Adam der Affe - Wolfgang Wambach - E-Book

Adam der Affe E-Book

Wolfgang Wambach

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3,99 €

Beschreibung

Ein Abenteuerroman für junge Leser über Freundschaft und den Glauben an die eigenen Stärken. Kenny ist die Nummer eins bei Abenteuerspielen im Internet, bei denen niemand merkt, dass er nicht sprechen kann. Im wahren Leben geht der Schüler Konflikten aus dem Weg und findet keine Freunde. Alles ändert sich, als er auf den Zirkusaffen Adam trifft, der sich ihm in Gebärdensprache vorstellt. Als der Schimpanse im Zirkus bedroht wird, flieht er aus seinem Käfig. Kenny reißt daraufhin von zu Hause aus, um mit Adam den Wissenschaftler zu finden, der das "Geheimnis der Sprache" kennen soll. Für die beiden beginnt eine spannende Abenteuerreise, auf der sie über sich selbst hinauswachsen. Doch bald gerät Adam in Lebensgefahr - wird Kenny seiner inneren Stimme folgen und für seinen neuen Freund kämpfen? Das E-Book enthält zusätzlich ein wissenschaftliches Nachwort über Große Menschenaffen, sowie drei Kurzgeschichten des Autors.

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 80




Adam der Affe

Es geht nicht weiterEin Zeichen der HoffnungJeder lebt in seiner WeltKenny kann nicht abschaltenAdam muss sich entscheidenIn schwindelnder HöheKenny weiß nicht, wohinDie Reise beginntAdam muss Haare lassenIn der StadtUnter BeobachtungKenny schreibt seiner MutterAdam ist im FernsehenAlte GewohnheitenKeine Ruhe im AbteilDie Verkleidung fliegt aufJeder sucht für sichVerloren im UnterholzDie LichtungAdam zeigt sein KönnenDrei Hände lenkenAm großen FlussProfessor WeißbartDas Geheimnis der SpracheKenny kämpft für AdamDie letzte ChanceAlte SpurenKenny ist der GrößteIn den SommerferienNACHWORT – Über Große MenschenaffenKURZGESCHICHTE – Die Brieftaube am BahnhofKURZGESCHICHTE – Der Goldfisch im GemeindeteichKURZGESCHICHTE – Der Zugvogel im ZooBuchtippsBildnachweiseImpressum

Es geht nicht weiter

»Tiere haben Gefühle – aber dafür hast du wohl kein Gefühl«, murmelte die alte Dame und beobachtete den Jungen auf der Bank.

Kenny Feldmann riss ein weiteres Stück Papier aus dem Buch ›Biologie 7. Klasse‹ und formte in seinem Mund ein nasses Kügelchen daraus. Dann setzte er den Kugelschreiber, aus dem er die Mine entfernt hatte, wieder an seine Lippen. Er holte tief Luft und schoss das Papierkügelchen auf eine der Tauben, die sich am Bahnsteig tummelten. Das Tier flatterte erschreckt hoch und verlor eine Feder. Volltreffer!, dachte Kenny und grinste in sich hinein.

Die Dame schüttelte den Kopf. Sie setzte sich neben Kenny. Dann griff sie in eine Papiertüte und machte ein paar Körner von einem Brötchen ab, die sie auf den Bahnsteig warf.

»Sind dir die Tiere gleichgültig?«, fragte die Frau.

Kenny versteckte hastig sein Blasrohr und schaute auf den Boden. Vielleicht nimmt sie es mir weg, dachte er. Die Vögel stürzten sich auf die Körner.

»Weißt du nicht, dass es der Taube weh tat, als du auf sie geschossen hast? Auch wenn sie dir das nicht sagen kann.«

Kenny erwiderte den Blick der Dame. Dann berührte er kurz mit den Fingern seine Lippen und drehte seine Handflächen nach oben.

»Du kannst nicht sprechen?«, fragte die Dame erstaunt.

Kenny nickte. Er machte mit seinen Händen Bewegungen, die »Ich bin stumm« bedeuteten. Ohne Worte sagen zu können, war Kenny auf die Welt gekommen. Deshalb hatte er von Anfang an eine Sprache gelernt, mit der sich Menschen durch ihre Hände und ihre Mimik ausdrücken können.

»Du beherrschst die Gebärdensprache ...«, sagte die Frau. »Ich nehme an, so sprichst du ... entschuldige bitte, so gebärdest du mit deiner Familie. Aber ich verstehe das leider nicht.«

In diesem Moment ertönte ein Knacksen über den Bahnhofslautsprecher. Kenny hörte genau hin. Eine Durchsage erschallte: »Wegen eines Unfalls in der Steinburger Vorstadt fällt die Linie 10 bis auf Weiteres aus.«

Kenny ließ die Schultern fallen und nahm seinen Schulranzen auf den Rücken. Notgedrungen beschloss er, den letzten Rest zu Fuß nach Hause zu gehen.

Am Ende des Bahnsteiges bauten sich etwa gleichaltrige Typen plötzlich bedrohlich vor ihm auf. Kenny war zwar bereits dreizehn Jahre alt, aber schon immer kleiner und schwächer als die anderen Jungs in seinem Alter gewesen. Die Jungen umzingelten ihn.

»Bist du bereit für deine tägliche Abreibung, Feldmann?«, fragte der Anführer.

Die Kerle schubsten ihn und machten sich über ihn lustig.

»Wieso sagst du denn nichts, Fischmann?«, verhöhnte ihn der Wortführer. »Ruf doch um Hilfe!«

Kenny verfluchte seine Stummheit. Einer schlug ihm in den Bauch und er ging zu Boden. Trotz der Schmerzen arbeitete sein Kopf unter Hochdruck, um einen Ausweg zu finden. Irgendetwas muss mir einfallen! Da entdeckte er in einiger Entfernung eine Notrufsäule. Mit letzter Kraft befreite er sich. So schnell ihn seine Beine trugen, rannte er auf die Notrufsäule zu. Die Jungen verfolgten ihn. An der Sprechanlage drückte er den Alarmknopf. Die Jungen hielten inne.

»Polizei Steinburg, was ist passiert?«, fragte eine Stimme aus der Notrufsäule.

»Weg hier, die Streife kommt«, riefen seine Verfolger und ergriffen die Flucht.

»Hallo? Wer ist denn da?«, wollte die Stimme wissen. »Hallo? Hallo?«

Kenny setzte seinen Heimweg mit hängendem Kopf fort. Wütend kickte er eine Taube in die Bahngleise.

Ein Zeichen der Hoffnung

Auf dem Heimweg nahm Kenny eine Abkürzung durch den Stadtpark. Als er über einen Hügel ging, sah er plötzlich ein Zelt, das vor ihm in die Höhe ragte. Ein Zirkus ist in der Stadt, dachte Kenny. Neben dem Zelt befanden sich Gehege mit Pferden, Ponys, Kamelen und Lamas. Einige kleine Kinder liefen mit ihren Eltern zwischen den Zäunen.

Kenny entdeckte einen Zirkuswagen, der etwas abseits stand. Interessiert ging er näher. Auf den Rädern des Wagens befand sich ein Käfig. Er hatte eiserne Gitterstäbe an drei Seiten. Die Rückwand war aus Holz. Hinter dem Gitter saß ein Affe. Er schien ein junger erwachsener Schimpanse zu sein. Er hatte ein helles, behaartes Gesicht. Sein Körper war bedeckt von dichtem, schwarzen Fell.

Der Affe schaute träge durch die Gitterstäbe. Über seinen orangefarbenen Augen hingen die Lider schwer. Wenn jedoch die kleinen Kinder ihn grüßten, winkte er freundlich zurück.

»Achtung, alle mal zur Seite! Adam geht jetzt zur Generalprobe«, sagte ein großer, schwerer Mann mit Doppelkinn. »Morgen ist die Premiere. Ihr seid alle eingeladen.«

Kenny dachte, der Mann müsse wohl der Zirkusdirektor sein, weil er einen weinroten Frack mit goldenen Verzierungen trug. Mit seinen dichten Augenbrauen und den dünnen Haaren, die er hinten zu einem kurzen Pferdeschwanz zusammengebunden hatte, wirkte der Kerl seltsam, fand Kenny. Die kleinen Kinder hatten Ehrfurcht vor dem großen Mann und gingen zur Seite. Mit einem Schlüssel öffnete er die Käfigtür und rief den Affen: »Komm … komm zu Direktor Zanker!«

Aber Adam reagierte nicht. Der Zirkusdirektor ging in den Käfig und zog an Adams Arm. Doch der Schimpanse weigerte sich und hielt dagegen. Der Zirkuswagen wackelte schon hin und her.

»Komm jetzt endlich«, sagte Zanker genervt, »du musst deine Zirkusnummer üben!«

Adam griff sich ruckartig mit einer Hand an den Kopf und stöhnte dazu laut. Er kniff die Augen zu und verzerrte sein Gesicht vor Schmerzen.

Der Zirkusdirektor kletterte wütend aus dem Wagen und ging ein paar Schritte. Kenny wunderte sich, dass Zanker den Käfig offen ließ. Hat er vergessen, abzuschließen?, fragte er sich.

Adam kauerte auf dem Boden und hielt sich die Stirn. Die Tür quietschte vor ihm hin und her. Der Junge bemerkte, dass der Affe ihn durch die Öffnung ansah. Zanker denkt anscheinend gar nicht daran, dass der Schimpanse weglaufen könnte, überlegte Kenny.

Der Direktor rief einem Mitarbeiter zu: »Der Affe hat mal wieder seine berühmten Kopfschmerz-Anfälle. Wir verschieben die Probe auf später!« Dann ging der Direktor zurück zu Adams Wagen. Er schloss die Käfigtür zu und ging in Richtung Zirkuszelt.

Adam wartete, bis Direktor Zanker fort war. Die Gefahr ist vorbei, dachte der Affe und richtete sich wieder auf. Der Schimpanse nahm sich eine Banane, schälte sie und biss gemütlich hinein. Einem kleinen Mädchen, das vor seinem Käfig stand, gab er ein Stück davon ab.

Kenny ging nun näher an das Gitter. Die Mutter des Mädchens rannte zu ihrem Kind und rempelte Kenny dabei aus Versehen an. Die Frau nahm ihrer Tochter das Bananenstück aus dem Mund und zog sie schimpfend vom Käfig weg.

Kenny gebärdete der Mutter hinterher, dass sie besser aufpassen solle, wo sie hinlaufe.

Adam, der die Szene beobachtet hatte, sah Kenny freundlich an und formte die Gebärde für »Hallo«.

Kenny traute seinen Augen kaum.

Der Affe sprach mittels seiner Hände: »Wie geht’s?«

Der Junge blickte erstaunt. Das muss wohl eine Zirkusnummer sein, dachte er. Kein Affe kann so sprechen!

Da gebärdete der Schimpanse: »Ich bin Adam. Wie heißt du?«

Der Junge war noch immer irritiert und antwortete zögerlich: »Kenny ... Wieso kannst du gebärden?«

Adam erwiderte: »Weil es mir beigebracht wurde, als ich jung war.«

Kenny staunte: »Aber ... aber du bist doch ein Affe. Wieso solltest du gebärden?«

»Menschen sprechen mit dem Mund. Affen können das nicht«, erklärte Adam.

Ich kann auch nicht mit dem Mund sprechen und bin trotzdem ein Mensch, grübelte Kenny.

»Ich habe die Gebärdensprache von einem Forscher gelernt, bei dem ich früher gewohnt habe. Er hat Affen beobachtet und Bücher darüber geschrieben.«

»Und warum bist du jetzt im Zirkus und nicht bei dem Forscher?«, wollte Kenny wissen.

»Seine Forschungsstation wurde geschlossen. Für die Wissenschaft ist kein Geld da, hat man gesagt. Wir Tiere wurden an einen Zoo verkauft. Da habe ich einige Monate verbracht«, erzählte der Affe weiter.

»Wieso bist du nicht mehr dort?«

»Eines Nachts kamen Männer und brachen meinen Käfig auf. Sie hielten mir den Mund zu und steckten mich in einen Sack. Wohin sie mich schleppten, konnte ich nicht sehen.«

»Du wurdest aus dem Zoo geklaut«, schlussfolgerte Kenny.

Adam nickte. »Seit der Entführung fahre ich mit den Zirkusleuten von Stadt zu Stadt.«

Etwas begann in Kennys Hosentasche zu klingeln. Er holte eine goldene Taschenuhr hervor und hielt sie verdeckt, so dass sie niemand anderes sehen konnte. Mama kommt gleich von der Arbeit, dachte Kenny.

»Was hast du da in der Hand?«, wollte Adam wissen.

Der Junge öffnete die Uhr, schaute darauf und steckte sie behutsam wieder weg.

»Etwas sehr Wertvolles«, antwortete er.

»Was bedeutet das ... wertvoll?«

»Die Uhr ist ein Andenken an meinen Vater«, gebärdete Kenny. »Der war einfach der Beste!«

Er war plötzlich sehr ernst. Als Papa noch lebte, dachte Kenny, hat er mich oft mit dem Auto von der Schule abgeholt. Jetzt warten dort nur noch die Schläger auf mich.

»Ich muss nach Hause«, gebärdete er.

Adam hielt seine Hände durch das Gitter: »Schön, dich kennengelernt zu haben.«

Kenny winkte nur und ging zügig weg.

Jeder lebt in seiner Welt

Kenny schloss die Wohnungstür auf und schmiss seine Schulsachen in die Ecke. Auf dem Küchentisch fand er einen Zettel von seiner Mutter. Darauf stand, dass er das Essen in der Mikrowelle warm machen solle. Sie komme heute etwas später nach Hause.

Doch ans Essen dachte Kenny nicht. Er setzte sich in sein Zimmer und begann, am Computer sein Lieblingsspiel ›Ritterzeit‹ zu zocken. Als Einzelkämpfer erhob er sein Schwert gegen andere Spieler, die ebenfalls zuhause in ihren Wohnungen saßen. Keiner seiner Gegner bemerkte, dass Kenny gar nicht sprechen konnte. Hier gab er den Ton an!