7 Tode sollst du sterben - Barnabas Miller - E-Book

7 Tode sollst du sterben E-Book

Barnabas Miller

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Beschreibung

Mary war nicht nur das hübscheste Mädchen der Schule, sondern auch das am meisten gehasste - und deshalb musste sie sterben. Aber ihr Tod ist nicht das Ende, sondern erst der Anfang. Ein Fluch sorgt dafür, dass sie den Tag, an dem sie stirbt, immer wieder erleben muss.

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Seitenzahl: 499

Veröffentlichungsjahr: 2014

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Barnabas Miller & Jordan Orlando

7 Tode sollst du sterben

Aus dem Amerikanischen von Franca Fritz und Heinrich Koop

Die Autoren

BARNABAS MILLERhat bereits mehrere Bücher für Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene geschrieben. Außerdem komponiert und produziert er Musik für Spielfilme und Fernsehsendungen. Er lebt in New York, zusammen mit seiner Frau Heidi, der Katze Ted und dem Hund Zooey.

JORDAN ORLANDOveröffentlichte seinen ersten Roman noch vor seinem einundzwanzigsten Geburtstag. Neben dem Schreiben widmet er sich der Gestaltung von Webseiten und arbeitet als Werbegrafiker und im Bereich »digitales Kino«. Er lebt in New York.

 

 

1. Auflage als Sonderausgabe 2014 Die Originalausgabe erschien 2010 unter dem Titel Seven Souls bei Delacourt Press, einem Imprint von Random House Inc., New York. Copyright © 2010 by Barnabas Miller und Jordan Orlando

Für die deutschsprachige Ausgabe: © 2011 Arena Verlag GmbH, Würzburg Alle Rechte vorbehalten Dieses Buch ist erstmals unter dem Titel Seven Souls. Sieben Gründe, MaryShane zu hassen in anderer Ausstattung 2011 beim Verlag erschienen. Aus dem Amerikanischen von Franca Fritz und Heinrich Koop Covergestaltung: Frauke Schneider unter Verwendung eines Fotos von Mihaela Ninic © plainpicture Umschlagtypografie: knaus. büro für konzeptionelle und visuelle identitäten, Würzburg ISSN 0518-4002 ISBN 978-3-401-80141-4

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Inhaltsverzeichnis

I DER TAG, AN DEM SIE STARB

1 – 6.47 Uhr

2 – 9.06 Uhr

3 – 18.52 Uhr

4 – 21.12 Uhr

5 – 22.19 Uhr

6 – 23.21 Uhr

7 – 2.05 Uhr

II SIEBEN SEELEN

1 – SCOTT

2 – JOON

3 – AMY

4 – MARY

5 – PATRICK

6 – DYLAN

7 – ELLEN

III DER ACH

 

 

 

Ich stehe im Zentrum des Unendlichen KreisesIch stehe im Zeichen von Blut und Flamme

Um mich brausen die Mächte der LuftUm mich strömen die Mächte des WassersUm mich flammen die Mächte des FeuersUm mich toben die Mächte der Erde

Ich breite die Arme ausDie Kräfte des TodesDie Kräfte des LebensSie sind mein

I

DER TAG, AN DEM SIE STARB

1

6.47 Uhr

Da war dieser Schmerz, noch vor allem anderen, diese wummernden, höllischen Trommelschläge in ihrem Kopf – genau die Sorte von Schmerz, die in einem den Wunsch weckt, sich irgendwo zu verkriechen und zu sterben. Ein verdammt vertrauter Schmerz. Sie kannte dieses Hämmern, diesen Rhythmus: ihr eigener Herzschlag, so langsam und regelmäßig wie die gedämpfte Bassdrum der schlechtesten Band der Welt, die wieder und wieder ihren schlechtesten Song spielt. »Wodka-Wummern« hatte sie es einmal genannt – ein gnadenloser, pochender Kopfschmerz.

Sie versuchte, gegen das gleißende Licht anzublinzeln, weißgrell wie der Schein einer Zahnarztlampe. Aber das machte die Schmerzen nur noch schlimmer. Sie lag da wie ein Fötus, bedeckt von einer schleimigen Schicht, die sie als ihren eigenen Schweiß identifizierte, komplett überhitzt unter irgendeiner Decke aus unglaublich glattem Gewebe, wie die metallische Oberfläche eines Ofenhandschuhs. Ihre Haare hingen ihr heillos verfilzt ins Gesicht und in ihren Ohren und in ihrem Kopf dröhnte dieser endlose Trommelrhythmus.

Kater, dachte sie dumpf. Ich hab einen Kater – noch dazu einen ziemlich üblen. Heute ist mein Geburtstag und ich hab den schlimmsten Kater der Welt.

Mary konzentrierte sich auf diese beide Tatsachen, klammerte sich daran wie an eine Holzplanke nach einem Schiffbruch in schwerer See – und zwar aus dem schlichten Grund, dass sie sowieso an nichts anderes mehr denken konnte als an diese beiden Dinge: Sie hieß Mary und sie war siebzehn – gerade siebzehn geworden, vor wenigen Stunden. Und in ihrem Kopf tobten diese rhythmischen, gnadenlosen Schläge, wie sie sonst nur Tennisbälle oder Nagelköpfe auszuhalten hatten. Aber das war auch schon alles. Woran auch immer sie sich sonst noch erinnern wollte – sie schaffte es einfach nicht.

Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag, gratulierte sie sich matt.

Das Blinzeln machte die Kopfschmerzen nur noch schlimmer, aber ein Öffnen der Lider kam nicht infrage – da draußen war es so grell wie auf der gleißenden Oberfläche der Sonne. Mary drehte sich in ihrer Blase aus Schweiß, glattem Gewebe und verfilzten schwarzen Haaren, die nach Hautausdünstungen und Neutrogena rochen, und versuchte herauszufinden, wo sie war, wie spät es war und wie sie überhaupt hierhergekommen war.

Ein Bett – ich liege in einem Bett, schlussfolgerte sie nach einer Weile. Hundert Punkte für diese Erkenntnis! Das Problem war nur, dass sie nicht wusste, in wessen Bett. Natürlich gab es dafür mehrere naheliegende Möglichkeiten: ihr eigenes Bett? Dieses quietschende, schmale, heiß geliebte und zugleich abgrundtief gehasste Holzgestell, in dem sie seit ihrem fünften Lebensjahr schlief. Dieses Bett, an dessen Kopfteil seit der gemeinsamen Renovierungsaktion mit ihrem Vater noch immer rosa und orange Farbspritzer leuchteten. Dieses Bett, das keiner ihrer Freunde je zu Gesicht bekommen hatte, weil sie sie noch nie dazu aufgefordert hatte, sich auf die Upper West Side einzulassen und sie zu Hause zu besuchen – denn sie schämte sich für die winzige, heruntergekommene Wohnung, in der sie mit ihrer Familie lebte.

Aber das hier konnte nicht ihr Bett sein … dafür war die Matratze viel zu gut … zu breit und zu glatt und zu fest. Ihr eigenes Bett war einigermaßen erträglich, fast schon bequem, aber nichts im Vergleich zu diesem Teil hier.

Also bin ich nicht zu Hause.

Patricks Bett? Das war die nächste Möglichkeit: Tricks ausladendes, niedriges, weiches Bett, immer frisch bezogen mit perfekt gebügelten Laken aus ägyptischer Baumwolle mit der höchsten erhältlichen Fadenzahl. Nicht dass Patrick je sein Bett selbst gemacht hätte, das brauchte er auch nicht … nicht bei dem ganzen Hotelpersonal in Tricks Fünf-Sterne-Luxusbunker, das ihn rund um die Uhr bediente und vorgab, die Tequilaflaschen und aufgerissenen Plastiktüten nicht zu bemerken, auf die die Zimmermädchen mit schöner Regelmäßigkeit stießen, wenn sie sich an die hoffnungslose Aufgabe machten, seine Hotelsuite aufzuräumen, während er zur Schule fuhr.

Mary schnupperte und kam zu dem Schluss, dass sie nicht bei Patrick sein konnte. Kein Alkoholdunst, registrierte sie benommen. Kein Hugo-Boss-Rasierwasser, kein Dunhill-Zigarettenqualm. Keines jener teuren, exquisiten Aromen des jungen, wohlhabenden Gentlemans, der noch vor dem Zeitpunkt seiner allerersten Rasur eine Vorliebe für Luxuslaster entwickelt hatte. Die Bettwäsche – diese glatte, unwirkliche, schweißgetränkte Oberfläche, die an ein Textilgewebe aus einem NASA-Weltraumprogramm erinnerte – fühlte sich zwar teuer genug an, um als Patricks Bettwäsche durchzugehen, aber irgendwie fehlte dem Ganzen der typische Junger-wilder-Playboy-Geruch.

Dann bin ich also bei Amy, überlegte Mary durch das permanente Wummern in ihrem Kopf hindurch. Der Gedanke war irgendwie beruhigend, gab ihr ein Gefühl von Sicherheit. Ich bin in einer wunderschönen Upper-East-Side-Stadtvilla, dachte sie hoffnungsvoll, auf Amys großer Chaiselongue mit der weichen Quiltdecke; auf der Liege, auf der ich immer übernachten soll, weil Amy nicht will, dass ich mitten in der Nacht noch durch die halbe Stadt fahre.

Nein. Das konnte nicht sein.

Langsam öffnete Mary die Augen und wappnete sich gegen einen massiven, waagerechten Streifen gleißender Helligkeit, eine Klinge aus weißem Licht, die ihre Schmerzen und Übelkeitsgefühle so schlagartig verstärkte, dass sie sich fast übergeben musste. Ich könnte überall … an jedem x-beliebigen Ort sein, schoss es ihr durch den Kopf, worauf das Dröhnen in ihrem Schädel unfassbarerweise noch zunahm – dieser dumpfe Rhythmus, der zu einem lauten Trommeln anschwoll, wie bei einem Stammesritual, bei dem sich eine Horde von Kannibalen um den brodelnden Kessel versammelte und begierig auf das Hauptgericht wartete: das Mädchen mit den dunklen Haaren. Ich bin nicht zu Hause, ich bin nicht bei Patrick, ich bin nicht bei Amy.

In diesem Augenblick wurde ihr bewusst, dass sie nackt war – sie hatte es zwar schon vorher dumpf registriert, aber rasch wieder verdrängt. Und zum ersten Mal seit dem Moment, in dem der Höllenrhythmus sie wach getrommelt hatte, überkam sie ein mulmiges Gefühl, fast schon ein wenig Furcht. Marys Herz begann zu rasen, während die Kannibalentrommeln immer schneller und lauter dröhnten und das Wissen um ihre Nacktheit ihr einen Adrenalinstoß durch die Adern jagte – eine Art Stromschlag, der ihr erst richtig Angst einflößte.

Ich muss die Augen öffnen, dachte Mary. Ich muss sofort die Augen öffnen.

Zitternd holte sie tief Luft, schlug die Augen auf und zuckte zusammen, als das unfassbar grelle Licht einen rasenden Schmerz durch ihren Körper jagte. Hastig blinzelte sie gegen die Helligkeit an. Ihre Sicht war verschwommen, verschleiert hinter einer Mischung aus Schlafsand und verschmierter Wimperntusche, durch die allmählich die ersten Konturen ihrer Umgebung hindurchdrangen.

Sie befand sich in einem Raum von den Ausmaßen einer Sporthalle. Ein paar Meter weiter entdeckte sie noch ein Bett – ein breites Doppelbett aus Kirschholz. Und dann stellte sie fest, dass es in dem Raum vor Betten nur so wimmelte: moderne Stahlrohrbetten; Betten mit velourslederbezogenen Kopfteilen oder breiten Rückenlehnen mit weißem Leopardenfellimitat; Betten mit glänzenden, kunstvoll verzierten Metallgestellen. Hinter den Bettenreihen standen mehrere Beistelltische mit facettierten Glasplatten, fernöstlich angehauchte Eckelemente mit Goldbordüre, breite schwarze Ledersofas, wuchtige Eichentische und ganze Sitzgruppen teuer anmutender Wohnzimmermöbel, allesamt so arrangiert wie die Filmsets schlechter Seifenopern.

Mary drehte den Kopf und blinzelte in das blendende Licht der Sonne. Ihr Bett stand nur wenige Zentimeter von einem Fenster entfernt, das sich vom Boden bis zur Decke und von Wand zu Wand erstreckte. Der grelle Lichtschein wurde von regelmäßigen Schatten unterbrochen, die Mary plötzlich als Wörter identifizierte – riesige, seitenverkehrte Buchstaben, die auf das Fensterglas gedruckt zu sein schienen wie der Titel eines Kinofilms, den man in einem Spiegel sah:

CRATE & BARREL

Mary setzte sich ruckartig auf und erstarrte. Wie gelähmt vor Entsetzen blinzelte sie zum gewaltigen Morgenhimmel hinter den riesigen Buchstaben und versuchte, sich selbst davon zu überzeugen, dass sie träumte – aber sie wusste, dass sie hellwach war. All das hier passierte wirklich: Sie saß splitternackt auf einem Vorführbett, im oberen Schaufenster von Crate & Barrel, dem größten Einrichtungsgeschäft in SoHo.

Schräg unterhalb des Schaufensters konnte sie den morgendlichen Berufsverkehrsstau auf der Houston Street sehen, die Reihen hupender Taxis und SUVs und Lieferwagen, die sich in beide Richtungen erstreckten. Hunderte von Augenpaaren starrten zu ihr hinauf – auf dem Gehweg hatte sich eine dicht gedrängte Menge Manhattaner Passanten versammelt, direkt unterhalb des Schaufensters und mit gereckten Hälsen, um das nackte Mädchen zu begaffen.

Fahrradkuriere mit dreckigen Rucksäcken und ausgebeulten, aufgerollten Jeans glotzten sie mit offenem Mund an, als hätten sie gerade eine kostenlose Pornowebsite entdeckt. Eine Gruppe geschniegelter Geschäftsmänner umklammerte ihre Starbucks-Styroporbecher mit dem Morgenkaffee und grinste wie ungezogene Schuljungen. Eine kraushaarige Frau in einer nachgemachten Chanel-Jacke und weißen Turnschühchen runzelte angewidert die Stirn. Ein paar Jogger warfen halbherzige Blicke in ihre Richtung, während sie auf der Stelle liefen, und eine Gruppe europäischer Touristen mit umgeschnallten Gürteltaschen starrte sprachlos zu ihr hinauf, zückte die Foto-Mobiltelefone wie Handfeuerwaffen, hielten auf ihren nackten Körper und schossen gnadenlos ein Bild nach dem anderen.

Ich träume – das ist nur ein Traum, sagte Mary sich hilflos, während sie gleichzeitig an der Steppdecke zog und sich darin einzuwickeln versuchte. Ich muss einfach träumen – das hier kann nur ein Albtraum sein. So was passiert doch andauernd, oder nicht? Man glaubt, man wäre wach, dabei träumt man aber in Wirklichkeit noch immer, und deshalb …

Auf der Matratze war Blut.

Was …?

Vier rasierklingendünne Streifen getrocknetes Blut schlängelten sich über das Gewebe. Ungelenk griff Mary nach hinten und zuckte vor Schmerz zusammen: Ihre Fingerkuppen glitten über ihre Haut und ertasteten die berührungsempfindlichen Schürfwunden, die sich von ihren geschmeidigen Schulterblättern bis hinunter zur Taille zogen.

Oh mein Gott … oh mein Gott!

Mary war vor Schreck wie gelähmt. Sie spürte, wie ihr die Tränen in die Augen schossen und sich ein eisiger Schauer vom Nacken über ihren ganzen Rücken ausbreitete, Zentimeter für Zentimeter. Ihr Kopf fühlte sich an wie eine Eisskulptur, ein fragiles, schmelzendes Kristalljuwel, das jeden Moment zu bersten und zerspringen drohte. Ihre Ohren dröhnten und ihre Kehle war wie ausgetrocknet. Sie wusste nicht, wie spät es war, wusste nicht, wie lange sie schon unter der Steppdecke gelegen hatte, auf diesem Bett inmitten der langen Reihen ordentlich aufgestellter und wie Grabsteine auf einem Friedhof ausgerichteter Betten. Bevor die Panik sie vollends erfasste, zerrte sie die Decke fester um sich herum, deren metallisches Gewebe knisternd über die Matratze glitt. Dann drehte sie sich von der Schaufensterscheibe fort, zog den Kopf ein und versuchte, sich der Sicht zu entziehen.

Ihre nackten Füße streiften über den kahlen Boden – kaltes, hartes Linoleum, dessen gerippte Oberflächenstruktur an Holzdielen erinnerte. Durch die Scheibe konnte sie die gedämpften Pfiffe und Buhrufe der Menge auf der Straße hören – der Zufallspassanten, die den richtigen Freitagmorgen für einen Spaziergang durch die Houston Street gewählt und im richtigen Moment nach oben geschaut hatten, wo das nackte Teenagermädchen im Schaufenster saß.

Mary spürte, wie ihr übel wurde. Ihr Rücken juckte und schmerzte – eine Erinnerung an die unerklärlichen Hautkratzer, die blutige Spuren auf der Matratze hinterlassen hatten. DNS, schoss es ihr unwillkürlich durch den Kopf. Ich hinterlasse großzügig meine DNS bei Crate & Barrel, damit die Cops sie auch gleich direkt entdecken können. Sie werden mich finden und dann für das, was ich mit der Bettenausstellung angestellt habe, teuer bezahlen lassen.

Und ich bin nackt, überlegte sie hilflos. Ich bin nackt. Was soll ich nur tun?

Mit einer einzigen, ruckartigen Bewegung rappelte Mary sich auf und versuchte, die Steppdecke hinter sich herzuziehen – was ihr aber nicht gelang. Die Decke verhakte sich am Bettgestell und glitt schwer zu Boden. Sofort brach die Menge vor dem Fenster in Jubel aus. Das kann einfach nicht wahr sein, das muss ein Albtraum sein, dachte sie benommen.

Mary beugte sich vor und versuchte, die Decke aufzuheben (und gleichzeitig nicht daran zu denken, welchen Anblick sie dabei ihrem Publikum bot). Sie zog und zerrte und bemühte sich ein weiteres Mal vergebens, sich in die bauschigen weißen Stoffmengen einzuwickeln. Ein lauter Knall ganz in der Nähe ließ sie erschrocken zusammenzucken. Panisch schaute sie sich um und sah weiß lackierte Rohre und eingebaute Sprinkleranlagen in der hohen Decke … und sonst nichts. Keinerlei Erklärung dafür, was den Lärm verursacht haben konnte.

Das Licht, das durch die großen Flachglasscheiben fiel, gewann von Minute zu Minute an Helligkeit. Mary hörte ihre eigene keuchende, rasselnde Atmung, als es ihr endlich gelang, die Steppdecke loszureißen und sie um ihre Schultern zu wickeln. Langsam, fast schlurfend, durchquerte sie den riesigen, leeren Verkaufsraum und steuerte auf das hintergrundbeleuchtete NOTAUSGANG-Schild über einer Tür am anderen Ende des Raums zu.

Ist der Laden schon offen? Mary war sich nicht sicher. Die gesamte Etage schien wie ausgestorben, aber es ließ sich unmöglich sagen, wie spät es war. Jeden Moment konnten irgendwelche Kunden hereinspazieren.

Marys Füße quietschten und dröhnten über den strukturierten Holzimitatboden. Die Steppdecke schleifte hinter ihr her, streifte knisternd weitere Ausstellungsbetten, bis Mary den hinteren Bereich des Verkaufsraums erreichte und vor dem glühenden rubinroten NOTAUSGANG-Schild stehen blieb. Darunter befand sich eine breite dunkle Metalltür – doch statt einer Klinke gab es nur eine wuchtige rote Querstange, auf der NOTAUSGANG – ALARMGESICHERT stand.

»Mach schon«, hörte Mary sich selbst flehentlich murmeln. »Mach schon, mach schon …«

Es musste doch noch irgendeinen anderen Ausgang geben! Wenn der Alarm ertönte, würde sie sich mit dem Sicherheitsdienst auseinandersetzen müssen oder – schlimmer noch – mit dem NYPD, den New Yorker Cops mit ihren langsamen, geduldigen Fragen und ihrer tief empfundenen Abneigung gegenüber Privatschulzöglingen und ihren amüsanten Problemchen. Und das Ganze würde ewig dauern und vielleicht sogar in den Zeitungen landen, verdammt noch mal … und sie wusste noch immer nicht, wo ihre Sachen waren. Sie sah sich schon in einer Arrestzelle (oder wie auch immer die Dinger heißen mochten) – genau wie im Fernsehen, mit verschwitzten, wirren Haaren und noch immer in diese bauschende Steppdecke aus metallischem Ofenhandschuhgewebe gehüllt, während sie versuchte, die Fragen der anzüglich grinsenden Cops zu beantworten … Auf keinen Fall!

Als sie auf das Schild starrte, verschwamm das Wort NOTAUSGANG vor ihren Augen und sie wäre fast wieder in Ohnmacht gefallen. Ihr Kopf sank nach vorn und sie kippte seitlich gegen die Mauer, wobei ihre nackte Schulter über den rauen Putz schürfte. Jeden Moment würde sie sich übergeben müssen … Ihr Kopf dröhnte noch immer und ihre Sicht verdüsterte sich … doch dann ebbte der Schwindelanfall ab und sie drückte sich von der Wand fort und richtete sich wieder auf.

Was zum Teufel …? Wie viel hab ich denn getrunken? Sie konnte sich nicht erinnern, dass sie sich je so elend und benebelt gefühlt hatte – mit einer Ausnahme: bei ihrem ersten Kater, ihrem allerersten Filmriss, als sie und ihre kleine Schwester nach einer Cocktailparty im Haus ihrer Eltern die übrig gebliebenen Weinreste getrunken hatten. Damals, als sie noch zwei Elternteile gehabt hatten und am frühen Morgen hinunter ins Wohnzimmer zu dem niedrigen Sofatisch mit den halb vollen Gläsern und den durchweichten Papierservietten geschlichen waren und sich gegenseitig darin zu überbieten versucht hatten, wer von ihnen am meisten von dem süßlich duftenden Chablis trinken konnte. Das Ganze hatte damit geendet, dass sie sich irgendwann in ihrem eigenen Bettchen wiederfand, während ihre Mutter das Erbrochene vom Badezimmerboden wegwischte und ihr Vater ihr mit seiner rauen Hand über das heiße Gesicht streichelte und ihr versicherte, dass alles wieder gut werden und die Schmerzen bald nachlassen würden.

Päng. Klirr. Päng. Da war es erneut, dieses dumpfe metallische Dröhnen, irgendwo ganz in der Nähe. Hier ist jemand …

»Hallo?«, rief Mary.

Inzwischen war sie um eine Ecke getaumelt, vorbei an den Werbetafeln des Ladens, und steuerte auf eine Tür zu, die sie bisher nicht gesehen hatte – eine Metalltür, auf der ein mit Tesaband befestigter Monatskalender klebte. In dem kleinen Raum hinter der Tür konnte Mary zunächst nichts entdecken außer einer zerbeulten Cola-light-Plastikflasche auf dem Linoleumboden und einer schmierigen Stechuhr an der weißen Leichtbetonwand. Dafür hörte sie aber leise Salsa-Musik im hinteren Teil des Raums dudeln.

»Hallo? Ist da jemand?«

Die makellos weiße Steppdecke schleifte wie eine Schneckenschleimspur hinter ihr her, als Mary weiterschlurfte ... und vor Schreck fast rückwärts gesprungen wäre, als sie eine Frau mittleren Alters in einem Overall sah – einer jener schäbigen Polyester-Schutzanzüge, dessen Farbe man wohl mit »Beige« beschreiben musste (»Taupe« traf es nicht ganz). Die Frau saß an einem Plastiktisch, auf dem eine spanischsprachige Zeitung lag, und starrte Mary reglos an. Ein beißender Putzmittelgeruch hing in der Luft.

»Hallo?«

»¿Sí?«

Na großartig, dachte Mary trübselig. Eine Sprachbarriere. Das hat mir gerade noch gefehlt. »Können Sie mir helfen? Ich … ich habe meine Kleidung verloren. Ich weiß nicht, wo meine Sachen sind.«

»¿Que?«

»Hören Sie, ich ...«Mary trat einen Schritt vor, stolperte über den Saum der Steppdecke und griff nach dem Arm der Putzfrau. »Ich brauche Kleidung; ich brauch irgendwas zum Anziehen, aber ich hab kein ...«Die Frau zuckte zusammen, als Mary am groben Gewebe ihres Overall-Ärmels zupfte. »Ich hab kein Geld. Und ich muss irgendwie nach Hause kommen.«

Die Frau musterte Mary aus dunklen Augen, die wie schwarzer Feuerstein funkelten, rührte sich aber nicht von der Stelle.

Mary spürte, wie ihr unter der Steppdecke der Schweiß ausbrach und in feinen Rinnsalen den Rücken hinunterlief, über die frischen, empfindlichen Schürfwunden neben ihrer Wirbelsäule. Komm schon!, hätte sie am liebsten gerufen. Bist du blind? Ich brauche Hilfe! Inzwischen zitterte sie vor Kälte – der schmutzige Linoleumboden unter ihren nackten Füßen fühlte sich wie eine Eisfläche an. Mach schon, Lady – ich werd später zurückkommen und dir deine ganzen Ausgaben erstatten; ich sorg dafür, dass Patrick dir ein Prada-Outfit kauft, ich tu alles, was du willst …

Langsam stand die Frau auf, wobei sie noch immer keine Miene verzog. Dann beugte sie sich vor, sodass die roten Äderchen auf ihren Wangen und die verkniffenen Falten rund um ihren braunen Lippenstift zu sehen waren.

Mary glaubte, den Hauch irgendeines blumigen Altfrauenparfüms wahrzunehmen.

»Falsch«, sagte die Frau mit starkem spanischem Akzent.

»Wie? Was meinen Sie …?«

»Etwas falsch«, fuhr die Frau fort und nickte bekräftigend.

Mary brach erneut der Schweiß aus, kaltfeuchter Schweiß, während sie in die schwarzen Augen der Putzfrau starrte, die nun mit einem krummen, arthritischen Finger auf sie zeigte.

»Etwas falsch mit dir. Du besser gehen zur Kirche.«

»Hören Sie.« Mary war nicht in der Stimmung für eine Sonntagspredigt dieser Putzfrau. »Sie verstehen das nicht. Es ist nicht meine Schuld, dass ich …« Abrupt hielt sie inne, weil sie etwas Unglaubliches entdeckt hatte – den ersten Gegenstand, den sie seit dem Aufwachen wiedererkannte. Direkt hinter der Schulter der Putzfrau lag in einem kahlen Holzregal etwas, das einen elektrisierenden, vertrauten Anblick bot.

»Du gehen zur Kirche, du sagen Gebet«, wiederholte die Frau und drehte sich zu einem grün lackierten Metallspind um. »Ich dir helfen – ich dir geben Geld. Ich nicht viel haben, aber ich dir geben …«

»Mein Handy.« Mary zeigte auf das kleine glänzend schwarze und kastanienbraune BlackBerry, das sie im Regal entdeckt hatte, und ließ vor Aufregung die Steppdecke fast erneut fallen. »Das da ist mein Mobiltelefon. Wenn Sie so freundlich wären …«

Die Putzfrau schien den Drang zu verspüren, sich möglichst langsam zu bewegen. Bedächtig zog sie einen Overall aus dem Schrank, der genauso aussah wie ihr eigener. Dann schlug sie die Spindtür mit Wucht zu – der laute Knall ließ Mary schmerzhaft zusammenzucken –, drehte sich umständlich wieder um, folgte Marys ausgestrecktem Arm und sah schließlich das Handy. In dem Moment blinkte das grüne Licht des BlackBerrys – das Telefon war eingeschaltet.

»Das gehören dir? Ich haben gefunden«, erklärte die Putzfrau und nahm das Gerät vorsichtig in die Hand, als handelte es sich um eine kostbare Kristallvase. »Auf Fußboden. Ich haben gefunden, als ich …«

»Ja, das ist meins«, unterbrach Mary sie und stolperte darauf zu. »Danke. Vielen, vielen Dank …«

Ich muss es beim Hereinkommen fallen gelassen haben, überlegte sie. Wann auch immer das gewesen sein mag … was auch immer ich hier gemacht habe.

Mit wem auch immer ich hier war.

Aber sie konnte sich noch immer an rein gar nichts erinnern.

Mit dem Smartphone in der Hand fühlte sie sich schlagartig besser. Sie klappte es auf, doch es zeigte keine neuen Nachrichten an, keine SMS, keine entgangenen Anrufe – dafür aber einen fast leeren Akku. Der Ladezustand betrug nur noch einen Balken und das Gerät blinkte bereits hektisch.

»So ein hübsch Jungmädchen; du nicht müssen in Schwierigkeiten sein. Du gehen zur Beichte«, erklärte die Putzfrau und reichte ihr einen nagelneuen Zwanzig-Dollar-Schein, der Mary fast sabbern ließ, weil sie das Geld so dringend brauchte. Die Putzfrau nahm ihre Hand und drückte sie. »Du beichten deine Sünden, dann du dich besser fühlen.«

»Okay.« Meine Sünden beichten? Sie wäre ja schon glücklich gewesen, wenn sie sich überhaupt an ihre Sünden hätte erinnern können.

Die Luft war feucht und kühl. Der Himmel leuchtete weiß, so glatt und einheitlich wie unberührter Schnee – es war einer jener windstillen, bewölkten Tage, an denen die niedrige, kalte Wolkendecke ein grelles, blendendes Licht über der Stadt erzeugte. Der Lärm von SoHos Berufsverkehr umtoste Marys Ohren und ihre schwarze Haarmähne, während sie sich immer wieder schmutzige Strähnen aus der schweißfeuchten Stirn wischte und im Schatten der Häuser über den Gehweg eilte.

Alle starrten sie an – die Augen eines jeden Passanten weiteten sich kurz, ehe er oder sie hastig den Blick abwandte. Mary verstand, wieso. Sie sah ihre flüchtige Reflexion in den Schaufenstern entlang der Houston Street und wusste, dass sie wie eine Obdachlose aussah, eine Drogenabhängige, ein Krankenhausflüchtling oder ein Straßenkind: das Make-up verschmiert, die Haare zerzaust, der Körper in einen lächerlichen beigefarbenen Overall gehüllt, der ihr überhaupt nicht passte (die Taille saß knapp unterhalb ihres Brustkorbs) und in dessen Reißverschluss (an den sie aber nicht herankam) sich eine ihrer Haarsträhnen verfangen hatte und ihr bei jedem Schritt vor Schmerz die Tränen in die Augen trieb. Ihre Füße steckten in zu großen weißen Tennisschuhen, die auch schon bessere Zeiten gesehen hatten; an einer der Sohlen klebte ein dreckiger Kaugummi.

Mary zog die Schultern hoch, um sich gegen die kalte Märzluft zu wappnen, und wich zwei Skateboardern aus, die sie breit angrinsten – offenbar standen sie auf ihr wildes Erscheinungsbild à la Amy Winehouse. Mittlerweile schmerzten ihre Fußgelenke vom vielen schnellen Laufen und der Polyester-Overall scheuerte über die Schürfwunden auf ihrem Rücken, kratzte rhythmisch und wie Sandpapier über die empfindliche Haut.

Plötzlich musste Mary schlucken, um einen akuten Brechreiz zu unterdrücken – und ein schwacher, übelkeiterregender Geschmack von billiger Tomatensauce füllte ihre ausgetrocknete Kehle.

Wieso schmecke ich Tomatensauce?

Vor ihrem inneren Auge tauchte das flüchtige Bild einer dunkelroten Tischdecke auf. Leise Opernmusik im Hintergrund … das Klirren von Besteck und das Gewirr Dutzender Stimmen …

Aber sonst nichts. Sie konnte sich einfach nicht erinnern.

Ich muss zusehen, dass ich nach Hause komme, dachte Mary. Inzwischen war es kurz nach sieben, laut einer großen, altmodischen Uhr an einem Bankgebäude, an dem sie vorbeikam. Ich muss nach Hause, mich für die Schule umziehen – und mich für meinen Geburtstag vorbereiten.

Aber über den letzteren Teil wollte Mary sich jetzt keine weiteren Gedanken machen. Endlich war er da – der Morgen ihres siebzehnten Geburtstags, ein Tag, dem sie seit Jahren entgegenfieberte. Aber er hatte nicht ganz so begonnen wie erwartet: Niemand hatte ihr das Frühstück ans Bett gebracht und ihr bunt verpackte Geschenke überreicht. Keiner ihrer Freunde hatte ihr eine Glückwunsch-SMS geschickt.

Ach, komm schon … es ist noch früh, sagte sie sich. Die wachen alle gerade erst auf.

Aber würden ihre Freunde ebenfalls mit einem Kater erwachen?

Mit wem war ich letzte Nacht zusammen? Was ist passiert?

Während sie durch den Schatten einer Feuerleiter lief, stellte Mary fest, dass die Luft immer schwüler wurde; der durchgehend weiße Himmel begann, sich zu verdunkeln, und die ersten blassgrauen Spuren tief hängender, schwerer Wolken zeichneten sich ab. Fünf Taxen waren inzwischen an ihr vorbeigerauscht, alle ärgerlicherweise mit unbeleuchtetem Schild. Wie jeder Bewohner Manhattans wusste Mary nur zu gut, dass die Wahrscheinlichkeit, im morgendlichen Berufsverkehr ein freies Taxi zu finden, so gering war wie die Aussicht darauf, auf dem Gehweg über einen Hundert-Dollar-Schein zu stolpern.

Eduardo’s!

Richtig. Plötzlich erinnerte sie sich wieder daran, dass sie zu »Eduardo’s« gegangen war – dem, na ja, »erschwinglichen« Italiener in ihrem Viertel. Und zwar zusammen mit ihrer Schwester und ihrer Mutter, die das örtliche Restaurant keineswegs in die Kategorie »Für den kleinen Geldbeutel« eingestuft hätte, da sie so gut wie nie auswärts essen ging (oder auch nur die Wohnung verließ). Mom hat uns ins Restaurant eingeladen … zu einer Vorab-Geburtstagsfeier, erinnerte Mary sich. Jetzt ergab der abgestandene, schwache Tomatengeschmack in ihrem Mund auch einen Sinn: Düster erinnerte sie sich an das winzige, überfüllte Restaurant, an die rote Tischdecke, an die aus den Boxen rieselnde Opernmusik und den Teller Fettuccine marinara, den Patrick oder ihre Freundinnen Amy und Joon nach einem einzigen verächtlichen Blick sofort hätten zurückgehen lassen – um sie dann mit sanfter Gewalt ins »Balthazar« zu schleifen oder irgendein anderes angesagtes Nobelrestaurant.

Denn genau darum ging es bei Mary Shaynes Geburtstagsfeiern … schon seit jeher: Ihr Geburtstag wurde immer irgendwie besonders, irgendwie verrückt zelebriert. In der fünften und sechsten Klasse hatte es sich noch um recht harmlose Vergnügungen gehandelt: eine Pizza-Party bei »Two Boots«, eine Schlittschuh-Fete im Sportzentrum »Chelsea Piers« oder ein Nachmittagstee bei »Serendipity« mit Unmengen des sensationellen Eisdesserts Frozen Hot Chocolate. Doch irgendwann hatte das Ganze eine andere Note bekommen und sich zu einer der Underground-Legenden des Privatschul-Jetsets entwickelt – New Yorks selbst ernannten »Playas unter achtzehn« nach dem berühmten Nachtclub »La Playa«. Dabei hatte Mary noch keine einzige dieser Partys vorher geplant. Sie entstanden einfach aus heiterem Himmel wie dunkle Gewitterwolken: vor einem Jahr die abenteuerliche Veranstaltung im »Nana’s«, einer billigen Mondscheinkneipe in der Nähe des West Side Highways, wo Alkohol an Minderjährige ausgeschenkt wurde; zwei Jahre zuvor der Überfall auf »Inganno« an der Gansevoort Street, wo sie allen Restaurantgästen kostenlose Pfannkuchen serviert hatten (bezahlt aus dem Portemonnaie von Marys Freunden); eine endlose Reihe von Bottle-Service-Rechnungen, Backstage-Pässen und Spontanfeten in sturmfreien Buden, aber – wie jeder wusste – alles nur ein Vorgeschmack auf die große »One Seven«, Marys letzter Mega-Party während ihrer Zeit an der Chadwick School, und auf das, was auch immer an diesem Abend passieren mochte.

Genau das war auch der Grund, warum Mom sie gestern Abend zu Eduardo’s ausgeführt hatte – und gar nicht erst versuchte, mit alldem zu konkurrieren. Mary erinnerte sich jetzt wieder: wie sie auf den mittelmäßigen Meeresfrüchte-Bandnudeln herumgekaut und den mitgebrachten Rotwein getrunken hatte; wie sie peinlich berührt dagesessen hatte, als Mom sie über den gelblichen Kerzenschein hinweg stolz betrachtet und dann gestrahlt hatte: Ihr kleines Mädchen war schon siebzehn (oder beinahe), du meine Güte, wie die Zeit verging! Doch das war das Letzte, was Mary in diesem Moment hatte hören wollen, denn sie wusste genau, was als Nächstes kam: Es ist ein Jammer, dass dein Vater das nicht mehr erleben kann … Moms Stichwort, um mit verschleiertem Blick in Erinnerungen an ihren verstorbenen Ehemann zu schwelgen, wobei Ellen sie jedes Mal unterstützte.

Und Mary erinnerte sich außerdem, dass sie sich ganz weit weg gewünscht und eine Nachspeise abgelehnt hatte (obwohl sie sich heimlich nach einem Kellner mit einem Törtchen und einer Kerze umschaute, um dann zu lächeln und die Hände verlegen vors Gesicht zu schlagen, während die Restaurantgäste »Happy Birthday« schmetterten – aber dazu war es nicht gekommen). Sie erinnerte sich, dass sie ihr Weinglas geleert hatte … als Mom (wie üblich zutiefst gekränkt) eine riesige Show daraus gemacht hatte, das Geld in einer Woge des Selbstmitleids auf den Tisch zu werfen und das Lokal vorzeitig zu verlassen. Und sie erinnerte sich, dass sie und Ellen danach die Rechnung beglichen und ihre Mäntel geholt hatten, und dann …

Und was war dann passiert?

Sie hatte keine Ahnung, was als Nächstes passiert war.

»Taxi!«, brüllte Mary und sprang auf die Straße, wo sich ein unbesetztes Taxi näherte, mit hell leuchtendem Schild auf dem Dach. Mary fühlte sich noch immer so benommen, dass sie fürchtete, vor Anstrengung jeden Moment zu straucheln und ohnmächtig zusammenzubrechen. Aber sie befand sich bereits in einem Sprint gegen einen Wallstreet-Nadelstreifentypen, der es offenbar noch pünktlich vor Arbeitsbeginn zur Börse schaffen musste und nicht gewillt war, sich von einem verrückt gekleideten Putzmädchen das Taxi wegschnappen zu lassen – ganz gleich, ob sie atemberaubend hohe Wangenknochen besaß oder leuchtend blaue Augen, die hinter verschmierter Wimperntusche aufblitzten.

»Taxi, Taxi!«, rief Mary erneut, stieß weitere Meeresfrüchte-Rülpser aus und rannte auf das Taxi zu.

Sie gewann das Rennen – wenn auch nur knapp –, griff nach der Türklinke des Wagens und schenkte dem Wallstreet-Mann einen flehentlichen Blick, kombiniert mit einem leichten Schmollmund, der offensichtlich seine Wirkung nicht verfehlte: Der Börsianer lächelte säuerlich, während sie die Tür aufriss und sich schwer in das Taxi fallen ließ.

»Ecke 94. und Amsterdam Avenue«, teilte sie dem Fahrer mit, der prompt aufs Gas drückte. Als sie sich kurz umdrehte, sah sie, wie der Wallstreet-Mann in der Ferne immer kleiner wurde und sich auf der leeren Straße suchend umschaute.

Hab ich überhaupt genügend Geld?, fragte sie sich plötzlich. Die Strecke von SoHo zur Upper West Side – fünf Meilen durch Manhattans Berufsverkehr – würde mehr als nur zwanzig Dollar kosten. Noch ein Problem, das ihr Kopfzerbrechen bereitete.

Kümmere dich später darum, ermahnte sie sich. Ein Problem nach dem anderen.

Im Heck des Taxis war es eisig kalt. Mary schlang die Arme um ihren Oberkörper und drückte sich an die Rückenlehne, noch immer zitternd wie Espenlaub (eigentlich ununterbrochen seit dem Aufwachen). Ihre mit kaltem Schweiß bedeckte Haut scheuerte gegen den billigen Stoff des geliehenen Overalls – für den sie allmählich keine Dankbarkeit mehr aufbringen konnte, weil sie das Teil hasste – und die Schürfwunden auf ihrem Rücken juckten die ganze Zeit.

Marys BlackBerry gab wieder den vertrauten und ungeliebten Ton für NIEDRIGER AKKU-LADEZUSTAND von sich. Sie klappte es auf und schaute erneut auf das Display – noch immer keine Anrufe, keine SMS, keine E-Mails. Heute ist mein Geburtstag und es interessiert NIEMANDEN, dachte sie betrübt, ehe sie sich erneut ermahnte, dass es erst 7.08 Uhr war (laut Bildschirmanzeige ihres BlackBerrys). Sie scrollte im Kalender einen Tag zurück, sah die Anzeige für »Aufgaben«, klickte darauf – und starrte auf das Display, als ihre Erinnerung schlagartig wieder einsetzte:

DO ABEND TEST-VORBEREITUNG SCOTT

Ja, richtig, schoss es Mary durch den Kopf. Sie richtete sich auf, während das Taxi auf dem Weg nach Westen über mehrere Stahlplatten in der Straßendecke rumpelte. Natürlich – das war als Nächstes passiert.

Oder besser: Das hätte als Nächstes passieren sollen …

Der einzige Schönheitsfehler an diesem Tag, der einzige Makel an diesem perfekten Juwel ihres siebzehnten Geburtstags waren Mr Shama und sein verhasster Physiktest. Irgendetwas zum Thema »bernoullische Energiegleichung«, das sie nicht einmal ansatzweise verstanden hatte. Shamas fieberhafte Tafel-Kritzeleien – all diese Symbole und Zahlen, die der winzige Lehrer mit wedelnden Armen über die dreiflügelige Schultafel verteilt hatte, während das Neonlicht auf seinem kahlen Schädel glänzte – ergaben für Mary überhaupt keinen Sinn; sie waren für sie die reinsten Hieroglyphen. Und an diesem Punkt kam Scott Sanders ins Spiel.

Scott ging in dieselbe Klasse wie sie. Er war still und schüchtern und pausbäckig und trug eine Brille mit Goldfassung – genau wie Mr Shama, dessen sämtliche Äußerungen Scott auf seine übernatürlich ruhige Art immer sofort zu verstehen schien. Scott hatte bereits eine Zusage für Princeton oder Stanford in der Tasche – Mary konnte sich nicht mehr erinnern, von welcher Universität nun genau – und würde sich bald den Reihen teigiger, jungfräulicher Star-Trek- und Battlestar-Galactica-Fans anschließen, die alle Technologien und alle Computer dieser Erde beherrschten.

Aber was viel wichtiger war und mehr zählte als alles andere: Scott war Marys »Nachhilfe-Nerd« (obwohl sie das ihm gegenüber natürlich niemals so formuliert hätte). Dank seiner Gutherzigkeit und seines kollektiven Borg-Bewusstseins hatte Scott eingewilligt, ihr in Physik zu helfen (so wie er ihr im letzten Jahr in Chemie und Erdkunde geholfen hatte – und genau genommen bei jedem schwierigen Fach, das sie seit seinem ersten Tag an der Chadwick geteilt hatten). An einer Schule, an der es vor scharfzüngigen Pseudo-Debütantinnen und Treuhandfonds-Sportskanonen nur so wimmelte, stellte Scott das Wunder aller Wunder dar: ein aufrichtig freundlicher Mensch, der bereit war, denjenigen zu helfen, die geistig nicht ganz so gut ausgestattet schienen wie er. Wie oft hatten Scotts selbst gebastelte Illustrationstafeln, Übungsblätter und Nachhilfestunden – abends in der Schule oder in der Bezirksbibliothek – ihr schon das Leben gerettet? Mary war sich nicht sicher. Aber was sie am meisten verblüffte, war die Tatsache, dass Scott keinerlei Gegenleistung zu erwarten schien. Er »half einfach gern« – er half immer gern und beließ es dabei.

Das war die nächste Anlaufstelle gewesen, erinnerte Mary sich jetzt wieder, während sie mit rasenden Kopfschmerzen über die bleiche, glitzernde Oberfläche des Hudson River hinweg zu den weit entfernten, in Dunst gehüllten Gebäuden am Ufer in New Jersey schaute. Nach dem Essen mit Mom und Ellen hatte sie sich mit Scott in der Bezirksbibliothek treffen wollen. Er würde ohnehin dort sein, um für irgendeinen Collegekurs zu recherchieren, hatte er ihr erklärt und Mary herzlich eingeladen, vorbeizukommen und sich mit ihm auf den PhysikTest vorzubereiten. Das war der Plan gewesen – Dinner mit Mom (stöhn) und dann mit dem Taxi zur Bibliothek und zu einer von Scotts patentierten Nachhilfestunden.

Aber was war als Nächstes passiert? Was war wirklich passiert?

Mary konnte sich an nichts erinnern. Fettuccine, Rotwein, Moms mit Stolz erfüllte, tränenfeuchte Augen und dann … nichts.

Marys Daumen scrollte bereits durch das Adressbuch ihres BlackBerrys, fand Scotts Mobilnummer und drückte auf den Knopf. Das Handy teilte ein weiteres Mal akustisch seinen niedrigen Ladezustand mit und Mary biss vor Frust die Zähne zusammen, während sie sich das Gerät an den dröhnenden Schädel presste und angestrengt auf das leise Klingeln von Scotts Mobiltelefon lauschte.

»Hal… hallo?«

Scotts Stimme – dem Himmel sei Dank! Er klang benommen; Mary war sich ziemlich sicher, dass sie ihn geweckt hatte.

»Scott!«, setzte sie an und drückte sich das Handy fester ans Ohr. »Kannst du mich hören?«

»W-was …?«

»Ich bin’s … Mary«, fuhr sie lauter fort. Die Verbindung war nicht gerade sensationell – Scotts Handy drohte ständig den Kontakt zu verlieren. »Bist du noch dran, Scott? Ich brauch deine Hilfe.«

»Mary … warte … was?« Scott klang total verwirrt, als wäre er noch immer schlaftrunken. »Mary – das bist du. Was zum Teufel … Welcher Tag ist heute?«

»Freitag. Heute ist Freitag«, erwiderte Mary ungeduldig. Dieses Gespräch verlief nicht wie gewünscht. Wer hätte gedacht, dass der intelligenteste Schüler der ganzen Schule nach dem Aufwachen so neben der Spur war? Irgendeine kleine Nerd-Gattin würde sich eines Tages damit auseinandersetzen müssen – falls Scott jemals eine Frau fand, was mehr als zweifelhaft war, da er sich eher für mathematische Gleichungen als für Mädchen zu interessieren schien. »Freitag, Scott, der Tag mit dem Physiktest – der Horrortest! Wir wollten uns doch gestern Abend zum Bulimielernen treffen, weißt du das nicht mehr?«

»Physiktest«, wiederholte Scott, als spräche sie eine andere Sprache. »Der Physiktest … ja klar! Aber … aber … ach du Scheiße, der ist …«

»Der ist heute, Scott. Komm schon, wach endlich auf, verdammt noch mal! Das hier ist echt wichtig.«

»Wichtig«, wiederholte Scott.

Es kostete Mary wirklich Mühe, nicht ins Telefon zu brüllen und von ihm zu verlangen, endlich sein Gehirn einzuschalten oder irgendein mysteriöses Morgenritual durchzuziehen, um sich von einem planlosen Zombie wieder in das Supergenie zu verwandeln, das sie kannte.

»Richtig, ich wollte … du wolltest mich in der Bibliothek treffen … hatte ich ganz vergessen … aber …«, stammelte er.

»Scott!«, versuchte Mary es erneut. Das Handy gab bald den Geist auf, daran führte kein Weg vorbei. Mary starrte über die Schulter des Taxifahrers hinweg zur Upper West Side. »Scott, ich versuche, mich an gestern Abend zu erinnern – daran, was letzte Nacht passiert ist. Ich hab bei einigen Teilen einen kompletten Blackout und kann mich nicht mehr erinnern, ob ich mich nach dem Essen mit dir getroffen habe oder … Hallo?« Nichts. Stille. Das Gespräch war vorbei; das leuchtende BlackBerry-Display teilte ihr mit, dass das Gespräch beendet wurde. Zu niedriger Akku-Ladezustand. Während Mary daraufstarrte, erlosch der Bildschirm des Mobiltelefons.

***

Der winzige Flur im vierten Geschoss ihres New Yorker Mietshauses war dämmrig und warm und in der Luft hing diese vertraute Mischung aus Muff, Fichtenduft-Reiniger und diesem schwachen Knoblauchgeruch, der nie ganz zu verschwinden schien. Als die klapprige Aufzugtür hinter ihr zufiel, schleppte Mary sich durch den nur spärlich beleuchteten Korridor (es gab nur eine mickrige Glühbirne an der braun gestrichenen Wand, die ein gelbliches Licht verströmte). Dabei quietschten ihre riesigen, geliehenen Tennisschuhe über den billigen Fußboden mit den gesprungenen Fliesen.

Hoffentlich schlief Mom noch und hoffentlich sprang Ellen auf der anderen Seite der schwarzen Wohnungstür herum, um ihre Sachen für die Schule zusammenzusuchen, betete Mary flehend. Das wäre absolut ideal! Vorsichtig drückte sie ein Ohr an die Tür, lauschte angestrengt und hoffte auf das Geräusch von Ellens hastigen Schritten auf den Holzdielen.

Nichts. Wäre auch zu schön gewesen. Stille.

Mary holte tief Luft, hob die Hand und hämmerte gegen die Tür.

Das Schwindelgefühl hatte zwar etwas nachgelassen, war aber noch immer nicht ganz verschwunden. Das kalte Metall der Wohnungstür fühlte sich an ihrer Wange kühl und beruhigend an. Mary drückte auf den Knopf und hörte das durchdringende Klingeln tief im Inneren der Wohnung. Dann ertönte der gedämpfte Klang von Schritten – ihre Mutter, die in ihren Pantoffeln langsam zur Tür schlurfte.

»Einen Moment!«, rief Mom mit typisch wehleidiger, schwacher Stimme. »Wer ist denn da?«

»Ich bin’s, Mom«, sagte Mary. »’tschuldigung … ich kann meinen Schlüssel nicht finden.«

Oder meine Kleidung. Oder meine Tasche. Oder sonst irgendwas.

Die fünf Sicherheitsschlösser der Tür ratterten und rasselten, als Mom sie bedächtig der Reihe nach öffnete. Mom erledigte alles im Schneckentempo – Mary und Ellen waren daran gewöhnt. »Kleinen Moment, Liebes«, rief Mom.

Mary spürte, wie sie innerlich erstarrte, als die Tür aufschwang. Sie war Zeuge gewesen, wie all ihre Freunde sich im Laufe der Jahre irgendwann einmal eine Standpauke ihrer Eltern hatten anhören müssen – selbst Joon, deren förmliche, ernste Eltern davon überzeugt schienen, ihre Tochter könne übers Wasser wandeln. Mary hatte miterlebt, wie Joon mit ihrer Mutter von einem Sonntags-Lunch mit anschließender Maniküre und Pediküre nach Haus zurückgekehrt war, und hatte den dumpfen Schmerz in Joons Augen bemerkt, die Qual, von den eigenen Eltern ausgeschimpft zu werden – in einem Alter, in dem man alt genug war, um zu erkennen, wie wenig deren Meinung überhaupt noch zählte, aber gleichzeitig noch zu jung war, um nicht diesen Stich im Magen zu fühlen, diese unvermeidliche Mischung aus Scham und Furcht, die einem das Gefühl gab, wieder fünf zu sein … das letzte Überbleibsel einer Kindheit, von der man wusste – hoffte! –, dass man ihr eines Tages entwachsen würde.

Doch für Mary sah die Situation anders aus: Mom schrie nie. Mary konnte sich nicht erinnern, dass ihre Mutter nach Dads Tod jemals mit ihr geschimpft hätte, nicht einmal ansatzweise. Sobald es zu irgendeiner Streitigkeit zu kommen drohte (so wie beim Dinner am Abend zuvor), griff Mom zu ihrer Lieblingstaktik: Sie verschwand einfach aus dem Raum. Es schien, als hätte Dawn Shayne seit jenem Wintertag vor zehn Jahren, als man ihr den Mann genommen hatte, sämtliche Mutterinstinkte verloren; sie verspürte nicht einmal ansatzweise den Wunsch, die strenge Mutter zu spielen.

Ehrlich gesagt vermisste Mary diese Mutter, auch wenn sie sich das nur ungern eingestand. Denn obwohl sie gegenüber ihren Freunden davon schwärmte, wie toll es war, eine »tolerante«, alleinerziehende Mutter zu haben, die sich aus allem heraushielt und sie einfach machen ließ (und sosehr Mary es genoss, dass ihre Freunde bei diesem Gedanken große, neidische Augen bekamen), entsprach diese Behauptung keineswegs der Wahrheit.

Inzwischen hatte Mary sich an das Dämmerlicht im Flur gewöhnt. Direkt vor ihr stand ihre Mutter – in einem hellgelben Morgenmantel und mit ungekämmten grauen Haaren, die wie die Samen einer Pusteblume um ihren Kopf herum abstanden. In dem Moment wusste Mary genau, dass ihre Mom sie nicht ausschimpfen würde. Kein »Wo bist du gewesen?«. Kein »Was ist letzte Nacht passiert?«. Kein gar nichts.

Und kein »Herzlichen Glückwunsch«. Natürlich nicht. Denn das hast du ja gestern Abend schon bekommen, ermahnte Mary sich. Du hast einen ganzen Teller Fettuccine von ihr bekommen. Jetzt werd mal nicht übermütig.

»Hi, Mom.« Mary betrat die warme Wohnung und zitterte erneut, als die Tür hinter ihr ins Schloss fiel und ihr der vertraute Geruch ihrer Mutter – eine Mischung aus Zigarettenqualm und Aloe – in die Nase stieg. »Äh … ’tschuldigung, aber ich konnte meinen Schlüssel nicht finden.«

»Ist schon okay, Engelchen«, erwiderte Mom, ohne Mary anzusehen, während sie langsam die fünf Riegel wieder vorschob. Sie schien die bizarre Kleidung ihrer Tochter ebenso wenig zu bemerken wie die zerzausten Haare und das verschmierte Make-up. »Ich war wach … Es ist ohnehin fast Zeit für meine Medikamente.«

»Ist Ellen noch da?«, fragte Mary und folgte Mom durch den schmalen Flur, vorbei an der Küche, der Garderobe und der Tür zum Arbeitszimmer, die wie üblich fest verschlossen war. In Dads »Studierzimmer«, dem winzigen vierten Zimmer der Wohnung, hatte sich seit einem Jahrzehnt nichts verändert und sowohl Mary als auch Mom betraten den Raum nur ungern (obwohl Ellen offensichtlich die Ansicht vertrat, dass man darin in Ruhe lesen konnte – was ohnehin ihre Lieblingsbeschäftigung war). Selbst nach zehn Jahren hatte sich das unverkennbare Aroma von Dads Pfeifentabak (der Marke Borkum Riff, wie Mary noch genau wusste) kaum verflüchtigt; wahrscheinlich würde nur eine Feuersbrunst den charakteristischen Geruch, der in den Wänden, Teppichen und Möbeln seines ehemaligen Zimmers hing, jemals beseitigen können. Schon der leichteste Windzug sorgte unweigerlich für einen Nostalgietrip, zu dem Mary aber nicht die geringste Lust verspürte – in der Regel hielt sie die Luft an, wenn sie an der Tür vorbeikam.

Genau wie der Rest der Wohnung hätte auch der Flur einen neuen Anstrich vertragen können, aber daran würde sich so bald wohl nichts ändern. Die Familie lebte von der Lebensversicherung, die Marys Vater noch abgeschlossen hatte – Gott sei Dank, denn ihre Mutter konnte nicht arbeiten gehen. Das Geld der Versicherung reichte für Essen und andere lebensnotwendige Dinge, aber an zusätzliche Ausgaben war nicht zu denken.

»Mom? Ist Ellen …?«

»Ich glaub schon; sie hat jedenfalls noch nicht Tschüss gesagt, Herzchen.« Mom bewegte sich so schneckig wie üblich in Richtung ihres Schlafzimmers. Sie wollte nicht länger als unbedingt nötig von ihrem Bett getrennt sein. »Ich muss jetzt meine Tabletten nehmen.«

»Okay, Mom«, sagte Mary und bemerkte einen schmalen leuchtend gelben Lichtstreifen unter Ellens Tür – was bedeutete, dass ihre Schwester noch in ihrem Zimmer war. »Danke.«

Würde es dich wirklich umbringen, mir zum Geburtstag zu gratulieren?

Anscheinend schon. Die Schlafzimmertür krachte ins Schloss, der Lärm hallte in Marys noch immer dröhnendem Kopf nach und dann stand sie allein im Flur. Sie wandte sich Ellens Zimmer zu, öffnete, ohne anzuklopfen, die Tür und marschierte hinein.

»Du lieber Himmel! Was ist denn mit dir passiert, Schwesterherz?« Ellen starrte sie mit großen Augen überrascht an und lächelte dann.

»Das ist definitiv die Eine-Million-Dollar-Frage«, erwiderte Mary und nickte matt, während sie sich auf Ellens Schreibtischstuhl sinken ließ.

»Aber was zum Henker ist denn passiert?«, fragte Ellen und schlug eine Hand vor den Mund – offensichtlich versuchte sie, nicht loszuprusten. Ellen Shayne bot den Anblick, den sie jeden Morgen vor Schulbeginn bot: bäuchlings auf dem Bett, die Füße auf dem Kopfkissen, Dritte-Welt-Laden-Buch vor der Nase, kleiner Finger im Mund und den Secondhand-Laptop aufgeklappt neben sich für ein paar intellektuelle Blogbeiträge. Der Laptop stand kurz vor dem Auseinanderfallen, aber es war Ellen gelungen, ihn mit breitem Gewebeband und alten David-Bowie-Stickern zusammenzuflicken. Aus irgendeinem Grund war sie vor Kurzem von ihren unerträglichen Kate-Bush-Alben zu David Bowie umgeschwenkt (selbst in punkto Musikgeschmack tendierte Ellen in Richtung Urgeschichte). »Keiner wusste, wo du warst! Ich hatte den ganzen Abend die üblichen Verdächtigen am Telefon …« – Ellens clevere Umschreibung für Marys Freunde – »… denn einfach alle haben hier angerufen. Amy Twersky hat angerufen, Joon Park …« Ellen zählte sie an ihren Fingern ab.

Es scheint fast, als wären das ihre Freunde, dachte Mary irritiert. Ellen war so sehr daran gewöhnt, Marys Anrufer abzuwimmeln, dass sie fast schon ein persönliches Verhältnis zu den beliebtesten Oberstufenschülern entwickelt hatte, mit denen Mary für gewöhnlich herumhing (auch wenn sie überhaupt nicht Ellens Fall waren).

»Nicht mal Patrick wusste, wo du warst.«

Dann bin ich also mit keinem von ihnen unterwegs gewesen, erkannte Mary. Mit wem nur war ich letzte Nacht zusammen?

»Sie haben alle zweimal angerufen … wie üblich. Du solltest dich mal sehen«, fuhr Ellen fort. »Du siehst aus wie … ich hab keine Ahnung, wie du aussiehst.«

»Ich weiß, ich weiß. Du wirst es nicht glauben. Ich war … ich war …«

»Ja? Und, wo warst du nun?«

»Bei Crate & Barrel … Ich bin in einem verdammten Ausstellungsbett bei Crate & Barrel aufgewacht. Hör mal, kannst du mir helfen herauszufinden, wo …«

Doch Ellen lachte hemmungslos. »Tut mir leid«, prustete sie und schüttelte den Kopf. »Ich weiß, ich sollte nicht lachen. Aber das ist … das ist echt sensationell, selbst für deine Verhältnisse. In einem Ausstellungsbett? Und da hast du den da angehabt?« Sie zeigte auf Marys Overall.

»Nein, den hab ich von irgendeiner Putzfrau geliehen. Hör mal, Elliebellie, das ist jetzt echt wichtig: Ich weiß einfach nicht, was mit mir passiert ist. Ich meine, ich kann mich an nichts erinnern …«

»›Geliehen‹ im Sinne von ›später zurückgeben‹ oder eher à la Mary Shayne?«

Ungeduldig schüttelte Mary den Kopf, was sich angesichts des schmerzhaften Nebels in ihrem Schädel jedoch als Fehler erwies. »Wir waren zusammen mit Mom bei Eduardo’s; daran erinnere ich mich noch. Aber danach …?« Hilflos spreizte sie die Hände. »Keine Ahnung.«

»Arme Mary.« Ellen machte einen Schmollmund und klappte ihren Laptop zu.

Jedes Mal, wenn Ellen solch ein Gesicht zog, konnte Mary einen Schimmer von Ellens ganz eigener Anziehungskraft erkennen, die sich hinter der Brille und der langweiligen Frisur versteckte. Sie ist zwar nicht so hübsch wie ich, überlegte Mary – in der Abgeschiedenheit ihres eigenen Hirns verzichtete sie gern auf falsche Bescheidenheit –, aber sie hat definitiv was. Wenn sie sich das doch nur endlich eingestehen würde!

Mary verstand es einfach nicht. Das Einzige, worauf ihre Schwester wirklich stand, waren angegilbte Geschichtsbücher aus der Grabbelkiste im »Strand Bookstore«. Und in ihrem Kleiderschrank gab es nichts anderes als einfarbige Kapuzenpullover und Hosen von GAP. Es war echt ein Jammer, denn Ellie hätte wirklich hübsch sein können, wenn sie sich nur etwas Mühe geben würde. Im Grunde sah sie Mary sogar ein wenig ähnlich, aber mit ihren dunklen, zu einem konturlosen Bob geschnittenen Haaren (Ellen bezeichnete das als »praktisch«) und ihrer Weigerung, Make-up zu tragen (Ellen bezeichnete das als »natürlich«), ließ sich die Ähnlichkeit nur schwer ausmachen.

Dieser Gedanke war Mary nicht zum ersten Mal gekommen, aber sie hatte gelernt, das Thema nicht anzusprechen. Ellen reagierte nicht besonders positiv auf Diskussionen über ihr Erscheinungsbild. Ihr Äußeres hielt sie einfach nicht für wichtig. Sie wollte, verdammt noch mal, danach beurteilt werden, wer sie war, und nicht danach, wie sie aussah, hielt sie Mary ständig entgegen. Die versteckte Kritik ließ sich kaum überhören, aber Mary ignorierte sie höflich. Ellen interessierte sich einfach nicht für Jungs oder Klamotten oder dergleichen und Mary hatte es aufgegeben, die Meinung ihrer Schwester ändern zu wollen.

Der einzige Junge, mit dem Ellen überhaupt mal Zeit verbrachte, hieß Dylan Soundso – ein stiller, intellektueller, etwas ungepflegter Typ, den sie (Überraschung!) bei einer Buchmesse in der Nähe der Columbia University kennengelernt hatte. Bei den wenigen Malen, wo Mary den »versifften Dylan« in der Küche gesehen hatte, war er so extrem schweigsam gewesen, dass sie ihn für einen Austauschschüler gehalten hatte. Mary hatte ihrer Schwester mehrfach erläutert, dass ein bester Kumpel – selbst wenn der versiffte Dylan ein Erstsemesterstudent an einer Eliteuni war – den absoluten Todesstoß bedeutete, falls sie sich jemals einen festen Freund anlachen wollte. Aber das kümmerte Ellen nicht, da sie sowieso nicht auf der Suche war.

»Okay, lass uns mal systematisch vorgehen«, setzte Ellen müde an. »Du erinnerst dich an Eduardo’s …«

»Ja.« Marys Gedächtnis kehrte zurück, nun, da sie Ellie gegenübersaß. »Und Mom ist früher gegangen, stimmt’s? Sie hatte wieder eine ihrer …«

»Wir haben über Dad gesprochen.« Ellen formulierte es wie üblich vollkommen nüchtern und Mary musste sich ermahnen, dass ihre Schwester sie nicht absichtlich kränkte. Sie schien nur einfach nicht zu kapieren, wie wenig Mary sich für dieses endlose, immer wiederkehrende Thema interessierte. »Erinnerst du dich daran? Mom meinte, sie wünschte, Dad wäre da, um deinen siebzehnten Geburtstag mitzuerleben, und du konntest einfach nicht …«

»Schon gut, schon gut.« Können wir das Thema jetzt endlich begraben? Morton Shayne war seit zehn Jahren tot, aber seine Abwesenheit hatte ihrer Mutter und ihrer Schwester immer dann besonderen Gesprächsstoff geliefert, wenn Mary gerade versuchte, sich zu amüsieren. »Ich hab nicht die richtigen, feierlichen Worte gesagt und plötzlich war Mom total traurig und ist früher abgehauen. Können wir das nicht endlich …«

»Von mir aus.« Ungeduldig winkte Ellen mit einer Hand ab. »Tut mir leid – es ist wie es ist. Jedenfalls sind wir beide noch etwa zehn Minuten geblieben und dann musstest du irgendwohin.«

»Aber wohin?« Mary versuchte, sich zu konzentrieren, aber sie konnte sich an nichts erinnern, an kein Motiv oder keinen Grund – natürlich abgesehen davon, dass sie möglichst schnell aus dem Restaurant verschwinden wollte. »Hab ich gesagt, wohin ich wollte? Hat mich vielleicht irgendjemand angerufen?«

Gleichmütig schüttelte Ellen den Kopf. »Du bist in ein Taxi gestiegen und davongebraust. Irgendwie hattest du es eilig, aber sonst hast du nichts gesagt.«

»Ellie, das ist echt ernst! Es macht mich noch wahnsinnig, dass ich mich nicht erinnern kann, was ich danach getan habe.«

»Ach, komm schon, dir geht’s doch gut«, erwiderte Ellen abschätzig. Das Licht ihrer Leseleuchte spiegelte sich in ihrer Brille, als sie einen Blick auf die Uhr warf. »Wird schon nichts passiert sein – du hast irgendwelche Leute getroffen und ein paar Gehirnzellen getötet und …«

»Ellie …«

»… irgendwo abgefeiert, bis du dich irgendwo auf die Schnauze gelegt hast und am frühen Morgen nach Hause getaumelt bist, so wie hunderttausendmal zuvor. Also ehrlich, jetzt stell dich doch nicht so an.«

»Mary …? Ellen …?«

Wie auf Kommando zogen beide Schwestern die Schultern ein.

Obwohl die Stimme ihrer Mutter durch zwei geschlossene Zimmertüren stark gedämpft und kaum zu hören war, schien sie wie ein Skalpell durch Marys Ohren zu schneiden. Diese Stimme, mit der doppelten Ladung ewiger Tragik und Hilflosigkeit, als würde sie die Namen ihrer Töchter durch ein Moskitonetz rufen, während sie in einem ugandischen Lepradorf im Sterben lag.

»Maryfairy? Elliebellie? Könnt ihr bitte mal kommen?«

Jeden Morgen das gleiche Spiel: Bevor die Mädchen zur Schule aufbrechen konnten, benötigte Mom erst einmal ihre bronchienerweiternden Medikamente für ihr Emphysem und ein Glas verdünnten Orangensaft (zwei Teile Tropicana, ein Teil Fiji Water). Das alles musste ihr ans Bett gebracht werden, genau wie ihre Packung Virginia-Slims-Zigaretten und ihre Antidepressiva und Stimmungsaufheller gegen ihre bipolare Störung und ihre Oxycodon und ihr Vitamin B12 gegen ihr chronisches Müdigkeits-Syndrom. Seit fast einem Jahrzehnt hatte sich an diesem morgendlichen Ritual nichts geändert – inzwischen war so viel Zeit vergangen, dass Mary sich kaum noch daran erinnern konnte, wie ihre Mutter früher, vor Dads Tod, gewesen war. Es schien, als sei sie ein völlig anderer Mensch gewesen.

Resigniert starrten Ellen und Mary einander an.

»Kannst du das heute übernehmen?«, fragte Mary.

Ellen schenkte ihr ein boshaftes Lächeln. »Was ist dir die Sache denn wert?«

»Ach, komm schon, Ellie! Sieh mich doch mal an! Es ist bestimmt schon nach acht und ich muss noch duschen und überlegen …«

»Es ist erst Viertel vor acht.«

»… was ich heute anziehen soll. Ich kauf dir ein Pony, ich klau dir einen neuen Laptop, ich übernehm einen Monat lang deinen Spüldienst …«

Außerdem macht es dir doch nicht wirklich was aus, fügte Mary stumm hinzu. Und es stimmte ja auch – Ellen zog offensichtlich irgendeine Art Coabhängigkeits-Befriedigung daraus, dass sie sich um Mom kümmerte. Wenn ihre Schwester diese Aufgabe häufiger übernahm als sie, dann musste das nicht zuletzt auch damit zusammenhängen, dass sie es nicht anders wollte, hatte Mary beschlossen. Wahrscheinlich war das der Ausgleich dafür, dass sie keinen Freund hatte, um den sie sich zu kümmern brauchte.

Nicht dass Mary diese Überlegungen Ellen gegenüber jemals geäußert hätte.

»Ellie? Maryfairy?« Erneut hörte Mary Moms gramgebeugte Stimme, diese patentierte Sterbebettstimme. »Ich brauche euch, Schätzchen …«

»Bitte, bitte, bitte«, bettelte Mary und sah ihre Schwester flehentlich an. »Du bist schon fertig! Und ich muss mich noch umziehen. Außerdem hab ich den schlimmsten Kater in der Geschichte Amerikas und ich muss heute einen Shama-Test schreiben, für den ich noch nicht mal gelernt habe …«

»Und außerdem ist heute dein Geburtstag.«

»Was?«

Ellen schenkte ihr ein mildes, süßes Lächeln, aber hinter ihrer Brille wirkten ihre Augen seltsam kalt und ausdruckslos. »Hast du etwa gedacht, ich hätte das vergessen?«

Mary hatte nicht gedacht, dass Ellen ihren Geburtstag vergessen hatte. Aber als sie nun daran erinnert wurde, spürte sie, wie eine vertraute Woge der Beklemmung in ihr aufstieg. Mein Geburtstag, dachte sie mit einem flauen Gefühl im Magen. Die ganze Aufmerksamkeit, das ganze Lob … der ganze Druck, immer perfekt sein zu müssen, allen den kleinen Teil von mir zu geben, den sie unbedingt brauchen. Die ganze Kraft, die es sie schon normalerweise kostete, ihre Rolle zu spielen und einen weiteren Tag lang Mary Shayne zu sein, würde sie heute noch verdoppeln, verdreifachen müssen. Hinreißend! Ausdrucksvoll! Klassische Schönheit mit rabenschwarzem Haar! Stylisch, ohne sich dafür anzustrengen; zynisch, ohne zu düster zu wirken; clever, ohne dabei andere einzuschüchtern; witzig, ohne irgendjemanden zu verärgern; ungezwungen, aber unnahbar … All jene Eigenschaften, die sie ausstrahlen musste, ohne dabei bemüht zu wirken; die ganze Verantwortung, einen weiteren Tag lang den Superstar der Oberstufe abzugeben. Und dabei hatte sie sich noch nicht mal ansatzweise überlegt, was sie heute anziehen wollte – was ihr an normalen Tagen schon genügend Kopfzerbrechen bereitete und was Ellen niemals verstehen würde.

»Du brauchst meinen Spüldienst nicht zu übernehmen – das ist ja albern«, sagte Ellen. »Aber es gibt etwas anderes, was du heute für mich tun könntest.«

»Ich mach alles … alles, was du willst. Ich schwör’s!«, flehte Mary verzweifelt.

Doch die Verzweiflung war nur vorgetäuscht – Mary entspannte sich bereits wieder. Ellen würde die Aufgabe übernehmen; sie würde sich um Mom kümmern und Mary vom Haken lassen. Das konnte Mary ihr förmlich ansehen.

»Ich möchte, dass du …«, Ellen beugte sich über die Bettkante und angelte nach ihrer Leinentasche, die auf dem mit Büchern übersäten Boden neben ihrem Bett lag, »… dass du heute einen tollen Geburtstag feierst.«

Mary starrte ihre Schwester an, die ihr einen kleinen Gegenstand entgegenstreckte – irgendetwas, das in eine hübsche Wolke aus leuchtend violettem Seidenpapier mit einem goldenen Band gewickelt war. Ein Geburtstagsgeschenk.

»Wo seid ihr beiden?«, rief Mom klagend.

»Komm schon, nimm es«, sagte Ellen. »Ich kümmere mich um Mom; mach dir deswegen keine Sorgen. Ich hab eh drei Freistunden und wollte sowieso abhängen. Du kannst dich in der Zwischenzeit fertig machen. Ich treff dich dann später in der Schule.«

»Oh, Ellen …« Mary beugte sich vor, packte ihre Schwester an den Schultern und drückte sie fest an sich. Die Umarmung hätte eigentlich nur ein paar Sekunden dauern sollen, aber Mary stellte fest, dass sie ihre Schwester gar nicht mehr loslassen wollte. »Elliebellie, du bist eine Göttin.«

»Igitt!« Ellens Stimme wurde von Marys zerzausten, wirren Haaren gedämpft, während sie die Umarmung erwiderte. »Du riechst grauenhaft, Schwesterherz. Sieh zu, dass du unter die Dusche kommst – ich kümmere mich um Mom.«

»Danke«, wisperte Mary und drückte Ellen noch einmal kräftig, ehe sie sie freigab. »Vielen Dank.«

»Hier«, sagte Ellen verlegen und presste Mary das Geschenk in die Hand. »Und jetzt los … hör auf, hier rumzusitzen und Zeit zu verschwenden. Du bist siebzehn: Jetzt geh da raus und nutze den Tag!«

»Du bist eine Göttin – wirklich und wahrhaftig«, wiederholte Mary und stand auf. In Gedanken beschäftigte sie sich bereits mit ihrem Kleiderschrank und der Furcht einflößenden Aufgabe, ihr Outfit für den heutigen Tag zusammenzustellen. »Und du bist dir ganz sicher, dass es dir nichts ausmacht?«, fragte sie Ellen noch ein letztes Mal.

Ellen lächelte gelassen. »Natürlich, Schwesterherz. Und jetzt raus mit dir.«

2

9.06 Uhr

Während sie unter dem grellweißen Himmel die Park Avenue in südlicher Richtung entlangtrottete, den rechten Daumen unter den verblichenen Schultergurt ihrer alten Büchertasche geschoben, versuchte Mary, sich einzureden, dass es ihr schon viel besser ginge … dass alles wieder normal sei.

Fast wäre ihr das auch gelungen.

Zumindest sah sie jetzt besser aus – was aber auch nicht viel zu bedeuten hatte. Ganz bestimmt hatte sie noch nie schlechter ausgesehen als in ihrer verrückten Polyester-und-Tennisschuh-Penner-Aufmachung, in der sie etwa eineinhalb Stunden zuvor aus dem Taxi geklettert war (und wie zu erwarten für die Fahrt 24,99 Dollar ohne Trinkgeld zahlen musste – ein Betrag, den sie mit dem Zwanzig-Dollar-Schein der Putzfrau und ihrem süßesten Entschuldigungslächeln beglich). Nach einer kurzen, heißen Dusche und ein paar Minuten vor dem Spiegel (während der sie ihre blasse, feinporige Haut reinigte, ihre schulterlangen rabenschwarzen Haare föhnte, etwas Givenchy Illicit Raspberry auf ihre vollen Lippen auftrug und die schwarzen Wimpern um ihre eisblauen Augen mit Shu Uemura Mascara Basic tuschte) fühlte sie sich fast wieder wie ein Mensch. Eine dichte Dampfwolke quoll aus dem winzigen Badezimmer in den Flur, während Mary in ihrem Wandschrank wühlte, der mit Kleidung der Größe null vollgestopft war, und ungeduldig nutzlose Haute-Couture-Klamotten auf den Fußboden ihres verhasst-winzigen Zimmers warf. Die verschmähten Tops, Hosen und Kleider knallten auf ihren Plastikbügeln gegen die dünne, von Rissen durchzogene Rückwand, hinter der Ellen im Nebenzimmer Mom verpflegte – Mary konnte ihre gedämpften Stimmen hören und das Klirren von Gläsern. Offenbar hatte Ellen Probleme, den Orangensaft genau nach Wunsch zu verdünnen.

Die Suche nach dem richtigen Outfit gestaltete sich nicht einfach. Sämtliche Klamotten waren irgendwie falsch: das silberne Badgley-Mischka-Kleid, das sie von Amy hatte, war zu extrem; das Blumenkleid von Nela, das Joon ihr zur Bendel-Preview-Party gekauft hatte, war zu hübsch; die Dior