AERA 2 - Die Rückkehr der Götter - Markus Heitz - E-Book

AERA 2 - Die Rückkehr der Götter E-Book

Markus Heitz

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Beschreibung

»Das Vatikanrätsel« – Teil 2 von AERA – Die Rückkehr der Götter: Das große Dark-Fiction-eSerial des Meisters der Phantastik! Es geschah. Von einem Tag auf den nächsten waren sie wieder da: Götter. Und zwar die alten Götter. Jene, welche die Bibel mit »Du sollst neben mir keine anderen Götter haben« meinte – und deren Existenz die Heilige Schrift der Christen niemals in Abrede stellte. Interpol-Ermittler Malleus Bourreau ist Atheist geblieben in einer Welt, in der es vor Göttern nur so wimmelt. Und er ist gut in seinem Job, denn er hat keinen Respekt. Nicht vor Menschen und nicht vor Göttern. Sein aktueller Fall fordert ihn allerdings: Wertvolle Artefakte aus den verschiedensten Kulturen sind verschwunden, und die Diebe gehen dabei buchstäblich über Leichen. Wie hängen die Gegenstände zusammen? »Das Vatikanrätsel« ist der zweite Teil des zehnteiligen eSerials »AERA – die Rückkehr der Götter« von Markus Heitz: Malleus Bourreau muss einen Mord im Vatikan auflösen, wobei sich schnell herausstellt, dass es sich um mehr handelt: Steckt in dem zu restaurierenden Bild die Lösung?

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Markus Heitz

AERA Die Rückkehr der Götter

Episode 2 DAS VATIKANRÄTSEL

Knaur e-books

Über dieses Buch

Inhaltsübersicht

Hephaistos-AutomatonEpisode 2AnjayAERA-GötterlexikonPrologTeil 1Teil 2BacchusTeil 3Baba jagaTeil 4Hugin & MuninTeil 5NeptunSednaTeil 6AdamastosBrigantinaTeil 7HeraTeil 8BadTeil 9TritonTeil 10BalderAlle Teile der aufregenden Dark-Fiction-Serie von Markus Heitz »AERA – Die Rückkehr der Götter«
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Episode 2

VATIKAN-RÄTSEL

»Auf der Erde wird man Lebewesen sehen, die immer gegeneinander kämpfen, was zu unheimlich großem Ungemach und häufig zum Tod auf beiden Seiten führen wird. Ihre Tücke wird keine Grenzen haben; […] und wenn sie einmal satt sind, dann wird die Speise ihrer Wünsche sein, allem, was lebt, Tod, Ungemach, Mühen, Ängste und Flucht zu bringen.«

Leonardo da Vinci,

Von der Grausamkeit des Menschen, um 1590 Codex Atlanticus

 

 

Italien, Rom, November 2019

 

Malleus Bourreau fuhr sich mit Daumen und Zeigefinger über die schwarzen Bartenden seines Fu-Manchu und sah nachdenklich aus dem Flugzeugfenster.

Der Airbus A390 zog eine leichte Kurve und setzte zur Landung an. Dabei konnte Malleus einen kurzen Blick auf das bisschen Glanz werfen, das vom Vatikan übrig geblieben war. Gleich darauf verhüllte sich der Petersdom vor ihm, warf Regenwolken und Nebel als Umhang um sich, als wäre er beleidigt.

Oder vor Scham. Malleus hätte nicht geglaubt, derart rasch mit dem nächsten offiziellen Auftrag von Interpol in die Ewige Stadt zurückzukehren, in der die Reste des Kirchenstaates lagen. Oder Trauer.

Der Tod des Papstsohnes war eine unerhörte Begebenheit, die von einem Spezialisten wie ihm untersucht werden musste. Da die vatikanische Polizei auch Interpol angehörte, war es nur rechtens, dass sie nach ihm verlangten. Malleus grinste leicht. Wie nennt man eigentlich den Sohn des Stellvertreters Gottes auf Erden?

Ganz offenbar schien das Oberhaupt der wenigen verbliebenen bekennenden Katholiken der Meinung zu sein, dass eine Entität ihre Hand im Spiel gehabt hatte. Eine Entität, die nicht ihr Gott war.

Der A390 setzte mit einer butterweichen Landung auf. Es folgte eine Fahrt über die verschlungenen Pfade des Flughafens, bis Malleus und die übrigen zweitausend Passagiere endlich von Bord durften. Im Gegensatz zu ihm hatten sie bei ihrer Reise einen Zwischenstopp in Kauf nehmen müssen, um innereuropäische Flugpassagiere wie ihn in Treva aufzunehmen.

Sein Handgepäck sowie das Einsatzköfferchen führte er mit sich, dank seines Interpol-Ausweises kam er ohne lange Kontrollen in die Ankunftshalle.

Die meterhohen LED-Wände kannte Malleus schon. Sie zeigten Impressionen von Rom und von der Umgebung, die man besuchen solle.

Auch hier hatte das Pantheon rund um Jupiter ganze Arbeit geleistet.

Ostia Antica, Tibur, die Hadriansvilla und Praeneste am Monte Ginestro – die antiken Stätten lockten in renovierter Form.

Danach erschienen die Götter in einem modern geschnittenen Spot und gaben den Ankommenden ihren Segen, und Jupiter riet dröhnend, sich ihm und seinen Mit-Entitäten anzuschließen.

Es folgten mehrere nachgewiesene Wunder, die von Jupiter und Co gewirkt worden seien, inklusive Zeugenaussagen von dankbaren Menschen. Anschließend warb ein sichtlich angeheiterter Bacchus für den Besuch der Bacchanalien, die zweimal im Jahr stattfanden. Übersetzt bedeutete es: viele Orgien und viel Wein.

Malleus ging weiter und sah einen älteren, blonden Mann in einer schwarzen Soutane mit einem kleinen, gestickten weißen Kreuz auf der Brust; auf dem Kopf trug er eine Mischung aus Barett und Hut. Eine schmale Umhängetasche lag an seiner Hüfte.

Er wartete an der Absperrung, flankiert wurde er von zwei Männern in dunklen Anzügen, die bunte Abzeichen auf den Kragenspiegeln trugen. Schweizer Garde. Anscheinend fühlte sich der Geistliche mit ihnen wohler als mit der Vatikanpolizei.

Die Umstehenden ignorierten das Trio, bis auf einige übermütige Jugendliche, welche die starre Haltung der Leibwächter nachahmten und dabei fies grinsten; einige schossen Selfies.

Malleus setzte seine runde Sonnenbrille auf, klappte den Kragen des Militärmantels hoch, ging auf das Empfangskomitee zu und deutete an, seinen Hut zu lupfen.

»Die Herrschaften erwarten mich, nehme ich an?«, sprach er sie auf Englisch an.

»Ganz recht. Willkommen, Mister Bourreau«, erwiderte der Mann in der Soutane freundlich, aber zurückhaltend. »Ich bin Pater Severinus, der persönliche Assistent des Heiligen Vaters, und soll Sie in den Vatikan bringen.« Er machte einen Seitwärtsschritt und deutete mit der rechten Hand zum Ausgang. »Wir parken direkt vor der Tür.«

Malleus lehnte die angebotene Tragehilfe eines Gardisten ab, nahm mit einer Hand das Zigarrenetui hervor und wählte eine Culebra mit blauer Banderole, die er beim Einsteigen ins Flugzeug bereits angeschnitten hatte.

»Wenn Sie danach in Ihr Hotel möchten, werden Sie gefahren«, erklärte der Pater.

»Vielen Dank. Aber ich denke, ein Mietwagen wird mir besser gefallen.«

Der Gang durch die Flughafenhalle verlief ohne Zwischenfälle, auch wenn gerade ankommende Touristen dem Pater und den Schweizer Gardisten nachsahen.

In anderen Ländern zeugte es von gesundem Selbsterhaltungstrieb, den christlichen, muslimischen oder jüdischen Glauben nicht offen zur Schau zu stellen.

In Rom wurde es hingegen geduldet, dass sich die Christen zeigten, als habe sich seit 2012 mit der Rückkehr der Götter nichts geändert. Das lag sicher auch daran, dass sich die wichtigste Kultstätte der Christenheit an ihren Mauern befand und es viele Besucher gab, die den Dom besichtigen wollten. Ein Monument, ein alt-neues Kuriosum. Solange der Papst die Touristen zuließ, war alles in Ordnung.

Im Gehen schaffte es Malleus, mit dem Feuerzeug den Span aus dem Etui und damit die Zigarre zu entzünden. Er gab nichts auf Rauchverbote. Die Luft war rings um einen Flughafen voller krebserregender Stoffe. Als würde der Tabak ins Gewicht fallen.

Pater Severinus redete nicht. Die Leibwächter zogen das Schweigen vor, waren aber äußerst wachsam, sicherten und schauten ununterbrochen in die verschiedenen Richtungen.

Die Anspannung des Trios konnte Malleus fühlen. Sie waren umzingelt von wiedererstarkten Religionen, zu denen man früher in Konkurrenz gestanden, die man gnadenlos bekämpft und jahrhundertelang unterdrückt hatte.

Revanche – einige Entitäten hatten sie sich bereits blutig erlaubt, woanders übernahm das die Anhängerschaft. Es konnte jederzeit geschehen. Ein eifernder Tourist aus einem weniger christenfreundlichen Land genügte.

Kaum verließen sie das Gebäude und gingen auf den kantigen, schwarzen Rolls-Royce Phantom II zu, auf dessen Wagentüren die Standarte des Papstes prangte, wurde es richtig ungemütlich.

Ein Rudel verwegener Touristen, die laut auf Russisch sprachen und über deren Kleidungsgeschmack man nicht diskutieren konnte, hatten den Rolls entdeckt und knipsten ihn. Dabei vollführten sie obszöne Gesten oder hielten ihre eigenen religiösen Symbole in die Kamera. Man machte deutlich, wer sich für den Sieger im Götterwettstreit hielt.

Malleus paffte ruhig und erkannte die Zeichen von Stribog und Chors, Götter des ostslawischen Raumes, auf den Amuletten. Wind- und Mondentitäten.

Natürlich wurden sie bemerkt.

Die Meute sprang lachend und johlend herbei, umringte sie und bedachte sie mit Schimpfworten. Noch mehr Fotos wurden geschossen.

Malleus fand es kindisch, doch mit Vernunft kam man bei diesen Menschen nicht weiter. Eigentlich bei den wenigsten, dachte er lächelnd.

Die Heckklappe des Phantom II öffnete sich von selbst, und Malleus wuchtete das Handgepäck sowie den kleinen Einsatzkoffer hinein, während ein Leibwächter hinter das Steuer des Wagens schlüpfte und der zweite dem Pater die hintere Tür aufhielt.

In dem Moment traf den Geistlichen ein zur Hälfte gegessener Burger in den Nacken.

Ketchup und Senf spritzten, die Soutane bekam dunkle und gelbe Flecken, das gebratene Fleisch zerkrümelte und rutschte unter den Kragen.

Malleus schloss die Klappe und sah zu der Gruppe, in der eine der Frauen einen Shakebecher zum Wurf hob.

Das Behältnis flog los und landete klatschend im Rücken des Geistlichen, der aufdringlich gelbliche Inhalt verteilte sich auf dem schwarzen Stoff wie Wandfarbe.

Aber der Pater blieb ruhig und wandte sich nicht den grölenden Angreifern zu, die ihre Attacken filmten und Kommentare riefen. Er stieg einfach ein, langsam und würdevoll, als wäre er soeben gesalbt worden.

Der Leibwächter schloss die Tür und bedeutete Malleus, ebenfalls im Rolls-Royce Platz zu nehmen. Anscheinend hatten sie den Auftrag, nur einzuschreiten, wenn wirkliche Gefahr drohte.

Einer der Randalierer blickte zum Ermittler als letztes verbliebenes Ziel und riss seinem Kumpel die Schachtel mit den Fritten aus der Hand, holte aus.

»Ich erkläre es Ihnen in aller Deutlichkeit: Dieser Mantel kostet in anderen Ländern mehr als Ihr Leben«, sagte Malleus ganz ruhig und freundlich auf Russisch.

Der Mann senkte die Box verdutzt. »Drohst du Arschloch mir?«

»Nein. Ich wies Sie nur auf die Relation hin.« Er wandte sich ab und stieg in den Phantom II ein. »Einen guten Tag. Grüßen Sie Stribog und Chors, wenn Sie sie sehen.«

Die Tür schlug zu, ohne dass ihn Pommes oder andere Lebensmittel trafen. Die Überraschung hatte ihren Zweck erfüllt.

Malleus roch das Mango-Aroma, das der Shake auf der Soutane verströmte. Die weißen Lederpolster waren mit Plastikfolie überzogen. Er pochte auf das dünne, raschelnde Plastik. »Passiert das öfter, Pater?«

»Ständig.« Severinus lächelte schwach. »Meistens sind es Getränkebehältnisse in jeglicher Form. Und Essen. Ich bin dem HERRN dankbar, wenn es nichts Heißes oder Eisiges ist.«

»Sie haben Humor. Braucht man wohl als Christ.« Malleus nickte mehrmals anerkennend und sah aus dem Fenster, rauchte die Culebra weiter.

»Als Atheist noch viel mehr, denke ich.«

»Touché. Aber ich beschränke mich auf Ignoranz.«

Das auferstehende neoantike Rom erhob sich links und rechts der Straße, Tempelanlagen wurden renoviert oder glänzten in neuem Schick, im Kolosseum brannten jede Nacht die Scheinwerfer und Opferfeuer.

Malleus wusste: Wer wollte, durfte in die Arena und kämpfen wie früher, jetzt allerdings zu Ehren der Götter. Und es fanden sich so viele morituri, dass es Wartelisten gab. Wer überlebte, bekam Geld. Wer mehrmals überlebte, wurde ein reicher Mann oder eine reiche Frau. Götterlieblinge.

Es gab durchaus Bestrebungen innerhalb der italienischen Regierung, die Todesstrafe einzuführen, verbunden mit den Spielen. Somit wäre auch der Nachschub an Teilnehmern gesichert, sobald sich keine Freiwilligen und Verzweifelten mehr fanden.

»Sie halten die andere Wange hin, Pater.« Malleus zeigte mit der krummen Zigarre auf die Gardisten, die glühende Spitze zog eine orangefarbene Linie. »Aber sie schlagen zu?«

Severinus lachte leise. »Das wird Sie enttäuschen, aber ich lasse mich mit Ihnen nicht auf eine theologische Erörterung ein.« Er bekam von einem Leibwächter ein Handtuch gereicht, mit dem er sich den Nacken abwischte. »Nicht mit Ihnen, Mister Bourreau. Sie haben nichts. Gar nichts. Daher verstehen Sie nichts.«

»Oh, Sie irren sich, Pater.« Er stieß den Rauch gegen den Wagenhimmel, der flüchtige Gesichter zu formen schien. »Ich habe mich.«

»Und sind damit doch alleine.«

»Ich fühle mich sehr wohl. Auf mich ist Verlass.« Malleus richtete die kontaktlinsenblauen Augen auf den Geistlichen, während der Rolls leise schnurrend durch Rom fuhr. Die Federung fing jegliche Unebenheit ab, es fühlte sich ein wenig wie Schweben an. »Auf Entitäten niemals, egal ob real oder imaginär. Sie enttäuschen sogar jene, die auf sie vertrauen und ihnen ganze Schätze und Länder opferten.« Sogar wenn man sie auf Knien anfleht. Unschöne Bilder aus der Vergangenheit drohten an die Oberfläche seines Verstandes zu steigen. Aus dem Krieg. Aus seinem anderen Leben, das noch eine Familie kannte.

»Der HERR enttäuscht mich niemals.«

»Ich weiß, es war niemals das Konzept des neutestamentlichen Christengottes, sich aktiv einzumischen. Deswegen brauchen Sie und die Handvoll Christen mehr Geduld.« Malleus blieb freundlich und paffte die eigenen Erinnerungen davon. »Hilf dir selbst, dann hilft dir Gott – war das nicht ein Sprichwort?«

»Mehr eine Redewendung. Und nicht von wahren Gläubigen.« Severinus blieb unbeeindruckt.

Malleus lachte leise. »Sie haben es doch getan, Pater.«

»Was?«

»Ein bisschen theologisch erörtert.« Er ließ die Scheibe nach unten gleiten und schnippte den Stummel hinaus. »Aber reden wir über den Fall. Das kommt uns beiden mehr entgegen.«

»Sie meinen, über Gott zu reden, wäre Zeitverschwendung?«

Malleus setzte die Sonnenbrille, danach den Hut ab, womit die kurzen schwarzen Haare zum Vorschein kamen, die im Nacken zur Fasson geschnitten waren und obenauf länger wuchsen. Die Brille landete im Hut und dieser auf seinen Schoß. »Beschränken wir uns vorerst auf das Irdische und den Ort, an dem Blut vergossen wurde.« Er zückte seinen PDA, um die Aufnahmefunktion zu aktivieren.

»Nun, gut.« Severinus faltete das Handtuch zusammen. »Der Heilige Vater fand die Leiche seines Sohnes gestern, gegen ein Uhr nachts, in der Pinacoteca Vaticana, Saal neun, wo die Werke da Vincis aufbewahrt sind.«

»Wie viele Menschen im Vatikanstaat wissen, dass es der Sohn des Papstes ist, Pater?«, hakte Malleus ein.

»Offiziell: ein halbes Dutzend. Inoffiziell« – Severinus sah zerknirscht aus – »vermag ich es nicht zu sagen. Das Wort ist oft schneller als der Verstand. Er wurde Frater Theodorus genannt.«

Theodorus – Gottesgeschenk. Malleus sah zu den beiden Schweizer Gardisten, die zwar mit einer schusssicheren Glasscheibe vom Fond getrennt waren, aber auf ihren Patrouillen in den Sälen, Korridoren und Hallen vermutlich Details mitbekamen. »Wurde die Leiche bewegt?«

»Nein. Wir sperrten Saal neun ab. Der Heilige Vater ließ über die Vatikanpolizei bei Interpol sofort nach Ihnen verlangen.«

»Was gab den Ausschlag?«

»Auf die Stirn der Leiche wurde die Zahl 666 mit Blut geschrieben.«

»Ernsthaft? Die Zahl des Biestes? Ein bisschen zu dramatisch und plakativ.« Malleus unterdrückte das Auflachen. »Sein Blut?«

»Nein. Er wurde erwürgt.« Severinus griff in die Tasche und nahm Fotos heraus. »Ich habe darauf bestanden, Aufnahmen anzufertigen, falls sich etwas in der Zeit verändern sollte, während wir auf Ihre Ankunft warten, Mister Bourreau.«

»Guter Einfall.« Malleus nahm sie entgegen.

Es begann mit einem Detailfoto. Am Hals waren Abdrücke zu sehen, die größer als die einer normalen Männerhand erschienen. Darüber hinaus waren die Abdrücke gerötet, die Haut warf Blasen oder war schwarz oder fehlte ganz, sodass rohes Fleisch zutage trat.

»Verbrennungen, richtig?«

»Ja. Es scheint, als habe Satan persönlich ihn erwürgt.«

Malleus musste grinsen, es ging nicht anders. »Das würde bedeuten, dass sich das christliche Böse zeigt, aber der Gott nicht?«

»Der HERR ist überall«, erwiderte der Pater gütig. »Er prüft uns wie Hiob. Die Unerschütterlichsten von uns werden sich beweisen und jenen ein Vorbild sein, die sich verbergen müssen und heimlich beten.«

Natürlich. Malleus betrachtete kommentarlos die Fotografien.

Der junge braunhaarige Mann trug eine schwarze Soutane, hatte die Ärmel hochgekrempelt, als habe er vor seinem Tod etwas Schweres wuchten wollen.

Neben ihm stand ein Pult, auf dem sich Pinsel, kleine Klingen, Lupen und Sprühflaschen befanden. Das Bild auf der Staffelei, vor dem die Leiche lag, zeigte sich in sehr schlechtem Zustand. Die Ölfarben waren teils aufgelöst, teils abgekratzt, ein Drittel davon schien aus weißer Fläche zu bestehen.

»Ist das ein unvollständiges Bild von da Vinci?«, fragte Malleus und hielt Severinus andeutungsweise die fragliche Aufnahme hin.

»Ich weiß es nicht. Frater Theodorus war unser Experte für Gemälderestaurierung. Er arbeitete an verschiedenen Bildern, quer durch die Säle der Pinacoteca.«

»Ich hätte gerne eine Liste davon«, bat Malleus.

Nun schaute ihn der Pater verwundert an. »Was hat das mit dem Mord zu tun?«

Er lächelte leicht. »Das weiß man nie. Es kann ein trivialer Mord sein, der weder mit Satan noch mit irgendeiner Entität im Zusammenhang steht. Menschliche Schwächen und Befindlichkeiten sind übrigens als Motiv am meisten verbreitet. Die Gier. Nach Geld, Macht, Anerkennung, Besitz. Und Liebe. Pardon, Fleischeslust.« Malleus sah den Mann an. »Hatte Theodorus Liebschaften?«