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(Band 2) Adrica & Daria … und die geheimnisvolle Kadra
Durch die geheimnisvolle Kadra Kathner, lernen die Familien, zu ihren alten, auch viele neue Freunde kennen.
Aloha Hawaii, heißt es für Adricas Eltern auf ihrer Hochzeitsreise und Mahalo für Darias Angehörige, die ihr bisheriges Leben auf der Insel aufgeben.
Endlich erklären sich die scheinbaren Zufälle, Adrica und Daria werden gebeten, eine Legende niederzuschreiben, die Missionen von Kadra und ihrem Geheimbund.
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Veröffentlichungsjahr: 2023
Buch 2
Die geheimnisvolle Kadra
Diese Geschichte ist frei erfunden.
Ähnlichkeiten mit lebenden oder bereits verstorbenen Personen wären rein zufällig und nicht beabsichtigt.
Handlungsorte sind teils fiktiv.
Kelowna, Gemeinde von Santa Barbara - (Santa Barbara County, Kalifornien)
Einführung
Mein Name ist Adrica, und ich habe beschlossen, die Ereignisse vor und seit meinem zwölften Geburtstag aufzuschreiben.
Die mysteriösen Ereignisse begannen zur Adventszeit in der Gemeinde Tanglewood, die zu Santa Maria in den kalifornischen Santa Barbara Countys gehört.
Als ich wegen einer Kleinigkeit ins Krankenhaus musste, ergab es sich, dass meine Mutter das Leben eines anderen retten konnte. Sie stimmte zu, wir konnten nicht ahnen, was das für unser zukünftiges Leben bedeuten würde.
Als ich Daria kennenlernte, ahnten wir beide nicht, was auf unsere Familien zukommen würde.
Waren es nur Zufälle oder Teil eines uralten Plans? Gemeinsam mit Daria versuche ich der Wahrheit auf die Spur zu kommen. Die Ereignisse, die mir von allen beteiligten Personen erzählt wurden, bilden die gesamte Geschichte, in deren Verlauf ich als Adrica darüber schreiben werde.
Mit meiner Cousine Daria hatte ich einen unglaublichen Geburtstag und ebenso ein Weihnachtsfest hinter mir.
Durch die geheimnisvolle Kadra Kathner, die unseren Familien ein sagenhaftes Angebot gemacht hatte, gelangen wir in ein neues Zuhause, wo alle unter einem Dach leben können. Das betrifft auch unsere Großeltern und Freunde der Familie. Wir lernen unsere alten Freunde wieder kennen und machen viele neue Freunde. Aloha Hawaii, so lautet das Motto meiner Eltern auf ihrer Hochzeitsreise, und Mahalo an Darias Angehörige, die ihr bisheriges Leben auf der Insel aufgeben. Endlich klären sich die scheinbaren Zufälle auf, und Daria und ich werden gebeten, eine Legende niederzuschreiben, die die Missionen von Kadra und ihrem Geheimbund beschreibt.
Zur Erinnerung
An der Zufahrtsstraße angekommen, waren Adrica und Daria sprachlos. Genau das hatte man ihnen im Reisebüro gezeigt. Die Gemeinde machte einen guten Eindruck, das zeigte sich auf dem Weg zur Kirche. Dort warteten die Reverent Mariano und Kadra Kathner. Wie in Tanglewood lagen die Schulen und die Kirche dicht beieinander. Auch die Lage an einem Feld war identisch.
Auf dem Parkplatz standen die Autos der Gospelsingers: „Ich bin gespannt, was uns erwartet“, flüsterte Daria.
Adrica schaute zur Kirche hinüber: „Ich bin auch gespannt“, flüsterte sie und riskierte einen Blick auf die andere Seite. „Die Leben hier bestimmt von den Obstgärten.“
„Wie kommst du darauf?“ Daria überlegte, musterte die Umgebung und nickte beiläufig. „Du könntest recht haben“, stimmte sie ihrer Cousine schließlich zu. Sie stieg aus dem Auto. „Aber hier gibt es bestimmt Pferde!“, fluchte sie leise, nachdem sie mit einem Schuh in etwas Weiches getreten war.
Paolo ging zu Carlos ans Auto: „Da sind wir. Der erste Eindruck ist der beste, sagt man.“
Carlos lächelte: „Deine Tochter hat schon erste Bekanntschaft mit den hiesigen Sitten gemacht.“
„Das glaube ich nicht!“ Adrica verschlug es fast die Sprache, denn was sie vor der geöffneten Kirchentür sah, hätte jedem anderen die Sprache verschlagen.
Carlos stieß Ricarda leicht an. „Das sind Conrad und Susan.“
„Ja“, bestätigte Ricarda. „Und seine Eltern. Ich will nicht sagen, dass sie nur meine Chefs sind. Das wäre schon richtig, aber durch das, was damals mit meiner Mutter und ihrem ersten Fall passiert ist, ist es mehr als eine gemeinsame Kanzlei geworden.“
Estella hörte ihrer Tochter aufmerksam zu. „Dann ist es also wahr“, bemerkte sie in traurigem Ton.
„Du hast davon gewusst? Ich meine, dass sie heute hier sind? Mama, ich kenne deinen Tonfall, er sagt mir ...“
„Nein, Ricarda. Wir haben schon lange darüber gesprochen. Erinnerst du dich an den zwielichtigen Texaner, der vor Wochen in der Kanzlei aufgetaucht ist?“
„Du hast mir von ihm erzählt. Ich habe ihn nicht gesehen. Wir haben uns in unserem Gespräch auch nicht weiter über ihn unterhalten. Ich nehme an, er war mehr als nur ein Besucher. Er war kein Mandant, oder?“
Estella schaute zur Kirchentür: „Nein, er war kein Mandant. Wenn ich ihn so nennen darf, dann begrüßen wir unsere Freunde. Ich bin sicher, sie sind hier und es hat etwas mit dem Texaner zu tun.“
Estella hatte recht. Die Familie Walker musste dem Texaner das Land und das Haus überlassen. Er handelte im Auftrag eines Kunden, der im Hintergrund agierte und bisher unerkannt geblieben war.
„Ich habe euch eine Überraschung versprochen, mehr brauche ich wohl nicht zu sagen“, begrüßte Kadra Kathner die Familien. „Die Anwaltskanzlei in Kelowna sucht Fachanwälte. Keine Sorge, die Gemeinde ist sicher, niemand hat keine Ansprüche auf das Land. Familie Walker hat schon zugesagt und wird bald in der kleinen Siedlung wohnen. So nennen wir das gesamte Gelände, auf dem einst der Gründer der Gemeinde und seine Bediensteten lebten. Heute wird Reverent Mariano seine erste Messe feiern. Eure Anwesenheit gibt ihm Kraft in dieser neuen Umgebung.“
Adrica hatte ihre eigenen Gedanken. Auf der Fahrt zu der kleinen Siedlung klangen ihr die Lieder der Gospelsänger in den Ohren: Amazing Grace bis Oh Happy Day. Würde es ein glücklicher Tag werden? Versprach man den Familien nicht zu viel?
In der kleinen Siedlung
„Ich nehme alle Bedenken bezüglich des Anwesens zurück“, gab Daria kleinlaut zu.
„Ich hoffe, du willst nicht das Gegenteil behaupten“, entgegnete Adrica.
Nach kurzem Nachdenken stieß Daria ihre Cousine an.
Ricarda stand fassungslos vor dem Gebäude. Der Eingang lag in der Mitte.
Der Weg führte am Haus vorbei zu den Nebengebäuden und dem ehemaligen Pferdestall, er endete vor einer zwei Meter hohen Mauer, die das Anwesen begrenzte. Durch eine Tür gelangte man zum Steg, der über den künstlichen Bewässerungskanal zu den Erdbeerfeldern führte. Der Weg endete bei der Kirche.
Ricarda sah sich verträumt um. „Hier hätten wir alle Platz.“
„Das könnte sein“, bestätigte Carlos die Bemerkung seiner zukünftigen Frau. „Auch für die Kinder wäre es gut.“
„Und dann könnten die Nebengebäude für unsere Eltern, die Walkers, Josy und Robin sein?“, wollte Ricarda wissen.
„Wenn wir dieses ‚Erbe‘ annehmen, wäre alles möglich. Die Meinung der Mädchen müssen wir natürlich auch einholen, obwohl wir das müssen.“
Kadra Kathner ging den Schotterweg vor der Haustür entlang und hielt das Klemmbrett mit dem Kugelschreiber vor ihrem Körper. Sie war in Gedanken versunken. Sie wusste alles über dieses Anwesen, nicht nur aus jüngster Zeit. Die Lesebrille war nicht das, wofür sie gedacht war. Es waren einfache Gläser ohne Stärke und der Rahmen war etwas zu groß. Gelegentlich schob sie sie an die richtige Stelle auf ihrer Nase.
„Ich hoffe, Sie konnten sich einen ersten Eindruck verschaffen. Sie kennen das Sprichwort vom ersten Eindruck. Wissen Sie, warum das eigentliche Sprichwort ein ganzer Satz ist?“, lächelte sie. „Ganz ehrlich, haben Sie mit all dem hier gerechnet?“
Ricarda konnte ihren Blick nicht vom Haus abwenden. Als sie schließlich bereit war, sah sie sich nach ihrer Familie um. Ihre Antwort war ein leichtes Kopfschütteln.
„Die Gebäude sind seit ihrer Errichtung im Originalzustand, der einzige Umbau betrifft den Glockenturm. Die Innenausstattung ist topmodern, was Elektrik und Sanitär betrifft. Wenn Sie etwas nach Ihren Wünschen ändern möchten, steht es Ihnen frei. Auf jeden Fall ist alles energieeffizient, wo es nur geht.“ Kadra bemerkte Ricardas Interesse, das im Moment auf die Außenbeleuchtung und das rote Alarmsignal gerichtet war. „Auch die Sicherheit wurde nicht vernachlässigt. Ich habe bemerkt, wie Sie alles inspizieren. Übrigens gehört die Säule auf dem Weg von der Landstraße zum Anwesen zu einem Überwachungssystem.“
Ricarda klammerte sich an Carlos, der bisher kein Wort verloren hatte, denn auch er war von all dem fasziniert. Sie fand die Worte, um ihren Gefühlen Ausdruck zu verleihen. „Es ist einfach unbeschreiblich. Die Farbabstimmung und nicht nur das. Ich glaube, es ist ein Außengang, den ich in der oberen Etage erkennen kann. Das Grün des Brüstungsgitters passt zur Umzäunung. Genauso wie die schmiedeeiserne Tür vor dem Eingang. Besonders gefallen mir die Palmen, die hier im Einklang mit den heimischen Bäumen stehen.“
Vielleicht waren ‚der Wahnsinn‘ die einzigen Worte, die Daria in dieser Situation finden konnte.
„Haupthaus“, flüsterte Adrica in der Hoffnung, dass Daria etwas dazu sagen würde.
„Was meinst du? Standen die Bäume schon 1881 hier? Hat Kadra nicht von Nebengebäuden gesprochen? Ich möchte wissen, wie es hier damals aussah“, sagte Daria, während sie die Pflanzen am Wegesrand genau betrachtete.
„Ich muss dir von meinem Traum letzte Nacht erzählen“, sagte Adrica beiläufig.
„Traum“, wiederholte Daria und fand nichts Gefährliches am Boden. Sie wandte sich ihrer Cousine zu. „Es heißt, dass der Traum in der ersten Nacht in einem neuen oder fremden Bett die Wahrheit enthält. Okay, lass uns darüber reden. Wo sind eigentlich meine Eltern?“
„Sie sind bei Kadra“, sagte Adrica absichtlich besorgt. „Zumindest habe ich sie dort das letzte Mal gesehen.“ Sie betonte ihre Sorge.
„Ich bitte alle Familienmitglieder zu mir“, rief Kadra und öffnete eine grüne Metallgittertür.
Die Cousinen flüsterten wieder, während sie die Umgebung im Auge behielten.
„Lassen wir das Gespräch auf später verschieben. Ich bin gespannt, was uns drinnen erwartet“, sagte Daria.
Kadra blieb vor der Haustür stehen: „Dies ist der große Moment“, sagte sie und sorgte dafür, dass alle Familienmitglieder ihr Aufmerksamkeit schenkten. „An der seitlichen Türverglasung befindet sich ein Fingerabdruckscanner. Scannen und die Alarmanlage wird deaktiviert.“ Sie zeigte eine weiße Plastikkarte. „Es steht nichts darauf, kein eingebauter Chip, einfach nichts, ganz schlicht. Ihr legt die Karte mit der oberen, schmalen, farblich markierten Kante in die Ausbuchtung. Hört ihr das? Ein Stromausfall? Keine Sorge, das Passwort lautet: Notstrom. Es wurde auch Solarenergie in Betracht gezogen. Ich hoffe, ich langweile niemanden?“
„Ist ja ...“, begann Daria, aber sie unterbrach sich selbst, da sie wusste, dass Adrica sich an ihren Sprachgebrauch gewöhnt hatte. Umso erstaunter war sie über Adricas nächste Bemerkung.
„Irre“, sagte Adrica und wandte sich an Daria. „Du weißt, ich bastle gerne. Ich habe meine Zimmergestaltung selbst entworfen. Ich denke, unsere Generation interessiert sich für elektronische Gadgets. Sie hat auch von Energiesparen gesprochen.“
„Das werden wir gleich sehen“, sagte Daria und stupste Adrica leicht an. „Ich frage mich nur, was passiert, wenn wir diese Karten vergessen.“
„Dann schlafen wir draußen und hoffen auf gutes Wetter. Es wird schon eine Lösung geben, wir müssen nur fragen.“
„Eine unbeantwortete Frage habe ich noch. Nicht jeder Tag ist gleich. Manche Tage möchte man wiederholen, bei anderen hofft man auf ein baldiges Ende. Was ich sagen möchte, ist, dass wenn ihr aus irgendeinem Grund die Karte vergessen habt, ist es nicht weiter tragisch. Ich hoffe, jeder kennt sein Geburtsdatum. Einfach über die Zahlen am Bedienfeld eingeben“, erklärte Kadra.
„Und die Tür öffnet sich. Unbeantwortete Frage beantwortet“, murmelte Daria.
„Ich frage mich langsam, ob Kadra Gedanken lesen kann“, sagte Adrica und atmete tief ein. „Aber warte nur, bis ich dir von meinem Traum erzählt habe“, erinnerte sie Daria.
„Stimmt, das habe ich fast vergessen. Ich hoffe nur, dass es unsere Ferien nicht beeinflusst. Ich erzähle dir von meinem Traum lieber nicht, vor allem nicht meinen Eltern“, sagte Daria und bewegte nur ihre Augen.
„So schlimm?“, fragte Adrica nach. „Aber es hat Zeit. Irgendwann wird der Trubel hier vorbei sein und dann haben wir Zeit.“
Im Haus
In der Küche ging es nicht weniger um moderne Technik, was die Hausfrauen interessierte. Bei Fragen halfen die Bedienungsanleitungen.
Adrica und Daria trennten sich von ihren Eltern und begannen ihre Erkundungstour in der oberen Etage des Hauses, die aufgrund des Außengangs große Neugier weckte.
„Das ist der letzte Raum“, sagte Daria und öffnete die Balkontür. „Hier ist es genauso. Du kommst immer auf diesen Gang. Moment mal. Auf der anderen Seite gibt es keine Tür?“
„Nein“, bestätigte Adrica. Sie gewöhnte sich langsam an das Unglaubliche. „Egal, ich kann mich gut einrichten. Wie ist es bei dir?“
„Alles machbar. Wenn wir es nicht alleine schaffen, haben wir unsere Eltern. Ich bin sicher, Kadra würde uns helfen. Das würde bedeuten ...“, Daria hob die Augenbrauen, „dass du nichts gegen einen Umzug hättest.“
„Habe ich auch nicht. Das liegt alles bei meinen Eltern.“
„Ich kenne meinen Onkel. Ich bin sicher, wir werden bald hier wohnen. Lass uns mal sehen, was sich hinter der Tür verbirgt“, sagte Daria und deutete mit dem Kopf auf eine Entdeckung. „Was denkst du? Noch ein Raum?“
„Es gibt hier genug Räume, auch Badezimmer und Gäste–WCs. Warum stehen wir hier rum? Wenn sich die Tür öffnen lässt, werden wir herausfinden, was dahinter ist“, sagte Adrica und betrachtete die Tür, die dieselbe Sicherung hatte wie die Eingangstür des Hauses.
Die Blicke der Cousinen trafen sich und sagten dasselbe: Hier geht es nur mit der Karte weiter. Adrica teilte ihre Gedanken mit Daria und schlug vor: „Kadra hat von Nebengebäuden gesprochen. Ist es möglich, dass wir über diesen Außengang zu einem weiteren Gebäude gelangen?“
Daria konzentrierte sich. „Ich konnte vor dem Haus nicht viel erkennen. Der Außengang umschließt nicht das ganze Haus.“
Adrica stimmte ihrer Cousine wieder zu. „Stimmt. Eine Seite sieht aus wie ein Turm. Das wäre der zweite Teil meines Traums.“
Daria kratzte sich am Kopf.
Kadra hatte auf die Mädchen gewartet und hielt ihre Abschlussworte. „Habt ihr alles gesehen? Ich denke, man fühlt sich auf diesem Anwesen wirklich wohl. Es ist einfach traumhaft angelegt. Habt ihr auch beide Teile des Haupthauses besichtigt? Entschuldigt, ich habe euch nicht gesagt, dass sich die Zwischentür genauso wie die Haustür öffnen lässt. Sie wird ebenfalls von der Alarmanlage gesteuert. Jetzt zeigen wir euch die anderen Gebäude. Ihr werdet im Haupthaus und in den Zimmern über den Garagen übernachten. Dort gibt es auch eine kleine Küche. Alles für das Frühstück morgen befindet sich in der Kühl–Gefrierkombination im Haupthaus.“
Kadra führte die Familien durch das Haus zum Hofeingang und blieb hinter der Tür stehen.
„Hier befand sich früher der Glockenturm. Jetzt sind dort in zwei Ebenen Bibliotheken eingerichtet. Hinter den oberen Fenstern gibt es einen großen Konferenzraum mit Medientechnik und einer Miniküche.“ Kadra machte eine kurze Pause. „Die Begrenzungsmauer hat eine Tür, die zu den Garagen führt. Eine weitere schmiedeeiserne Tür verbindet das Haus mit der inneren Begrenzungsmauer. Das Gebäude dort war früher ein Hühnerstall, und dahinter befindet sich die äußere Befestigung des Anwesens. Jetzt werden dort Grillutensilien aufbewahrt, einfach gesagt, ein Grillhäuschen. Der Brunnen in der Mitte des Hofes ist nicht ausgetrocknet.“
„Wo sind die Nebengebäude? Oder meintest du damit nur das Grillhäuschen und die Garage?“, fragte Daria.
„Dafür müsst ihr mir folgen. Wir benutzen die Tür zu den Garagen, der breitere Weg dahinter führt zu den sechs Häusern, in denen die ausgewählten Familien leben werden. Jedes Haus hat eine große Garage, einen Keller und eine obere Etage. Als die Gemeinde hier gebaut wurde, waren das die Nebengebäude, in denen die Arbeiter untergebracht waren.“
„Also ... normale Einfamilienhäuser“, flüsterte Adrica.
Der Rundgang dauerte bis zum Nachmittag, danach wurden die Zimmer für die erste Übernachtung vorbereitet, sowohl in den Garagen als auch im Haupthaus.
Montagmorgen in der Küche des Haupthauses
Kadra Kathner frühstückte mit den anderen. Sie erfuhr, dass die Gästebetten nicht unangenehm waren, aber jeder hatte seine eigenen Schlafgewohnheiten.
Kadra legte ihr Klemmbrett auf den Küchentisch. „Wie ihr seht, ist die Küche komplett ausgestattet. Die meisten Geräte in beiden Haushälften sind vom gleichen Hersteller. Das Display in der Kühlschranktür schaltet sich ein, wenn jemand von der Straße zum Anwesen fährt.“ Kadra lächelte.
„So wie jetzt?“, fragte Adrica.
Kadra bestätigte. „Das gibt einem ein sicheres Gefühl, findet ihr nicht?“
Das Fahrzeug wurde von vorne und hinten erfasst, als es sich dem Haus näherte.
„Eure erste Handlung im Haus. Wenn ihr möchtet, begleite ich euch zur Tür“, sagte Kadra und beruhigte die angehende Hausbesitzerin.
„Da steht Post auf dem Fahrzeug. Ist das die nächste Überraschung?“, fragte Ricarda.
„Das werden wir nur erfahren, wenn wir die Tür öffnen“, drängte Adrica ihre Mutter.
„Das macht mich nervös. Das hier fühlt sich immer noch wie ein Traum an“, sagte Ricarda.
Das Klingeln war in den Fluren beider Etagen und in der Küche zu hören.
„Los“, forderte Adrica ihre Mutter auf.
„Ich habe eine Lieferung für Mrs. Alejandro.“
„Das bin ich“, sagte Ricarda, immer noch nervös. Der Absender würde gleich auf der Sendung zu sehen sein.
Der Mitarbeiter des Zustelldienstes übergab die Sendung, die quittiert werden musste.
„Sie sind die Neuen? Wir werden uns bestimmt öfter sehen. Ich habe das Anwesen als Anlaufstelle in unserer Zustelltour.“
„Das ist etwas voreilig“, flüsterte Ricarda. Adrica legte ihren Zeigefinger auf den Mund und nickte. „Danke, das ist sehr nett. Ich hoffe, Sie haben alle Wohnhäuser übernommen? Die Briefkästen sind bereits aufgestellt. Hausnummer und Namen sind darauf vermerkt. Bei größeren Sendungen, egal für wen auf dem Anwesen, klingeln Sie einfach hier, es ist immer jemand zu Hause. Sagen Sie, wie funktioniert die Postnachsendung von den alten Adressen?“
„Stellen Sie einen Antrag bei einer Postfiliale. Vergessen Sie nicht, alle Familienmitglieder anzugeben.“
„Kann man Änderungen vornehmen?“, fragte Ricarda, ihre Stimme wurde fester.
„Sie erhalten eine Registrierung, mit der Sie Änderungen vornehmen können. Das geht telefonisch oder online.“
Ricarda begleitete den Postzusteller bis zu seinem Fahrzeug.
„Wo ist das nächste Postamt? In der Gemeinde? Wir hatten noch nicht viel Zeit, uns umzusehen.“
„Es ist leicht, zu finden. Es befindet sich beim Einkaufspark an der Landstraße“, sagte der Fahrer, als er die Tür seines Fahrzeugs öffnete. „Sie werden sehen, Sie haben nette Nachbarn.“
„Das könnte uns helfen“, bestätigte Ricarda mit einem seufzenden Abschluss. „Ich will Sie nicht weiter aufhalten. Ich weiß noch nicht, wohin uns die Zukunft führen wird.“
„Es wird schon klappen. Sie werden sehen. Es gibt gute Möglichkeiten, die Nachbarn kennenzulernen. Veranstaltungspläne gibt es im Schaukasten des Rathauses oder in der Kirche.“
„Dann wünsche ich Ihnen einen schönen Tag“, sagte Ricarda.
„Danke, Mrs. Alejandro.“
Adrica und Daria verfolgten das sich entfernende Fahrzeug auf dem Display.
„Liveübertragung“, scherzte Daria. „Das ist nur am Anfang aufregend. Das wird bald normal werden.“
Adrica hatte etwas anderes im Blick. „Ich nehme mir ein paar Kekse, die auf dem Tisch stehen. Die Erdbeeren sind gut. Bestimmt aus dem Discounter.“
„Diese sind wahrscheinlich aus dem hauseigenen Gewächshaus“, bestätigte Adrica. „Es gibt hier Erdbeerfelder gleich hinter den Schulen und der Kirche.“
Ricarda hatte die Autoschlüssel in der Hand. „Wenn die Damen fertig sind, können wir losfahren. Die Herren der Familie begleiten Mrs. Kathner in die Kanzlei. Sophia und ich werden euch in der Schule anmelden.“
„Stella, Sarah und ich bleiben hier“, sagte Lucia. „Es gibt viel zu planen und zu organisieren. Jemand muss hier sein, um das Mittagessen vom Lieferservice entgegenzunehmen.“
Rechtsanwaltsbüros in Kelowna
Während Ricarda und Sophia mit ihren Töchtern auf dem Weg zur Schule waren, besprach Kadra Kathner mit den Männern der Familien die Verträge. Bereits am vergangenen Sonntag hatten sie zugestimmt, Kelowna als ihre neue Heimat anzusehen.
Schule in Kelowna
Für einen Moment hatten Adrica und Daria dieselben Gedanken, als sie vor der Anmeldung standen und sich anlächelten.
„Zum Glück sind Ferien. Eine Schülerin mit einem bockigen Fahrrad wird nicht kommen“, scherzte Adrica.
„Wenn doch, hätten wir freie Sicht auf das Spektakel. Lass uns lieber einen Schritt nach links gehen, es könnte sein, dass jemand das Büro verlässt“, ergänzte Daria. „Wie fühlst du dich?“, fragte sie Adrica, die sich mit der Umgebung vertraut machte.
„Ziemlich merkwürdig. Nicht die Gebäude, die sind anders, aber nicht viel. Die Kirche ist fast eine Kopie von der in Santa Maria, sogar am Feld. Ich hoffe nur, dass dahinter kein Flugplatz ist.“
„Da kann ich dich beruhigen“, erklärte Daria. „Der Flugplatz liegt ganz in der Nähe des Ozeans. Hinter dem Feld liegt unsere kleine Siedlung.“
Sophia hielt eine Collegemappe in der Hand und erweiterte die Erklärungen ihrer Tochter: „Es ist wirklich bemerkenswert, dass du nicht 'unsere kleine Farm' gesagt hast. Daria hat die Lage des Flugplatzes gut beschrieben, er ist bestimmt doppelt so groß wie der in Santa Maria. In den nächsten Tagen haben wir Zeit, die wichtigsten Orte näher kennenzulernen.“
„Da habe ich ein Problem“, unterbrach Ricarda. „Ich konnte die Einstellungen für das neue Navi nicht einmal mit Carlos lösen. Früher gab es eine Lösung namens Anoki, aber jetzt haben wir ein anderes Problem.“
Daria drehte am Türknauf: „Ein ähnliches Problem, das 'verschlossen' bedeutet.“
Adrica richtete ihren Blick auf den Parkplatz, auf dem mehrere Kleintransporter von Handwerkern standen. „Da muss jemand sein. Ich meine, es kommt jemand.“
Eine Frau, die Daria etwas jünger als ihre Großmutter schätzte, fuhr inzwischen auf den Parkplatz, stieg aus ihrem Fahrzeug aus und näherte sich der Anmeldung.
„Georgina Reyes“, begrüßte die Frau die Besucher vor der Anmeldung. „Ich bin die Direktorin beider Schulen. Die Familien Alejandro und Káilani wurden mir von Mrs. Kathner angekündigt. Das Wichtigste wurde mir bereits mitgeteilt“, schloss sie aus ihrem ersten Eindruck von den Mädchen. „Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich sagen, es sind wieder Zwillinge, nach Anne und Mary, die ihren Abschluss im letzten Schuljahr gemacht haben. Lasst uns in mein Büro gehen.“
Ein Bereich im Flur des Hauptgebäudes war mit Folie abgedeckt.
„Wir haben Handwerker im Speisesaal. Das Mädchen vor der Tür ist Linda Oldman. Ihre Eltern und Verwandten betreiben Handwerksbetriebe. Sie glauben gar nicht, wie kreativ das Mädchen ist. Sie hat Kadra Kathner bei der Gestaltung der Wohnsiedlung geholfen. Nicht, dass Sie denken, sie hätte die handwerkliche Arbeit gemacht, nein, sie hat Vorschläge für die Gestaltung gemacht. Sie hat viel Freude daran“, erklärte die Direktorin. Daria nickte in der Hoffnung, dass die Direktorin sie verstand.
Adrica freute sich: „Jetzt passen meine neuen Möbel perfekt in das Zimmer. Ich meine nicht nur von der Größe her, sondern auch von der Gestaltung. Daria teilt meine Begeisterung, auch für die Gestaltung unserer und der anderen Häuser. Ich frage mich, wie sie von den Farben wusste“, sagte sie und richtete ihren Blick auf die Direktorin. Ihre Gedanken gingen zu Kadra Kathner. „Hier liegt der Ursprung all dieser scheinbaren Zufälle. Sie kennt die junge Frau noch nicht lange, aber sie scheint das Leben jedes Familienmitglieds zu kennen, sogar meine Vorlieben für Farben.“
Linda warf mehrmals einen Blick auf die Mädchen und konzentrierte sich gleichzeitig auf die Arbeiten im Speisesaal. Jemand rief ihr etwas zu, worauf sie nur mit einem Daumen hoch antwortete.
„Mrs. Reyes, hätten wir einen Moment Zeit? Daria und ich möchten uns bei Linda für ihre ‚Arbeit‘ bedanken“, sagte Adrica.
„Aber natürlich.“
„Hallo, ich bin Adrica und das ist Daria, mein zweites Ich neben mir.“
„Hallo. Kadra hat nicht übertrieben. Mit dem zweiten Ich, stimme ich zu. Ihr kennt euch erst seit Mitte des Monats? Unglaublich.“
„Nachdem wir uns vorgestellt haben, möchte ich mich auch im Namen von Adrica bei dir bedanken. Du weißt schon, für unsere kleine Siedlung."
„Kein Problem. In unserer Handwerkerfamilie besteht fast schon eine Verpflichtung, dass ich meinen Traumjob erfülle. Danke für eure Anerkennung. Es war schön, euch kennenzulernen. Jetzt muss ich darauf achten, dass meine Verwandtschaft hier alles richtig macht“, zwinkerte Linda mit einem Auge. „Daria, noch einen Moment. Ich weiß von Kadra, dass du heute Geburtstag hast. Also herzlichen Glückwunsch. Ich muss bis Ende Februar warten, und das meine ich wörtlich.“
„Mrs. Kathner ist also eine gute Bekannte eurer Familie?“, fragte Adrica.
„Ja, schon seit langer Zeit. Wir haben zu Beginn des Jahres mit dem Ausbau eurer Häuser begonnen. Ihr werdet sie schnell kennenlernen und Freundschaft mit ihr schließen“, erklärte Linda.
Daria hatte einen Vorschlag: „Ich denke, wir schaffen den Umzug bis zum Wochenende. Ich werde eine kleine Party veranstalten“, sagte sie und warf einen kurzen Blick zu ihrer Mutter.
Sophia hatte die Bilder der Baseballmannschaften an der Wand betrachtet. Ohne Einwände antwortete sie ihrer Tochter, bevor sie ihren Blick änderte: „Oh, das ist eine gute Idee. Wie wäre es, wenn wir das mit einer Einweihungsfeier verbinden?“
„Hört sich gut an. Oh Mann, Silvester steht vor der Tür. Daran habe ich nicht gedacht.“
„Zum Mittagessen und dann für ein paar Stunden“, schlug Sophia vor und wartete auf die Antwort auf ihr Angebot.
„Das sollte machbar sein“, bestätigte Daria. „Linda, würden deine Eltern es erlauben?“
„Die Internet– und Telefonleitungen wurden letzte Woche geschaltet. Habt ihr die Rufnummern?“
„Nein, noch nicht“, sagte Ricarda und reichte Linda eine Visitenkarte. „Achte nicht auf die Adresse, die Mobilfunknummer ist aktuell. Ich habe bereits den Empfang getestet.“
Nach einer Woche in der Tanglewood–Schule würde Daria nach den Ferien erneut die Schule wechseln, diesmal zusammen mit ihrer Cousine.
Mrs. Reyes verabschiedete ihre Besucher in ihrem Büro.
Auf dem Parkplatz zeigte Ricarda auf das Armaturenbrett. „Ein neues Radio mit Navi. Im Moment funktioniert nur das Radio, aber glaub mir, Anoki hat mir in einem gefühlten Semester alles erklärt.“
Linda war mit ihrem Bruder auf dem Parkplatz und hatte Ricardas Problem gehört. Sie stellte sich an die Beifahrertür: „Mein Opa kann helfen. Entschuldigung, habe ich Sie erschreckt? Das war nicht meine Absicht. Mein Opa hat ein Elektro– und Elektronikgeschäft gleich außerhalb der Stadt. Seit der Supermarkt an der Landstraße die ehemaligen Geschäftsräume von O'Niels übernommen hat, nutzt er sie.“
„Ich glaube, wir sind gerettet“, bedankte sich Ricarda.
„Mein Opa auch. Unsere Familie dachte schon, dass dies sein letztes Jahr im Geschäft sein würde. Er wollte aufgeben. Aber Kadra konnte ihn davon überzeugen, einen neuen Teilhaber zu finden. Beide standen vor dem gleichen drohenden Schicksal. Was den nächsten Freitag betrifft, mein Bruder bringt mich hin. Ich darf ein paar Stunden kommen. Dort drüben ist er, ein Elektriker im zweiten Lehrjahr. Ich muss jetzt gehen. Wir essen im Hotelrestaurant.“
„Ihr seid herzlich eingeladen. Wir wollen euch nicht aufhalten“, lud Daria ein.
„Los gehts“, forderte Daria ihre Tante auf. „Den Ortsausgang findest du auch ohne Navi.“
Adrica versuchte, die Umgebung vom Rücksitz aus im Blick zu behalten: „Bevor du zur Landstraße fährst, würde ich an der nächsten Kreuzung nach links abbiegen.“
„Wie es aussieht, Ricarda, brauchen wir die Hilfe von Lindas Opa nicht. Wir haben Navi–Addy", antwortete Adrica ihrer Tante.
„Navi–Dary ist für die rechte Straßenseite zuständig“, erwiderte Adrica.
Daria bewunderte die Einfahrten zu den Häusern und die wunderschön angelegten Vorgärten. In wenigen Augenblicken würde sie dieselbe Straßenkreuzung sehen, die auch Adrica aufgefallen war. Auf ihrer Seite würde die Straße weitergehen. „Bei der nächsten Kreuzung nach links. Sie haben Ihr Ziel erreicht, es befindet sich auf der rechten Seite“, scherzte Daria.
„Da kommen wir nicht weit oder weiter. Auf dem Schild steht ‚Sackgasse, Straße endet‘“, ergänzte Adrica. „Nicht schon wieder“, stöhnte sie und erklärte ihre Worte nicht. „Ich sage nichts. Schaut nur zur Einfahrt. Was steht auf den Hecktüren der Transporter?“
Stille im Auto. Fragende Blicke zwischen Ricarda und Sophia.
„Der Belcom?“, flüsterte Daria leise, wurde aber von Adrica gut verstanden und antwortete sofort.
„Stimmt. Wenn es wirklich er ist. Du kennst ihn noch nicht. Denkst du, was ich denke?“
„Ricarda, du hast eine andere Tochter“, bemerkte Sophia nach dem Plan der Mädchen. „Falls es Anoki ist, kennt er Adrica.“
Daria löste ihren Sicherheitsgurt: „Dann wird es Zeit, dass ich mich vorstelle. Wenn wir im Geschäft sind, gehe ich etwas später zur Ladentür, dann kommst du ins Spiel.“
„Bevor wir auffliegen. Warte…“ Adrica flüsterte Daria etwas ins Ohr.
An der Hintertür des Geschäfts
„Das war die letzte Fahrt von Santa Maria. Weißt du, Jonathan, ich hatte schon darüber nachgedacht, alles aufzugeben. Ich bin mir nicht sicher, ob es ein Zufall war, dass Mrs. Kathner mir das Angebot gemacht hat.“
Jonathan schloss die Hintertür des Geschäfts hinter dem jungen Mann. „Ja, die gute alte Kadra. Wer weiß, wie sie dich gefunden hat. Hat deine Schwester nicht ein bisschen nachgeholfen?“
„Sie sagt Nein. Aber ich glaube nicht, dass sie überhaupt nichts von ihrer Familie erzählt hat. Auf jeden Fall hat Mrs. Kathner unsere Existenz gerettet“, sagte der junge Mann.
Jonathan füllte einen Wasserkocher: „Das hat sie. Einer meiner Enkel ist im zweiten Lehrjahr und wollte schon immer Elektriker werden. Ich koche Wasser für unseren Kaffee und Tee.“
„Ich kümmere mich um die Kunden, die gerade gekommen sind“, sagte der junge Mann und ging in den Verkaufsraum.
Daria schaute sich um. Ricarda tippte sie kurz an und hob den Daumen.
„Womit kann ich Ihnen…“ Der junge Mann unterbrach seine Frage. „Ich glaube, die Zufälle nehmen in diesem Jahr kein Ende. Die schönsten Frauen, die ich kenne. Ricarda, Sophia und natürlich Adrica. Wie seid ihr in diese bescheidene Gemeinde gekommen?“
„Sagen wir, der Weg von unseren Wohnungen“, antwortete Ricarda. „Und du? Was ist mit Belcoms Laden in Santa Maria?“
Anoki atmete tief durch: „Eine eigene und kurze Geschichte. Erinnerst du dich an meinen letzten Besuch bei Ben?“
Ricarda nickte: „Der Texaner hat also Ernst gemacht. Das war zu erwarten, das Grundstück wurde in seiner Familie vererbt. Wie kam es dazu? Das ist nicht gerade um die Ecke hier.“
„Ricarda, bevor ich es erkläre, muss ich Adrica noch etwas sagen. Es tut mir sehr leid. Conrad hätte ein großartiges Weihnachtsgeschenk für dich gehabt. Leider hat ein Kunde ... Moment. Der Kunde war dein Bruder, Sophia. Eine Frage, wie kennst du Ricarda?“
„Wir kennen uns noch nicht lange, aber was wir bisher erlebt haben, grenzt an ein Wunder. Das Geschenk ist gut angekommen. Carlos Tochter hat sich riesig gefreut. Mein Bruder hatte eine weitere Bestellung völlig vergessen, deshalb gab es das Geschenk zweimal. Meine Tochter hat sich auch sehr darüber gefreut. Stimmt's, Daria?“
Der Moment war gekommen. Daria stellte sich kurz an die Tür. „Ich habe das Geschenk auch zum Geburtstag bekommen. Der ist übrigens heute.“
Adrica stand bereit für ihren Auftritt. Ein Auto fuhr auf den Parkplatz und eine junge Frau stieg aus. Adrica kannte sie und begrüßte sie: „Hallo Peta.“
„Adrica? Wie kommst du hierher?“, wollte Peta wissen.
„Eine lange Geschichte. Meine Mutter und Tante sind bei deinem Bruder im Geschäft“, erklärte Adrica.
Peta war verwirrt: „Mutter und Tante?“
Anoki stützte sich mit einer Hand auf den Ladentisch. „Daria? Die Tochter von Sophia? Und dein Onkel hat also das Geschenk aus meinem Laden für seine Tochter gekauft? Also für ... deine Cousine?“
Daria nickte.
In diesem Moment wurde die Ladentür geöffnet. Peta betrat den Laden und blieb erschrocken stehen. Auch Anoki war überrascht, als er das Mädchen neben seiner Schwester sah.
„Das ist meine Cousine, Adrica“, entgegnete Daria in der Freude das dieser Streich absolut gelungen war.
In den nächsten Minuten erfuhren Peta und Anoki, was sich in diesem Monat alles ereignet hatte.
„Dann ist vieles aus der Vergangenheit auch in der Gegenwart und hoffentlich in der Zukunft wieder vereint. Wir haben uns sowieso einiges zu erzählen. Bei Schwierigkeiten mit eurer gesamten elektronischen Haustechnik stehen wir zur Verfügung. Habt ihr schon das Mittagessen geplant? Im Hotelrestaurant gibt es ausgezeichnetes Essen.“
„Für heute gibt es das Essen über den Lieferservice. Unsere Großmütter bereiten alles für den Umzug vor, sie nehmen alles entgegen.“ Daria druckste etwas.
Bevor sie weiter reden konnte, betrat Jonathan den Verkaufsraum. Er stellte zwei große Tassen mit Kaffee und Tee auf den Ladentisch. Von der Seite eines Regals nahm er eine Klarsichtfolie ab: „Die Speisekarte. Eigentlich ist für jeden Geschmack etwas dabei. Ich wollte die Gespräche nicht stören. Ich freue mich für Anoki, dass Freunde aus seinem alten Umfeld wieder vereint sind. Ich bin Jonathan Oldman und Anokis Geschäftspartner. Mein Geschäft war auf dem Anwesen meiner Familie. Als der Kaufpark an der Landstraße eröffnet wurde, habe ich die ehemaligen Geschäftsräume der Familie O‘Niel übernommen. Eine ortsansässige Kaufmannsfamilie, die seit der Gemeindegründung hier Handel betrieb. Wie soll ich es sagen? Die Räume sind groß genug, auch das Lager. Nur, die Nachfrage richtete sich häufig an PC– und TV–Technik. Das wird sich jetzt mit Anoki hoffentlich ändern.“
„Morgen bin ich wieder in Santa Maria, um die restliche, nicht verkaufte Ware abzuholen. Kadra hat für mich einen großen Umzugswagen mit zwei Mann Besatzung organisiert. Dann bleibt es bei einer Fahrt.“
„Das könnten wir auch gebrauchen“, flüsterte Adrica.
„Vielleicht können meine Eltern das Unternehmen beauftragen, um uns beim Umzug zu helfen ... Nein, lieber nicht. Das ist zu verrückt, das Hin und Her.“ Daria warf einen Blick auf die Speisekarte auf dem Ladentisch.
„Ich bin mir sicher, dass Kadra euch beim Umzug behilflich ist“, bemerkte Anoki.
„Wenn der Rest unserer Familien bei Mrs. Kathner fertig ist, könnten wir das Hotelrestaurant erobern.“ Daria deutete mit breitgezogenen Mundwinkeln auf die Speisekarte.
Sophia lächelte bei ihrer Antwort: „Das kann ich mir vorstellen. Das ist nur das Tagesmenü dieser Woche. Eure Großmütter haben sicher schon das Essen erhalten.“
„Hm. Geschmack merken und bei nächster Gelegenheit vergleichen“, flüsterte Daria.
„Und wann ist das nächste Mal?“ Sophia erwartete eine Reaktion ihrer Tochter.
„Wie lange geht diese Freihauslieferung? Die gesamte Woche?“
„Zwei Tage“, bestätigte Ricarda. „Adrica wollte das auch schon wissen.“
Darias Blicke konnten Sophia nur als: Gut, dann übermorgen, deuten.
Die Ladentür wurde geöffnet.
„Das musste ich jetzt unbedingt wissen“, begrüßte Carlos seinen alten Schulfreund.
„Ja, so geht es einem. Weißt du, darüber können wir später ausführlich reden. Ist alles geschäftlicher Kram. Nun zu dir. Du bist also Vater geworden, ganz nebenbei. Das Wichtigste der letzten Tage haben die Frauen schon erzählt. Dann die Geschichte mit der TV–Anlage. Es fällt mir schwer, da noch an Zufälle zu glauben. Dann steht euch ein Umzug bevor, habe ich recht? Kadra könnte euch da behilflich sein. Sie hat einen großen Freundeskreis. Jedenfalls fahre ich morgen nach Santa Maria, um das Geschäft aufzulösen und bei einem Notar die Schlüssel abzugeben.“
„Wir fahren schon heute. Mrs. Kathner hat für den Umzug gesorgt. Gegen zwei Uhr nachmittags geht es in Richtung alte Heimat. Unsere ältere Generation will sich ebenfalls nützlich machen. Adrica und Daria müssen mal eine Nacht ohne ihre Eltern auskommen. Wir packen mit Kadras Helfern die Umzugskartons.“
„Ich melde mich zum Dienst“, scherzte Anoki. „Hier wird der Fachmann gefragt, bevor noch Schaden entsteht, an der Haushaltstechnik. Ich habe sie schließlich vor Kurzem eingebaut. Alles noch neu. Äh, ja. Dieselbe Anlage wie in der Küche an eurer neuen Adresse.“
„Wer ist die schöne junge Frau, die aus den hinteren Räumen kam?“
Anoki zuckte mit den Achseln. „Ja, Carlos. Sie lebt schon sehr lange in meiner Umgebung. Ich behaupte sogar, als Zwillingsschwester schon vor meiner Geburt.“
„Ich ertrage ihn, macht euch keine Sorgen. Schließlich habe ich nur den einen Bruder. Wie viele Zufälle wird es noch in euren Familien geben? Ich freue mich für dich, Carlos, und besonders darüber, dass Adrica deine Tochter ist. Von meinem Schreck mit Daria habe ich mich schon erholt, Anoki auch. Was soll ich sagen? Herzlich willkommen in Kelowna.“
Ricarda bedankte sich: „Wenn ihr euch wohlfühlt, werden wir das auch. Der Kaufpark ist ja gigantisch. Ist die Polizeistation deine Dienststelle?“
„Ja, das ist meine Dienststelle. Mit den Kollegen komme ich gut aus, auch mit denen von der Feuerwehr und dem Rettungsdienst. Anoki, heute können wir den Großeinkauf nicht machen. Können wir das auf übermorgen verschieben?“
„Schwesterchen, das müssen wir. Ich habe einen, sagen wir, erweiterten Einsatz, der schon heute beginnt.“
Wieder zu Hause
Die Dunkelheit brach über Kelowna herein. Nur wenige Räume des ehemaligen Herrenhauses waren beleuchtet.
Außer Adrica und Daria waren noch Josy, Robin, Kadra Kathner, Cathrin, Ben und Conrad Walker im Haus.
Einige Stunden vergingen, bis sich die Stille über die kleine Siedlung legte und das letzte Licht erloschen war.
Ähnlich erging es der Gemeinde Tanglewood, die zu Santa Maria gehörte, wo die Kartons für den Umzug gepackt und die Möbel für den Transport vorbereitet wurden.
Am nächsten Morgen
Die Lebensmittel im ehemaligen Herrenhaus waren fast aufgebraucht. Cathrin und Josy hatten eine große Einkaufsliste für den Supermarkt zusammengestellt, auf der auch die Mädchen ihre Wünsche vermerkten.
„Am besten nehmt ihr den Kleinbus“, schlug Robin vor. „Wisst ihr was? Ich komme mit. Josy weiß, dass ich neugierig auf alles bin.“
Adrica sah aus dem Fenster und über die kleine Begrenzungsmauer zu den Unterkünften über den Garagen. „Du kannst dich auf uns verlassen, Cathrin. Wir passen auf deine Männer auf.“
Daria begutachtete ihr zukünftiges Zimmer. Ein abgeteilter Bereich diente als Ankleide– und Stauraum. In ihren Gedanken entstand das Bild des eingerichteten Raums.
Adrica hielt eine Schale mit Mandarinenstücken in der Hand und reichte sie Daria: „Die schmecken gut. Ob sie aus der Region sind? Du hast das Zimmer schon im Kopf? Meine Vorstellungen sind klar, es ändert sich nur der Wohnort.“
„Linda hat gute Arbeit geleistet und meinen Geschmack voll getroffen. Ich bin ehrlich. Meine Möbel sollten dortbleiben, wo sie jetzt sind. Hast du noch die Zeichnungen für dein Zimmer? Bestimmt kennt Kadra einen guten Tischler.
Adrica setzte sich mit der Obstschale in den Händen neben ihre Cousine. „Ich frage meine Mama, die sollten aber noch da sein. Kadra hat im Glockenturm und in den angrenzenden Räumen Regale für eine kleine Bibliothek einbauen lassen. Es kommen genug Bücher zusammen, die in der Familie beruflich genutzt werden.“
Daria lächelte, nahm ein Stück Obst aus der Schale und verkündete freudig: "Na bitte. Die Frage nach einem Tischler ist geklärt. Lass uns den Turm und die Räume anschauen."
Daria öffnete die Glastür der ersten Ebene im Turm: „Das ist unglaublich. Dort hinten ist noch eine Glastür. Die führt bestimmt zum zweiten Haupthaus. In diesem waren wohl die Bediensteten untergebracht.“
Adrica warf einen Blick in den schwach beleuchteten Raum. „Verstehe. Der Bereich liegt zwischen zwei hintereinanderliegenden Begrenzungsmauern. Vom Hof aus sieht es aus wie eine kleine Gasse. Rechts wäre dann das Grillhäuschen. Die Treppe hinter der Tür führt zur zweiten Ebene. Die Räume mit den schmalen Fenstern, die von unten sichtbar sind. Die Räume sind nicht sehr hoch, etwas über zwei Meter.“
„Mit Licht sieht man den vorderen Bereich besser.“ Schnell fand Daria den Lichtschalter. „Hier sind drei Regale. Respekt. Genau zwischen Treppe und der zweiten Tür eingepasst.“
„Türen, du sagst es“, erklärte Adrica, als sie vor den Regalen standen. „Unten Doppeltüren aus Holz, etwas über Kniehöhe, und nach oben hin je Regal zwei aus Glas. So staubt hier nichts ein, anders als in den Bibliotheken, die wir kennen. Der Rest wird wohl hinter dieser Tür sein.“
Zwischen den drei Fenstern und an den gegenüberliegenden Wänden des Raums standen in Doppelreihen je drei Regale, identisch mit denen im Vorraum.
„Drei mal sechs“, rechnete Daria.
„Aus der ersten Klasse weiß ich, das Ergebnis ist achtzehn. Nur so nebenbei. Plus die drei draußen.“ Adrica öffnete eine Glastür und entdeckte dahinter ein Klemmbrett mit Schreibblock. „Schreiben wir mal alles auf.“
In der zweiten Ebene des Turms hielten die Cousinen den Atem an.
„Ich sage nichts, sag du was“, sagte Daria und betrat den Raum mit den zwölf kleinen Fenstern.
„Sideboards, davon gibt es hier einige. Im Moment interessiert mich aber, was sich hinter den schmalen, deckenhohen Holzwänden verbirgt“, gab Adrica zu verstehen.
Daria war sich sicher, dass ihre Cousine ebenfalls auf den Tisch mit den acht dunkelgrün ledergepolsterten Stühlen, der mitten im Raum stand, achten würde. „Schauen wir nach. Auf jeden Fall haben sie das hintere und teilweise das seitliche Schutzgeländer zum Treppenhaus ersetzt.“
„Das geht los. Tolle Aussicht in alle Himmelsrichtungen“, sagte Adrica und sah auf den Hof. Die Aussicht auf die Garagen über die Begrenzungsmauer war viel besser als vom Außengang des Herrenhauses. Der Schreibtisch, der den Platz vom Fenster bis zur Wand einnahm, war selbst gebaut. Der Stoffbezug eines Sofas nebenan hatte denselben Farbton wie die Polster der Stühle. „Du wirst es nicht glauben. Die Bretterwände verbergen einen Spülschrank, komplett mit Becken, Wasserhahn und einen Hängeschrank.“
„Möglich ist alles. Wie ich das sehe, ist das hier oben ein Konferenzraum. Da würde ich mir auch den Weg zur Küche sparen wollen. Wasser für Getränke oder mal kurz Hände waschen“, sagte Daria und beugte sich etwas zur Seite. „Ist das ein Wasserrohr zwischen den Schränken und der Wand?“
Adrica bestätigte die Frage: „Ja, das ist eins und es ist dicker als normal. Es endet kurz unter der Decke.“ Sie trat näher heran. „Hier ist ein Plastikrohr mit großem Durchmesser. Das dicke Rohr ist für normales Wasser und Abfluss, und das Plastikrohr ist für warmes Wasser. Hier ist auch ein Gerät dafür.“
„Auf dem Sofa kann man auch ein Nickerchen machen. Es ist weder hart noch weich“, kommentierte Daria nach ihrer Untersuchung. „Unter dem Tisch liegt ein Keilkissen, falls man es braucht. Setz dich mal hin. Ich habe meine Uhr nicht dabei, weißt du, wie spät es ist?“
Adrica streckte beide Hände nach vorne und neigte den Kopf zur Seite. „Ein paar Minuten vor zwölf. Das Essen kam gestern gegen zwölf Uhr dreißig. Schau mal an die Trennwand.“
„Auch nicht schlecht. Das haben wir nicht gleich gesehen. Die digitale Wanduhr reicht völlig aus. Was ist das daneben? Keine Uhr, es leuchtet auch nicht.“
„Das kann Kadra beantworten.“ Die beiden mussten nicht lange warten. Die getönte Anzeigefläche des unbekannten Geräts wurde im Hintergrund rot beleuchtet und es ertönte ein dezenter Klingelton. „Wir werden immer wieder überrascht. Wo waren unsere Augen? Dort hängt ein Wandtelefon.“
„Lady Adrica, das Gespräch ist für Sie“, scherzte Daria.
„Du kommst wohl nicht vom Sofa hoch?", revanchierte sich Adrica und nahm den Hörer ab. „Villa Adrica und Daria“, meldete sie sich. Dass Daria ihre Mundwinkel breit gezogen hatte, wusste sie, ohne hinzusehen. „Susan, bist du es ... Conrad ist mit seinem Vater auf dem Anwesen ... Was soll ich ihnen ausrichten? ... Du triffst dich beim Supermarkt mit den anderen aus Santa Maria. Ich richte es aus.“
Daria streckte sich: „Ein Haustelefon ist mit der Hauptrufnummer verbunden, das Telefon im Flur. Wenn du die Taste drückst, kannst du das Gespräch dorthin weiterleiten. Bevor ich hier einroste oder Wurzeln schlage, sollten wir unsere Hausbesichtigung fortsetzen. Was befindet sich im hinteren Teil des angrenzenden Gebäudes unter der Bibliothek?“
„Stimmt, ich habe keine Tür gesehen, die von dort ins Nebengebäude führt.“
„Unten, neben der Kellertür? Vielleicht gibt es versteckte Türen in jeder Etage“, überlegte Daria.
„Die Bibliothek befindet sich im Nebengebäude. Der Zugang ist vom Turm aus“, erkannte Adrica nach einigem Nachdenken. „Es muss dort eine zweite Tür geben.“
Diese Tür gab es. In der Mitte der drei Wandtäfelungen erkannte man riesige Damesteine in einer 3–D–Optik, als würden sie über– oder untereinanderliegen. Jedes Feld hatte einen normal großen Damestein, kaum erkennbar.
„Hier geht es raus, da geht es rein. Neben mir landen wir auf dem Hof. Gut, diese Wand hier…“, erkannte Daria. „Sieht aus wie…“
„Dame– und Mühlesteine. Tolle Optik. Das soll täuschen. Kennst du das Gefühl, das man vor einer großen Entdeckung hat?“, wollte Adrica wissen.
„Groß eher nicht. In der Mitte dieser Wand sollte das sein, was wir suchen“, sagte Daria und wischte mit der Hand über die Wandvertäfelung. „Das hat echte Rillen, kein Bild.“ Im nächsten Moment tastete ihr Zeigefinger etwas Kleineres, aber Rundes. „Sieh dir das an.“
Daria folgte der Bitte und sagte: „Jedes Feld hatte diesen Stein. Drück mal drauf.“
Die versteckte Tür öffnete sich. Langsam schoben die Mädchen die Tür weiter auf. Vor ihnen lag eine Treppe, die nach unten führte. Zur rechten Seite befand sich ein Flur, an dessen Ende sich der Zugang zum Außengang des Gebäudes befand.
„Jetzt verstehe ich das. Dieser Flur liegt also hinter der Tür, die wir gestern nicht öffnen konnten. Neben der Treppe da unten ist der Durchgang zu diesem Haus, na ja, wo wir eben waren. Ab in die Unterwelt und dann auf den Hof“, ermutigte Adrica ihre Cousine. „Weißt du, was ich gerne wissen würde? Wie sah es hier früher aus? Wie sahen die Leute aus? Wie sahen Shirah und Pedro aus?“
Daria warf einen Blick zur Hoftür. „Das können wir uns nur vorstellen oder wir machen eine Zeitreise ins Jahr 1881. Ich muss zugeben, das interessiert mich auch.“
Gegen zwölf Uhr mittags
Unsere Stimmung war ausgelassen. Wir unterhielten uns und verließen das Haus durch die Tür im ehemaligen Glockenturm.
Diesen Tag, zwölf Uhr, würden wir nie vergessen. Im selben Moment, als wir uns vor dem Haus befanden, wurde die Glocke im Turm geläutet. Augenblicklich blieben wir stehen. Unsere Schuhe kratzten auf dem festgefahrenen Sand. Ich muss zugeben, das war ein bisschen verrückt, was wir sahen, ein Erlebnis wie an Thanksgiving 1881.
Daria hielt sich an Adrica fest: „Mit den Platten sah es schöner aus. Die Begrenzungsmauer, auch die zu den Garagen, ist verschwunden.“
„Ja", antwortete Adrica. „Ich höre Geräusche aus den Pferdeställen.“
„Und aus dem Grillhäuschen hört man Hühner gackern“, fuhr Daria fort.
„Das ist durchaus möglich“, bestätigte Adrica und beobachtete ein Huhn, das auf dem Brunnenrand herumflatterte.
Ein Kutscher lenkte ein Pferdegespann auf den Hof. Seine Fahrgäste freuten sich und saßen eng aneinandergelehnt im Fond.
Daria stieß ihre Cousine an: „Das ist ein Traum, es muss ein Traum sein.“
Adrica hob den Kopf und sah zum Glockenturm: „Geht es dir genauso? Ich weiß nur, dass wir beide nicht schlafen. Ich kann dir auch nicht sagen, wie spät es wirklich ist. Ich weiß nicht einmal, in welcher Zeit wir leben. Es ist die Zeit, von der so oft gesprochen wird. Sieh doch, die Kleidung, die Kutsche, die Pferde.“
Daria nahm immer noch das Fremde in sich auf: „Dann ist das aber eine verrückte Sache. Was denkst du darüber?“
Adrica konnte nur mit den Schultern zucken: „Was ist, wenn wir einfach wieder ins Haus gehen?“
Daria war unsicher: „Meinst du, das hilft?“
Adrica war ratlos: „Ich denke, wir beobachten das alles.“
„Ich sehe das jetzt auch so. Aber mit Vorbehalt all meiner Gefühle.“ Daria stupste Adrica an. „Frisch verliebt“, flüsterte sie. „Was hat die junge Frau in den Händen?“
„Was weiß ich? Sieht aus wie Medaillen von Wettbewerben.“
„Ich kann das kaum glauben“, freute sich die junge Frau. „Dass mein Hackbraten den ersten Preis gewinnt, damit habe ich gerechnet“, sagte sie überzeugt und richtete sich auf, um einem jungen Mann, der neben ihr saß, tief in die Augen zu sehen. „Das Rezept für den Apfelkuchen ist von deiner Mama?“, fragte sie und hatte andere Gedanken im Hinterkopf. „Wie auch immer.“ Sie hielt das Preisschild mit gestrecktem Arm in die Höhe. „Du hast den ersten Preis für den Apfelkuchen gewonnen.“ Sie senkte den Arm und umarmte den jungen Mann, ein Kuss war die Folge ihres Handelns.
Der Kutscher sah zum zweiten Eingang des Hauses.
Daria sah sich um und hörte Adricas Frage nicht: „Was ist? Wie oft soll ich noch fragen? Die sehen uns nicht. Die junge Frau hat längst zum Haus geschaut, sie muss uns sehen.“
Daria wollte zunächst eine Frage stellen, aber es wurde zu einer Antwort: „Glaubst du? Aber ich erinnere mich an nichts mehr. Aber du wirst mir gleich sagen, was du von unserem zukünftigen Zuhause hältst, oder? Ich finde, hier hat sich etwas leicht verändert. Du könntest die ältere Frau fragen, sie kommt auf die Kutsche zu.“
Vorsichtig wandte sich Adrica dem Haus zu: „Leicht verändert?“, scherzte sie.
Daria wurde forscher in ihrem Ausdruck: „Vergiss es. Wir sind für sie unsichtbar. Wer weiß, was wir hier erfahren sollen. Die ganze Geschichte ist merkwürdig, von Anfang an, seit Weihnachten.“
„Wir belauschen sie, dann werden wir schlauer“, forderte Adrica ihre Cousine auf.
„Ich habe heute nichts weiter vor. Ich bin nur gespannt, wie wir wieder in unsere Zeit zurückkommen“, sagte Daria.
Die ältere Frau und weitere Bewohner liefen der Kutsche entgegen.
Der junge Mann erhob sich etwas und nahm ein schwarzes Buch in die Hand, auf dem er während der Fahrt gesessen haben musste.
„Hier drin werden die Rezepte stehen. Ich werde sie vorsichtshalber aufschreiben und andere Dinge“, sagte er und winkte mit dem Buch.
„Sicher ist sicher, man weiß nie, ob man sie noch braucht. Vielleicht vergisst man ja etwas von den Zutaten. Oder denkst du noch an etwas anderes?“, alberte die junge Frau.
„Worüber soll ich nachdenken? Ich habe keine Ahnung, was du meinst. Kelowna ist jetzt schon fünf Jahre alt. Ich freue mich schon auf unser Foto, das ich in mein Tagebuch kleben werde.“
„Geht alle ins Haus“, bat die ältere Frau.
„Los jetzt, ich bleibe nicht hier draußen.“ Daria schob ihre Cousine zum Haus.
Adrica flüsterte aufgeregt: „Die beiden heißen Shirah und Pedro. Pedro! Er hat in das Tagebuch geschrieben.“
„Ja, genau der, von dem du geschrieben hast. Pedro. Kadra Kathner wird da ihre Finger im Spiel haben. Glaub mir“, sagte Daria.
Vorsichtig betraten die Cousinen den Flur. Das Telefon auf dem Sideboard klingelte und sie zuckten zusammen.
„Geh bloß nicht ran“, sagte Daria zu ihrer Cousine. „Und noch etwas. Sag kein Wort darüber. Vor allem nicht in unserem Schulaufsatz. Sonst werden uns die Fachärzte unser ganzes Leben lang nicht in Ruhe lassen.“
„Aber was ist mit unseren Eltern? Ich bin mir da nicht so sicher“, sagte Adrica und sah zum Sideboard, das Telefon blieb ruhig.
„Ihr solltet mit euren Eltern darüber sprechen“, rief Kadra aus der Küche und nahm keine Rücksicht auf den Zustand der Mädchen.
„Das war wie ein Traum.“
„Ich weiß, Adrica. Bevor wir weiter darüber sprechen, sollten wir unseren Müttern beim Einkaufen helfen, während unsere Väter und die Helfer die Umzugswagen entladen. Schau nicht so ungläubig, sie werden bald hier sein. Deine Großmütter und Susan sind bereits auf der Zufahrt zum Haus. Hast du das Überwachungssystem vergessen?“
„Haben unsere Eltern auch etwas Ungewöhnliches erlebt?“
„Es wird Zeit, dass ich den Familien einiges erklären kann. Ja, Daria, auch deine Eltern…“, sagte Kadra und lächelte. „Bevor du weiter fragst: Ja, deine Eltern…“
„Das habe ich mir schon fast gedacht. Aber es ist doch nichts Schlimmes ... ich meine ...“, sagte Daria.
Adrica hatte eine brennende Frage: „Ist das Tagebuch, das ich habe, von Pedro?“
Mrs. Kathner bestätigte: „Das Foto liegt auf dem vorderen Hardcoverdeckel, mit dünner Pappe überklebt. Es ist wie eine Tasche.“
Adrica senkte den Kopf: „Es ist noch alles in Santa Maria - Tanglewood.“
Daria runzelte erneut die Stirn: „Woran denkst du? Okay, das Ganze war verrückt, das gebe ich zu. Aber die Sachen werden hierher gebracht, sie sind auf den Umzugswagen. Jetzt kümmern wir uns um den Einkauf.“
Adrica starrte leer in den Raum: „Einkaufskontrolle, ich bin einverstanden.“
Sophia und Paolos Erlebnis gegen zwölf Uhr mittags
Die Frauen hatten im Supermarkt Einkäufe für die nächsten Tage getätigt. Die ältere Generation und Susan wollten mit dem Einkauf zur kleinen Siedlung fahren. Ricarda und Sophia fuhren mit den Männern und den Umzugswagen zu Anokis und Jonathans Geschäft.
Ricarda war zufrieden und sprach mit Carlos: „Ich könnte mir vorstellen, öfter im Kaufpark einzukaufen. Auf dem Weg von der Arbeit zum Beispiel. Was denkst du?“
„Wenn meine Frau das möchte, dann erledigt sie den Einkauf meistens“, antwortete Carlos.
Sophia teilte Paolo ihre Erfahrungen mit dem Kaufpark mit: „Ich denke, es ist Zeit fürs Mittagessen.“
Paolo wandte sich an Anoki. „Wie lange dauert es noch mit dem Ausladen?“
„Ich schätze, bis nach zwölf Uhr. Verstehe, ihr wollt das Hotel–Restaurant kennenlernen. Die Männer haben ihre Wünsche bereits geäußert. Hier ist die Bestellung, die Kadra mir gegeben hat."
Sophia warf einen Blick auf die Bestellung: „Wenn das alles auf der Speisekarte zu finden ist, dann habe ich meinen Bruder auf meiner Seite. Die Mädchen natürlich auch. Für dich ist auch etwas dabei, mein Schatz. Lass uns die Räumlichkeiten anschauen, vielleicht können wir noch einen nachträglichen Geburtstagslunch für Daria organisieren.“
Darias Eltern wurden ins Jahr 1881 entführt. Es gab für sie einen besonderen Termin. Einen Fototermin. Nicht für sie, sondern für die Tochter des Gemeindegründers und ihren Freund. Die beiden hatten die Straße überquert, über der Einfahrt zum Parkplatz hing ein Banner mit der Aufschrift: Willkommen zur Fünfjahresfeier von Kelowna. Der Hof schien plötzlich größer zu sein als zuvor. Die Leute trugen Kleidung aus dem späten 19. Jahrhundert. Es waren Tische aufgestellt und Wettbewerbe wurden abgehalten. Eine Frau machte Fotos, sogar die Kamera passte in diese Zeit. Vorsichtig stellten sich Sophia und Paolo an einen Tisch, zögerten aber, jemanden anzusprechen.
„Mit unserer Kleidung fallen wir hier auf. Paolo, sie schauen hierhin, aber sie scheinen uns nicht zu sehen“, flüsterte Sophia.
„Mir ist das auch aufgefallen.“
„Bleibt bitte einen Moment stehen“, bat die Frau mit der Kamera ein junges Paar. „Nur einen Moment. Ich mache ein Foto von euch. Herzlichen Glückwunsch zu euren beiden Preisen. Das halten wir für die Nachwelt fest.“
„Du bist doch die Tochter von O'Nils, vom Gemischtwarenladen?“, fragte das Mädchen.
„Ja. Und du bist die Tochter des Friedensrichters Tayton. Und der Junge, der seit einiger Zeit auf eurem Anwesen lebt, ist Pedro.“
Shirah bestätigte die Worte.
„Ich bin Nelly und ich bin eigentlich schon fertig. Ihr könnt die Fotos in ein paar Tagen abholen.“
„Danke, Nelly.“ Shirah hatte noch eine Frage. „Habt ihr auch Schreibwaren in eurem Geschäft?“
„Sicher. Auch Kleidung. Wollt ihr etwas kaufen? Dann kommt in ein paar Tagen in den Laden. Dann ist auch das Foto fertig. Einverstanden? Wartet, ich habe noch etwas. Kommt bitte mit an den Tisch dort“, sie überreichte Pedro ein schwarzes Tagebuch und drei Bleistifte. „Dann kannst du alles aufschreiben. Auch eure Rezepte. Wir sehen uns dann.“
Sophia und Paolo sahen den jungen Leuten nach, die zum Geschäft hinüberliefen.
„O'Nils Gemischtwarenladen, steht auf der Schaufensterscheibe“, flüsterte Sophia.
„Wann haben sie das gemacht? Diese Jahresfeier ist sehr realistisch“, bemerkte Paolo.
„Wie erklärst du dir, dass der Hof plötzlich größer geworden ist?“ Sophia wagte kaum, laut zu sprechen.
„Es gibt wohl keine Erklärungen. Gehen wir ins Haus“, sagte Paolo und öffnete die Tür. Hier war alles normal, eine Familie saß am Tisch.
„Herzlich willkommen“, begrüßte sie ein Hotelangestellter. Fast hätte Sophia gesagt, dass das schon auf dem Banner draußen stand. „Möchten Sie ein Zimmer?“
„Wir sind neu hier und wohnen etwas abseits, auf dem Anwesen des Gemeindegründers.“
„Mrs. Kathner von der Rechtsanwaltskanzlei hat davon gesprochen. Sie und ich gehören dem Gemeinderat an. Nun ja, das ist das Hotel aus der Gründerzeit, es wird von Generation zu Generation weitergegeben. Genau wie der Gemischtwarenladen der O'Nils. Die Familie hat in den Kaufpark investiert. Ich möchte Ihnen etwas zeigen“, der Hotelangestellte führte sie zu einem Tisch. An der Wand hing ein Foto. „Das ist Shirah, die Tochter von Mr. Tayton, und ihr Freund Pedro. Das Foto wurde 1881 anlässlich der Fünfjahresfeier gemacht. Die beiden haben zwei Preise gewonnen.“
‚Erinnerungen sind immer das Schönste‘, dachte Sophia, aber laut sagte sie: "Wir hätten eine Frage. Unsere Tochter hatte Geburtstag. Wir wollten morgen ein Geburtstagslunch organisieren. Ich weiß, es ist sehr kurzfristig.“
„Für morgen? Da haben wir Glück. Eine Gesellschaft für zwanzig Personen hat abgesagt.“
Der Hotelangestellte nahm die Bestellung auf. „Das Rezept für den Hackbraten haben wir von Shirah bekommen, schließlich hat es den ersten Preis gewonnen.“
„Dann steht dem nichts mehr im Weg“, bedankte sich Sophia und wusste, dass Ricarda diesen Hackbraten längst kannte. „Ich soll Ihnen noch die Bestellung von Mr. Oldman und Belcom überbringen.“
Vor dem Hotel schmiegte sich Sophia an Paolo: „Weißt du, wie es mir geht? Ich musste mich zusammenreißen.“
Paolo sah nach oben: „Der Parkplatz ist wieder kleiner, gegenüber ist der Technikladen und kein Banner über unseren Köpfen. Ich kenne das Foto an der Wand. Wir waren dabei, als es gemacht wurde. Kurz bevor wir das Hotel betreten haben. Jetzt ist alles wieder normal.“
„Mein Bruder. Sollen wir mit ihm und Ricarda darüber reden?“
„Es hat alles geklappt. Daria bekommt ihr Geburtstagslunch und über alles andere sprechen wir nicht.“
Zur gleichen Zeit, als Sophia und Paolo die Vergangenheit kennenlernten
Auch meine Eltern waren von mysteriösen Ereignissen betroffen. Als sie mit Anoki und seinen Umzugshelfern in die Einfahrt des Anwesens fuhren, stiegen meine Eltern aus und wollten durch die Ladentür ins Geschäft gehen. Stattdessen fanden sie sich als Kunden im Gemischtwarenladen O'Nils wieder und lernten unfreiwillig den Alltag im Jahr 1881 kennen. Sie machten auch Bekanntschaft mit Shirah und Pedro und erfuhren, dass Pedro, wenige Tage nach Thanksgiving, das bestellte Foto erhalten würde.
Die Umzugshelfer und Anoki fuhren mit den Transportern zum Hintereingang des Geschäfts.
Ricarda und Carlos betraten den vorderen Teil des Ladens.
„Irgendetwas ist hier anders“, stellte Ricarda fest. „Was ist hier passiert?“
„Ich habe keine Ahnung“, antwortete Carlos und sah sich um. Das ganze Geschäft hatte sich verändert. „Ricarda?", flüsterte er ängstlich.
„Ich bin hier“, hauchte sie und schmiegte sich an Carlos. „Was bedeutet das alles?“
Das Sonnenlicht erhellte den Raum.
An einem Tisch bewunderte eine junge Frau zwei Kleider. Sie konnte sich nicht zwischen einem grünen Samtkleid und einem Wildlederkleid entscheiden.
Ricarda erschrak und zog sich an Carlos fest.
„Wo kommt die junge Frau plötzlich her?“, flüsterte sie mit stockender Stimme und suchte nervös den Raum ab.
„Ich glaube, wir sollten uns gegenseitig zwicken. Das ist kein Traum, dass hier ist…“ Carlos umklammerte Ricarda fest.
„Das ist das 19. Jahrhundert und wer weiß was“, flüsterte Ricarda und bezog sich auf die Kleidung und die Einrichtung des Ladens. „Lass mich jetzt bloß nicht los. Hörst du? Da ist auch Mrs. Kathner“, bemerkte Ricarda immer noch heiser und ängstlich.
„Entschuldigen Sie bitte“, sprach die junge Frau Kadra Kathner an, die in Begleitung eines älteren Paares war.
„Entschuldigen Sie bitte“, wiederholte die junge Frau. „Ich sehe, Sie sind elegant gekleidet. Könnten Sie mir bei einer Entscheidung helfen? Bei der Auswahl eines Kleides?“
Die ältere Frau sah sie fasziniert an und hörte aufmerksam zu.
„Lass mich sehen. Darf ich dich duzen?“
Die junge Frau hielt das grüne Samtkleid hoch. „Ja, das darfst du“, sagte sie und wartete gespannt auf die Antwort.
„Dann das andere“, bat die ältere Frau.
Aufgeregt legte die junge Frau das grüne Samtkleid weg und nahm das Wildlederkleid.
„Du bist sehr hübsch. Du kannst beide Kleider tragen. Ich könnte mich da nicht entscheiden.“
Kadra Kathner nahm das grüne Samtkleid, stellte sich neben die junge Frau und hielt es sich ebenfalls vor. Dann sah sie die junge Frau an.
„Ich schenke es dir, Mädchen. Ein Willkommensgruß von uns als Nachbarn. Wenn du einverstanden bist?!“
„Das kann ich nicht annehmen“, sagte die junge Frau und legte das Kleid über ihren linken Arm.
Die ältere Frau trat näher an die junge Frau heran.
„Kadra meint es gut. Sie hat genug Kleider. Dann nimm es von uns allen.“
Kadra legte der jungen Frau das zweite Kleid über das grüne Samtkleid und ging zum Ladenbesitzer, um für beide zu bezahlen.
Die junge Frau sah sich um: „Dann bedanke ich mich herzlich. Ihr müsst uns auf der Farm besuchen. Mein Vater wird sich über nette Nachbarn freuen. Kommt ihr?“
Die Familie beriet sich.
„Wenn wir nett eingeladen werden? Dann kommen wir. Wie heißt du? Ich möchte dich nicht immer „Mädchen oder junge Frau nennen müssen.“
„Oh, entschuldigt mich bitte. Ich habe es vergessen“, sagte die junge Frau und reichte ihre Hand. Dabei knickte sie mit dem rechten Fuß ein.
„Ich bin Shirah und dort drüben an der Tür ist Pedro“, sagte sie und trat einen Schritt näher. „Er ist sehr nett. Ich mag ihn. Am kommenden Donnerstag bei uns auf der Farm? Ich schicke Toby, um euch abzuholen. Und vielen Dank für alles.“
Die eingepackten Kleider unter dem Arm ging sie zur Tür.
„Pedro, wir können gehen. Hast du etwas ausgesucht?“
„Es liegt bei den Sachen. Die Fotografie habe ich auch“, sagte Pedro.
„Darauf habe ich gewartet", hauchte Ricarda, als sie den jungen Mann namens Pedro an der Tür sah. „Carlos, das ist der junge Mann aus Adricas Fantasygeschichte. Ich möchte langsam wissen, was hier vor sich geht“, ihre Blicke wechselten ständig zwischen Raum, Tür und Carlos. „Ist dir nichts aufgefallen? Jeder im Raum müsste uns gesehen haben. Wir sind ja nicht unsichtbar.“
Carlos las die Aufschrift an der Schaufensterscheibe. „O’Nils Gemischtwarenhandel.“
Ricarda presste die Lippen zusammen. In Gedanken versunken wiederholte sie, was sie gehört hatte. „O’Nils.“ Mit lauterer Stimme fuhr sie fort. „Der Name steht am Einkaufscenter an der Landstraße. Familie O’Nil ist mit Sicherheit vermögend und das schon über Generationen hinweg. Der Laden hier war der Anfang.“
Ricarda und Carlos sahen den Leuten nach, als sie das Geschäft verließen. Für einen Moment wurden die beiden von Geräuschen aus den hinteren Räumen abgelenkt. Die Ladentür wurde geöffnet.
„Bin ich ein Geist? Warum seid ihr so schreckhaft?“, entgegnete Sophia ihrem Bruder und ihrer zukünftigen Schwägerin.
„Nein, es ist nichts. Wir waren beide in Gedanken versunken. Habe ich recht?“, fragte Carlos.
Ricarda nickte. Wie sollte sie antworten? Was Carlos und sie erlebten, war nichts Alltägliches. Wie sollte man es jemandem erzählen, auch wenn er zur eigenen Familie gehörte? „Ja, natürlich. Natürlich hast du recht.“
„Habt ihr etwas erreichen können? Das Restaurant, wie ist es?“, fragte Ricarda.
„Das Restaurant ist großartig. Das Personal ist freundlich, die Eigentümer sind auch im Gemeinderat tätig. Wir hatten Glück, eine Gesellschaft hat abgesagt und wir haben zugesagt. Keine Sorge, Brüderchen, für dich, deine Tochter und Daria gibt es Hackbraten und für den, der ihn sonst noch mag.“
Im Hauptgebäude des Herrenhauses
Am späten Abend war der gröbste Teil des Umzugs erledigt. Anoki hatte sich um die Haushalts– und Elektronikanschlüsse gekümmert und wollte vor dem Abendessen nach Hause. Er stand vor seinem Fahrzeug und wurde von der Familie verabschiedet. „Es war ein anstrengender Tag. Aber jetzt muss auch ein müder Krieger sein müdes Haupt betten.“
Sophia bedankte sich bei ihm: „Danke für alles. Wir sehen uns bald wieder. Und wir hoffen alle, dass du die lange Fahrt gut überstehst.“
„Die kurze Fahrt werde ich sicher überstehen. Ich wünsche euch allen eine angenehme Nacht und süße Träume.“
