AERA 3 - Die Rückkehr der Götter - Markus Heitz - E-Book

AERA 3 - Die Rückkehr der Götter E-Book

Markus Heitz

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Beschreibung

»Preta« – Teil 3 von AERA – Die Rückkehr der Götter: Das große Dark-Fiction-eSerial des Meisters der Phantastik! Es geschah. Von einem Tag auf den nächsten waren sie wieder da: Götter. Und zwar die alten Götter. Jene, welche die Bibel mit »Du sollst neben mir keine anderen Götter haben« meinte – und deren Existenz die Heilige Schrift der Christen niemals in Abrede stellte. Interpol-Ermittler Malleus Bourreau ist Atheist geblieben in einer Welt, in der es vor Göttern nur so wimmelt. Und er ist gut in seinem Job, denn er hat keinen Respekt. Nicht vor Menschen und nicht vor Göttern. Sein aktueller Fall fordert ihn allerdings: Wertvolle Artefakte aus den verschiedensten Kulturen sind verschwunden, und die Diebe gehen dabei buchstäblich über Leichen. Wie hängen die Gegenstände zusammen? »Preta« ist der dritte Teil des zehnteiligen eSerials »AERA – Die Rückkehr der Götter« von Markus Heitz: Malleus muss für einen Privatauftrag nach London, um für einen reichen britisch-indischen Geschäftsmann die Umstände eines achtfachen Selbstmordes aufzuklären. Schnell findet er heraus, dass Entitäten nur am Rande involviert sind. Aber gefährlich bleibt es dennoch.

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Seitenzahl: 133

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Markus Heitz

AERA Die Rückkehr der Götter

Episode 3 PRETA

Knaur e-books

Über dieses Buch

Inhaltsübersicht

Anjay»Seinen Tod stirbt der [...]Großbritannien, London, November 2019 [...]Neu-KarthagoAERA-GötterlexikonPrologTeil 1Teil 2BacchusTeil 3Baba jagaTeil 4Hugin & MuninTeil 5NeptunSednaTeil 6AdamastosBrigantinaTeil 7HeraTeil 8BadTeil 9TritonTeil 10BalderAlle Teile der aufregenden Dark-Fiction-Serie von Markus Heitz »AERA – Die Rückkehr der Götter«
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»Seinen Tod stirbt der Vollbringende, siegreich, umringt von Hoffenden und Gelobenden. Also sollte man sterben lernen.

(…) In eurem Sterben soll noch euer Geist und eure Tugend glühn, gleich einem Abendroth um die Erde: oder aber das Sterben ist euch schlecht gerathen.«

 

Friedrich Nietzsche,

Vom freien Tode,

Also sprach Zarathustra, 1883–1885

 

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Großbritannien, London, November 2019

 

Malleus Bourreau ließ sich vom Autopiloten des gemieteten BMW i8 durch Londons indischstes Stadtviertel fahren – wenn man von Harrow sowie Southall im Bezirk Ealing im Westen absah.

Mit der physischen Rückkehr der alten Götter war die Stadt an der Themse ein europäischer Brückenkopf für das Hindu-Pantheon geworden. Wenn sich Malleus richtig erinnerte, hatte diese Religion mehr als 30.000 Entitäten und Avatare, was es rein mengenmäßig schwer machte, den Überblick zu behalten – oder eine Invasion zurückschlagen, sollte sie anrücken, um dieses Mal die Kolonialmacht zu werden.

Fast, als wäre man nicht in der Alten Welt. Malleus rieb sich über die Enden seines Fu-Manchu-Bartes und sah die vielen Häuser im Stadtteil Brent, sorgsam nebeneinandergereiht und sehr indisch verziert: bunt, mit Ornamenten und verspielten kleinen Anbauten, die durchaus Flair hatten.

Über die englischen Häuschen war ein orientalischer Designsturm hinweggezogen. Im Gegensatz dazu stand die sehr westliche Infrastruktur, doch auch die Straßenlampen wurden mittlerweile von bunten Wimpeln geschmückt. Die Hindu-Gemeinde unterstrich, wie stolz sie auf ihre Götter war.

Dass hier ein spirituelles Zentrum lag, kam nicht von ungefähr. Seit Mitte der Neunziger stand in Neasden der Shri Swaminarayan Mandir, ein gigantischer Hindu-Tempel, den Malleus sich noch ansehen wollte. Ihn interessierten die Architektonik und das Essen im angeschlossenen legendären Restaurant, das rein vegan war und sogar auf Zwiebeln und Knoblauch verzichtete.

Aber weder Bauwerke noch Kulinarik hatten ihn nach London verschlagen.

Sondern ein Auftrag.

Ein sehr lukrativer und herausfordernder Auftrag.

Die umgewandelten Häuschen zogen an dem i8 vorbei. Auch ein Hinweisschild zum umgebauten Wembley-Stadion tauchte auf, wo scheinbar rund um die Uhr Kricket und Squash gespielt und dies auf eigenen Sendern übertragen wurde, wie er bereits im Flugzeug und am Airport Heathrow auf den Anzeigemonitoren bemerkt hatte.

Malleus überlegte, ob er sich noch eine Culebra anzünden sollte, aber die Routenberechnung machte ihn darauf aufmerksam, dass er das Ziel in wenigen Minuten erreicht habe. Also verzichtete er.

Sein PDA machte sich mit einem Piepsen bemerkbar, eine Nachricht war von seinem Vorgesetzten Lautrec aus dem Interpol-Hauptquartier eingegangen.

Nicht jetzt. Malleus hoffte, dass es sich nicht um einen offiziellen Einsatzbefehl handelte und er umgehend wieder abreisen müsste. Sollte es nicht dringend sein, würde er erst die Befragung seines Privatklienten angehen.

Aber als er die Mail öffnete, bekam er lediglich eine Information. Über einen Umstand, den er verwunderlich und beunruhigend zugleich fand.

Die Interpol-Datenbank verglich automatisiert Projektilfunde von Verbrechen und Schießereien, sobald die Spurensicherung ihre Arbeit abgeschlossen hatte. Dabei hatte sich herausgestellt: In Italien waren drei Römer mit der gleichen Waffe erschossen worden wie drei Frauen in Lettland.

Was das Ganze alarmierend machte: Die drei Römer waren Malleus vor ihrem jähen Ende auf der Piazza della Rotonda vor dem Pantheon verbal angegangen. Die Toten in Lettland gehörten zu der Gruppe von Baba-Jaga-Anhängerinnen, die Malleus auf einer verlassenen Lichtung davon abgehalten hatte, Unbeteiligten Schaden zuzufügen.

Es kam noch besser: Die sehr präzisen, nicht tödlichen Schusswunden der Anführerin in Knie und Oberschenkel stammten nicht – wie zuerst angenommen – aus Malleus’ Apache Deringer, sondern aus derselben tödlichen Waffe: eine APB Stetschkin, eine sehr spezielle schallgedämpfte vollautomatische Pistole russischer Herkunft, die 9-mm-Patronen nutzte. Entwickelt worden war sie für den KGB und russische Spezialeinheiten.

Sechs Tote, eine Verletzte, dieselbe Waffe. Immer um mich herum. Malleus’ Verwunderung stieg, als er den Vermerk der italienischen Behörden sah.

Nicht nur die APB erwies sich als besonders, sondern auch die Kugeln und die Hülsen an den Tatorten. Sie waren graviert, in einer noch nicht übersetzten Geheimschrift, die eine Zuordnung erleichterte.

Somit stand für die italienischen Behörden fest, dass der assassino di glifo, der Glyphen-Mörder, zugeschlagen hatte; ein Querverweis leitete auf die entsprechende Ermittlungsakte.

Malleus rief sie auf und sah die zahllosen Einträge zu Tatorten und Opfern. Zweiundfünfzig. Sein Mund wurde trocken.

Ihm fehlte die Zeit, sich so kurz vor der Ankunft bei seinem Klienten damit zu beschäftigen, aber ein Überfliegen sagte ihm, dass der Mörder irgendwann einfach aufgehört hatte. Aus welchen Gründen auch immer. Und nun erst wieder in Malleus’ Fällen auftauchte.

Ich habe einen mörderischen Schutzengel. Malleus fragte sich, ob man im Vatikan – seinem letzten Auftrag – auch gravierte Projektile und Hülsen finden würde. Da sich die italienischen Behörden aufgrund des Ausnahmestatus von Vatikanstadt nicht zuständig gefühlt hatten, war keine Spurensicherung zum Einsatz gekommen.

Malleus rief sich den Kampf gegen die mechanische Kreatur in Erinnerung, die Schaden genommen hatte – gänzlich ohne seine Einwirkung. Er hatte es auf ihre defekte Mechanik zurückgeführt – nun allerdings sprach alles dafür, dass jemand mit der APB eingegriffen hatte.

Ich brauche Gewissheit. Rasch schrieb Malleus eine Mail an Pater Severinus, seinen Ansprechpartner im Vatikan, und bat um eine Suche nach Munitionshülsen in der Vatikanischen Pinakothek.

Der i8 bog in die Braemer Avenue ein.

Malleus schüttelte die beunruhigenden Gedanken an den Glyphen-Mörder ab, so gut es ging. Das konnte er keinesfalls gebrauchen, wenn er vor einem Klienten stand.

Das Sträßchen führte an einen See, wie er durch die Bäume neben den Gebäuden sah. Hier standen größere Anwesen, es war sehr viel aufgestockt und verändert worden, Marmor und Säulen und Türmchen sorgten für einen ansprechenden Stilmix aus europäischer und indischer Bauweise. Seine Frau wäre begeistert gewesen.

Der BMW stoppte vor dem schicksten, schönsten Haus, das hinter einer geweißelten Mauer palastgleich emporragte und seine beiden flankierenden, schlanken hellen Türmchen mit den langen Spitzen in die graue Wolkendecke zu rammen schien. Ein geschlossenes Bronzetor, auf dem hinduistische Ornamente graviert waren, hielt Besucher ab.

Malleus tippte anhand der Länge der Mauer darauf, dass sein Auftraggeber die umliegenden Grundstücke aufgekauft hatte. Die Wirkung machte deutlich: Hier wohnte jemand, der es zu Wohlstand gebracht hatte.

Er stieg aus und schlüpfte in den Militärmantel, korrigierte den Sitz seines Huts auf den schwarzen Haaren, die er an den Seiten kurz und oben länger trug.

Ihm war bewusst, dass seine Kleidung mit dem leicht indischen Stil entweder Anklang fand – oder man ihn für einen Anbiederer hielt. Aber Malleus mochte die Mode, die er sich erdachte und anfertigen ließ.

Er hatte sich stets auf die Nachmittage gefreut, die er bei seinem Schneider zum Abmessen oder zur Anprobe verbrachte, plaudernd, bei Tee oder einem guten Rum. Seine Tochter hatte sich währenddessen im Atelier unter der Nähmaschine oder in den Stoffschränken versteckt, und Malleus hatte sie gesucht. Ein fröhliches Spiel zwischen Vater und seiner Kleinen. Er hatte sofort den Geruch des Tuchs in der Nase und das Lachen seiner Tochter in den Ohren.

Früher. Vor unwirklich langer Zeit. Er riss sich zusammen und konnte nicht verhindern, dass er sich umwandte und aufmerksam die Straße entlangblickte.

Malleus rechnete nicht damit, seinen Stalker zu entdecken, aber er wollte sich vergewissern, alleine zu sein. Nun, wo ihm die Information von Lautrec zugegangen war, müsste er sich um eine Aufklärung kümmern. In eigener Sache.

Mit einem elektrischen Summen schwang das Bronzetor schräg hinter ihm auf.

Malleus wandte sich dem Eingang zu.

Der Anblick des Anwesens, das zentimeterweise zum Vorschein kam, verschlug ihm die Sprache.

Millionen mussten investiert worden sein, in die Marmorfassade, die Springbrunnen und Wasserbecken, den Garten und die Pflanzen, die Wege und Veranda – in einfach alles.

Vor ihm ragte eine Miniaturausgabe eines Maharadscha-Palastes auf, daran änderte auch das trübe Wetter nichts. Dahinter folgte der See, der wirkte, als sei er exklusiv für den herrschaftlichen Sitz angelegt worden.

Je weiter das Bronzetor zurückglitt, desto mehr wurde ein Mann mit stattlichem, sauber gestutztem schwarzen Bart sichtbar, der unmittelbar dahinter wartete. Er trug einen traditionellen Sherwani in hellem Weiß mit Jacquardmusterung, auf seinem Kopf ein weißer Turban, die Füße steckten in hellen Stoffschuhen.

Unkundige würden in der lebensbejahenden Farbe Freude erkennen. Aber Malleus wusste, dass es in Indien für Trauer stand, während Westeuropa Schwarz bevorzugte.

»Namaste, Mister Bourreau«, grüßte der Mann und deutete eine Verbeugung an, bevor er die Hand ausstreckte. Sein Teint war dunkel, die Augen so braun, dass sie schwarz wirkten. »Ich bin sehr erleichtert, dass Sie gekommen sind.«

Malleus ging auf ihn zu und fand es erstaunlich, dass der Hausherr selbst erschienen war, anstatt einen Diener zu senden, der ihn durch das gewaltige Anwesen zum ersten Treffen lotste.

»Namaste«, erwiderte er und reichte seine Hand. »Mein aufrichtiges Beileid, Mister Gautama.«

»Ich danke Ihnen. Mit Ihrer Hilfe finde ich heraus, gegen wen sich mein Zorn richten kann.« Er deutete auf die schneeweißen Treppen, die zur Doppeltür hinaufführten. »Ich habe einen Chai vorbereitet. Aber wenn Sie etwas anderes möchten, lassen Sie es mich wissen.« Sein Auftraggeber ging voraus, legte die Arme auf den Rücken.

Leise summend fuhr das Tor wieder zu.

Malleus folgte Shankar Kumar Gautama über den geharkten Kies zum Anwesen. Der gebürtige Inder gehörte zu den dreißig reichsten Menschen in Großbritannien und galt als bestens vernetzt in britischer Politik und Gesellschaft. Seine Familie führte den indischen Adelstitel Tazimi Sardar, ohne dass Malleus genau sagen konnte, was es bedeutete. Nicht sein Spezialgebiet.

Sie betraten das Foyer, in dem sich der marmorne Überfluss ebenso zeigte. Die Wände waren vertäfelt, riesige handgeknüpfte Teppiche lagen auf dem Boden, und eine gewaltige Freitreppe führte hinauf in das zweite Stockwerk, aber auch ein Fahrstuhl war eingebaut. Bilder und goldene Lampenschirme hingen an den Wänden, und ein Kristallkronleuchter, groß wie ein Mensch und ausladend wie eine Baumkrone, schwebte in der Halle.

Was Malleus sofort auffiel: Stille.

Keine leisen Geräusche, keine Gespräche, keine Musik.

Nichts.

Der schwere Duft von Weihrauch oder Räucherstäbchen hing in der Luft und würde sogar den Qualm der Culebras innerhalb von Sekunden auffressen.

»Wie Sie bemerken«, sagte Gautama mit seiner warmen, dunklen Stimme, »gibt es kein Leben in diesem Luxus. Ich bin der einzige Mensch in diesem Grabmal, und doch fühle ich mich innerlich tot. Das letzte bisschen Leben in mir ist der Hass. Hass auf jene, die mir das antaten.« Er deutete nach rechts auf eine geöffnete Tür. »Nach Ihnen, Mister Bourreau.«

Malleus musste den Schauder bei den Worten unterdrücken. Er betrat den Salon, der im Kolonialstil eingerichtet war. Rote Stofftapeten an den hohen Wänden, Ventilatoren, die sich nicht drehten, dunkle Möbel, Chesterfield-Sessel und Sofas.

Malleus begab sich in die Sitzecke neben den Kamin, in dem ein kleines Torffeuer brannte, legte den Mantel sowie den Hut ab und zog den PDA aus der Tasche des indisch-europäischen Gehrocks, um ihn auf dem Teaktischchen zu platzieren. Dort stand bereits eine große Gusseisenkanne auf einem Stövchen, drum herum zwei Schalen sowie indische Knabbereien und Sandwiches.

Draußen rollte der graublaue See gegen den Steg, der vom Garten ins Wasser ragte; über ihm ballten sich Regenwolken.

Gautama setzte sich ihm gegenüber, das Gesicht um Freundlichkeit bemüht und doch erkennbar von Gram gezeichnet. Er sagte etwas auf Hindi, und das Licht schaltete sich gedimmt ein. Danach goss er Chai ein. Mit dem aufsteigenden Dampf des Milchtees verbreitete sich das Aroma von Zimt, grünem und schwarzem Kardamom, Honig und Nelken.

»Danke.« Malleus nahm die Schale und probierte. »Es schmeckt ausgezeichnet, Mister Gautama.«

Der Inder lächelte kurz. »Das Rezept meiner Frau«, brachte er rau hervor und trank ebenfalls. »Sie werden sich wundern, weswegen niemand hier ist.«

»Das tue ich.« Er fuhr sich mit Daumen und Zeigefinger über die Bartenden des Fu-Manchu.

»Meine Angestellten haben es vorgezogen, dem Anwesen den Rücken zu kehren. Sie glauben, ein Preta geht um«, erklärte Gautama und lehnte sich zurück. »Sie dürfen gerne rauchen, Mister Bourreau. Ich habe von Ihrer Vorliebe gehört.«

»Später, aber danke.« Malleus konnte mit dem Begriff nichts anfangen, der sicherlich aus der Hindu-Mythologie stammte. »Ein Preta ist ein Spuk?«

»Viel mehr als das. Die antim sanskar, unsere Totenriten, sind maßgebend, damit mit unseren Verstorbenen nach dem Tod alles gut verläuft. Vor etwa einem halben Jahr starb meine Mutter, und angeblich wurde vom Brahmanen nicht genau auf die antim sanskar geachtet«, erklärte Gautama. »Sie sei nun eine Preta, das heißt, sie zieht vom Moment des Todes bis zur Ankunft ihrer Seele an ihrem Bestimmungsort hier umher.« Er nippte am Tee. »Sie werden es natürlich mit einem mitleidigen oder gar verächtlichen Lächeln betrachten, was ich nachvollziehen kann, Mister Bourreau. Aber Sie müssen verstehen, dass Pretas zum Todesgott Yama gehören und grundsätzlich böse sind. Sie trachten danach, den Menschen zu schaden.«

»Und ich vermute, eine Besänftigung hat nicht funktioniert, Sir?« Diesen Teil des Falles hatte sein Auftraggeber in seiner Nachricht nicht erwähnt. Bislang war Malleus von achtfachem Suizid ausgegangen.

Gautama schüttelte den Kopf, der tiefschwarze Bart fuhr raschelnd über seinen weißen Sherwani. »Wir überließen dem Preta verschiedene Opfergaben, aber nichts fruchtete.« Wieder gab er einen Befehl.

Ein Teil der Wand verwandelte sich daraufhin in einen Bildschirm, auf dem die Aufnahme einer dunkelhaarigen Fast-Teenagerin in einem rot-gelben Sari zu sehen war, die Gautama ähnelte. Sie lag auf dem Boden.

»Die Aufnahme hat ein Zimmermädchen mit ihrem Smartphone gedreht, kurz nachdem meine jüngste Tochter Anjay gefunden wurde«, erklärte er und sah aus dem Fenster. Er schien den Anblick nicht ertragen zu können.

Das Filmchen startete.

Im Hintergrund erklangen viele aufgeregte Stimmen, die Kameraführung war entsprechend verwackelt. Anjays Hals war aufgeschlitzt, sie musste tot sein. Malleus sah keine Bewegung der Halsschlagader. Er schätzte das Alter des Kindes auf acht oder neun Jahre.

Und trotzdem drehte Anjay abrupt den Kopf in die Kamera, die toten Augen richteten sich auf die Linse. Der Mund bewegte sich, die Sprache war für Malleus unverständlich, aber die Feindseligkeit war deutlich herauszuhören.

»Ihr werdet alle sterben. Ein jeder von euch«, übersetzte Gautama tonlos. »Nicht ein Leben, das in diesem verfluchten Palast lebt, soll überdauern. Mein Sohn soll leiden, wie ich leide! Ich verfluche …«

Dann wurde entsetzt durcheinandergeschrien, die Aufzeichnung endete.

Malleus atmete aus und trank vom Chai. Schnell verdrängte er die Erinnerung an seine eigene tote Tochter. Der Fall würde ihn viel innere Ruhe kosten.