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In einer Welt, in der ein Virus Menschen verändert und Untote existieren, in der ein Heilmittel keine Rettung bringt,... ... findest du noch die Zeit zu lieben? Anastasia wurde von einem Untoten gebissen, doch damit hört ihre Geschichte nicht auf. Im Gegenteil. Das ist der Beginn ihrer Reise. Zwischen Leben und Tod, Liebe und Hass - und gegen eine gnadenlose Organisation.
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Seitenzahl: 393
Veröffentlichungsjahr: 2018
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Für jeden Leser, der sich denktZombies? Warum nicht und später beim Lesen einen Appetit auf Rippchen entwickelt. Viel Spaß!
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Epilog
Die Sonne brannte vom Himmel. Die Luft über dem heißen Asphalt flimmerte. Ein schwarzer Ford stand einsam und verlassen auf der freien Fläche vor mir. Früher war hier ein großer Parkplatz gewesen, man konnte noch die weißen Markierungen auf dem Asphalt erkennen. Unkraut wuchs an mehreren Stellen aus dem aufgerissenen Boden. Die Häuserblocks rund herum waren verwittert, die Scheiben gesprungen und die Türen aus den Angeln gerissen. Die ganze Stadt wirkte, als wäre sie schon seit Jahren verlassen.
Aus dem Auto vor mir drangen gedämpfte Geräusche. Es hörte sich aus der Entfernung wie eine Stimme an. Hinter den dunklen Scheiben ließ sich allerdings niemand erkennen.
»Bitte lass es nicht nur ein Radio sein«, murmelte ich leise vor mich hin, um meine Nerven zu beruhigen. Ich hoffte endlich, nach über einer Woche, einen anderen Menschen zu treffen. Gleichzeitig hatte ich Angst davor, jemandem zu begegnen. Irgendetwas war hier passiert. Die verwitterten Häuser und der muffige Geruch, der in der Luft lag, hatten etwas zu bedeuten.
Noch ein paar Schritte und ich hatte das Auto erreicht. Ich spähte durch die Fenster hindurch.
Nichts.
Die Beifahrerseite stand offen. Musik drang aus dem Auto und tönte über den verwaisten Parkplatz.
Es war tatsächlich ein Radio.
Jemand musste ganz in der Nähe sein. Das Gefühl, beobachtet zu werden, ließ mich nicht mehr los. Als wäre ich in eine Falle getappt.
Ein Geräusch hinter mir erregte meine Aufmerksamkeit. Es war ein Scharren, als würde man etwas über den Boden schleifen. Sofort drehte ich mich um und erblickte es. Ein paar Meter hinter mir stand eines dieser... Dinger. Ich hatte noch keine Namen für diese Kreaturen.
Dieses Ding sah aus wie eine verwitterte männliche Person. Die Klamotten hingen in Fetzen an ihm herunter. Der Gestank, der immer näher zu kommen schien, war Übelkeit erregend. Ich wollte es nicht akzeptieren, aber ja, er sah aus wie ein Zombie. Aus einem richtig schlechten Film.
Es kam auf mich zu. Ich tat das, was ich bisher getan hatte, um nicht gefressen zu werden: ich rannte weg. Soweit und so schnell ich nur konnte. Ich rannte an dem Auto vorbei und versuchte zwischen den Häusern Schutz zu suchen. Den Geräuschen nach zu urteilen folgte mir dieses Ding dicht auf den Fersen. Doch zum Glück war ich schneller als dieses Etwas. Ich rannte zwischen den Häusern hindurch und bog nach links in eine Gasse ein. Ich rannte weiter so schnell ich konnte. Hauptsache weg von diesem... ich hörte es nicht mehr. Vorsichtig blickte ich mir über die Schulter.
Nichts.
Ich hatte es wohl abgehängt. Hinter mir war niemand. Keuchend blieb ich stehen und drehte mich wieder nach vorne.
»Hey«, sagte ein Mann direkt vor mir. Gefühlte drei Zentimeter trennten mein Gesicht von seiner Brust.
Ich schrie auf und sprang im selben Moment zurück. Ich hatte mit vielem gerechnet, aber nicht mit einem Mann, der mit einem Speer in der Hand vor mir stand. Ich sah zu ihm auf, da er mindestens zwei Köpfe größer war als ich. Seine schwarzen Augen fixierten mich. Seine Miene zeigte keinerlei Regung.
»Entschuldige. Ich wollte dich nicht erschrecken.« Selbst seine Stimme war angsteinflößend, auch wenn er anscheinend nett sein wollte.
Wer ist das!?
Ich musste ihn wohl wie einen Fisch angeglotzt haben, denn er sprach von selbst weiter. »Wir hatten nicht erwartet jemanden zu finden. Mein Name ist Terek. Wie heißt du?«
»I- ich...« Stotternd löste ich mich aus meiner Starre. »Ich heiße Anastasia Winter.«
Wie aus dem Nichts trat eine Frau neben mich. Ich hatte sie nicht gehört oder auch nur am Rande bemerkt. Wer um Himmels Willen war diese Frau!?
»Mein Name ist Julie Moon. Erfreut Sie kennen zu lernen.« Julie war etwa in meinem Alter, vielleicht auch etwas älter, jedenfalls nicht älter als Mitte Zwanzig. Sie machte auf mich einen sehr erwachsenen Eindruck. Ihre Haare hatte sie zu einem Pferdeschwanz zurück gebunden, die Sonnenbrille verbarg ihren Blick. Sie trug eine Hose im Militärstil, was ihr zusammen mit dem schwarzen Shirt eine gewisse Autorität verlieh. Sie wirkte wie Lara Croft aus dem Film Tomb Raider, die passende Figur dafür hatte sie.
»Wir hatten nicht damit gerechnet«, fuhr sie lässig fort, »hier draußen noch jemanden zu finden, der noch nicht mutiert ist.«
»Mutiert?«, hakte ich leise nach. Natürlich dachte ich an Zombies, aber ich hatte es bisher immer abgestritten. Zombies existierten einfach nicht! Ende der Diskussion.
»Einen normalen Menschen«, erklärte Julie. »Diese Untoten sind schließlich nichts weiter als mutierte Personen.«
»Das sind also wirklich Menschen?« Ungläubig sah ich die beiden Fremden an. Ich konnte es kaum glauben.
»Wie hast du es geschafft ihnen zu entkommen? Gibt es da noch mehr von dir?«, fragte sie stattdessen.
Ich schüttelte den Kopf. Tränen traten mir in die Augen, so wie jedes Mal, wenn ich daran dachte. »Nein, es gibt niemanden mehr.«
Julie hob eine Braue. »Woher kommst du?«
Ich atmete tief durch und schluckte. »Ich wohnte dort bei den Bergen mitten im Wald. Meine Eltern waren beide Forscher, deshalb wohnten wir weit abseits von allem.« Ich deutete in die Richtung, aus der ich gerade gekommen war. »Meine Mom war krank, sie hatte Krebs. Deshalb war ich seit fast einem Jahr nicht mehr hier. Mein Dad und ich haben uns immer um sie gekümmert. Er versorgte uns mit allem Nötigen, sodass wir im Haus bleiben konnten. Vor etwa zwei Wochen kam er nicht mehr nach Hause zurück. Wir machten uns natürlich Sorgen und sind schließlich raus gegangen, um ihn zu suchen. Es dauerte keine zwei Stunden, da kam so ein... Ding und… ich bin weg gelaufen. Meine Mom hat es nicht geschafft.«
Ich wollte nicht daran denken. Ich hatte es so oft durchlebt, geträumt. Es war ein einziger Albtraum, der mich seitdem verfolgte. Meine Mom wurde von diesem untoten Ding aufgefressen. Ich hörte ihre Schreie noch immer.
»Je näher ich der Zivilisation kam, desto verwitterter und kaputter war alles«, fuhr ich fort. »Ihr seid die ersten, die ich seitdem sehe.« Die beiden hatten anstandslos zugehört. Auf ihren Gesichtern zeigte sich nach wie vor kaum eine Regung. »Was ist hier los!«, fragte ich mit Nachdruck. Das Schweigen ertrug ich nicht länger. Seit fast einer Woche war ich jetzt schon unterwegs und wusste noch immer nicht, was hier los war. Vielleicht ein makaberer Scherz mit der versteckten Kamera? Ich wusste es einfach nicht.
»Wir erklären dir alles, sobald wir im Tower sind«, sagte Julie nüchtern. Ihr schien meine Geschichte überhaupt nichts zu bedeuten. Sie wandte sich zu Terek um. »Sammel die anderen. Sichert das Gelände. Wir verschwinden von hier.« Terek nickte und verschwand hinter der nächsten Ecke. Seine Schritte hallten noch in der Gasse nach.
»So.« Julie drehte sich zu mir und musterte mich. »Wurdest du gebissen oder hast du andere Verletzungen?«
»Nein, nur ein paar Kratzer.«
Julie nickte und schob ihre Sonnenbrille in die Haare. »Wir haben einen Bus ein paar Blocks von hier entfernt. Von dort aus fahren wir zum Tower, wir kümmern uns dann um alles.«
Terek erschien kaum einen Augenblick später mit drei weiteren Männern. Alle waren bewaffnet mit Messern und Schusswaffen. Ihre dreckigen Gesichter lugten als Einziges unter der schweren Montur hervor.
»Mein Name ist Kasper«, meldete sich der erste zu Wort.
»Ich bin Mike und das ist Nick«, stellte der zweite vor. Nick sagte kein Wort und würdigte mich kaum eines Blickes.
Julie nickte nur. »Los geht´s.« Sie gab ein Zeichen, woraufhin sich alle nach rechts wandten. Langsam arbeiteten wir uns durch die Gänge zum Bus vor. Kasper und Mike sicherten unentwegt das Gelände. Es kam mir vor, als wäre ich in einem Action-Film gelandet. Die Schusswaffen voran prüften sie jede Ecke und gaben sich unentwegt irgendwelche Zeichen. Nick bildete das Schlusslicht. Julie und Terek blieben in meiner Nähe.
»Du tust das, was wir dir sagen, genau dann, wenn wir es sagen.« Julie erwartete keine Antwort von mir, sondern fuhr einfach fort. »Wir müssen durch dieses Lagerhaus. Die Straße ist versperrt, da kommen wir nicht durch. Du bleibst dicht bei mir, verstanden?«
Ich nickte nur. Was blieb mir auch anderes übrig? Terek begleitete uns, während die anderen Männer ein paar Meter vor uns bereits durch die offenen Tore gingen. Angespannt lauschten sie auf jedes Geräusch.
»Auf zwei Uhr!«, rief Kasper den anderen zu. Im Dunkeln der Lagerhalle konnte ich nicht erkennen, was er damit meinte. Er ging weiter hinein und verschwand aus unserem Sichtfeld. Ein leises Poltern war zu hören, dann Stille.
»Gesichert«, kam die Antwort nach ein paar Sekunden.
Julie gab mir ein Zeichen, auf das wir gemeinsam die Lagerhalle betraten. Das schummrige Licht, das durch die kaputten Tore und Fenster in die Halle einfiel, reichte gerade so aus, um die Gegenstände zu erkennen. Ein paar aufgebrochene Kisten, ein alter Lieferwagen. Ich ließ meinen Blick schweifen und entdeckte einen leblosen Körper auf dem Boden liegend.
»Komm weiter«, murmelte Terek hinter mir. Ich riss mich los und folgte Julie. Sie war gerade in einem schmalen Gang verschwunden, der in völliger Dunkelheit lag. Etwas zögernd blieb ich davor stehen.
»Hier entlang.« Terek legte mir seine Hand auf die Schulter und schob mich langsam vorwärts. Schon nach wenigen Metern zweigte eine Tür nach links ab. Julie und die anderen warteten bereits in der nächsten Halle auf uns. Durch die vielen eingeschlagenen Fenster drang mehr Licht ein. In den vereinzelten Sonnenstrahlen konnte man den Staub durch die Luft flirren sehen. Langsam schlichen wir uns durch die Halle. Kisten stapelten sich in jeder Ecke.
Ein leises Kratzen erregte meine Aufmerksamkeit. Ich wandte mich dem Geräusch zu und spähte in die Dunkelheit hinter den Kisten. Wieder ein leises Scharren oder Kratzen. Es erinnerte mich an meinen Kater Flocke, der sich liebend gerne in Kartons versteckt hatte.
»Was ist los?«, fragte Mike. Seine Stimme war kaum ein Flüstern, dennoch erschrak es mich. Er kam zu mir und sah ebenfalls hinter die Kisten.
Plötzlich bewegte sich die Dunkelheit. Röchelnd warf sich ein Untoter auf ihn. Ich schrie auf und wich zurück, während er das untote Ding auf den Boden drückte. Mit aufgerissenem Mund stieß es animalische Geräusche aus und schnappte nach ihm. Terek eilte zur Hilfe und stach dem Untoten die Speerspitze in den Kopf. Augenblicklich erstarrten seine Bewegungen, wie es für Tote sein sollte.
»Untote!«, rief jemand weiter hinten aus.
Julie zerrte an meinem Arm. »Komm mit.«
Ich löste meinen Blick von der toten Kreatur zu meinen Füßen und folgte Julie. Sie führte mich in einen angrenzenden Gang. Terek und die anderen Männer sahen sich noch gründlicher um und entdeckten weitere Untote, die hinter einer Kiste eingeklemmt waren und sich befreit hatten. Fauchende Geräusche waren aus der Halle zu hören. Tote Körper, die achtlos auf den Boden sackten.
Julie schob mich weiter in den Gang hinein und schloss die Tür hinter sich. Sie spähte durch das Fenster zurück zur Halle und sah ihren Männern zu.
»Wir warten hier«, sagte sie schließlich, drehte sich zu mir um und erstarrte mitten in ihrer Bewegung.
Ich fasste mir an den Hals. Erst jetzt spürte ich den dumpfen Schmerz, der sich von meinem Hals bis in meine Fingerspitzen ausbreitete. Gebannt starrte ich auf meine blutbefleckten Finger. In der Dunkelheit wirkte das Blut fast schwarz.
Julie hatte sich blitzschnell auf mich geworfen und dem Untoten ein Messer in den Kopf gerammt. Sie zog die blutige Klinge aus dem toten Körper und sah sich weiter hinten im Gang um.
»Alles okay?«, fragte sie, als sie wieder auf mich zukam. »Lass mal sehen«, murmelte sie, nachdem sie einen kurzen Blick auf mich geworfen hatte. Sie kam näher, doch ich hatte mich noch immer nicht aus meiner Starre gelöst. Der Schmerz wurde immer stärker und mit ihm die Angst. Es tat höllisch weh, doch allein der Gedanke daran, ein Untoter zu werden, ließ mir das Blut in den Adern gefrieren. Ich wurde gebissen. Es war aus.
»Du wurdest gebissen«, stellte Julie fest. »Wie hast du da draußen nur überlebt?« Ihr gelangweilter Tonfall riss mich aus meiner Starre. Wie konnte sie nur so ruhig bleiben?
»Julie, ich... ich wurde gebissen. Das ist...«
»... nicht so schlimm wie es aussieht«, beendete sie den Satz für mich. Ich sah sie fassungslos an und erwartete etwas. Irgendetwas. Eine Erklärung vielleicht, warum das Untoten-Dasein nicht so schlimm war oder zumindest etwas in dieser Richtung, doch Julie erklärte nichts. Gelassen holte sie etwas aus ihrer Jackentasche. Sie öffnete eine kleine graue Box und nahm eine Spritze in die Hand. Entgeistert sah ich zu, wie Julie die Abdeckung entfernte und die Spritze prüfte. »Wir von Prometheus haben während unseren Forschungen ein Mittel entdeckt, das eine Infizierung verhindert. Hier...«, sie zeigte auf die Spritze, »...befindet sich IP23. Ein Heilmittel, wenn du es so nennen willst.«
Ein Heilmittel?
»Ich werde dir das jetzt injizieren. Bleib still.«
»Julie warte. Was - «
»Still jetzt!«, blaffte sie mich an. Im nächsten Moment rammte sie mir die Nadel in den Hals. Ohne Vorwarnung, ohne Gnade. Das Mittel breitete sich rasend schnell in mir aus. Ich konnte das Brennen bis in die Fingerspitzen spüren und mit jedem Herzschlag verbreitete es sich weiter. Ich spürte, wie mein Puls immer schneller wurde, gefolgt von einem Stechen, als würde ein Messer in meinem Herz stecken. Ich krümmte mich zusammen und verlor das Gleichgewicht. Meine Füße gaben unter mir nach, als wären sie aus Wackelpudding.
»Hier.« Julie hob einen Schokoriegel vor meine Nase. »Das wird dir gut tun.«
»Was...«, brachte ich krampfhaft hervor. Mein Hals fühlte sich wund an. Ich fühlte mich, als müsste ich mich jeden Moment übergeben.
»Iss jetzt. Das hilft gegen die Übelkeit.«
Ich brauchte einen Moment, um sie zu verstehen, doch Julie wollte nicht warten. Sie schob mir den Schokoriegel einfach in den Mund.
»So und jetzt kauen. In ein paar Minuten bist du wieder in Ordnung.« Während sie das sagte, breitete sich ein Grinsen in ihrem Gesicht aus. Sie sah auf mich herab, als würde sie ein Haustier begutachten. Das erste Mal, seit ich ihr begegnet war, hatte ich Angst vor ihr.
Tatsächlich hatte Julie aber recht, der Schokoriegel half gegen die Übelkeit. Das Brennen ebbte auch langsam ab, sodass ich nicht mehr krampfhaft atmen musste und mein Herz wieder ruhiger schlug.
»Bemerkenswerte Annahme des IP23«, hörte ich Julie sagen. Sie sprach in einen kleinen schwarzen Gegenstand. Ich brauchte einen Moment, um zu verstehen, dass es sich dabei um ein Aufzeichnungsgerät handeln musste.
»Steh auf«, sagte Julie. »Wie fühlst du dich?«
Ich versuchte aufzustehen, erstaunlicherweise gelang es mir ohne Probleme. Mein Körper fühlte sich noch etwas taub an, ansonsten konnte ich keine Veränderung wahrnehmen.
»Julie. Was ist hier los? Was war das eben?«
»Du wurdest gebissen, Anastasia. Durch das Gegenmittel, das ich dir eben gegeben habe, wirst du dich nicht verwandeln. Soweit alles in deinem Kopf angekommen?«
»Ja, denke schon.«
»IP23 hat noch ein paar Nebenwirkungen bei der Initiierung. Du hast sie allerdings erstaunlich gut verkraftet.« Sie lächelte mich an. »Komm jetzt. Wir sollten weg von hier, bevor noch mehr Untote auftauchen.«
Terek stand am Eingang der Halle und wartete geduldig auf uns. Er sagte nichts und zeigte auch keinerlei Regung, als wir zusammen durch die Halle liefen, vorbei an leblosen Körpern und Blutlachen.
Die restlichen Männer warteten bereits im Freien auf uns. Julie marschierte ohne ein Wort an ihnen vorbei. Sie steuerte auf einen Kleinbus am Ende der Straße zu.
»Hier«, sagte Kasper neben mir. Der Mann reichte mir ein altes Tuch. »Du machst uns sonst die Sitze dreckig.«
Verständnislos sah ich ihn an.
»Du bist…« Er ließ den Satz offen stehen und deutete einfach nur auf mich. Ich sah an mir hinab und erschrak. Mein T-Shirt war über und über mit Blut befleckt, mein Arm rötlich verschmiert. Erneut spürte ich Übelkeit in mir aufsteigen.
»Danke.« Ich nahm das Tuch und wischte mir das Blut von den Armen. Ein schmieriger rötlicher Schimmer blieb dennoch zurück.
Knatternd sprang der Motor an.
»Alles einsteigen!«, rief Mike zu uns herüber und verschwand im Fahrzeug.
Wir fuhren zügig mit dem Bus zum sogenannten Tower. Während ich aus dem trüben Fenster auf die vorbeirasende Landschaft blickte, schweiften meine Gedanken immer weiter ab.
Ich hatte es tatsächlich geschafft, andere Menschen zu finden, doch bisher hatte ich noch keine Antworten auf meine Fragen. Niemand wollte mir erklären, warum es plötzlich überall Untote gab und seit wann die ganze Stadt ausgestorben war. Niemand erklärte mir, was genau dieser Tower war und was mich dort erwartete. Ich hatte ein mulmiges Gefühl dabei, doch anscheinend wollten mir alle nur helfen.
Ich sah aus den Augenwinkeln zu Kasper und Mike, die gegenüber von mir saßen. Beide in ihre eigenen Gedanken vertieft, starrten sie vor sich hin. Ich ließ meinen Blick weiter zu Nick schweifen, der bis jetzt noch nicht einen Ton gesagt hatte und mir daher etwas unheimlich war.
Er starrte mich an.
Als sich unsere Blicke trafen, zuckte ich zusammen. Mein Herz schlug mir bis zum Hals, während ich mich zwang aus dem Fenster zu sehen. Ich konnte seinen Blick noch immer auf mir spüren.
Terek bog auf eine Seitenstraße ein und wurde immer langsamer. Einen Moment später stiegen wir aus dem Fahrzeug. Orientierungslos sah ich mich um. Das Gebäude vor uns sah nicht annähernd wie ein Tower aus. Es hatte gerade mal drei oder vier Stockwerke. Die Fassade wirkte marode und bröckelte bereits an manchen Stellen ab.
Zusammen mit Julie näherte ich mich dem Eingang, der Rest der Truppe blieb beim Kleinbus zurück. Julie führte mich zielstrebig auf den Tower zu. Schweigend betraten wir das Gebäude. Der Eingangsbereich war ebenso unspektakulär wie die Fassade. Julie führte mich weiter hinein und blieb vor einer Tür stehen. Nach einem Moment öffnete sie sich automatisch und gab den Blick auf etwas frei, das ich niemals für möglich gehalten hätte. Modern war nicht einmal annähernd treffend für das Bild, das sich mir bot. Der Raum war strahlend hell beleuchtet und an den Wänden hingen riesige Bildschirme. Ich konnte nicht erkennen, welche Sendung gezeigt wurde, denn ich wurde sofort in einen Aufzug geschoben. Die Türen schlossen sich augenblicklich hinter mir. Julie und ich waren alleine in dem hochmodernen Inneren des Fahrstuhls. Der Aufzug wurde über einen Touchscreen in den 10. Stock geschickt und setzte sich in Bewegung.
»Julie«, brach ich endlich das Schweigen. Offenbar hatte ich meine Sprache wieder gefunden. »Wo sind wir und wo ist der 10. Stock?«
»Ich weiß, das Gebäude sieht ziemlich unspektakulär aus. Die Forschungseinrichtung befindet sich unterirdisch. Es gibt insgesamt 25 Stockwerke im Tower. Du wirst zuerst im 10. Stock untersucht. Nichts Schlimmes. Anschließend wird dir ein Zimmer zugeteilt und du kannst dich etwas ausruhen. Hört sich doch gut an, oder?« Julie lächelte mich freundlich an, als wäre das alles hier selbstverständlich und nicht total abgespaced. Noch vor fünf Minuten befand ich mich in einer total heruntergekommenen Stadt und hier gab es ein riesiges Tunnelsystem mit einer Forschungseinrichtung.
»Wolltest du mir nicht noch Irgendetwas erklären? Das mit den Untoten zum Beispiel? Oder was- «
»Einen Moment noch, okay?« Die Türen öffneten sich lautlos und Julie führte mich schweigend weiter in das Tunnelsystem hinein. Sterile Wände und künstliches Licht soweit man sehen konnte. Julie brachte mich in ein Behandlungszimmer. Antiseptischer Geruch wie in einem Krankenhaus stieg mir in die Nase.
»Während dich die Ärzte untersuchen, werde ich dir die Kurzfassung von dem geben, was hier das letzte Jahr über passiert ist. Soweit einverstanden?«
»Ja, in Ordnung.« Ich setzte mich auf den Stuhl in der Mitte des Raumes. Wie auf Stichwort kam eine Ärztin herein.
»Guten Abend. Ich bin Ms. Peanut.«
»Anastasia Winter.«
Die Ärztin zog sich einen Stuhl neben mich und musterte mich über den Rand ihrer Brille hinweg. »Ich werde etwas Blut abnehmen, während Ms. Moon Ihnen alles Weitere erklärt.« Ich nickte nur und sah zu Julie hinüber, die an der Wand lehnte. Die Arme lässig vor der Brust verschränkt.
»So…« Sie seufzte tief. »Hm… Fangen wir mal ganz von vorne an. Vor etwa einem Jahr brach ein Virus aus, der sich rasend schnell verbreitete. Zuerst war es ein anderes Land. Mexico, um genauer zu sein. Innerhalb weniger Wochen war das Virus allerdings schon bei uns angekommen. Nichts ließ es stoppen. Menschen, die von diesen mutierten Personen gebissen wurden, verwandelten sich innerhalb weniger Stunden ebenfalls. Manchmal dauerte es auch kaum länger als ein paar Minuten. Du hast dir ja selbst ein Bild von ihnen gemacht. Diese Untoten sterben nur, wenn ihnen der Kopf weggeblasen wird.« Sie stieß sich von der Wand ab und kam näher.
Ms. Peanut zog die Nadel aus meinem Arm und drückte auf die Einstichstelle. Die Stille in dem kleinen Raum war kaum auszuhalten.
»Wir haben mittlerweile ein Heilmittel entwickelt. Es wirkt allerdings nur bei frischen Infizierungen und hat, wie bereits erwähnt, ein paar Nebenwirkungen. Mit dem Heilmittel lässt sich aber arbeiten.« Sie grinste zufrieden. Mit sarkastischem Unterton fügte sie noch einen Satz hinzu, der mir das Blut in den Adern gefrieren ließ. »Leider ist bereits jetzt fast die komplette Weltbevölkerung ausgelöscht.«
Julie verabschiedete sich kurz darauf. Sie wollte am nächsten Morgen nach mir sehen, wenn ich mich etwas ausgeruht hatte. Ms. Peanut wusch das Blut von meiner Schulter und verband die Stelle so gut es ging. Sie gab mir frische Kleidung und holte dann einen Helfer, der mich auf mein Zimmer bringen sollte. Die Wohnräume befanden sich überirdisch.
Der Mann im weißen Kittel brachte mich - TP128 - zum Aufzug. Ich hatte ein Armband mit dieser Nummer bekommen. Anscheinend eine Art Ausweis innerhalb des Towers.
»Sie werden sich das Zimmer mit TP115 teilen«, begann der Mann im Aufzug und sah von einem Papier auf, das auf seinem Klemmbrett befestigt war.
»Ok«, machte ich nur. Der Typ im weißen Kittel war mir unheimlich. Er wirkte so emotionslos, dass es einem eiskalt den Rücken runter lief. Er begleitete mich zu meinem Zimmer und bat mich einzutreten. Als sich die Tür hinter mir schloss, fühlte ich mich im ersten Moment wie in einer Gefängniszelle eingesperrt. Ich sah mich um, doch das Zimmer sah keinesfalls nach einer Gefängniszelle aus. Es war sogar recht schön eingerichtet. Es stand unter anderem ein weinrotes Sofa in der Ecke. Ein fast 60 Zoll Fernseher hing an der Wand, was mir mehr oder weniger die Sprache verschlug. Ich ging auf die Mitte des Zimmers zu. Rechts gab es eine Tür, die in ein Badezimmer führte. Links musste das Schlafzimmer sein, die Tür war verschlossen. Auf der Suche nach meinem Zimmerpartner ging ich auf die Tür zu und klopfte vorsichtig. Als sich nichts rührte öffnete ich langsam und spähte ins Zimmer hinein. Im Schlafzimmer war es dunkel, dennoch ließ sich ein Doppelbett erkennen. Kleine Nachttischchen links und rechts.
»Hey«, kam es leise vom Bett her. Ein kleines Mädchen stand auf und kam zu mir. Sie war kaum älter als Zwölf und trug ein schlichtes weißes Kleid, was ihre hüftlangen, schwarzen Haare betonte.
»Ich bin TP115. Mein Name ist Sophie Blackstone.« Sie streckte mir ihre Hand hin.
»TP128. Anastasia Winter.« Ich nahm ihre Hand, die viel zu klein und zerbrechlich wirkte.
»Du musst hier neu sein. Willkommen im Schlafzimmer. Wir müssen uns das Doppelbett teilen. Außer natürlich, jemand möchte auf dem Sofa schlafen…«
»Nicht nötig. Das Bett ist doch groß genug.«
Sophie nickte matt und kletterte wieder unter die Decke. »Es ist schon spät, komm doch her und erzähl mir eine Geschichte.«
»Ok.« Ich war etwas verblüfft, wie sie mich begrüßte und auch, dass sie sich einfach wieder unter die Bettdecke legte. Immerhin war ich ihr völlig fremd. Ich zögerte noch einen Moment, doch dann folgte ich ihr und legte mich neben sie. »Was möchtest du denn hören?«
»Wie ist es da draußen? Ich war seit Monaten nicht mehr draußen...« Sie klang sehnsüchtig und traurig.
»Naja... dort draußen ist es sehr gefährlich. Hast du miterlebt, wie das Virus sich verbreitet hat? Es muss wirklich schlimm gewesen sein.«
»Ja, das war es.«
»Es klingt vielleicht komisch, aber ich habe es erst vor einer Woche gemerkt. Ich kann noch immer kaum glauben, dass es Zombies wirklich gibt. Es klingt einfach so lächerlich.«
»Wir konnten es auch nicht glauben«, sagte das Mädchen und deutete auf meinen Verband. »Wurdest du gebissen?«
Ich nickte. »Aber das Heilmittel funktioniert super. Jetzt sind wir zum Glück in Sicherheit.«
Sophie schwieg. Erst nach ein paar Sekunden wurde mir bewusst, dass sie eingeschlafen war.
Irgendetwas schreckte mich aus dem Schlaf. Ich brauchte einen Moment, um mich zu orientieren. Und ich brauchte noch einen Moment, um zu verstehen was mich aufgeweckt hatte.
Sophie war weg.
Ich setzte mich auf und nahm einen Schatten an der Tür wahr. Schnell sprang ich aus dem Bett und rannte ins Wohnzimmer, dabei wurde ich begleitet von dem Geräusch von nackten Füßen auf Teppichboden. Im Wohnzimmer angekommen verfolgte ich den Schatten hinaus auf den Flur. Barfuß rannte ich der Person hinterher, die ich im Halbdunkeln ausmachen konnte. Meine Schritte hallten mehrfach von den Wänden wieder.
Nur langsam näherte ich mich dem Schatten. Inzwischen konnte ich ihn besser erkennen. Es war ein Mann, groß, schwarz gekleidet und mit Sophie über der Schulter rannte er ins Treppenhaus.
»Warten Sie! Wo bringen Sie Sophie hin!?«, rief ich ihm hinterher, als wir das Treppenhaus erreicht hatten. Ich war nah genug dran. Nur wenige Meter trennen uns noch. Er rannte weiter zum Erdgeschoss.
»Bitte tun Sie ihr nichts. Sie ist doch noch ein Kind! Hier ist sie in Sicherheit!«, rief ich in der Hoffnung, ihn irgendwie erreichen zu können. Diesem Mann war ich körperlich mit ziemlicher Sicherheit unterlegen. Ich zermarterte mir den Kopf darüber, was ich nur tun sollte, während er bereits das Erdgeschoss erreichte.
»Bitte.« Ich stand keuchend direkt hinter ihm. Er drehte sich einen Moment lang um, die Tür ins Freie geöffnet, und sah mich an. Er hatte ein beängstigendes Gesicht, übersät mit Verbrennungen. Er war komplett Schwarz gekleidet, sodass die Narben in seinem Gesicht nur noch stärker hervor traten.
»Bitte tun Sie ihr nicht weh«, wiederholte ich mich. »Sie ist noch ein Kind.«
»Ich werde ihr nicht weh tun, Kind.« Das letzte Wort betonte er besonders. Seine Stimme war sehr tief. »Und hier ist sie nicht sicher!«
»Aber hier sind keine Untoten. Hier ist es sicher!« Ich verstand nicht, was dieser Mann wollte. Einen sichereren Ort wie diesen konnte ich mir nicht vorstellen.
Der Mann trat einen Schritt auf mich zu. »Du weißt nicht, womit du es hier zu tun hast, Kind.«
Hinter ihm bewegte sich etwas. Ich dachte nicht lange darüber nach, was ich tat, sondern warf mich zwischen ihn und dem Untoten. Es war mehr ein Reflex, als durchdachtes Handeln. Ich hatte keine Ahnung, wie dieser Untote hier unbemerkt her gelangen konnte und drückte ihn gegen die Wand, den Kopf möglichst weit weg von mir. Der Untote fauchte mich regelrecht an. Gerade als ich mich nach dem Mann umdrehen wollte, spürte ich es schon an meinem Arm. Ein zweiter Untoter stand seitlich neben mir. Er biss mir in den Arm, ehe ich reagieren konnte. Ich unterdrückte einen Schrei, denn diesmal spürte ich den Schmerz sofort. Blut lief mir am Arm entlang.
Im nächsten Moment wurde der Kopf des Untoten durchbohrt. Der tote Körper sackte leblos auf dem Boden zusammen. Der Mann stand mit Sophie über der Schulter neben mir und suchte meinen Blick. Er hielt mich sehr wahrscheinlich für verrückt.
»Ich wurde schon mal gebissen. Besser erwischt es mich als euch«, presste ich hervor. Den zweiten Untoten hielt ich noch immer gegen die Wand gedrückt. Er schien vom Blutgeruch völlig wild zu werden.
Schritte näherten sich.
Ohne ein Wort drehte sich der Fremde um und verschwand durch die offene Tür. Sekunden später kamen uniformierte Personen mit Waffen zu mir und erledigten den Untoten.
»Was ist hier los?!«
Mein Arm fühlte sich bereits taub an und mir wurde immer wieder schwindlig. Die Stimmen um mich herum verwirrten mich nur noch mehr. Julies Gesicht tauchte vor mir auf, doch ich hatte keine Kontrolle mehr über meinen Körper. Am Rande bekam ich mit, wie mir erneut eine Spritze gegeben wurde. Danach sackte ich endgültig in die Dunkelheit.
Es war dunkel. So dunkel, dass ich nicht einmal wusste, ob ich meine Augen tatsächlich geöffnet hatte oder nicht. Es erdrückte mich regelrecht. Die Luft war muffig und abgestanden und blieb mir fast im Hals stecken. Mit jedem Atemzug fühlte sich die Luft dicker an.
Ist das ein weiterer Alptraum?
Noch vor einem Moment sah ich meine Eltern vor mir. Blutüberströmt. Untote stürzten sich auf mich und verfolgten mich bis in eine Lagerhalle. Seltsamerweise konnte ich mich noch vage an Nick erinnern, der mich über seine Schulter warf. Was hatte er in meinem Alptraum zu suchen?
Langsam setzte ich mich auf. Es war kein Alptraum. Der dunkle Raum war real.
»Hallo?!«, rief ich in die Dunkelheit. Mein Ruf schien regelrecht verschluckt zu werden. Angst machte sich in mir breit. Diese Dunkelheit war so allmächtig, dass ich unwillkürlich zu zittern anfing. Ich tastete mit den Händen und erkannte ein Brett unter mir. Rechts neben mir war eine Mauer. Sie bröselte ab.
Erde? Bin ich begraben worden?
Links fasste ich ins Nichts. Ich schwenkte meine Füße vom Brett und tastete weiter. Der Boden war fest, übersät mit kleinen Steinchen und bröselte ebenfalls. Langsam stand ich auf. Die Decke war kaum zehn Zentimeter über meinem Kopf. Das beklemmende Gefühl in meiner Brust wurde immer größer.
»Hey, ist da jemand!«
Keine Antwort. Panik machte sich in mir breit. Mein Herz pochte wie wild. Ich zwang mich ruhig zu bleiben und fuhr mit der Hand an der Wand entlang. Etwas polterte. Klopfte, immer wieder. Ich erstarrte und hielt die Luft an.
Es waren Schritte. Eine Person kam immer näher und mit dieser Person fiel ein schmaler Streifen Licht unter einer Tür hindurch, die kaum ein paar Meter von mir entfernt war. Ich rannte zum Ausgang und tastete die Tür ab. Ich rüttelte an der Klinke, doch die Tür öffnete sich nicht. Die Schritte verstummten, doch das Licht schien noch immer herein.
»Hey, lasst mich raus! Macht diese verdammte Tür auf!«
»Bitte beruhig dich.« Es war eine alte Frauenstimme. Gutmütig, wie eine Oma. »Ich komme jetzt herein.«
Ich trat zwei Schritte zurück. Der Schlüssel wurde gedreht und langsam öffnete sich die Tür. Das Licht einer Lampe blendete mich zuerst, doch einen Moment später konnte ich eine kleine rundliche Gestalt ausmachen.
»Hallo Anastasia. Entschuldige die Vorsichtsmaßnahmen. Wie ich sehe geht es dir gut.«
»Wo bin ich hier? Wer bist du?!«
»Ich heiße Linda. Komm mit, ich will dir etwas zeigen.« Die ältere Frau wandte sich ab und setzte ihren Weg fort. Sie wartete nicht auf mich, sondern entfernte sich immer weiter. Die Dunkelheit, die sie zurück ließ, jagte mir noch immer Angst ein. Hastig folgte ich ihr auf den Gang hinaus. Die Lampe in ihrer Hand ließ Schatten an den Wänden tanzen. Jeder Schritt löste ein Echo aus und hallte nach. Vor und hinter uns lag nur Dunkelheit. Ich fühlte mich noch immer erdrückt. Begraben. Meilenweit unter der Erde.
»Wir leben hier in einer Gemeinschaft zusammen. Das Höhlensystem schützt uns vor den Untoten über uns.«
»Wo sind wir hier überhaupt und wieso habt ihr mich eingesperrt? Und wie komme ich eigentlich hier her?«
»Alles zu seiner Zeit, Kindchen. Du bist hier in Sicherheit. Alles Weitere ergibt sich von selbst.« Mit diesen Worten verfiel sie in eisernes Schweigen.
»Warum kann mir nicht einer sofort eine Antwort geben? Immer soll ich auf irgendetwas warten. WO BIN ICH?!« Die alte Dame ignorierte mich einfach, doch da sie die Lampe hatte, musste ich ihr folgen. Ich wollte wirklich nicht alleine in diesen dunklen Gängen herum laufen müssen. Schon bei diesem Licht war es mir unangenehm.
Wir liefen weiter in den Gängen entlang, bis es irgendwann immer heller wurde. Wie ein Tunnel, der irgendwann endete. Ich hob die Hand gegen das grelle Licht, an das sich meine Augen erst noch gewöhnen mussten.
»Wow, das ist ja gigantisch!« Vor uns lag eine riesige Höhle. Die Decke war zur Oberfläche durchgebrochen und lieferte genug Licht, um die gesamte Höhle auszuleuchten. Der gigantische Hohlraum war so groß, dass sogar Bäume klein wirkten. In der Mitte dieses riesigen Platzes standen ein paar davon dicht aufeinander gedrängt. Äcker umringten die Bäume. Auf einem wuchs Getreide, auf einem anderen Mais. Menschen arbeiteten mit einer Sense oder schoben Karren umher. Es gab vier Tunnel, die von diesem Platz abgingen und wie klaffende, schwarze Öffnungen wirkten.
Ein Vogel hatte sich hierher verirrt und kreiste über den Baumkronen, ehe er wieder durch die Öffnung in der Decke verschwand.
»Wir nennen es den Großen Platz. Der Mittelpunkt unseres Lebens. Komm mit, ich bringe dich zu Archer, er wird dir alles erklären.« Sprachlos lief ich neben Linda her. Ich ließ meinen Blick durch die Höhle wandern und konnte nicht fassen, dass so etwas tatsächlich existierte.
Linda führte mich in einen neuen Gang und ließ mich in einen kleinen Raum eintreten, der gleich rechts vom Eingang lag. Als Tür diente ein Lappen, der über dem Durchgang befestigt worden war. Der Raum dahinter wurde noch durch das Licht vom Großen Platz beleuchtet. Schemenhaft erkannte ich einen Tisch. Stühle und zwei Betten, ähnlich einer Krankenstation.
Als Linda hinter mir eintrat, erhellte die kleine Öllampe den Raum. Ich hatte mich nicht geirrt. Es sah alles nach einer Krankenstation aus. Tiegel und kleine Töpfe befanden sich auf dem Tisch und in einer kleinen Nische daneben erkannte ich frische Tücher. »Ich bin die einzige Ärztin hier. Das ist mein Arbeitszimmer.« Linda lächelte mir zu. »Archer müsste gleich kommen, nimm ruhig Platz.«
Ich setzte mich auf eines der Betten. »Wer ist dieser Archer?«
»Er hat die Höhle gefunden und entsprechend ausgebaut. Als die Untoten immer zahlreicher wurden hat er uns alle bei sich aufgenommen und uns ein Leben ermöglicht.«
»Also ein wichtiger Mann?«
Sie lachte herzlich. »Mach dir keine Sorgen. Er ist netter, als er aussieht.«
Draußen waren Schritte zu hören. Kurz darauf wurde der Lappen zur Seite geschoben und ein Mann streckte seinen Kopf herein.
»Du?!«, rief ich erschrocken aus und sprang gleichzeitig auf. Im gelblichen Lampenschein wirkten die Verbrennungen noch beängstigender. Ich würde diese Narben nicht einfach so vergessen. Vor mir stand der fremde Mann, der Sophie entführt hatte.
»Wie ich sehe geht es dir gut«, entgegnete er. Er klang nicht im Mindesten erschrocken und musterte mich lediglich.
»Ja. Schon.« Ich brauchte einen Moment, um ihn zu verstehen. Ihn hier zu sehen brachte mich komplett aus der Fassung.
»Zeig mal her«, sagte Linda und deutete auf meinen Arm. Ich sah darauf hinab, die frisch verheilte Wunde hatte ich bisher überhaupt nicht bemerkt.
»Stimmt... Ich habe wieder eine Spritze bekommen. Ich verwandle mich nicht in einen Untoten, keine Sorge.«
Archer lief in dem kleinen Raum auf und ab. »Wir mussten auf Nummer sicher gehen. Bitte entschuldige, dass wir dich eingesperrt haben.«
»Wo ist Sophie? Geht es ihr gut?«
»Keine Sorge. Ihr geht es gut. Du hast sicher einige Fragen. Sophie hat nicht viel über dich erzählt.« Archer stoppte kurz und überlegte. In Gedanken versunken fuhr er fort. »Sophie ist meine Tochter. Prometheus hat sie entführt, um sie für ihre Experimente zu nutzen. Vor drei Wochen gelang es mir endlich, sie von Prometheus zurück zu holen. Ich wollte nicht, dass jemand dabei zu Schaden kommt. Ich hätte dich auch mitgenommen, doch ich war mir nicht sicher, ob du ein Spitzel sein könntest.«
»Ein Spitzel für was?«
»Prometheus.« Er sagte nur dieses eine Wort und sah mir dabei direkt in die Augen.
Ich schüttelte nur den Kopf. »Ich habe leider keine Ahnung, was das heißen soll.«
Archer setzte sich mir gegenüber und auch ich setzte mich wieder auf das Bett. »Sophie hat uns bereits gesagt, dass du wohl überhaupt nichts weißt. Prometheus fängt alle Menschen ein, die sie finden können. Alle bekommen einen Patcher - dieses kleine Armband - und werden überwacht. Wenn Sie von der Höhle wüssten, wären wir nicht mehr in Sicherheit.«
»Aber wenn du mir nicht vertraust, warum bin ich dann hier? Das macht doch überhaupt keinen Sinn.«
»Dazu komme ich noch. Zuerst einmal habe ich Sophie nach dem Vorfall mit den Untoten in Sicherheit gebracht. Als sie wieder zu sich kam fragte sie nach dir.« Er sah mich einen Moment lang an. »Ich kannte noch einen Weg hinein und holte dich rechtzeitig, bevor sie mit dir irgendwelche Experimente machen konnten.«
»Danke.«
»Wir waren uns nur nicht sicher, ob du dich in einen Untoten verwandeln würdest oder nicht. Ich kenne bisher niemanden, der zweimal gebissen wurde und es überlebt hat.«
»So, wie es aussieht, funktioniert das Heilmittel doch wunderbar«, entgegnete ich. »Aber was meinst du mit Experimenten? Prometheus hat auf mich keinen gefährlichen Eindruck gemacht. Ich kann mir kaum vorstellen, dass sie unschuldige Leute fangen und - ich weiß nicht genau - was für Dinge mit ihnen machen.«
»Glaube uns Anastasia, diese Organisation ist gefährlich. Sie haben schon lange vor dem Ausbruch des Virus an dem Heilmittel gearbeitet. Sie sind dafür verantwortlich, wie die Welt gerade aussieht. Es ist ihr Werk.«
»Der Virus wurde doch in Mexiko entdeckt, oder etwa nicht?«
»Wer denkst du, ist dafür verantwortlich? Prometheus hat dort seine Experimente durchgeführt.«
Ich konnte es kaum fassen. Prometheus soll dafür verantwortlich gewesen sein? Sie hatten mir geholfen und jetzt sollen sie die Bösen sein?
»Archer«, begann Linda. »Führ sie doch ein bisschen herum. Anastasia hat bestimmt Hunger und muss erst einmal einen klaren Kopf bekommen. Das ist sicher viel auf einmal.«
Archer nickte und stand auf. »Komm mit.«
Ich gab mir einen Ruck und folgte ihm aus dem Raum. Er führte mich zurück auf den Großen Platz. Ich kniff meine Augen zusammen, da mich das Licht erneut blendete.
»Du wirst dich daran gewöhnen.« Archer lehnte sich gegen die Wand aus Erde. Er deutete auf das helle Licht und nach ein paar Sekunden gewöhnten sich meine Augen daran. »Das hier ist eine natürlich entstandene Höhle. Abgesehen von ein paar Gängen befand sich bereits alles so, als ich die Höhle gefunden habe. Wir liegen ca. 50 Meter unter dem Boden. Der Deckendurchbruch dort ermöglicht das Leben hier unten. Von draußen sieht man hier natürlich herein, doch die Untoten fallen einfach herunter und sterben durch den Aufprall. Das ist unser Schutz. Funktioniert ausgezeichnet.« Trotz des makaberen Themas hörte ich das stolze Lächeln, das sich auf seinem Gesicht ausbreitete. Ich konnte ihn nur zu gut verstehen. Er hatte innerhalb eines Jahres bereits etwas ganz Großes erschaffen. Er konnte wirklich stolz auf sich sein.
Das große Loch ließ das kostbare Licht auf den Höhlenboden fallen. Es ermöglichte den Ackerbau, sodass niemand in die Welt dort oben zu gehen brauchte. Durch den Brunnen auf der rechten Seite des Platzes hatten die Menschen das nötige Wasser. Ein Teil des Ackers war sogar mit einer Bewässerungsanlage ausgestattet.
Die beiden Frauen, die gerade auf den Feldern unterwegs waren, sammelten Kartoffeln während mehrere Männer sich um das umpflügen der Erde kümmerten.
»Komm weiter. Es gibt noch mehr zu sehen.« Archer stieß sich von der Wand ab und ging auf einem schmalen Trampelpfad entlang nach rechts. »Wir leben in einer einzigen, großen Gemeinschaft hier unten.« Er sah mich kurz an.
»Linda hat das auch schon erwähnt.«
»Viel Privatsphäre gibt es hier nicht.« Ich nickte nur. »Hier befindet sich die Küche und ein Gemeinschaftsraum«, sprach er weiter und deutete dabei auf einen Gang, der neben dem Brunnen lag. Er ging daran vorbei. Der Trampelpfad war in einem Kreis angelegt worden, wie mir gerade erst auffiel. Die Bäume in der Mitte des Platzes bildeten das Zentrum für alles. Der größte Baum in der Mitte des kleinen Wäldchens war bestimmt an die 20 Meter hoch.
Wir gingen schweigend weiter. Die beiden Frauen bemerkten uns und stoppten augenblicklich ihre Arbeit. Beide starrten mich an. Mir wurde ganz komisch dabei...
»Musst du ihr denn wirklich alles zeigen?«, fragte die ältere Frau. Ihre Haut glich der einer alten vertrockneten Traube, dennoch wirkte sie noch aktiv. Sie musste bereits weit über siebzig sein oder sehr schlechte Gene besitzen.
»Mathilda, wie oft denn noch? Ich habe alles hier errichtet. Ich entscheide, wer hier leben kann und wer nicht. Wenn es dir nicht passt, dann steht es dir selbstverständlich frei zu gehen.« Archers Tonfall war mehr als deutlich. Diese Diskussion war beendet.
Mittlerweile waren die Männer vom Feld nebenan auch auf uns aufmerksam geworden. Keiner von ihnen sah auch nur ansatzweise erfreut aus.
»Du nimmst die doch nur wegen Sophie auf! Sie ist keine von uns!«, rief einer von ihnen. Die Muskeln um Archers Kiefer spannten sich, als er sich eine bissige Bemerkung verkniff.
»Auch ihr könnt jederzeit gehen!«, war seine einzige Antwort darauf. Er wandte sich ab und ging weiter.
Ich folgte ihm schweigend. Warum waren diese Leute so feindselig? Ich hatte ihnen doch nichts getan... Hinter mir hörte ich Gemurmel, doch ich konnte nichts verstehen. Ich zwang mich Archer zu folgen und keine Szene zu machen. Was hatten die nur für ein Problem?!
An der nächsten Abzweigung ging Archer in den dunklen Gang hinein. Mit jedem Schritt wurde es dunkler und enger. Der Geruch von Erde wurde wieder stärker und die Luft war abgestanden. Archer entzündete eine Öllampe und erhellte den Weg.
»Merke dir bitte den Weg. Licht ist sehr kostbar hier unten, du musst dich später auch im Dunkeln zurecht finden.« Er tat so, als wäre nichts passiert. Ich schluckte meine Frage hinunter und versuchte mich zu konzentrieren. Archer führte mich immer weiter. Der Weg führte nach unten. Zuerst nur leicht, doch je weiter wir gingen, desto steiler wurde es. Langsam hörte ich etwas tropfen. Ich ahnte bereits, wo wir uns befanden. »Hier unten ist unser Badezimmer. Nenn es, wie du willst. In der Kammer rechts ist ein kleiner See zum Baden. Die zweite Kammer ist die Toilette. Der Weg führt noch etwas weiter, du kannst es aber nicht verfehlen.«
Hinter dem schwach beleuchteten Gang war alles dunkel. Vereinzelt hörte man das Echo von Tropfen, die auf die schwarze Oberfläche des Sees trafen.
»Das Wasser steht«, erklärte Archer weiter. »Deshalb würde ich es vermeiden davon zu trinken. Das Brunnenwasser ist dagegen wunderbar.«
Nachdem ich mich auf der stinkenden Plumpsklo-Schrägstich-Möchtegern-Toilette erleichtert hatte, liefen wir wieder zurück zum Großen Platz. Wir sahen die Leute schon von Weitem. Ungefähr 15 Frauen und Männer warteten bereits auf uns. Sie standen halbkreisförmig direkt am Ausgang. Mir wurde schon wieder unwohl. Archer hatte bisher noch nichts dazu gesagt und ehrlich gesagt hätte ich das Ganze auch einfach ignoriert. Jetzt aber stand uns ein wütender Mob entgegen, der sich nicht so leicht ignorieren ließ. Die Luft schien regelrecht aufgeladen zu sein.
»Wir müssen reden«, begann die alte Frau von vorhin. Sie sah zuerst Archer zornig an, bevor ihr Blick zu mir schwenkte.
Bevor sie jedoch mehr sagen konnte, drückte sich ein Mann in Archers Alter durch den Halbkreis nach vorne. »Archer«, begann er und holte tief Luft. »Du weißt, wir meinen es nicht böse, aber wir können sie nicht einfach aufnehmen. Das hier ist genauso unser Zuhause wie deines.« Abermals stockte er. »Zwing uns nicht dazu, die Sache selbst in die Hand zu nehmen!« Er sah uns entschlossen an. Ich glaubte nur zu gut, dass er es fertig bringen würde, das - in diesem Falle mich - selbst zu regeln. Er sah aus, als würde es ihm noch nicht mal schwer fallen.
»Diese Diskussion hatten wir schon zu oft, Heat«, erwiderte Archer ruhig. Ich wusste nicht, warum er sich meinetwegen mit allen anlegte. Und warum eigentlich, ich hatte doch wirklich nichts getan.
»Sie gehört nicht zu uns«, mischte sich Mathilda ein. »Sie wird hier noch alles zunichtemachen!« Aufgebracht, wie sie war, schrie sie uns beinahe an. »Das ist sogar gegen deine Regeln!«
Archer blieb dennoch ruhig, wobei er jedes Wort betonte: »Sie ist keine Gefahr für uns.«
»Wie kannst du das nur sagen, nach allem was passiert ist! Sie wurde gebissen!«
Also darum drehte sich das Ganze. »Ich habe ein Gegenmittel bekommen. Ich werde zu keinem Zombie. Keine Sorge. Mit mir ist alles in Ordnung.« Mein Versuch die wütende Meute zu beruhigen missglückte. Stattdessen fixierten mich nun alle, was mir ernsthaft gegen den Strich ging.
»Du glaubst also, du wärst geheilt?«, fragte Mathilda herablassend. »Dann sage ich dir jetzt Eines: Das bist du nicht! Der Virus ist immer noch in dir. Du könntest uns alle anstecken und wir«, sie machte eine alles umfassende Geste, »haben dein ach so tolles Heilmittel nicht.«
War das tatsächlich die Wahrheit? Wenn ja, dann wäre ich tatsächlich eine große Bedrohung für sie. Jetzt konnte ich ihre Gefühle nur zu gut verstehen. »Wusstest du das?«, fragte ich Archer. Er nickte nur zur Antwort und wich meinem Blick aus.
Heat wandte sich zu mir. »Verstehst du es jetzt? Wir meinen das nicht böse, aber du bist gefährlich.« Er wirkte mitfühlend, als er auf mich einsprach. Und ja, ich verstand sie. Würde ich einen Untoten, der in Ketten lag, in mein Haus lassen? Wohl eher kaum.
»Ich wusste das nicht«, sagte ich kleinlaut. »Ich schätze, es ist besser für alle, wenn ich von hier fortgehe.«
»Nein, du bleibst hier!«, rief eine Kinderstimme. Sophie rannte über das gepflügte Feld auf uns zu. »Du kannst nicht gehen. Richtig, Dad?« Sie sah ihren Vater erwartungsvoll an.
»Wenn sie es will, dann darf sie gehen. Zuerst einmal werden wir jedoch etwas essen. Ich bin mir sicher ihr seid alle hungrig.« Ohne eine Antwort abzuwarten drückte er sich an Sophie und den anderen vorbei und stapfte in Richtung Küche davon.
Verdutzt ließ er Sophie und mich vor der Menge stehen.
»Verschwinde einfach«, raunte mir jemand zu, als wir Archer hinterher eilten.
Die Küche entpuppte sich als riesengroßer Raum, der als Speisesaal oder Gemeinschaftraum diente. Die Küche selbst befand sich in einer Nische neben dem Eingang. Der Herd wurde mit Holz geschürt, daher wurde die Küche von einem rötlichen Schimmer erhellt. Der Rauch machte die Luft schwer, doch wenigstens war es angenehm warm. Die Tische und Stühle waren so nah wie möglich darum aufgestellt worden, um das Licht zu nutzen. Weitere Tische standen im Licht des Eingangs. Weiter hinten wurde es immer dunkler.
Das Essen bestand aus Kartoffelsuppe und Brot. Es war deutlich besser, als es auf dem abgenutzten Teller aussah. Ich verschlang meine Portion und schob den Teller zufrieden von mir. Sophie war gerade bei der Hälfte ihrer Portion angelangt. Sie machte einen völlig anderen Eindruck, als ich es in Erinnerung hatte. Sie wirkte fröhlich und redete wie ein Wasserfall.
»Ich bring dir noch was, du musst wieder zu Kräften kommen.« Sophie war bereits mit dem Teller aufgesprungen und hastete in den Küchenbereich. Archer stand vor dem Herd und unterhielt sich mit einer jungen Frau.
»Was auch immer du mit ihr gemacht hast: Lass sie in Ruhe und verschwinde!« Die Stimme hinter mir erschreckte mich. Der Junge, dem sie gehörte, lief neben meinen Tisch und starrte mich von oben herab an. Er war groß, braun gebrannt mit dunklen Haaren und eisblauen Augen. Unter anderen Umständen hätte ich wohl nichts gegen seine Nähe gehabt, denn er sah wirklich gut aus. Seine Augen jedoch starrten mich trotz der wunderschönen Farbe hasserfüllt an. Ich konnte es regelrecht spüren.
