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Werner Schuster

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Beschreibung

Voller Motivation aufs Podest: Dieser Mann brachte die deutschen Skispringer auf Erfolgskurs Seine Karriere begann am Schigymnasium Schams und führte ihn bis zum Bundestrainer der deutschen Skisprung-Nationalmannschaft. Doch die Aufgabe, die Werner Schuster 2008 übernimmt, war alles andere als einfach. Es galt eine Mannschaft, die mit Nachwuchsmangel zu kämpfen hat und deren letzte Erfolge bereits einige Zeit zurückliegen, wieder auf Erfolgskurs zu bringen. 12 Jahre später lautet seine Bilanz: 37 Weltcupsiege von 5 verschiedenen Athleten, 5 Olympiamedaillen und 14 WM-Medaillen. - Die Anfänge: Eine Kindheit auf der Schanze – vom Haushang ins Schigymnasium Schams - Erste Erfolge als Trainer: Gregor Schlierenzauer wird unter Werner Schusters Leitung Juniorenweltmeister - Sprung ins Ausland: Cheftrainer in der Schweiz, Wechsel nach Deutschland - Sein "Geheimrezept": klare Worte und Werte und nachhaltige Trainings- und Teamarbeit - Das Mindset erfolgreicher Sportler: Was können wir vom Spitzensport in unseren Beruf und Alltag übertragen? Skispringen mit Herz und Verstand: so gelingen Höchstleistungen Selbstvertrauen und Sieger-Mentalität entwickeln, indem man Vertrauen in die Sportler zeigt: Werner Schuster hat viel aus seiner eigenen aktiven Zeit als Skispringer mitgenommen und daraus klare Prinzipien für seine Arbeit als Trainer entwickelt. Der Sportpsychologe Oskar Handow hat diesen Weg viele Jahre begleitet und bringt den Wissenstransfer aus dem Spitzensport auf den Punkt. Das macht das Buch zu einem ehrlichen und spannenden Bericht über eine ungewöhnlich erfolgreiche Trainerkarriere und zeigt, wie wichtig Geduld, Feingefühl und Motivation für den Erfolg sind!

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Seitenzahl: 380

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WERNER SCHUSTEROSKAR HANDOW

ABHEBEN

VON DER KUNST,EIN TEAM ZU BEFLÜGELN.

Für Annika, Jonas und Jannik

Sämtliche Angaben in diesem Werk erfolgen trotz sorgfältigerBearbeitung ohne Gewähr. Eine Haftung der Autoren bzw.Herausgeber und des Verlages ist ausgeschlossen.

1. Auflage© 2021 Ecowin Verlag bei Benevento Publishing Salzburg – München, eine Marke der Red Bull Media House GmbH, Wals bei Salzburg

Alle Rechte vorbehalten, insbesondere das des öffentlichen Vortrags, der Übertragung durch Rundfunk und Fernsehen sowie der Übersetzung, auch einzelner Teile. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotografie, Mikrofilm oder andere Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden. Gesetzt aus der Palatino und DTL Nobel

Medieninhaber, Verleger und Herausgeber:Red Bull Media House GmbHOberst-Lepperdinger-Straße 11–155071 Wals bei Salzburg, Österreich

Umschlaggestaltung, Design und Satz: b3K design,Andrea Schneider, diceindustriesCovergestaltung: wir sind artistenCoverfoto: Dominik Angerer / EXPA / picturedesk.comBildnachweis: Icon Skispringer: shutterstock.com/Aleksandr Sulga S. 16, 20, 21, 22, 29, 51, 85, 143, 152, 215, 231, 249, 256, 257, 269, 277, 306, 315, 317: Werner Schuster (privat); S. 43: imago images / PPS/Furtner; S. 58: Manzoni / NordicFocus; S. 64: Frank Leonhardt / dpa / picturedesk.com; S. 101: imago images / Gerhard König; S. 106: Robert Parigger / APA / picturedesk.com; S. 127: Felgenhauer / NordicFocus; S. 135: Daniel Karmann / dpa / picturedesk.com; S. 158: imago images / Sven Simon; S. 166: imago images / Luka Dakskobler; S. 194: imago images / Eckehard Schulz; S. 201: imago images / MIS; S. 208: Panther Media GmbH / Alamy Stock Foto; S. 217, 226: JFK / EXPA / picturedesk.com; S. 240: GEPA pictures / Mathias Mandl; S. 242: byRitchie.com; S. 254: Newspix / EXPA / picturedesk.com; S. 260 oben: Hauke-Christian Dittrich / dpa Picture Alliance / picturedesk.com; S. 260 unten: Marvin Ronsdorf; S. 265: imago images / ZUMA Wire; S. 286: imago images / Picture Point; S. 300: Eibner / EXPA / picturedesk.com; S. 303: VALDRIN XHEMAJ / EPA / picturedesk.com; S. 305: Daniel Karmann / dpa / picturedesk.com; S. 325: imago images / Sven Simon

INHALT

VORWORT: Der Kreis schließt sich

von Gregor Schlierenzauer

PROLOG: Am Ziel und doch am Start

KAPITEL 1: Sich seiner Wurzeln bewusst sein

KAPITEL 2: Am Anfang steht das System

KAPITEL 3: Vorbild sein – Profil zeigen

KAPITEL 4: Erste Erfolge sichtbar machen – quick wins realisieren

KAPITEL 5: Visionen haben – realistische Ziele setzen

KAPITEL 6: (Knifflige) Entscheidungen treffen

KAPITEL 7: Aus Fehlern lernen

KAPITEL 8: Ständiges Hinterfragen

KAPITEL 9: Führung – mit Spannungsfeldern umgehen

KAPITEL 10: Leistung auf den Punkt bringen

KAPITEL 11: Motivation erhalten

KAPITEL 12: Den richtigen Zeitpunkt zum Aufhören finden

EPILOG: Gedanken und ein letzter Titel

BIOGRAFIEN

VORWORT

DER KREIS SCHLIESST SICH

von Gregor Schlierenzauer

Meine erste Begegnung mit Werner war 2005. Ich war damals Schüler des Schigymnasiums Stams, er hatte unsere Trainingsgruppe übernommen. Unter seiner Regie bin ich dann ein Jahr später Juniorenweltmeister geworden und habe meine ersten Weltcupsiege feiern dürfen.

Sein unermüdlicher Einsatz, die Individualität »seiner« Sportler und Teams zu formen und zu fördern, ebnete mir bereits in jungen Jahren den Weg in die Weltspitze. Unsere erfolgreiche Zusammenarbeit führte Werner 2007 dann in die Schweiz. Ein Jahr später erfolgte das Engagement als Bundestrainer in Deutschland. Seine Erfolgsbilanz dort ist ebenso bekannt wie beeindruckend.

Werner hatte schon immer verstanden, wie er mich nehmen und »führen« muss, wann es welche Dosierung braucht. Er ist ein Mensch der Klarheit, er sagt, was er denkt, und bleibt dennoch immer empathisch. Er sagt dir nicht das, was du hören willst, sondern das, was Sache ist. Das kann manchmal hart und unbequem sein, ist für den sportlichen Prozess und die persönliche Entwicklung aber unausweichlich. Eine gewisse Nähe aufzubauen und trotzdem die nötige Distanz zu bewahren ist in einer sensiblen Sportart wie dem Skispringen besonders knifflig. Sein diesbezügliches Fingerspitzengefühl, gepaart mit einem enormen Weitblick ist für mich besonders beeindruckend. Im persönlichen Gespräch zeigt er ungeahnte Möglichkeiten auf und findet individuelle Konzepte für eine kraftvolle Umsetzung des auf den ersten Blick nicht Machbaren.

Es steht außer Frage, dass ich von Werners Führungspersönlichkeit und seinem Coaching sportlich wie menschlich extrem profitiert habe. Er war eine absolute Schlüsselfigur in meiner Karriere – umso dankbarer bin ich, dass wir seit 2019 wieder gemeinsam an einem Strang ziehen und sich somit der Kreis unserer Zusammenarbeit schließt. Die Entwicklung bleibt im Vordergrund, es ist ein ständiger Prozess, auf wie auch abseits der Schanze, der mir immer wieder neue Zugänge eröffnet und mich in allen Lebenslagen wachsen lässt. Damals wie heute ist es ein spannender und sehr erfüllender Weg, der von einer großen gegenseitigen Wertschätzung und jeder Menge wertvollen Erfahrungen geprägt ist. Ich bin davon überzeugt, dass weitere spannende Erfahrungen folgen werden und schätze mich absolut glücklich, Werner als Weggefährten an meiner Seite zu wissen.

PROLOG

AM ZIEL UND DOCH AM START

Der letzte Springer ist am Ablauf: Nur der polnische Routinier Stefan Hula kann den Olympiasieg von Andi Wellinger noch verhindern. »Er wird doch nicht gerade heute noch so einen guten Sprung wie im ersten Durchgang auf die Schanze zaubern?«, geht es mir durch den Kopf. Dazu bräuchte er erst einmal guten Aufwind … Die zwei Norweger knapp gescheitert, der überragende Kamil Stoch zu kurz. Hula? Er geht in die Spur, hebt ab – ich starre gebannt auf den kleinen Monitor, der provisorisch für die Trainerbelegschaft aufgestellt wurde. Die grüne Linie im Blick. Ist er hoch genug in der Luft? Wird er die Markierung überspringen? Knapp davor! Was sagen die Windpunkte? Das kann eigentlich nicht reichen. Gebanntes Warten auf die Punktevergabe.

Andi Wellinger ist Olympiasieger!

Er hat es geschafft. Wir haben es geschafft. Ein Traum wird wahr. Andi reißt im Zielraum die Arme hoch. Seine Kollegen fallen ihm um den Hals. Tränen fließen.

Mein Assistent Jens Deimel und ich liegen uns in den Armen. Trainerkollegen gratulieren – von herzlich bis förmlich. Die Polen ziehen enttäuscht davon. Alexander Stöckl, Cheftrainer der Norweger und ein langjähriger Freund und Weggefährte, und ich strahlen über das ganze Gesicht. Gold für Deutschland, Silber und Bronze für Norwegen auf der Normalschanze bei den Olympischen Spielen 2018 in Pyeongchang.

Das Ganze läuft in meinem Kopf tatsächlich ab wie in einem Film. Zeitraffer. Von den Emotionen überwältigt führt man mechanisch Aktivitäten aus, nimmt weitere Gratulationen entgegen, möchte am liebsten baden im Glück, und gleichzeitig kommt die nüchterne Stimme der Vernunft: Geh runter zum Athleten. Bedanke dich bei allen Mitstreitern und Kollegen. Bediene die Presse. Erste Interviews.

Der Weg vom Trainerturm in der Nähe des Schanzentisches hinunter zum Auslauf ist weit. Zu den Athleten, zu den Medien, zu den Kollegen, zu allen Verantwortlichen. Eine schmale Treppe neben dem Aufsprunghügel führt uns zum Epizentrum des Glückes.

Es ist kalt – minus 15 Grad Celsius, dazu ein beißender Wind. 15 Minuten nach Mitternacht Ortszeit. Knapp drei Stunden sind vergangen seit der Startnummer 1. Viele windbedingte Unterbrechungen kennzeichneten den Bewerb. Der zweite Wertungsdurchgang: ein Tanz auf der Rasierklinge. Die Windgeschwindigkeit darf vier Meter pro Sekunde nicht überschreiten, sonst ist die Sicherheit der Sportler nicht mehr gewährleistet. Ein Geduldsspiel. Der vierfache Olympiasieger Simon Ammann, eingehüllt in eine Wolldecke, musste mehrmals wieder vom Startbalken zurück und wird zum Synonym für die extremen Bedingungen.

Wir, Team Deutschland, lagen nach dem ersten Durchgang mit unseren vier Springern auf den Plätzen vier, fünf, sieben und acht. Eine fantastische Mannschaftsleistung, aber bei Olympia zählen in der Öffentlichkeit nur die Medaillenränge. Was wäre bei einem Abbruch passiert? Wie hätten die Verantwortlichen im Skiverband und im DOSB (Deutscher Olympischer Sportbund), die Presse und die Fans reagiert? Wären wir getröstet oder zerrissen worden? Wir werden es nie erfahren.

In den Pausen am Trainerturm hatte ich Zeit gehabt, meine Presseaussagen im Falle eines Abbruchs gedanklich vorzubereiten. Ich bin seit zehn Jahren im Amt. Ich kenne die Mechanismen. Die kritischen Fragen. Die Zuspitzung auf Hero oder Zero! Gedanklich war ich voller Trotz. Ich hätte versucht, mich offensiv zu befreien und wäre nicht müde geworden zu betonen, wie stolz ich auf das Team und die Sportler sei …

Unser Servicemann Erik Simon holt mich auf der Treppe am Weg nach unten ein und fällt mir um den Hals. Er hat Tränen in den Augen. Olympiasieger! Wir sind Olympiasieger! Die ganze Spannung fällt ab. Wie oft waren wir bis drei Uhr morgens bei nicht nur einem Bier gesessen. Hatten unsere Wunden geleckt nach herben Enttäuschungen. Ideen geschmiedet, wie wir der Konkurrenz eine Nasenspitze voraus sein könnten.

Der Servicemann der Norweger kommt dazu. Zwei Medaillen für seine Jungs. Wir gratulieren uns, lachen, juchzen und stapfen die Treppe hinunter. Viele andere haben auch hart gearbeitet. Vielleicht noch härter. Wer weiß das schon. Aber sie gingen leer aus. Heute ist unser Tag!

»Jetzt haben wir wieder für ein Jahr einen Arbeitsplatz«, rutscht es mir heraus. Nicht dass ich grundsätzlich das Gefühl hatte, mein Arbeitsplatz sei gefährdet (und der von unserem Servicemann schon gar nicht), aber die Intensität des Abends hatte mich doch ans Limit gebracht. Viel hatte ich schon erlebt in meiner Trainerlaufbahn, aber nie zuvor wurde mir das Spannungsfeld von bitterer Niederlage bis hin zur freudvollen Ekstase so bewusst wie an diesem Abend: Gewonnen hat heute eindeutig der aktuell beste Springer. Andi Wellinger war nicht nur an diesem Tag die Nummer eins auf dieser Schanze, er hatte auch schon am Vortag die Qualifikation gewonnen und im Training mehrmals seine Extraklasse unter Beweis gestellt. Doch wäre das Springen nach dem ersten Durchgang abgebrochen worden, stünde er als Nummer fünf auf der Ergebnisliste, und Hula hätte gejubelt.

Immer noch auf der Treppe auf dem Weg nach unten bleibe ich kurz stehen, starre in den kalten koreanischen Abendhimmel und versuche, das Erlebte zu ordnen. Alles kommt hoch in diesem einen Moment. Zu viel, um es an Ort und Stelle zu verarbeiten. Vor der Presse brauche ich aber einen klaren Kopf. Meine Aussagen werden mehrfach gesendet, zitiert und gehen durch die Sportwelt. Ich verspüre einerseits eine tiefe Dankbarkeit angesichts des überwältigenden Ereignisses, andererseits frage ich mich: Willst du das wirklich noch weitere vier Jahre mitmachen? Willst du dich bei den nächsten Olympischen Spielen wieder diesem Spannungsbogen aussetzen? Wir haben viel gewonnen in den vergangenen zehn Jahren, seit ich die Leitung des deutschen Springerteams übernommen habe: Einzelweltcupsiege, Teamweltcupsiege, Gesamtweltcupsieg, Nationencupsieg, Weltmeister, Skiflugweltmeister, Teamolympiasieg. Wir haben auch viele Niederlagen eingesteckt. Medaillen um ein paar Zehntel verpasst, Verletzungen, Enttäuschungen. Manchmal selbst verschuldet, manchmal unglücklich.

Ich habe Erfahrung im Bewältigen dieses Spannungsbogens, und trotzdem ist der heutige Tag anders. Der erste Olympiasieg eines deutschen Skispringers seit 24 Jahren verändert meine Wahrnehmung von Sieg und Niederlage. Einerseits bin ich am Ziel meiner Träume: der Einzelsieg beim Weltsportereignis Olympia. Andererseits macht sich in diesem so bedeutungsvollen Moment eine Leere breit.

Peking 2022 ist weit weg. Zu weit für mich.

Was für ein verrückter gedanklicher Spagat. Im Moment dieses unfassbar emotionalen Erfolges, der mehrfach auf der Kippe stand, befinde ich mich in einem geistigen Vakuum und denke erstmals ernsthaft über das Aufhören als Bundestrainer der deutschen Skispringer nach. Auf der Treppe der HS 109 von Pyeongchang.

Die Pflicht ruft. Runter! Ich muss runter! Zu den Sportlern, zum Staff, zur Presse, zu den Verantwortlichen. Zuschauer sehe ich nur mehr wenige, die Koreaner haben nicht so viel am Hut mit Skispringen. Keine Nationalhelden – kein Interesse. Und diejenigen, die sich an die Schanze verirrt hatten, sind vermutlich durchgefroren frühzeitig nach Hause gegangen. Nur mehr der harte Kern an Protagonisten ist noch im Stadion. Kein Wunder, es ist ja schon nach Mitternacht und immer noch unglaublich kalt.

Nach der kurzen Pause laufen die nächsten Minuten wieder im Zeitraffer ab. Gratulieren. Umarmen. Small Talk hier, Small Talk da. Keine Zeit für Tiefe. Man spult ein Programm hinunter und versucht, allem gerecht zu werden. Funktioniert wie ein Roboter. Ich versuche trotzdem den Moment, wo ich meinen Goldjungen endlich umarmen kann, zu genießen. Ich bin sehr stolz auf ihn! Aber der Moment ist kurz. Zu viele wollen jetzt etwas von ihm.

Die Gespräche mit der Presse sind euphorisch. Erfolg »verkaufen« ist einfach. Alle freuen sich mit, und die kritischen Fragen bleiben aus. Jeder will ein Stück vom Kuchen. Schließlich mussten die deutschen Journalisten 24 Jahre auf diesen Moment warten. Um mich herum nicht nur Sieger. Die Polen lecken ihre Wunden und stellen die Regularität des Bewerbes infrage. Die Österreicher, die Slowenen, die Japaner, die Schweizer – alle gehen sie mit leeren Händen nach Hause. Ich versuche wieder, kurz innezuhalten, denn ich kenne auch diese Kehrseite der Medaille nur zu gut.

»Kannst du bitte zu dem Herrn Bundespräsidenten kommen? Er möchte dir gerne persönlich gratulieren«, höre ich eine DOSB-Mitarbeiterin in meinem Rücken. Ich? Zum Bundespräsidenten? Präsident Steinmeier war durchgefroren, aber er hatte tatsächlich drei Stunden in der Kälte durchgehalten, und die Freude war ihm und seiner bibbernden Frau merklich anzusehen. Wahnsinn, was so ein Triumph für Wellen schlägt!

Wenn abgebrochen worden wäre … Ich verdränge den Gedanken wieder.

Materialkontrolle, zusammenpacken, Flower-Zeremonie, Dopingkontrolle. Das Stadion ist schon gespenstisch leer. Mit Glück ergattern wir noch einen Shuttle zu den Umkleidekabinen. »Hoffentlich schließen sie nicht ab und machen das Licht aus«, scherzt unser Teamarzt Mark Dorfmüller.

»Das Deutsche Haus wartet«, sagt mir Florian Schwarz, unser Pressebetreuer. Es ist der erste Tag bei den Spielen, und Biathletin Laura Dahlmeier hat wenige Stunden zuvor ebenfalls Gold geholt. Doppelgold für Team Deutschland, was für ein Auftakt! Und wir Skispringer mittendrin. Ich starre ein letztes Mal auf die hell beleuchtete Schanze und denke kurz an »meinen« Moment auf der Treppe, aber da klopft mir schon Florian Schwarz auf die Schulter und macht mir klar, dass wir jetzt losmüssen.

Überschwänglich ist die Stimmung im Deutschen Haus. Wildfremde Menschen liegen sich in den Armen und sind angesichts der Uhrzeit – es ist schon fast zwei Uhr morgens – erstaunlich wach. Sekt spritzt. Laute Musik. Gegröle. Feierlaune. Es wird getrunken, gelacht, gesungen. Unbekannte Menschen wollen mir gratulieren und ein paar Worte wechseln. Nach zehn Jahren als Gesicht des deutschen Skispringens kennen mich viele Leute und wollen ein Stück weit die Freude mit mir teilen. Stolz mache ich meine Runde, aber gleichzeitig verfolgt mich der Gedanke, was bei einem Abbruch des Springens gewesen wäre.

Gold-Feier: Andi Wellinger und Laura Dahlmeier im Deutschen Haus

Ich hole mir noch ein Bier, setze mich um fünf Uhr morgens alleine auf die Terrasse und starre in die Ferne. Zutiefst zufrieden nippe ich an meinem Getränk, unendlich dankbar für diesen Tag, und plötzlich ist es wieder da, das Gefühl der Leere. Es kommt mir etwas seltsam vor, im Augenblick des größten Triumphes meiner Trainerkarriere nicht voller Ekstase und Energie zu stecken. Ist das normal? War es das alles wert? Möchte ich das noch einmal erleben? Möchte ich etwas anderes machen?

Zum Glück läuft mein Vertrag noch ein Jahr, bis 2019. Peking 2022 ist auf jeden Fall ganz weit weg!

KAPITEL 1

SICH SEINER WURZELN BEWUSST SEIN

Kreuzungen im Leben: über Prägungen und Werte

Freiheit mit viel Schnee – Meine Eltern – Heimat Mahdtalegg –Stams, was sonst – Internatserfahrungen eines Einzelkindes –Liss – Erste Erfolge – Matura, und jetzt?Auf dem Lkw des Bundesheeres – Muss ich jetzt echt studieren –Die Erfolge bleiben aus – Student Schuster und das neue Umfeld –Den V-Stil verschlafen und mit einer Verletzung bestraft –Von der Ersatzbank in den Weltcup – Übergang ins wirkliche Leben

Es war einer dieser Wintertage in den Achtzigern im touristisch gut gefüllten, aber für mich beschaulichen heimatlichen Kleinwalsertal. Gut ein halber Meter Schnee war über Nacht gefallen, und ich musste in die Schule. Die Straße war noch nicht vollständig geräumt, aber ich war besessen von dem Gedanken, wieder mit dem Fahrrad zur Bushaltestelle zu fahren. Das war weder logisch noch vernünftig, aber spannend allemal.

Ich hatte ein Klapprad, schwarz lackiert und aufgerüstet mit Stollenreifen – BMX Marke Eigenbau. Das sollte doch allwettertauglich sein und mich diese 500 Meter zur Bushaltestelle bringen – dem halben Meter Schnee zum Trotz. Meine Mutter hatte kurz versucht, mich davon abzuhalten, dann ließ sie mich fahren. Ich durfte immer meine eigenen Erfahrungen machen, und dafür bin ich dankbar!

Es wollte nicht so recht vorwärtsgehen im tiefen Schnee. Kaum war ich außer Sichtweite unseres Hauses, musste ich absteigen und schieben. Eine Blöße wollte ich mir nicht geben. Niemand sollte mitkriegen, dass es beschwerlich war. Spaß hat es trotzdem gemacht. Ich hatte mir in den Kopf gesetzt, jeden Tag mit dem Fahrrad zur Schule zu fahren, und da lässt man sich von frischem Neuschnee nicht die Schneid abkaufen.

Meine Familie hatte und hat eine kleine Vermietung von Privatzimmern und Ferienwohnungen. Einen Parkplatz mit fünf Stellplätzen. Schneeräumung war Familiensache. Die glich oft einer Sisyphusarbeit. Das Haus meiner Eltern steht an einer Hanglage, und zum Glück konnten wir den üppig vorhandenen Schnee in das Feld des Nachbarn, eines Landwirtes, entsorgen. Dort entwickelten sich ordentliche Plattformen, man muss schon fast sagen, natürliche Rampen, von denen man spektakuläre Sprünge in den Tiefschnee machen konnte. Manchmal stellte ich ein Sparschwein auf, und die Touristen am vorbeiführenden Wanderweg blieben stehen und konnten Sprünge bei mir »bestellen«. Auf Wunsch gab es einen Salto oder einen Bauchfleck zu sehen, und dafür warfen sie eine Mark in das Sparschwein.

Erste Sprünge im Kleinwalsertal

Ich liebte den Schnee. In meiner Kindheit gab es ihn noch üppig, und er kam verlässlich spätestens im Dezember, und auf über 1000 Meter Seehöhe ging er auch nicht weg vor April. Nach der Schule waren wir den ganzen Winter auf den Skipisten unterwegs. Als mir das Skifahren zu langweilig wurde, entwickelten sich aus dem Hüpfen vor Touristenpublikum ernst zu nehmende Sprünge. Mein Vater, ein Mann der Tat, baute mithilfe seines großzügigen Partners, eines Hoteliers, eine richtige Skisprungschanze.

In kürzester Zeit hatte sich diese Freizeitbeschäftigung herumgesprochen, und wir waren eine Gruppe von mehr als 15 Kindern, die dankenswerterweise von meinem Vater, früher selber Skispringer, alle mitbetreut wurden. Wir nahmen an Wettkämpfen in Österreich, Deutschland und der Schweiz teil und waren binnen kürzester Zeit eine gefürchtete Truppe. Aufgrund der optimalen »Zutaten« Schnee, Schanze, Lift, fachgerechte Betreuung und freudvoll agierende Kinder entwickelte sich der SV Casino Kleinwalsertal in Windeseile zu einem Vorzeigeverein. Und das Schöne daran war: Wir haben diese Nachmittage nicht als Training wahrgenommen. Alles lief spielerisch ab. Dank der großzügigen Art meines Vaters und des Hoteliers, denn alle Kinder fuhren unentgeltlich am Lift und die Betreuung war inkludiert, verbrachten wir Tag für Tag, Wochenende für Wochenende, Winter für Winter am Mahdtalegg.

Mein Vater Willy (links) mit der stolzen Truppe des SV Casino Kleinwalsertal

Als Schüler wollte ich nur eines: Skispringen

Mein Vater, geboren 1937, ist ein waschechter »Walser«. Er wuchs auf einem kleinen Bauernhof mit vier älteren Brüdern und einer Schwester auf, die alle noch gemeinsam in der Stube musizierten. Die Musik sollte auch ein großes Standbein in seinem Leben bleiben. Die älteren Brüder waren allesamt begeisterte Skifahrer – ihn jedoch zog es zum Skispringen, was ihm aber im Alter von elf Jahren von seinem strengen Vater verboten wurde. Der Traum vom Fliegen ließ ihn jedoch nie los, und als er sein erstes Geld verdiente, versuchte er im Alter von 19 diesen Traum zu verwirklichen. Mit ein paar Gleichgesinnten brachte er sich unter erschwerten Bedingungen die Grundbegriffe des Skispringens bei und schaffte es mit großem Fleiß und der notwendigen Kombination aus Mut und Talent 1962 als erster Vorarlberger in den Nationalkader. Obwohl ihn der damalige Nationaltrainer Sepp Bradl angesichts seines vergleichsweise hohen Alters auslachte, hielt er hartnäckig an seinem Traum fest, schaffte es 1964 und 1968 als Vorspringer zu den Olympischen Spielen und 1966 zu den Weltmeisterschaften nach Oslo, wo er den 24. Platz belegte. 130 Meter als persönlicher Weitenrekord war für die damalige Zeit mit Skihose, Pullover und Zipfelmütze ebenso eine bemerkenswerte Leistung.

Was mich im Nachhinein am meisten beeindruckt an der Lebensleistung meines Vaters ist die Vielseitigkeit und Fähigkeit, Dinge zu tun, ohne viel zu reflektieren, ob es das wert ist, ob man sich blamieren könnte oder ob man genügend dafür bezahlt bekommt. Den Skisprungverein leitete er mehr oder weniger ehrenamtlich. Die jährliche Entschädigung durch den Skiklub wog den Aufwand nicht im Geringsten auf. Er hat es auch für mich getan, aber in erster Linie für die Sache.

Leider habe ich nicht alle Talente meines Vaters geerbt, aber sein Wirken hat es mir ermöglicht, unser Hobby zum Beruf machen zu können. Er hat mir die Welt gezeigt und die Basis für mein Wirken gelegt.

Aber ohne meine Mutter wäre das alles nicht möglich gewesen. Yin und Yang. Meine Mutter, 1945 geboren, wuchs ebenfalls im Kleinwalsertal auf. Ihre Familie lebte in einfachen Verhältnissen, die Grundbedürfnisse waren abgedeckt und die Kindheit wurde als glücklich erlebt. Obwohl sie keine spezifischen sportlichen Wurzeln hatte, lernte sie meinen Vater kennen und lieben und heiratete ihn in jungen Jahren. Das ist schon mehr als 50 Jahre her.

Gemeinsam gingen meine Eltern durchs Leben. Die Vermietung der Privatzimmer und später der Ferienwohnungen war das Metier meiner Mutter, und das betrieb sie mit einer derartigen Herzlichkeit, dass sich in kurzer Zeit ein Stamm an Gästen entwickelte, der gerne wiederkam. Und das 40 Jahre lang.

Sie musste viel verzichten, auf ihren Mann und ab meinem 14. Lebensjahr auf mich. Die Lebensleistung meiner Mutter habe ich erst spät zu schätzen begonnen. Der Familie nahezu alle eigenen Bedürfnisse unterzuordnen und alle Schritte mit einer Selbstverständlichkeit und Uneigennützigkeit mitzutragen. Positiv denkend, sich an Kleinigkeiten erfreuend, tiefgreifend dankbar – eine einzigartige Kombination.

Ich war sportlich zu Schülerzeiten sehr erfolgreich. Regional in meinem Jahrgang meist der Beste und auch überregional auf dem Podium. Schnell war klar, dass ich nur eines wollte: nach oben. Der Entschluss, mit 14 Jahren nach Stams ins Schigymnasium zu gehen, war gefasst, und einen Plan B hatte ich nie. Das schien mir nicht notwendig. Zu einseitig verlief mein Weg.

Zwei Stunden von zu Hause weg ein Internat zu besuchen machte mir keine Angst. Ich war viel unterwegs gewesen in jungen Jahren, und der Begriff Heimweh hatte für mich keine Bedeutung. Das Ziel, Skispringer zu werden, war so groß, dass ich bereit war, dem alles unterzuordnen. Freunde zu treffen hat mich nicht sonderlich interessiert. Der Sport war mein Leben.

Im Internat angekommen war vor allem das erste Jahr eine schwierige soziale Erfahrung. Im Viererzimmer, auf engstem Raum zusammenlebend, kommt es schnell zu Reibereien und Hierarchiekämpfen. Schlitzohrigkeit und Streitkultur waren bei mir unterentwickelt. Wo hätte ich das auch lernen sollen? Als Einzelkind in einer intakten Familie aufgewachsen hatte ich derartige Fähigkeiten bis dahin nie gebraucht. Das wurde mir jetzt zum Verhängnis, denn im Internat war ich weit weg von zu Hause, und ich musste mich alleine durchkämpfen. Schnell war ich auf die Palme zu bringen und reagierte jähzornig und trotzig. Sportlich lief das erste Jahr auch nicht herausragend, was meinem Status ebenfalls nicht gerade dienlich war. Aber ich wollte keine Hilfe von zu Hause und habe versucht, die Situation alleine durchzustehen und bestmöglich zu lösen. Im Nachhinein gesehen war diese Zeit eine wertvolle Erfahrung.

Im zweiten Jahr gab es einen Trainerwechsel. Alois Lipburger, ein ehemaliger Spitzenspringer, WM-Zweiter von 1978, kam ans Schigymnasium. Liss, wie wir ihn nannten, war Vorarlberger wie ich, und ich habe ihn schon in jungen Jahren bewundert. Das wären doch glänzende Voraussetzungen gewesen, um den nächsten Schritt zu machen. Aber auch er konnte auf Anhieb keine Wunder bewirken. Ich war jetzt in der Jugendklasse angekommen und die Herausforderung, mich auf den größeren Anlagen mit Jahrgangsälteren zu messen, bereitete mir Schwierigkeiten.

Liss war nicht nur unser Trainer, sondern auch Erzieher im Schigymnasium. Eines Abends kam er in mein Zimmer und bat mich zum Gespräch. In aller Ruhe erklärte er mir, wo er mein Potenzial sah und welche Defizite es auszumerzen galt. Er vermittelte mir überzeugend, dass er an mich glaubte und dass es nur eine Frage der Zeit sei, wann ich durchstarten würde.

So hatte noch nie zuvor ein Mensch mit mir gesprochen. Ich entwickelte ein tiefes Vertrauen in seine Person und seine Worte. Alle Restzweifel waren beseitigt, und auch kleinere Rückschläge warfen mich nicht mehr so schnell aus der Bahn. Immer vorwärts mit der unbeirrbaren Überzeugung, dass sich der Erfolg einstellen wird.

Er hatte nicht nur mit mir so gesprochen. Auch meine Teamkollegen machten große Fortschritte. Wir entwickelten uns dank ihm in eine unglaubliche Truppe, europaweit gefürchtet. Der Alpencup, ein grenzüberschreitender Jugendwettbewerb, war fest in österreichischer Hand.

An ein Springen erinnere ich mich ganz besonders. Wir waren in Frankreich, genauer gesagt in Autrans, einem kleinen Ort südlich von Grenoble. Nach einer mehr als achtstündigen Anreise im Kleinbus hatten wir uns gefreut, endlich auf der Schanze unserer liebsten Beschäftigung nachzugehen. Leider machte uns der Wind einen Strich durch die Rechnung, und die Jury sagte das Training ab mit dem Hinweis, dass am Wettkampftag besseres Sprungwetter herrschen würde. Ich war in meinem Leben noch nie bei so viel Wind gesprungen und ehrlicherweise froh über die Absage gewesen. Liss jedoch war mit der Vorgehensweise der Verantwortlichen überhaupt nicht einverstanden und trommelte uns zusammen. »Jungs, wir fahren doch nicht acht Stunden, um Däumchen zu drehen! Wir ziehen uns jetzt um und springen. Das ist nicht gefährlich für uns, denn wir sind gut ausgebildet. Ein derartiges Training ist für die Weiterentwicklung wichtig und verschafft uns für morgen einen Vorteil!«

Das saß. Mit ein wenig Bauchweh haben wir uns umgezogen, aber wenn Liss das sagte, dann würde es schon stimmen. Nachdem wir uns ausknobelt hatten, wer den ersten Sprung absolvieren sollte, und dieser auch gelang, war der Bann gebrochen. Bei starkem Aufwind hob einer nach dem anderen ab und genoss den Gleitflug ins Tal. Jeder Einzelne von uns gewann die notwendige Sicherheit, derartige Bedingungen zu meistern, und das Selbstvertrauen stieg ins Unermessliche. Die Versuche wurden von den Konkurrenten aus den anderen Ländern argwöhnisch registriert. Sie hatten an diesem Tag schon verloren, obwohl der Wettkampf erst am nächsten Tag stattfinden würde.

Heutzutage wäre das nicht mehr möglich. Wenn die Jury eine Schanze sperrt, ist sie gesperrt. Trotzdem ist es eines von vielen Beispielen, was Vertrauen ausmacht. Vertrauen, das man von außen bekommt und das letztendlich in Selbstvertrauen mündet.

Wer sich Vertrauen erarbeiten will, muss auch Risiken eingehen. Liss ging oft auf Risiko. Nicht nur beim Autofahren. Im Alltag, in den Ansagen, im Trainingsprozess. Passiert ist dabei sehr wenig. Meist ist eingetroffen, was er vorhergesehen hat. Alles Glück? Zufall? Oder doch höhere Mächte? Zweifelsfrei braucht man in manchen Situationen auch Glück, aber in erster Linie ist die Überzeugung und richtige Einschätzung entscheidend. Wer sich öfter in Grenzsituationen begibt, kann diese besser einschätzen, schärft seine Sinne und verbessert die Wahrnehmung. Die Treffsicherheit bei Entscheidungen erhöht sich, und die Erfolgswahrscheinlichkeit steigt. Manches, was Außenstehenden als verrückt erscheint, ist in Wahrheit wohlüberlegt und gut kalkuliert. Der Spielraum für Situationen, die risikobehaftet sind und an denen man wachsen kann, ist heutzutage massiv eingeschränkt.

1987 eröffnete uns Liss, dass er ein Angebot als Cheftrainer in Frankreich annehmen werde. Unsere Erfolge hatten sich herumgesprochen, und die Franzosen wollten in einem Fünf-Jahres-Projekt eine erfolgreiche Mannschaft für die soeben zugesprochenen Olympischen Spiele in Albertville stellen. Im Nachhinein erfuhr ich, dass er eigentlich gar nicht von uns wegwollte. Er hatte sich gescheut, das Angebot der Franzosen abzulehnen, und so viel Geld verlangt, dass er sich sicher gewesen war, sie würden ihm absagen. Zu seinem Erstaunen nahmen sie an und statteten ihn mit einem langfristigen Vertrag aus. Er war im Herzen nie von geschäftlichen Gedanken geleitet. 1990 beendeten die Franzosen den Kontrakt einseitig, weil ihnen die Fortschritte nicht sichtbar genug waren.

Wer weiß, was passiert wäre, hätte ich nicht Liss als Trainer bekommen. Hätte ich es trotzdem geschafft, ein passabler Skispringer zu werden? Vielleicht. Aber ganz sicher wäre ich ein anderer Mensch und definitiv nicht ein so erfolgreicher Trainer geworden. Grundsätze seiner Arbeit haben mich geprägt und begleiten mich bis heute. Die Wärme, die ich als Mensch gespürt habe. Die Kompetenz, mit der er uns geführt hat. Den Mut, mit dem er oft vorangegangen ist. Das Vertrauen, das er jedem Einzelnen mitgegeben hat. Die Ruhe, die er speziell in kniffligen Situationen ausgestrahlt hat. Jugendliche lechzen in diesem Lebensabschnitt nach Orientierung. Was für ein Glück, wenn man als Heranwachsender solchen Menschen begegnet. Danke dafür!

Als er 2001 auf der Heimfahrt vom Weltcupspringen in Willingen verunglückte, war die Bestürzung im Umkreis groß. Beeindruckend, welche Spuren er hinterlassen hat, nicht nur im Sport. Obwohl sich unsere Kontakte reduziert hatten, war ich tief betroffen. Mit ihm hatte ich die – neben meinen Eltern – prägendste Person meines bisherigen Lebens verloren.

Nach dem Weggang von Liss nach Frankreich ging es für mich aber erst einmal auf die Matura zu, und ich war sportlich weiterhin auf Erfolgskurs. In der Saison 1987/88 kam ich das erste (und einzige) Mal aufs Podium eines Weltcupspringens und erreichte in Oberstdorf mit dem siebten Platz den gefühlt größten Erfolg in meiner Skisprung-Karriere. Das führte dazu, dass ich von September bis Ostern nur zehn Schultage absolviert hatte und die Matura splitten musste. 1989 schloss ich dann mit Matura am Schigymnasium ab und ging direkt in den Staatsdienst beim Bundesheer über.

1987: Heinz Kuttin (links) und ich (Mitte) mögen weiter gesprungen sein, Markus Steiner (rechts) hat eindeutig die Frisuren-Wertung gewonnen

Es war ein regnerischer Julitag, und die Gischt spritzte mir ins Gesicht auf der Ladefläche des Bundesheerfahrzeugs. Unglücklicherweise hatte ich den Platz direkt an der Ladeklappe gewählt, um mehr Frischluft zu erhaschen. Die Feuchtigkeit wurde durch die Sogwirkung ins Fahrzeug getrieben und durchnässte mich. Ich blickte nachdenklich nach hinten, sah ein Zivilfahrzeug und fühlte mich in eine andere Welt versetzt.

Bis vor Kurzem noch frei und unabhängig und mit großem Gestaltungsfreiraum meines Sportlerlebens, war ich jetzt uniformiert einer unter vielen und gleichzeitig durch hierarchische Strukturen total entmündigt. Der Umgangston beim Militär, die Einschüchterungen und das gezielte »Gefügigmachen« irritierten mich sehr. Es waren nur sieben Wochen, bis ich wieder in meine geschützte Werkstätte, den Spitzensport, zurückkehren durfte, aber diese Wochen haben nachhaltigen Eindruck hinterlassen. Als Kadersportler hatte man die Möglichkeit, an ein Sportleistungszentrum zu wechseln. Eigentlich eine fantastische Einrichtung mit vielen Möglichkeiten und Freiheiten, aber mir war der Sprung aus Stams in diese andere Welt zu heftig. Hier war der Umgangston rau, und es ging nicht darum, die Dinge einfühlsam, wertschätzend und logisch zu bearbeiten, sondern nach Vorschrift korrekt. Ein solcher Zugang bereitet mir bis zum heutigen Tag Schwierigkeiten.

Diese Wintersaison verlief überhaupt nicht nach Wunsch. Ab Februar herrschte akuter Schneemangel, und die Möglichkeiten, Kaderergebnisse zu erzielen, waren eingeschränkt. Erstmalig in meiner Karriere verlor ich den Status, permanentes Mitglied des österreichischen Skiverbandes zu sein. Zum ersten Mal machte sich in meinem Leben so etwas wie Orientierungslosigkeit breit.

Als Sportler müsste man, pragmatisch gesehen, danach lechzen, einen Platz beim Bundesheer zur Ausübung des Spitzensportes zu ergattern. Sozial abgesichert, mit optimalen Trainingsbedingungen. Den rauen Umgangston musste man dafür einfach wegstecken. Ich hatte das nicht geschafft, und somit war die beste Alternative, ein Studium zu beginnen. Alles andere lässt sich mit der notwendigen Reisetätigkeit eines Spitzensportlers nicht vereinbaren. Eigentlich hatte ich nie studieren wollen. Das ewige Hineinpauken von mehr oder weniger sinnvollen Inhalten ohne das Gefühl, etwas Produktives geleistet zu haben, ermüdete mich, aber ich wollte meine Freiheit zurück.

Kleinlaut fragte ich meine Eltern, ob sie ein Studium wirtschaftlich unterstützen würden, da ich auch noch weiter Ski springen wollte. Selbstverständlichkeit schlug mir entgegen, und obwohl ich keinen konkreten Plan vorweisen konnte, umfing mich wieder dieses Urvertrauen, das ich so zu schätzen wusste.

Gemeinsam mit einem Kollegen vom Militärdienst startete ich das Sportstudium an der Leopold-Franzens-Universität Innsbruck. Durch meine gute und vielseitige Grundausbildung im athletischen Bereich kam es auch vor, dass mich Studentinnen fragten, ob ich ihnen beim Hochsprung helfen könne, das erforderliche Limit zu überspringen. Einmal endete eine Trainingssession mit einer netten Südtirolerin nach einem Nasenbeinbruch im Krankenhaus. Vielleicht fehlte mir als Spitzensportler doch ein wenig das Einfühlungsvermögen für Otto Normalverbraucher.

Sportlich schaffte ich 1991 wieder den Sprung in den B-Kader und trainierte zusammen mit den Nachwuchshoffnungen Werner Rathmayr, Andreas Goldberger und Martin Höllwarth. Skisprungtechnisch war es eine unglaublich interessante Zeit, weil eine neue Stilrichtung, der V-Stil, aufkam. Der Schwede Boklöv wurde zunächst massiv von den Wertungsrichtern benachteiligt, obwohl er schon den Gesamtweltcup gewonnen hatte. Die Stilrichtung fand Nachahmer mit Kiesewetter, Zünd etc., und die FIS musste das Bewertungssystem nachjustieren. Daraufhin ordnete der österreichische Nationaltrainer und Visionär Toni Innauer eine Stilumstellung für alle österreichischen Skispringer an. Er war felsenfest davon überzeugt, dass dieser Stil aerodynamisch Vorteile brächte und Toptalente sich einen Vorsprung erarbeiten könnten, wenn sie sich mit dieser Technik anfreunden würden.

Auch ich versuchte mich in der neuen Technik, aber mit bescheidenem Erfolg. Im Herbst entschied ich, zur alten Technik zurückzukehren, weil ich mir davon mehr Stabilität versprach. Dies sollte sich als fatale Fehlentscheidung entpuppen.

Die Saison 1991/92 brachte den Durchbruch für den V-Stil, wesentlich mitgeprägt von Österreich und dem Visionär Innauer, aber auch andere Nationen waren nicht untätig, und der 16-jährige Finne Toni Nieminen gewann so die Vierschanzentournee und Olympiagold in Albertville auf der Großschanze. Umso bemerkenswerter, dass das zweite Olympiagold auf der Normalschanze an den Routinier Ernst Vettori ging, der es als erster etablierter Springer geschafft hat, einen Titel in der alten und neuen Stilrichtung zu gewinnen. Weißflog folgte zwei Jahre später in Lillehammer.

Ich versuchte, nachdem ich bei der Olympiaqualifikation für Albertville gescheitert war, die Umstellung doch noch zu schaffen und begab mich mit meinem Vater nach der Skiflugveranstaltung in Oberstdorf auf selbige Anlage mit einem spektakulären Plan: Am Scheitelpunkt des Aufsprunghügels des Monsterbakkens baute ich eine zehn Zentimeter hohe Schneeschanze. Mit der entsprechenden Geschwindigkeit sollte es mir gelingen, vom Boden abzuheben, direkt in den steilen Teil des Aufsprungs einzutauchen und den Hang hinunterzugleiten. Zu dieser Zeit war das ein probates methodisches Mittel, die Flugphase zu simulieren. Man spürte unmittelbar nach dem Absprung den Staudruck unter den Skiern und konnte dadurch schnell versuchen, die erforderliche V-Gleitposition einzunehmen. Das alles war schon auf kleineren Schanzen, wo Sprünge auf 20 oder 30 Metern möglich waren, gemacht worden, aber niemals auf einer Flugschanze.

Ich war überzeugt von meinem Plan und nahm Anlauf direkt unter dem Schanzentisch dieser ehrfürchtigen Anlage, beschleunigte auf circa 70 bis 80 Stundenkilometer, hob auf dem kleinen, fast unsichtbaren selbst gebauten Schneehügel ab und glitt den immens steilen Aufsprunghang hinunter. Geschätzte 70 Meter Flug konnte ich genießen. Ich versuchte, meinen gewohnten Parallelstil ad acta zu legen und das neue Gefühl, die gespreizte Haltung der Skier, das sogenannte V, zu verinnerlichen. Der Sessellift brachte mich zügig wieder nach oben, und so konnte ich fünf, sechs Versuche in kürzester Zeit absolvieren. Am liebsten hätte ich jedes Mal gejuchzt in der Luft. Getragen von dem immer besser werdenden V-Stil und dem einzigartigen Gefühl mit einer besonderen Idee, weit abseits des Logischen und Vernünftigen, den Spirit eines ambitionierten Sportlers im Grenzbereich weiter auszubauen, genoss ich das Treiben. Vor meinem vermeintlich letzten Versuch stellte ich fest, dass meine Skispitze, verursacht von den harten Landungen auf eisigem Untergrund, einen Riss im Material aufwies. Euphorisiert von den vergangenen 90 Minuten dachte ich, dass die notwendige Stabilität für einen weiteren Flug ausreichend sei und stürzte mich ein letztes Mal ins Tal. Ich hob ab, und ein nie enden wollender Gleitflug in meinem neuen Stil endete mit einer Landung, bei der es mir plötzlich, wie von Geisterhand, ein Bein nach hinten zog. Ich überschlug mich auf dem eisigen Untergrund mehrmals und verlor beide Skier, die damals noch mit der 40 Jahre alten Kabelzugbindung an den Füßen befestigt waren. Dabei spürte ich einen stechenden Schmerz, der auch nicht wegging, als ich nach einer schier endlosen Rutschpartie endlich zum Stillstand kam. Beim Versuch aufzustehen knickte mein Knie weg, und ich fiel gleich wieder hin. Mein Vater eilte herbei, und auf seine Schultern gestützt versuchte ich, das Auto zu erreichen. Ich hatte meinen Ausflug teuer bezahlt. Was für ein Wechselbad. Der Tag hätte mein Neustart in die V-Stil-Ära sein sollen. Stattdessen kam ich wegen eines Materialdefektes beim Versuch, mich in Siebenmeilenschritten den etablierten Stars der Szene anzunähern, zu Sturz und zog mir die erste (und einzige) schwere Verletzung in meiner Skisprungkarriere zu.

Im Krankenhaus in Oberstdorf angekommen erhielt ich nach allen Untersuchungen und einer schlaflosen, schmerzgeplagten Nacht die Diagnose Kreuzbandriss, Innenbandriss, Meniskusschaden. Der Plan der Ärzte war niederschmetternd: in 10 bis 14 Tagen Operation, dann sechs Wochen Gips. Zum Glück hatte ich einen rührigen Vater, der seine Kontakte spielen ließ, und ich kam zu Dr. Schenk ins Montafon, wurde am gleichen Abend noch operiert, saß fünf Tage später schon wieder auf dem Ergometer und wurde in den Therapiealltag überführt. Diese Diskrepanz in Diagnose und Nachbehandlung ist mir bis heute schleierhaft und steht für mich immer noch als Synonym der Mehrklassengesellschaft im Gesundheitssystem.

Tatsächlich erholte ich mich, trotz nicht perfekter Rehabilitation, im angekündigten Zeitfenster und kehrte ins Wettkampfgeschehen zurück. Langsam begann ich allerdings zu spüren, dass man nicht mehr unweigerlich auf mich zählte. Das neue Trainerteam setzte auf die Jugend, da war man als 23-Jähriger schon am Abstellgleis.

Aufgrund eines Sturzes von Heinz Kuttin wurde ich dann aber ganz kurzfristig doch noch für das Springen zu Saisonbeginn in Oberwiesenthal nachnominiert. Das Problem war nur, dass der Mannschaftsbus schon unterwegs war und ich die siebenstündige Autofahrt selbstständig absolvieren musste. Dank meiner Eltern und der schlechten öffentlichen Erreichbarkeit des Kleinwalsertals war ich schon früh in den Genuss eines eigenen Autos gekommen, und so brach ich nun gegen Abend alleine mit meinem Ford Escort auf. Das Wetter war miserabel, und der Nebel wurde immer dichter. Kurz vor der tschechischen Grenze sah ich keine zehn Meter weit, und die Schneewände flößten mir Angst ein. Mit einem mulmigen Gefühl fuhr ich im Schneckentempo weiter, und als dann plötzlich ein Schlagbaum quer zur Straße hereinragte, war ich wirklich erleichtert, obwohl der Zöllner äußerst mürrisch war. Nach abenteuerlichen sieben Stunden kam ich weit nach Mitternacht im Mannschaftshotel an. Die verantwortlichen Trainer empfingen mich ähnlich dem tschechischen Zöllner – glücklich waren sie mit meiner Nachnominierung nicht.

Das Wettkampfwochenende war eines der bemerkenswertesten, das ich in meinem Leben durchlaufen habe. Ich kam vom ersten Sprung weg gut mit der Schanze zurecht, hatte wieder richtig Freude beim Skispringen. Meine Trainer setzten mich in die erste Startgruppe – dort starten immer die Schwächsten – obwohl meine Trainingsleistungen auf mehr hindeuteten. Auch das konnte nicht verhindern, dass ich in dem international ordentlich besetzen Feld zweimal Zweiter wurde, geschlagen nur von meinem Landsmann Franz Neuländtner. Dies hatte wiederum zur Folge, dass ich gemäß Absprache für das Weltcupspringen in Sapporo nominiert werden musste.

Die beiden Trainer beorderten mich nach dem Wettkampf in ihr Zimmer und teilten mir wenig begeistert diese Entscheidung mit. Vom Ausgebooteten zum Weltcupstarter. Innerlich zutiefst befriedigt und zugleich ernüchtert von der Gesamtsituation, trat ich die Heimreise wieder ganz alleine in meinem Auto an und schwor mir auf der langen Autofahrt, dass ich derartige Situationen einfühlsamer und respektvoller lösen würde, sollte ich einmal Trainer werden. Trotz Euphorie fühlte ich mich gedemütigt.

In den Folgejahren pendelte ich zwischen Kontinentalcup und Weltcup. Namen wie Weißflog, Goldberger, Sakala und Bredesen dominierten die Szene. Alles Sportler, die bedeutend kleiner und dadurch auch leichter waren als ich. Die letzten drei lieferten sich ein packendes Finish, und ich konnte bewundern, wie aggressiv sie mit überlangen Skiern das Luftpolster suchten und die sensible erste Flugphase überbrückten.

Instinktiv spürte ich, dass es mit meiner Statur nahezu unmöglich war, eine derartige Technik zu springen, die Gesetze der Physik waren nicht außer Kraft zu setzen. Zweifel kamen auf, und der schleichende Prozess begann, der Karriere als aktiver Skispringer Adieu zu sagen und sich vermehrt auf die Ausbildung zu konzentrieren. Ich war tief im Herzen gar nicht traurig. Die Bühne gehörte nun Funaki, Goldberger und anderen, und ich akzeptierte das. Auf keinen Fall wollte ich jungen Talenten einen Startplatz wegzunehmen. Ich hatte meine Zeit gehabt mit tollen Momenten und wundervollen Reisen, die man normalerweise in diesem Alter nicht machen kann. Ich hatte interessante Teamkollegen, die teilweise zu Freunden geworden sind, und tolle Trainer, die mir bei der Entwicklung meiner Persönlichkeit geholfen haben.

Bei einem der inzwischen raren Besuche im Kleinwalsertal informierte ich meine Eltern von meinem Plan. Meine Mutter, aber auch mein Vater, der unzählige Stunden und Tage mit mir an der Schanze verbracht hatte, reagierten gelassen und verständnisvoll. Da war es wieder, dieses Urvertrauen. Ich durfte immer meinen Weg gehen, wurde liebevoll unterstützt und gefördert, aber niemals gedrängt. Mit einer Selbstverständlichkeit ließ man mich gewähren und gestalten. Manchmal frage ich mich, ob mehr Druck etwas gebracht hätte. Vielleicht hätte ich das eine oder andere Heimtraining konsequenter absolviert. Vielleicht hätte ich mich mit einer gesünderen Ernährung, die für einen Skispringer essenziell ist, meinem Gewichtsoptimum eher genähert. Trotzdem: Eigene Erfahrungen machen zu dürfen und Eigenverantwortung zu übernehmen schärft die Persönlichkeit. Fehler machen zu dürfen und dafür geradezustehen beziehungsweise im Zweifelsfall aufgefangen zu werden macht mutig und frei. Für das alles bin ich sehr dankbar.

Warum ich Trainer werdenund Menschen entwickeln wollte

Jugendsportmultiplikator –Arturo Hotz, der Mann, der uns das Denken lehren will –Rückkehr nach Stams – Erste Erfolge und Mentor Liss –Gereift angreifen mit der nächsten Generation – Papa sein hilft –Schlieri, das Jahrhunderttalent – Verbessern oder gut seinlassen – Endlich Weltmeister – Die Sache im Blick –Anruf aus der Schweiz – Die meinen das ja ernst –»Eine Medaille machen ist doch kein Problem« –Zäsur in Deutschland – Als junger Österreicher privilegiertzwischen den Stühlen – Die innere Zerrissenheit und derhartnäckige Hüttel – Das Brechen von Grundsätzen –Mit Naivität ins Abenteuer

Eigentlich hatte ich nie einen klaren Plan gehabt, was ich außer dem Skispringen beruflich machten wollte. Lehrer zu werden war zwar auch nicht ganz oben auf meiner Prioritätenliste gewesen, aber es erschien mir als eine vernünftige Basisausbildung, mit der man sich eventuell auch in der freien Marktwirtschaft behaupten konnte. So war ich beim Studium Psychologie/ Philosophie/Pädagogik gelandet, und das hatte ja immerhin auch einen Bezug zum Sport. Kaum war die Skispringerkarriere beendet und das erste Vorlesungsbündel in Psychologie zusammengestellt, klingelte in meiner Studenten-WG das Telefon. Am anderen Ende der Leitung war Toni Innauer, zu diesem Zeitpunkt Sportdirektor des österreichischen Skiverbandes. Die österreichische Bundesregierung wolle den Sport intensiver unterstützen und rief dafür eine erstklassige Zusatzausbildung ins Leben. Das Projekt hätte den klingenden Namen Jugendsportmultiplikatoren/Nachwuchstrainerakademie. Mit dem Begriff konnte ich nichts anfangen, aber ich zeigte mich interessiert. Innauer erklärte mir, dass es hier um eine Zusatzausbildung, gepaart mit Praxiserfahrung in Form einer Projektbetreuung gehe. Der Haken an der Sache war: Ich musste zu einem Hearing nach Obertraun und mich »qualifizieren«.

Eine völlig neue Welt für mich als Vollblutsportler, der bis vor Kurzem noch alle möglichen Schanzen dieser Welt bezwungen hatte. Typen in Anzug und Krawatte und ein förmlicher, eher steifer Umgang miteinander. Ich wanderte von Tisch zu Tisch beziehungsweise von Raum zu Raum und musste diverse Fragen beantworten. Ein Professor fragte mich, was denn so mein Ziel sei als Trainer. Ziel als Trainer? Darüber hatte ich mir noch nie den Kopf zerbrochen. Ich war mir ja nicht einmal im Klaren, ob ich überhaupt Trainer werden wollte. Was möchte der Mann wohl von mir hören? Was muss ich antworten, um das Hearing zu bestehen?

»Nationaltrainer«, antwortete ich stolz.

»Nur Nationaltrainer?«, sagte der Professor und hielt mir einen Vortrag über die Besonderheit dieser Ausbildung und welche Möglichkeiten uns da geboten würden. Das verlange natürlich auch außergewöhnliches Engagement.

Geknickt ging ich nach Hause und erzählte Toni Innauer, das sei wohl nicht das Richtige für mich und ich wäre im Hearing vermutlich durchgefallen, nichtsahnend, dass ich hier in der Sportpolitik angekommen und meine Aufnahme in das Projekt eine abgekartete Sache war. Denn der österreichische Skiverband, als einer der mächtigsten Verbände in Österreich, hatte das Recht, Leute in dem Projekt zu platzieren, und entschied letztlich über die Auswahl.

Also absolvierte ich, obwohl ich maximal Nationaltrainer werden wollte, neben meinem Studium eine Zusatzausbildung in Sachen Nachwuchstraining, die mich zum bestausgebildetsten Skisprungtrainer Österreichs machen sollte.

Einer der Professoren, die uns ständig begleiteten auf unseren Seminaren, war Arturo Hotz. Ein kleinwüchsiger Schweizer Querdenker, der europaweit Vorträge hielt und als Koryphäe in Sachen Bewegungslernen und Koordination galt. Seine Impulsreferate waren interessant und unterhaltsam, aber auch anstrengend, glitt er doch immer wieder ins Philosophische ab. Es rumorte unter uns Praktikern, klang doch vieles auf den ersten Blick abgehoben und beinahe ein wenig weltfremd. Einmal hatte ich die Möglichkeit, mit ihm unter vier Augen an der Bar entspannt zu plaudern, und ich nützte die Gelegenheit, ihm die Stimmung in der Gruppe wiederzugeben. Wenn mich etwas störte, konfrontierte ich mein Gegenüber und nahm kein Blatt vor den Mund. Er reagierte erstaunlich gelassen und sagte fast ein wenig mitleidig zu mir: »Weißt du, Werner, mein Ziel ist es nicht, euch Wissensinhalte zu vermitteln und Rezepte zu liefern. Mein Ziel ist es, euch das Denken zu lehren!«

Wir sollten also lernen zu denken? Dieser Satz sollte mich eine Weile beschäftigen. Vieles, was ich in diesen drei Jahren speziell von Arturo lernte, begriff ich erst später, als das Seminar schon beendet war. Viele seiner Ansätze, die im ersten Moment abstrus wirkten, kamen mir zu einem verspäteten Zeitpunkt wieder ins Gedächtnis, und erst dann begriff ich die Zusammenhänge. Einer seiner Leitsätze war, dass wir uns im Spannungsfeld zwischen Sicherheit und Freiheit befinden. Das Bild mit den Spannungsfeldern verwende ich heute noch oft. Schade, dass Arturo so früh verstorben ist. Ich hätte gerne 20 Jahre später mit ihm bei einem Glas Wein einen Rückblick auf diese spannende Zeit und auf das Gelernte, das mich nachhaltig prägen sollte, gemacht.