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„Ich setzte mich und griff nach einem Blatt Papier. Dann eben die Fakten auflisten. Ich liebe Listen. Sie schaffen Ordnung und geben einem das Gefühl, dass alles genau so ist, wie es da steht, und nicht doch ganz anders. Ich notierte: - Niemand weiß, wer mein Vater ist, nicht mal meine Mutter. - Er war Bassist, mehr habe ich nicht herausbekommen.“ Dass Kiek ihren leiblichen Vater nicht kennt, ist eigentlich kein großes Problem. Aber dass ihre Mutter sich angeblich an kaum etwas erinnern kann, das glaubt Kiek ihr nicht. Also macht sie sich zusammen mit ihrer besten Freundin Lottie auf die Suche nach ihm.
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Veröffentlichungsjahr: 2014
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Ich bin bei einem Gnadenfick gezeugt worden. So nennt das jedenfalls meine Mutter, seit sie glaubt, mir so ein Wort zumuten zu können. Als ich sie gefragt habe, was das sein soll, meinte sie: »Mitleidssex.« Ich weiß nicht, was ich schlimmer finde.
Der Polizist mit dem eckigen Schnurrbart verließ den Raum. Ich solle erst mal über meine Sünden nachdenken, hatte er kurz zuvor grinsend gesagt. Von mir aus gern, denn ich fand sie durchaus interessant. Aber ich fühlte mich ziemlich benebelt. Ob das am Alkohol lag? Ich habe nicht viel Erfahrung damit. Mit Einbrüchen übrigens auch nicht. Wer einbricht, will etwas klauen, aber wir wollten nur die Nacht überstehen, ohne zu erfrieren.
Der Polizist hatte zugegeben, dass es Schlimmeres gibt, aber trotzdem: Einbruch blieb Einbruch. Wir waren schließlich unrechtmäßig eingedrungen, Sachbeschädigung inklusive. Das Bürgerzentrum war wohl kaum dafür da, vierzehnjährigen Herumtreiberinnen Unterschlupf zu bieten. Und dann auch noch mit Jungs! Bei diesen Worten hatte er die Augenbrauen endgültig zusammengezogen. Ich stellte mir vor, wie der Polizist seinen Schnurrbart jeden Morgen mit einer Nagelschere auf beiden Seiten exakt zurechtstutzte. Das war für ihn dann auch schon der Höhepunkt des Tages. Er sah nicht so aus, als würde in seinem Leben viel Aufregendes passieren.
Ich schob den Stuhl zurück, legte die Beine auf den Tisch und schaute mich in dem Büro um. Sie hatten mich nicht in ein richtiges Vernehmungszimmer gesteckt. So eines mit greller Lampe und Spionspiegel. Dort verhörten sie wahrscheinlich nur Leute mit Pistolen oder Terrorplänen. Mir traute man wohl weder das eine noch das andere zu. Was sollte ich jetzt tun? Ich war schon seit über einer Stunde auf dieser sonntäglich-verschlafenen Polizeiwache, auf der es gerade mal einen Bleistift, etwas Papier und ein Porträt von Königin Beatrix gab. Wider Erwarten wurden keine kreischenden Nutten hereingebracht und auch keine fluchenden Kriminellen oder Säufer. Anscheinend waren die um diese Uhrzeit nicht besonders aktiv. Schade eigentlich. Die einzige besoffene Kriminelle war ich, aber sogar ich konnte schon wieder klarer denken.
Beatrix könnte wirklich noch etwas Gesichtsbehaarung vertragen, fand ich. Ich nahm den Bleistift und stand auf.
So.
Ich setzte mich wieder und griff nach einem Blatt Papier. Dann eben die Fakten auflisten. Ich liebe Listen. Sie schaffen Ordnung im Leben und geben einem das beruhigende Gefühl, dass alles genau so ist, wie es da steht, und nicht etwa ganz anders. Ich notierte:
Wie bin ich hier gelandet?
Die Fakten:
– Mein Vater ist seit 14 Jahren nicht existent.
– Ich will aber, dass es ihn gibt.
– Ich habe beschlossen, mir einen Vater zu basteln.
– Man kann keine Menschen erschaffen. Babys schon, das geht sogar ganz einfach. In einer Besenkammer zum Beispiel. Aber keine erwachsenen Väter.
Ich zögerte kurz und strich die letzten Zeilen durch. Das waren keine Fakten, sondern Gedankensprünge. Das habe ich öfter. Ich kaute auf dem Bleistift und strich alles durch. Noch mal von vorn:
Wie bin ich hier gelandet?
Die ECHTEN Fakten:
– Niemand weiß, wer mein Vater ist, nicht mal meine Mutter.
– Er war Bassist, mehr habe ich nicht herausbekommen.
– Also habe ich beschlossen, selbst an einem Vater zu baste…
»Ah, du schreibst!« Der Quadratbart schon wieder. »Manchmal hilft es, alles aufzuschreiben.«
»Damit ihr es dann vor Gericht gegen mich verwenden könnt?« Ich stopfte den Zettel in die Hosentasche, ließ mich tief in meinen Stuhl sinken und steckte mir den Bleistift in den Mund.
»Nein, nein, wir haben genug Beweise.« Er schaute mich an. Er sagte nichts, er schaute nur.
Okay, dann würde ich eben auch nichts sagen und nur zurückstarren. Eine Stunde, wenn’s sein muss. »Aber … wird es denn einen Prozess geben?« Nichts sagen und einfach nur zurückstarren war gar nicht so leicht.
Unter dem Schnurrbart kam eine Zahnreihe zum Vorschein, die genauso gerade war wie der Bart. »Aber klar doch!«, sagte er grinsend. »Richter haben nichts Besseres zu tun, als laufend rumzusitzen und ihre Zeit mit vierzehnjährigen Mädchen und ihren Dummejungenstreichen zu verschwenden.«
»Dummemädchenstreiche«, korrigierte ich. »Aber sitzen sie nun oder laufen sie?«
»Wer, was?«
»Die Richter. Wenn sie ihre Zeit verschwenden.« Der Polizist sah mich an, als hätte ich nicht alle Tassen im Schrank. »Schon gut«, sagte ich. Solchen Leuten wie diesem Quadratbart sollte man gar nicht erst mit Komik kommen. »Und was passiert jetzt?«
»Jetzt rufen wir deine Eltern an.«
Huch!
Früher hat sie natürlich nicht von einem »Gnadenfick« gesprochen. Früher hat sie gesagt, ich sei aus dem Verschmelzen ihrer Eizelle mit dem Samen eines unbekannten Spenders entstanden. Nicht, dass wir oft darüber gesprochen hätten. Wenn ich etwas über meinen »echten« Vater wissen wollte, wies sie mich darauf hin, dass ein echter Vater nicht nur sein Sperma absondert. Er bringt das Kind auch ins Bett und tröstet es, liest ihm vor und spielt mit ihm. Sie sprach natürlich von Wieger, deswegen liefen meine Fragen ins Leere. Klar, Wieger ist mein Vater, solange ich denken kann. Es war gemein von mir, solche Fragen zu stellen. Als wäre er kein richtiger Vater!
Jetzt war er einer, wenn auch der einer anderen Familie. Mit eigenem Sperma gegründet.
»Es war eine Besenkammerempfängnis«, erzählte meine Mutter mit einem seltsamen Lächeln. Vermutlich sollte das Lächeln bedeuten, dass sie das Ganze total absurd fand.
»Was soll das denn sein?«
»Die Befruchtung. Der Samen dringt in die Eizelle ein, und das nennt man Empfängnis.«
Ach. Und das also in einer Abstellkammer. Andere Kinder kommen wenigstens stinknormal aus der Retorte oder aus einer Samenbank. Nur ich nicht, ich bin eine Besenkammerempfängnis.
Meine Mutter konnte sich an nichts mehr erinnern. Ich korrigiere: nur an ein paar Kleinigkeiten. Sie hat fünf Erinnerungen an den Vorfall, eine davon mit den Unterpunkten a), b) und c):
1. Er war Bassist in einer Band.
2. Er war keine Schönheit.
3. Er war bemitleidenswert, weil er als einziges Bandmitglied keine hübschen Mädchen abbekam.
4. Mama war stockbesoffen.
5. Sie trieben es in einer Besenkammer zwischen:
a) ein paar Müllsäcken
b) einem zusammengerollten Teppich
c) einem altmodischen Damenrad mit einer Mickeymausklingel.
»Warum kannst du dich noch an die Müllsäcke erinnern, aber nicht an sein Gesicht?«, habe ich sie einmal gefragt. Wir saßen auf dem Sofa. Ich hatte ihr das Buch aus der Hand gerissen, damit sie zuhören musste.
»An wessen Gesicht?«
»Das Gesicht meines Vaters. Wieso erinnerst du dich nicht daran, sondern nur an die Müllsäcke?«
»Er war nicht dein Vater, nur dein Erzeuger.«
So lief das immer: Was hat eine Samenzelle schon groß damit zu tun? Nichts! Mit bloßem Auge ist sie nicht mal zu erkennen. Dann spielt es auch keine Rolle, von wem sie stammt. Die eine ist so gut wie die andere. Dasselbe gilt übrigens auch für Männer.
»Aber wie kann das sein?«
»Was?«
»Dass du dich noch an die Müllsäcke erinnerst, aber nicht an sein Gesicht.«
»Keine Ahnung. Frag einen Gehirnspezialisten. Ich weiß nicht, wie so was funktioniert. Die Müllsäcke sind auf meiner Festplatte gespeichert, das Gesicht nicht.«
»Und auch sein Name nicht, oder der Name der Band oder der Ort, an dem sie aufgetreten sind. Alles, was mir nur den geringsten Hinweis geben könnte, hast du vergessen!«
»Glaubst du etwa, das war Absicht?«
»Nein, natürlich nicht.«
»Warum sollte ich dir das verheimlichen? Ich versuche ja, mich zu erinnern.« Sie setzte ihr Ich-bin-wirklich-eine-gute-Mutter!-Gesicht auf.
»Daran ist nur der Alkohol schuld, Kiki. Lass bloß die Finger davon.
»Warum? Du hast doch auch getrunken. Und trinkst immer noch.«
»Also ehrlich, ich trinke doch kaum! Ich glaube, damals hatte ich Probleme und war … unglücklich.«
»Vielleicht bin ich ja auch unglücklich.«
»Du? Was für ein Unsinn!« Sie griff nach ihrem Buch.
»Warum?«
»Du hast tolle Eltern.« Sie blätterte im Buch hin und her, suchte nach der richtigen Seite.
»Eltern im Plural? Ich wurde in einer Besenkammer gezeugt, zwischen Müllsäcken. Ich weiß nicht mal, wer mein Vater ist.«
»Du hast doch mich. Und Wieger. Tolle Eltern. Normale Eltern. Du schon.«
Damit war das Thema beendet. Meine Mutter las weiter, während ich sie noch eine Weile forschend ansah.
Die Liste mit den fünf Erinnerungen war also alles, was ich von meinem richtigen Vater besaß. Nichts, was man sich unbedingt übers Bett hängen oder anderen zeigen möchte. Und es sah auch nicht danach aus, als ob diese Liste jemals ergänzt werden würde. Ich musste akzeptieren, dass er nicht mehr als eine vage Gestalt für mich war und es auch bleiben würde. So wie er es damals in der Besenkammer für meine betrunkene Mutter gewesen war.
Ich setzte mich kerzengerade hin, sah den Polizisten an und sagte spitz: »Das ist keine gute Idee. Meine Eltern … haben was gegen Anrufe.« Was war das denn für eine blöde Bemerkung! Hatte ich das wirklich gerade gesagt? »Äh, am Sonntagmorgen«, fügte ich noch schnell hinzu. Das hörte sich nicht mehr ganz so lächerlich an.
Der Quadratbart schaute auf die Uhr über der Tür. Es war fast halb neun. »Ab wann haben deine Eltern denn nichts mehr gegen Anrufe?«
Meine Gedanken überschlugen sich: »Also. Eigentlich. Immer. Aber der Punkt ist: Sie … es gibt nur meine Mutter, und die …«
Ach, verdammt! Dummerweise kamen mir die Tränen. Das meiste konnte ich wegblinzeln, aber der Damm war gebrochen. Ich hatte auch so schon zig Jahre Hausarrest wegen der letzten Geschichte. Nicht auszudenken, was los wäre, wenn sie hiervon Wind bekäme! Dann wäre es mit meinem jetzigen Leben wohl erst mal vorbei. Vorausgesetzt, ich würde überhaupt überleben.
»Ähm … warte mal eben«, sagte der Quadratbart. Er ging raus, kehrte mit einer Packung Taschentücher zurück, legte sie auf den Tisch und verschwand wieder. Extra sanft stand auf der Packung. Ich nahm gleich mehrere auf einmal und versteckte mich dahinter. Sie fühlten sich tatsächlich ganz sanft an. Kurz blieb ich so sitzen, das Gesicht wie in einer warmen Wolke. Dann putzte ich mir die Nase, so fest ich konnte.
Noch bevor ich damit fertig war, kam jemand herein. Eine blonde Frau. Vor dem Porträt der Königin blieb sie stehen.
»So, so«, sagte sie, während sie Beatrix musterte. »Sehr kreativ. Ungefähr so hätte sie vermutlich ausgesehen, wenn Charlie Chaplin ihr Vater gewesen wäre. Oder Hitler.«
»Vielleicht war er das ja«, sagte ich und zog geräuschvoll die Nase hoch. »Hitler. Möglich ist das. Man kann nie wissen.«
»Stimmt. Die Leute machen die seltsamsten Sachen.«
Ich dachte an Bernhard, meinen Kaktus. Den hatte ich so genannt, weil er aussah wie Prinz Bernhard, Beatrix’ Vater. Vermeintlicher Vater. Ich bekam Heimweh. »Ich will nach Hause«, sagte ich und putzte mir wieder die Nase, aber diesmal leise.
»Tja, wir wollen alle irgendetwas. Ich wollte heute Nacht eigentlich mit einem Glas Champagner und einem schönen Mann in der Badewanne liegen. Stattdessen wurde ich mit zwei aufgeschlitzten Leichen konfrontiert. Zwei unfachmännisch aufgeschlitzten Leichen. Leider bekommt man nicht immer, was man will.«
»Leichen? Richtig tote Leichen?«
»Ja.«
»Wie gruselig.«
»Na ja, wenn sie noch gelebt hätten, wäre es noch gruseliger gewesen.« Die Frau ließ sich auf den gegenüberliegenden Stuhl fallen. »So, und jetzt erzähl mal, was du hier zu suchen hast.«
»Ich bin festgenommen worden.«
»Das ist aber nicht sehr klug von dir.«
»Ich hatte eben Pech.«
»Und wie geht’s jetzt weiter?«
»Keine Ahnung. Die wollen meine Mutter anrufen, aber das will ich nicht.«
»Angst vor einer Woche Taschengeldentzug?«
Ich nahm den Bleistift und steckte ihn zwischen die Zähne. Blöde Bullentante! Gut, dann hielt ich jetzt den Mund. Schluss. Aus. Vorbei. Sie durfte mir gerade noch dabei zusehen, wie ich ein Stück Polizeiholz zermalmte und damit basta.
Pffäh-pffrrlll-pff. Ich spuckte Bleistiftsplitter in meine Hand.
»Schmeckt nicht, was?«
»Geht so. Wo ist Lottie? Ich will zu Lottie.« Ach, wie ich Lottie auf einmal vermisste! Es tat genauso weh, als hätte ich Bernhard verschluckt. Wie es ihr wohl gerade ging? Sie war auch hier. Und ich war schuld daran. Und die Jungs? Was war eigentlich mit denen?
Die Jungs. Bah! Wir hätten sie gar nicht erst mitnehmen sollen. Sie taugten nichts. Sie nervten bloß.
Lottie ist meine beste Freundin. Es war Freundschaft auf den ersten Blick, als sie nach den Herbstferien neu in meine Klasse gekommen war. Erste Stunde: Englisch. Lemming hatte sie vorgestellt: »Das ist Lottie Bloem.« Er wies ihr den Platz schräg vor mir zu. Seit man mich von der Mädchenclique hinten in der rechten Ecke weggesetzt hatte, saß ich vorne links.
Ich tippte ihr mit dem Stift auf den Rücken. Lottie drehte sich um. »Hey, ich bin Kiki«, flüsterte ich.
»Oh, Kiki. Von Kirstin?«
»Nein, von Kuckuck.«
»Kuckuck?«
»Ja, das habe ich gesagt, als ich aus meiner Mutter geschlüpft bin.«
Unser erster gemeinsamer Jox. Ein Jox ist ein Jux, nur dunkler und tief aus dem Bauch heraus. Es dauerte nicht lange bis zum zweiten Jox. Danach haben wir mit dem Zählen aufgehört.
»Eigentlich heiße ich Lotus.«
»Wie die Blume?«
»Ja, oder der Meditationssitz.«
»Hä?«
»Meine Eltern haben mich …«
»Lottie!« Das war Lemming. »Alle Achtung, kaum eine halbe Minute hier und schon störst du den Unterricht. Ich glaube, das ist neuer Rekord. Applaus, Applaus!«
Alle klatschten und johlten, und Lottie strahlte. Sie war der Hit. Von Anfang an. Und sie würde meine Freundin werden, das war sonnenklar.
Als ich zum ersten Mal bei Lottie gewesen war, hatte ich plötzlich wieder dieses Vorhang-auf-Gefühl. Ich erzähle gleich, was das ist, aber erst, wie es dazu kam. Wir saßen zu viert am Küchentisch und tranken Lindenblütentee. Ich, Lottie und ihre Eltern.
Sie freuten sich riesig, mich kennenzulernen, sagten sie, denn sie hätten schon viel von mir gehört. Was für ein Glück für Lotus, in so kurzer Zeit eine so nette Freundin gefunden zu haben!
»Lottie«, sagte Lottie.
»Wir hatten ein ziemlich schlechtes Gewissen«, gestand ihre Mutter.
»So einen Umzug steckt man schließlich nicht so einfach weg«, sagte ihr Vater.
»Und dann noch mitten im Schuljahr«, ergänzte ihre Mutter.
»Aber wir wollten unbedingt ganz neu anfangen.« Der Vater gab der Mutter einen Kuss und schaute sie liebevoll an. Verliebt sogar.
»Ein neuer Job, ein neues Haus, eine neue Stadt – alles neu.«
»Alles neu, bis auf die Frau«, sagte Lotties Mutter. Sie neigte den Kopf leicht zur Seite und sah ihn mit weit aufgerissenen Augen an.
Lotties Vater errötete. »Und die Kinder«, sagte er, »die sind auch nicht neu.«
Ich stieß Lottie in die Seite und sie wurde rot. Alle sahen sich an und strahlten. Und auf einmal war es da: mein Vorhang-auf-Gefühl.
Mit fünf war ich zum ersten Mal im Theater gewesen, mit Mama und Wieger. Wir hatten dagesessen und vor uns hin gestarrt. Ich fand es nicht besonders aufregend und wollte wieder nach Hause und mit meiner Puppe Muffie spielen.
»Pst!«, zischten Mama und Wieger.
Plötzlich ging der Vorhang auf. Ich sah Lichter, das Bühnenbild, die Schauspieler und hörte Musik. Es war magisch.
Der Vorhang hatte überhaupt nicht zur Vorstellung gehört. Hinter ihm lag eine völlig neue Welt: größer, spannender und bunter. Alles war so anders, ganz anders als gedacht.
Und hier am Küchentisch der Familie Bloem beschlich mich dasselbe Gefühl. So als ginge ein Vorhang auf. Ich sah plötzlich, wie es auch sein konnte: Eltern wie die von Lottie, die liebevoll miteinander umgingen. Echtes Zusammengehörigkeitsgefühl.
Eine Familie, in der es nicht so zuging wie bei uns:
»Du bist bloß der Stiefvater, wir kommen auch prima ohne dich klar.« (Mama)
»Na ja, Stiefvater hin oder her: Wenn wir uns trennen, zieht Kiki bestimmt lieber zu mir. Stimmt’s, Kiki?« (Wieger)
»Wie willst du ihr denn ein Vater sein? Du bist ja nicht mal ein Mann.« (Mama)
»Ach Mama, jetzt halt doch endlich mal dein Scheißmaul, sonst zieh ich zu Oma und Opa!« (ich)
Daraufhin musste Wieger lachen, weil ich »Scheißmaul« gesagt hatte, und Mama ging mit Kopfweh ins Bett, weil wir Oma erwähnt hatten.
Es war ganz still in der Küche, als ich dieses Vorhang-auf-Gefühl hatte. Alle sahen sich an und lächelten.
»Mann, ist das peinlich«, murmelte Lottie, ohne die Lippen zu bewegen, »ich schäme mich zu Tode.« Lottie beherrscht dieses Murmeln richtig gut, bei dem niemand außer mir etwas sieht oder hört. Das ist ein echtes Talent von ihr.
»Ich bin übrigens Mona«, sagte die Bullentante. Sie gab mir die Hand und drückte fest zu. Du entkommst mir nicht, sollte das wohl heißen.
»Ich bin eine Frau«, sagte sie.
Ich nickte. Was hätte ich auch sonst tun sollen? Das war schließlich nicht zu übersehen.
»Deshalb hat Sikke mich gerufen.«
Ich nickte wieder. Sie hatte meine Hand losgelassen, aber die fühlte sich weiterhin wie abgestorben an.
»Frauen sind sensibler.« Sie nahm das zusammengeknüllte Taschentuch vom Tisch. Es war ziemlich durchgeweicht, von Rotz und Wasser, aber das schien ihr nichts auszumachen. Sie warf nur einen kurzen Blick darauf, zielte, traf den Papierkorb neben der Tür und sprach weiter. »Jemand wie Sikke ist einfach irgendwann mit seinem Latein am Ende. Er kann vieles ab, nur keine Tränen, das ist ihm zu kompliziert. Er ist halt ein Mann.« Ich nickte wieder oder vielleicht sogar immer noch.
Unter dem Tisch versuchte ich, meine Hand wiederzubeleben.
Stille. Mona warf mir einen finsteren Blick zu, bestimmt dachte sie wieder an die Leichen von heute Nacht. Genau so war es auch.
»Steckst du etwa dahinter?«, fragte sie aus heiterem Himmel und durchbohrte mich mit ihrem Blick.
»Hä? Wohinter soll ich stecken?«
»Hinter der Sache mit den Leichen. Wo warst du eigentlich heute Nacht?«
»Im Bürgerzentrum. Die ganze Nacht. Ehrenwort.«
»Das sagen alle. Bist du sicher, dass du keine Leichen aufgeschlitzt hast?«
»Ja … natürlich! Ich bin bloß eingebrochen, ich schwör’s.«
Mona fing an zu lachen. »Haha, toller Trick, was? So schnell kommt man zu einem Geständnis. Zu schön, um wahr zu sein.«
»Ich hatte doch schon gestanden.«
»Betrachte es als mein Hobby. Andere Leute kegeln, ich klär lieber Verbrechen auf.«
»Mein Opa kegelt.« Ich hielt Kegeln für ein ziemlich unverfängliches Gesprächsthema. »Im Bürgerzentrum. Aber der Kegelclub stirbt langsam aus. Deshalb spielt er jetzt Canasta.«
Das mit dem Aussterben schien Mona herzlich wenig zu beeindrucken. »Zurück zu heute Nacht«, sagte sie, »angenommen, du hast es doch mit deinem Freund gemacht und …«
»Nein, ich hab es nicht mit ihm gemacht, echt nicht. Nur rumgeknutscht. Außerdem … er ist gar nicht mein Freund. Igitt, das wäre ja noch schöner.«
Mona sah mich mit hochgezogenen Augenbrauen an.
»Ich meine, ich habe mit den Leichen nichts, ähm … gemacht. Ich habe sie nicht aufgedingst.« Fuck.
Mona schwieg und warf mir einen Blick zu, bei dem ich mich sofort ertappt fühlte, egal, ob ich nun was angestellt hatte oder nicht. »Ich hab nur rumgeknutscht, mehr nicht. Und es hat noch nicht mal Spaß gemacht. Ich war …« Betrunken, wollte ich schon sagen, aber irgendwie klang das nicht nach einer guten Entschuldigung.
»Na, dann hast du ja wenigstens ein Alibi.« Mona sah mich ernst an. »Es ist schließlich nicht einfach, gleichzeitig zu morden und rumzuknutschen.«
Ich hätte genauso gut Leichen aufschlitzen können, viel ekliger als das, was ich getan hatte, war das bestimmt auch nicht. Bilder aus der vergangenen Nacht tauchten vor meinem inneren Auge auf. Nicht nur Schnappschüsse, sondern auch Gefühle. Es war komisch, so als wäre das gar nicht ich gewesen, sondern eine Wildfremde. Das lag bestimmt am Alkohol. Vielleicht war ich gestern genauso hinüber gewesen wie meine Mutter damals. Huch. Vielleicht war ich wie sie. Vielleicht …
»Du siehst aus, als würdest du hier gleich alles vollkotzen«, sagte Mona. »Geht’s noch?«
»Ja, ja.«
»Was hattet ihr eigentlich im Bürgerzentrum zu suchen, du und dein Freund?«
»Er ist nicht mein Freund. Und ich war nicht mit ihm unterwegs, sondern mit Lottie, meiner Freundin. Die haltet ihr da hinten ja auch irgendwo fest.« Ich fuchtelte vage mit der Hand in der Luft herum. »Die Jungs sind einfach mitgekommen, ich …«
»Ich meinte eigentlich, warum warst du überhaupt dort?«
»Wir wollten da bloß übernachten, sonst nichts.«
»Und warum übernachtest du nicht zu Hause?«
»Lottie und ich waren auf dem Zerk-Konzert. Zerk ist eine Band. Im Marbella.«
»Aha, und das hatten dir deine Eltern bestimmt verboten. Gehst du öfter heimlich auf Konzerte?«
»Nein, das war erst das zweite Mal … mein zweites Konzert, meine ich. Und auf dem ersten war ich nicht heimlich. Da durfte ich hin. Meine Mutter hat es mir erlaubt.«
»Wer hat denn gespielt?«
»Die SillyBilly Hardbums. In den Walhallahallen.«
Monas Brauen wanderten noch einen Zentimeter nach oben, doch sie sagte kein einziges Wort.
»Kennst du die?«, fragte ich.
»Nicht die Band. Den Ort schon. Und gestern warst du also bei Zerk. Die kenne ich aber. Bist du ein Fan von denen?«
»Nein, aber ich … ich hab nach dem Ohr meines Vaters gesucht.«
»Weißt du, was echt mies ist?«, hatte ich Lottie ein paar Tage nach dem Vorhang-auf-Gefühl gefragt. Wir lagen auf ihrem Bett, ich auf dem Bauch mit aufgestütztem Kopf und Lottie auf dem Rücken, die Beine an der Wand.
»Was denn?«, fragte sie, »was ist mies?«
»Dass ich rein gar nichts von ihm weiß. Keinen Namen, kein Gesicht, keine Haarfarbe, nicht sein Alter oder seine Schuhgröße, nichts.«
»Ja, echt mies, dass du seine Schuhgröße nicht kennst.«
»Es gibt Milliarden Menschen auf der Erde. Und einer davon ist mein Vater. Es könnte jeder sein.«
»Willst du ihn suchen?«
»Nein, äh ja, aber es ist ja ziemlich egal, ob ich es will, es geht nicht.«
»Stimmt, dürfte ziemlich schwierig werden.«
»Nicht schwierig. Unmöglich.«
»Oder deine Mutter erinnert sich plötzlich doch noch an etwas.«
»Ich muss ihn nicht unbedingt finden. Geht halt nicht. Fertig. Aus. Okay? Aber ich würde so gern etwas mehr über ihn wissen.«
»Und was?«
»Keine Ahnung. Irgendetwas. Er ist so … so theoretisch. Ich will ein Gesicht. Oder eine Stimme. Oder … ach, was weiß ich!«
Ich zappelte mit den Beinen. Draußen bellte ein Hund und in der Ferne ertönte eine Sirene, ein lang gezogener Ton, der langsam verebbte.
Lottie zwirbelte eine Haarsträhne um den Finger. »Weißt du, was, Kiki? Wir zwei haben das gleiche Problem.«
»Ach ja?«
»Ich weiß die Schuhgröße meines Vaters auch nicht.«
Mein Bauch spannte sich gefährlich an. Aber ich wollte nicht lachen, mir war es ernst. »Blöde Nuss«, sagte ich und kniff Lottie in den Arm.
»Aua! Na gut, etwas weißt du schon. Er ist musikalisch.«
»Ja. Kann sein.« Ich übrigens auch. Ich spiele zwar kein Instrument, aber ich singe gern. Wenn ich alleine bin, fällt mir manchmal ein Satz ein und aus dem mache ich dann automatisch ein Lied. So in etwa: »Ach verflucht, der Abwasch, ich wünschte, der wär schon weg, all die verdreckten Teller und das schmierige Besteck. Verdammt, das Geschirr, das macht mich ganz wirr, wäre ich nicht schon verrückt, wär’s mir damit geglückt.« Wer macht schon so was? Na, er vielleicht?
»Und er mag lang gestreckte Instrumente.«
»Wie bitte?«
»E-Bässe. Die haben so ein langes … wie heißt das denn, dieses Brett. Er mag also Instrumente mit einer langen Latte.«
Mein Bauch zog sich schon wieder gefährlich zusammen. »Und Saiten. Sechs an der Zahl«, sagte ich.
»Quatsch. Vier. So ein Bass hat nur vier Saiten. Ziemlich dicke Stränge.«
Lachen soll ja gesund sein, aber seit ich Lottie kenne, bin ich mir da nicht mehr so sicher. Ich hielt mir den Bauch in der Hoffnung, meine Eingeweide blieben dort, wo sie hingehörten, und flogen nicht plötzlich durch das Zimmer.
Mit Wieger hatte es auch immer viel zu lachen gegeben. Früher, als er noch bei uns gewohnt hatte. Natürlich nicht so abgedreht wie mit Lottie, aber trotzdem. Jetzt war das vorbei. Immer wenn wir uns sahen, hatte er ein plärrendes oder quengelndes Baby dabei. Ich will nie so kleine Kinder haben. Die brüllen und stinken, und wenn sie lachen, machen sie das auf diese schleimige Schau-nur-her-wie-süß-ich-bin-Art. Und alle fallen drauf rein.
Ich kletterte wieder auf das Bett, von dem ich vor Lachen runtergefallen war. Lottie und ich haben dann einige Zeit dagelegen und auf die vergilbten Wasserflecken an der Zimmerdecke gestarrt. In einem Fleck entdeckte ich plötzlich ein Gesicht. Ziemlich abstrakt zwar, aber eindeutig ein Gesicht: Augen, Nase, Mund. Alles dran. Sogar ein paar Haarbüschel.
»Siehst du das Gesicht da oben?«
Lottie schüttelte den Kopf. Ich zeigte es ihr: Da ist der Mund, dort ein Auge, weiter unten …
»Oh ja! Seltsam sieht das aus. Stell dir mal vor, du müsstest mit so einem Wasserkopf rumlaufen.«
»Lottie!«, rief ich. »Ich habe eine Idee.«
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