er tapfer beim Ausladen seiner Koffer und schleppte sie mit mir bis zur breiten Eingangstür, zu der ein geteerter, rollstuhlfreundlicher Weg führte.

Der Empfangsbereich empfing uns mit der gemütlichen Atmosphäre einer Berghütte. Im mit Natursteinen umrahmten Kamin knisterte ein warmes Feuer, davor glitzerte der mit rot-goldenen Kugeln geschmückte Weihnachtsbaum mit den Lichterketten um die Wette und auf vielen der aus sämtlichen Jahrzehnten stammenden Sofas befanden sich kunterbunt zusammengewürfelte Kissen.

Vor der dunklen Altholz-Rezeption blieben wir stehen und ich ließ Oliver Zeit, sich umzusehen. Besonders das große Hirschgeweih über dem Eingang schien ihn zu faszinieren.

»Das ist Rudolph«, flüsterte ich und beugte mich leicht zu ihm. Dabei stieg mir der herbe Duft seines Rasierwassers in die Nase – Minze, ein Hauch Lavendel, den Rest konnte ich nicht zuordnen. Auf jeden Fall roch er unglaublich gut, männlich und irgendwie aufregend.

»Aha. Das ist allerdings kein Rentier«, gab er ebenso leise zurück.

»Schon klar. Aber sag es ihm nicht. Rudolph ist ziemlich eigensinnig, und du solltest es dir nicht mit ihm verscherzen. Sonst bist du für immer in diesem Hotel gefangen.« Ich wackelte verschwörerisch mit den Augenbrauen.

»Ah, Romy, was machst du denn hier?«, mischte sich Annika, meine Rezeptionskollegin, ein und beäugte meinen Begleiter interessiert. »Wen hast du denn da dabei?«

»Oliver. Oliver Behrend. Ich möchte einchecken.« Er machte einen Schritt nach vorn und kramte in seinem Rucksack. Annika nickte und begann, auf ihrer Tastatur zu tippen.

»Also, ich muss dann mal.« Räuspernd trat ich näher an Oliver, der sich zu mir drehte.

Mit einem Mal herrschte diese merkwürdige Stimmung, wie nach einem Date. Dieser unangenehme Moment des Abschieds von jemandem, den man mehr als nur sympathisch gefunden hatte. Wie verabschiedete man sich in so einer Situation? Eine Umarmung? Ein Händedruck? Oder einfach nur ein verlegenes Tschüss?

»Ich hoffe, du bekommst keinen Ärger, weil du wegen mir angehalten hast.« Er wich meinem Blick aus.

War es für ihn genauso seltsam wie für mich?

Ich machte eine abwehrende Geste. »Ach, Quatsch. Mein Freund ist da nicht so. Mach dir keine Sorgen. Ich wünsche dir einen angenehmen Aufenthalt im Berghof. Wir sehen uns sicher morgen.«

Ich zwinkerte ihm zu, doch er lächelte nicht. Irrte ich, oder huschte ein kleiner enttäuschter Schatten über sein Gesicht? Das verunsicherte mich mehr, als es sollte. Ich trat einen Schritt zurück, beobachtete ihn. Er reichte Annika eine ausgedruckte Buchungsbestätigung, strich sich dabei immer wieder eine widerspenstige Haarsträhne aus dem Gesicht. Mein Blick wanderte über die dichten Wimpern, die sich seitlich umso mehr von seinem Gesicht abhoben. Unfair, dass ein Mann solche Wimpern besaß.

Irritiert schüttelte ich den Kopf. Was tat ich hier eigentlich? Ich beobachtete verstohlen einen Gast? Bewunderte einen jungen Mann, obwohl ich selbst glücklich vergeben war?

Come on, Romy, du bist kein Teenager mehr.

Break Even Point Date 1

Um Punkt 19 Uhr steckte ich den Schlüssel in die Tür des 1959 erbauten Wohnhauses mit den wuchtigen Balkonen, in dem sieben Wohnungen untergebracht waren. Unsere war die größte, lag direkt unter dem breiten Satteldach, und ich liebte sie über alles. Wegen der niedrigen Decken und der abgeschrägten Wände hatte Ben sich eigentlich dagegen ausgesprochen. Doch ich hatte mich durchgesetzt aufgrund der atemberaubenden Aussicht auf den glitzernden See, die malerische Altstadt mit ihren engen, gepflasterten Straßen und den kleinen Häusern. Im Sommer war der See umgeben von mächtigen, grünen Berghängen und grauen Felsmassiven. Im Winter spiegelte sich die Weihnachtsbeleuchtung der Stadt wie Sterne auf der glitzernden Wasseroberfläche. Dieses Jahr konnte ich sogar Eisläufer auf dem gefrorenen See ihre Bahnen ziehen sehen. Auch wenn sich nicht viele auf die nahezu glasklare Eisfläche wagten, war es dennoch beeindruckend, sie vor der Silhouette der majestätischen Berge dahingleiten zu sehen.

Ich schluckte, als ich die dunkle Haupttür zum Erdgeschoss quietschend nach innen drückte. Exakt eine Stunde zu spät. Ben würde begeistert sein. Er, der so viel Wert auf Pünktlichkeit legte. Aber er würde Verständnis haben für meine Situation, vielleicht mich sogar insgeheim dafür bewundern, dass ich den Fremden vor dem Erfrieren im Fiat gerettet hatte.

Die ausgetretenen, alten Stufen der vom Holzwurm hier und da durchlöcherten Treppe knarrten beängstigend. Immer wenn ich nach Mitternacht heimkam, schämte ich mich, vermutlich jeden meiner Nachbarn zu wecken, weil man auf diesen Stufen unmöglich leise nach oben tappen konnte. Jetzt, um 19 Uhr, quälte mich nur eine Sorge: Auf einer Skala von eins bis zehn – wie sauer war Ben?

Endlich war ich unterm Dach angekommen. Direkt vor unserer Eingangstür befand sich eine kleine Nische, in die der Eigentümer eine Garderobe eingebaut hatte, die ich unglaublich cute und überaus praktisch fand. Meine dicken Winterboots stellte ich auf der Plastik-Schuhablage ab, unter denen sich schon jetzt eine kleine Pfütze abzeichnete. Den Daunenmantel hängte ich an einen Bügel, ehe ich die Tür aufsperrte und über die Kokosmatte mit dem breiten Aufdruck »Welcome« trat.

»Ich bin zu Hause!« Selbst mir fiel die Unsicherheit in meiner Stimme auf, und die Tatsache, dass meine Begrüßung nicht erwidert wurde, sprach Bände.

Auf dem runden Esstisch in der Nische standen zwei Teller, eine Kerze, deren Licht bereits erloschen war, sowie eine geöffnete Flasche Wein. Mist.

Hastig kramte ich in meiner Tasche. Ich wusste nicht, ob mein Geschenk ihn für das entgangene Essen entschädigte, aber einen Versuch war es wert. Ich hatte einen Adventskalender gebastelt mit 24 ausgefallenen Dating-Ideen bis Weihnachten, für jeden Tag ein Date, um mehr Schwung in unsere Beziehung zu bringen. Ben arbeitete viel, ich auch, und durch mein Hobby, die Reiterei, sahen wir uns in letzter Zeit wirklich selten. Wenn ich nach der Arbeit bei meinem Pferd Amir vorbeischaute und spätabends heimkam, schlief er meist schon, und morgens verließ ich die Wohnung vor ihm.

Umso wichtiger waren Abende wie dieser, an denen wir uns bewusst Zeit füreinander nahmen.

Mein Blick wanderte vom gedeckten Tisch in die kleine Ecke unter der Dachschräge. Dort stand unser braunes Ecksofa, auf dem Ben saß, die Beine auf dem runden Wohnzimmertisch abgelegt, den Blick starr auf den Fernseher gerichtet. Ein Skirennläufer raste in atemberaubender Geschwindigkeit im Slalom an den abgesteckten Toren vorbei ins Tal. Euphorisches Gebrüll und Glockengeläut empfingen ihn, begleitet von einem begeisterten Fernsehkommentator

»Ist das die Zusammenfassung?«, mutmaßte ich und blieb neben ihm stehen.

Er nickte nur und nahm einen Schluck aus der Bierflasche in seiner Hand.

Ich seufzte und ließ mich neben ihm auf das Sofa fallen. »Sorry, es tut mir so, so leid. Wirklich. Aber das Wetter, ich … ich konnte nicht schneller als fünfzig fahren, und dann war da noch dieser Typ …«

Ich brach ab, als er den Kopf drehte und mich aus seinen dunklen Augen wütend musterte.

»Weißt du, dass ich deine ewigen Entschuldigungen so satt habe?«, konterte er und richtete sich auf.

»Aber was hätte ich denn machen sollen? Aufs Gas treten und dann in einer Schneewehe landen? Hast du mal aus dem Fenster gesehen, wie viel Schnee in der letzten Stunde gefallen ist? Ich konnte wirklich nicht schneller fahren.«

Er atmete tief ein und aus. »Ja, hab ich, Romy. Mehrmals. Ich habe mir wirklich Sorgen gemacht und deswegen bei deiner Mutter angerufen. Die meinte, du wärst vor über zwei Stunden losgefahren. Auf dem Handy warst du nicht erreichbar. Als du im Stall auch nicht warst, habe ich es im Hotel versucht, und siehe da, du bist in Begleitung eines fremden Kerls eingetroffen. Da frage ich mich natürlich, wer das war und warum er wichtiger ist als unser Date.«

Ich biss mir auf die Lippen. Wieso hatte Annika ihm gleich brühwarm von meiner Begleitung erzählen müssen? Natürlich, sie war schon immer scharf auf Ben gewesen. Die ideale Gelegenheit, mir eins auszuwischen.

»Er hatte eine Panne. Ich habe angehalten und ihn mitgenommen.«

»Einen völlig Fremden? Romy! Wie naiv bist du? Hättest du nicht den Pannendienst rufen können?«

»Mein Handyakku war plötzlich leer. Und du weißt selbst, wie lange die brauchen, bis sie bei dem Wetter kommen. Der Kerl wäre erfroren. Du hättest mal sehen sollen, was der anhatte – als wäre es schon Frühling und nicht Ende November. Außerdem weiß ich schon, was ich tue.«

»Offensichtlich nicht.« Er stand auf und schaltete den Fernseher aus. Dann stellte er sich an die große Terrassentür, die hinaus auf den Balkon führte, auf dem ich im Sommer rote Geranien pflanzen wollte, wie es fast jeder hier in Finan tat.

»Wir wohnen jetzt seit drei Jahren hier, Romy, und offen gesagt hatte ich mir das alles anders vorgestellt.«

»Ach ja? Was denn?« Ich blieb auf dem Sofa sitzen und starrte auf die Tischplatte.

Aus den Augenwinkeln sah ich, wie er kurz mit den Schultern zuckte.

»Ich weiß auch nicht. Wir sehen uns kaum, und wenn, dann sitzen wir nur vor dem Fernseher, streamen und schlafen nach wenigen Minuten ein. Wie ein altes Ehepaar. Selbst an den Wochenenden verbringe ich mehr Zeit mit meinen Kollegen als mit dir. Romy, das war früher anders. Wir waren unzertrennlich. Du bist und bleibst meine beste Freundin, aber in letzter Zeit sind wir … ich weiß auch nicht … irgendwie festgefahren.«

Jetzt hob ich doch den Kopf. Er musterte mich mit traurigen Augen, und dieser Blick machte mir mehr Angst als seine Worte. Ich kannte Ben besser als jeden anderen und wusste, dass dieser Ausdruck in seinen Augen nichts Gutes verhieß.

»Wie du sagst, wir leben hier seit drei Jahren. Und es hat sich gezeigt, wir sind ein gutes Team. Ich … ich muss mir einfach mehr Zeit freischaufeln. Aber du weißt, Amir ist ein sehr anspruchsvolles Tier, und …«

»Und schon wieder reden wir von diesem verdammten Gaul. Bei dir heißt es immer Amir, Amir, Amir. Er steht an erster Stelle und nicht ich. Du pulverst so unglaublich viel Kohle in dieses Pferd, Romy, und für uns bleibt kaum noch Zeit.«

Ich schluckte und verbarg, wie sehr mich seine Worte trafen. Natürlich verbrachte ich viel Zeit mit Amir. Ich hatte ihn mir vom Mund abgespart, und es hatte verdammt lange gedauert, bis ich die viertausend Euro zusammenhatte. Die Ausbildung des Pferdes hatte ich gemeinsam mit meiner damaligen Trainerin übernommen. Ich war oft gestürzt, hatte viele Fehlschläge einstecken müssen. Gleichzeitig war ich daran gewachsen, hatte viel gelernt und eine intensive Bindung zu dem Tier aufgebaut.

»Wenn ich dich erinnern darf: An meinem achtzehnten Geburtstag hast du gesagt, dass du mich in puncto Pferd komplett unterstützt. Du wusstest, wie viel mir Amir bedeutet und wie viel Zeit er in Anspruch nehmen würde. Verdammt, du hast ganz genau gewusst, worauf du dich einlässt. Und du meintest, unsere Beziehung sei stark genug dafür!«

Er wich meinem Blick aus, drehte sich um und starrte hinaus auf den glitzernden See.

»Ja, das habe ich gesagt.« Seine Stimme wurde leise, und das jagte mir mehr Angst ein, als wenn er mich angebrüllt hätte. »Aber das war, bevor wir hierhergezogen sind. Romy, ich glaube, unsere Beziehung ist doch nicht so stark, wie ich geglaubt habe. Außerdem … ich …«

Er brach ab und ich stand auf, stellte mich dicht neben ihn.

»Was ist außerdem?« Mein Herz klopfte wild, als hätte es eine böse Vorahnung. Mir wurde eiskalt, und auch ohne, dass er etwas sagte, bildete sich ein Kloß in meinem Hals.

Er drehte sich zu mir, blickte auf mich herab und ließ die Hände sinken.

»Ich habe jemanden kennengelernt.«

Jetzt war es raus. Ich war unfähig, mich zu bewegen, starrte ihn einfach nur an. Sein Gesicht, die dichten Augenbrauen, das markante Kinn. Die kleine Narbe an der Wange hatte er von mir, als wir mit Zweigen bewaffnet aufeinander losgegangen waren, um wie Ritter zu kämpfen. Ich kannte ihn so gut, las in seinem Gesicht wie in einem Buch, und dennoch hatte ich das nicht kommen sehen.

»Jemanden kennengelernt? Eine Frau?«

Er nickte. »Wir sind im selben Skiteam. Sie heißt Tanja und ist unglaublich gut.«

»Gut worin?«, entfuhr es mir sarkastisch, und ich verschränkte die Arme vor der Brust. »Im Bett?«

»Im Skifahren. Wir haben echt so viel Spaß miteinander, das glaubst du nicht. Sie …«

Er brach ab. Mir war das Leuchten in seinen Augen nicht entgangen, als er von dieser Tanja sprach, und mir zerriss es das Herz. Bis vor wenigen Minuten hatte ich noch geglaubt, die Beziehung retten zu können, wenn ich mir nur mehr Zeit für ihn nahm. Und jetzt?

»Dann ist es praktisch schon entschieden, oder was? Du machst Schluss? Einfach so? Nach der ganzen Zeit? Wegen einer Tanja, mit der du Ski fährst?«

Jetzt griff er nach meinen Händen. Als hätte mich ein elektrischer Schlag getroffen, zog ich sie zurück.

»Glaub mir, ich habe mir das nicht leicht gemacht. So eine Entscheidung trifft man doch nicht leichtfertig. Schon gar nicht bei unserer Vergangenheit. Romy, du bist meine beste Freundin, und ich wünsche mir, dass das auch so bleibt.«

Ich wandte mich ab und ging hinüber in die Küche. Seine beste Freundin. Mit diesem Satz hatte er unserer Beziehung endgültig den Todesstoß versetzt.

»Und wie lange läuft das schon zwischen euch?«, fragte ich tonlos und stützte mich am Waschbecken ab.

»Erst seit zwei Wochen.«

Ich fuhr herum. »Seit zwei Wochen? Und dafür wirfst du unsere Beziehung einfach so weg? Wer sagt dir, dass das nicht nur eine flüchtige Verliebtheit ist? Ben, das, was wir haben, ist einzigartig. Das hast du selbst mal gesagt!«

Er schwieg, und dieses Schweigen machte mich so unglaublich wütend, dass ich ihm am liebsten unser gesamtes Geschirr an den Kopf geworfen hätte. Mein Blick fiel auf den Dating-Adventskalender, den ich auf den Tisch gelegt hatte. Kurzerhand griff ich danach und schleuderte ihn auf den Boden.

»Das war mein Geschenk für dich. Ein Kalender mit 24 Ideen für tolle Dates.« Ich stieß verächtlich die Luft aus.

Er hob ihn auf und blätterte das Buch durch, in das ich in den letzten Wochen so viel Liebe und Zeit investiert hatte. Ich hatte das Internet durchforstet, nach Bildern gesucht, sie aufgeklebt und mich sogar an Handlettering versucht. Und wofür das alles?

»Die kannst du jetzt ja mit deiner Tanja machen, diese Dates.« Ich spuckte ihm die Worte voller Verachtung entgegen.

Er kam auf mich zu.

»Romy, wirklich, ich … es tut mir leid. Aber ich … es ist ja nicht so, als könne man sich gegen seine Gefühle wehren. Ich habe das Gefühl, St. Finan erdrückt mich. Das mit uns erdrückt mich.«

Ich zog die Augenbrauen hoch. »Wie? St. Finan erdrückt dich? Was ist das jetzt für ein Text? Und diese Tanja erdrückt dich nicht, oder was? Nur ich? Ich, die ich doch so wenig Zeit für dich habe, erdrücke dich? Hörst du dir eigentlich selbst zu, Ben? Du widersprichst dir in jedem einzelnen Satz.«

Er atmete tief durch, lief hinüber ins Wohnzimmer, nur um kurz darauf wieder vor mir zu stehen.

»Ich möchte auszuziehen. Ich komme vorübergehend bei Erik unter, bis ich etwas Eigenes habe.«

Ich wirbelte zu ihm herum. »Du hast dir das alles ja schon prima überlegt, was? Wie lange spielst du denn schon mit dem Gedanken, dich von mir zu trennen?«

Er presste die Lippen zusammen, bevor er antwortete. »Eigentlich denke ich schon länger darüber nach, Romy. Mir fehlt einfach das gewisse Etwas in unserer Beziehung. Und ich glaube, meine Gefühle für dich haben sich verändert. Ich möchte nur noch dein Freund sein, dein platonischer Freund. Denn unsere Freundschaft bedeutet mir nach wie vor sehr viel.«

Seine Worte fühlten sich wie eine verbale Ohrfeige an und dieser Schlag tat unglaublich weh. Es fühlte sich endgültig an. Und die Art, wie er mir das alles sagte, wirkte geplant. Nicht spontan. Jegliche Hoffnung auf eine klitzekleine Chance wurde durch diese zwei Worte zunichte gemacht: dein platonischer Freund.

»Ich … ich kann das alles nicht. Ich … ich gehe ins Hotel. Sicher haben wir noch ein Zimmer frei für die Nacht. Fürs Erste muss ich weg von dir!« Ich machte auf dem Absatz kehrt, doch er hielt mich am Arm fest.

»Du brauchst nicht zu gehen. Ich habe schon meine Sachen gepackt. Erik weiß Bescheid. Ich fahre jetzt zu ihm.«

Ich schluckte. Er hatte bereits gepackt. Ich konnte das alles nicht glauben. Wie konnte sich meine Welt in nur wenigen Minuten um einhundertachtzig Grad drehen?

»Dann geh«, erwiderte ich tonlos und senkte den Blick auf den Holzboden. »Ich möchte dich so schnell nicht mehr hier sehen.«

Er nickte.

Ohne ein weiteres Wort drehte er sich um, ging ins Schlafzimmer und kam kurz darauf mit einem Koffer zurück. Ich sah ihn an. Meinen besten Freund. Er strich sich eine dunkle Haarsträhne aus dem Gesicht, wie er es so oft tat, fuhr sich über das Kinn und den Mund. Diese Lippen, die so unglaublich gut küssen konnten, die mich ein ums andere Mal halb um den Verstand gebracht hatten. Ich betrachtete die Narbe, die er meinetwegen hatte. Unsere Vergangenheit würde uns auf ewig verbinden, doch was brachte die Zukunft? Würde er aus meinem Leben verschwinden? Oder würden wir wieder zueinander finden? Es fühlte sich unrealistisch an, wie er so vor mir stand, eine Hand am Griff des Koffers. Wie in einem schlechten Traum, in dem man sehnsüchtig darauf wartet, dass der Wecker klingelt und einen erlöste.

Aber das hier war kein Traum. Es war bittere Realität. Ben würde mich verlassen. Für eine andere Frau. Für ein anderes Leben.

Er warf mir einen letzten Blick zu, bevor er die Wohnung verließ.

Mit einem leisen metallischen Klicken fiel die Tür ins Schloss, und ich sackte in mich zusammen. Ich starrte auf das dunkle Holz, durch das er verschwunden war, und fühlte mich leer. Wie ausgehöhlt, mit einem schmerzhaften Loch im Magen, das nicht vom Hunger kam. Mein Herz verkrampfte sich, und ich wollte mich aufs Bett werfen und weinen. Stattdessen blieb ich auf dem Boden zusammengekauert sitzen und sah dem Mann hinterher, den ich, seit ich denken konnte, liebte.

***

Die melodische Stimme von Andy Williams weckte mich mit It’s The Most Wonderful Time Of The Year, und ich drehte mich stöhnend im Bett. Es mochte ja durchaus stimmen, dass der Winter die wundervollste Zeit des Jahres war, aber nicht, wenn der Freund sich aus dem Nichts trennte und man kaum geschlafen hatte. Auch jetzt lockte mich die Aussicht nicht wirklich, mich durch rutschige Straßen bis zum Hotel vorzuarbeiten.

Ich drückte auf den altmodischen Radiowecker und würgte Andy damit ab, ehe ich meine Beine über den Bettrand schob und gähnend ins Badezimmer wankte. Es war nicht besonders groß, und vor allem die Dachschräge machte es Menschen über einen Meter siebzig schwer, sich aufrecht darin zu bewegen. Aber meiner Meinung nach waren es genau diese Schrägen, die jeden Raum hier so gemütlich machten.

Nach einem kurzen Frühstück, das aus einem spärlichen Müsli und ein paar Apfelschnitzen bestand, schlüpfte ich in den dunklen Hosenanzug und die weiße Bluse. Die schwarzen Kitten Heels mit der quadratischen Lackschnalle steckte ich in meine Handtasche und zog mir die gefütterten Winterboots an, die zu dieser Jahreszeit im Freien eindeutig die bessere Wahl waren. In dicker Winterjacke, Schal und Strickmütze kämpfte ich wenig später schon wieder mit dem Schnee, der mein Auto in eine weiße Kugel verwandelt hatte, ehe ich mich auf die Straße wagte. Für einen kurzen Moment überlegte ich, ob ich nicht zu Fuß sogar schneller wäre, verwarf den Gedanken jedoch sofort, als ein Blick auf die Uhr mir verriet, wie spät es bereits war. Verdammt, wohin war die Zeit verschwunden, und weshalb geriet ich immer unnötig in Stress? Allerdings war ich heute froh über die wenige Zeit, die mir blieb – sie ließ mir keinerlei Freiraum, um über Ben nachzudenken.

Normalerweise benötigte ich für die Autofahrt von meiner Wohnung bis zum Hotel nur knapp zehn Minuten. Im Sommer nahm ich regelmäßig das Rad. Jetzt jedoch tuckerte ich durch die Gassen und erreichte das große Gebäude mit den hohen Fenstern erst um zehn nach sieben. In der unterirdischen Tiefgarage befanden sich ein paar wenige VIP-Parkplätze für unseren Chef, seine Frau und natürlich vor allem für die Gäste. Wir, das arbeitende Fußvolk, hatten auf einem separaten Platz zu parken. Beinahe wäre ich unsanft auf dem Hosenboden gelandet, als ich versuchte, meinen Arbeitsplatz rennend zu erreichen. Vielleicht hätte ich besser meine Schlittschuhe angezogen, witzelte ich in Gedanken und zog die Personalkarte über den Scanner. 7:21 Uhr kommt erschien auf dem Display. Oje, und das ausgerechnet heute. Herr Thalbach hatte für 7:30 Uhr eine kurze Besprechung angesetzt.

Ich stürzte am Rezeptionstresen vorbei, hatte für meine Kollegin Caro, die gerade ein paar Gäste eincheckte, nur ein knappes »Morgen« übrig, und entledigte mich im Personalraum hastig meiner Jacke und der Boots.

»O Mann, Romy, was ist denn mit dir passiert?« Doreen aus dem Marketing lief mit einer heißen Tasse Kaffee in der einen und einem Notizblock in der anderen Hand vorbei. Mit ihren kurzen blonden Haaren eiferte sie ihrem großen Idol, der Sängerin P!nk, nach, von der sie schon sämtliche Konzerte besucht hatte und sogar ein Autogramm besaß.

»Warum?« Ich starrte erst sie und dann mein Handy an, dessen Display dunkel blieb und auch durch mehrmaliges Drücken nicht zum Leben erweckt werden konnte. Verflucht, hatte ich es heute Nacht etwa vergessen, anzuschließen?

»Du siehst aus, als wärst du gerade aus dem Bett gefallen. Kämm dich mal, bevor du ins Meeting kommst.« Mit einem überheblichen Grinsen verließ sie den Raum, und ich stürzte in die Damentoilette. Meine dunkelbraunen, nahezu schwarzen Haare, die mir bis fast zur Hüfte reichten, hatten sich während meines Schneeräummanövers heute früh in eine widerspenstige, krause Mähne verwandelt, deren kringelige Spitzen in alle Richtungen abstanden. Da half auch alles Kämmen und Bürsten nichts, und das Haarspray, das wir Mädels für solche Notfälle am Waschbecken deponiert hatten, war leer. Das durfte doch alles nicht wahr sein. Ich kämmte und drehte die Haarpracht zu einem dicken Knoten, den ich mit einem Gummi am Hinterkopf fixierte. Die dunklen Augenringe versuchte ich, so gut es ging, mit einem Concealer abzudecken.

Ich streifte die Boots ab, schlüpfte in die Kitten Heels und schnappte mir meinen Notizblock. Für einen Kaffee, den ich bitter nötig gehabt hätte, fehlte leider die Zeit.

Im Flur nach oben stieß ich mit Caro zusammen, die die Rezeption gerade verlassen hatte. Ich grinste angesichts ihrer dunkelblonden, strubbeligen Mähne, die sich genauso kräuselte wie meine. Wobei – im Prinzip standen ihre Haare ständig in alle Richtungen ab. Das war praktisch ihr Markenzeichen. Sie behauptete, das liege an ihren kolumbianischen Vorfahren. Eine gewisse Ähnlichkeit mit Shakira ließ sich tatsächlich nicht abstreiten.

»Schneechaos?«, fragte sie mit einem Grinsen.

»Schneechaos«, antwortete ich, während wir gemeinsam die Treppe nach oben zum Meetingraum hasteten. »Und Ben hat sich gestern Abend von mir getrennt.«

»What?« Abrupt blieb sie stehen und starrte mich mit aufgerissenen Augen an. »Nicht dein Ernst?«

Ich nickte stumm und lief an ihr vorbei. »Doch.«

»O Mann, was für ein Arsch. Hat er gesagt, warum?« Sie strich sich eine der widerspenstigen Locken aus dem Gesicht, was leider überhaupt nichts brachte, da sie sofort wieder zurücksprang wie eine Feder.

»Zuerst hat er gesagt, weil wir so gut wie nie Zeit füreinander hätten, dann, weil ich und St. Finan ihn angeblich erdrücken würden und zum Schluss, weil er eine gewisse Tanja beim Skifahren kennengelernt hat.« Ich staunte über mich selbst, wie emotionslos ich das alles über die Lippen brachte.

»Ich fasse es nicht! Das kann unmöglich sein Ernst sein. Ich meine, du und Ben, Dreamcouple, unzertrennlich seit der Steinzeit. Was ist los mit dem Kerl?«

Ich zuckte mit den Schultern. »Er ist auf jeden Fall schon halb ausgezogen. Hat die Nacht bei Erik verbracht, und dem Koffer nach zu urteilen, sah es nicht so aus, als würde er bald zurückkehren.«

»O Mann, Süße, das tut mir so leid für dich. Ehrlich. Du hast was Besseres verdient.« Sie machte Anstalten, mich zu umarmen, doch ich stoppte sie mit der ausgestreckten Hand.

»Bitte nicht. Sonst muss ich heulen und so will ich nicht ins Meeting. Lenk mich ab, irgendwie.«

»Okay, ähm … wie war’s bei deiner Mom? Sie hatte doch gestern Geburtstag, oder?«

Ich zuckte mit den Schultern. »Das Übliche eben. Leander samt Family haben meinen Pa in Beschlag genommen«, erzählte ich nüchtern. »Aber später auf der Rückfahrt ist mir was Irres passiert. Ich habe angehalten, weil so ein kleiner Fiat 500 im Graben lag und einen Typen mit zum Hotel genommen.«

»Wie? Noch mal langsam. Du hast ’nen Kerl aufgerissen? Im Schneesturm?« Sie schüttelte ungläubig den Kopf. »Bevor Ben mit dir Schluss gemacht hat?« Sie rückte näher an mich heran, als wir den Besprechungsraum betraten, in dem sich sämtliche Mitarbeiter des Hotels, die gerade entbehrlich waren, versammelt hatten.

»Auch schon da?« Hugo aus der IT stellte sich mir in den Weg. Mit seinen kurzgeschorenen, pechschwarzen Haaren und dem akkurat getrimmten Bart sah er immer ein bisschen aus wie Harald Glööckler in jung, bevor ihn die Operationen so sehr verändert hatten. »Müsstest du nicht eigentlich als Protokollführerin heute die Erste im Meeting sein, Romy?«

Ich zuckte kurz mit den Mundwinkeln, erwiderte jedoch nichts und nahm kommentarlos meinen Platz vorne ein, direkt neben dem großen Tisch, an dem der Hotelmanager immer saß. Gerade noch rechtzeitig, denn in diesem Moment öffnete sich die Hintertür, und er betrat mit einem knappen »Morgen« den Raum. Er kam allerdings nicht allein. Direkt hinter seiner blondierten Frau lief ein junger Mann in dunkelblauen Jeans, die von einem hellbraunen Gürtel auf der Hüfte gehalten wurden. Dazu trug er ein helles, faltenfreies Hemd und braune Lederschuhe, die einen weißen Rand vom Streusalz aufwiesen und durchnässt wirkten. In seinem Business-Outfit hatte ich ihn nicht sofort erkannt, aber jetzt schoss mir die Hitze in die Wangen. Oliver! Oliver aus dem Fiat 500, den ich aus dem Schneechaos gerettet hatte. Was zum Teufel machte er hier und nicht auf seinem Zimmer?

Er schien mich im selben Moment zu erkennen, denn er stutzte, verlangsamte seinen Schritt und starrte mich einige Sekunden an. Sein Lächeln verschwand und machte einer finsteren Miene Platz, die ich nicht deuten konnte. Hatte ich ihn verärgert? Aber womit? Kurz ließ ich den gestrigen Abend in Gedanken Revue passieren, doch mir fiel beim besten Willen nichts ein.

Er wich meinem Blick aus, und die schönen Lippen verzogen sich zu einem harten Strich, als er neben Frau Thalbach trat, die wie üblich wie aus dem Ei gepellt aussah. So wie Angelique Thalbach stellte ich mir Shirin David mit sechzig vor: blondiert, volle Lippen, übermäßig geschminkte schwarze Augen und trotz aller Hautstraffungen einen Hauch Sympathie im Blick.

»Vielen Dank, dass ihr alle gekommen seid«, begann der Hotelchef und lächelte wohlwollend in die Runde. Ich zückte meinen Stift, bereit, jedes wichtige Detail festzuhalten. Unser Tablet, das ich sonst zu diesen Meetings mitbrachte, war wieder einmal verschwunden, und ich hatte schwer Doreen in Verdacht, die es sich ständig auslieh und nie zurückbrachte.

»Ich habe heute nur einen Punkt auf der Tagesordnung, sodass Sie rasch wieder an die Arbeit gehen können.« Sein Lächeln wurde breiter, und er bildete mit Zeigefingern und Daumen eine Raute vor der Brust – eine Geste, die er sich von Angela Merkel abgeschaut hatte. Er variierte sie von Zeit zu Zeit und drehte die Daumen nach unten, sodass wir sie längst in die Thalbach-Raute umgetauft hatten.

»Ich möchte Ihnen meinen neuen Assistenten vorstellen: Herrn Oliver Behrend aus München. Heißen Sie ihn bitte recht herzlich hier im Hotel Berghof willkommen.«

Applaus brandete auf, und jeder kam in den Genuss von Olivers einnehmendem Lächeln. Ein Blick in die Runde verriet mir, dass die Damenwelt ihm sofort erlag. Doreens verzücktes Grinsen, das sie sonst nur aufsetzte, wenn eine Gruppe junger, drahtiger Skiläufer eincheckte, sprach Bände.

»Herr Behrend hat vor Kurzem seinen MBA in Hotelmanagement erfolgreich absolviert und wird mir hier zur Hand gehen.«

Ich runzelte die Stirn, während ich eifrig notierte. MBA – und er verirrte sich ausgerechnet in den kleinen Berghof? Da gab es doch weitaus lukrativere Häuser in St. Finan.

In der Belegschaft wurde schon länger gemunkelt, dass Herr und Frau Thalbach bald in den Ruhestand gehen wollten. Die Tatsache, dass beide kinderlos geblieben waren, eröffnete ein ganzes Füllhorn an Spekulationen über ihren Nachfolger. Lag es im Bereich des Möglichen, dass wir hier in Oliver den neuen Hotelchef vor uns hatten? Das würde in der Tat erklären, warum sich jemand mit so guten Referenzen hierher in den kleinen Berghof verirrte.

Völlig in Gedanken versunken hatte ich Olivers kleine Vorstellung verpasst. Er bekam gerade Applaus, als sich wieder der Chef zu Wort meldete.

»So, in vielen Fragen werden Sie sich also künftig vertrauensvoll an Herrn Behrend wenden können«, schloss er und gab mit einem Wink zu verstehen, dass das Meeting beendet war.

Ich steckte den Kugelschreiber eilig in die Gummilasche meines Notizblocks und erhob mich, um schnell hinter den Empfang zurückzukehren. Durch meine Verspätung hatte ich einiges aufzuholen. Doch Herr Thalbach hielt mich zurück.

»Frau Wahlberg, einen Moment noch bitte.«

Ich nickte und blieb stehen. Dabei vermied ich jeglichen Blickkontakt mit Oliver, der direkt hinter meinem Chef stand und sich mit dessen Frau unterhielt.

»Ich möchte Sie bitten, sich in der nächsten Zeit um Herrn Behrend zu kümmern, ihm das Hotel zu zeigen und ihn ein wenig unter Ihre Fittiche zu nehmen, bis er die Abläufe kennt. Ich kann mich doch wie immer auf Sie verlassen?«

Ich schluckte, nickte aber folgsam. »Natürlich, Herr Thalbach.«

»Sehr schön.« Er lächelte wohlwollend und wandte sich zu Oliver. »Herr Behrend, darf ich Ihnen Frau Wahlberg vorstellen? Sie betreut die Rezeption sowie das Backoffice. Sie ist seit drei Jahren hier und kennt sich mit den Abläufen ausgezeichnet aus.« Ich fühlte mich geschmeichelt. »Frau Wahlberg wird Ihnen alles zeigen. Wenn Sie Fragen haben, wenden Sie sich an sie. Sie genießt mein vollstes Vertrauen.«

Ich nickte dankbar angesichts dieses großen Lobes. Oliver trat vor und streckte mir die Hand hin. Die Miene auf seinem Gesicht blieb jedoch ernst. Kein bisschen war von dem charmanten Lächeln zu sehen, das ich so mochte.

»Ich freue mich, und ich hoffe, wir arbeiten gut zusammen«, sagte er steif, und mir entging die kleine Falte nicht, die sich auf seiner Stirn gebildet hatte.

»Ja, das hoffe ich auch«, erwiderte ich zögernd.

Seine Hand lag warm auf meiner, und ich hätte den Kontakt gern noch einen Moment länger gehalten. Doch er zog sie zurück, als gingen von meiner Haut unsichtbare Stromschläge aus.

Herr Thalbach nickte uns zu, ehe er mit seiner Frau den Besprechungsraum verließ und Oliver mit einem Nicken zu verstehen gab, dass er sich ihnen anschließen sollte. Wie ein Hündchen eilte ich den Dreien hinterher, den Block vor die Brust geklemmt und verstand mich selbst nicht mehr.

***

Mein E-Mail-Postfach quoll über vor Mails. Ich stöhnte und stützte den Kopf auf. In Zimmer 324 tropfte der Wasserhahn zum wiederholten Mal, eine Familie hatte über booking.com reserviert, doch es war keine Buchung bei uns eingegangen, Luise, die Restaurantchefin, wartete auf den Tischverteilungsplan für das Abendessen, und ein Gast beschwerte sich, dass der Weckservice nicht angerufen hatte.

Stöhnend rieb ich mir über den Kopf. Ich brauchte dringend einen Kaffee. Doch noch ehe ich aufstehen konnte, stellte sich mir jemand in den Weg, die Hände breit an der Kante abgestützt. Blaue Augen blickten mir finster entgegen, sodass ich auf meinem Stuhl zurücksank. Die Lippen hatte er zu einem Strich zusammengepresst.

»Kannst du mir verraten, womit ich mir deinen Ärger zugezogen habe?« Ich ging zum Angriff über, ehe er es tun konnte.

»Wo ist mein Auto?«, fragte Oliver und der Blick, den er mir schenkte, wurde noch finsterer, falls das überhaupt möglich war. Ich riss die Brauen hoch.

»Was? Wie bitte?«

Er räusperte sich. »Was ist an der Frage nicht zu verstehen? Wo. Ist. Mein. Auto?«

Ich rollte mit meinem Bürostuhl ein Stück zurück und verschränkte die Arme demonstrativ vor der Brust. »Du meinst den gemieteten Schneeball, wegen dem ich freundlicherweise angehalten habe?«

Er lehnte sich vor. »Genau den. Du hast gesagt, dein Bekannter oder Freund oder was auch immer bringt den Wagen zum Hotel.«

Ich sog die Unterlippe ein, überlegte fieberhaft, was genau ich Peter am Telefon gesagt hatte, und war mir zu meinem Leidwesen nicht mehr sicher. Am liebsten hätte ich zum Handy gegriffen und ihn angerufen, wollte mir aber vor Oliver keine Blöße geben. War das ein Grund, sich mir gegenüber so aufzuführen? Als wäre er mein Chef und nicht jemand, der hier seinen ersten Arbeitstag hatte. Er hätte sich ja auch freundlich nach dem Verbleib des Wagens erkundigen können und nicht mit dieser autoritären Stimme.

Noch ehe ich etwas erwidern konnte, ergriff er erneut das Wort.

»Ich möchte dich warnen. Falls du geglaubt hast, es wäre irgendwie witzig, mich heute im Schnee zu Fuß nach dem Auto suchen zu lassen, sag ich dir was: Du sorgst dafür, dass der Wagen noch heute vor dem Berghof parkt, ansonsten wirst du dir wünschen, nicht angehalten zu haben.«

Die Drohung in seinen Worten sollte mich unverkennbar einschüchtern, erreichte jedoch genau das Gegenteil. Ich schob meinen Stuhl zurück und stand auf.