Abschied(e) - Julian Barnes - E-Book

Abschied(e) E-Book

Julian Barnes

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Beschreibung

Julian Barnes wird im Januar 2026 achtzig Jahre alt. Er weiß, dass die längste Zeit seines Lebens hinter ihm liegt, und er möchte die Kontrolle darüber behalten, wie man auf dieses Leben blicken wird.  Als Julian Barnes erfährt, dass er eine Krankheit hat, die für ihn tödlich sein kann, aber nicht sein muss, heißt das für ihn, die Dinge zu ordnen. Was zählt im Leben, welche Lebensphase war wichtig, oder trügt die Erinnerung? Er nimmt Abschied, indem er den Anfang und das vermeintliche Ende dieses außergewöhnlichen Schriftstellerlebens erzählt – und eine fiktive Geschichte, in der auch ganz viel Julian Barnes steckt. Eine literarische, ehrliche Bilanz, ein Blick zurück und nach vorn von Julian Barnes, dem großen englischen Romancier, der sich vielleicht mit diesem Buch vom Schreiben verabschiedet. Schließlich weiß man nie, wann genau das eigene Leben endet.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

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Seitenzahl: 234

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Julian Barnes

Abschied(e)

Aus dem Englischen von Gertraude Krueger

Kurzübersicht

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Titelseite

Über Julian Barnes

Über dieses Buch

Inhaltsverzeichnis

Impressum

Hinweise zur Darstellung dieses E-Books

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Über Julian Barnes

Julian Barnes, 1946 in Leicester geboren, arbeitete nach dem Studium moderner Sprachen als Lexikograph, dann als Journalist. Von Barnes, der zahlreiche internationale Literaturpreise erhielt, liegt ein umfangreiches erzählerisches und essayistisches Werk vor, darunter »Flauberts Papagei«, »Eine Geschichte der Welt in 10 1/2 Kapiteln« und »Lebensstufen«. Für seinen Roman »Vom Ende einer Geschichte« wurde er mit dem Man Booker Prize ausgezeichnet. Julian Barnes lebt in London.

Die Übersetzerin

Gertraude Krueger, geboren 1949, lebt als freie Übersetzerin in Berlin. Zu ihren Übersetzungen gehören u.a. Sketche der Monty-Python-Truppe und Werke von Julian Barnes, Alice Walker, Valerie Wilson Wesley, Jhumpa Lahiri und E.L. Doctorow.

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Über dieses Buch

In seinem bislang persönlichsten Werk stellt sich Julian Barnes der eigenen Sterblichkeit – und ist dabei doch lebendiger denn je. Mit einer einzigartigen Mischung aus Fiktion, Essay und persönlichen Erinnerungen erzählt er die Geschichte von Stephen und Jean, die sich in jungen und alten Jahren ineinander verlieben.

Dieses Buch ist eine launige und doch tiefgründige Reflexion über die Erfahrungen, die ein langes Leben prägen: was wir gewinnen und was wir verlieren, an was wir uns erinnern und was wir vergessen, und wie wir lernen, loszulassen. Ein Roman, der die Grenzen des Genres sprengt und das Leben feiert.

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Impressum

Verlag Kiepenheuer & Witsch GmbH & Co. KGBahnhofsvorplatz 150667 Köln

Titel der Originalausgabe: Departure(s)

© Julian Barnes, 2026

Aus dem Englischen von Gertraude Krueger

© 2026, Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln

Alle Rechte vorbehalten

Covergestaltung: Barbara Thoben, Köln

Covermotiv: Luke Martineau, Across the Water, 2014 (Öl auf Leinwand)

© Luke Martineau. All Rights Reserved 2025/Bridgeman Images

 

ISBN978-3-462-31378-9

 

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Inhaltsverzeichnis

Widmung

1  Das große I AM

2  Der Anfang der Geschichte

3  Beherrschbar

4  Das Ende der Geschichte

5  Nirgendwohin

Danksagung

Zitatnachweise

Racheleli

1 Das große I AM

Vor Kurzem habe ich eine erschreckende Möglichkeit entdeckt. Nein, schlimmer: eine erschreckende Tatsache.

Ich habe eine alte Freundin, eine Radiologin, die mir seit Jahren Ausschnitte aus dem British Medical Journal zuschickt. Sie weiß, dass mein Interesse vornehmlich dem Makabren und Außergewöhnlichen gilt. In meinem Gedächtnis – dem Ort, an dem Verfall und Ausschmückung ineinandergreifen – habe ich Fälle gespeichert, bei denen Patienten platzten, als ein erhitztes Skalpell ihre Körpergase entzündet hatte, und andere aus der Frühzeit der Kernspintomografie, bei denen innere Nähte aus Metallfäden wie Granatsplitter in weiches Fleisch geschossen wurden. Manchmal sind diese Geschichten mit Fotos illustriert: zum Beispiel von einem Mann, der seine Zehennägel zu so langen Kringeln – mehrere Meter, wenn ich mich recht entsinne – wachsen ließ, dass er jahrelang nicht laufen konnte. Es gehört auch zur ärztlichen Routine, seltsame verschluckte oder gewaltsam in das Rektum eingeführte Gegenstände – wie ein Päckchen Nägel – zu entfernen. (Früher waren winzige Napoleonbüsten als anale Selbstimplantate beliebt, ein Brauch, bei dem die Lust sicher patriotisch überhöht wurde.) Ein Fall ist mir besonders in Erinnerung geblieben; es ging um einen Mann, dem eine Luftröhrenkanüle angelegt worden war. Während der Untersuchung rätselten die Ärzte über gelbliche Flecken um das Loch, in dem die Kanüle steckte. Wie sich herausstellte, war der Patient starker Raucher. Weil er nicht mehr durch den Mund rauchen konnte, kam er darauf, dass er nur die Kanüle herauszuziehen brauchte, dann passte die Zigarette perfekt in das Loch, und er konnte sie anzünden und seine Lunge füllen. Männer (und die meisten Akteure dieser bizarren Unternehmungen waren Männer) können äußerst erfinderisch sein, sogar – oder vor allem – wenn sie sich selbst damit schaden.

Der jüngste Ausschnitt, den Dr. Jacky mir schickte, hatte passenderweise eine literarische Überschrift: »Proust und Madeleine: Zusammen im Thalamus?« Da habe ich natürlich gleich weitergelesen. »Madeleine war, wie Sie sicher wissen, nicht Prousts große Liebe, sondern ein Keks, der in Tee getunkt bei ihm eine Involuntary Autobiographical Memory (IAM) auslöste«, also eine unwillkürliche autobiografische Erinnerung. Der Bericht stammte aus der Fachzeitschrift Neurology Clinical Practice und handelte von einem 45-jährigen Mann, der einen hämorrhagischen Schlaganfall im linken hinteren Thalamus erlitten hatte. Die Folgen waren weit extremer und ungewöhnlicher als der sanfte Schubs, den Proust (und sein fiktiver Erzähler) von einer Madeleine bekam – die genau genommen kein »Keks« ist, sondern ein rundliches Törtchen in Form der gefächerten Schale einer Jakobsmuschel. Wie der Patient verriet, löste der »Geschmack von Apfelkuchen Erinnerungen an alle Kuchen aus, die er je gekostet hatte; sie wurden in der richtigen chronologischen Reihenfolge durchlebt und ergossen sich kaskadenartig in sein Gehirn«.

Wie gesagt, meine erste Reaktion war Erschrecken: Man stelle sich diesen blitzartigen Überfall vergessener Erinnerungen vor, eine Lawine von Vergangenem, die über die eigene Wahrnehmung der Gegenwart hinwegrollt und jedes Selbstgefühl erschüttert. Und was ist, merkte ein Freund an, wenn der Auslöser nicht etwas so Lebensbejahendes ist wie ein Stück Apfelkuchen? Wenn man, sagte er, auch nur ganz leise gefurzt hätte und einem dann in chronologischer Reihenfolge jeder einzelne Furz präsentiert würde, den man je losgelassen hätte? Und so weiter – Sie können sich unschwer eigene Beispiele ausdenken. Wie die ermüdende Vorstellung – oder den Anblick – Tausender Schinkensandwiches, die in Ihrem Bewusstsein aufblitzen (und würden deren Qualität und Unterschiedlichkeit sowie Ihre Reaktion darauf dann ebenfalls wieder abgespult?).

Ich bin jetzt Mitte siebzig, und wie die meisten älteren Menschen langweile ich mich manchmal selbst – womit ich meine, dass ich mich immer wieder an dieselben Gedanken, Taten und vor allem Ansichten erinnere. (Übrigens sind die Leute, die sich nie selbst langweilen, während sie fortwährend ihr eigenes Leben und die immer gleichen Anekdoten zum Besten geben, gemeinhin die schlimmsten Langweiler der Welt. Wiederum Männer, in aller Regel.) Eine frenetische, überfallartige Langeweile von blitzartigen IAMs aber ist, im Moment jedenfalls, unvorstellbar. Würde einen das nicht in den Selbstmord treiben?

Meine zweite Reaktion war reflektierter und schriftstellerischer. IAMs wären bestimmt nützlich für eine Autobiografie. Man meint sich »ganz genau« an etwas zu erinnern, und je häufiger man sich daran erinnert und es erzählt hat, desto mehr ist man vom Wahrheitsgehalt der Anekdote überzeugt. Aber was wäre, wenn man zurechtgewiesen und korrigiert würde, und zwar von … dem eigenen Gehirn? Was wäre, wenn es sämtliche Wiedererzählungen vor einem ausbreiten und aufzeigen könnte, dass man langsam, aber systematisch von der ursprünglichen Darstellung abgewichen ist? Wäre das nicht unheimlich und verstörend? Aber auch hilfreich: Man könnte sich ja kaum über seinen eigenen Thalamus hinwegsetzen, nicht wahr?

Und was wäre, wenn im Gehirn nicht nur eine chronologische Aufzählung sämtlicher je im Leben verzehrter Kuchen ankäme, sondern auch eine Liste des moralischen Tuns und Lassens? Jede Gelegenheit, bei der man »Ich liebe dich« gesagt hat, ob ehrlich gemeint oder nicht. Jede Gelegenheit, bei der man nicht »Ich liebe dich« gesagt hat, aber hätte sagen sollen, bei der man es sagen wollte, aber nicht gesagt hat. Wie würde man mit dem Register – dem chronologischen Register – aller Lügen, Heucheleien, der vermeidbaren wie der (scheinbar) unvermeidbaren Grausamkeiten, der schweren Versäumnisse, der Verheimlichungen, der gebrochenen Versprechen, der Vertrauensbrüche in Worten und Taten umgehen? Nicht nur der tatsächlichen Verfehlungen, sondern auch der imaginierten und gewünschten. Denken Sie an das berühmte Interview über Lust und Begehren im Playboy, in dem Präsident Jimmy Carter kühn gestand, er habe »im Herzen viele Male Ehebruch begangen«. Das trifft für die meisten von uns zu, doch in unseren bewussten Erinnerungen bewahren wir meist nur die liebenswerteren und nicht so schuldbeladenen Fantasien auf. Aber was ist mit diesen eher peinlichen, unstatthaften, liederlichen Ehebrüchen des Herzens, die wir lieber unterdrücken?

Es gibt einen zweiten Teil in Präsident Carters berühmtem Geständnis, der mir noch kühner erscheint. Nachdem er seine im Traum begangenen Sünden gestanden hatte, fuhr er fort: »Gott weiß, dass ich es getan habe und wieder tun werde, und Gott vergibt mir dafür.« Das hört sich für einen Nichtgläubigen doch ziemlich selbstgefällig an. Der Allmächtige wird Jimmy Carter nicht nur beim Jüngsten Gericht vergeben, er vergibt ihm schon während des Geschehens, jedes Mal, wenn sein ehebrecherisches Herz sich regt. Aber vielleicht hat so ein Präsident ja mehr Einblick in Wesen und Großmut der Gottheit als wir anderen.

 

Hier stellt sich nun eine weitere Frage: Was, wenn es möglich wäre, IAMs zu produzieren, ohne dass der Patient – Sie, ich – erst einen katastrophalen Schlaganfall erleiden muss? Schließlich trepanieren sich Menschen schon seit der Steinzeit gegenseitig, das heißt, sie bohren anderen Löcher in den Schädel, um Dämonen, böse Geister und den Wahnsinn herauszulassen, um den Druck aufs Gehirn zu verringern, um Epilepsie und andere mentale Störungen zu lindern. In der nordeuropäischen Malerei des frühen 16. Jahrhunderts gibt es ein beliebtes Subthema, das sogenannte Narrenschneiden – die Entfernung des Steins des Wahnsinns. Das bekannteste Beispiel ist Hieronymus Boschs »Der Steinschneider«, wo sich ein dicker älterer Bauer auf einem hohen Holzstuhl zurückbeugt, während ein Arzt mit einem Blechtrichter auf dem Kopf an der Stirn des Patienten herumstochert. (Wobei der Trichter wohl anzeigen soll, dass der Arzt ein Scharlatan ist.)

Was, wenn mit minimalem Schaden ein akkurates Loch in den Schädel gebohrt werden könnte, um so alle unsere Erinnerungen freizusetzen? Es ist, zugegeben, nur schwer vorstellbar, dass ein Neurochirurg sich zu einem solchen Eingriff bereit erklären oder an dessen gesellschaftlichen Nutzen glauben würde (»Ich möchte mich besser an meine Mutter erinnern« oder »Es wäre mir eine große Hilfe beim Schreiben meiner Autobiografie« wären wohl keine sehr überzeugenden Gründe). Es gibt auch eine lange, wenn auch gemeinhin obskure Geschichte der Selbst-Trepanation, daher könnte sich eine wackere Seele, die unter Amnesie oder präseniler Demenz leidet, leicht einbilden – und wieder ist der tollkühne Kandidat wahrscheinlich ein Mann –, das sei praktikabel. Ein beliebtes Instrument zur Selbst-Trepanation ist offenbar der Zahnarztbohrer. Spinner wollen damit »den Blutfluss im Gehirn« fördern oder sich – geradezu buchstäblich – ein »drittes Auge« erschaffen, das angeblich zu spiritueller Erleuchtung führt.

Doch stellen Sie sich weiter vor, das wäre irgendwann medizinisch möglich und auch gesetzlich erlaubt: Würde Sie das reizen? Vielleicht könnten zunächst freiwillige Probanden dazu gebracht werden, sich der Prozedur zu unterziehen, in der Annahme, das wäre auch nicht schlimmer, als Blut zu spenden.

 

IAM ist nur ein simples, unvermeidliches Akronym. Aber wenn man in der englischen Form IAM den ersten von den beiden folgenden Buchstaben trennt, dann wird es zu I AM – ich bin. Das ist eine Überlegung wert. Erinnerung ist Identität, wie wir oft sagen. Wenn das stimmt, dann ergeben all die in unserem Inneren gespeicherten IAMs, wer und was wir sind und jemals waren. Und das verweist auf die Wendung »Ich bin, der ich bin«, mit der der Gott der Christen bezeichnet wird. Der uns belohnt oder bestraft, weil er sich an jede einzelne Tat von uns erinnert, an jeden einzelnen Gedanken und jedes Gefühl, das durch uns hindurchgegangen ist. Obwohl viele Menschen noch immer glauben, dass ihnen nach dem Tod ein Jüngstes Gericht bevorsteht, bekommt es jetzt Konkurrenz durch ein potenziell verfügbares präletales Gericht in aktualisierter und säkularisierter Form. Unser Sündenregister steht nicht in dem dicken Buch des heiligen Petrus, sondern steckt in unserem eigenen Gehirn. Vielleicht muss nur noch ein Team von Neurologen kommen und den Schlüssel finden.

Doch wer würde dann Gott spielen? Nicht der Gehirnchirurg, der wäre lediglich ein fachkundiger Vermittler. Dann blieben nur wir selbst als Richter übrig. Was zu übertriebener Nachsicht mit uns selbst führen könnte. Es sei denn, es würde uns im Gegenteil zwingen, erwachsen zu werden.

 

Ich habe mehr über den Mann in Erfahrung gebracht, der sich an jeden Kuchen erinnerte, den er je gegessen hatte. Seine IAMs begannen neun Monate nach seinem Schlaganfall, und sie umfassten sein ganzes Leben, von seinem allerersten Lebensjahr (an das wir angeblich keine Erinnerung haben) bis in die Gegenwart. Der Auslöser konnte eine Berührung sein, ein Geruch, ein Geschmack oder ein Anblick. Einmal rief der Geruch von frischem Teig eine Erinnerung an die Kindheit wach – an den Tag, als er an der Hand seiner Mutter barfuß durch die Küche seiner Großmutter gelaufen war. Er sah die Schürze seiner Großmutter wieder vor sich und erlebte »das runde Gefühl meiner Fußsohlen«. Das hört sich alles sehr proustianisch an.

Aber manchmal stellte sich eine »Kaskade« von Erinnerungen auch ohne einen speziellen sensorischen Auslösereiz ein: Eines Tages erinnerte er sich in allen Einzelheiten an einen Familienausflug zur Expo 67 in Montreal, als er drei Jahre alt war. Weiter stellte sich heraus – was vielleicht seltsam anmutet –, dass auch sein Kurzzeitgedächtnis nach seinem Schlaganfall besser wurde. Außerdem merkte er, dass er seine IAM-Anfälle nach Belieben willentlich unterdrücken konnte. Ein solcher Ausschaltknopf wäre wahrscheinlich eine große Erleichterung für die Betroffenen; und dann könnte man, wenn man zum Beispiel an seiner Autobiografie säße, innehalten und gleich mal den vom Gehirn ausgestoßenen Informationsschwall bearbeiten. Und vielleicht fände sich mit der Zeit auch ein Einschaltknopf, und man könnte die gesamte eigene Vergangenheit abrufen, wie und wann man wollte. Frage: Würden Sie wirklich alles über sich wissen wollen? Ist das eine gute Idee oder eher nicht?

Was eine weitere Frage aufwirft. Ist es korrekt, diese visuelle Kaskade aller Kuchen, die man je gegessen hat, als »Erinnerungen« zu bezeichnen? Üblicherweise verstehen wir unter einer Erinnerung doch etwas, was im Laufe unseres Lebens häufig oder selten in uns wachgerufen wurde und sich bei jedem Wiedererzählen ein wenig verändert, bis es schließlich zu einer Version gerinnt, von der wir uns einreden, sie sei die Wahrheit. Aber wenn der ursprüngliche Proband jener klinischen Untersuchung eine »ganze detaillierte Passage« des Besuchs der Expo in Montreal erlebte, dann war das vermutlich etwas, woran er sich zuvor nicht erinnert hatte (auch wenn seine Familie ihm zweifellos davon erzählt hatte). Das wäre also keine dem normalen Verfallsprozess unterworfene Erinnerung, sondern eine erneute Darbietung des eigentlichen Erlebnisses, ein korrektes Revival nicht dessen, woran der erwachsene Mensch sich erinnerte, sondern dessen, was das Gehirn des Kindes an jenem vergessenen Tag vor vielen Jahren empfangen hatte. Es wäre sogar mehr als eine »jungfräuliche Erinnerung«, es wäre das Ereignis selbst, wie es seinerzeit vom Gehirn verarbeitet worden war. Ob Sie das wohl zu ein bisschen Selbst-Trepanation verlocken kann?

 

An dieser Stelle muss zweierlei erwähnt werden:

Es wird auch eine Geschichte – oder eine Geschichte in der Geschichte – geben, aber erst später; und

Dies ist mein letztes Buch.

Ich habe die Theorie aufgestellt, dass der ständige, stürmische Andrang unerwünschter – oder zumindest unerbetener – blitzartiger IAMs Selbstmordgedanken auslösen könnte. Vielleicht habe ich da übertrieben. Doch wenn man, anders als der Kuchenmann, keine Möglichkeit findet, diese Attacken abzustellen, wirken sie sich bestimmt störend auf das normale Leben aus. Der sowjetische Neuropsychologe A.R. Lurija hat in seiner klassischen Studie Kleines Porträt eines großen Gedächtnisses den Fall eines als »S.« bekannten Mannes beschrieben, der in den 1920er-Jahren erstmals in Lurijas Leben trat. S. hatte ein erstaunliches Gedächtnis, dessen Funktionsweise und Techniken in einem Zeitraum von dreißig Jahren unter Laborbedingungen untersucht wurden. Er war in der Lage, sich mit außerordentlicher Genauigkeit an Reihen von Buchstaben und Zahlen, Ausdrücken und Einzelwörtern zu erinnern, und konnte solche Tests mehr als zehn Jahre später bis in alle Einzelheiten wiedergeben. Eine seiner Methoden bestand darin, Schlüsselwörtern anschauliche Bilder zuzuordnen:

Wenn man mir zum Beispiel das Wort Elefant nennt, dann sehe ich einen Zoo vor mir. Wenn man mir Amerika nennen würde, würde ich mir ein Bild von Onkel Sam machen; wenn es Bismarck wäre, würde ich mein Bild neben ein Bismarckdenkmal platzieren; und wenn das Wort transzendent hieße, würde ich meinen Lehrer Schtscherbina vor mir sehen, der vor einem Denkmal steht und es anschaut.

S. war zudem Synästhetiker, was zu seiner alltäglichen Belastung beitrug. Jedes Geräusch, das er hörte, ging mit Licht und Farbe einher. Auf die Frage, ob er sich an einen bestimmten Zaun erinnern könne, antwortete er, natürlich könne er das: »Er hat einen salzigen Geschmack und fühlt sich ganz rau an, dazu hat er so einen scharfen, durchdringenden Klang.« Wenn er in ein Restaurant gehe, entscheide er, was er essen wolle, »nach dem Namen der Speise, dem Klang des Wortes. Dass Mayonnaise gut schmeckt, ist eine alberne Behauptung. Das weiche s am Ende [in der russischen Schreibweise] ruiniert den Geschmack – es hat keinen ansprechenden Klang … Und wenn die Speisekarte schlecht geschrieben ist, kann ich da einfach nichts essen – die Karte sieht so dreckig aus«. Das klingt alles anstrengend und war es auch; wenn S. eine Erinnerung abrufen wollte, verursachte jedes plötzliche Geräusch und jede Ablenkung »Dampfwolken« oder »Spritzer«, die verwischten, was er zu erkennen versuchte. Und da S. zwangsläufig zu einer Varieténummer wurde, erzeugten gutwillige wie bösartige Hilfestellungen oder Störmanöver aus dem Publikum einen unglaublichen Stress.

Und wie wirkte sich das alles auf seine Persönlichkeit und sein Privatleben aus? Lurijas erster Eindruck von S. war der »eines recht behäbigen und scheuen Menschen«, doch seien dessen »Erinnerungen an seine frühe Kindheit unvergleichlich reicher als unsere«. Als Erwachsener wechselte er dutzendmal die Arbeitsstelle, bevor er zum professionellen Gedächtniskünstler wurde und seinen Lebensunterhalt mit seinen Problemlösungen und Gedächtnisleistungen bestritt. Ansonsten aber wurde diese seltsame Gabe für ihn oft zur Behinderung. Zum Beispiel war er praktisch außerstande, ein Buch zu lesen, weil sich Figuren mit ähnlichen Eigenschaften, an die er sich aus anderen Büchern erinnerte, ständig in den vor ihm liegenden Text drängten. Gedichte zu lesen war ihm nahezu unmöglich, da ihn das Denken und Sprechen in Metaphern aus der Fassung brachte. Mehrfach erklärte er Lurija: »Ich verstehe nur, was ich mir bildlich vorstellen kann.« Und er konnte sich nicht nicht erinnern; dieser Teil seines Gehirns ließ sich nicht abstellen. Auf andere wirkte er wie ein Träumer; er merkte nicht, wie die Zeit verging. Im Gespräch schweifte er immer wieder ab – es war ihm schlicht nicht möglich, bei einem Thema zu bleiben. Wenn also das Wort »Pferd« fiel, musste er sich »auch mit dessen Farbe und Geschmack befassen«.

Diese Ablenkbarkeit verlieh ihm den Anschein von Hilflosigkeit, weshalb andere ihn für einen »langweiligen, unbeholfenen und etwas geistesabwesenden Burschen hielten«. Lurija vermerkte, dass S. Familie hatte, »eine gute Frau und einen Sohn, der es zu etwas gebracht hatte« – aber auch das nahm er wie durch einen Schleier wahr. Ja, wie Lurija konstatierte, könnte man »kaum sagen, was für ihn realer war: die Welt der Vorstellung, in der er lebte, oder die Welt der Wirklichkeit, in der er ein vorübergehender Gast war«. Das ist ein erschreckender und wenig beneidenswerter Zustand: ein vorübergehender Gast im eigenen Leben zu sein.

 

Im Fall der in Tee getauchten und von Prousts Erzähler Marcel verspeisten Madeleine handelt es sich nicht, wie im Text behauptet, um eine unwillkürliche autobiografische Erinnerung oder IAM, sondern um eine ganz entspannte, halb willentliche, halb automatische Erinnerung; das wäre dann wohl eine GEHWHAE – kein sehr einprägsames Akronym. An verschiedenen Stellen im Roman ist sich Marcel einer wesentlichen, tieferen Realität bewusst, die da draußen – oder da unten – existiert, für uns weitgehend unzugänglich, aber nur darauf wartend, erfasst oder wiedererfasst zu werden. Der erste dieser beinah-transzendenten Momente geschieht gleich am Anfang des Romans. Marcel sinnt über Combray nach, die kleine Provinzstadt, in der er als Kind seine Ferien bei den Großeltern verbrachte und wo seine täglichen Spaziergänge nur zwei verschiedene Richtungen kannten – du côté de chez Swann oder du côté de chez Guermantes; Spaziergänge, die symbolisch die beiden gesellschaftlichen Klassen anzeigen, in die sich sein späteres Leben aufspaltet: die reiche, kultivierte Bourgeoisie und eine Aristokratie, die auf die Mittelschicht herabsieht, aber am Ende von ihr vereinnahmt wird.

Marcel stellt fest, dass nur die hinderlichen Normen der Erinnerung gelten, wenn er sich an Combray zu erinnern versucht: Er sieht lediglich einen »hellen, gleichsam aus undurchdringlicher Dunkelheit herausgeschnittenen Streifen«. Und er sieht immer wieder dieselben Szenen vor sich, was daran liegt, dass sie ihm von der »willentlichen Erinnerung« eingegeben werden, »der Erinnerung des Verstandes«, und da »die auf diese Weise vermittelte Kunde von der Vergangenheit nichts von ihr bewahrt«, verliert er jedes Interesse daran, »an das übrige Combray zu denken. All das war in Wirklichkeit tot für mich.«

Doch dann geschieht etwas Wunderbares. Viele Jahre später kommt er eines Tages in trüber Stimmung nach Hause, und als seine abgöttisch geliebte Mutter sieht, dass er friert, meint sie, er solle, »entgegen seiner Gewohnheit«, eine Tasse Tee trinken. Außerdem schickt sie nach einer petite madeleine. Er weicht ein Stück davon im Tee auf und führt es mit einem Löffel zum Mund; während er den Bissen kostet, durchströmt ihn ein »unerhörtes Glücksgefühl«. Das geht weit über das Geschmackserlebnis hinaus; es verändert seine Seele. Er fühlt sich nicht länger »mittelmäßig, zufallsbedingt, sterblich«, und mit einer »mächtigen Freude« erfüllt ihn eine Essenz seiner selbst.

Und Combray? Nicht so eilig. Er trinkt einen zweiten Schluck, bei dem er nicht mehr verspürt als beim ersten; dann einen dritten, bei dem er weniger empfindet. »Ich muss aufhören, denn die geheime Kraft des Trankes scheint nachzulassen.« Er denkt eine Weile darüber nach, dann macht er einen letzten Versuch, sich in jenen freudigen Moment zurückzuversetzen, als er den ersten Bissen des teegetränkten Kuchens zu sich nahm. Da regt sich etwas in ihm, es kommt aus den Tiefen seines Ichs und »steigt langsam empor«; er hört »das Raunen der durchmessenen Räume«. Etwas scheint sich zeigen zu wollen und gleitet dann in die Tiefe zurück. Zehn Mal versucht er, dieses Etwas aus dem unbestimmten Dunkel hervorzuholen.

»Und mit einem Mal war die Erinnerung da.« Das ist nicht »die willentliche Erinnerung, die Erinnerung des Verstandes«, sondern etwas Tieferes und Entlegeneres. Der Auslöser ist nicht der Anblick der Madeleine – er hat in der Zwischenzeit Tausende solcher Kuchen gesehen –, sondern etwas Urtümlicheres und Essenzielleres: allein der Geruch und der Geschmack, »zarter, aber dauerhafter«. Und so ist er wieder zurück in Combray, wo er am Sonntagmorgen seine Tante Léonie besucht, die ein Stückchen einer Madeleine in ihren Lindenblütentee taucht und ihn damit füttert. Nun falten sich Erinnerungen vor ihm auf, wie sich bei dem traditionellen japanischen Spiel kleine Papierstückchen im Wasser zu Blumen entfalten. Combray stellt sich ihm mit all seinen vergessenen Bestandteilen in den Originalfarben und -formen wieder her. Er erinnert sich, wie »all die Leute aus dem Dorf […] und ganz Combray und seine Umgebung, all das, was nun Form und Festigkeit annahm, Stadt und Gärten«, aus seiner Tasse Tee aufstiegen.

Ein paar Anmerkungen dazu. Erstens unterscheidet Proust zwischen »willentlicher Erinnerung, der Erinnerung des Verstandes«, und unwillkürlicher Erinnerung, die einen Zugang zu etwas Tieferem und Essenziellerem eröffnet. Doch nach seiner Darstellung ist ganz eindeutig auch der Wille daran beteiligt – Marcel versucht zehn Mal, diese tief versunkenen Erinnerungen aus sich herauszuholen. Vielleicht geschieht das anfangs unwillkürlich (die unverhoffte Kombination von Tee und Madeleine), doch offenbar spielt auch viel Willentliches dabei mit – die Entscheidung, diesem Geruch und Geschmack nachzugehen, am Zugseil der Erinnerung zu reißen. Als es ihm gelingt, seine umfangreichsten Erinnerungen an Combray zutage zu fördern, werden sie – zweitens – so beschrieben, als würden sie sich qualitativ nicht von denen unterscheiden, die durch das banale und begrenzte willkürliche Gedächtnis gewonnen wurden: »all die Leute aus dem Dorf und ihre kleinen Häuser« und so weiter. Was Marcel seiner Schilderung nach jetzt sieht oder wiedersieht, ist umfassender als das, was sein willkürliches Gedächtnis ihm zuvor offenbart hatte. Doch bringt das mehr »Essenz« und »Wirklichkeit« mit sich? Für mich nicht.

Vielleicht rührt meine Skepsis daher, dass ich nie so eine transzendentale Erinnerung hatte; ich habe mich vom trockenen Zwieback willkürlicher Erinnerung genährt. Ich habe einige gute Freunde befragt, und auch für sie hatte sich nie etwas proustianisch entfaltet. Ich vermute, wer sich heute Zugang zu längst Vergessenem verschaffen will, der versucht es entweder mit Psychotherapie oder mit einer bewusstseinsverändernden Droge wie LSD, um die Pforten der Erinnerung und Wahrnehmung aufzuschließen. Würde ich das selbst ausprobieren? Wahrscheinlich nicht. Allerdings war ich auch nie so frustriert von den Grenzen der Erinnerung des Verstandes wie Marcel; und wenn ich mir den Londoner Stadtteil Acton W3 der späten 1940er- und frühen 1950er-Jahre wieder hervorrufen könnte, hätte ich meine Zweifel, ob alles wie eine japanische Blume im Wasser aufgehen und mir vergessene Dinge und vergessenes Glück in Erinnerung rufen würde. Ich habe auch keine Ahnung, welcher unvermittelte olfaktorische Schlüssel bei mir funktionieren würde: ein Häppchen durchweichten Kuchens ganz sicher nicht. Eher schon der Geruch des Klebstoffs und des Lacks, den ich beim Bau von Modellflugzeugen benutzt habe, der Duft von gebratenem Speck oder der Geruch eines nassen Golden Retrievers.

 

In ihrem Essay »Eine Skizze der Vergangenheit« hat Virginia Woolf (die Proust bewunderte und zugleich beneidete) mit eigentümlicher Bravour eine Verbindung zwischen Combray und der möglichen Zukunftswelt von IAMs hergestellt:

[…] Das heißt vermutlich, dass meine Erinnerung mir zur Verfügung stellt, was ich vergessen hatte, so dass es scheint, als geschehe es unabhängig von mir, obwohl in Wirklichkeit ich es geschehen lasse. In gewissen günstigen Stimmungen steigen Erinnerungen – das, was man vergessen hat – an die Oberfläche. Wenn das aber so ist, wäre es dann nicht möglich – frage ich mich oft –, dass Dinge, die wir mit großer Intensität empfunden haben, unabhängig von unserem Hirn existieren; tatsächlich immer noch existieren? Und wenn das so ist, wäre es dann, mit der Zeit, nicht denkbar, dass ein Gerät erfunden wird, mit dem wir sie anzapfen können? Ich sehe sie – die Vergangenheit – als eine Straße, die hinter mir liegt; ein langes Band aus Szenen, Gefühlen. Dort, am Ende der Straße, sind immer noch der Garten und das Kinderzimmer. Statt mich hier an eine Szene und da an ein Geräusch zu erinnern, werde ich einen Stecker in die Wand stöpseln; und in die Vergangenheit hineinhorchen. Ich werde den August 1890 lauter stellen. Ich fühle, dass starke Emotionen ihre Spuren hinterlassen müssen; und es geht nur darum herauszufinden, wie wir uns wieder damit verknüpfen können, um in der Lage zu sein, unser Leben von Anfang an noch einmal zu durchleben.

Neben der IAM gibt es noch ein Phänomen, das als HSAM oder »highly superior autobiographical memory« bezeichnet wird – ein außergewöhnlich detailliertes autobiografisches Gedächtnis. Es sind nur etwa einhundert Fälle bekannt, die sich dieser Fähigkeit erfreuen oder darunter leiden. Darunter ist eine achtzehnjährige Kanadierin, die nicht nur beschreiben kann, was sie an jedem beliebigen Tag ihres Lebens getan hat, sondern auch, welche Kleider sie damals trug und was sie gegessen hat. Jeder einzelne Tag, sagt sie, sei in ihrem Gehirn abgespeichert wie ein »kleiner Film«, den sie nach Belieben abspielen könne. In einer solchen Überfülle von feinteiligem Selbstwissen kann man nur schwer einen Vorteil, aber leicht einen erheblichen Nachteil sehen – die Unfähigkeit, unliebsame Erinnerungen zu redigieren, zu reduzieren oder auszusortieren. Und schmerzliche schon gar nicht: Bei uns könnte die Zeit ihnen den Stachel nehmen und uns sogar erlauben, sie zu vergessen, doch für diese junge Frau werden sie immer so unangenehm lebendig sein wie zur Zeit des ersten Erlebens. Und überhaupt – wofür soll es eigentlich gut sein, dass einem die eigene Vergangenheit ständig zur Verfügung steht, außer für einen Bühnen- oder Fernsehauftritt wie bei Lurijas Gedächtniskünstler?

Wir sagen oft, uns würde »das Gedächtnis einen Streich spielen« – aber wer würde einen Menschen mit HSAM beneiden? Keine kleinen Streiche, sondern ständige, unvermeidliche Erinnerungen ohne Kniffe und Pfiffe … Da würde man sicher bald alle beneiden, die ein »normales« – d.h. löchriges, unzuverlässiges oder auch tückisches – Gedächtnis haben. Zu den übelsten Tricks des Gedächtnisses gehört die sogenannte Kryptomnesie, bei der dem Betreffenden eine vergessene Erinnerung präsentiert wird, die er aber nicht als solche erkennt, sondern für etwas Neues und Originelles hält. Diese Erscheinung wurde erstmals 1874 bei einem englischen spiritistischen Medium mit dem kryptospiritistischen Namen Stainton Moses beobachtet. Natürlich wird sie oft mit Plagiat und Betrug in Verbindung gebracht. Der berühmteste und allem Anschein nach echte Fall von Kryptomnesie ist Nietzsche, der in Also sprach Zarathustra