Ahrensblut - Nils Meyer-Selbach - E-Book

Ahrensblut E-Book

Nils Meyer-Selbach

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Beschreibung

Der Hamburger Journalist Robert Kuhn, der für den "Hanseaten" über die Entwicklungen in der Kleinstadt Ahrensburg schreibt, wird von einem Zug überfahren. Der Sprung von der Brücke sieht anfänglich nach Suizid aus, doch nach der Obduktion wendet sich plötzlich das Blatt. Stehen Kuhns kritische Artikel über ein Neubauprojekt in Zusammenhang mit seinem Tod? Schnell gerät ein Schuldiger in das Visier der Polizei, doch als dieser kurz darauf auch ums Leben kommt, muss Kommissarin Marie Stahlmann den Fall neu überdenken. Welche Rolle haben in dem undurchsichtigen Spiel um das Neubauprojekt die Jugendlichen, die um die Existenz ihres Jugendhauses und einer Sportplatzanlage kämpfen? Bei ihren Nachforschungen stößt Marie Stahlmann auf Korruption, Intrigen und Lügen hinter der provinziellen Idylle.

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EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2025

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„Na lezit morse da hunvre“(bretonisch: Lass deinen Traum niemals los)Dieses Buch ist unseren Familien gewidmet.

Der Roman spielt hauptsächlich in allseits bekannten Städten und Gemeinden, doch bleiben die Geschehnisse reine Fiktion. Sämtliche Handlungen und Charaktere sind frei erfunden.

Bibliografische Information der Deutschen NationalbibliothekDie Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet abrufbar über https://www.dnb.de© 2025 dotbooks GmbH, Max-Joseph-Straße 7, 80333 Mü[email protected]/dotbooks/CW Niemeyer Buchverlage GmbH, Osterstraße 19, 31785 [email protected] Rechte vorbehaltenUmschlaggestaltung: C. RiethmüllerDer Umschlag verwendet Motiv(e) von 123rf.com, Adobe Stock und Nils Meyer-SelbachSatz: CW Niemeyer Buchverlage GmbHE-Pub Produktion durch CW Niemeyer BuchverlageeISBN 978-3-8271-8742-0

Jörg DierkesNils Meyer-SelbachAhrensblut

Prolog

Hamburg, Friedhof Ohlsdorf,

20. September 2023

Ein eisiger Wind pfiff über die Gräber, und trotz des Mantels, den er sich übergeworfen hatte, fror er. Und das Mitte September! Zeitgleich trieben die dunklen Wolken tief und schnell am Himmel dahin. Es war nur noch eine Frage der Zeit, wann der erste Regen fallen würde. Gedankenverloren stand er allein vor der Ruhestätte seiner Ehefrau, die viel zu früh von ihm gegangen war. Heute jährte sich ihr Todestag zum vierten Mal.

Es war ihr Wunsch gewesen, auf dem Friedhof Ohlsdorf beerdigt zu werden. Als gebürtige Hamburgerin hatte sie den größten Parkfriedhof der Welt immer gemocht, der mit altem Baumbestand, üppigen Rhododendren, Teichen und Wasserläufen überdies Hamburgs größte Grünanlage war.

Ein paar Tränen rannen ihm herunter, als er kurz darauf ein Zwiegespräch mit der Toten begann. Leise sagte er: „Ich vermisse dich, du fehlst mir so sehr.“ Er schluchzte kurz auf, wischte die Tränen mit dem Hand­rücken weg und fügte mit stockender Stimme hinzu: „Ich wünschte mir, alles wäre wie früher. Mit dir an meiner Seite. Ich fühle mich so verlassen, so schrecklich einsam und hilflos ohne dich.“ Dann schwieg er eine Weile, um schließlich fortzufahren: „Ich werde das Versprechen einhalten, das ich dir gegeben habe.“ Seine feuchten Augen wurden trocken. Eine Härte überzog urplötzlich sein Gesicht. Er wusste genau, was er zu tun hatte, um diesem Versprechen gerecht zu werden. Es gab keine Alternative. Er musste den Typen stoppen, ihn töten. Seine Frau hätte es so gewollt.

„Dieser widerwärtige Mensch ist selbst schuld, warum hat er einfach weitergemacht und nicht auf mich gehört“, sagte der Witwer mehr zu sich selbst als zu der Verstorbenen.

Ein Zitat aus der Bibel kam ihm in den Sinn:

Auge um Auge, Zahn um Zahn!

Ein boshaftes Grinsen füllte sein ganzes Gesicht. Nur gut, dass er in einem Problemviertel aufgewachsen war, schoss es ihm durch den Kopf. Als armer Junge mit einem versoffenen Nichtsnutz als Vater hatte er schon früh lernen müssen, sich zu behaupten. Es hatte nur das Gesetz des Stärkeren gegolten. Plötzlich kicherte er leise, als ihm ein beliebter Spruch aus der Kindheit einfiel:

Rache ist süß!

Ein wohliges Kribbeln durchströmte seinen Körper. Offenbar löste schon der bloße Gedanke an die bevorstehende Rache ein Gefühl des Wohlbefindens aus. Seine Gedanken überschlugen sich, als er sich mit kindlicher Freude an einen weiteren Spruch erinnerte:

Rache ist Blutwurst!

Herrlich, diese Sprüche, dann dachte er wieder an das Versprechen, das er seiner Frau gegeben hatte, und dieses Versprechen war ihm heilig. Sein Entschluss stand somit unwiderruflich fest: Der Typ würde sterben! Er war so abscheulich und gewissenlos, handelte anderen gegenüber so rücksichtslos, dass er nichts anderes verdient hatte als den Tod.

Der Witwer schlug den Kragen seines Mantels hoch und verließ das Grab, dann den Friedhof. Der Regen begann und wurde sekündlich stärker, dennoch lächelte er befreit. Demnächst würde er zur Tat schreiten. Es gab kein Halten mehr, dafür hatte er schon zu lange tatenlos zugeschaut. Nicht umsonst galt der abgewandelte Spruch:

Kommt Zeit, kommt Rache …

1

Hamburg, einige Wochen später

Den ganzen Vormittag über musste er sich ständig am Hintern kratzen. Leo Knickmeyer litt an Hämorrhoiden, obwohl er erst zweiunddreißig Jahre alt war. Sie riefen an nasskalten Tagen wie heute Beschwerden wie Brennen, Juckreiz und Blutungen hervor. Sein Arzt hatte ihm zu einem operativen Eingriff geraten, doch davon wollte er nichts wissen, zu groß war die Angst vor einem Krankenhausaufenthalt.

Übellaunig angesichts der nervtötenden Hämorrhoiden stand Leo am Herd und rührte in der Edelstahlpfanne. Er bereitete gerade das Mittagessen für sich zu, eine proteinhaltige Pasta-Pfanne mit Hackfleisch und frischen Tomaten. Auf proteinreiche Ernährung legte er großen Wert, weswegen er im Lauf der Jahre zahlreiche Rezepte für Muskelprotze und Leistungssportler gesammelt und selber gekocht hatte.

Leo war nämlich eine Sportskanone. Täglich besuchte er das Fitnessstudio und ackerte an den Geräten. Und zweimal die Woche ging er zum Boxtraining. Dazu verzichtete er auf Alkohol und Zigaretten, auch wenn er in St. Georg lebte und dort die Versuchung und das Laster groß waren. Der bunte Stadtteil in Hamburg-Mitte war geprägt vom ständigen Trubel rund um den Hauptbahnhof, vom Steindamm als multikulturellem Großstadt-Boulevard, von der homosexuell geprägten Gegend rund um die Lange Reihe und von grundsätzlichen Problemen mit Drogen und Prostitution.

Gesunde Ernährung und regelmäßiger Sport halfen Leo dabei, als Ganove und Auftragsschläger erfolgreich zu sein. Mit seinen Muskelpaketen sowie dem von Narben gezeichneten Körper und den tätowierten Armen wirkte er angsteinflößend, trotz einer bescheidenen Körpergröße von 1,62 m. Die Narben waren Folge seines harten Lebens, das gepflastert war von Schlägereien und Unfällen. Seit einer Messerattacke zierte eine zehn Zentimeter lange Narbe seinen Hals.

Nach dem Mittagessen packte er seine Sporttasche, der Besuch des Fitnessstudios stand an, als sein Handy klingelte. Er überlegte kurz, ob er den Anruf ignorieren sollte, doch als er auf dem Display den Namen des Anrufers sah, verwarf er den Gedanken schnell wieder.

„Moin Boss!“, begrüßte er die vertraute Person am anderen Ende der Leitung.

„Na Pissbacke, erwische ich dich gerade in der Muckibude?“, gab diese lachend zurück.

Leo konnte sich nicht mehr erinnern, wann Harald Höcker ihn das erste Mal Pissbacke genannt hatte. Mittlerweile hatte er sich an den wenig schmeichelhaften Namen gewöhnt. Sein Boss war jedoch der einzige Mensch, der ihn so nennen durfte. Einmal hatte jemand anderes es gewagt, ihn ebenfalls mit Pissbacke anzusprechen, worauf Leo der Person brutal mit der Faust ins Gesicht geschlagen hatte. Das Knacken des Nasenbeins war nicht zu überhören gewesen. Sein Boss, der Zeuge dieser Szene gewesen war, hatte laut gegrölt und zugleich voller Respekt genickt.

„Nee, gleich erst!“, antwortete Leo.

„Wird leider nichts!“ Sein Boss lachte wieder. „Ich brauche dich. Wie schnell schaffst du es, zu mir ins Büro zu kommen?“

„In einer Stunde könnte ich bei Ihnen sein, Boss!“

„Perfekt, dann hau rein, Pissbacke!“

Das Unternehmen seines Bosses lag in der City Nord, einer Bürostadt im Hamburger Stadtteil Winterhude. Leo war nur selten dort. Viel wusste er nicht über die Geschäfte des Mittvierzigers, nur, dass dieser nicht gerade zimperlich in der Wahl seiner Mittel war und Gewalt, Falschheit und Hinterlist gezielt bei seinen geschäftlichen Aktivitäten einsetzte.

Leo besaß keinen Arbeitsvertrag, er wurde von seinem Boss für Sonderaufgaben gebraucht. Das bedeutete, dass er Personen bespitzeln, einschüchtern oder zusammenschlagen musste. Leo war in diesen Dingen ein Vollprofi. Nach dem Schulabgang ohne Abschluss hatte er schnell eine verbrecherische Laufbahn eingeschlagen und reichlich Erfahrung im Kriminellenmilieu gesammelt. Ein zweijähriger Gefängnisaufenthalt rundete sein Ganoven-Profil ab.

Die Bezahlung der Sonderaufgaben fiel entsprechend üppig aus. Dafür erwartete sein Boss, dass er sich für die Sonderaufgaben zur Verfügung hielt und diese zuverlässig und geräuschlos erledigte.

Leo machte sich kurz nach ihrem Gespräch auf den Weg. Es war besser, den Boss nicht warten zu lassen, ansonsten drohte man Opfer seiner cholerischen Anfälle zu werden. Dann, fünfzig Minuten später, betrat Leo das Büro seines Bosses, aber erst, nachdem er sich kurz am Hinterteil gekratzt hatte, die Hämorrhoiden ließen ihm einfach keine Ruh.

„Bist ja überpünktlich, Pissbacke!“, sagte sein Boss zur Begrüßung, der einen klassischen Anzug in Marineblau der Edelmarke Dior trug, dazu ein weißes Hemd von Prada. Die wenigen Haare, die er vermutlich noch hatte, waren einer Kahlrasur zum Opfer gefallen. Das Gesicht war rund und kräftig, die Nase gebogen und stumpf. Mit verschränkten Armen hinter dem Kopf lehnte er sich im Bürostuhl zurück. Vor ihm auf dem edlen Mahagoni-Schreibtisch lagen mehrere Baupläne, daneben befand sich eine ungeöffnete Flasche Champagner.

Leo blieb stehen, weil sein Boss ihm keinen Sitzplatz anbot, und erwiderte: „Wie immer, Boss!“

Der Boss grinste, doch schnell verfinsterte sich seine Miene, als er zum eigentlichen Anlass des Treffens überging. „Auf nichts kann ich mich verlassen“, erregte er sich. „Nur Idioten um mich herum. Mein Bauprojekt ‚Reitbahn 29‘ steht auf der Kippe. Das geplante neue Wohnquartier liegt auf dem Stormarnplatz in Ahrensburg und ist so etwas wie mein Herzensprojekt.“

Leo nickte lediglich, er hatte von diesem Projekt noch nie gehört. Aus Erfahrung wusste er jedoch, dass das vermutlich auch nicht erforderlich war, um eine der üblichen Sonderaufgaben zu erledigen.

„Aber auf dich kann ich mich verlassen, Pissbacke, das weiß ich“, fuhr der Boss fort. „Deshalb erhältst du nun von mir einen sehr wichtigen Auftrag. Ein gewisser Robert Kuhn braucht eine Abreibung. Er ist Journalist und arbeitet für die Hanseatic Post. Beschatte ihn, warte auf eine passende Gelegenheit. Dann schlag ihn zusammen. Blaue Flecke, Prellungen, Nasenbluten, das Übliche halt.“

Leo schaute ohne jegliche Regung und meinte lapidar: „Wenn es mehr nicht ist, Boss.“

Der Boss zog seine Arme hinter dem Kopf weg und setzte sich nun aufrecht hin. Dann ergänzte er: „Und noch was, wenn du dem Reporterheini die Fresse poliert hast, erklärst du ihm, dass er mit der negativen Berichterstattung über Reitbahn 29 aufhören soll. Andernfalls könne er sich schon mal ein Bett im Krankenhaus reservieren lassen.“

Leo antwortete nicht, nickte nur stumm, weil es sich um eine Sonderaufgabe handelte, wie er sie schon zigmal durchgeführt hatte.

„Noch Fragen, Pissbacke?“

„Foto und Anschrift des Typen wären ganz gut, Boss.“

„Du denkst ja richtig mit.“ Sein Boss grinste, kramte dann in der Schublade seines Schreibtischs und holte schließlich ein Foto, einen Zettel sowie ein Bündel Hunderteuroscheine hervor. „Hübscher Vogel, dieser Reporter, aber nicht mehr lange“, merkte er an, nachdem er einen kurzen Blick auf das Foto geworfen hatte, und lachte lauthals über seinen Spruch. Dann sagte er: „Hier hast du den Kram. Auch dein Honorar, 3.000 Euro.“ Er reichte Leo die Sachen. „Ruf mich an, wenn du den Auftrag erledigt hast. Ich gebe dir zwei Wochen Zeit, das sollte reichen.“

Leo verstaute alles in der Seitentasche seiner Bomberjacke. „Geht klar, Boss!“, antwortete er und verließ abschließend den Raum.

Draußen vor dem Bürogebäude beschloss Leo, zunächst den Besuch des Fitnesscenters nachzuholen und später mit der Beschattung des Reporters zu beginnen. Hatte er die Gewohnheiten dieses Typen herausgefunden, würde er sicher einen passenden Moment finden, um sich ihn vorzuknöpfen. Der letzte Auftrag dieser Art lag schon sechs Wochen zurück, sodass er es kaum abwarten konnte, seine aufgestaute Energie loszuwerden. Der Reporterfuzzi würde die Abreibung nicht so schnell vergessen, dessen war sich Leo sicher …

2

Hamburg

Er saß am Tresen seiner Stammkneipe im Schanzenviertel, vor sich ein frisch gezapftes Bier. Draußen regnete es seit Stunden, und vereinzelt traten Windböen auf. Ein kräftiger Herbststurm kündigte sich an. Für die Nacht hatte der Deutsche Wetterdienst eine Sturmwarnung für Hamburg herausgegeben. Doch die gemütlich eingerichtete Kneipe ließ ihn das Schietwetter schnell vergessen. Robert Kuhn schaute gebannt auf den Fernseher, der großformatig an der Wand hinter der Theke hing. Es lief Fußball, der FC St. Pauli spielte heute Abend. Sein Lieblingsverein gehörte für ihn zur eigenen Identität, vor allem, wenn man wie er seit seiner Jugend in der Schanze lebte, wie das Szeneviertel abgekürzt genannt wurde.

Neben Rob saß sein bester Freund seit Schultagen, Peter Zielinski, der es mehr mit dem HSV hielt und nur Rob zuliebe mitschaute. Peter biss gerade herzhaft in seinen Cheeseburger, Soße lief ihm aus den Mundwinkeln. Rob, der das Schauspiel aus den Augenwinkeln beobachtete, sagte belustigt: „Wie man richtig isst, lernst du in diesem Leben nicht mehr!“

„Schmeckt halt gut“, erklärte Peter, nachdem er den Bissen viel zu schnell heruntergeschluckt hatte. „Selber schuld, dass du keinen isst.“ Dann setzte er zum nächsten Bissen an, wobei er den Mund zum Teller und nicht den Burger zum Mund führte.

„Ich habe heute Mittag Currywurst mit Pom…“ Rob unterbrach den Satz, um einen Augenblick später laut „Tor“ zu rufen, so wie fast alle Anwesenden es taten. Nur Peter ließ sich nicht beirren und arbeitete sich an dem Cheeseburger ab.

„3:0 für St. Pauli nach dreißig Minuten – ich kann mich nicht daran erinnern, wann ich das zum letzten Mal erlebt habe“, bemerkte Rob, ohne den Bildschirm aus den Augen zu lassen.

„Da brennt nichts mehr an, das Spiel ist gelaufen“, erwiderte Peter und wechselte angesichts des beruhigenden Vorsprungs das Thema. „Ist Petra inzwischen ausgezogen?“, fragte er kauend.

„Ja!“, sagte Rob kurz angebunden und starrte weiter auf den großen Fernsehschirm. Mit Petra war er zwei Jahre zusammen gewesen. Seine Beziehungen hielten nie länger. Er war zeit seines Lebens unverheiratet, Kinder hatte er keine. Verantwortung für eine eigene Familie zu übernehmen kam für Rob nicht infrage. Dennoch oder gerade deswegen war seine Anziehungskraft für das weibliche Geschlecht groß. Für seine achtundvierzig Jahre hatte er sich ziemlich gut gehalten. Er war sportlich, trug ein schwarzes Hemd über der grauen Jeans, weiße Sneaker und eine Brille mit schwarzem Gestell, Marke Kreativbereich. Das wirre Haar war leicht angegraut. Rob strahlte eine gewisse Leichtigkeit aus.

„Petra ist eine ganz Nette gewesen“, bemerkte Peter. „Immer gut gelaunt und hilfsbereit.“

Rob verdrehte genervt die Augen. „Sie ist ständig eifersüchtig gewesen.“

„Kein Wunder, sie hat dich zweimal mit einer jungen Frau im Bett erwischt“, lachte Peter auf, bevor er sich weiter auf seinen Burger konzentrierte.

„Deswegen muss man ja nicht gleich so ausflippen wie Petra“, entgegnete Rob ein wenig beleidigt.

In diesem Augenblick betraten zwei hübsche Frauen Anfang zwanzig die Kneipe, wie Rob aus den Augenwinkeln gleich erkannte. Abrupt drehte er seinen Kopf und musterte die beiden. Sein Interesse für das Fußballspiel hatte sich schlagartig dem Nullpunkt genähert. Hektisch stieß er Peter von der Seite mit dem Ellenbogen an, dem dadurch der Burger fast aus den Händen glitt, und nickte mit dem Kopf in Richtung der Schönheiten. „Die habe ich noch nie hier gesehen. Du vielleicht?“

Peter schaute kurz zu ihnen hinüber. „Nein, noch nie gesehen.“

„Die eine gefällt mir. Traumhafte Figur. Verführerisches Lächeln. Hinreißend.“ Rob konnte seinen Blick gar nicht von ihr abwenden.

„Du bist süchtig nach jungen Frauen, Rob. Lass es sein, und guck wieder auf den Fernseher.“

„Ist ja gut.“ Rob drehte halbherzig seinen Kopf zum Fernseher. „Beim nächsten Mal spreche ich diese Frau an, das steht fest.“

Unterdessen betrachtete Peter die Burgersoße an seinem linken Zeigefinger und Daumen, nur um im nächsten Moment genüsslich mit seiner Zunge darüber zu lecken. „Jedenfalls sind wir ja nun beide offiziell Singles, da können wir heute gleich ein bisschen abfeiern“, frohlockte er und putzte sich mit der Serviette über den Mund, der Burger war geschafft.

„Geht nicht!“, entgegnete Rob. „Ich muss gleich noch nach Ahrensburg.“

„Es ist doch schon nach neun.“ Peter nahm einen kräftigen Schluck aus der Pilstulpe. Dann lachte er und fügte hinzu: „Was willst du so spät in diesem Provinznest? Da werden doch abends die Bürgersteige hochgeklappt.“

Rob wurde schlagartig ernst. Seine Gesichtszüge verspannten sich. „Ein geheimer Informant will mich gleich treffen. Wegen Reitbahn 29, diesem riesigen Neubauprojekt, von dem ich dir vor ein paar Monaten erzählt habe. Im Hanseaten berichte ich in regelmäßigen Abständen über den Projekt-Fortschritt. Die Story ist heißer, als ich für möglich gehalten habe.“

Peter blickte seinen Freund von der Seite verwundert an. „Du schiebst seit Langem eine ruhige Kugel. Überstunden sind nicht deine Sache, schon gar nicht am Abend. Und eine spannende Story? In Ahrensburg? Kann ich nicht glauben.“

„Die Story wächst mir über den Kopf, wenn ich ehrlich bin. Möglicherweise werde ich meinen Chef bitten, jemand anderen darauf anzusetzen. Aber lass uns bitte nicht weiter davon sprechen. Schon schlimm genug, dass ich deswegen das Pauli-Spiel nicht zu Ende schauen kann.“

Rob war seit fast dreißig Jahren Journalist, davon die letzten zehn bei der Hanseatic Post, die mit ihren vier Regionalausgaben die meistgelesene Abonnementzeitung in der Stadtregion Hamburg war und von allen nur „Hanseate“ genannt wurde. Er mochte seine Arbeit, diese Mischung aus Recherche, Beobachten und Schreiben, hatte über große Themen wie den G20-Gipfel in Hamburg 2017 berichtet. Wochenlang hatte er in der linken Szene recherchiert, über Demonstrationen, Blockaden und angemeldete Veranstaltungen geschrieben, bei denen Zehntausende ihren Protest gegen den G20-Gipfel zum Ausdruck gebracht hatten, sowie über Sachbeschädigungen, Plünderungen und Angriffe auf Polizeibeamte, die das Ansehen der Hansestadt nachhaltig beschädigt hatten.

Dennoch, die Jagd nach spektakulären Storys war ihm zuwider, dafür fehlte ihm der Ehrgeiz. Seit nunmehr drei Jahren war er daher als Redakteur für die Regionalausgabe Stormarn tätig. Er hatte sich mit der Zurückstufung arrangiert, auch wenn das Schreiben über die Provinzorte Ahrensburg, Bad Oldesloe und Trittau für ihn als Großstädter zunächst gewöhnungsbedürftig war. Die Berichterstattung musste ohne Glamour, Spektakel und Sensationen auskommen, dafür waren die Provinzthemen zu banal und spießig.

Doch das galt nicht für das Neubauprojekt in Ahrensburg, das Rob seit Monaten als verantwortlicher Redakteur begleitete. Zunächst hatte es nach einer Geschichte wie jede andere ausgesehen, doch dann hatte er feststellen müssen, dass die Story heiß war, so heiß, dass man sich die Finger daran verbrennen konnte. Dazu passte, dass er gestern einen anonymen Anruf bekommen hatte. Jemand hatte ihm brisante Informationen über das Projekt angeboten. Erst hatte er ein Treffen ablehnen wollen, doch seine Neugier hatte gesiegt, und er hatte sich mit dem Anrufer für heute Abend in Ahrensburg verabredet.

Dementsprechend machte sich Rob wenig später zum Aufbruch fertig. Er bezahlte seine Rechnung, zog die Jacke an und schaute ein letztes Mal auf den Fernseher. Inzwischen stand es 5:1 für den FC St. Pauli, und es waren nur noch fünfzehn Minuten zu spielen. Zum Abschied klatschten sich die beiden Freunde ab. „Beim nächsten Mal machen wir wieder länger und trinken einen auf unser Single-Dasein“, versprach Rob und verließ das Lokal, während Peter einen weiteren Burger und einen Absacker bestellte.

Die beiden Freunde konnten in diesem Moment nicht ahnen, dass das heutige Treffen ihr letztes gemeinsames war …

3

Ahrensburg

Der Regen hatte etwas nachgelassen und der Wind nicht weiter zugenommen. Es war die Ruhe vor dem Herbststurm. Rob hatte sich dazu entschieden, mit öffentlichen Verkehrsmitteln zum Treffpunkt zu fahren. Sein Auto nutzte er nur selten, er verspürte keinen Spaß am Autofahren. Von der Sternschanze fuhr er mit der S-Bahn zum Hauptbahnhof. Dort stieg er in die U-Bahnlinie 1, die ihn bis zur Haltestelle Ahrensburg-West bringen würde. Da Hamburg im Nordosten an Ahrensburg grenzte, war die Kleinstadt bereits seit fast einem Jahrhundert an das U-Bahnnetz der Hansestadt angebunden.

Rob hatte sich an das Ende des U-Bahnwagens gesetzt, um alle Fahrgäste im Blickfeld zu behalten. Jeden nahm er in Augenschein. Er hatte den Verdacht, dass er seit Tagen beschattet wurde. Ein kleiner, bärtiger Typ mit Cap war ihm aufgefallen. Doch bislang hatte er ihn noch nie von Nahem gesehen.

Die U-Bahn hatte inzwischen die Haltestelle Volksdorf angefahren. Der Wagen leerte sich merklich, denn es waren nur noch zwei Stationen bis Ahrensburg. Rob begutachtete die verbliebenen Fahrgäste. Am anderen Ende des Wagens saß eine ältere Frau und war vertieft in ihr Buch. In ihrer Nähe hielt sich ein Mann mittleren Alters auf, der mit seinem Handy beschäftigt war. Und zwei Sitzreihen weiter witzelte eine vierköpfige Gruppe Jugendlicher über ihren Englischlehrer, wie Rob den Wortfetzen entnehmen konnte. Niemand machte einen verdächtigen Eindruck auf ihn, und ein Typ mit Bart und Cap war weit und breit nicht zu sehen.

Dennoch, seine Anspannung wuchs minütlich. Was wollte der anonyme Informant? Ein geheimes Treffen an einem Ort, den kaum jemand zu dieser späten Stunde aufsuchen würde, hatte den Hauch eines Agententhrillers. Bei diesem Gedanken stieg Hitze in Robs Wangen hoch. Er öffnete seine Jacke, versuchte sich abzulenken, indem er auf den Bildschirm schaute, der unterhalb der Wagendecke angebracht war. Das Fahrgastfernsehen der Hamburger Hochbahn, das Nachrichten aus Politik und Sport sowie Wettervorhersage und Unterhaltung bot, begann sich gerade zu wiederholen und taugte daher wenig zur Abwechslung.

Dann, nach fünfunddreißig Minuten Fahrzeit, hatte Rob sein Fahrziel erreicht. Die Haltestelle Ahrensburg-West war am Stadtrand der Kleinstadt gelegen. Nur wenige Hundert Meter davon entfernt befand sich die Treppenbrücke Kuhlenmoorweg, auf der sich Rob und der anonyme Informant treffen wollten. Die Brücke führte Fußgänger über die Bahnlinie Hamburg–Lübeck zum Kuhlenmoorweg in ein Wandergebiet.

Die vier Jugendlichen stiegen ebenfalls in Ahrensburg-West aus. Sie zogen grölend über den Bahnsteig. Spaßeshalber rempelten sie sich dabei ständig an. Inzwischen war ihr Deutschlehrer zur Zielscheibe des Spotts geworden. Rob ließ sich einige Schritte zurückfallen und die Gruppe mit gebührendem Abstand vorweggehen. Erneut versicherte er sich, dass ihn niemand beobachtete, bevor er seine Schritte etwas beschleunigte.

Nach dem Verlassen der Gleise schritt Rob durch die Stationshalle, dabei einen kurzen Blick auf seine Armbanduhr werfend. Er stellte fest, dass er einige Minuten zu spät dran war. Elf war der verabredete Zeitpunkt. Draußen überquerte er einen Zebrastreifen, dann fünfzig Meter weiter eine Fußgängerampel, die aufgrund der Uhrzeit außer Betrieb war. Dann folgte ein kleiner Park-and-Ride-Parkplatz, den Rob passieren musste, bevor er schließlich vor der Treppenbrücke Kuhlenmoorweg stand. Kurz schaute er die Brücke von unten an, dann begann er mit dem Aufstieg.

Die Brücke war ein filigranes Bauwerk aus Stahl, keine dieser üblichen Betonkonstruktionen. Für Menschen mit Höhenangst war das Besteigen durchaus anspruchsvoll. Doch Rob litt nicht an einer derartigen Phobie. Er warf einen schnellen Blick nach links, als er nur noch wenige Stufen zu erklimmen hatte, und konnte so den nicht ganz einen Kilometer entfernten Hauptbahnhof von Ahrensburg deutlich erkennen. Dann war er oben angekommen. Am anderen Ende unweit der Treppe, die zum Kuhlenmoorweg führte, stand jemand, der mit den Armen an die Brüstung gelehnt auf die Gleise Richtung Hamburg schaute.

Rob ging auf den Mann zu. Als er neben ihm stand, realisierte er, wer der anonyme Informant war, und sagte überrascht: „Oh, Sie sind es!“ Der drehte seinen Kopf leicht, blickte Rob von der Seite an und antwortete: „Schön, dass Sie gekommen sind.“

Als Nächstes nahm der Mann seine Arme von der Brüstung und richtete sich auf, dabei in der linken Hand einen Stapel Papier haltend. Möglicherweise befanden sich die brisanten Informationen darin, dachte Rob, als dem Mann plötzlich die Blätter aus der Hand glitten und sich eine Menge Papier über den Boden verteilte. Schnell ging Rob in die Hocke, um die Blätter zu retten, bevor der Wind sie von der Brücke wehen würde. Den ersten Moment der Verwirrung nutzte sein Gegenüber. Er stellte sich unbemerkt hinter Rob, griff nach dem tennisballgroßen Stein in seiner Jackentasche und schlug damit von hinten zweimal hart auf Robs Kopf. Der griff instinktiv mit der Hand an die getroffene Stelle und merkte schon nicht mehr, wie Blut aus der Wunde quoll. Dann wurde es um ihn herum schwarz.

Zwei Minuten später warf der Mann Rob von der Brücke auf das Gleisbett, und der aus Hamburg heranfahrende Regionalexpress überrollte den Journalisten.

4

Ahrensburg

Als sie die Augen aufschlug, musste sie sich zunächst orientieren. Sie hatte das Gefühl, in einer Dunkelkammer zu liegen, mit der Ausnahme, dass es hier kein Rotlicht gab. Jede Form von Helligkeit war ausgesperrt worden. Wo war sie? Sie brauchte einige Zeit, um klar denken zu können. Dabei hallten drei Worte in ihrem Kopf nach: „Marie – melde – dich!“

Seit Langem hatte sie nicht mehr einen so intensiven und düsteren Traum erlebt, und dabei waren die schlimmen Ereignisse beim G20 schon Jahre her. Brennende Autos auf der Elbchaussee, Steinewerfer, unzählige verletzte Teilnehmer und Polizisten, randalierende und plündernde Personen im Schanzenviertel, die man schon nicht mehr Demonstranten nennen konnte. Eine riesige Rauchwolke über Hamburg, die exemplarisch für das Böse im Menschen stand. All diese Vorfälle gaben den Kritikern recht, dass die Hansestadt definitiv nicht der richtige Austragungsort einer solchen Veranstaltung gewesen war.

Ihre Finger tasteten im Dunkeln das Kopfende ab. Erst fühlte sie nichts, dann ein einzelnes Kabel. Als sie den Schalter zu fassen bekam und betätigte, erhellte sich im nächsten Moment die Nachttischlampe, und sie vergrub das Gesicht hinter den Händen. Kein Zweifel, sie befand sich zu Hause, und schlagartig waren auch alle Erinnerungen von diesem Tag wieder da.

Ein dienstfreies Wochenende hatte vor ihr gelegen, ganze drei Tage am Stück frei. Nach einer arbeitsintensiven Woche war heute endlich mal wieder Zeit gewesen, an sich selbst zu denken und durch die Stadt zu bummeln. Ahrensburg war nicht gerade bekannt für die kleinen, schmucken, individuellen Läden, daher hatte sich Marie kurzerhand in dem gut sortierten Nessler Kaufhaus wiedergefunden, wo es gefühlt alles gab, was das Herz begehrte. Sie war ziellos durch die Gänge der einzelnen Etagen geschlendert. Die schier unglaubliche Auswahl an Waren und Bekleidungsartikeln für Jung und Alt hatte sie schnell überfordert. Angesehen und anprobiert hatte sie vieles. Gefunden hatte sie allerdings nur einen preisreduzierten Sommer-Bikini, der nun noch ein halbes Jahr auf den ersten Einsatz warten musste. Um die durchwühlten Grabbelkisten im Eingangsbereich hatte Marie einen großen Bogen gemacht. Wie konnten Kunden in diesem Durcheinander nur etwas finden und Spaß am Einkaufen haben, hatte sie noch gedacht. Das Kaufhaus hatte sie über die Douglas-Filiale verlassen, wo sich Düfte gegenseitig zu toppen versuchten und sich hartnäckig in den Nasengängen der Kunden festsetzten. Der wild gemixte Geruchscocktail hatte bei ihr Kopfschmerzen verursacht.

Auf dem Markt hatte sie zielstrebig ihren Lieblingsbäcker angesteuert, ein frisches Brot sowie eine gemischte Tüte mit kleinen Backwaren gekauft. Die Teilchen waren so frisch gewesen, dass sie ein noch warmes Minicroissant kurzerhand wieder aus der Papiertüte gezogen und dann gierig verschlungen hatte. Savoir-­vivre. Die Franzosen wussten schon, was gut ist. Maries Rucksack hatte sich nach und nach auf dem Markt gefüllt. Bei dem Landwirt ihres Vertrauens, der aus dem Nachbarort Delingsdorf kam, hatte sie ihre Einkaufsliste vollständig abarbeiten können und sogar frisches Basilikum erstanden.

Auf dem Heimweg waren die Kopfschmerzen immer schlimmer geworden und ließen sich kaum noch ausblenden. Wenn ihr Körper herunterfuhr und sich von den stressigen Arbeitstagen erholte, meldete sich schlagartig und unerwartet auch ihre Migräne zurück, verbunden mit Nackenverspannungen und schmerzhaften Nadelstichen im Kopfbereich. Das Einzige, was dann half, waren absolute Dunkelheit, Ruhe und Schlaf. Und den hatte sie sich anscheinend ausgiebig gegönnt.

Sie blickte an die Zimmerdecke und massierte mit beiden Händen sanft ihre Schläfen. Wie lange hatte sie geschlafen? Wie spät war es wohl? Die Schmerztabletten hatten sofort Wirkung gezeigt und sie in einen deliriumartigen Zustand befördert. Marie versuchte ihre Gedanken zu ordnen. Spielte heute Abend nicht auch noch der FC St. Pauli zu Hause im Millerntor-Stadion? Eigentlich interessierte sie Fußball nicht besonders, aber die Begegnungen der Hamburger Clubs musste sie sich dann doch ansehen. Gut informiert zu sein hieß, mitreden zu können, wusste Marie, besonders am nächsten Morgen auf dem Polizeirevier, wenn sich ihre männlichen Kollegen stundenlang und mit einer unnachgiebigen Ausdauer über die Topszenen ihrer Lieblingsclubs unterhielten.

Sie saß auf der Bettkante und strich sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht. Was war das für ein Traum gewesen. Sie zog ihr Pyjamaoberteil über die linke Schulter und warf einen Blick auf die leicht juckende Narbe des Schlüsselbeinbruchs, die im wahrsten Sinne des Wortes schmerzliche Erinnerung an den G20. Das zumindest war Realität. Sie dachte nun wieder an die Stimme, die zu ihr gesprochen hatte. Ein Teil des Traums?

Beim Öffnen der Fensterrollos stellte sie eine völlig verwaiste Straße fest. Die Straßenlaternen waren erleuchtet, kaum Autos unterwegs und der Himmel pechschwarz, Nieselregen. Ihr Blick fiel auf die Uhr am Anrufbeantworter. Mitternacht? Dann hatte sie … fast neun Stunden geschlafen. Warum hatte sie sich keinen Wecker gestellt, wie sie es sonst immer tat? Die kleine, rote LED-Diode am Anrufbeantworter, die fröhlich im Sekundentakt blinkte, weckte plötzlich ihre Aufmerksamkeit und bereitete ihr zusätzliches Kopfzerbrechen: Sie hatte überhaupt kein Telefonklingeln gehört. Marie betätigte die Wiedergabetaste und lauschte. Es dauerte keine Sekunde, da hörte sie auch schon die Stimme des Anrufers.

„Marie, bist du zu Hause?“ fragte die Stimme, die völlig außer Atem zu sein schien. „Wir brauchen dich. Dringend. Tut mir leid, dass ich dich am dienstfreien Wochenende stören muss. Ich hoffe, du hörst die Nachricht rechtzeitig ab. Marie, melde dich!“ Dann klickte es in der Leitung.

Sie hatte Tom lange nicht mehr so aufgebracht gehört. Tom war nicht nur ein Kollege aus ihrem Team, freundlich, sympathisch und eloquent, sondern auch ihr Ex-Freund. Es war nur eine kurze Affäre mit ihm gewesen, die nicht länger als zwei Monate gedauert hatte, aber ausreichend Zeit für Marie, um zu verstehen, dass sie einfach zu unterschiedlich waren und nicht zueinander passten. Marie, die Ordnungsliebende, und Tom, der liebevolle Chaot, der einfach nichts auf die Reihe bekam. Sie hatten sich damals im Guten getrennt, ansonsten hätte sie es auch mehr als problematisch gefunden, weiter mit ihm so eng zusammenzuarbeiten.

Über ihre Affäre war inzwischen ausreichend Gras gewachsen, auch wenn sie manchmal das Gefühl hatte, dass Tom immer noch etwas für sie empfand.

Sie wog das Mobilteil in der Hand und drückte im nächsten Moment die Rückruftaste. Gleich nach dem ersten Klingeln nahm Tom den Anruf entgegen.

Marie kam gleich zur Sache. „Hallo Tom? Ich bin’s. Du hast mich angerufen. Ist alles gut bei dir? Ich hoffe für dich, dass es wichtig ist, wenn du mich schon mitten in der Nacht anrufst.“

Tom saß offensichtlich im Auto. Die Hintergrundgeräusche ließen erahnen, dass er fuhr. Die Verbindung war kurzzeitig immer wieder unterbrochen. Seine Angespanntheit konnte sie aber durch das Telefon spüren.

„... dort geht nichts mehr, komplett gesperrt ... wieder einmal passiert. Ich verstehe einfach nicht, wie man sich so das Leben nehmen kann. Wieso macht man so was?“

„Was heißt ,dort‘? Wo bist du?“ Marie sprach nun lauter und deutlich artikulierter ins Telefon, damit Tom sie verstand. „Was ist denn vorgefallen? Ich kann dich ganz schlecht verstehen!“

„’schuldigung. Am Bahnhof, ich meine davor. Na ja, bei der Brücke.“ Wieder waren seine Sätze nur bruchstückhaft zu verstehen, sodass sie sich den Inhalt seiner Aussage zusammenreimen musste. Marie merkte, dass Tom durch den Wind war. Jede noch so kleine Information musste sie ihm aus der Nase ziehen.

„Paschi hat mich gebeten, dich zu informieren, er will dich unbedingt dabeihaben, auch wenn du freihast – irgendwie hast du bei ihm einen Stein im Brett“, sagte er mit einem leicht sarkastischen Unterton. „Ich hole dich gleich ab, bin schon auf dem Weg.“ Marie hatte noch Fragen, aber Tom hatte bereits aufgelegt.

Manfred Paschke war ihr gemeinsamer Vorgesetzter und Polizeidirektor des Ahrensburger Polizeireviers, zuständig für den Bereich Schutz- und Kriminalpolizei. Wenn Paschke, den die Kollegen liebevoll und insgeheim nur Paschi nannten, schon Kollegen aus dem Wochenende zurückbeorderte und das sogar zu dieser Uhrzeit, dann musste offensichtlich etwas Schwerwiegendes in Ahrensburg vorgefallen sein. Nicht ohne Grund setzte Paschke alle Hebel in Bewegung.

5

Ahrensburg

Die vor ihnen aufleuchtenden roten Lichter brachen sich in den winzigen Wassertropfen auf der Windschutzscheibe, als Tom hart und für Marie völlig unerwartet den Wagen am Ortseingang von Ahrensburg zum Stehen brachte. Maries Kopf machte einen ruckartigen Satz nach vorne und wieder zurück. Instinktiv fuhr sie sich mit der Hand durch die schulterlangen, braunen Haare, um ihre Frisur zu ordnen. Hinter Toms Fahrersitz schepperte es gewaltig, und Marie hatte kurzzeitig das Gefühl, in einen Auffahrunfall verwickelt zu sein. Ohne mit der Wimper zu zucken, bekam Marie prompt von der Fahrerseite eine Entschuldigung geliefert.

„Sag jetzt nichts. Ich hatte bislang keine Zeit, das Leergut wegzubringen. Ist doch nichts passiert.“

Es war doch immer das Gleiche mit Chaos-Tom: Er hatte stets eine Entschuldigung parat. Erst jetzt registrierte Marie, weshalb ihr Kollege und Ex-Freund den Wagen so ruckartig zum Stehen gebracht hatte. Als sich die Wagenkolonne vor ihnen langsam weiterbewegte, nahm sie am rechten Fahrbahnrand auch den tänzelnden Polizisten in gelber Warnweste wahr, der wild, aber bestimmt mit den Armen gestikulierend die Autofahrer aufforderte weiterzufahren.

„Weiter, weiter, weiter, hier gibt es nichts zu sehen“, hörte sie seine Stimme. „Nicht gaffen, los, weiterfahren!“

Plötzlich erhellte sich kurzzeitig die Miene des Verkehrspolizisten, als dieser hinter dem Steuer des braunen Cabriolets den Fahrer erkannte. Er lächelte Tom zu und gab den Weg auf den abgesperrten Parkplatz frei.

Wenn der Park-and-Ride-Parkplatz Ahrensburg-­West, der gleich neben dem Fastfood-Restaurant lag, tagsüber schon gut gefüllt war, herrschte heute Abend Ausnahmezustand. Die letzten freien Parkplätze hatten die Rettungs- und Einsatzwagen der Polizei für sich in Anspruch genommen, sodass Tom auf einem Grünstreifen parken musste. Die Einsatzleitstelle hatte von einem Personenschaden am Kuhlenmoorweg gesprochen, ganz in der Nähe der Fußgängerbrücke. Den ersten Notruf hatte die Hamburger Hochbahn abgesetzt. Darüber hinaus hatte die Polizei weitere Anrufe von Augenzeugen erhalten. Sorgenvoll dachte Marie an die spätere Büroarbeit, die so ein Fall mit sich brachte. Jetzt wurde sie nicht nur um ihre freien Tage gebracht, sondern musste auch weiter Überstunden schieben.

Der Weg zum Unfallort war für Marie und Tom nicht schwer zu finden. Sie mussten nur dem Absperrband folgen und sich durch dichtes Gebüsch an einer Lärmschutzwand drängen, dann standen sie auch schon auf der zweigleisigen Bahnanlage. Rechter Hand lag eine riesige Metallkonstruktion, die Treppenbrücke Kuhlenmoorweg. Von hier aus starteten viele Wanderer und Ahrensburg-Besucher in Richtung Stellmoorer Tunneltal, um sich die wenigen Überreste der Burg Arnesvelde anzusehen. Am Waldrand, auf der anderen Seite der Gleise, zeichneten sich die Umrisse von einigen alleinstehenden Lauben einer Gartenkolonie ab. Aus den Augenwinkeln nahm Marie einige in Weiß gekleidete Personen auf der Fußgängerbrücke wahr. Es musste sich um die Kollegen der Spurensicherung handeln, die schon dabei waren, akribisch mögliche Hinweise zu entdecken und zu sichern. Der nach wie vor leichte Regen machte die Ermittlungsarbeit nicht einfacher.

Ohne dass sie es bemerkt hatten, war ihnen ein Schutzpolizist gefolgt und begrüßte sie nun mit einem knappen „Moin, schön, dass ihr da seid“. Diese norddeutsche Begrüßungsart passte zu jeder Uhrzeit, auch mitten in der Nacht. Auf dem Revers konnte Marie den Namen „Koller“ lesen. Sie erinnerte sich, dass Paschi den neuen Mitarbeiter bei einem der letzten Teammeetings vorgestellt hatte, zückte nun aber automatisch ihren Dienstausweis, um sich auszuweisen, und stellte sich noch mal dem Kollegen vor.

„Kriminalhauptkommissarin Marie Stahlmann, freut mich.“

Koller lächelte. „Ich weiß, wir hatten schon mal das Vergnügen.“ Er zwinkerte Marie leicht mit den Augen zu. „Man erwartet euch bereits.“

Tom nestelte übereifrig an seiner Jackentasche, schien aber seinen Dienstausweis nicht zu finden.

„Und das ist Tom Hansen vom selben Verein“, ergänzte Marie schnell, um den peinlichen Moment zu überspielen.

Koller eskortierte sie zum Tatort und sagte mehr beiläufig: „Ich hoffe, ihr habt gut gefrühstückt.“ An diese Worte würde Marie später noch denken müssen.

Etwa 250 Meter von der Fußgängerbrücke Kuhlenmoorweg entfernt war der Regionalzug aus Hamburg kommend zum Stehen gekommen: Ein Doppelstockwagen der neueren Generation. Marie zählte auf die Entfernung zwei Waggons, vielleicht waren es auch drei. Nahe der Brücke waren ihr bereits tiefrote Spuren im Gleisbett aufgefallen, die sich über einen größeren Radius verteilten. Der erste Anblick versprach nichts Gutes. Einige Meter weiter in Richtung Zug standen mehrere Personen in einer Gruppe zusammen: Kollegen der Schutzpolizei und der Kripo, des Kriminaldauerdienstes, sowie einige Rettungssanitäter und die Notärztin, Dr. Andreesen, die Marie bereits von anderen Einsätzen kannte und für ihre ruhige Art schätzte. Sie nickte Dr. Andreesen zu, ohne etwas zu sagen, und erkannte erst jetzt, was vor ihnen lag. Wie ein Fremdkörper bedeckte eine weiße Plastikplane die Gleisschienen, und Marie ahnte, was sich unter dieser befand.

„Gut, dass ihr da seid“, ergriff Christine Bülow das Wort, die sich aus der Gruppe gelöst hatte.

Marie sah der dreifachen Mutter und sehr erfahrenen Kollegin an, dass ihr dieser Einsatz zu schaffen machte. Ihre Bedrücktheit war nicht zu übersehen.

„Was ist denn hier passiert?“, kam Tom gleich auf den Punkt.

„Paschi hat uns beide aus dem Wochenende geholt, aber nähere Infos außer ,Personenschaden‘ haben wir bislang nicht erhalten“, ergänzte Marie.

Christine Bülow schluckte und atmete einmal tief durch. „Das Opfer ist männlich, ca. 40 bis 50 Jahre alt, sportliche Statur, soweit wir das einschätzen können. Wir vermuten, dass der Mann von der Brücke gesprungen ist und dann von dem in Richtung Ahrensburg fahrenden Zug überrollt wurde. Der Körper wurde einige Meter mitgeschleift. Wir gehen davon aus, dass der Mann sofort tot war. Die Rettungskräfte konnten nichts mehr für ihn tun. Der Tote ...“, sie schluckte, „... die Überreste sind in keinem guten Zustand. Bislang sind wir von Suizid ausgegangen.“

„Was meinst du mit ,bislang ausgegangen‘?“, wollte Marie wissen.

Christine Bülow versuchte die bisherigen Ergebnisse in eine zeitliche Abfolge zu bringen. „Der Rettungsdienst, der zuerst am Unfallort war, konnte nur noch den Tod und keine besonderen Auffälligkeiten am Toten feststellen. Daraufhin wurde Dr. Andreesen informiert, um den Totenschein auszustellen. Bei der äußeren Leichenschau fielen ihr dann Hirnprellungen am Hinterkopf auf, die entweder durch den Sturz von der Brücke oder aber auch durch äußere Gewalteinwirkungen entstanden sein könnten. So zumindest ihre erste Einschätzung. Die Prellungen waren durch den dichten Haarbewuchs nicht auf Anhieb für die Rettungssanitäter zu erkennen.“

Marie grübelte. „Verstehe. Wir müssen also momentan beides in Betracht ziehen: Suizid, was schon schlimm genug ist, im schlimmsten Fall sogar Mord. Habt ihr an Bader gedacht?“

In Maries Kopf läuteten bereits die Alarmglocken. Mit dem zuständigen Staatsanwalt Claude Bader war nicht immer gut Kirschen essen, daher wollte sie ihn so früh wie möglich in die Ermittlungsergebnisse einweihen.

Christine nickte beruhigend. „Jaja, er weiß Bescheid und hat bereits weitere strafprozessuale Maßnahmen freigegeben. Der Leichnam wird demnächst nach Kiel ins Gerichtsmedizinische Institut überführt. Auf der ärztlichen Todesfeststellungsbescheinigung hat Dr. Andreesen zunächst ,unklare Todesursache‘ angegeben.“

„Kann ich mir den Toten einmal ansehen?“, fragte Tom, der den Umgang mit Leichen gewohnt war. Ein Praktikum bei einem Bestatter hatte ihn damals auf die Idee gebracht, eine Polizeilaufbahn einzuschlagen. Leuten helfen, bevor es zu spät ist, begründete er immer seine Entscheidung.

Christine Bülow hatte offensichtlich seine Frage überhört und vervollständigte ihren Statusbericht. „Die Befragungen im Zug dauern aktuell noch an, so viele Fahrgäste sind es zum Glück nicht gewesen. Es wäre aber gut, wenn wir die Kollegen der Schupo noch unterstützen könnten. Es gibt viele unterschiedliche Zeugenaussagen, die wir bewerten müssen. Viele Augen sehen vieles.“

Es stand für Marie außer Frage, bei der Zeugenvernehmung zu helfen.

„Mit dem Zugführer haben wir gerade gesprochen, der verständlicherweise unter Schock steht“, ergänzte Christine. „Sein zweiter Todesfall in diesem Jahr.“

„Mein Gott“, entfuhr es Marie.

„Zum Glück sind ausreichend Rettungssanitäter hier vor Ort, er wird jetzt ärztlich betreut. Und auch für die psychologische Betreuung der Fahrgäste ist gesorgt. Einige ältere Herrschaften hat es schlichtweg umgehauen.“

„Du wolltest uns vom Zugführer erzählen“, warf Tom ein.

„Richtig“, nahm Christine wieder den Faden auf. „Wir haben ihn gerade befragt, und er berichtete uns, dass die Person von der Brücke gesprungen ist. Er war es auch, der den Notruf abgesetzt hat. Merkwürdig ist nur seine Beobachtung, dass ihm der Mann noch vor dem Sprung zugewunken haben soll. Die Zuggeschwindigkeit hatte er bereits vor der Brücke reduziert, sodass er die Umrisse des Mannes gut sehen konnte, trotz der Dunkelheit. Aber mal ehrlich: Warum springt man dann im nächsten Moment von der Brücke? Suizid mit Vorwarnung? Das sind Details, die wir noch klären müssen. Ihr könnt euch vorstellen, dass genau dieser Umstand den Zugführer komplett fassungslos macht.“

Auf dem Parallelgleis hatte die Hochbahn in Abstimmung mit der Polizei einen zweiten Zug zur Verfügung gestellt, um die vernommenen Fahrgäste zum Bahnhof Ahrensburg fahren zu können.

„Diese Strecke wird noch eine ganze Zeit gesperrt sein, bis die Spurensicherung abgeschlossen ist“, teilte Christine mit, die Maries fragenden Blick richtig interpretiert hatte. „Die Hochbahn macht Druck, dass wir die Strecke schnellstmöglich wieder freigeben. Also lasst uns die Zeugenbefragungen abschließen.“

„Zum Glück sind die Fußballfans schon lange zu Hause“, äußerte Tom. „Das wäre auch ein Supergau geworden, wenn alle Fans am Hamburger Hauptbahnhof gestrandet und nicht nach Hause gekommen wären.“

Christine nickte ihm zu.

Marie verkniff sich die Frage, wie das Spiel ausgegangen war, die Prioritäten waren jetzt andere, und sie würde den Spielstand auch morgen unaufgefordert im Büro erfahren.

Tom schien trotz der bedrückenden Umstände hoch motiviert den Fall zu übernehmen. Marie beobachtete, wie er im Gleisbett stehend die weiße Plane erst sorgsam inspizierte und dann vorsichtig anhob, die den Leichnam von der Öffentlichkeit abschirmte. „Scheiße, sieht wirklich übel aus“, waren die einzigen Worte, die ihm über die Lippen kamen. Dann machte Tom einen Satz in Richtung Böschung und würgte seinen Mageninhalt hinaus. Marie hatte hinter Tom gestanden und einen Blick auf die sterblichen Überreste des Mannes werfen können. Auch ihr Magen verkrampfte sich schlagartig. Doch was sie gesehen hatte, würde Paschke überhaupt nicht gefallen ...

6

Ahrensburg

Das Holz im Kamin knisterte und knackte einladend, und es roch angenehm nach frischem Kiefernholz, aber so richtig genießen konnte er es nicht. Polizeidirektor Manfred Paschke korrigierte erneut seine Sitzposition auf dem geliebten Ohrensessel, schob sich ein weiteres Kissen unter seinen Hintern und legte dann wieder die Füße auf den Hocker. „Wärme wird dir guttun“, hatte seine Frau Brigitte gesagt, noch einen Scheit Holz nachgelegt und ihm die Obstschale mit den Bananen in erreichbarer Nähe hingestellt. „Mach nicht so lange und denk an deine Gesundheit“, hatte sie ihm mit Blick auf die Uhr noch zugeflüstert, ihm einen liebevollen Kuss auf die Stirn gegeben und sich dann ins Bett verabschiedet. Dies war vor einer Stunde gewesen. Wie er die Fürsorglichkeit seiner Frau doch schätzte. Er empfand es wie Balsam für seine Seele, und die Genesung ließ meist nicht lange auf sich warten. Doch irgendetwas war anders als sonst. Er hatte Schwierigkeiten, seine innere Mitte zu finden. Er atmete tief ein und tief aus, wiederholte die Atemübung noch einmal und korrigierte dann erneut seine Sitzposition.

Seit Monaten plagten ihn schon diese Magenschmerzen, dabei hatte er noch nie einen empfindlichen Magen gehabt. Akribisch hatte er in den letzten Wochen seine Essgewohnheiten notiert, um mögliche Ursachen für seinen Zustand herauszufinden. Die Art der Speise, die Uhrzeit, die Essensmengen und seinen Gemütszustand. Alles ohne Erfolg. Die Schmerzen im Oberbauch ließen sich bislang gut und mit ausreichend Ibuprofen ertragen, aber er wusste, dass dies keine Lösung war. Ernsthaftere Sorgen bereitete ihm mehr der unkontrollierte Stuhlgang.

Bei den Kollegen war Paschke bekannt, immer aktiv dabei sein zu wollen und sich konstruktiv mit Ideen einzubringen. Aber in diesem Zustand war er seinem Team keine Unterstützung. Als gestern am späten Abend auf der Polizeiwache Ahrensburg der Notruf einging, jemand hätte auf den Bahngleisen Suizid begangen, hielt er zeitgleich zu Hause eine ausgiebige Toilettensitzung ab. Etwa zehn Minuten später, und er hatte sich wirklich beeilt, musste er dringend telefonieren und die beurlaubten und im Wochenende befindlichen Kollegen Hansen und Stahlmann bitten, bei dem Notfall-Einsatz zu unterstützen. Am Tatort wurde jetzt jede Hand gebraucht. Er war aktuell keine Hilfe und konnte, wenn überhaupt, nur von seinem Büro aus agieren, den Sanitärbereich immer in einem schnell erreichbaren Abstand.

Paschke überlegte, wann sich zuletzt ein Selbstmordvorfall in der Kleinstadt Ahrensburg ereignet hatte. Offensichtliche Suizid-Methoden, wie Erhängen, Strangulieren oder Ersticken, gab es einige. Aber viele Selbstmordvorfälle wurden oftmals gar nicht erkannt und nach einem anderen Unfall geclustert, zum Beispiel einem Autounfall zugeordnet. Die Statistik deutschlandweit war dennoch erschreckend. 25 Selbsttötungen pro Tag, rief Paschke sich die erschreckend hohe Zahl in Erinnerung. Über 9.000 Personen jedes Jahr, die keine professionelle Überlebenshilfe suchten und ihrem Leben selbst ein Ende setzten. Drei Viertel waren Männer, ein Viertel Frauen. Wie verzweifelt muss man sein, um diesen Tod zu wählen, sinnierte Paschke.

Er wollte eine schnelle Aufklärung. Das wollte er grundsätzlich und hatte deshalb bereits alles in die Wege geleitet. Gut ausgebildete Kollegen hatte er viele im Team, aber er war stolz, dass er seine besten Pferde ins Rennen schicken konnte: Stahlmann und Hansen. Die beiden waren nicht nur ein gutes Gespann, wie er fand, verstanden sich prächtig, sondern beide hatten auch perfekte Charaktereigenschaften: belastbar, durchsetzungsstark, empathisch, aber auch geduldig und flexibel, wenn es darauf ankam. Am wichtigsten war jedoch ihre unschlagbar gute Aufklärungsquote.

Sein Blick wanderte zur Uhr. Schon halb zwei. Ewig wollte er nicht auf den Anruf seiner Kollegin Stahlmann warten, dann schon eher seiner Frau ins Bett folgen, aber er war schon neugierig darauf, zu erfahren, was sich vor Ort ereignet hatte. Die Schmerzen trieben ihm wieder Schweißperlen auf die Stirn, und das lag nicht daran, dass er direkt am Feuer saß. „Wie gut, dass mich hier keiner sehen kann“, murmelte Paschke vor sich hin. Er wusste, dass es nicht so weitergehen konnte, und beschloss, gleich am Montag einen Arzttermin zu vereinbaren.

In diesem Moment klingelte das Telefon. Als er die Nummer der Kollegin erkannte, hob er erfreut ab, doch seine Laune sollte schneller als erwartet auf den Gefrierpunkt sinken.

Die Kriminalhauptkommissarin entschuldigte sich für den späten Anruf und gab ihm einen kurzen Statusbericht vom Tatort. Sie äußerte die Vermutung, den Leichnam trotz ihres schlechten Zustands an äußeren Merkmalen erkannt zu haben. Hierfür bedurfte es ihrer Meinung nach keines rechtsmedizinischen Instituts. Marie Stahlmann war sich sicher, dass es sich bei dem Toten um Robert Kuhn handeln musste, den Redakteur der Hanseatic Post, zuständig für die Stormarn-Ausgabe.

Paschke hoffte inständig, dass sich die Kollegin geirrt hatte. Und was, wenn nicht? Dann würde das mediale Interesse noch größer sein, als es sowieso schon zu erwarten war. Nicht nur an dem Fall, den Hintergründen, sondern auch seiner Person. Er merkte, wie sein geplanter Arztbesuch langsam zur Nebensache wurde.

7

Ahrensburg

Als Marie das Telefonat mit dem Rechtsmedizinischen Institut beendet hatte, bestand Klarheit darüber, dass sie mit ihrer Vermutung richtiggelegen hatte. Bei dem Toten handelte es sich um Robert Kuhn. Ein Abgleich der Fingerabdrücke durch das BKA hatte schnell das Ergebnis geliefert. Die genaue Todesursache schien offensichtlich, aber hatte sich Kuhn die Schädelfraktur vor seinem Sturz oder durch seinen Sturz zugezogen? Die Dame vom Institut hatte sich mehrfach für den Zeitverzug entschuldigt, krankheitsbedingte Ausfälle bei den Ärzten hätten zu einem Leichenstau geführt. Marie überlegte, ob es einen kausalen Zusammenhang zwischen Kuhns Gemütszustand und seinem Sprung in den Tod gab. Vielleicht hatte er private Sorgen oder Geldprobleme gehabt? Auch psychische Probleme konnten seinen wortwörtlichen Absturz herbeigeführt haben.

Die gestrige Nacht am Tatort war für Marie und ihre Kollegen lang geworden. Die Zeugenbefragungen hatten sich in die Länge gezogen, und auch die Spurensicherung hatte allerhand zu tun gehabt. Nun ging es darum, die Indizien auszuwerten. Nach dem, was sie vermuteten, hatte Robert Kuhn auf der Brücke gestanden, den Regionalzug Hamburg-Lübeck abgepasst und war dann in den Tod gesprungen. Einzig und allein die Möglichkeit, dass Kuhn dem Zugführer zugewunken hatte, schien nicht recht ins Bild zu passen.

Kein schöner Tod, stellte Marie fest. Diese Form des Freitods empfand sie als verwerflich, weil man auch allen unmittelbar beteiligten Personen schadete, obwohl sie nichts damit zu tun hatten. Sie dachte an den Zugführer, der bereits den zweiten Todesfall in kurzer Zeit hautnah miterlebt hatte.

Die Mitarbeiter der Spurensicherung hatten einen kleinen Erfolg für sich verzeichnet. Auf und unter der Brücke wurden neben einigen McDonald’s-Papptüten und jeder Menge McDonald’s-Verpackungen auch zahlreiche Papierblätter gefunden. Die meisten Blätter waren unbedruckt, einige zeigten den Aufdruck „Mein letzter Wille“ ohne weiteren Inhalt. Was es damit auf sich hatte, wusste wohl nur Robert Kuhn, denn die Ausdrucke schienen zu ihm zu gehören. Fingerabdrücke zu nehmen war ein aussichtsloses Unterfangen gewesen, zumal der Regen am Abend auch wieder eingesetzt und Spuren beseitigt hatte.

Der Leichnam von Robert Kuhn war noch an Ort und Stelle untersucht worden. Die äußeren Verletzungen waren im Detail begutachtet und protokolliert worden. Zu den inneren Verletzungen, der Schädelfraktur und ob Kuhn zum Zeitpunkt des Sprungs alkoholisiert gewesen war, gab es bislang keine gesicherten Erkenntnisse, aber in der Hosentasche des Toten war ein Notizzettel mit einer Handynummer gefunden worden. War dies ein Anhaltspunkt für die weiteren Ermittlungen? Sein Handy, oder vielmehr die Einzelteile, hatten sie verteilt im Gleisbett gefunden.

Der Journalist der Hanseatic Post war bei der Polizei durch seine regionale Tätigkeit nicht unbekannt. Seit mindestens drei Jahren schrieb er schon für den Regionalteil des Hanseaten. Marie kannte Robert Kuhn flüchtig, hatte ihn gelegentlich bei Pressekonferenzen und Stadtverordnetenversammlungen im Publikum gesehen und ordnete ihn aufgrund seiner sachlichen Berichterstattung eher dem gemäßigten Flügel der Zeitung zu.