Abgrund - Roderick Gordon - E-Book

Abgrund E-Book

Roderick Gordon

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Beschreibung

Tief unter London irren Will, sein Bruder Cal und Chester auf der Suche nach Wills verschollenem Adoptivvater Dr. Burrows umher. So knüpft Abgrund unmittelbar an Tunnel, den erfolgreichen ersten Teil der Reihe, an. Im Fokus des Geschehens steht vorerst Wills leibliche Mutter Sarah, die den Spuren ihrer Söhne folgt: Aufgrund hinterhältiger Intrigen der Styx ist sie davon überzeugt, dass Will seinen Bruder gewaltsam entführt und sich zu einem unberechenbaren Mörder entwickelt hat. Hin- und hergerissen zwischen der Liebe zu ihrem eigen Fleisch und Blut und dem Hass auf Wills angebliche Tat, entscheidet sie sich schließlich für die Zusammenarbeit mit ihrem erklärten Erzfeind, den Styx - eine Hetzjagd beginnt.

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 882

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Roderick Gordon/Brian Williams

Abgrund

Aus dem Englischen übersetzt von Franca Fritz und Heinrich Koop

Ich weiß nicht, wie es euch gegangen ist, aber ich brannte darauf zu erfahren, wie es nach dem Ende von »Tunnel« weitergeht. Ich wollte unbedingt tiefer graben und all die Geheimnisse ans Licht holen, aber die Autoren speisten mich mit mageren Brocken ab und flüsterten mir etwas zu von neuen Personen, Monstern und seltsamen Inschriften. Jetzt macht einfach weiter mit dieser Geschichte!, bellte ich. Also taten sie’s endlich.

Es ist großartig.

Barry Cunningham, Verleger

 

 

 

Die Originalausgabe erschien 2008 in England unter dem Titel Deeper bei The Chicken House, Frome, Somerset Text © Roderick Gordon und Brian Williams 2008

In neuer Rechtschreibung

1. Auflage 2009

© für die deutsche Ausgabe Arena Verlag, Würzburg 2009 Aus dem Englischen von Franca Fritz und Heinrich Koop Umschlagillustration: © David Wyatt ISBN 978-3-401-80021-9

www.arena-verlag.de

Inhaltsverzeichnis

TEIL EINS – Mit offenem Visier

1

2

3

4

5

6

7

8

9

10

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12

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TEIL ZWEI – Die Heimkehr

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TEIL DREI – Drake und Elliott

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TEIL VIER – Die Insel

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TEIL FÜNF – Der Trichter

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52

53

Und ich lauschte und ich hörte Hämmer schlagen, Tag und Nacht, im Palast, dem neu gebauten, schleiften ihn und seine Macht: leise Hämmer, sanfte Hämmer, stetig ihn zu Fall gebracht.

»The Hammers« von Ralph Hodgson

(1871–1962)

TEIL EINS

Mit offenem Visier

1

Mit einem metallischen Zischen schloss sich die Tür hinter der Frau, die an der Bushaltestelle ausgestiegen war. Scheinbar unberührt vom peitschenden Wind und strömenden Regen sah sie zu, wie sich das Fahrzeug ruckelnd wieder in Bewegung setzte und mit knirschendem Getriebe schwerfällig der gewundenen Straße folgte, die den Hügel hinunterführte. Erst als der Bus vollständig hinter den Rosenhecken verschwunden war, wandte sie sich dem grasbedeckten Hang zu, der sich auf beiden Seiten der Straße erstreckte. Durch den heftigen Wolkenbruch hatte es den Anschein, als würde er mit dem verwaschenen Grau des Himmels verschmelzen, sodass sich kaum sagen ließ, wo das eine anfing und das andere endete.

Die Frau drückte ihren Mantel am Kragen fest zusammen und stieg vorsichtig über die Regenpfützen, die sich am Rand des bröckligen Asphalts gebildet hatten. Obwohl die Gegend menschenleer war, schaute sie sich wachsam um und warf beim Gehen regelmäßig einen Blick über die Schulter. Dabei war an ihrem Verhalten nichts besonders Verdächtiges – jede andere junge Frau an einem ähnlich abgelegenen Ort hätte ihre Umgebung mit der gleichen Sorgfalt beobachtet.

Ihr Erscheinungsbild lieferte kaum einen Hinweis darauf, wer die Frau war. Der Wind blies ihr die braunen Haare ständig ins Gesicht und verdeckte ihre breiten Wangenknochen wie mit einem wehenden Schleier. Auch ihre Kleidung war vollkommen unauffällig. Jeder, der ihr begegnet wäre, hätte sie höchstwahrscheinlich für eine junge Frau aus der Gegend gehalten, die sich auf dem Heimweg zu ihrer Familie befand.

Aber die Wahrheit hätte nicht weiter davon entfernt sein können.

Die Frau war Sarah Jerome, eine entflohene Kolonistin, die sich seit vielen Jahren auf der Flucht befand.

Nachdem sie der Straße ein kleines Stück gefolgt war, stieg sie plötzlich über den unbefestigten Seitenstreifen und warf sich blitzschnell durch eine schmale Öffnung in der Rosenhecke. Sie landete in einer kleinen Senke auf der anderen Seite des Dornengestrüpps, duckte sich und drehte sich vorsichtig um, damit sie die Straße sehen konnte. Geschlagene fünf Minuten hockte sie in diesem Versteck, lauschte und beobachtete hochgradig wachsam ihre Umgebung. Doch außer dem trommelnden Regen und dem Tosen des Windes war nichts zu hören. Sie war wirklich allein.

Entschlossen band sie sich ein Tuch um den Kopf und krabbelte aus der Senke. Dann entfernte sie sich rasch von der Straße und durchquerte ein Feld, das im Schutz einer Mauer aus locker aufgeschichteten Steinen lag. Anschließend kletterte sie zügig und ohne ihr Tempo zu verlangsamen eine steile Anhöhe hinauf. Auf der Kuppe des Hügels angekommen, wo ihre Silhouette vor dem weiten Himmel deutlich zu sehen war, vergeudete Sarah nicht eine Sekunde und hastete sofort den Weg auf der anderen Seite hinunter – hinab in das Tal, das sich vor ihr öffnete.

Um sie herum strich der Wind über das Gelände und wirbelte den Regen zu Strudeln, die an kleine Tornados erinnerten. Doch inmitten dieser windgepeitschten Umgebung rührte sich plötzlich etwas, eine Bewegung, die sie aus den Augenwinkeln wahrnahm. Sarah erstarrte, drehte sich um und erhaschte einen kurzen Blick auf eine blasse Gestalt. Ein eisiger Schauer jagte ihr über den Rücken … Diese Bewegung passte nicht zum wogenden Tanz der Heidekräuter und dem heftigen Nicken der Gräser – sie hatte einen vollkommen anderen Rhythmus.

Sarah fixierte die Stelle, bis sie schließlich sah, worum es sich handelte: Dort am Talhang kam ein junges Lamm in Sicht, das zwischen den hohen Grasbüscheln wild umhertollte. Doch im nächsten Moment machte es einen Satz und sprang hinter ein Gestrüpp aus verkrüppelten Bäumen, als hätte es vor irgendetwas Angst. Sarahs Nerven waren zum Zerreißen gespannt. Was hatte das Lamm vertrieben? War noch irgendjemand in der Nähe – vielleicht ein anderer Mensch? Ihr gesamter Körper versteifte sich, und sie atmete erst auf, als das Lamm erneut auftauchte, diesmal in Begleitung seiner Mutter, die mit geistesabwesendem Blick wiederkäute, während sich das Lamm an ihre Seite kuschelte.

Auf Sarahs Gesicht zeigte sich keine Spur von Erleichterung oder Belustigung. Ihr Blick ruhte nicht länger auf dem Lamm, das nun wieder umhertollte und sein prachtvoll weißes Fell präsentierte, welches sich deutlich vom groben, mit Schlamm bespritzten Wollpelz des Mutterschafs unterschied. Für solche Zerstreuungen war in Sarahs Leben kein Platz, weder jetzt noch jemals. Längst sondierte sie die gegenüberliegende Seite des Tals und überprüfte sie auf alles, was dort nicht hingehörte.

Dann setzte sie sich wieder in Bewegung und suchte sich einen Weg durch die Stille der üppig grünen Vegetation und über die glatt geschliffenen Steine, bis sie einen kleinen Bach in der Krümmung des Tals erreichte. Ohne Zögern stieg sie in das kristallklare Gewässer, folgte dem Bachlauf und nutzte gelegentlich moosbewachsene Felsbrocken als Trittsteine.

Als der Wasserspiegel des Bachs anstieg und über den Rand ihrer Schuhe zu schwappen drohte, sprang sie zurück ans Ufer, das mit einem weichen grünen Graspolster bedeckt war, welches die Schafe kurz gehalten hatten. Trotzdem behielt Sarah ihr unermüdliches Tempo bei, bis bald darauf ein verrosteter Drahtzaun in Sicht kam. Sarah wusste, dass dahinter ein Feldweg anstieg.

Schließlich entdeckte sie das, was sie gesucht hatte: An der Stelle, wo der Feldweg den Bach kreuzte, erhob sich eine grob gemauerte Steinbrücke, deren bröcklige Pfeiler stark reparaturbedürftig waren. Ihr Weg führte sie direkt auf die Brücke zu, und sie fiel in einen leichten Trab, um möglichst schnell zu der Stelle zu kommen. Innerhalb weniger Minuten hatte sie ihr Ziel erreicht.

Rasch duckte sie sich unter die Brücke und blieb einen Moment stehen, um sich den Regen aus dem Gesicht zu wischen. Dann schlich sie auf die andere Seite, wo sie reglos innehielt und den Horizont studierte. Die Abenddämmerung hatte bereits eingesetzt und der rosige Schein frisch entzündeter Straßenlaternen schimmerte durch ein Eichenwäldchen, das bis auf die Kirchturmspitze sämtliche Gebäude des weit entfernten Dorfs verdeckte.

Sie kehrte etwa zur Mitte der Brückendecke zurück, tief gebückt, damit sich ihre Haare nicht an den rauen Steinen verfingen. Schließlich fand sie einen unregelmäßig geschnittenen Granitblock, der leicht aus der Fläche der anderen Steine herausragte. Mit beiden Händen begann sie, den Granitstein zu lockern, kantete ihn nach links und rechts, vor und zurück, bis er sich löste. Der Block hatte die Größe und das Gewicht mehrerer Ziegelsteine, und Sarah ächzte vor Anstrengung, als sie sich bückte und ihn auf dem Boden ablegte.

Dann richtete sie sich auf, warf einen Blick in den Hohlraum hinter dem Block, steckte ihren Arm bis zur Schulter hinein und tastete suchend das Gestein ab. Das Gesicht fest gegen das Mauerwerk gepresst, fand sie endlich eine Kette und zog daran. Die Kette rührte sich nicht von der Stelle. Mit aller Kraft versuchte sie es erneut, doch ohne Erfolg. Leise fluchend holte sie tief Luft, um sich für einen weiteren Versuch zu wappnen. Dieses Mal gab die Kette nach.

Eine Sekunde lang geschah gar nichts, während Sarah weiterhin mit einer Hand an der Kette zog. Dann hörte sie ein tiefes Dröhnen wie von einem weit entfernten Donnerhall, das aus dem Inneren der Brücke aufstieg.

In einem Hagel aus Mörtelstaub und getrockneten Flechten traten plötzlich bis dahin verborgene Fugen zutage, und nachdem ein Teil der Mauer zuerst nach hinten und dann nach oben geschwungen war, öffnete sich direkt vor Sarah ein unregelmäßig geformtes, türgroßes Loch. Nach einem letzten Dröhnen, das die gesamte Brücke erbeben ließ, kehrte wieder Stille ein – außer dem Plätschern des Bachs und dem Prasseln des Regens war nichts zu hören.

Sarah trat einen Schritt in die düstere Öffnung hinein, holte eine kleine Schlüsselringlampe aus ihrer Manteltasche und schaltete sie ein. Der schwache Lichtschein zeigte, dass sie sich in einer etwa fünfzehn Quadratmeter großen Kammer befand, in der sie gerade eben aufrecht stehen konnte. Sarah sah sich um und bemerkte die träge durch die Luft schwebenden Staubteilchen und dichte Spinnweben, die wie Girlanden von der Decke hingen.

Der Raum war von Sarahs Ururgroßvater errichtet worden, in dem Jahr, in dem er seine Familie für ein neues Leben in der Kolonie mit unter die Erde genommen hatte. Der Steinmetzmeister hatte damals alle Register seines Handwerks gezogen, um die Kammer innerhalb der zerfallenen, baufälligen Brücke zu kaschieren, und dazu ganz bewusst ein Gelände gewählt, das meilenweit von der nächsten Siedlung entfernt an einem selten genutzten Feldweg lag. Warum er all diese Mühen auf sich genommen hatte, wussten weder Sarahs Mutter noch ihr Vater zu sagen. Doch welchem Zweck der Raum ursprünglich auch gedient haben mochte – er zählte zu den wenigen Orten, wo Sarah sich wirklich sicher fühlte. Sie glaubte fest, dass niemand sie hier jemals finden würde – ob diese Annahme nun begründet war oder nicht. Langsam nahm sie das Kopftuch ab und schüttelte ihre Haare, gönnte sich einen kurzen Moment der Ruhe.

Als sie zu einem schmalen Steinvorsprung an der Wand gegenüber dem Eingang ging, durchbrachen ihre Schritte die Grabesstille. Links und rechts der Steinbrüstung ragten zwei rostige Eisenzinken, deren Spitzen von dicken Fellfutteralen bedeckt waren, aus dem Mauerwerk.

»Es werde Licht!«, sagte sie leise. Sie streckte die Arme aus und zog die beiden Fellhüllen gleichzeitig fort, sodass zwei leuchtende Kugeln zum Vorschein kamen, die auf den Spitzen der Zinken thronten.

Aus den kaum nektarinengroßen Glaskugeln brach ein unheimliches grünes Licht hervor, das so grell war, dass Sarah sich die Augen abschirmen musste. Es schien, als hätte sich ihre Energie unter den Lederhüllen über einen langen Zeitraum angesammelt und nur darauf gewartet, sich einen Weg in die neu gefundene Freiheit zu bahnen. Behutsam strich Sarah über eine der Kugeln; sie spürte die eiskalte Oberfläche unter ihren Fingerspitzen und erschauderte, als hätte die Berührung eine Art Verbindung mit der verborgenen Stadt hergestellt, in der Leuchtkugeln ein alltäglicher Anblick waren.

Der Schmerz und das Leid, das sie unter diesem Licht hatte ertragen müssen …

Sarah zog ihre Hand zurück und tastete die dicke Staubschicht auf dem Steinvorsprung ab.

Wie erhofft, stießen ihre Finger auf einen kleinen Plastikbeutel. Lächelnd nahm sie ihn herunter und schüttelte ihn, um den Schmutz zu entfernen. Der Beutel war zugeknotet, doch trotz der kalten Finger gelang es ihr, den Knoten schnell zu öffnen. Dann zog sie einen ordentlich gefalteten Zettel hervor, hob ihn an die Nase und roch daran. Das Papier war feucht und muffig. Instinktiv wusste sie, dass die Nachricht mehrere Monate dort gelegen haben musste.

Obwohl nicht bei jedem ihrer Besuche eine Nachricht auf sie wartete, hätte sie sich ohrfeigen können, dass sie nicht schon früher zur Kammer gekommen war. Aber sie gestattete es sich nur selten, diesen »Briefkasten« öfter als alle sechs Monate zu überprüfen, da dieser Postverkehr für alle Beteiligten mit großen Gefahren verbunden war. Die Besuche in der Kammer waren für sie die einzige Gelegenheit, um wenigstens indirekt Kontakt zu den Menschen aus ihrem früheren Leben aufzunehmen. Und es bestand immer das Risiko, dass man den Kurier beschattet hatte, während er aus der Kolonie ausgebrochen und in Highfield an die Erdoberfläche gekommen war. Auch die Möglichkeit, dass er während der Reise von London hierher entdeckt worden war, durfte Sarah nicht außer Acht lassen. Nichts durfte als selbstverständlich hingenommen werden. Ihre Feinde waren geduldig, unglaublich geduldig und berechnend, und Sarah wusste, dass sie in ihren Bemühungen, sie zu fangen und zu töten, niemals nachlassen würden. Sie musste sie mit ihren eigenen Mitteln schlagen.

Sarah warf einen Blick auf die Uhr. Bei jedem ihrer Besuche der Brückenkammer wählte sie sowohl beim Hin- als auch beim Rückweg immer eine andere Route, und für die Querfeldeinstrecke zum benachbarten Dorf, wo sie den Bus nach Hause nehmen wollte, hatte sie nicht viel Zeit eingeplant.

Eigentlich hätte sie sich auf den Weg machen müssen, aber die Sehnsucht nach Neuigkeiten von ihrer Familie war einfach zu groß. Dieses Stück Papier bildete ihre einzige Verbindung zu ihrer Mutter, ihrem Bruder und ihrem Sohn – der Brief war für sie wie ein Rettungsanker.

Sie musste einfach wissen, was in dem Brief stand. Erneut schnupperte sie daran.

Doch neben ihrem Bedürfnis nach Informationen über ihre Familie war da noch etwas, das sie drängte, von der genau durchdachten Vorgehensweise abzuweichen, an die sie sich bei ihren Besuchen normalerweise immer sklavisch hielt.

Es schien, als würde das Papier einen charakteristischen und unerfreulichen Geruch verströmen, der sich über die verschiedenen Moder- und Schimmelnoten in der feuchten Kammer hinwegsetzte, einen scharfen, unangenehmen Geruch – den Gestank schlechter Nachrichten. Ihre Vorahnung hatte ihr bis zu diesem Moment immer gute Dienste geleistet, und sie hatte nicht vor, sie diesmal zu missachten.

Mit einem mulmigen Gefühl, das immer stärker wurde, starrte sie tief in eine der Leuchtkugeln und drehte den Brief in den Händen, während sie gegen den Drang ankämpfte, ihn sofort zu öffnen. Bestürzt über ihre eigene Schwäche verzog sie schließlich das Gesicht und brach das Siegel auf. Im grünlichen Lichtschein der Glaskugeln warf sie einen Blick auf das Schreiben.

Sarah runzelte die Stirn. Die erste Überraschung bestand darin, dass die Nachricht nicht von ihrem Bruder stammte. Die kindliche Handschrift war ihr vollkommen unbekannt. Bisher hatte Tam jeden Brief selbst verfasst. Sarahs ungutes Gefühl hatte sich als berechtigt erwiesen – sie wusste sofort, dass irgendetwas nicht in Ordnung war. Sie drehte den Papierbogen um und überflog die Seite bis zum unteren Ende, um nachzusehen, ob jemand den Brief unterzeichnet hatte. »Joe Waites«, sagte sie leise. Ihr Unbehagen wuchs von Minute zu Minute. Irgendetwas stimmte hier nicht: Joe hatte gelegentlich als Bote fungiert, aber die Nachricht hätte von Tam kommen sollen.

Beklommen biss sie sich auf die Lippe und begann zu lesen, raste durch die ersten Zeilen.

»Oh mein Gott«, stieß sie hervor und schüttelte den Kopf.

Fieberhaft überflog sie die erste Seite des Briefs erneut, unfähig, das Gelesene zu akzeptieren. Sie musste es missverstanden haben, sagte sie sich. Oder vielleicht handelte es sich ja auch um einen Irrtum. Aber die Nachricht war eindeutig; die schlicht formulierten Worte ließen keinen Raum für Fehlinterpretationen. Und es gab für sie auch keinen Grund, an der Aussage des Schreibens zu zweifeln – diese Nachrichten waren das Einzige, worauf sie sich verließ, die einzige Konstante in ihrem wechselhaften, unbeständigen Leben. Die Briefe gaben ihr einen Grund, überhaupt weiterzuleben.

»Nein, nicht Tam … nicht Tam«, schluchzte sie.

Wie vom Blitz getroffen, sank sie gegen die Steinbrüstung und lehnte sich gegen das Mauerwerk, um Halt zu finden.

Zitternd holte sie Luft und zwang sich, den Rest des Briefs zu lesen, wobei sie heftig den Kopf schüttelte und ununterbrochen murmelte: »Nein, nein, nein, nein … das kann nicht sein …«

Und als wäre die erste Seite nicht schon schlimm genug gewesen, erwies sich das Geschriebene auf der Rückseite des Briefs als zu viel für sie. Wimmernd stieß sie sich von der Brüstung ab und taumelte in die Mitte der Kammer. Sie schlang die Arme um den Körper und starrte schwankend und mit leerem Blick an die Decke.

Und dann hatte sie plötzlich das Gefühl, aus dem Raum hinaus an die frische Luft zu müssen. In panischer Eile stürzte sie aus der Tür, entfernte sich aus dem Schutz der Brücke und taumelte zum Bachufer. Inzwischen hatte sich die Dunkelheit wie ein Tuch über die Landschaft ausgebreitet und der Regen war in ein feines, aber beharrliches Nieseln übergegangen. Blind stolperte und rutschte Sarah über das feuchte Ufergras. Sie wusste nicht, wohin sie lief, und es war ihr auch egal.

Sie war noch nicht weit gekommen, als sie plötzlich das Gleichgewicht verlor und mit einem lauten Platscher im Bach landete. Langsam ließ sie sich auf die Knie sinken, bis das klare Wasser ihre Hüfte umspülte. Doch der Schmerz war so überwältigend, dass sie die eisige Kälte der Fluten nicht spürte. Ihr Kopf schwankte haltlos auf den Schultern, als durchlitte sie die schlimmsten Qualen.

Und dann tat sie etwas, was sie seit dem Tag ihrer Flucht nach Übergrund nicht mehr getan hatte – dem Tag, an dem sie ihre beiden kleinen Kinder und ihren Ehemann verlassen hatte: Sie begann zu weinen. Zunächst stiegen ihr nur ein paar Tränen in die Augen, doch dann konnte sie sich nicht länger zurückhalten und die Tränen strömten ihr über die Wangen.

Es war, als wäre ein Damm gebrochen: Sie weinte und weinte, bis sie keine Tränen mehr hatte. Als sie langsam auf die Beine kam und sich gegen die steigende Strömung des Bachs stemmte, hatte sich ihr Gesicht zu einer Maske aus eisiger Wut und Entschlossenheit verzerrt. Sie ballte die nassen Hände zu Fäusten, riss sie hoch in die Luft. Und dann stieß sie einen rohen Schrei aus, der durch das ausgestorbene Tal hallte.

2

Also keine Schule morgen«, brüllte Will Chester ins Ohr, während der Grubenzug sie von der Kolonie wegbeförderte und immer tiefer in Richtung des Erdinneren raste.

Im nächsten Moment brachen sie in hysterisches Gelächter aus, das jedoch nur kurz andauerte. Danach saßen sie schweigend nebeneinander, einfach nur froh, wieder vereint zu sein. Während die Dampflok über die Gleise stampfte, blieben sie reglos auf dem Boden des riesigen offenen Waggons sitzen, in dem Will seinen Freund Chester unter einer Plane entdeckt hatte.

Nach ein paar Minuten zog Will die Beine an und rieb sich das Knie, das von seiner ziemlich harten Landung in der Lore noch immer sehr wehtat. Chester beobachtete Wills Bemühungen, den Schmerz zu lindern, und warf ihm einen fragenden Blick zu, woraufhin Will seinem Freund mit erhobenem Daumen »Alles in Ordnung!« signalisierte und eifrig nickte.

»Wie bist du hierhergekommen?«, rief Chester, im Versuch, sich über das höllisch laute Rattern des Zuges hinweg verständlich zu machen.

»Cal und ich …«, brüllte Will zurück und zeigte erst über seine Schulter in Richtung Zugspitze, wo er seinen Bruder zurückgelassen hatte, und dann zur Tunneldecke über ihnen, »… sind gesprungen … Imago hat uns geholfen.«

»Hä?«

»Imago hat uns geholfen«, wiederholte Will.

»Imago? Was ist das?«, rief Chester noch lauter und legte eine Hand ans Ohr.

»Egal«, erwiderte Will, schüttelte langsam den Kopf und wünschte, sie beide beherrschten die Kunst des Lippenlesens. Er schenkte seinem Freund ein breites Grinsen und rief: »Einfach toll, dass es dir gut geht!«

Will wollte Chester den Eindruck vermitteln, dass nicht der geringste Grund zur Sorge bestand, obwohl er selbst vor Zukunftsängsten kaum geradeaus denken konnte. Er fragte sich, ob sein Freund überhaupt wusste, dass sie in die Tiefen fuhren – an einen Ort, von dem selbst die Bewohner der Kolonie nur mit Furcht in der Stimme sprachen.

Er drehte den Kopf und schaute auf das Waggonende hinter ihm. Die Lokomotive und die Loren waren um einiges größer als jene, die er an der Erdoberfläche gesehen hatte. Die Aussicht, wieder nach vorne zur Zugspitze zu kraxeln, wo sein Bruder auf ihn wartete, gefiel ihm gar nicht. Es war kein Spaß gewesen, den hinteren Teil des Zugs zu erreichen. Will wusste, selbst die kleinste falsche Bewegung hätte dazu führen können, dass er abgerutscht, auf den Gleisen gelandet und von den riesigen, donnernden und funkenschlagenden Rädern zermalmt worden wäre. Er mochte gar nicht daran denken. Rasch holte er tief Luft.

»Bist du bereit?«, rief er Chester ins Ohr.

Sein Freund nickte und rappelte sich mühsam auf. Er klammerte sich an die Hinterwand des Waggons und versuchte, sich gegen die unablässigen Schlingerbewegungen zu stemmen, während der Zug durch die zahlreichen Kurven im Tunnel ratterte.

Chester trug die übliche Koloniebekleidung – eine Hose aus dickem Tuch und einen kurzen Mantel –, doch als der Mantel sich öffnete, erschrak Will über den Anblick, der sich ihm bot.

Sein Freund hatte wegen seiner imposanten Figur in der Schule den Spitznamen »Schrank« oder »Chester-Kommode« getragen, doch jetzt wirkte er abgemagert, fast gebrechlich. Allerdings konnte Will sich nur allzu genau vorstellen, wie schrecklich die Zeit im Zellentrakt gewesen sein musste. Denn schon kurz nach ihrer Ankunft in der unterirdischen Welt, auf die er und Chester ahnungslos gestoßen waren, hatte ein Kolonie-Polizist sie aufgegriffen und in eine feuchte, dunkle Arrestzelle geworfen. Während Will nur etwa vierzehn Tage dort festgehalten worden war, hatte Chester viel härtere Torturen erleiden müssen – er war Monate dort eingesperrt gewesen.

Will ertappte sich dabei, wie er seinen Freund anstarrte, und senkte rasch den Blick, von Gewissensbissen gequält. Er wusste, dass er allein die Schuld trug an allem, was Chester durchgemacht hatte. Er und niemand anderes war dafür verantwortlich, dass Chester überhaupt in die Sache hineingezogen worden war – angetrieben von seinem impulsiven Verhalten und seiner beharrlichen Entschlossenheit, seinen verschwundenen Vater wiederzufinden, hatte er ihm das alles eingebrockt.

Chester sagte irgendetwas, aber Will verstand kein Wort. Stattdessen betrachtete er seinen Freund im Schein der Leuchtkugel, die er in der Hand hielt. Chesters Gesicht war mit einer dicken Schicht Ruß bedeckt, den der schwefelhaltige Qualm der Lokomotive hinterlassen hatte. Nur das Weiß seiner Augen leuchtete hervor.

Es war unverkennbar, dass Chester nicht gerade vor Gesundheit strotzte. Zwischen den Rußschlieren schimmerten violette Beulen, von denen manche an den Stellen, wo die Haut aufgescheuert war, rötlich leuchteten. Seine Haare klebten ihm fettig an den Schläfen. Doch an der Art und Weise, wie Chester ihn seinerseits musterte, erkannte Will, dass er selbst kaum besser aussah.

Aber im Moment gab es weitaus Wichtigeres zu bedenken. Will marschierte auf die Vorderwand der Lore zu und wollte sich gerade darüberhieven, als er innehielt und sich zu seinem Freund umdrehte. Chester war extrem unsicher auf den Beinen, was allerdings auch am unregelmäßigen Schlingern des Zugs liegen konnte.

»Schaffst du das?«, rief Will.

Chester nickte halbherzig.

»Wirklich?«, hakte Will nach.

»Klar!«, brüllte Chester zurück und nickte mit ein wenig mehr Begeisterung als zuvor.

Doch der Wechsel von Waggon zu Waggon war ein schwieriger Kraftakt, und nach jeder Kletterpartie benötigte Chester eine Ruhepause, die von Mal zu Mal länger ausfiel. Das Ganze wurde zusätzlich durch die Tatsache erschwert, dass der Zug noch an Geschwindigkeit zulegte. Es schien, als müssten die Jungen gegen einen Sturm der Windstärke zehn ankämpfen, der ihnen ins Gesicht peitschte, während der stinkende Qualm ihnen bei jedem Atemzug in die Lunge drang. Hinzu kam die Gefahr der glühenden Aschepartikel, die knapp über ihren Köpfen wie ein Schwarm gereizter Glühwürmchen hinwegrasten. Als der Zug immer stärker beschleunigte, riss der Fahrtwind so viel Asche mit, dass die trübe Dunkelheit um sie herum von einem orangefarbenen Schein erhellt wurde. Dafür brauchte Will seine Leuchtkugel nicht mehr hochzuhalten.

So kämpften sie sich von Waggon zu Waggon. Chester konnte sich schließlich nur noch mit Mühe auf den Beinen halten, obwohl er sich an den Seitenwänden der Loren abstützte.

Endlich musste er sich eingestehen, dass er es nicht schaffte. Er ließ sich auf alle viere sinken und krabbelte schwerfällig und mit gesenktem Kopf hinter Will her. Doch Will hatte nicht vor, tatenlos zuzusehen, wie sich sein Freund vorwärtsschleppte: Er überhörte einfach Chesters Protest, schlang einen Arm um seine Hüfte und half ihm hoch.

Es kostete Will enorme Mühe, Chester durch die verbliebenen Waggons zu befördern, und er musste ihn förmlich über jede der Wände hieven.

Will war unendlich erleichtert, als er sah, dass sie nur noch eine Lorenwand überwinden mussten – er hatte ernsthafte Zweifel, ob er seinen Freund noch sehr viel weiter hätte schleppen können. Während er Chester stützte, streckten beide gleichzeitig einen Arm nach der Hinterwand des letzten Waggons aus und hielten sich daran fest.

Entschlossen holte Will tief Luft und wappnete sich. Chester bewegte seine Gliedmaßen ungelenk, als könnte er sie kaum noch steuern. Inzwischen lastete Chesters gesamtes Gewicht auf Will, der sich nur mit Mühe aufrecht hielt. Das Klettern war an sich schon schwierig genug, aber es schien einfach zu viel verlangt, die Lorenwand mit dem zusätzlichen Gewicht eines riesigen Kartoffelsacks unter dem Arm überwinden zu wollen. Unter Aufbietung all seiner verbliebenen Kräfte hievte Will seinen Freund über die Eisenwand, und mit viel Ächzen und Stöhnen schafften sie es schließlich auf die andere Seite, wo sie sich in einen Strohhaufen auf dem Boden des Waggons fallen ließen.

Sofort wurden sie in grelles Licht getaucht. Zahllose Leuchtkugeln von der Größe dicker Murmeln kullerten wild über den Boden der Lore. Sie waren aus der zerbrochenen Lattenkiste herausgerollt, die Wills Sturz beim Sprung auf den Zug gemildert hatte. Will hatte sich bereits einige Kugeln in die Taschen gesteckt, doch er wusste, dass er sich dringend um die restlichen kümmern musste – er konnte es nicht riskieren, dass einer der im Zug mitreisenden Kolonisten den Lichtschein entdeckte und nach der Ursache forschen kam.

Doch im Moment hatte er alle Hände voll damit zu tun, seinem schwachen Freund auf die Beine zu helfen. Erneut legte er ihm den Arm um die Hüfte und trat die Leuchtkugeln aus dem Weg, damit sie nicht darüber stolperten. Die Kugeln rollten wild durcheinander, zogen kleine Leuchtspuren hinter sich her und kollidierten mit anderen Kugeln, die ihrerseits wie in einer gigantischen Kettenreaktion in Bewegung versetzt wurden.

Will holte keuchend Luft und bekam die Auswirkungen seines Kraftakts immer deutlicher zu spüren, als sie die kurze, noch verbliebene Strecke im Waggon zurücklegten. Während sie sich mühsam und strauchelnd voranschleppten, geblendet vom wirbelnden Lichtschein, fühlte Will sich wie ein Soldat, der seinem verwundeten Kameraden zurück zum Schützengraben helfen will, aber von einer feindlichen Leuchtbombe mitten im Niemandsland erwischt wird.

Chester schien kaum etwas von dem mitzubekommen, was um ihn herum passierte. Der Schweiß rann ihm in Strömen über die Stirn und zeichnete weiße Furchen in die Schicht aus Ruß und Kohle auf seinem Gesicht. Will spürte, wie Chesters Körper heftig zitterte, während er kurz und flachatmig nach Luft schnappte.

»Es ist nicht mehr weit«, brüllte er Chester ins Ohr und drängte ihn weiterzugehen. Endlich näherten sie sich dem Bereich des Waggons, wo zahlreiche Holzkisten gestapelt standen. »Cal ist gleich da drüben.«

Sein Bruder saß mit dem Rücken zu ihnen, als sie ihn endlich erreichten. Er hatte sich keinen Zentimeter von der Stelle bewegt, an der Will ihn – inmitten einer gesplitterten Lattenkiste – zurückgelassen hatte. Der ein paar Jahre jüngere Cal besaß eine schon fast unheimliche Ähnlichkeit mit Will: Auch er war ein Albino und hatte die gleichen weißen Haare und breiten Wangenknochen – ein Vermächtnis ihrer Mutter, an die sich jedoch keiner der beiden Brüder bewusst erinnern konnte. Doch im Moment saß Cal mit gesenktem Kopf und vornübergebeugt da und rieb sich vorsichtig das Genick. Als er in den fahrenden Zug gefallen war, hatte er nicht ganz so viel Glück gehabt wie sein älterer Bruder.

Will half Chester zu einer Holzkiste, auf die sich sein Freund schwerfällig sinken ließ. Dann beugte er sich zu Cal hinüber und tippte ihm leicht auf die Schulter, in der Hoffnung, ihm keinen allzu großen Schreck einzujagen. Schließlich hatte Imago ihnen eingeschärft, vor den mitreisenden Kolonisten auf der Hut zu sein. Doch Will hätte sich keine Sorge zu machen brauchen: Sein Bruder war derart mit seinen Verletzungen und Schmerzen beschäftigt, dass er kaum reagierte. Erst nach ein paar Sekunden und einem unhörbaren Murren drehte er sich schließlich zu Will um, wobei er sich weiterhin den Nacken massierte.

»Cal, ich hab ihn gefunden! Ich habe Chester gefunden!«, brüllte Will über den Lärm hinweg. Cal und Chester tauschten einen Blick, sprachen aber kein Wort, da sie für jede Art von Unterhaltung zu weit auseinandersaßen. Die beiden waren sich schon einmal kurz begegnet, allerdings unter schrecklichen Umständen, mit den Styx im Nacken. Damals war für den Austausch von Höflichkeiten keine Zeit gewesen.

Jetzt schauten beide wieder geradeaus, und Chester ließ sich mühsam von der Kiste auf den Boden sinken, wo er den Kopf in die Hände stützte. Der Weg von seinem Waggon hierher hatte ihm offensichtlich die letzten Kräfte geraubt. Cal begann wieder, seinen Nacken zu massieren; anscheinend überraschte es ihn nicht im Geringsten, dass Chester sich an Bord dieses Zugs befand – oder es war ihm schlichtweg egal.

Will zuckte die Achseln. »Oh Mann, was für zwei Wracks!«, sagte er in normaler Lautstärke, sodass keiner der beiden ihn über das Dröhnen des Zugs hören konnte. Doch als er kurz an die Zukunft dachte, kehrten seine eigenen Ängste schlagartig zurück; es fühlte sich an, als würde irgendetwas von innen an ihm nagen.

Nach allem, was er wusste, waren sie auf dem Weg zu einem Ort, von dem selbst die Kolonisten nur mit gedämpfter, angsterfüllter Stimme sprachen. Tatsächlich zählte es für einen Kolonisten zu den schlimmsten Bestrafungen, »in die Verbannung geschickt« zu werden und dort im wilden Ödland einem ungewissen Schicksal entgegen zu sehen.

Und dabei waren die Kolonisten ein unglaublich zäher und abgehärteter Menschenschlag, der in der unterirdischen Welt jahrhundertelang die widrigsten Lebensumstände erduldet hatte. Wenn dieser Ort der Verbannung ihnen also schon als unerträglich erschien, wie würde es dort dann erst für sie drei werden? Will hatte nicht den geringsten Zweifel, dass ihnen erneut schwere Prüfungen bevorstanden – ihnen allen. Und es ließ sich auch nicht verleugnen, dass weder sein Bruder noch sein Freund einer weiteren Herausforderung gewachsen waren. Jedenfalls nicht im Moment.

Will dehnte und streckte den steifen Arm und griff dann unter seine Jacke, um die Bisswunde an seiner Schulter vorsichtig zu befühlen. Er war von einem Spürhund übel zugerichtet worden, einem der scharfen Kampfhunde, die die Styx einsetzten. Und obwohl Imago seine Verletzungen behandelt hatte, befand auch er sich nicht gerade in bester Verfassung. Instinktiv warf er einen Blick auf die Kisten mit dem frischen Obst um sie herum. Wenigstens hatten sie genügend Nahrung, um bei Kräften zu bleiben. Doch ansonsten waren sie nur schlecht vorbereitet auf das, was ihnen bevorstand.

Die Verantwortung war immens, als lasteten auf seinen Schultern schwere Gewichte, die er einfach nicht abschütteln konnte. Er hatte Chester und Cal in diese aussichtslose Suche nach seinem Vater verwickelt, und jetzt näherten sie sich mit jeder Kurve und Biegung dieses gewundenen Tunnels den unbekannten Tiefen, in denen er sich aufhalten musste. Falls Dr. Burrows überhaupt noch lebte … Will schüttelte den Kopf.

Nein!

Diesen Gedanken durfte er nicht zulassen; er musste weiterhin daran glauben, dass er seinen Vater wiederfinden würde. Und dann würde alles gut werden, genau wie er es sich erträumte. Sie vier – Dr. Burrows, Chester, Cal und er – würden als Team zusammenarbeiten und unvorstellbare und wundersame Dinge entdecken … untergegangene Zivilisationen … vielleicht sogar neue Lebensformen … und dann … dann was?

Will hatte nicht die leiseste Ahnung.

So weit konnte er einfach nicht vorausschauen. Sosehr er sich auch anstrengte: Er vermochte einfach nicht zu sagen, wie sich das alles entwickeln würde. Nur eines wusste er ganz genau: Die ganze Geschichte würde einen glücklichen Ausgang nehmen – wenn sie nur seinen Vater fanden. So musste es einfach sein.

3

Das Rattern der Nähmaschinen hallte durch die riesige Werkshalle, an deren Ende die Dampfbügelpressen mit einem lauten Zischen antworteten, als versuchten sie, mit den anderen Geräten zu kommunizieren.

An Sarahs Arbeitsplatz kämpften die schrillen Töne eines Radios, das permanent im Hintergrund dudelte, vergebens gegen den Maschinenlärm an. Als sie mit dem Fuß auf das Pedal trat, erwachte ihre Nähmaschine sirrend zum Leben und schoss einen Faden durch den Stoff. Sämtliche Näherinnen und Büglerinnen arbeiteten unter Hochdruck, um die Kleidungsstücke bis zum nächsten Tag rechtzeitig fertigzustellen.

Als Sarah jemanden rufen hörte, blickte sie rasch auf: Eine Frau schlängelte sich zwischen den Werktischen hindurch zu ihren Kolleginnen, die bereits am Ausgang warteten und wie eine Schar aufgeregter Gänse lautstark schnatterten, ehe sie die Pendeltüren aufstießen und nach draußen hasteten.

Während die Türen zurückschwangen, schaute Sarah zu den schmutzigen Scheiben der hohen Fabrikfenster hinauf. Dahinter türmten sich Wolken und verdüsterten den Himmel, als hätte die Abenddämmerung bereits eingesetzt. Dabei war es erst Mittag. Sarah saß nicht als Einzige noch am Arbeitsplatz – zahlreiche andere Frauen schufteten im kegelförmigen Schein ihrer Deckenlichter hartnäckig weiter.

Nach einer Weile drückte Sarah auf einen Schalter unter ihrem Arbeitstisch, um die Maschine abzustellen, schnappte sich ihren Mantel und ihre Tasche und hastete in Richtung Ausgang. Sie schlüpfte unbemerkt durch die Pendeltüren und schloss sie leise, damit sie keinen Lärm machten. Dann eilte sie den Korridor entlang, am Fenster des korpulenten Abteilungsleiters vorbei, der mit rundem Rücken über den Schreibtisch gebeugt dasaß und die Zeitung las. Eigentlich hätte Sarah ihm mitteilen sollen, dass sie kündigte, aber sie musste es rechtzeitig zum Bahnhof schaffen, und außerdem: Je weniger Leute wussten, dass sie fortging, desto besser!

Nachdem sie die Fabrikhalle verlassen hatte, sondierte sie die Gegend, immer auf der Hut vor Personen, die dort nicht hingehörten. Diese Vorsichtmaßnahme lief vollkommen automatisch ab – sie war sich dessen nicht einmal mehr bewusst. Ihr Instinkt sagte ihr, dass die Luft rein war. Dann hastete sie den Hügel hinunter, bog von der Hauptstraße ab und nahm mehrere Umwege, um zum Bahnhof zu gelangen.

Da sie seit vielen Jahren ein Schattendasein führte, alle paar Monate ihre Arbeitsstelle wechselte und ihren Wohnsitz verlegte, lebte sie mitten unter den Unsichtbaren – illegalen Einwanderern und Kleinkriminellen. Doch obwohl sie selbst auch als eine Art Immigrantin bezeichnet werden konnte, war sie keine Verbrecherin. Abgesehen von der ein oder anderen falschen Identität, die sie im Laufe der Jahre angenommen hatte, wäre es ihr nicht im Traum eingefallen, das Gesetz zu brechen, nicht einmal, wenn sie keinen Penny mehr in der Tasche gehabt hätte. Nein, ein Verstoß gegen das Gesetz brachte das Risiko einer Verhaftung und der Aufnahme in das System mit sich. Damit würde sie plötzlich eine Spur hinterlassen, die sich zurückverfolgen ließe. Und das musste sie unbedingt vermeiden.

Denn die ersten dreißig Jahre in Sarahs Leben waren gänzlich anders verlaufen, als man das vielleicht erwartet hätte.

Sarah war unter der Erde geboren worden, in der Kolonie. Ihr Ururgroßvater hatte Sir Gabriel Martineau die Treue geschworen und zusammen mit mehreren Hundert sorgfältig ausgewählten Männern am Bau der verborgenen Stadt mitgearbeitet.

Sir Gabriel, den sie als ihren Erlöser betrachteten, hatte seinen Anhängern versichert, eines zukünftigen Tages würde die verdorbene Welt von einem zornigen und rachedurstigen Gott leer gefegt werden. Sämtliche Bewohner der Erdoberfläche, die Übergrundler, würden vernichtet werden. Und dann würde Sir Gabriels Herde, das reine Volk, in seine rechtmäßige Heimat zurückkehren.

Ebenso wie alle anderen Menschen der Kolonie fürchtete Sarah die Styx. Diese religiöse Polizei sorgte in der Kolonie mit brutaler, unerbittlicher Effizienz für Ruhe und Ordnung. Entgegen allen Erwartungen war Sarah die Flucht aus der Kolonie geglückt, aber die Styx würden nicht eher ruhen, bis sie sie wieder geschnappt hätten, um an ihr ein Exempel zu statuieren.

Sarah betrat einen Platz und umrundete ihn vollständig, um sicherzugehen, dass ihr niemand folgte. Ehe sie zur Hauptstraße zurückkehrte, verschwand sie kurz hinter einem geparkten Lieferwagen.

Die Frau, die wenige Augenblicke später zum Vorschein kam, wirkte wie eine vollkommen andere Person. Sarah hatte das graue Futter ihres grün karierten Mantels nach außen gekehrt und sich einen schwarzen Schal um den Kopf gebunden. Während sie die letzten Meter zum Bahnhof zurücklegte, sorgte ihre unscheinbare Kleidung dafür, dass sie mit den schmuddeligen Fassaden der Bürogebäude und Geschäfte, die sie passierte, fast zu verschmelzen schien – so als wäre sie ein menschliches Chamäleon.

Als sie das Geräusch des einfahrenden Zugs hörte, schaute sie auf und lächelte. Ihr Timing war perfekt.

4

Während Chester und Cal schliefen, machte Will sich ein Bild von ihrer Lage.

Er schaute sich um und erkannte, dass sie als Allererstes ein Versteck benötigten. Solange der Zug sich bewegte, würde wohl niemand nach ihnen suchen. Doch falls der Zug unterwegs anhielt, mussten er, Chester und Cal vorbereitet sein. Nach einer Weile entschloss er sich, aus den unbeschädigten Kisten ein notdürftiges Versteck zu bauen. Er machte sich an die Arbeit und stapelte die Kisten um die beiden schlafenden Jungen herum zu einem Behelfsversteck, das in der Mitte genügend Platz für sie drei bot.

Während er Kisten schleppte, fiel ihm auf, dass der Waggon vor ihnen höhere Seitenwände hatte; genau genommen besaßen alle Loren, die er im Laufe seiner Expedition erkundet hatte, höhere Wände. Imago hatte sie – ob nun absichtlich oder rein zufällig – in einen relativ geschützten Güterwagen springen lassen, wo sie dem beißenden Qualm und Ruß der Lokomotive nicht ganz so stark ausgesetzt waren.

Als Will die letzte Kiste an ihren Standort hievte und einen Schritt zurücktrat, um sein Werk zu betrachten, beschäftigte sich sein Geist bereits mit der nächsten vordringlichen Aufgabe – Wasser. Sie konnten sich zwar eine Weile von den Früchten ernähren, aber in nicht allzu ferner Zukunft würden sie etwas zu trinken benötigen. Außerdem konnten sie den Proviant, den er und Cal von Übergrund mitgebracht hatten, gut gebrauchen. Das bedeutete, dass irgendjemand nach vorne klettern musste, um ihre Rucksäcke aus einem der vorderen Waggons zu holen, in die Imago sie hatte fallen lassen. Und Will wusste, dass dieser Jemand er selbst sein würde.

Während er mit ausgestreckten Armen versuchte, das Gleichgewicht zu halten, als befände er sich an Deck eines schwankenden Schiffs, musterte er die Wand aus Eisen, die er erklimmen musste. Sein Blick wanderte zur oberen Kante der Rückwand, die sich im orangeroten Schein der glimmenden Aschepartikel deutlich abzeichnete. Er schätzte ihre Höhe auf etwa vier bis fünf Meter – fast doppelt so hoch wie die Wände der Loren, die er kurz zuvor überwunden hatte.

»Komm schon, du Waschlappen, mach es einfach«, spornte er sich an. Dann sprintete er los, sprang auf die Vorderwand seines eigenen Waggons und klammerte sich an der höheren Rückwand der Lore vor ihm fest.

Einen Moment lang dachte Will, dass er sich total verschätzt hatte und jeden Moment abrutschen würde. Mit aller Kraft klammerte er sich an den vorderen Waggon und strampelte mit den Beinen, bis seine Füße einen etwas besseren Halt gefunden hatten.

Er gönnte sich einen winzigen Augenblick Pause, um sich selbst zu beglückwünschen, doch dann wurde ihm schnell bewusst, dass dies nicht gerade der sicherste Ort für einen längeren Aufenthalt war. Beide Waggons schaukelten wild hin und her, sodass er wie eine Puppe durchgeschüttelt wurde und jeden Moment den Halt verlieren konnte. Und er wagte erst gar nicht, nach unten auf die Gleise zu schauen, die unter ihm hindurchrasten, sonst hätte er vollends die Nerven verloren.

»Wird schon schiefgehen!«, rief er und hievte sich mit aller Kraft über die Kante. Dann ließ er sich auf der anderen Seite hinunterrutschen und landete in der Hocke. Er hatte es geschafft!

Will holte seine Leuchtkugel hervor, um sich orientieren zu können, musste aber feststellen, dass der Waggon bis auf mehrere Kohlehaufen leer zu sein schien. Schwankend kämpfte er sich weiter vor und sandte ein stummes Dankesgebet gen Himmel, als er die beiden Rucksäcke am anderen Ende der Lore entdeckte. Nachdem er die Rucksäcke geholt und zur Waggonrückwand geschleppt hatte, warf er sie – so zielgenau er konnte – nacheinander in den Waggon mit Cal und Chester.

Als er zu den beiden Jungen zurückkehrte, fand er sie noch immer tief und fest schlafend vor. Sie hatten die beiden Rucksäcke nicht bemerkt, die auf wundersame Weise direkt vor ihrem Kistenversteck aufgetaucht waren. Da Will wusste, wie schwach Chester inzwischen war, machte er ihm ein Sandwich aus den Vorräten in seinem Rucksack.

Er benötigte eine Weile, bis er Chester aus dem Schlaf gerüttelt hatte. Doch als sein Freund erst einmal wach war, stürzte er sich wie ausgehungert auf das Sandwich, grinste Will zwischen mehreren Bissen dankbar an und spülte das Ganze mit etwas Wasser aus der Feldflasche hinunter, die Will ihm reichte. Danach schlief er sofort wieder ein.

Die darauffolgenden Stunden verbrachten die Jungen auf ähnliche Weise – mit Schlafen und Essen. Gemeinsam machten sie sich die bizarrsten Sandwiches: dick geschnittenes Weißbrot mit getrockneten Rattenfleischstreifen und Krautsalat. Sie verschmähten nicht einmal das eher unappetitliche Hauptnahrungsmittel der Kolonisten – riesige, in Scheiben geschnittene Pilze namens »Herrenschwämme«, die sie auf stark gebutterte Waffeln legten. Und am Ende jeder Mahlzeit vertilgten sie so viel Obst, dass sie die zerbrochenen Kisten schon bald geplündert hatten und weitere Kisten aufstemmen mussten.

Inzwischen raste der Zug durch den Tunnel und beförderte sie immer tiefer in den Erdmantel hinein. Will studierte die Tunneldecke, die ihn immer wieder aufs Neue faszinierte, während der Zug verschiedene metamorphe Gesteinsschichten passierte, und notierte seine Beobachtungen sorgfältig, wenn auch mit zittriger Hand in seinem Notizbuch. Seine Notizen würden die Grundlage einer geografischen Abhandlung bilden, die keine Fragen mehr offenließ. Zumindest stellte diese Expedition seine eigenen Ausgrabungen in Highfield total in den Schatten; schließlich hatte er dort die Oberfläche der Erdkruste gerade mal angekratzt.

Außerdem bemerkte Will, dass das Gefälle des Tunnels erheblich variierte: Auf manchen, kilometerlangen Abschnitten, die eindeutig von Menschenhand geschaffen waren, fuhr der Zug nur in einem schwachen Neigungswinkel Richtung Erdmitte. Gelegentlich passierten sie natürlich entstandene Höhlensysteme, in denen imposante Fließsteingebilde hoch aufragten. Das schiere Ausmaß dieser Strukturen verschlug Will jedes Mal den Atem – sie erinnerten ihn irgendwie an geschmolzene Kathedralen. Manchmal waren diese Gebilde umgeben von Gräben mit schwarzem Wasser, das bis über die Gleise schwappte. Dann folgten wieder achterbahnartige Tunnelabschnitte, die so steil waren, dass die schlafenden Jungen heftig gegeneinandergerollt und brutal wach gerüttelt wurden.

Plötzlich raste der Zug steil nach unten, als wäre er über eine Kante gestürzt. Die Jungen setzten sich ruckartig auf und schauten sich verwirrt um, als sich ein heftiger Sturzbach von oben über sie ergoss. Das Wasser war warm, überflutete den Waggon und durchnässte sie bis auf die Haut, als stünden sie unter einem Wasserfall. Lachend und prustend winkten sie einander zu, bis die Flut genauso schlagartig versiegte, wie sie begonnen hatte, und die Jungen erneut in Schweigen verfielen.

Leichter Dampf stieg von ihnen und dem Waggonboden auf, der jedoch sofort vom Fahrtwind mitgerissen wurde. Will hatte längst bemerkt, dass es mit jedem Kilometer zunehmend wärmer wurde. Anfangs kaum spürbar, war die Temperatur in den letzten Stunden beunruhigend schnell angestiegen.

Nach einer Weile knöpften die Jungen ihre Hemden auf und zogen Schuhe und Socken aus. Die Luft war jetzt so heiß und trocken, dass sie abwechselnd auf die unbeschädigten Obstkisten kletterten, um wenigstens ein bisschen von der Brise mitzubekommen. Will fragte sich, ob es von nun an immer so sein würde. Waren die Tiefen unerträglich heiß, wie die sengende Luft, die einem aus einer geöffneten Backofentür entgegenschlug? Es schien fast, als befänden sie sich auf direktem Weg in die Hölle.

Seine Gedanken wurden bald unterbrochen, als die Bremsen mit solcher Heftigkeit zu quietschen begannen, dass sich die Jungen die Ohren zuhalten mussten. Der Zug wurde langsamer und blieb schließlich ruckartig stehen. Einige Minuten später hörten sie von weiter vorne ein lautes Klirren und dann das hallende Dröhnen von Metall auf Gestein. Sofort zog Will seine Schuhe an und lief zum vorderen Teil des Waggons. Er zog sich an einer der Seitenwände hoch, um nachzusehen, was da vor sich ging.

Es war zwecklos: Weiter vorne im Tunnel ließ sich zwar ein rötliches Glühen ausmachen, doch der Rest wurde von den träge aufsteigenden Rußwolken verdeckt. Chester und Cal gesellten sich zu Will und reckten die Köpfe, um über die Ränder der Waggons vor ihnen zu schauen. Da die Lokomotive nun im Leerlauf lief, war der Lärmpegel erheblich zurückgegangen, und jedes von den Jungen erzeugte Geräusch, jedes Hüsteln oder Scharren mit den Schuhen, wirkte weit entfernt und winzig klein. Obwohl sie jetzt Gelegenheit zum Reden hatten, schauten sie sich nur verwundert an – keiner von ihnen wusste so recht, was er sagen sollte. Schließlich brach Chester das Schweigen:

»Kannst du irgendwas erkennen?«, fragte er.

»Du siehst schon viel besser aus!«, erwiderte Will seinem Freund. Chester bewegte sich wieder deutlich sicherer und hatte sich mühelos neben Will an der Eisenwand hochgezogen.

»Ich war nur hungrig«, murmelte Chester abwehrend und drückte sich eine Hand aufs Ohr, als wollte er den Druck der ungewohnten Stille lindern.

Im nächsten Moment ertönte von weiter vorn ein Ruf und eine tiefe Männerstimme hallte durch den Tunnel – eine schlagartige Erinnerung daran, dass sie nicht die Einzigen in diesem Zug waren. Die Jungen erstarrten. Imago hatte sie eindringlich vor dem Lokführer, einem möglichen Begleiter und einem weiteren Kolonisten im Dienstwagen am Ende des Zugs gewarnt. Diese Männer wussten zwar von Chesters Anwesenheit – schließlich war es ihre Aufgabe, ihn nach der Ankunft am Grubenbahnhof in die Ödnis zu schicken -, doch Cal und Will waren blinde Passagiere, für deren Entdeckung die Mannschaft wahrscheinlich ein Kopfgeld kassieren würde. Sie durften nicht entdeckt werden, unter keinen Umständen.

Die Jungen tauschten ein paar nervöse Blicke und dann hievte Cal sich noch höher.

»Nichts zu sehen«, sagte er.

»Ich versuch’s mal hier drüben«, erwiderte Will und zog sich Hand für Hand an der Kante entlang bis zur Ecke des Waggons, um einen besseren Blick auf die Gleise werfen zu können. Er kniff die Augen zu Schlitzen und schaute an den Waggons vorbei Richtung Lokomotive, konnte aber außer Rauch und Dunkelheit nichts erkennen. Schließlich kehrte er zu den beiden anderen zurück. »Glaubst du, sie durchsuchen den Zug?«, wandte er sich an Cal, der nur die Achseln zuckte und sich ängstlich umsah.

»Mann, ist das heiß hier«, flüsterte Chester und fächelte sich etwas Luft zu. Er hatte recht – ohne den kühlenden Fahrtwind war die Hitze fast unerträglich.

»Das ist nur das kleinste unserer Probleme«, murmelte Will.

Plötzlich erwachte die Lokomotive vibrierend zum Leben und setzte sich ruckend und stoßend in Bewegung, bis sie wieder etwas Fahrt aufgenommen hatte. Die Jungen rührten sich nicht von der Stelle. Hartnäckig hielten sie sich an der Metallwand fest und wurden erneut von einem Strom aus Lärm und beißendem Qualm umhüllt.

Schließlich hatten sie genug, sprangen wieder auf den Boden des Waggons, kehrten in ihr Versteck zurück, hielten jedoch wachsam Ausschau. Will entdeckte als Erster den Grund für den Zwischenstopp des Zugs.

»Da!«, rief er und zeigte auf die Tunnelwand, während der Zug langsam weiterruckelte. Zwei riesige, weit geöffnete Eisentore lehnten gegen das Gestein. Sofort sprangen die Jungen auf.

»Sturmtore«, brüllte Cal ihnen zu. »Die werden garantiert wieder geschlossen, sobald wir durch sind.«

Noch bevor er seinen Satz beendet hatte, kreischten die Bremsen erneut und der Zug hielt ein weiteres Mal ruckartig an, sodass die Jungen den Halt verloren und durcheinanderkugelten. Wieder herrschte einen Moment Stille und dann hörten sie zum zweiten Mal das klirrende Geräusch, das nun jedoch vom Zugende herüberschallte. Es gipfelte in einem heftigen Dröhnen, das die Jungen mit den Zähnen klappern und den gesamten Tunnel erbeben ließ, als hätte eine Explosion stattgefunden.

»Hab ich’s euch nicht gesagt?«, flüsterte Cal triumphierend in der darauf folgenden Stille. »Das sind Sturmtore.«

»Aber wozu dienen sie?«, fragte Chester.

»Sie sollen verhindern, dass der Levantewind die Kolonie mit voller Wucht trifft.«

Chester schaute ihn verständnislos an.

»Na, du weißt schon, die Stürme, die aus dem Erdinneren nach oben rasen«, erwiderte Cal und fügte hinzu: »Ist doch logisch, oder etwa nicht?« Er verdrehte die Augen, als hielte er Chesters Frage für völlig absurd.

»Wahrscheinlich hat er noch keinen dieser Pechstürme erlebt«, warf Will hastig ein. »Du musst dir das wie eine riesige Staubwolke vorstellen, Chester, die aus den Erdbereichen aufsteigt, zu denen wir gerade fahren – aus den Tiefen.«

»Oh, verstehe«, sagte sein Freund und wandte sich ab. Doch Will hatte den Ausdruck der Verärgerung gesehen, der über sein Gesicht gehuscht war. In dem Moment ahnte Will, dass die weitere Reise mit Chester und Cal nicht gerade einfach verlaufen würde.

Als der Zug erneut Fahrt aufnahm, ließen sich die drei Jungen wieder zwischen den Kisten nieder. Während der nächsten zwölf Stunden passierten sie noch zahlreiche Sturmtore. Und jedes Mal hielten sie wachsam Ausschau, falls einer der Kolonisten auf die Idee kommen sollte, mal nach Chester zu schauen. Doch es tauchte niemand auf, und nach jedem Zwischenstopp nahmen die Jungen ihre übliche Routine aus Schlafen und Essen wieder auf. Da Will spürte, dass sie sich dem Ende der Bahnstrecke nähern mussten, begann er, erste Vorkehrungen zu treffen: Auf die große Menge von Leuchtkugeln, die er bereits in den beiden Rucksäcken gesammelt hatte, packte er so viele Früchte, wie nur hineinpassten. Er hatte nicht die geringste Ahnung, wo und wann sie in den Tiefen Nahrung finden würden, und er war fest entschlossen, alles mitzunehmen, was sie tragen konnten.

Das monotone Rattern des Zugs wiegte ihn in einen tiefen Schlaf, aus dem er urplötzlich durch das klirrende Scheppern einer Glocke gerissen wurde. In seiner schlaftrunkenen Verwirrung dachte er zuerst, sein Wecker würde klingeln, damit er endlich aufstand und sich für die Schule fertig machte. Automatisch tastete er nach seinem Nachttisch, doch statt des Weckers fanden seine Finger nur den dreckigen Waggonboden. Das mechanische Drängen der hämmernden Glocke riss ihn vollends aus dem Land der Träume, und er sprang auf und rieb sich den Schlaf aus den Augen. Das Erste, was er sah, war Cal, der sich fieberhaft Socken und Schuhe anzog, während Chester nur verwirrt zuschaute. Das grelle Schrillen wurde immer lauter und hallte von den Wänden und der Tunneldecke wider.

»Macht schon, ihr beide!«, brüllte Cal lauthals.

»Warum?«, formulierte Chester lautlos mit den Lippen und wandte sich bestürzt an Will.

»Es ist so weit! Macht euch fertig!«, rief Cal und schnürte seinen Rucksack zu.

Fragend starrte Chester ihn an.

»Wir müssen hier raus!«, brüllte der kleinere Junge und deutete wild gestikulierend auf die Zugspitze. »Wir müssen abspringen, bevor wir den Bahnhof erreichen.«

5

Ein vollkommen anderer Zug als der, in dem ihre beiden Söhne in Richtung Erdinneres rasten, brachte Sarah nach London. Trotz ihrer Müdigkeit gestattete sie es sich nicht zu schlafen, erweckte allerdings die meiste Zeit bewusst diesen Eindruck, um andere Fahrgäste davon abzuhalten, sie anzusprechen. Da der Zug auf dem letzten Stück sehr häufig anhielt und immer mehr Passagiere zustiegen, wurde es im Abteil bald ziemlich eng. Sarah fühlte sich ausgesprochen unbehaglich. Am letzten Bahnhof war ein Mann mit einem ungepflegten Bart eingestiegen, ein armer Schlucker in einem schäbigen Mantel, der eine bunte Mischung von Plastiktüten mit sich schleppte.

Sie musste auf der Hut sein. Die Styx gaben sich manchmal als Stadtstreicher aus. Mit ihren hohlwangigen Gesichtern brauchten diese unterirdischen Polizeitruppen nur etwas Bartwuchs und eine ordentliche Lage Dreck und waren danach nicht mehr von den Unglückseligen zu unterscheiden, die sich in den Ecken jeder Stadt finden.

Es war ein cleverer Schachzug. In dieser Tarnung konnten sich die Styx so ziemlich überall herumtreiben, ohne bei den Übergrundlern unerwünschte Aufmerksamkeit zu erregen. Und außerdem ermöglichte diese Verkleidung es ihnen, Überwachungsposten an allen größeren Bahnhöfen einzurichten und die vorbeikommenden Passagiere genauestens zu beobachten.

Sarah konnte gar nicht mehr zählen, wie oft sie schon Obdachlose in Türeingängen hatte liegen sehen, deren glasige Augen unter den filzigen Haaren sie genau sondiert hatten – schwarze Pupillen, die in ihre Richtung blitzten und denen nichts entging.

Aber war dieser Landstreicher einer von ihnen? Sarah beobachtete sein Spiegelbild im Zugfenster, als er eine Dose Bier aus einer der schmuddeligen Einkaufstüten hervorkramte. Er riss die Dose auf und begann zu trinken, wobei er einen Teil der Flüssigkeit über seinen Bart verschüttete. Sarah hatte bemerkt, dass er sie bereits mehrfach direkt angesehen hatte. Er schien sie verschwommen zu mustern. Außerdem mochte sie seine Augen nicht – sie waren pechschwarz, und er blinzelte andauernd, als vertrüge er das Tageslicht nicht. Alles zusammen genommen ziemlich beunruhigende Anzeichen, aber so gerne Sarah auch den Platz gewechselt hätte, sie rührte sich nicht von der Stelle, um bloß keine Aufmerksamkeit zu erregen.

Daher biss sie die Zähne zusammen und blieb reglos sitzen, bis der Zug endlich in den Londoner Bahnhof St. Pancras einfuhr. Sarah war unter den ersten Fahrgästen, die ausstiegen, und nachdem sie erst einmal die Ticketkontrolle hinter sich gelassen hatte, schlenderte sie zu dem Bereich, in dem sich die Bahnhofskioske befanden. Aufgrund der überall platzierten Überwachungskameras ging sie mit gesenktem Kopf und hielt sich ein Taschentuch vors Gesicht, sobald sie in den Erfassungsbereich einer der Kameras kam. Vor einem Schaufenster blieb sie stehen und beobachtete in der spiegelnden Scheibe den Stadtstreicher, der langsam die Haupthalle des Bahnhofs durchquerte.

Wenn es sich bei ihm tatsächlich um einen Styx handelte oder um einen ihrer Späher, war es besser, sich in der Menschenmenge zu verbergen. Rasch überdachte sie ihre Fluchtchancen, und sie plante gerade, in den nächsten abfahrenden Zug zu springen, als der Obdachlose – keine fünfzehn Meter von ihr entfernt – plötzlich stehen blieb und in seinen Tüten wühlte. Als ein Mann ihn versehentlich streifte, beschimpfte er ihn und schlurfte dann schwankend weiter, die Arme weit von sich gestreckt, als würde er einen unsichtbaren Einkaufswagen mit blockierendem Rad vor sich herschieben. Sarah sah zu, wie er den Bahnhof durch den Hauptausgang verließ.

Mittlerweile war sie sich ziemlich sicher, dass es sich um einen echten Obdachlosen handelte, und außerdem konnte sie es kaum erwarten, ihre Reise fortzusetzen. Willkürlich wählte sie eine Richtung, eilte durch die Menge und verließ den Bahnhof durch einen Seitenausgang.

Vor dem Gebäude stellte sie plötzlich fest, dass es ein schöner Tag war und es auf den Straßen der Stadt vor Menschen wimmelte. Perfekt. Genau wie sie es mochte. Es war viel sicherer, sich inmitten einer großen Menge zu bewegen – je mehr Leute, desto besser. In Gegenwart zahlreicher potenzieller Augenzeugen würden die Styx es wohl kaum wagen, irgendeine Häscheraktion durchzuführen.

Zügig machte Sarah sich auf den Weg nach Norden, in Richtung Highfield. Das Dröhnen des dichten Straßenverkehrs schien sich zu einem durchgehenden Pulsieren zu verdichten, das sich vom Bürgersteig auf ihre Fußsohlen übertrug und durch ihren Körper wanderte, bis sie es fast in ihrem Magen zu spüren glaubte. Doch seltsamerweise empfand sie es als beruhigend – ein tröstliches, konstantes Vibrieren, als fühle sie den Puls der Stadt.

Während sie durch die belebten Straßen lief, betrachtete sie die neu errichteten Gebäude, doch sobald sie eine der zahlreichen, überall montierten Videoüberwachungskameras entdeckte, wandte sie rasch das Gesicht ab. Sie war erstaunt, wie viel sich in London verändert hatte, seit sie zum ersten Mal hier gewesen war. Wie lange war das her, fast zwölf Jahre?

Es heißt, die Zeit heile alle Wunden. Doch das hängt ganz davon ab, was in der Zwischenzeit geschehen ist.

Viele Jahre lang war Sarahs Leben eine eintönige, trostlose Wüste gewesen; sie hatte das Gefühl, während dieser Zeit gar nicht richtig gelebt zu haben. Obwohl das Ganze schon etliche Jahre zurücklag, war ihr die Flucht aus der Kolonie noch immer schmerzhaft in Erinnerung.

Während sie weiterging, spürte sie, wie eine Flut von Bildern aus ihrer Vergangenheit auf sie einstürzte und zu überwältigen drohte. Erneut fühlte sie die erdrückenden Selbstzweifel von damals, als sie einem Albtraum entflohen war, nur um inmitten eines anderen zu landen – in dieser fremden Welt, in der das gleißende Licht der Sonne ihr körperliche Qualen bereitete und in der alles so anders und ungewohnt wirkte. Doch das Schlimmste war der Gedanke an ihre Kinder.

Aber sie hatte keine andere Wahl gehabt, sie hatte einfach gehen müssen. Ihr jüngstes, kaum eine Woche altes Kind hatte plötzlich Fieber bekommen, ein schreckliches, glühendes Fieber, das das winzige Wesen mit heftigen Schüttelfrösten quälte und ihm sämtliche Kraft raubte. Selbst jetzt noch konnte Sarah das nicht enden wollende Wimmern hören, und sie erinnerte sich wieder daran, wie hilflos sie und ihr Mann sich gefühlt hatten. Sie hatten den Arzt förmlich angefleht, ihnen ein Medikament zu geben, aber er hatte ihnen mitgeteilt, in seiner schwarzen Doktortasche befände sich nichts, was helfen würde. Sarah war fast hysterisch geworden, doch der Arzt hatte nur mürrisch den Kopf geschüttelt und war ihrem Blick ausgewichen. Sie wusste, was dieser Blick zu bedeuten hatte, denn sie kannte die Wahrheit: In der Kolonie herrschte ein ständiger Mangel an Arzneimitteln. Die geringen Mengen an wichtigen Medikamenten wie etwa Antibiotika, die man tatsächlich auf Vorrat angelegt hatte, waren ausschließlich für die Behandlung der herrschenden Klasse bestimmt – für die Styx und vielleicht einen äußerst kleinen Kreis innerhalb des Gouverneursrats.

Natürlich hätte es eine Alternative gegeben: Sarah hatte vorgeschlagen, etwas Penizillin auf dem Schwarzmarkt zu kaufen, und wollte ihren Bruder Tam bitten, es für sie zu besorgen. Doch Sarahs Ehemann hatte sich unnachgiebig gezeigt. »Eine solche Vorgehensweise kann ich nicht billigen« – das waren seine Worte gewesen, während er düster auf den unglückseligen Säugling starrte, der von Stunde zu Stunde schwächer wurde. Und dann hatte er irgendetwas von seiner Stellung in der Gesellschaft geschwafelt und dass es ihre Pflicht sei, die sittlichen Werte zu wahren. Nichts davon interessierte Sarah auch nur im Entferntesten – sie wollte einfach nur, dass ihr Kind wieder gesund wurde.

Es blieb ihr nichts anderes übrig, als das glühend heiße Gesichtchen des wimmernden Säuglings ununterbrochen mit einem feuchten Tuch abzutupfen, um so vielleicht das Fieber zu senken – und zu beten. Im Laufe der darauf folgenden vierundzwanzig Stunden verstummte das Schreien des Kindes zu einem jämmerlichen kurzatmigen Keuchen, als müsse es seine ganze verbliebene Kraft für das Atmen aufwenden. Sarah versuchte verzweifelt, das Kind zu stillen, doch es war zwecklos – der Säugling war zu entkräftet, um zu saugen. Das Leben des Kindes schwand dahin, und es gab nichts, aber auch gar nichts, was sie dagegen hätte tun können.

Sarah hatte das Gefühl, den Verstand zu verlieren.

Sie durchlitt einen hilflosen Wutanfall nach dem nächsten und zog sich von der Wiege in eine Ecke des Zimmers zurück, wo sie sich die Arme mit den Fingernägeln aufkratzte und sich fest auf die Zunge biss, damit sie nicht aufschrie und den halb bewusstlosen Säugling aufweckte.

In der letzten Stunde seines kurzen Lebens wurden die kleinen blassen Augen immer glasiger und teilnahmsloser. Und irgendwann drang ein kleines Geräusch zu Sarah vor, die neben der Wiege im abgedunkelten Raum kauerte, und rüttelte sie aus ihrer Trostlosigkeit – ein winziges Wispern, als versuchte jemand, sie an etwas zu erinnern. Sie beugte sich über die Wiege. Sie wusste instinktiv, dass sie den letzten Atemzug gehört hatte, der ihrem Kind über die trockenen Lippen gekommen war. Es lag leblos da. Der Kampf war vorbei. Sarah hob das winzige Ärmchen des Kindes und ließ es auf die Matratze zurückfallen. Es war, als würde sie eine kunstvoll gefertigte Puppe berühren.

Damals hatte sie keine Träne vergossen; ihre Augen waren trocken und von eiserner Entschlossenheit erfüllt gewesen. In jenem Moment war jede Loyalität verschwunden, die sie gegenüber der Kolonie, ihrem Ehemann und der Gesellschaft verspürt hatte, in der sie ihr ganzes Leben verbracht hatte. Und in jenem Moment hatte sie alles glasklar vor sich gesehen, als hätte jemand ein Licht in ihrem Kopf eingeschaltet. Sie wusste, was zu tun war – und zwar mit einer solch unerschütterlichen Überzeugung, dass nichts sie aufhalten konnte. Sie musste ihren beiden anderen Kindern das gleiche Schicksal ersparen, koste es, was es wolle.

Noch am selben Abend, als der Leichnam des toten Säuglings ohne Namen in der Wiege auskühlte, hatte sie ein paar Sachen in eine Umhängetasche gestopft und sich ihre beiden Söhne geschnappt. Während ihr Mann das Haus verlassen hatte, um Vorkehrungen für die Beerdigung zu treffen, schlich sie sich mit beiden Jungen aus der Tür und hastete zu einer der Fluchtrouten, die ihr Bruder ihr einst beschrieben hatte.

Doch als hätten die Styx jeden ihrer Schritte gekannt, drohte ihr Unterfangen schon bald zu scheitern und entwickelte sich zu einem Katz-und-Maus-Spiel. Während sie sich durch das Labyrinth von Lüftungsschächten kämpfte, waren die Häscher ihr immer dicht auf den Fersen gewesen. Sarah erinnerte sich, wie sie in der Dunkelheit einen Moment innegehalten hatte, um wieder zu Atem zu kommen. Sie hatte sich gegen die Tunnelwand gelehnt, unter jedem Arm ein unruhig zappelndes Kind. Tief in ihrem Herzen wusste sie, dass sie keine andere Wahl hatte, als einen ihrer Söhne zurückzulassen. Sie konnte es unmöglich schaffen, nicht mit beiden Kindern. Erneut spürte sie die schmerzhafte Unentschlossenheit, die sie damals gequält hatte.