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Unfall? Selbstmord? Oder Mord? Rasanter Thriller im Tunnel-Wirrwarr der Londoner U-Bahn Rushhour in London: Laurie Bateman wird Zeugin, wie ein älterer Herr direkt vor die einfahrende U-Bahn stürzt. Für die Polizei ist die Sachlage klar: ein weiterer Selbstmord. Doch Laurie erinnert sich an das freundliche Lächeln des Mannes kurz vor dem Zwischenfall – und daran, dass er ein seltsames Ding in der Hand gehalten hat. Einen Schlüssel? Könnte dieser noch auf den Gleisen liegen? Laurie findet heraus, dass man die U-Bahn-Tunnel nachts gefahrlos betreten kann, bevor das System wieder hochgefahren wird. Sie fühlt sich verpflichtet, nach dem Schlüssel zu suchen – und rennt kurz darauf in den dunklen Tunneln um ihr Leben... »869 – Der Underground-Killer« ist der erste Thriller von Toby Faber, der lange Jahre als Geschäftsführer den britischen Verlag Faber&Faber geleitet hat.
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Seitenzahl: 432
Veröffentlichungsjahr: 2020
Toby Faber
Thriller
Aus dem Englischen von Marie-Luise Bezzenberger
Verlagsgruppe Droemer Knaur GmbH & Co. KG.
Rushhour in London: Laurie Bateman wird Zeugin, wie ein älterer Herr direkt vor die einfahrende U-Bahn stürzt. Für die Polizei ist die Sachlage klar: ein weiterer Selbstmord. Doch Laurie erinnert sich an das freundliche Lächeln des Mannes kurz vor dem Zwischenfall – und daran, dass er ein seltsames Ding in der Hand gehalten hat. Einen Schlüssel? Könnte dieser noch auf den Gleisen liegen?
Laurie findet heraus, dass man die U-Bahn-Tunnel nachts gefahrlos betreten kann, bevor das System wieder hochgefahren wird. Sie fühlt sich verpflichtet, nach dem Schlüssel zu suchen – und rennt kurz darauf in den dunklen Tunneln um ihr Leben...
Widmung
Montag, 27. Juli
2.45 Uhr
Dienstag, 21. Juli
8.30 Uhr
10 Uhr
17.30 Uhr
Mittwoch, 22. Juli
7.30 Uhr
17.30 Uhr
Donnerstag, 23. Juli
9 Uhr
Samstag, 25. Juli
17 Uhr
Sonntag, 26. Juli
9 Uhr
15 Uhr
Montag, 27. Juli
2 Uhr
3.05 Uhr
9.40 Uhr
Dienstag, 28. Juli
8.30 Uhr
Freitag, 31. Juli
18 Uhr
Samstag, 1. August
10 Uhr
15.40 Uhr
Sonntag, 2. August
6.30 Uhr
Montag, 3. August
7 Uhr
17.30 Uhr
22.30 Uhr
Dienstag, 4. August
7.30 Uhr
19.30 Uhr
Mittwoch, 5. August
7.30 Uhr
19.45 Uhr
Donnerstag, 6. August
10 Uhr
16 Uhr
Freitag, 7. August
8.30 Uhr
16 Uhr
Samstag, 8. August
Sonntag, 9. August
10 Uhr
Montag, 10. August
0 Uhr
5 Uhr
7 Uhr
10 Uhr
12 Uhr
13 Uhr
20 Uhr
Dienstag, 11. August
6.15 Uhr
8.15 Uhr
8.30 Uhr
9.10 Uhr
9.30 Uhr
9.50 Uhr
9.55 Uhr
10.30 Uhr
10.40 Uhr
11.05 Uhr
17 Uhr
Danksagung
Für Matilda, Lucy und Amanda
Kurz vor dem oberen Ende der Rolltreppe ließ Laurie Pauls Hand los. Sie waren aus der Finsternis des U-Bahn-Schachts emporgestiegen, zurück ins Licht der menschenleeren Schalterhalle des U-Bahnhofs Euston. Da hier Überwachungskameras waren, musste sie ihr Gesicht verbergen. Um das Gefühl der Trennung zu mildern, drehte sie sich um und gab ihm einen Kuss – als Erinnerung für sie beide daran, warum sie hier waren –, bevor sie sich ihr Shirt halb über den Kopf zog. Sie lächelten einander an, während sie ihre behelfsmäßigen Kapuzen überstülpten. Laurie ging voran auf die Sperren zu.
Zuerst sah sie nur einen der Männer. Einen Moment lang dachte Laurie, es sei ein Arbeiter, der Nachtschicht hatte, aber dann hätte er bestimmt eine Warnweste getragen und kein Trägerhemd. Alles an ihm drückte Aggression aus: wie er dastand, ein wenig breitbeinig und sprungbereit auf den Fußballen, seine muskulösen, tätowierten Arme. Wie er den Bauch anstarrte, den Laurie durch die Zweckentfremdung ihres Shirts entblößt hatte. Unter seinem Blick fühlte sie sich nackt.
»Also«, hörte sie, »das ist ja ein unerwarteter Bonus.« Die Worte kamen von einem anderen Mann, irgendwo seitlich. Die Vokale wurden fast affektiert in die Länge gezogen, so groß war der Genuss dahinter. Ganz kurz drehte Laurie den Kopf, vom Halsausschnitt ihres T-Shirts mit einem Tunnelblick geschlagen, und suchte verzweifelt nach dem Ursprung der Stimme. Dann übernahm der gesunde Menschenverstand das Kommando. Sie wandte sich zur Flucht.
Paul, der unterhalb von Laurie auf der Rolltreppe stand, konnte den Grund für ihr Erschrecken nicht sehen. »Lauf weg!«, schrie sie angsterfüllt. Und dann, während er die Botschaft sichtlich noch verarbeitete und da sein Körper den logischeren Fluchtweg blockierte, schwang sie sich mit einem Satz auf den gummierten Handlauf der Rolltreppe.
So etwas hatte Laurie schon einmal gesehen, vollführt von einem Mann, der nur wenig älter gewesen war als sie – vielleicht Ende zwanzig – und einen zu viel gekippt hatte. Die Geschwindigkeit des Hinunterrutschens hatte ihn überrascht, und er hatte sich auf halbem Weg nach unten den Anzug zerrissen. Sie wusste wenigstens, was sie zu erwarten hatte.
Von dem Augenblick an, als Laurie zu rutschen begann, war klar, dass zwischen dem Gummi und ihrer Baumwollleggins nur sehr wenig Reibungswiderstand herrschte, doch es dauerte einen Moment, bis sie in Fahrt kam, und während sie langsam an dem noch immer regungslosen Paul vorbeiglitt, schaffte sie es, sich das Shirt vom Kopf zu ziehen, sodass sie die Arme wieder richtig bewegen konnte. Das war auch gut so. Die Taschenlampe in der einen Hand, konnte sie so mit der anderen hinter sich den Handlauf packen, sowohl um die Balance zu halten als auch um zu bremsen. Sie war froh über den Handschuh, der sie vor der allerschlimmsten Reibung schützte, als sie mit vor Angst wild hämmerndem Herzen in die Dunkelheit hinabschlitterte.
Kurz darauf spürte Laurie die Krümmung, die anzeigte, dass der Handlauf zu Ende war. Sie flog ein, zwei Meter nach vorn, ehe ihre Füße mit einem Ruck auf dem Boden aufkamen, den ihre Knie nur mit äußerster Mühe abfangen konnten. Hätte sie nicht solche Angst gehabt, so hätte sie vielleicht versucht, Stand zu gewinnen und sich wieder zu fangen; vielleicht wäre sie auch gestolpert. Stattdessen rannte sie los, nutzte die Geschwindigkeit, die sie beim Hinunterrutschen aufgebaut hatte, und verschwendete keine Zeit darauf, sich umzublicken, obwohl ein Trommelwirbel aus eiligen Trampelschritten ihr verriet, dass ihr Verfolger im Anmarsch war.
Stockfinster, wie er war, versprach der abwärtsführende Treppenschacht Sicherheit. Noch ehe Laurie ihn erreichte, hatte sie sich schon die Handschuhe heruntergerissen und die Taschenlampe von der rechten in die linke Hand genommen, bereit, das Geländer auf der rechten Seite zu packen, von dem sie wusste, dass es da sein würde. Sie nahm immer zwei Stufen auf einmal, blieb dabei in den Knien locker und passte ihren Rhythmus mühelos den Absätzen der sich hinabwindenden Treppe an. Hinunter und rundherum ging es, bis keine Stufen mehr kamen.
Durfte sie es sich jetzt gestatten, die Lampe zu benutzen? Sie musste, wenn sie dieses Tempo halten wollte. Rasch knipste sie sie an. Dort war die T-Kreuzung, mit der sie gerechnet hatte: zu den Zügen in Richtung Süden oder zu denen in Richtung Norden, nach links oder nach rechts. Sie bog nach links ab, flitzte um eine Biegung des Gangs und eine weitere Treppe hinunter.
Jetzt war es ihr Laufgurt, dessentwegen Laurie besorgt war. Die reflektierenden Streifen darauf machten ihn zu einer Gefahr. Im Laufen zog sie mit einer Hand den Reißverschluss auf und tastete nach dem Inhalt: die drei Schlüssel, die sie vorhin von dem Bund gelöst hatte, ihr Handy, ihre Oyster Card und der Schlüssel mit dem nummerierten Anhänger, der die Ursache all dieser Schwierigkeiten war. Sie stopfte alles vorn in ihre Leggins. Warum hatte sie nicht irgendetwas mit Taschen angezogen?
Wieder kam sie an eine T-Kreuzung: nach rechts zur Northern Line oder nach links zur Victoria Line. Der Gurt war inzwischen leer. Da sie kein Geräusch machen wollte, umsichtig in all ihrer Angst, blieb Laurie stehen und legte ihn auf den Boden. Durch das Innehalten konnte sie besser hören. Irgendwo hinter ihr hallten Schritte. Sie hatte keine Zeit zu verlieren.
Wieder nach links, und Laurie kam auf dem Bahnsteig heraus, an dem Ende, wo die Züge aus dem Tunnel kamen. Sie machte die Taschenlampe aus und sprintete lautlos den Bahnsteig entlang, auf das südliche Ende zu, wollte nur weg von ihren Verfolgern. Das Geräusch ihres Atmens füllte ihre Ohren und wetteiferte mit dem Hämmern eines adrenalingetriebenen Herzens.
Sie musste dicht vor dem Ende des Bahnsteigs sein. Laurie wurde langsamer, streckte die Arme vor sich aus, tastete nach der Wand. Da war sie! Wenn sie sich in dem Tunnel verstecken konnte, würden die Typen es vielleicht aufgeben, nach ihr zu suchen. Ein Blick nach hinten: Sie konnte keine Schritte hören, doch sie sah den schwachen Schein einer Taschenlampe in dem Gang schimmern, durch den sie gekommen war. Bestimmt hatten die ihren Laufgurt gefunden: Lass sie nach rechts gehen, lass sie nach rechts gehen.
Plötzlich spürte Laurie etwas ziemlich Ekliges: Ihr Handy rutschte innen im Bein ihrer Leggins hinunter. Doch da war noch etwas anderes: Bevor Laurie reagieren konnte, vernahm sie das Klirren eines Schlüssels, der auf den Boden fiel. Hatten ihre Verfolger das gehört? Noch nie war ihr ein Geräusch so laut vorgekommen. Hektisch hockte sie sich hin und tastete den Boden ab; die Taschenlampe anzumachen, konnte sie jetzt nicht riskieren. Dabei huschte ihr Blick zum anderen Ende des Bahnsteigs hinüber. Wurde der Lichtschein etwa heller?
Endlich fand Lauries Hand den harten Rand von gebogenem Metall, fast ganz am Ende des Bahnsteigs: wieder dieser Schlüssel mit dem Anhänger! Als sie ihn ergriff, wurde aus dem Schein ein klar definierter Lichtstrahl. Sie kamen in diese Richtung. Was sollte sie mit dem Schlüssel machen? Noch immer hielt sie die Taschenlampe in der Linken und musste auch noch das Handy irgendwo auf Höhe ihres Knies bergen; sie hatte nicht genug Hände. Keine Zeit zum Nachdenken. Sie würde den Schlüssel eben loswerden müssen. Konnte man ihn hier irgendwo verstecken? Suchend streckte Laurie die rechte Hand aus.
Ja! Da war eine Art Rost. Das musste reichen. Noch immer in der Hocke, schob Laurie den Schlüssel dort hindurch und griff dann in ihre Leggins nach dem auf Abwege geratenen Handy. Jetzt war am anderen Ende des Bahnsteigs ein eindeutiger Lichtkreis zu sehen. War er stark genug, um sie sichtbar zu machen? Laurie verschwendete keine Zeit damit, das herauszufinden. Sie tastete sich zur Bahnsteigkante vor und rutschte auf das Gleis hinunter. Dabei fiel ihr die Taschenlampe aus der Hand.
Das Scheppern hallte den Bahnsteig hinunter. Es war unmöglich, dass Lauries Verfolger das nicht gehört hatten. Sie scherte sich nicht mehr um den Lärm, den sie machte, und eilte, so schnell sie konnte, in den Tunnel, schob sich am Bahnsteig entlang und ließ sich dabei von den Schienen leiten. Binnen Sekunden erleuchtete ein Taschenlampenstrahl die Wand zu ihrer Linken. Ihr einziger Trost war, dass ihr Schatten nicht darauf erschien. Laurie riskierte einen Blick nach hinten. Ohne es zu merken, war sie in einen Tunnel gelaufen, der nach rechts abbog. Durch die Biegung verbargen die Wände den Bahnsteig. Für jeden dort war sie unsichtbar. Die Taschenlampe verschwand. Sie stand wieder im Finstern.
Dann ein Brüllen. Lauries Magen krampfte sich zusammen. Bestimmt war sie entdeckt worden. Nein, natürlich nicht. Das Gebrüll galt nicht ihr. »Brian. Komm her! Die Northern Line, Richtung Süden.« War das der Mann, dessen Stimme sie vorhin gehört hatte? Sie glaubte es jedenfalls.
Bestimmt hatten die sich getrennt, um ihr zu folgen. Er rief nach Verstärkung, aber warum kam er ihr nicht nach? Er wusste doch sicher, dass sie hier drin war. Jetzt war nicht der richtige Zeitpunkt, abzuwarten und das herauszufinden. Rasch, aber zugleich vorsichtig ging Laurie weiter den Tunnel entlang und zwang ihre Panik nieder, während sie nach ihren Verfolgern lauschte. Vielleicht lohnte es sich ja doch, leise zu sein.
Zum ersten Mal seit sie losgerannt war, hatte Laurie Zeit, sich zu fragen, was wohl aus Paul geworden war. Er konnte nicht weit hinter ihr gewesen sein, als sie das Rolltreppengeländer hinuntergerutscht war, aber er war ihr nicht die Treppe hinunter gefolgt. Sie hätte ihn doch gehört. Hatten sie ihn erwischt? Jäh sah Laurie ihn vor sich, zusammengeschlagen und blutend irgendwo in den Tunneln unter dem Bahnhof. Mit einem Kopfschütteln verscheuchte sie das Bild und zwang sich, rational zu sein: Dann hätte sie doch bestimmt etwas gehört. Vermutlich war er unten an der Rolltreppe entweder nach rechts oder nach links abgebogen und hatte insofern Glück gehabt, als ihm niemand gefolgt war.
Laurie ging weiter. Sie war jetzt schon seit ein paar Minuten hier unten unterwegs, und noch immer war hinter ihr nichts zu hören. Vor ihr jedoch vernahm sie Huschen und ein gelegentliches Quieken. Ratten! Laurie hatte sich nie für zimperlich gehalten, aber die Vorstellung, auf irgendetwas draufzutreten, behagte ihr trotzdem nicht. Konnte sie es riskieren, die Taschenlampe wieder anzumachen? Hinter ihr war es ebenso dunkel wie vor ihr; bestimmt war sie vom Tunneleingang aus nicht mehr zu sehen. Und wie spät war es überhaupt? Rasch schaute sie auf ihr Handy: kurz vor drei, kein Grund, sich besonders zu beeilen, aber was gäbe sie dafür, jetzt zu Hause im Bett zu liegen!
Von hinten war kein Geschrei zu hören, als Laurie die Taschenlampe anknipste, keine eiligen Schritte. Vor ihr jedoch flohen ein halbes Dutzend kleine rote Augen vor dem Lichtstrahl, als wäre es ein Flammenwerfer. Im Lichtschein würde sie schneller vorankommen. Wo sie allerdings hinwollte, wusste sie noch immer nicht genau. Der nächste Bahnhof nach Euston in Richtung Süden war King’s Cross – gar nicht weit weg –, aber der war so groß, dass er bestimmt mit vielen Überwachungskameras und abgeschlossenen Türen gesichert war. Das war nicht der richtige Ort, um zu versuchen, aus dem U-Bahn-Netz zu verschwinden.
Und was war mit ihren Verfolgern? Im Nachhinein wunderte sich Laurie nicht, dass sie ihr nicht in den Tunnel hinterhergelaufen waren. Irgendwann war auch ein »unerwarteter Bonus« die Mühe nicht mehr wert. Trotzdem machte sie sich keine Illusionen darüber, was die mit ihr angestellt hätten, wenn sie sie zu fassen bekommen hätten. Jetzt, wo sie anscheinend davongekommen war und das Adrenalin sich verflüchtigte, konnte sie sich gestatten, sich das Schlimmste auszumalen. Wenn sie nun nicht aufgegeben hatten? Wenn sie am Bahnhof King’s Cross auf sie warteten? Die Antwort darauf, wurde ihr jäh klar, war, loszurennen.
Doch nach noch nicht einmal einer Minute tauchte im Licht von Lauries Taschenlampe eine Abzweigung auf; ein zweites Gleis stieß von rechts auf dieses. Bei dem Anblick blieb sie abrupt stehen. Was war denn hier los? Zum ersten Mal sah sie sich mit der furchterregenden Möglichkeit konfrontiert, dass sie sich verirrt haben könnte, dass sie vielleicht hier unten festsitzen würde, bis der Fahrbetrieb am Morgen wiederaufgenommen wurde. Das Einzige, was sie tun konnte, war, sich die Abzweigung zu merken und weiterzulaufen. Wenn sie umkehren musste, könnte sie ja versuchen, stattdessen das andere Gleis hinunterzugehen.
Die Erleichterung folgte binnen Sekunden, als der Lichtstrahl einen Ausgang aus dem Tunnel zeigte. Vor Laurie öffnete sich ein Bahnhof. Sie machte die Taschenlampe aus und ging vorsichtig weiter, bis sie merkte, dass vor ihr kein Boden mehr war: die »Selbstmördergrube«, die sich an jedem Bahnsteig entlangzog. Ein Klappern hallte irgendwo zu ihrer Rechten. Es hätte alles Mögliche sein können, doch es zwang sie, eine weitere unerfreuliche Möglichkeit in Betracht zu ziehen. Was, wenn ihre Eile umsonst gewesen war? Wenn sie gerade in einen Hinterhalt hineinlief? In diesem Moment traf sie ihre Entscheidung: Sie würde King’s Cross durchqueren und die Gleise beim nächsten Bahnhof – Angel Underground Station – verlassen. Damit würde doch bestimmt kein Verfolger rechnen?
Vorsichtig stieg Laurie in die Selbstmördergrube und tastete sich am Bahnsteig entlang, ließ sich von den Schienen leiten. Am Ende der Grube krabbelte sie hinaus und huschte wieder in den Tunnel; wieder hüllte die beklemmende Atmosphäre sie ein. Nachdem sie ungefähr eine Minute lang vorsichtig einen Schritt vor den anderen gesetzt hatte, machte sie die Lampe erneut an und sah – was? – noch mehr Gleise, noch mehr Tunnel. Doch das bedeutete abermals, dass sie schneller laufen konnte, auf einen Ausweg zu, fort von den Verfolgern. Allmählich wurde sie zuversichtlicher, doch gerade als sie ihre Schritte beschleunigte, ließ ein schwacher Lichtschein vor ihr sie jäh stehen bleiben. Waren da Arbeiter auf den Gleisen? Oder war das der Hinterhalt, den sie fürchtete? Schon hatte Laurie die Taschenlampe ausgemacht und war bereit, zurück zu King’s Cross zu fliehen, wenn der Lichtschein stärker wurde. Doch er veränderte sich nicht und war, wie sie bald feststellte, vollkommen lautlos. Was war das?
Unsicher beobachtete Laurie die Situation und wartete ab. Bis jetzt hatte sie trotz der plötzlichen Verwandlung von einer Abenteurerin in einen gejagten Flüchtling und trotz der fast überwältigenden Panik tief im Innern immer gewusst, was sie tat. Dieses Licht jedoch stand viel mehr für das Unbekannte als die Finsternis, die es vertrieb. Sie sehnte sich nach der tröstlichen Vertrautheit der Dunkelheit. Es wäre so leicht, kehrtzumachen. Vielleicht konnte sie ja an King’s Cross und an Euston vorbei bis nach Camden zurücklaufen?
Wahnsinn – genau das war es. Was immer auch die Quelle des Lichts dort vorn war, es konnte nicht schlimmer sein, als im Tunnelnetz der U-Bahn herumzustolpern, bis um halb fünf die Stromschienen wieder eingeschaltet wurden. Warum noch länger versuchen, sich zu verstecken? Laurie ergab sich der Tatsache, dass sie entdeckt werden würde, und ging auf das Licht zu. Sie konnte schließlich erklären, wie sie hier unten gelandet war, nicht wahr?
Von den zehn Fingern, die sie gespreizt vor sich hinhielt, schien der kleine Finger der rechten Hand wenigstens halbwegs sauber zu sein. Laurie strich sich damit eine Haarsträhne aus den Augen und hakte sie hinters Ohr. Das war jetzt das fünfte Mal auf den letzten drei Kilometern, dass ihr die Fahrradkette abgesprungen war; sie hatte eine Stunde für eine Fahrt gebraucht, die eigentlich zwanzig Minuten dauern sollte.
Es reichte: Mit dem Rad musste irgendwas nicht stimmen, was sich am Straßenrand mit Bordmitteln nicht beheben ließ. Es hatte gestern schon ein bisschen gequietscht. Vielleicht war ja der einsame Ausflug entlang des Parkland Walk am Sonntag zu viel gewesen. Nun, wenigstens hatte sie es fast bis Euston geschafft; sie konnte die U-Bahn bis Green Park nehmen und von dort zum Berkeley Square laufen.
Laurie schob das Fahrrad von der Eversholt Street aus die Stufen hinauf, schloss es vor der Haupthalle an den Fahrradständer an, hakte ihre Satteltasche los, vergewisserte sich, dass sie ihre Oyster Card noch bei sich hatte, und machte sich auf den Weg zum Eingang des Bahnhofs. Sie würde zu spät zur Arbeit kommen, und sie würde mit der U-Bahn fahren, wenn das morgendliche Gedränge am allerschlimmsten war.
An der Schranke für die Toiletten stand ein Kassierer. Laurie überlegte, ob sie erklären sollte, dass sie sich nur die Hände waschen wolle, dass sie mit dem Fahrrad unterwegs gewesen sei und kein Kleingeld habe, doch sie besann sich eines Besseren. Bis sie ins Büro kam, würde ein Feuchttuch genügen müssen.
Auf dem Bahnsteig der Victoria Line war es so schlimm, wie Laurie befürchtet hatte. Pendlermassen säumten die Bahnsteigkante, warteten darauf, sich in den nächsten Zug zu quetschen. Dahinter waren die Dinge mehr im Fluss; Menschen liefen den Bahnsteig entlang auf der vergeblichen Suche nach einer Lücke. Laurie schloss sich dem Strom an, trieb nach und nach auf das andere Ende des Bahnsteigs zu und versuchte, nicht darauf zu achten, wie ihr Fahrradtrikot ihr am Rücken klebte. Es würde ein Segen sein, wenn sie sich endlich umziehen und in das Kleid schlüpfen konnte, das in ihrer Fahrradtasche steckte.
Am Ende des Bahnsteigs, dicht vor dem Tunnel, war es nicht ganz so voll, hier bestand zumindest Aussicht darauf, in den nächsten Zug hineinzukommen. Laurie stellte sich dicht an die Bahnsteigkante und starrte auf die Schienen hinunter. Die Hitze und die Menschenmassen waren nicht nur im physischen Sinne bedrückend, sie spürte die Last auch auf der Seele. Der hilflose Groll, den sie nach ihrer unfreiwillig abgebrochenen Fahrradtour empfunden hatte, wuchs sich zu einer schrecklichen, allumfassenden Mattigkeit aus. Die Verzweiflung, die dicht darauf folgte, war vertraut, jedoch nicht weniger unwillkommen. Wenn sie jetzt einfach loslassen, sich auf diese Schienen fallen lassen, alles hinter sich lassen würde?
Früher, in jenen grauenvollen Monaten nach Mums Tod, hätte Laurie ihrem Impuls vielleicht nachgegeben. Aber jetzt nicht mehr, dieses Verhalten gehörte in die Zeit vor zehn Jahren. Sie riss den Blick von den Gleisen los und schaute sich um, nahm ganz gezielt wieder Kontakt mit der Welt um sich herum auf.
Fast so, als wisse er, was nötig war, lächelte der Mann neben ihr, als sie seinem Blick begegnete. Er war zu alt, als dass es ein Annäherungsversuch hätte sein können, und Laurie spürte, wie sich als Antwort Grübchen in ihren Wangen bildeten. Sie schob den Anflug von Depression beiseite, ehe er sich festsetzen konnte. Der Mann trug einen verblüffend eleganten, aber etwas eigenwilligen Anzug, mit aufgesetzten Taschen und Bundfaltenhose – ein bisschen fehl am Platze inmitten der eher gleichförmigen Aufmachung von Lauries Pendlergenossen und ein scharfer Kontrast zu ihrem eigenen Lycra-Outfit.
Der Mann versuchte, ihr etwas zu sagen; er beugte sich vor und zeigte auf seine Nase. Etwas Blankes hing von seiner Hand herab. Laurie sah es pendeln, während sie den Kopf zu ihm hinüberneigte, sich bemühte, ihn durch die Zugansage hindurch zu verstehen, und dabei als Antwort auf sein Lächeln weiterlächelte. Dann veränderte sich die Stimmung der Menge um sie herum. Das Dröhnen aus dem Tunnel neben ihnen wurde lauter; der nächste Zug näherte sich. Die Menschen gingen in Position, drängelten dorthin, wo sich gleich die Türen öffnen würden.
Der Mann schien von dieser menschlichen Woge überrumpelt zu werden. Laurie bemerkte, wie er seine Haltung änderte, um dem plötzlichen Andrang standzuhalten, und sie sah ihn immer noch an, als er merkte, dass sein einer Fuß nicht mehr auf dem Bahnsteig stand. Sie hatte gerade noch Zeit zu registrieren, wie sich sein Gesichtsausdruck von Freundlichkeit in Entsetzen verwandelte, Zeit zu sehen, wie er im Versuch, das Gleichgewicht wiederzufinden, die Hand ausstreckte. Und Zeit zu schreien – eine unwillkürliche Reaktion auf ihre eigene Hilflosigkeit –, ehe er mit schockierender Plötzlichkeit verschwunden war. Der Zug in Richtung Süden kam aus dem Tunnel, rammte seinen stürzenden Körper und schob ihn erbarmungslos in den Bahnhof hinein, ehe er auf halbem Weg den Bahnsteig entlang mit kreischenden Bremsen vorzeitig zum Stehen kam.
Laurie stand da, ihr Schrei war ebenso schnell verstummt, wie er begonnen hatte. Sie starrte auf den U-Bahn-Wagen, der vor ihr erschienen war, dort, wo nur Augenblicke zuvor der Mann gewesen war. Dort drin sah sie Gesichter, auf denen sich erst Erschrecken und dann Verwirrung malte: So hätte ihr Zug nicht anhalten sollen. Sie sah, wie Pendler ihre Würde wiederfanden, nachdem sie von dem unerwarteten Bremsen gegeneinander geschleudert worden waren. Sie hörte eine Durchsage, dass die Victoria Line aufgrund eines Zwischenfalls in Euston bis auf Weiteres nicht fahren werde. Sie sah, wie die Fahrgäste sich aufrafften und die Wagen verließen, wie diejenigen aus dem hinteren Teil des Zuges, der noch im Tunnel steckte, sich ihnen anschlossen. Der Bahnsteig um sie herum leerte sich allmählich.
Kälte breitete sich von der Kopfhaut her über Laurie aus und ließ eine Taubheit zurück, die eine jähe, überwältigende Woge der Klaustrophobie nur noch mehr verstärkte. Sie musste hier weg, musste der Menge zuvorkommen, draußen an der frischen Luft sein. Sie rannte den Bahnsteig hinunter, widmete den Gaffern, die sich an der Spitze des Zuges versammelt hatten, nur einen flüchtigen Blick und fing an, sich durch die Schlange zu drängen, die sich vor der Rolltreppe gebildet hatte, ohne das Murren um sie herum zu beachten.
Was immer Laurie sich auch wünschen mochte, die Fahrt nach oben verlief qualvoll langsam. Da beide Rolltreppen völlig überfüllt waren, konnte sie nur auf langsam emporsteigenden Stufen stehen und warten, bis sie oben ankam. Zur Regungslosigkeit gezwungen, beruhigte sie sich allmählich. Jetzt war ihr die Panik von vorhin peinlich. Sie sah sich um und überlegte, wie nahe sie wohl denjenigen war, die sie eben noch zur Seite geschubst hatte.
Endlich kam Laurie oben an. Ein neuerliches Wedeln mit ihrer Oyster Card, und sie war in der Schalterhalle. Vierzig Sekunden später stand sie wieder draußen auf dem Platz und blickte zu dem Fahrrad hinüber, das sie erst vor wenigen Minuten dort abgestellt hatte. Nichts hatte sich verändert. Der Himmel war von demselben Tiefblau wie schon seit Tagen. Ein Hubschrauber zog über ihr ein Banner hinter sich her, das für eine Versicherung warb; auch den hatte sie vorhin schon gesehen. Die Leute hasteten noch immer mit jener Aura eiliger Zielstrebigkeit zur Arbeit. Keiner von ihnen sah ihr in die Augen oder lächelte gar, so wie es der Mann dort unten getan hatte.
Die Müdigkeit, die Laurie unten auf dem Bahnsteig verspürt hatte, überkam sie von Neuem, diesmal jedoch folgten ihr keine selbstmörderischen Gedanken. Den Mann vor den Zug fallen zu sehen hatte ihnen irgendwie einen Riegel vorgeschoben. Sie ging zu ihrem Fahrrad hinüber. Mit der nutzlos herabhängenden Kette sah es einsam und verlassen aus, wie ein Pferd, das ein Hufeisen verloren hat. Da gab es nur eins. Laurie holte ihr Handy hervor, wischte mit dem Finger das Muster zum Entsperren und drückte zweimal auf die grüne Taste. »Zuhause« leuchtete auf dem Display auf. Sie konnte es klingeln hören, und dann: »Laurie, Liebling. Was gibt’s?« Laurie schaffte es gerade noch bis »Oh, Dad«. Dann brach sie in Tränen aus.
Eigentlich war Dad am Telefon völlig unbrauchbar. Das hatte Laurie auch gewusst, bevor sie ihn angerufen hatte. Doch schon beim Klang seiner Stimme fühlte sie sich besser, und sie musste lächeln, als er sich erbot, zu kommen und sie zu retten, den ganzen Weg von Somerset. Ihr Atem ging allmählich wieder normal, und schließlich war sie in der Lage, einigermaßen beherrscht zu sprechen.
»Ich habe gerade in Euston jemanden vor den Zug fallen sehen.«
Während Laurie die Geschichte erzählte und dabei gerade mal hundert Meter von dort entfernt stand, wo der Unfall passiert war, begann die Spannung in ihrem Innern sich zu lösen. Am Schluss war sie noch immer erschöpft, doch mit der Erschöpfung ging ein Gefühl der Erleichterung einher. Natürlich erzählte sie nichts von den Gedanken, die sie gehabt hatte, kurz bevor der Mann vor den Zug gestürzt war – kein Grund, Dad damit zu belasten. Sie war von zu Hause ausgezogen, sie kam gut zurecht, ehrlich.
Eine Zeit lang antwortete Dad nicht. Laurie spürte das Schweigen durch die Leitung hindurch, und plötzlich wurde ihr klar, was sie getan hatte. Natürlich würde er an Mum denken. Laurie hatte ihren Leichnam nach dem Unfall nicht gesehen, er schon. War das das Bild, das sich jetzt mit Gewalt in seine Gedanken drängte? War es das, was sie über ihn gebracht hatte, als sie, ohne nachzudenken, zu Hause angerufen hatte?
»Dad, es tut mir leid«, begann sie.
»Ist schon gut, Schatz. Ich schaff das schon. Aber ich mache mir trotzdem Sorgen um dich. Warum kommst du nicht her? Ich hol dich vom Zug ab. Ein bisschen frische Luft und so, du weißt schon.«
»Dad, ich bin keine fünfzehn mehr. Ich kann nicht einfach weglaufen, ich brauche diesen Job.«
»Wie, du meinst, du hast trotzdem vor, zur Arbeit zu gehen?«
»Ist das nicht das, was du immer predigst? Wenn man vom Pferd fällt, gleich wieder aufsteigen.«
»Das ist nicht ganz dasselbe. Trotzdem, vielleicht hast du ja recht. Aber du stehst wahrscheinlich unter Schock. Eine ordentliche Portion süßer Tee wäre jetzt genau das Richtige für dich. Renn nicht los, bevor du deinen Blutzucker wieder oben hast. Und natürlich kommst du doch trotzdem dieses Wochenende, oder? Ich nehme mal an, die bei Fitzbillies können dich dann entbehren.«
»Die Firma heißt Fitzalan, Dad. Fitzalan Capital.« Laurie war mehr erheitert als empört, doch sie hatte den flehenden Unterton in seiner Stimme gehört. »Und, ja, natürlich komme ich runter nach Somerset. Ich ruf dich heute Abend an.«
»Gut.« Jetzt klang Dad schon eher so wie sonst. Und als wollte er das beweisen, gab er noch ein paar Ratschläge. »Übrigens, du könntest Zeugin des Unfalls sein. Ich weiß, du hast die Polizei nicht in besonders guter Erinnerung, aber du solltest denen wirklich deinen Namen nennen. Und was dein Fahrrad angeht, hört sich das für mich an, als wäre das Hinterrad nicht richtig justiert. Bestimmt springt die Kette deswegen immer raus.«
»Dad! Das ist Jahre her, und haben die nicht geschworen, dass ich nicht vorbestraft sein würde, solange ich zu diesem Kurs gehe?«
»Tja, das wird dann wohl deine Chance sein, das herauszufinden und zu beweisen, dass du jetzt eine gute, anständige Bürgerin bist.«
Laurie dachte einen Moment nach, nachdem sie das Gespräch beendet hatte. Dann ging sie neben ihrem Fahrrad in die Hocke. Dad hatte recht. Die Achse des Hinterrads lag nicht ganz in der Halterung. Mit einem Schraubenschlüssel würde man das hinkriegen, aber das konnte warten. Sie richtete sich auf, bereit, sich auf den Weg zur Arbeit zu machen – und sofort wurde ihr schwindlig. Da hatte Dad natürlich auch recht gehabt. Süßer Tee reizte sie nicht, aber irgendetwas anderes Leckeres, das wäre genau das Richtige.
Laurie aß mit Schokolade überzogene Paranüsse, als sie durch den Bahnhof zum Büro der British Transport Police ging. Dort gelangte man durch eine Tür, die mit einem Summer geöffnet wurde, in einen Vorraum, der von einem Empfangsschalter mit Panzerglasscheibe beherrscht wurde: ganz und gar nicht so, wie sie das Polizeirevier von Cambridge in Erinnerung hatte. Umso besser. Die Polizistin in der gelben Warnjacke hinter der Scheibe betrachtete skeptisch Lauries Radlerhose und das Trikot, hörte ihr aber zu und schrieb sich ihre Kontaktdaten auf. Wenn eine Untersuchung notwendig würde, versprach sie, würde ein Officer sich melden.
Nachdem das erledigt war, überlegte Laurie, wie sie zur Arbeit kommen sollte. Wieder zur U-Bahn hinunterzugehen, brachte sie nicht über sich: die unvermeidliche Durchsage, dass es »auf der Victoria Line aufgrund eines Zwischenfalls noch zu erheblichen Verspätungen« komme. Noch mehr Menschen als vorher, der Geruch und die Erinnerungen, die er wachrufen würde. Sie würde den Bus nehmen.
»Laurie! Der Lycra-Look ist echt der Hammer an Ihnen. Um mit dem unsterblichen Big Cook zu sprechen, das ist ›heiß, heiß, heiß‹! Haben Sie das für mich angezogen?«
So viel zum Thema, sich unbemerkt hineinschleichen und umziehen zu können, bevor sie jemand sah. Laurie hätte sich denken können, dass Nick hier sein würde. Der verbrachte anscheinend genauso viel Zeit draußen vor der Tür beim Rauchen wie an seinem Schreibtisch. So etwas hätte Laurie sich nie erlauben können, aber mit Mitarbeitern, die der Firma Geld brachten, hatte man immer mehr Nachsicht als mit dem Büropersonal. Wie dem auch sei, sollte sie sich über seine Bemerkung aufregen? Das lohnte sich doch nicht; bestimmt war es besser, in gleicher Münze heimzuzahlen.
»Also, Nick, müssen wir jetzt auch noch eine Vorliebe für Kinderfernsehen zu all Ihren schlechten Angewohnheiten hinzufügen? Sie sind echt abartig.«
Nick lächelte zurück; das Geplänkel machte ihm Spaß. »Na, ich habe doch zwei Kinder, oder? Wie kommt’s denn, dass Sie Big Cook, Little Cook kennen? Bitte sagen Sie nicht, Sie wären jung genug, um sich das noch selbst angeschaut zu haben.«
»Nein.« Laurie lächelte ebenfalls. »Alt genug wäre passender. Ich koche die Rezepte immer mit meiner Patentochter nach. Wenn Sie wollen, kann ich Ihnen das Titellied vorsingen.«
»Warum einen wunderschönen Moment kaputt machen? Übrigens, wussten Sie, dass Sie Schmiere auf der Nase haben?«
Es war nur gut, dass Laurie gerade an Nick vorbeiging, als er das sagte. Bei seinen Worten tauchte augenblicklich das Bild des Mannes auf dem U-Bahnsteig vor ihr auf, wie er sich kurz vor seinem Sturz vorbeugte, um sie anzusprechen, und dabei auf seine Nase zeigte. So konnte sie nun nach unten gehen, duschen und sich umziehen und dabei darüber nachdenken, dass sie jetzt wenigstens wusste, was er hatte sagen wollen. So gefasst und ruhig wie an jedem anderen Tag fand sie sich an ihrem Schreibtisch ein.
Da Henry und die meisten anderen aus dem Team im Urlaub waren, gab es nur wenig Routinearbeit zu erledigen, und Aussicht auf Überstunden bestand ganz bestimmt nicht. Nur einer von Lauries nominellen Vorgesetzten war im Büro. Michael war jung genug, um es gewöhnt zu sein, seine E-Mails selbst zu tippen, und hatte nie auch nur die geringste Neigung gezeigt, ein Diktiergerät zu benutzen. Tat das überhaupt irgendjemand unter fünfzig? Wie dem auch sei, er knurrte zustimmend, als Laurie sich erbot, seine Ablage zu machen, und schien von der Energie, die sie dabei an den Tag legte, sogar fast ein bisschen beeindruckt zu sein. Interessant war die Arbeit nicht gerade, aber es war besser, als bis zur Mittagspause heimlich durch Instagram zu scrollen.
Laurie und die beiden anderen Sekretärinnen standen von ihren Schreibtischen auf und strebten auf die Tür zu, vorbei an Analysten, die noch stundenlang hier sitzen würden. Sie hatte den Arbeitstag erfolgreich überstanden. So weit, so gut. Ins Büro zu gehen war richtig gewesen.
Den Tag bei der Arbeit zu verbringen war das eine; die U-Bahn zu nehmen war etwas anderes. Schon bei dem Gedanken daran erinnerte sie sich augenblicklich an das Gefühl der Hilflosigkeit, während der lächelnde Mann stürzte. Statt mit der U-Bahn fuhr Laurie mit dem Bus zurück nach Euston und marschierte zu den Fahrradständern hinüber, fest entschlossen, den Satz Schraubenschlüssel zum Einsatz zu bringen, den sie sich in der Mittagspause gekauft hatte. Sie kniete sich neben ihrem Rad hin, nahm das Schloss ab und überdachte das Problem, das sie vor sich hatte. Könnte Dad sie per Telefon anleiten, was sie zu tun hatte? Vielleicht konnte sie ja ein YouTube-Video finden.
Gerade wollte Laurie ihr Handy zücken, als sie merkte, dass jemand hinter ihr stand. Sie schaute über die Schulter. Eine dunkle Gestalt hob sich gegen den noch immer blauen Himmel ab. Ihr Herz schlug vor Schreck schneller, doch noch ehe sie Zeit hatte zu reagieren, sagte der Mann: »Kann ich Ihnen helfen?«
Laurie stand auf und sah, dass es sich ebenfalls um einen Radfahrer handelte. Anders als sie hatte der Mann sich jedoch eindeutig nicht die Mühe gemacht, sich nach der Arbeit umzuziehen. Stattdessen ruinierten Fahrradklammern um seine Knöchel den Fall eines blauen Anzugs, unter dem er ein weißes Hemd mit offenem Kragen trug. Der schlanke, muskulöse Hals ließ darauf schließen, dass er ziemlich fit sein musste, doch der Helm machte es schwer, sein Alter zu schätzen. Braune Augen schauten mit freundlicher Anteilnahme in die ihren und hielten ihren Blick fest. Laurie registrierte elegant geschwungene Brauen und Wangen, auf denen ein leichter Bartschatten lag, ehe ihr Blick auf das Fahrrad neben ihm fiel. So blitzblank, dass es durchaus neu sein könnte, aber bloß ein Raleigh, nichts Protziges.
Der Radfahrer lächelte, während er auf Lauries Antwort wartete. Vielleicht hatte sie ihn länger begutachtet, als es der Höflichkeit angemessen war.
»Vielen Dank, das wäre super.«
Der Mann lehnte sein Rad gegen eine Säule, holte einen Schraubenschlüssel aus der kleinen Tasche, die hinter dem Sattel hing, und drehte Lauries Rad um, sodass es auf Lenker und Sattel stand. Binnen Sekunden hatte er das Hinterrad gerade gerichtet; dann vergewisserte er sich, dass es sich frei drehte, ohne an den Bremsbacken zu schleifen, und legte die Kette wieder auf die beiden Zahnkränze, erst auf den am Hinterrad, dann auf den zwischen den Pedalen. Eine kurze Drehung Letzterer mit der Hand stellte sicher, dass die Kette vollständig griff, sodass sie auf das richtige Ritzel der Gangschaltung gleiten konnte. Schließlich drehte er das Fahrrad wieder um und präsentierte es Laurie mit einer ganz kleinen Verbeugung, wie ein Kellner in einem Nobelrestaurant, der das Prestigegericht des Chefkochs serviert.
»Oh, Sie haben doch bestimmt Öl an den Fingern. Ich habe meine den ganzen Tag geschrubbt, aber sie sind immer noch total verschmiert.«
Der Mann hielt beide Hände vor sich und drehte sie hin und her: muskulös und elegant; ein Pianist hätte solche Hände. Und ja, die zwei Finger, mit denen er die Kette gehalten hatte, waren beide ein bisschen ölig.
»Lassen Sie mich das machen«, hörte Laurie sich sagen. Sie holte ein Feuchttuch aus ihrer Fahrradtasche, nahm seine Hand und wischte das Schlimmste weg. Während sie sich um die Finger dieses Fremden bemühte, musste Laurie unwillkürlich an ihr letztes, unbefriedigendes Date denken, vor Monaten, an jenen Kussversuch, der zu nichts geführt hatte, ehe sie ihn abgebrochen hatte. Das hier fühlte sich so viel intimer an, trotz der Unschuld ihres Handelns.
»Probieren Sie das Fahrrad lieber mal aus«, meinte er. »Um sicher zu sein, dass es sich einwandfrei schalten lässt. Ich kann die Gangschaltung jederzeit noch mal nachstellen, wenn’s nicht klappt.«
Insgeheim hoffte Laurie, dass sie nicht so hektisch aussah, wie ihr zumute war. Sie stieg aufs Rad, fuhr einmal bis zu den Stufen und zurück und schaltete dabei. Alles lief gut; tatsächlich fuhr sich das Rad jetzt mit einer Leichtigkeit, die es vorher nicht gehabt hatte, da war sie sich sicher. Als sie zurückkam, hielt der Mann ihre Fahrradtasche in der Hand und hängte sie an dem üblichen Platz über dem Hinterrad ein. O Gott! Sie hatte all ihre Sachen bei ihm zurückgelassen. Was hatte sie sich dabei gedacht? Am liebsten wäre Laurie abgestiegen und hätte nachgeschaut, ob auch nichts fehlte. Lediglich die Peinlichkeit, dass das unhöflich wirken könnte, hielt sie zurück.
»Sieht aus, als wäre bei Ihnen alles klar …« Der Mann zögerte. »Sie haben nicht vielleicht Lust, was trinken zu gehen?«
Laurie entspannte sich ein wenig. So etwas hätte er doch bestimmt nicht vorgeschlagen, wenn er wirklich drauf und dran gewesen wäre, sich mit ihrer Handtasche vom Acker zu machen? Trotzdem kam ihre Antwort automatisch: »Tut mir leid; ich bin Ihnen wirklich sehr dankbar, aber ich muss los. Ich bin sowieso schon spät dran.«
»Wichtiges Date?«
»Na ja, so was in der Art«, erwiderte Laurie und bereute ihre Ablehnung augenblicklich. »Es ist nur, Sie wissen schon …« Sie blieb mitten im Satz stecken, wusste nicht recht, wie sie dieses Gespräch fortsetzen sollte. Und wenn sie ihn nach seiner Telefonnummer fragte?
»Okay. Also, fahren Sie vorsichtig.« Der Mann hob die Hand, fast so, als wollte er sie segnen. Dann nahm er sein Fahrrad und fuhr davon.
Laurie starrte ihm nach. Sie war enttäuscht, wusste allerdings nicht recht, ob von ihm oder von sich selbst. Ganz kurz erwog sie, ihm hinterherzufahren, aber sie musste wirklich nach Hause. Ganz abgesehen von allem anderen hatte sie beschlossen zu kochen, und das hieß, Zutaten besorgen. Ein kurzer Blick in die Fahrradtasche zeigte, dass nichts fehlte – der Mann war so vertrauenswürdig gewesen, wie er aussah –, bevor sie sich daranmachte, das Fahrrad zur Straße zu schieben.
Mit der Schulter drückte Laurie die Wohnungstür auf. Jess telefonierte in ihrem Zimmer; zuerst kicherte sie, dann lachte sie, kehlig und aus vollem Halse. Wahrscheinlich sprach sie mit einem der Marks.
In der Küche stellte Laurie ihre Einkäufe ab und machte sich daran, eine Zwiebel zu schälen. Dann holte sie ihr Handy hervor und schaltete es auf Lautsprecher, während sie die Zwiebel klein schnitt.
Es klingelte zweimal am anderen Ende der Leitung, ehe Dad abnahm. Sie stellte sich vor, wie er dasaß und auf ihren Anruf wartete, das Kreuzworträtsel auf dem Schoß.
»Hallo, Schatz. Wie fühlst du dich? Was hat die Polizei gesagt?«
»Viel besser, danke. Die haben sich nur meine Adresse aufgeschrieben. Ich hatte den Eindruck, dass die das eigentlich gar nicht interessiert hat. Jedenfalls bin ich froh, dass ich zur Arbeit gegangen bin. Das hat mich abgelenkt.«
Wie immer fragte Dad nicht nach Details, und Laurie war klug genug, ihm keine zu erzählen.
»Das war gut. Hast du noch weiter über dieses Wochenende nachgedacht?«
Laurie kratzte die geschnittene Zwiebel in die Pfanne, kippte etwas Öl hinein und drehte die Platte an. »Ja. Ich habe versprochen, am Freitag auf Tessa aufzupassen. Ich dachte, ich nehme wahrscheinlich den Mittagszug am Samstag, wenn du mich vielleicht vom Bahnhof abholen könntest. Den, der um zwanzig vor drei ankommt.«
»Klingt gut. Dann bringst du also dein Fahrrad nicht mit? Wie geht’s dem übrigens?«
»Prima, danke. Du hattest recht mit dem Hinterrad. Ein netter Mann hat’s schließlich für mich in Ordnung gebracht; ich bin gerade damit zurückgefahren. Und, ja, ich fahre morgen wieder mit dem Rad zur Arbeit, aber das Wochenende ist was anderes.«
»Okay, Schatz. Aber sei vorsichtig, ja? Und versuche, dir wegen heute Morgen keinen Kopf zu machen. So etwas passiert einfach.«
»Gut. Ich hab dich lieb, Dad. Bis dann.« Laurie beendete das Gespräch und konzentrierte sich darauf, die Karotte, die sie gerade geschält hatte, in Würfel zu schneiden.
»Wie war das mit dem netten Mann?« Jess war aus ihrem Zimmer gekommen und hatte den letzten Rest des Gesprächs mit angehört.
»Bloß ein Mann in Euston. Hat mir mein Rad repariert.«
Jess zog die Brauen hoch, und Laurie war verblüfft zu spüren, wie sie als Antwort darauf errötete. »Wenn du’s genau wissen willst, er hat mich eingeladen, mit ihm was trinken zu gehen, aber ich habe natürlich Nein gesagt.«
»Natürlich.« Jess verzog ironisch den Mund, was nahelegte, dass sie wohl anders gehandelt hätte. »Laurie, ich werde nicht versuchen, dir zu sagen, dass du öfter ausgehen sollst. Weil, das letzte Mal, als ich das getan habe, hast du gedacht, es stört mich, wenn du in der Wohnung rumhängst, und so hatte ich das überhaupt nicht gemeint. Aber ein bisschen ein Risiko musst du schon eingehen, weißt du? London ist eine tolle Stadt für junge Leute. Gib ihr einfach mal eine Chance.«
Laurie versuchte gar nicht erst, zu protestieren. Sie wusste, dass Jess recht hatte. Das hatte sie schon gewusst, als sie dem Mann auf seinem Fahrrad nachgeschaut hatte.
Jess lächelte. »Alles klar, der Vortrag ist zu Ende. Wer bin ich denn überhaupt, dir was zu erzählen? Hier sitze ich, mit über vierzig und niemand Besonderem in meinem Leben, und muss jüngere Cousinen schröpfen, um meine Hypothek abzuzahlen.« Sie warf einen Blick auf die Pfanne. »Wie kommt’s?«
Laurie überlegte, was sie sagen sollte. Dass sie auf dem Bahnsteig von Euston aus einem Moment der Verzweiflung gerettet worden war, und zwar durch die Freundlichkeit eines Mannes, der gleich darauf unter einen Zug gestürzt war? Und dass sie beschlossen hatte, Kochen wäre das Beste, um sich abzulenken?
»Weiß ich auch nicht. Mir war einfach so. Ist reichlich da, wenn du was abhaben willst.«
»Super. Hier, ein Glas Wein für dich. Bewahre mich davor, eine einsame Alkoholikerin zu werden.«
Das Aufstehen fiel ihr so schwer wie immer, trotzdem war Laurie dankbar für den Wecker. Er rettete sie aus einem Traum von Mum, gefühlt dem ersten seit Jahren: Mum, die flehend die Arme ausstreckte, deren Hände um irgendetwas baten – um was? Hilfe? Erbarmen? Vergebung? Und wie kam ihr Auto auf den U-Bahnhof?
Das Sonnenlicht, das hinter dem Rollo hervordrang, hob Lauries Stimmung. Sie reckte sich, rieb sich den Schlaf aus den Augen und tappte im Schlafanzug in die Küche.
Vierzig Minuten später rollte Laurie die Fortess Road hinunter. Die Ampel am Ende der Straße war rot, und sie bremste, für den Fall, dass ein Fußgänger hinüberwollte. Anhalten würde sie ganz sicher nicht. Gestern Morgen war die Fahrradkette bereits zweimal abgesprungen, bis sie hier angekommen war. Jetzt fühlte es sich an, als führe sie nur zum Vergnügen, ohne festes Ziel. Sie schlängelte sich zwischen den Autos hindurch und freute sich darüber, dass die jetzt diejenigen waren, die sich ärgerten.
Euston war ihr einen zweiten Blick wert, als Laurie vorbeiflitzte. Dann kam die Kreuzung mit der Hauptstraße. Der Verkehr hier war so heftig wie immer. Diese Ampel würde nur ein Verrückter bei Rot überfahren. Laurie hielt an und stützte sich mit dem linken Fuß auf dem Gehsteig ab. Doch Sekunden später bremste ein zweiter Radfahrer neben ihr, und sie hörte eine bekannte Stimme sagen: »Und, wie war Ihr Date?«
Ja, es war der Mann vom Bahnhof! Lauries Herz machte einen kleinen Satz. Nur vor Schreck? Wie groß war die Wahrscheinlichkeit, dass das passierte? Und warum grinste sie so dämlich? Sie verbarg ihre Verlegenheit. »Sind Sie darauf spezialisiert, sich an andere Leute heranzuschleichen?«
Jetzt war die Ampel grün. Der Mann zog nach links, um die Autos vorbeizulassen. Zugleich verstellte er Laurie so den Weg. Das störte sie nicht. Außerdem schuldete sie ihm eine Antwort. »Nicht dass Sie das etwas angeht, aber eigentlich war’s gar kein Date. Ich musste nur zu Hause anrufen.«
Laurie war sich darüber klar, wie dürftig sich das anhörte, doch man musste es dem Mann zugutehalten, dass er nicht weiter nachbohrte. »Sie haben recht, ich war ganz schön neugierig. Und um Ihre Frage zu beantworten, nein, ich bin nicht darauf spezialisiert, mich an andere ranzuschleichen. Ich habe bloß Ihre Fahrradklamotten wiedererkannt.«
Die Ampel zeigte wieder Rot. Laurie richtete sich auf, saß gerade auf dem Sattel, unterstrich damit, dass sie es mit dem Losfahren nicht besonders eilig hatte. Sie spürte den Blick des Mannes. Dann sagte er noch etwas. »Also, wenn Sie schon nicht trinken, wie wär’s dann mit einem Kaffee?«
Er hieß Paul – Paul Collingwood.
Sie schlossen ihre Fahrräder dort an, wo sie sich am Vorabend begegnet waren, und gingen in den Bahnhof. Dort teilten sie sich einen Brownie. Sie sagte, sie könne nicht lange bleiben. Er sagte, er auch nicht.
Laurie betrachtete den Mann, der ihr gegenübersaß. Sie trank einen Cappuccino, er einen Espresso. Jetzt, wo er den Helm abgenommen hatte, konnte sie sein Haar sehen: kurz geschnitten, dunkel – fast schwarz –, genau richtig zum Streicheln. Ein paar graue Strähnen betonten irgendwie den Kontrast zu seinen Farben – bei Haaren und Augenbrauen natürlich, vor allem aber bei seinen Wimpern. Wieso waren ihr die bisher noch nicht aufgefallen? Sie verliehen seinen Augen etwas Sanftes, das fast feminin hätte sein können, wäre nicht die markante Gesichtsform gewesen. Was konnte ein Mann mit solchen Augen alles ausrichten? Sogar die Barista war etwas durcheinander gewesen und ein bisschen errötet, als sie das Wechselgeld für den Kaffee herausgegeben hatte. Das erinnerte Laurie an ihre eigenen kleinen Schwärmereien – die natürlich nie erwidert worden waren – während der zwei Jahre, in denen sie sich in Wells von einem Job als Kellnerin zum nächsten hatte treiben lassen.
Sie unterhielten sich übers Fahrradfahren in London, über Lastwagen, die abbogen, ohne zu blinken, über Touristen, die in die falsche Richtung schauten, wenn sie über die Straße gingen, darüber, dass man den Wind erst bemerkt, wenn er einem entgegenbläst.
»Sind Sie schon immer Fahrrad gefahren?« Das schien ihn aufrichtig zu interessieren.
»Na ja, ich bin in Cambridge aufgewachsen, und da fährt jeder Rad – ist wohl eine Mischung aus armen Akademikern, die sich kein Auto leisten können, und der Tatsache, dass es dort keine Hügel gibt.«
»Und Ihr Dad ist auch so einer? Ein Akademiker?«
»Ja, na ja, jetzt ist er halb im Ruhestand. Er ist mit mir wieder nach Somerset gezogen nach Mums Tod.« Eigentlich hatte Laurie gar nicht so viel preisgeben wollen, doch jetzt, wo sie in Schwung war, wollte sie gar nicht mehr aufhören. Paul hatte etwas an sich, das es einem leicht machte, mit ihm zu reden: wie er ihr eindeutig seine volle Aufmerksamkeit widmete, das Verständnis, das in den Blicken lag, die sie wechselten. Vielleicht war es auch leichter, weil er ein Fremder war, nur kam er ihr gar nicht vor wie ein Fremder.
»Sie war krank, aber es ging ihr allmählich besser, sie hat sich darauf gefreut, wieder zu arbeiten. Sie hat auch in Cambridge gearbeitet, beim MRC – Medical Research Council. Sie war mit dem Auto auf dem Heimweg von einem Hausbesuch und ist mit dem Fuß von der Bremse abgerutscht. Offenbar ist es sehr schnell gegangen.«
Laurie hielt inne und dachte daran, wie Dad gekommen war und sie aus der Schule abgeholt hatte. Wie er versuchte hatte, es ihr zu erklären, wie er genau dieselben Worte benutzt hatte, wie er versucht hatte, ihre Wut und ihre Trauer zu lindern. Von der ungeklärten Todesursache erzählte sie Paul nichts, von der Andeutung, dass vielleicht ihre Antidepressiva schuld gewesen sein könnten. Es war doch ein Unfall, nicht wahr? Das hätte Mum nie getan, so krank sie auch war.
»Das tut mir leid. Ich kann mir so etwas gar nicht vorstellen. Ist es immer noch sehr schlimm?«
»Na ja, es ist fast zehn Jahre her, aber sie fehlt mir immer noch, wenn Sie das meinen. Und direkt danach ging’s mir ziemlich mies. Deswegen ist Dad mit mir auch nach Somerset gezogen, um von Cambridge wegzukommen und von all den Erinnerungen. Mann, was haben wir uns deswegen gezofft, aber er hatte recht. Jetzt geht’s mir so viel besser als damals. Er war toll. Er ist toll.«
Paul lächelte. »Das ist gut. Väter bekommen nicht immer die Anerkennung, die sie verdienen.« Er stockte, als überlege er, ob er mehr sagen sollte, ehe er Laurie mit einem Themenwechsel überraschte. »Was ist Ihre schönste Erinnerung an Ihre Mutter?«
Laurie war verdutzt, musste aber trotzdem lächeln. Das war die perfekte Frage. »Sie einfach nur lachen zu hören – bevor sie krank war. Sie hat unheimlich auf so alte Stummfilme gestanden. Wir haben uns immer zusammen aufs Sofa gekuschelt und uns die angeschaut.«
Das brachte sie zum Vergleich Buster Keaton – Charlie Chaplin und dann zu der Frage, wie oft man Und täglich grüßt das Murmeltier sehen musste, um voll zu erfassen, wie genial das war. Sie unterhielten sich über ihre Lieblingsstadtteile von London. Er meinte, ein Spaziergang durch den Hampstead Heath sei genauso toll wie alles, was man außerhalb von London machen könne. Sie prahlte mit ihren Erkundungen entlang des Treidelwegs.
Paul sah sie an. Warum hatte sie das Gefühl, bewertet zu werden? Und warum machte es ihr nichts aus? »Und was machen Sie beruflich, dass Sie morgens um Viertel nach acht mit dem Fahrrad an Euston vorbeifahren?«, fragte er.
Die Frage holte Laurie in die Wirklichkeit zurück. Es war schon nach neun. Sie konnte von Glück sagen, wenn sie es vor halb zehn nach Mayfair schaffte. »Scheiße, jetzt komme ich den zweiten Tag hintereinander zu spät. Also, es war echt schön, aber ich muss wirklich los. Wie wär’s, wenn wir es heute Abend mal mit dem Drink versuchen? Treffen beim Fahrradständer – gleiche Stelle, um halb sieben?«
Paul nickte lächelnd und stand auf, als Laurie sich zum Gehen anschickte, dann beugte er sich vor und gab ihr einen Abschiedskuss auf die Wange. Zumindest hatte er das bestimmt vorgehabt, doch einen elektrisierenden Moment lang trafen sich ihre Mundwinkel. Laurie raffte ihre Sachen zusammen und eilte hinaus. Was war da gerade passiert?
Es war nur gut, dass Laurie an diesem Vormittag nicht viel zu tun hatte. Immer wieder dachte sie an die Stunde, die sie mit Paul verbracht hatte, und wie sich seine Lippen auf ihren angefühlt hatten. Was bedeutete das Grau in seinem Haar? Er musste mindestens Mitte dreißig sein. Ihr Treffen heute Abend war doch vermutlich ein Date? Könnte das der Anfang von etwas sein? Wie wäre es wohl, mit einem älteren Mann zusammen zu sein? Nun, damit konnte sie sich befassen, wenn es so weit war. Im Augenblick war es einfach schön, dass sie jemanden kennengelernt hatte, mit dem sie reden konnte.
Und warum hatte sie so einen albernen Treffpunkt vorgeschlagen? Wenn das ein Date war, dann konnte sie doch nicht wieder in Fahrradklamotten auftauchen. Und – das würde Jess gefallen – sie wollte, dass es ein Date war. Sie musste ihr Fahrrad also vor dem Büro stehen lassen und mit den öffentlichen Verkehrsmitteln bis Euston fahren.
Das löste aber das Problem nicht, was sie anziehen sollte. Das Kleid, in das Laurie nach ihrer Ankunft in der Firma geschlüpft war, hatte zwei Tage im Büro hinter sich. Es fühlte sich wie eine Arbeitskluft an, und das war nicht richtig. Ein Ausflug in die Oxford Street in der Mittagspause stand an.
Ein Kleid im Schaufenster von French Connection fiel Laurie ins Auge. Es war schwarz, hatte einen V-Ausschnitt und reichte bis knapp übers Knie, und es hatte so etwas Kultiviertes, das sich irgendwie genau richtig anfühlte. Sie ging damit in die Umkleide und begutachtete sich dann im Spiegel davor. Sah sie aus, als würde sie sich zu viel Mühe geben? Hätte sie doch nur irgendjemanden mitgenommen, um eine zweite Meinung zu hören. Irgendjemanden? Wem machte sie hier etwas vor? Außer Jess – und was die sagen würde, wusste sie – gab es nur Lizzie, die ihre Mittagspause niemals mit Shoppen zubringen würde.
»Sieht toll aus. Ich wünschte, ich hätte die Figur dafür.«
Laurie wusste, dass die Verkäuferin nur ihren Job machte; trotzdem war sie dankbar, und sie nahm gern weitere Ratschläge an, als sie sich zu dem Kleid noch ein besticktes Abendtäschchen aussuchte.
