86 – EIGHTY-SIX (deutsche Light Novel): Band 1 - Asato Asato - E-Book

86 – EIGHTY-SIX (deutsche Light Novel): Band 1 E-Book

Asato Asato

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Beschreibung

Eine Republik, aufgeteilt in 85 Bezirke. Im Schutz einer gewaltigen Mauer lebten dort die Bürger dieses Landes – die Alba. Doch dem war nicht immer so. Als das Imperium der Welt den Krieg erklärte, entsandte es die Legion, perfekte unbemannte Drohnen, gegen die die Eighty-Six in ihren Juggernauts in den Kampf zogen. In den Augen ihrer Republik waren sie nicht mehr wert als gewöhnliche Schweine. Sie wurden auf ein Schlachtfeld entsandt, auf dem sie nur eines fanden: den sicheren Tod.
Shin war ein schweigsamer Junge mit blutroten Augen. Unzählige Kämpfe verliehen ihm den unheilbringenden Beinamen „Sensenmann“. Hunderte Kameraden musste er bereits sterben sehen. Er war einer der besten Juggernaut-Piloten und Anführer der Spearhead-Schwadron. Niemand brachte ihnen auch nur einen Funken Würde entgegen. Niemand, bis auf eine junge Handlerin namens Vladilena Milizé, die ihnen mithilfe des Para-RAIDs, das die Sinne ihrer Anwender synchronisierte, innerhalb der Mauern tapfer zur Seite stand.

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MOBI

Seitenzahl: 366

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Inhaltsverzeichnis

Cover

Farbseiten

Prolog: Der Klatschmohn blüht rot auf dem Schlachtfeld

Kapitel 1: Ein Schlachtfeld ohne Todesopfer

Kapitel 2: An der Skelettfront nichts Neues

Kapitel 3: An dein bewundernswertes Ich am Rande der Unterwelt in finsterer Nacht

Kapitel 4: Mein Name ist Legion, denn wir sind viele

Kapitel 5: Fucking Glory to the Spearhead-Squadron

Kapitel 6: Fiat justitia ruat caelum

Kapitel 7: Shalom Chaverim – Lebe wohl

Epilog: Das Eintreffen der blutbefleckten Königin

Epilog II: Reboot

Nachwort

Über JNC Nina

Impressum

Orientierungsmarken

Farbseiten

Inhaltsverzeichnis

Es gibt kein Land, dem Unmenschlichkeit vorgeworfen werden konnte, nur weil es Schweinen keine Menschenrechte gewährte.

Daraus folgt:

Wenn man jemanden mit einer anderen Sprache, einer anderen Farbe oder anderen Vorfahren als Schwein in Menschengestalt definiert, gelten Unterdrückung, Verfolgung und Massaker nicht als Verstoß gegen die Menschlichkeit.

Memoiren – Vladilena Milizé

Prolog: Der Klatschmohn blüht rot auf dem Schlachtfeld

[System: Start]

[RMI M1A: Juggernaut OS Ver. 8.15]

Krrz! Ein unangenehmes Störgeräusch mischte sich in die Funkübertragung, die auch schon bessere Zeiten gesehen hatte.

„Handler One an Undertaker. Feindliche Abfangeinheiten auf dem Radar erfasst. Es handelt sich um ein Bataillon, bestehend aus Panzerabwehr-Artillerie und einer gleich großen Nahkampftruppe.“

„Hier Undertaker. Verstanden. Wir haben sie ebenfalls bemerkt.“

„Das Kommando wird an den Kommandanten vor Ort übergeben. Verteidigt mit voller Selbstaufopferung das Land und vernichtet die Feinde der Republik.“

„Verstanden.“

„… Es tut mir leid. Es tut mir wirklich sehr leid.“

[Übertragung Ende]

[Cockpit geschlossen]

[Energiepaket gestartet. Aktuator aktiviert.

Gelenkmechanismus entsperrt.]

[Stabilisator normal. FCS angepasst. Vetronics offline.

Aufklärungsmodus passiv.]

„Undertaker an Schwadron. Handler One hat mir das Kommando übertragen. Undertaker übernimmt hiermit die Leitung.“

„Alpha Leader. Verstanden. So wie immer, nicht wahr, Sensenmann? Wie war das gerade von unserem feigen Besitzer ohne Eier?“

„Dass es ihm leidtut.“

Am anderen Ende des Para-RAIDs ertönte ein Lachen.

„Ha! Die ändern sich doch nie, diese weißen Schweine. Erst verjagen die uns, schotten sich dann ab und halten sich schön ihre Ohren zu. Von wegen ‚es tut mir leid‘, was für ein Scheiß! … An alle Schwadronseinheiten. Ihr habt es gehört. Wenn wir schon sterben sollten, dann wenigstens unter der Führung unseres Sensenmannes, nicht wahr?“

„Feindkontakt in sechzig Sekunden ... Artilleriebeschuss nähert sich! Durchbruch des feindlichen Gebiets mit Höchstgeschwindigkeit.“

„Na dann los, Leute!“

[Kampfmanöver eröffnet]

[Ortung feindlicher Objekte: Gesetzt auf B1]

[Gesetzt auf B2] [B3] [B4] [B5] [B6] [B7] [B8] [B9] [B10] [B11] [B12] [B13] [B14] [B15] [B16] [B17] [B18] [B19] [B20] [B21] [B22] [B23] [B24] ──── …

[Angriff: B210]

„Delta Leader an Delta Kampftruppe! Lasst die nicht durchkommen, erledigt sie hier!“

„Charly Three! Feindliche Maschinen auf zehn Uhr! Ausweichmanöver einl– Scheiße!“

„Echo One an alle Einheiten. Echo Leader wurde getötet. Echo One übernimmt das Kommando.“

„Bravo Two an alle … Sorry Leute, das war’s wohl für mich.“

„Alpha Leader an Alpha Three! Halt noch eine Minute durch! Komme zu Hilfe! Alpha One übernimmt das Kommando!“

„Verstanden. Viel Glück, Alpha Leader.“

„Hey, Shin… Undertaker. Den Rest überlasse ich dir.“

„Was?“

„Vergiss ja nicht unser Versprechen.“

„... Ja, klar.“

[C1: Signal verloren]

[Eigene Einheiten: 0]

Die Stimme des Offiziers aus dem abgenommenen und weggeworfenen Headset vermischte sich mit der Abendbrise.

„… An … alle … Handler One an alle Einheiten der Schwadron. Könnt ihr mich hören? Bitte antworten, erste Schwadron …“

Während er sich mit dem Rücken gegen den wie ein Insektenkokon organisch-anmutenden Rumpf der Maschine lehnte, streckte er die Hand in das Cockpit mit geöffnetem Verdeck und drückte die Sendetaste des Funkgeräts.

„Undertaker an Handler One. Feindliche Abfangeinheiten vernichtet und Rückzug bestätigt. Mission erledigt. Kehren nun zurück.“

„… Undertaker. Wie viele außer Ihnen sind noch …“

[Übertragung Ende]

Ohne diese unsinnige Frage, die es nicht einmal wert war, gestellt zu werden, bis zum Schluss zu hören, beendete er die Funkverbindung und richtete seinen Blick wieder nach draußen. Hier und da erblühte auf dem Feld der karmesinrote Klatschmohn im Abendlicht. Inmitten von rauchenden Wracks lagen mechanische Innereien. Schweigend warfen die spinnenartigen Beine der zusammengekauerten, metallenen Bestien ihre langen Schatten. Feind wie Freund waren nur mehr Schatten ihrer selbst.

Nirgendwo eine Spur von Leben. So weit das Auge reichte, blieben nur die Geister der Toten zurück, obwohl sie schon längst nicht mehr hätten hier sein sollen. Es war elendig still. Jenseits der Wiesen versanken die tiefroten Sonnenstrahlen hinter den schwarzen, schattengleichen Bergen am Horizont. In dieser scheinbar toten Welt, in der entweder alles in rotes Licht getaucht oder von schwarzen Schatten verschluckt wurde, waren er und seine Maschine die Einzigen, die noch die Kraft besaßen, sich zu bewegen.

Lange Beine, die Vierfüßer zu imitieren versuchten. Eine blasse Panzerung, übersät mit unzähligen Kratzern. Die scherenartigen Hochfrequenz-Klingen und die Hauptgeschütze am Rücken. Der gesamte Körper wirkte wie eine umherstreifende Spinne. Das Geschützrohr, geschultert auf dem vierbeinigen Rumpf, glich der Silhouette eines Skorpions. Die kopflose Form erinnerte an eine enthauptete Leiche, die auf dem Schlachtfeld umherkriechend ihren Kopf zu suchen schien. Er seufzte einmal, lehnte sich gegen die von der Abenddämmerung kühl gewordene Panzerung und blickte in den glänzend rot brennenden Himmel.

In einem weit entfernten, östlichen Land wurde einst eine Blume aus dem Blut der Lieblingsmätresse eines Herrschers, die sich das Leben genommen hatte, geboren. Vermutlich war es aber eine Blume, die einst in einem Strom von Blut blühte, das von Rittern vergossen wurde, die den Barbaren hilflos zum Opfer gefallen waren.

Der purpurrote Klatschmohn blühte auf dem Schlachtfeld, so weit das Auge reicht, anmutig unter dem lodernden Abendhimmel. Wie wunderschön ... wahnsinnig.

Kapitel 1: Ein Schlachtfeld ohne Todesopfer

Auf diesem Schlachtfeld gibt es keine Toten.

„Es folgt der Bericht über den heutigen Kriegsverlauf.“

„Die unbemannten Legion-Waffen des Imperiums drangen in den siebzehnten Gefechtsabschnitt ein und erlitten durch einen Abfangangriff unserer unbemannten Juggernaut-Drohnen – dem ganzen Stolz unserer Republik San Magnolia – erheblichen Schaden und wurden vernichtend in die Flucht geschlagen. Der Schaden auf unserer Seite war gering. Auch heute verzeichnen wir keine menschlichen Verluste.“

Die Hauptstraße der Hauptstadt Liberté et Égalité des ersten Bezirks der Republik San Magnolia strahlte eine solch friedliche Schönheit aus, dass man kaum glauben mochte, dass sich das Land seit neun Jahren im Krieg befand. Prächtige Skulpturen zierten die weißen Fassaden der steinernen Hochhäuser. Inmitten der grünen Straßenbäume setzten die antiken, schwarzen Straßenlaternen aus Gusseisen einen malerischen Kontrast zum blauen Himmel im Sonnenschein des Frühlings. Das angeborene silberne Haar der Studenten und frisch Verliebten funkelte anmutig inmitten der heiteren Stimmung im Café an einer Straßenecke. Auf dem blauen Dach des Rathauses flatterten die Fahnen mit dem Bildnis der revolutionären, heiligen Magnolia zusammen mit der Nationalflagge der Republik – der Fünf-Farben-Flagge – stolz im Wind. Sie brachte Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, Gerechtigkeit und Edelmut zum Ausdruck. Die weitläufige, gerade Hauptstraße mit ihren präzisen Pflastersteinen folgte einer sorgfältigen Stadtplanung. Ein kleiner Junge mit silbrig-leuchtenden Augen, wie der Mond, ging mit den Eltern an der Hand fröhlich lächelnd die Straße entlang. Sie schienen sich für einen Ausflug herausgeputzt zu haben.

Lenas Blick kehrte von diesem herzerwärmenden Anblick wieder zurück auf den Hologrammbildschirm des Straßenfernsehers und das Lächeln aus ihren silbernen Augen verschwand. Sie trug eine Uniform für weibliche Offiziere der Republik mit marineblauem Stehkragen. Ihr sechzehnjähriges, schneeweißes und anmutiges Gesicht, das genauso fein und zerbrechlich schien wie Glas, ließ eine elegante Herkunft erahnen. Ihr wallendes, silbrig schimmerndes Haar, die langen Wimpern und ihre großen Augen von gleicher Farbe, zeugten von ihrer reinen Abstammung der Celena, einer adligen Blutlinie der Alba, die das Land schon vor der Geburt der Republik bevölkerten.

„Unter dem Kommando des zuständigen Befehls- und Kontrolloffiziers und der leistungsstarken Drohnen, die in den Kampf geschickt wurden, kämpft unser fortschrittliches Kriegssystem unter größten Gefahren an vorderster Front. Ohne auch nur ein Menschenleben in den Einsatz zu schicken, ist die Nützlichkeit dieser humanen Landesverteidigung unbestritten. Lasst uns dem Tag entgegensehnen, an dem das gerechte Gefüge der Republik die bösartigen Überreste der gefallenen Nation zerschlagen haben wird, noch bevor sich die Legion in zwei Jahren vollständig stilllegt. Ein Hoch auf die Republik San Magnolia! Ruhm und Ehre der Fünf-Farben-Flagge!“

Beim Anblick der stolz lächelnden Nachrichtensprecherin mit schneeweißem Haar verfinsterte sich Lenas Gesicht.

An dieser optimistischen – oder eher unrealistischen Berichterstattung –, die unmittelbar nach Kriegsbeginn auf gleiche Weise wiederholt wurde, zweifelte in der Bevölkerung kaum jemand. Bereits weniger als einen halben Monat nach Kriegsbeginn musste das Hoheitsgebiet über die Hälfte seines Territoriums aufgeben und wurde durch die Kampflinie noch weiter zusammengestaucht. Selbst nach neun Jahren konnte die Republik diese Front nicht zurückdrängen.

Außerdem ...

Lenas Blick wanderte zurück auf die von Frühlingslicht durchflutete Hauptstraße, die einem Gemälde glich. Die Nachrichtensprecherin. Die Studenten und Liebespaare im Café. Die vielen Menschen, die die Straße entlangliefen. Die Familie, die an ihr vorbeilief – und letztlich auch sie selbst. Die Republik Magnolia, die weltweit erste moderne Demokratie, hat in ihrer Propaganda stets die Einwanderung aus anderen Ländern gefördert und aktiv aufgenommen. Seit langer Zeit war die Republik das Zuhause der Alba, während in den anderen Ländern Menschen mit anderen Farben lebten. Die Aquila im pechschwarzen Gewand der Nacht, die Aurata im goldenen Glanz des Lichtes, die in prunkvollem Rot gekleideten Rubera und die Caerulea, mit ihren kühlen, blauen Augen. All diese Völker der unterschiedlichsten Farben wurden einst gleichermaßen unter dem Namen Colorata willkommen geheißen. Doch jetzt gab es weder auf der Hauptstraße der Hauptstadt noch in den gesamten fünfundachtzig Verwaltungsbezirken der Republik einen Einzigen, der nicht die silbernen Haare und Augen der Alba besaß.

So ist es nun einmal.

Derzeit wurden auf dem Schlachtfeld offiziell keine menschlichen Soldaten eingesetzt. Somit gab es auch keine Toten, die als Gefallene gezählt werden.

„... Dass niemand gestorben ist, stimmt nicht.“

Lenas Ziel war das prachtvolle Hauptquartier der nationalen Armee im spätmonarchischen Stil, welches sich in einer Ecke des Palastes Blancneige, dem einstigen Königshof aus der Zeit der Monarchie, befand. Dieser Palast und die gewaltige Festungsmauer mit dem Namen Gran Mur, die alle Verwaltungsbezirke umgab, waren die Orte, an denen die Soldaten der Republik stationiert waren. Außerhalb der Gran Mur gab es keine Soldaten, die an der Front, welche mehr als hundert Kilometer von den Festungsmauern entfernt lag, eingesetzt wurden. Allein die unbemannten Juggernaut-Kampfdrohnen wurden zum Kampf an der Front eingesetzt, deren Steuerung aus der Kommandozentrale des Hauptquartiers der nationalen Armee erfolgte. Die Gesamtstärke der Juggernauts belief sich auf hunderttausend Einheiten. Hinter ihnen befanden sich Personen- und Panzerabwehrminenfelder sowie autonome, bodengestützte Abfanggeschütze. Es gab demnach nicht eine einzige Einheit, die innerhalb der Gran Mur stationiert war, welche an einem Kampf teilgenommen hatte. Zu den weiteren Dienstpflichten gehörte der Transport von Versorgungsgütern und die analytische Planung von Operationen – allesamt Schreibtischarbeiten. So gab es im jetzigen Militär der Republik keinen einzigen Soldaten, der im Sinne eines Kampfsoldaten agierte.

Lena zog die Augenbrauen in einer finsteren Miene zusammen, als ihr der offensichtliche Alkoholgeruch der vorbeigehenden Offiziere entgegenkam, die wahrscheinlich gerade Sport auf dem großen Bildschirm des Kommandoraums geschaut hatten. Sie warf ihren herablassenden, spöttischen Gesichtsausdrücken einen vorwurfsvollen Blick entgegen.

„Hey, Leute, unser Puppen-liebendes Prinzesschen starrt uns an!“

„Ah, echt gruselig ... Schließt die sich etwa wieder in ihr Kämmerchen ein, um sich um ihre ach so geliebten Drohnen zu kümmern?“

Sie blickte unwillkürlich zurück.

„Ihr–“

„Guten Morgen, Lena.“

Lena wandte sich der Stimme zu, die sie von der Seite ansprach, und erblickte Annette, ihre Kollegin aus dem gleichen Jahrgang. Sie kannte Leutnant Annette aus der Forschungsabteilung schon seit der Mittelschule. Nachdem sie einige Klassen übersprungen hatten, war sie Lenas einzige Freundin in ihrem Alter.

„Guten Morgen, Annette. Heute so früh hier? Du verschläfst doch sonst immer.“

„Bin gerade auf dem Heimweg. Hab die letzte Nacht durchgeackert ... Wirf mich ja nicht in einen Topf mit den Idioten von eben, ich hab gearbeitet. Es kam ein schwieriges Problem auf, das nur von diesem Genie hier, Leutnant Henrietta Penrose, persönlich gelöst werden kann.“

Annette fing an, katzenhaft zu gähnen. Ihre kurz geschnittenen Haare und die leicht angewinkelten Augen hatten die silberne Farbe der Celena. Sie warf nur einen kurzen Blick auf den nach Alkohol stinkenden Trupp und zuckte mit den Schultern. „Es ist reine Zeitverschwendung, sich um diese Idioten zu kümmern“, schienen ihre silbernen Augen sagen zu wollen. Lena errötete, als sie bemerkte, dass Annette sie gerade genau davon abgehalten hatte.

„Oh, ach so, da war ja noch was. Es gab eine Eindringlings-Warnung an deinem Infoterminal.“

„Oh nein, ‘tschuldige! Ich muss dann los. Danke, Annette.“

„Ach, keine Ursache, aber verbring nicht wieder so viel Zeit mit deinen unbemannten Drohnen, hörst du?“

Lena drehte sich kurz um, nickte nur und machte sich schließlich auf den Weg zu ihrem zugewiesenen Kontrollraum.

Der Kontrollraum war klein und wurde zur Hälfte von einer sterilen Konsole eingenommen. Es war kalt und düster. Die silbernen Wände und Böden wurden nur schwach vom blassen Licht des Hologramm-Hauptbildschirms im Stand-by-Modus angestrahlt. Lena setzte sich ordentlich in den Sessel, richtete ihre Beine aus und schob ihre Haare beiseite, um das RAID-Gerät, bei dem es sich um einen zierlichen, halsbandartigen Silberring handelte, um ihren Hals zu legen. Entschlossen blickte sie auf. Die Kriegsfront befand sich weit außerhalb der Gran Mur. Das einzige verbleibende Schlachtfeld innerhalb der fünfundachtzig Bezirke der Republik lag nun innerhalb dieses kleinen Raums.

„Authentifizierung starten. Major Vladilena Milizé. Kommandantin der Verteidigungsschwadron 3 vom neunten Kriegsdistrikt der Ostfront.“

Nach Abschluss der Stimm- und Netzhaut-Authentifizierung startete das Kontrollsystem. Hologrammbildschirme tauchten einer nach dem anderen auf und zeigten riesige Datenmengen an, die von unterschiedlichen Beobachtungsinstrumenten an der weit entfernten Kriegsfront gesammelt wurden. Auf dem Hauptbildschirm wurde eine digitale Karte mit blinkenden Punkten, die jeweils die eigenen und die feindlichen, mechanischen Kampfeinheiten darstellten, angezeigt. Die blau leuchtenden Punkte zählten siebzig Juggernaut-Einheiten. Unter Lenas Kommando standen die vierundzwanzig Einheiten der Schwadron 3, während Schwadron 2 und 4 jeweils dreiundzwanzig besaßen. Die rot leuchtenden Punkte der gegnerischen Legion hatten bereits eine Anzahl erreicht, die nicht mehr auszumachen war.

„Para-RAID aktivieren. Synchronisationsziel: Processor: Pleiades.“

Im Nackenbereich des Para-RAID-Geräts war ein blauer Kristall eingefasst, der nun aufleuchtete und dabei schwach Wärme ausstrahlte. Es handelte sich hierbei nicht um physische Hitze, sondern um eine illusorische Wärme, die vom Nervensystem bei der Synchronisation des Para-RAIDs registriert wurde. Der angeregte, pseudo-neurale Kristall begann die Informationsverarbeitung. Durch virtuell gebildete Nervenbahnen wurde ein bestimmter Bereich im Gehirn angeregt – eine Funktion eines tief im Inneren ungenutzten Bereichs, der entweder für die nächste Stufe der Evolution bestimmt war oder im Laufe des evolutionären Prozesses vergessen wurde. Dieser Bereich lag noch viel tiefer als Lenas Bewusstsein und Unterbewusstsein. Ein Bereich, den Menschen bisher nicht betreten konnten: der von der menschlichen Rasse geteilte Pfad zum „Kollektiven Unterbewusstsein“. Dieser durch das Meer des kollektiven Unterbewusstseins gelegte Pfad verband Lena nun mit dem Bewusstsein des Processors der Schwadron 3. Persönlicher Name: Pleiades.

Pleiades Wahrnehmung wurde nun mit Lenas geteilt.

„Synchronisation abgeschlossen. Handler One an Pleiades. Es freut mich, heute wieder mit Ihnen zusammenarbeiten zu dürfen“, sagte sie mit sanfter Stimme. Nach einer Weile antwortete die Stimme des jungen Mannes, der etwa ein, zwei Jahre älter als sie zu sein schien.

„Pleiades an Handler One. Synchronisation erfolgreich.“

Eine leicht sarkastisch klingende Stimme meldete sich. Im Kontrollraum war nur Lenas Stimme zu hören. Die durch das Para-RAID synchronisierte und wahrnehmbare Stimme gehörte dem Processor Pleiades.

Eine Stimme.

Die zu Kriegszeiten übereilt hergestellten Waffen namens „Juggernaut“ besaßen keine Funktion zur Sprachverbindung. Sie verfügten auch nicht über ein hoch entwickeltes Denkvermögen, das man als Emotion oder Bewusstsein bezeichnen könnte. Es war das Para-RAID, das diese Stimme mithilfe des kollektiven Bewusstseins der menschlichen Rasse übermittelte. Jenseits der Minenfelder, welche die Verteidigungslinie gegen die feindlichen, gepanzerten Einheiten bildeten, an vorderster Front, wo unbemannte Kriegsdrohnen sich gegenseitig zerstörten und es offiziell keine menschlichen Verluste gab, befand sich die Wahrheit.

„Ihre formellen Begrüßungen an die Eighty-Six, die niemand für menschlich erachtet, müssen doch wirklich mühsam sein. Nicht wahr, Mensch?“

Die Eighty-Six.

Die sogenannten Schweine in Menschengestalt, die außerhalb der fünfundachtzig Verwaltungsbezirke, im sechsundachzigsten Bezirk, abgeschottet vom letzten Paradies der Menschheit, auf dem von den Legion überrannten Kontinent lebten. Es war ein abwertender Begriff, der sich auf die farbigen Rassen der Colorata bezog, welche zwar als Bürger der Republik geboren wurden, jedoch von dieser als minderwertige Wesen unterhalb der Menschheit gebrandmarkt wurden. Sie mussten außerhalb der schützenden Grand Mur in Zwangslagern leben und an vorderster Kriegsfront kämpfen.

Neun Jahre zuvor, im 358. Jahr des republikanischen Kalenders; im Jahr 2139 des Sternenkalenders:

Das östliche Nachbarland der Republik und Großmacht des nördlichen Kontinents, das Giad-Imperium, hatte allen umliegenden Nationen den Krieg erklärt. Es begann mit der Invasion durch die weltweit ersten, vollständig autonomen und unbemannten Legion-Drohnen. Infolge der überwältigenden militärischen Streitkraft des Giad-Imperiums wurde die herkömmliche Armee der Republik in nur einem halben Monat vernichtet. Während die übrigen militärischen Streitkräfte sich versammelten, um die Invasion durch eine hoffnungslose Verzögerungstaktik in Schach zu halten, sah sich die Regierung der Republik gezwungen, zwei Entscheidungen zu treffen. Die erste war die Evakuierung aller Bürger der Republik in die fünfundachtzig Verwaltungsbezirke. Die zweite war der Präsidialerlass Nr. 6609. Das Sonder-Kriegsgesetz zur Aufrechterhaltung der öffentlichen Sicherheit.

Ein Erlass, der die in der Republik lebenden Colorata als feindliche Bürger, die mit dem Imperium verbündet waren, einstufte. Ihnen wurde die Staatsbürgerschaft entzogen und so mussten sie fortan abgeschottet als Überwachungsobjekte in Zwangslagern außerhalb der fünfundachtzig Bezirke leben. Selbstredend verstieß dies deutlich sowohl gegen die Verfassung als auch gegen den Geist der Fünf-Farben-Flagge, auf welche die Republik so stolz gewesen war. Menschen mit Alba-Abstammung waren von diesem Gesetz nicht betroffen, wohingegen selbst die Colorata, die nicht einmal aus dem Imperium stammten, deportiert wurden. Dies kam eindeutig einer Rassendiskriminierungspolitik gleich. Natürlich gab es Widerstand seitens Colorata, doch wurde dieser von der Regierung gewaltsam unterdrückt. Trotz des Protestes einiger weniger Alba wurde der Erlass von der Mehrheit akzeptiert. Das Gebiet der fünfundachtzig Bezirke war zu eng, um alle Bürger aufzunehmen. Ressourcen, Land und Arbeit reichten bei weitem nicht für alle aus. Das Gerücht, die Colorata hätten den Niedergang durch Spionage herbeigeführt, war weitaus leichter zu akzeptieren, als die unbequeme Wahrheit der eigenen Unterlegenheit einzusehen.

In einer solch aussichtslosen Lage der vollständigen Belagerung durch die feindlichen Truppen brauchten die Menschen vor allem ein Ventil für ihren Unmut. Eugenische Ideologien, welche diese Art der Diskriminierung zu rechtfertigen versuchten, verbreiteten sich wie ein Lauffeuer. Einzig und allein die Alba, welche die weltweit erste fortschrittliche und humanitäre, moderne Demokratie errichteten, seien die überlegene Rasse, während die Colorata als rückständige, dem Imperialismus zugehörige, minderwertige Rasse klassifiziert wurden. Sie waren nur barbarische, dumme Menschen-Imitate – Schweine, die in der Evolution versagt hatten.

Folglich wurden alle Colorata in Zwangslager geschickt und sowohl zum Militärdienst als auch zum Bau der Gran Mur gezwungen. Sämtliche Besitztümer wurden beschlagnahmt und zur Deckung der Unkosten verwendet, was von den Bürgern gelobt wurde, da diese humanitäre Regierungsform ihnen den Militärdienst, harte Arbeit und Kriegssteuern ersparte. Die Diskriminierung der Colorata, welche von den Alba nun als Eighty-Six abgestempelt wurden, manifestierte sich zwei Jahre später in Form von „unbemannten“ Kampfdrohnen, die anstelle von menschlichen Soldaten ausschließlich von den minderwertigen Eighty-Six gesteuert wurden. Trotz der gebündelten Technologie der gesamten Republik gelang es ihr nicht, ein Niveau zu erreichen, um vollständig autonome Kampfdrohnen herzustellen, die für den Einsatz unerlässlich waren. Doch durften sich die Alba, die doch als die überlegene Rasse galten, nicht die Blöße geben, sie seien nicht in der Lage, unbemannte Drohnen zu bauen, die selbst das minderwertige Imperium herstellen konnte.

Da die Eighty-Six aber keine Menschen sind, sind die Maschinen, in denen sie sitzen, folglich keine bemannten, sondern unbemannte Maschinen.

Die Juggernauts – autonome, unbemannte Kampfdrohnen, hergestellt von Republic Military Industries (RMI).

Sie wurden als fortschrittlichste humanitäre Waffen eingeführt. Waffen, die menschliche Verluste vollständig auf null reduzieren sollten und dadurch das höchste Lob der Bürger erhielten. Die Eighty-Six, die man als Piloten einsetzte, wurden als Informationsverarbeitungseinheiten – kurz Processor – der Drohnen definiert.

Wir schreiben das Jahr 367 des republikanischen Kalenders. Auf dem Schlachtfeld, das offiziell keine Todesopfer zu verzeichnen hat, sterben auch heute wieder unaufhörlich Soldaten, welche nur als Ersatzteile der Maschinen und nicht als Gefallene gezählt werden.

Als sich die roten Punkte der Legion in den Westen – in Richtung ihres Herrschaftsgebiets – zurückzogen, ließ die Anspannung in Lenas Körper ein wenig nach.

Schwadron 3 hatte sieben Einheiten verloren, was ein Gefühl von Bitterkeit in ihrer Brust aufsteigen ließ. Alle sieben Juggernauts mitsamt ihren Piloten waren explodiert. Es gab keine Überlebenden.

Juggernaut ... ein alter, aus einem fremden Land stammender, mythologischer Name, an dem sich die sogenannten intellektuellen Entwickler bedienten. Es wurde ihnen nachgesagt, sie sollten die zahllosen Menschen, die auf Erlösung hofften, unter den Rädern ihrer Streitwägen zerquetschen.

„... Handler One an Pleiades. Rückzug feindlicher Einheiten bestätigt.“

Seufzend sprach sie über das Para-RAID zu dem Processor, der im Austausch für die Wiederherstellung der Staatsbürgerschaft seiner Familie einem fünfjährigen Militärdienst zugestimmt hatte. Das Para-RAID war ein bahnbrechendes Kommunikationsmittel, das es ermöglichte, Stimmen und Geräusche durch Synchronisation zu erfassen und herkömmliche Funkgeräte in den Schatten stellte. Normale Funkverbindungen waren viel zu anfällig für Entfernungen, Wetter, Gelände und die elektromagnetischen Störsignale der Eintagsfliegen.

In der Theorie könnten alle fünf Sinne gleichsam synchronisiert werden, jedoch wurde grundsätzlich nur das Gehör genutzt, da die Informationsflut der visuellen Synchronisation den Benutzer überlasten könnte. Der Hörsinn ermöglichte es hingegen, mit einer kleineren Informationsmenge die Situation zu erfassen. Subjektiv war der Unterschied zu einer Telefon- oder Funkverbindung also gering. Dadurch konnte etwaige Verwirrung minimiert werden.

Lena wusste jedoch, dass dies nicht der einzige Grund war.

Wenn der Sehsinn nicht synchronisiert wurde, musste man es sich nicht mitansehen. Die gewaltige Gestalt der herannahenden Feinde. Das grausame Bild der Kameraden, welche direkt neben einem in die Luft gesprengt wurden. Die Farbe des eigenen Blutes, das aus den Eingeweiden des aufgerissenen Körpers floss.

„Schwadron 4 übernimmt die Überwachungsaufgabe. Schwadron 3 kehrt bitte zurück.“

„Pleiades, verstanden … Recht herzlichen Dank für die Beaufsichtigung der Schweine durch Ihr Fernglas, Handler One.“

Lena senkte vor der mit Sarkasmus triefenden Antwort von Pleiades niedergeschlagen den Kopf. Es war verständlich, dass sie als Alba – der Rasse der Unterdrücker – von ihnen gehasst wurde. Dass eine der Rollen der Handler daraus bestand, die Eighty-Six zu überwachen, entsprach ebenfalls der Wahrheit.

„Gute Arbeit, Pleiades. An alle anderen in der Einheit und die sieben Gefallenen ... Es tut mir wirklich leid.“

„...“

Eine kühle Schärfe mischte sich unter das Schweigen. Wie eine eiskalte Klinge. Auch wenn nur der Hörsinn synchronisiert wurde, werden durch das Bewusstsein doch auch die grundlegenden Emotionen wie bei einem echten Gespräch übermittelt.

„... Vielen Dank für Ihre stets freundlichen Worte, Handler One.“

Diese Floskel klang nach kalter Abscheu oder gar Verachtung. Lena wusste nicht, wie sie mit dieser Kälte, die ganz anders als die berechtigte Wut und der Hass gegen die Unterdrücker wahrzunehmen war, umgehen sollte.

Auch die Nachrichten des nächsten Tages berichteten von erheblichen Verlusten aufseiten des Feindes und nur geringem Schaden aufseiten der Republik. Todesopfer beliefen sich wie immer auf null. Die Vernichtung der feindlichen Truppen durch Aktionen der humanitären und fortschrittlichen Republik war zum Greifen nah. Man könnte meinen, jeden Tag würde dieselbe Videoaufzeichnung ausgestrahlt werden. Im Staatsfernsehen war das Logo des Schwertes mit zerbrochenen Fußfesseln zu sehen. Die heilige Magnolia der Revolution war Sinnbild für die Vernichtung der Herrschaft und Beendigung der Unterdrückung.

„Darüber hinaus hat die Regierung aufgrund des absehbaren Kriegsendes in zwei Jahren beschlossen, den Militäretat schrittweise zu kürzen. Als Wegbereiter dessen wird die Abschaffung der Truppen der südlichen Front des achtzehnten Kriegsdistrikts eingeleitet und die dort stationierten Einheiten werden aufgelöst.“

„Klingt, als hätten wir den achtzehnten Kriegsdistrikt verloren ...“, seufzte Lena leise.

Etwas, das nicht beschönigt werden konnte. Obwohl die Republik einen Teil ihres Territoriums verloren hatte, wurde keine Wiedereroberung in Betracht gezogen und stattdessen das Militärbudget gekürzt. Nachdem das beschlagnahmte Vermögen der Eighty-Six bereits vollständig aufgebraucht war, konnte die Regierung die Stimmen aus der Bevölkerung nach Abrüstung nicht mehr länger ignorieren. Der enorme Druck, der durch die gewaltigen Kriegskosten, der Wohlfahrt und durch öffentliche Unternehmen entstand, war einfach zu hoch gewesen.

Ihre Mutter, die ihr in altmodischer Kleidung und tadellos aufgetragenem Lippenstift gegenübersaß, sagte mit sanfter Stimme:

„Lena, was ist los? Verzieh doch nicht so das Gesicht, iss was.“

Das Frühstück auf dem Tisch im Speisezimmer bestand größtenteils aus synthetisch angebauten Erzeugnissen. Mit weniger als der Hälfte des Gebietes und einer Einwohnerzahl, die trotz der Ausgrenzung der Eighty-Six noch immer 80 % der Gesamtbevölkerung betrug, gab es in den achtundfünfzig Bezirken keinen Platz für landwirtschaftliche Fläche, welche die Versorgung aller sicherstellen konnte. Die Streitkraft der Legion und die Abschirmung durch Funkstörung sorgten dafür, dass weder Handel noch zwischenstaatliche Beziehungen aufrechterhalten werden konnten. Obendrein war unklar, ob die anderen Länder überhaupt noch existierten. Sie trank einen Schluck Tee, der anders schmeckte als in ihrer vagen Erinnerung, und schnitt das aus Weizenprotein hergestellte, synthetische Fleisch, welches dem Aussehen und Geschmack des Originals nachempfunden war. Einzig und allein für das Kompott wurden echte Himbeeren aus dem Garten benutzt. Einen Garten zu besitzen und Platz für einen Blumentopf zu haben, war für die Wohnungsverhältnisse der Republik nicht selbstverständlich, was selbst so etwas zu einem unbezahlbaren Luxus machte.

Ihre Mutter lächelte.

„Lena. Es wird langsam Zeit, beim Militär aufzuhören und einen geeigneten Mann einer angesehenen Familie zu heiraten.“

Lena seufzte innerlich. Genau wie in den Kriegsberichterstattungen aus den Nachrichten hörte sie von ihrer Mutter jeden Tag dieselben Worte.

Sozialer Rang. Status. Herkunft. Stammbaum. Edles Blut.

Diese Attribute passten zum eleganten, luxuriösen Anwesen, das zu Zeiten errichtet worden war, in der die Milizé-Familie noch dem Adel zugehörig war, jedoch im Vergleich zum Leben außerhalb jener Kreise genau wie ein Seidenkleid mit Schleppsaum aus der Zeit gefallen zu sein schien. Es wirkte so, als ob die Zeit in einer bestimmten Phase des Wohlstandes einfach stehen geblieben wäre. Wie am Ende eines flüchtigen Traumes, aus dem man sich weigerte, aufzuwachen.

„Es gehört sich nicht für eine Tochter der wohlhabenden Milizé-Familie, sich mit den Legion und den Eighty-Six zu befassen. Dein Vater war zwar Soldat, jedoch befinden wir uns nun nicht mehr in Zeiten des Krieges.“

Obwohl die Zeit der Kriege längst passé war, war der Krieg gegen die Legion in vollem Gange. Für die Bürger war das Schlachtfeld viel zu weit entfernt und dadurch, dass niemand mehr an die Front ging und folglich auch niemand aus dem Krieg heimkehrte, wirkte es schon lange wie Ereignisse aus einem Film. Das Gefühl für Realität und Anteilnahme war nur noch ein trübes Relikt aus vergangenen Zeiten.

„Das Vaterland zu verteidigen, gehört nun mal zu den stolzen Pflichten eines jeden Bürgers der Republik, Mutter. Und außerdem sind sie keine Eighty-Six. Sie gehören genauso wie wir zu den rechtmäßigen Bürgern dieser Republik.“

Ihre Mutter rümpfte ihre feine, schmale Nase.

„Diese dreckigen Farbigen sollen Bürger unserer Republik sein? Herrgott, auch wenn es nachvollziehbar ist, dass Vieh ohne Futter und Köder nicht arbeiten würde, ist es unverzeihlich, dass die Regierung diesen wilden Tieren erlaubt hat, wieder den Boden unserer Republik zu betreten.“

Den Soldaten der Eighty-Six und ihren Familien wurde die Staatsbürgerschaft wieder anerkannt. Zu ihrem Schutz wurde ihr Aufenthaltsort innerhalb der fünfundachtzig Bezirke, in denen sich auch radikale Rassisten aufhielten, geheim gehalten. Seit Kriegsbeginn waren jedoch schon neun Jahre vergangen und sicherlich nicht alle von ihnen in ihre Häuser zurückgekehrt. Es war eine angemessene Entlohnung für ihre wortwörtliche Selbstaufopferung, was jedoch von denjenigen, die von diesem Einsatz profitierten, nicht gesehen wurde. Ein Paradebeispiel dafür saß direkt vor ihr und schüttelte abschätzig ihren Kopf.

„Ach. Abscheulich! So abscheulich! Dass solche Menschen-Imitate noch vor zehn Jahren in Liberté et Égalité mit unsereins herumgelaufen sind und nun wieder versuchen zurückzukehren. Wie sehr soll die Freiheit und Gleichheit der Republik noch besudelt werden?“

„Wenn etwas Freiheit und Gleichheit besudelt, dann die Worte, die du gerade in den Mund genommen hast, Mutter.“

„Was soll das bitte heißen?“

Diesmal seufzte Lena laut auf, als ihre Mutter sie verwirrt anblickte. Sie verstand es nicht. Sie verstand es wirklich nicht. Ihre Mutter war kein Einzelfall. Die Bürger waren auch heute noch stolz auf die republikanische Regierung und die Werte der Fünf-Farben-Flagge – Freiheit, Gleichheit, Menschenliebe, Gerechtigkeit und Hochherzigkeit. Den Taten der ehemaligen Monarchie und Diktatur des Staates, der unter der despotischen Politik litt, wurde Abscheu entgegengebracht. Empörung über Ausbeutung, Verachtung gegenüber Diskriminierung. Massenmord wird als Werk des Teufels angesehen. Jedoch begriffen sie nicht, dass die Republik gerade dasselbe tat. Wies man sie darauf hin, schauten sie nur mit mitleidigen und fragenden Augen zurück.

„Du begreifst wohl den Unterschied zwischen Mensch und Schwein nicht.“

Lena biss sich auf ihre blassrosa gefärbten Lippen. Worte waren ja so praktisch. Auf die einfachste Art und Weise verbergen sie das Wesentliche. Tauscht man nur ein einziges Label aus, können aus Menschen Schweine werden. Ihre Mutter zog verärgert ihre Augenbrauen zusammen und – als wäre ihr plötzlich die Lösung des Problems in den Sinn gekommen – fing sie an zu lachen.

„Dein Vater brachte diesem Vieh immer Mitgefühl entgegen. Und du versuchst sie nun genauso zu behandeln, oder?“

„Nein, so ist es nicht.“

Tatsächlich respektierte Lena ihren Vater, der sich strikt gegen die Zwangsinternierung der Eighty-Six aussprach und bis zuletzt deren Abschaffung forderte. Allerdings wollte sie nicht unbedingt genauso handeln wie er.

Sie erinnerte sich noch heute daran.

Aus den Flammen tauchte sie auf, die Silhouette einer vierbeinigen Spinne. Das an die Panzerung gemalte Emblem eines kopflosen Skelett-Ritters. Eine zur Rettung ausgestreckte Hand. Von Natur aus in strahlendes Purpurrot gehüllt – und dieses tiefe Schwarz.

Wir sind doch alle Bürger der Republik, geboren und aufgewachsen im gleichen Land.

Die rücksichtslose, raue Stimme ihrer Mutter riss sie aus ihrer Erinnerung.

„Aber Lena. Man muss Vieh doch auch als solches behandeln. Die barbarischen und einfältigen Eighty-Six würden doch niemals den Sinn des menschlichen Ideals und dessen Eleganz verstehen. Es ist das einzig Richtige, dass wir sie in Käfige sperren und auf sie aufpassen.“

Lena aß schweigend ihr Frühstück auf, wischte sich mit der Serviette den Mund ab und stand auf.

„Ich mache mich jetzt auf den Weg, Mutter.“

„Mir wird eine andere Schwadron zugeteilt?“

Die Tapeten im eindrucksvollen Büro des Divisionskommandeurs waren mit mattgoldenen und purpurroten Streifen verziert. Lenas silberne Augen blinzelten, als sie die Verkündung von Brigadegeneral Karlstahl, der an einem antiken Schreibtisch saß, hörte. Die Neuzusammenstellung von Schwadronen und dem damit einhergehenden Austausch der Handler waren tatsächlich nichts Ungewöhnliches. Es gehörte fast zum Alltag, dass Einheiten zusammengelegt, umstrukturiert, aufgelöst oder neu gegründet wurden, da die weiterhin stark umkämpfte Front oft ein Verlustniveau erreichte, bei dem die Schwadronen nicht mehr aufrechterhalten werden konnten. Lena hatte zwar nicht vor, diese Erfahrung machen zu müssen, jedoch kam es häufig vor, dass die gesamte Schwadron, für die ein Handler verantwortlich war, ausgelöscht wurde.

So stark waren die Legion.

Sie wurden mit der Wildheit und dem technologischen Können des Giad-Imperiums, der militärischen Großmacht, entwickelt. Die Legion besitzen eine nie dagewesene Bewaffnung, eine erstaunliche Manövrierbarkeit, sowie eine fortschrittliche, autonome Entscheidungsfähigkeit, die ihrer Zeit weit voraus war. Da sie vollständig unbemannt agieren, kennen sie weder Erschöpfung noch Abscheu oder Furcht. Egal wie oft man sie zerstörte, tief im feindlichen Gebiet verstreut scheint es vollständig automatisierte Produktions- und Reparaturfabriken zu geben, die ununterbrochen neue Streitkräfte wie aus schwarzen Wolken hervorquellen ließen. Im Vergleich waren die Juggernauts ihnen bei weitem unterlegen, auch wenn dies völlig konträr zur öffentlichen Wahrnehmung stand. Faktisch erlitten sie bei jedem Einsatz erhebliche Verluste, die nur durch ständigen Nachschub aufgefangen werden konnten, um die Frontlinie zu halten. Solch einen Verlust musste die Schwadron, die sich unter Lenas Aufsicht befand, jedoch noch nicht erleiden. Karlstahl entspannte seine vernarbte Wange. Sein Kinnbart strahlte ruhige Erhabenheit aus. Er war von großer Statur und hatte ein breites Kreuz.

„Deine jetzige Schwadron wird weder neu gruppiert noch konsolidiert. Um ehrlich zu sein, ist der Handler einer Schwadron in den Ruhestand gegangen. Daher wurde in aller Eile ein Ersatzmajor ausgewählt.“

„Etwa ein Abwehrtrupp einer wichtigen Schlüsselposition?“

Das würde bedeuten, die Schwadron konnte nicht warten und hielt sich für den Beschluss zur Nachfolge bereit.

„Ja, genau. Eine Abwehreinheit mit Codenamen ‚Spearhead‘ , die sich im ersten Kriegsdistrikt der Ostfront befindet. Sie besteht aus etlichen Veteranen der gesamten östlichen Verteidigungslinie ... also eine Eliteeinheit, könnte man sagen.“

Lena zog misstrauisch ihre zarten Augenbrauen zusammen.

Der erste Kriegsdistrikt als wichtigster Verteidigungsposten gegen die heftigen Angriffe der Legion ist von größter Bedeutung. Schwadron 1 gilt als Schlüsseleinheit in diesem Sektor und trägt volle Verantwortung für die militärischen Operationen. Schwadron 2 bis 4 sind für nächtliche Wachdienste und Unterstützungsaufgaben zuständig und agieren als Ersatz, sollte Schwadron 1 nicht verfügbar sein. Ihre Aufgaben sind jedoch bei weitem nicht so schwerwiegend.

„Ich bin mir nicht sicher, ob eine so unerfahrene Majorin wie ich dieser verantwortungsvollen Aufgabe gewachsen ist ...“

Karlstahl lächelte.

„Sind das etwa die Worte einer talentierten Frau, die als jüngste Absolventin des einundneunzigsten Jahrganges als Erste zur Majorin aufgestiegen ist? Übertriebene Bescheidenheit zieht nur unnötigen Groll nach sich, Lena.“

„Entschuldige, Onkel Jérôme.“

Als sie Karlstahl mit ihrem Vornamen ansprach, senkte sie ihren Kopf. Das tat sie aber nicht wegen ihres untergeordneten Ranges. Karlstahl war ein enger Freund ihres verstorbenen Vaters und einer der wenigen Überlebenden der regulären Armee der Republik, die vor neun Jahren ausgelöscht worden war. In ihrer Kindheit besuchte er sie oft und spielte mit ihr. Darüber hinaus hatte er sie nach dem Tod ihres Vaters und den Vorkehrungen für dessen Beerdigung bis heute auf verschiedenste Art und Weise unterstützt.

„Um ehrlich zu sein, gibt es niemanden, der die Spearhead-Schwadron als Handler übernehmen möchte.“

„Aber es ist eine Eliteeinheit, oder? Ihr Kommando übernehmen zu dürfen, ist doch eine unvergleichliche Ehre für einen Offizier der Republik, oder etwa nicht?“

Lena wusste, dass nicht alle Handler ihre Pflichten ernst nahmen. Viele schauten im Kontrollraum fern, spielten Videospiele oder hielten sich manchmal nicht einmal dort auf. Die abscheulichsten unter ihnen gaben weder Befehle noch Informationen weiter und genossen es, ihre Processors wie in einem Actionfilm sterben zu hören oder schlossen Wetten mit ihren Kollegen darüber ab, wie lange ihre Einheiten überleben würden. Der eigentliche Stand der Dinge war, dass die, die ihre Aufgaben ernsthaft erfüllten, in der Minderheit waren.

„Ja, was das angeht, hast du vielleicht recht ...“

Karlstahl zögerte einen Augenblick.

„Der Truppenführer der Spearhead-Schwadron, mit dem persönlichen Namen Undertaker, genießt einen besonderen Ruf.“

Undertaker. Ein seltsamer Name.

„Die Handler, die davon wissen, nennen ihn Sensenmann. Sie fürchten sich vor ihm, weil ihm nachgesagt wird, dass er seine Handler zerstört.“

„Was?“

Lena fragte unwillkürlich nach. Normalerweise war es doch andersherum. Ein Processor zerstört einen Handler? Wie soll das gehen?

„Ist das eine Art Schauermärchen?“

„Wenn ich im Dienst bin, habe ich keine Zeit, meine Untergebenen wegen Hirngespinsten zusammenzurufen. Es ist aber nun mal Fakt, dass ungewöhnlich viele Handler aus der Einheit des Undertakers eine Versetzung oder Ruhestand beantragen. Einige haben direkt nach dem ersten Einsatz um Versetzung gebeten und es gibt sogar solche, die nach dem Ruhestand Selbstmord begingen, auch wenn hier noch kein klarer Zusammenhang besteht.“

„Selbstmord?“

„Es klingt etwas unglaubwürdig ... aber es heißt, dass sie noch im Ruhestand von sogenannten Stimmen der verstorbenen Seelen heimgesucht wurden.“

„...“

Das klang tatsächlich durch und durch nach einem Schauermärchen. Was Karlstahl wohl von Lenas Schweigen dachte? Besorgt neigte er den Kopf.

„Lena, es ist nicht schlimm, wenn du das nicht übernehmen möchtest. Du kannst gerne bei deiner jetzigen Schwadron bleiben. Die Spearhead-Schwadron besteht wie gesagt aus Veteranen. Was man so hört, liegt das Problem wohl bei der Synchronisation während der Einsätze. Du könntest dich also auch einfach auf ein Minimum an Überwachung beschränken und die Führung dem Truppenführer vor Ort überlassen. Dann dürften auch keine Probleme auftreten ...“

Lena presste entschlossen ihre Lippen zusammen.

„Ich werde es tun. Ich werde die Verwaltung und Kommando-Überwachung der Spearhead-Schwadron mit vollem Einsatz übernehmen.“

Es war die Pflicht und der Stolz eines jeden Bürgers der Republik, das Vaterland zu verteidigen. Es gab keine größere Ehre, als diesen Speerspitzen-Trupp leiten zu dürfen, weshalb es undenkbar wäre, dies abzulehnen. Karlstahl kniff die Augen leicht zusammen.

Also wirklich. Dieses Mädchen.

„Du brauchst nicht mehr zu tun, als nötig ist. Das Minimum reicht völlig aus. Versuche auch bitte nicht, dich mit den Processoren der Schwadron auseinanderzusetzen.“

„Es ist die Pflicht eines Kommandanten, seine Untergebenen zu kennen. Solange sie es nicht verweigern, ist es selbstverständlich, den Kontakt aufrechtzuerhalten.“

„Also wirklich ...“

Er lächelte sanft und seufzte. Dann zog er einen Stapel Dokumente aus der Schublade seines Schreibtisches und wedelte sie scherzhaft hin und her.

„Es gibt da noch etwas, weshalb ich mit dir schimpfen muss. Hör bitte damit auf, die Zahl der Gefallenen in den Berichten zu vermerken. Offiziell gibt es an der Front keine Menschen, also können Dokumente mit Einträgen, die eigentlich nicht existieren dürften, auch nicht registriert werden. Diese Art von Protest interessiert inzwischen sowieso niemanden mehr.“

„Aber ... Ich kann das nicht stillschweigend hinnehmen. Zumal es auch keine Grundlage mehr für die Zwangsinternierung der Colorata gibt.“

Das Giad-Imperium, das einst mit seiner gewaltigen Macht der Legion den Kontinent in kürzester Zeit eroberte, war vermutlich schon vor etwa vier Jahren untergegangen. Der Kontrollfunk des Imperiums, der zwischen den intensiven elektromagnetischen Störungen durch die Eintagsfliegen gelegentlich abgehört werden konnte, brach zu jener Zeit abrupt ab und konnte seitdem nicht mehr erfasst werden. Grund dafür könnte sein, dass die Legion außer Kontrolle geraten waren. Es konnte aber auch an etwas anderem gelegen haben. Jedenfalls konnte man mit Gewissheit sagen, dass das Imperium untergegangen war. Die Zwangsinternierung der Eighty-Six mit dem Vorwand, sie seien „Nachfahren des verfeindeten Landes“, hatte daher auch keine Grundlage und Legitimität mehr, da besagtes Feindesland nicht mehr existierte. Trotzdem wollten die Bürger das Vergnügen der einst errungenen Diskriminierung nicht aufgeben. Solange sie auf anderen herumtrampeln durften, konnte die Illusion von Überlegenheit aufrechterhalten werden und solange sie andere tyrannisierten, konnten sie sich als Sieger fühlen. Es war ein einfaches Vergnügen, das nicht dazu diente, den Zustand der fortwährenden Umzingelung der Kriegswaffen des Imperiums oder das Gefühl der Niederlage zu überwinden, sondern um den Betrug aufrechtzuerhalten.

„Dieses Unrecht stillschweigend hinzunehmen, bedeutet, an der Verschwörung teilzuhaben. So etwas darf niemals erlaubt sein ...“

„Lena.“

Sie hörte sofort auf zu reden, nachdem sie so sanft angesprochen wurde.

„Du strebst zu sehr nach Idealen. Bei anderen und auch bei dir selbst. Doch Ideale werden nun mal so genannt, weil sie unerreichbar hoch sind.“

„Aber ...“

Der Blick in Karlstahls silbernen Augen entspannte sich auf eine ihr vertraute, bittere Weise.

„Du siehst deinem Vater Václav wirklich sehr ähnlich. Nun denn, hiermit ernenne ich Majorin Vladilena Milizé mit dem heutigen Tag zum Handler der ersten Verteidigungsschwadron im ersten Kriegsdistrikt. Viel Erfolg.“

„Vielen Dank.“

„Das hast du angenommen? Du bist wirklich sonderbar, Lena.“

Die Änderung der zuständigen Schwadron bedeutete, dass einige Dinge angepasst werden mussten. Die Einstellung des Para-RAIDs auf ein neues Verbindungsobjekt war eines davon. Annette war die verantwortliche Leiterin des Para-RAID-Forschungsteams, weshalb sie sich um alle Einstellungen und Justierungen von Lena kümmerte. Lena war gerade dabei, ihre Militäruniform anzuziehen, als sie ihr empfahl, gleich auch eine Untersuchung machen zu lassen. Lena hing den Vlieskittel zur Untersuchung sorgfältig auf einen Kleiderbügel, knöpfte ihre Bluse zu und antwortete Annette, die sich hinter einer Wand aus Sicherheitsglas aufhielt. Der Flügel der Forschungsabteilung befand sich in einem Gebäude, das zu Zeiten der Monarchie eine Residenz gewesen war, mit einer Fassade im eleganten, mittel-monarchischen Stil, innen aber in futuristischer Bauart mit viel Glas, Metall und einer typisch anorganischen Atmosphäre gestaltet war. An einer der Glaswände wurden Videos von tropischen Fischen und Korallenriffen projiziert.

„Das waren doch nur erfundene Geschichten, Annette. Um einen Vorwand zum Schwänzen zu haben.“

Lena lächelte, als sie ihre Kniestrümpfe und die Strumpfhalter befestigte. Sie unterzog sich in regelmäßigen Abständen einer Untersuchung wegen ihrer Nutzung des Para-RAIDs, dennoch war Annette ständig um sie besorgt.

„Es gab aber wirklich jemanden, der sich umgebracht hatte.“

Hinter der Glaswand und dem Hologrammbildschirm, an der sie die neuen Einstellungen für das RAID-Gerät eingab, nippte Annette am Kaffee aus ihrer Tasse ... oder eher an etwas, das an dickflüssiges Schlammwasser erinnerte.

„Ich glaube ja auch, dass das mit den Stimmen der Verstorbenen nur Unsinn ist, den faule, alte Säcke von sich geben. Es hat sich aber tatsächlich mal jemand mit der Schrotflinte den Kopf weggeblasen.“

Lena zog sich ihren Rock und ihre Jacke an, befestigte ihren Kragen und drehte sich um. Mit einer Hand strich sie ihr silbernes Haar, das beim Bücken von ihrer Schulter gerutscht war, zurück.

„... Wirklich?“

„Es gab hier nämlich eine Anfrage auf die Untersuchung eines möglichen Defekts beim Para-RAID. Es war nichts dabei, wenn jemand einfach aufhörte, aber ein Selbstmord zog erwartungsgemäß hohe Aufmerksamkeit auf sich.“

„Und was kam dabei heraus?“

Annette zuckte unbekümmert mit den Schultern.

„Tja ...“

„Tja ...?“

„Die Person war schließlich tot. Darum konnte man die Einzelheiten nicht mehr untersuchen. Beim RAID-Gerät waren jedenfalls keine Ungewöhnlichkeiten festzustellen, womit die Sache abgeschlossen war. Wie sieht es aber mit diesem Undertaker aus? Als ich meinte, dass man diesen Processor hierherbestellen könnte, meinten die Idioten vom Transport-Trupp nur: ‚Für Schweine ist auf dem Flug kein Platz.‘“

Sie ließ sich in die Rückenlehne fallen, verschränkte ihre Arme und atmete wütend durch die Nase aus. Annette war zwar eine liebenswürdige, burschikose Schönheit, wirkte aber durch dieses häufige Benehmen nicht besonders feminin.

„Hätten die ihn hergebracht, hätte ich seinen Kopf sezieren und untersuchen können. So ein Mist.“

Lena zog die Augenbrauen zusammen, als sie diese absichtlich provokanten Worte hörte. Natürlich wusste sie, dass Annette es nicht ernst meinte, dennoch fiel es ihr schwer, ihr zuzuhören.

„... Und was diesen Processor angeht ...“

„Darum hat sich schon jemand von der Militärpolizei gekümmert. Ich habe lediglich den Bericht bekommen, aber auch nur aus reiner Formalität. Sie sagten, sie konnten keine Mutmaßungen anstellen. Mehr nicht. Was da wirklich passiert ist, weiß niemand so genau“, sagte Annette und verzog ihre Lippen zu einem sarkastischen Lächeln.

„Als ich ihm mitteilte, dass sein Handler gestorben war, antwortete er nur mit ‚Ach so?‘. Dem Klang seiner Stimme nach zu urteilen, war es ihm wahrscheinlich egal. Na ja, sind halt Eighty-Six. Selbst wenn ihr Vorgesetzter stirbt, sind die so drauf.“

„...“

Als sie Lena so schweigen sah, wich ihr mit einem Mal das Grinsen aus dem Gesicht.

„Lena ... Du solltest wirklich zur Forschungsabteilung kommen.“

„Hä?“

Mit ihren katzenhaften, leicht angewinkelten Augen blickte sie die scheinbar verblüffte Lena an. Ihre silbernen Augen wirkten unerwartet ernst.

„Die Armee ist doch heutzutage nur noch eine Maßnahme gegen die Arbeitslosigkeit, oder irre ich mich da? Die Forschungsabteilung geht da noch, aber auf den anderen Posten wimmelt es nur so von Idioten aus den höheren Bezirken, die sonst keinen Job finden würden.“

Die aktuellen Verwaltungsbezirke der Republik waren so aufgebaut, dass sich der erste Bezirk im Zentrum befand und von ihm aus alle anderen rechteckig nach außen verliefen. Je höher die Nummer, desto schlechter war es um Wohnverhältnisse, öffentliche Sicherheit, Bildungsniveau und Arbeitslosenquote gestellt.

„Wenn die Legion in zwei Jahren nicht mehr da sind, was wirst du dann tun? In Friedenszeiten wird dir der Titel ‚Exsoldat‘ wenig bringen.“

Lena lächelte.

Die Legion würden in zwei Jahren stillstehen. Dies kam dank Nachforschungen bei mehreren erbeuteten Legion-Einheiten ans Licht. Ihr zentrales Nervensystem war so voreingestellt, dass es eine unveränderbare Lebensdauer besitzt, die je nach Version fünfzigtausend Stunden, also voraussichtlich nach sechs Jahren, endete. Das war wahrscheinlich eine Sicherheitsvorkehrung für den Fall, dass sie außer Kontrolle geraten würden. Da angenommen wurde, dass das Imperium vor vier Jahren zugrunde gegangen war, würden die Legion in ungefähr zwei Jahren durch den Kollaps ihres Prozessors im zentralen Nervensystem zum Erliegen kommen. Tatsächlich hatte die Zahl der an der Front beobachteten Legion immer mehr abgenommen. Wahrscheinlich begannen die Einheiten, die kein neues Update erhalten hatten, langsam auszufallen.

„Danke. Aber momentan befinden wir uns nun mal in Kriegszeiten.“

„Ich will damit doch nur sagen, dass du das nicht machen musst.“

Annette gab nicht nach. Nachdem sie mit den Eingaben fertig war, schaltete sie in einer wedelnden Bewegung mit der Hand den Hologrammbildschirm aus. Sie lehnte sich etwas vor und sagte angewidert:

„Ob es wahr ist oder nicht, du hast es hier mit einem durchgeknallten Processor zu tun. Wer weiß, was da passieren kann. Außerdem wissen wir nicht, ob das Para-RAID tatsächlich vollkommen sicher ist.“

Lena blickte erstaunt auf.

„Es wurde doch bewiesen, dass das Para-RAID sicher sei.“