Ahrenshooper Spinnenweg - Tilman Thiemig - E-Book

Ahrenshooper Spinnenweg E-Book

Tilman Thiemig

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Beschreibung

Art brutal und die Schatten der Vergangenheit. Ahrenshoop im Frühsommer. Die Menschen genießen Fliederduft, Spargel und Erdbeersorbet. Voller Vorfreude sieht man der Eröffnung des Partikel-Hofes entgegen. Da wird die grotesk präparierte Leiche eines alten Arztes entdeckt. Mit Mullbinden verschnürt und auf seinem Rollator inmitten der Grabstätte der Heimatdichterin Martha Müller-Grählert im nahen Zingst platziert. Er soll nicht das einzige Opfer des von den Medien als "Mumienmörder" bezeichneten Täters bleiben. Dessen Vorgehensweise gewisse Ähnlichkeiten zum Stil eines Art brut-Künstlers aufweist, der sich als Stipendiat des Museums vor Ort aufhält. Die Halbinsel ist abermals in heller Aufregung. Lediglich den hochbetagten Robert Aaron Zimmermann lassen die Vorfälle kalt, verfolgt er doch seinen persönlichen Lebensfeind, der einst in Kindertagen sein Freund gewesen ist. Aber dann war es zum tragischen Zerwürfnis zwischen dem Sohn aus jüdischer Familie und dem fanatischen Jungvolkjungen gekommen, das für beide bleibende Spuren hinterlassen hat.

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Seitenzahl: 388

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Tilman Thiemig

AHRENSHOOPERSPINNENWEG

Für Hans-Ulrich Weiß

Inhalt

1. Mangora acalypha

2. Eresus moravicus

3. Rhodera hypogea

4. Agelena labyrinthica

5. Hogna truculenta

6. Parafroneta pilosa

7. Devade tenella

8. Urocoras nicomedis

9. Gnaphosa taurica

10. Araneus stella

11. Olios suavis

12. Tegenaria parvula

13. Coelotes mediocris

14. Mogrus incertus

15. Pritha pallida

16. Wabasso replicatus

17. Stalagtia argus

18. Dysderina scutata

19. Odontodrassus mundulus

20. Viktorium putoranicum

21. Floronia bucculenta

22. Langona mallezi

23. Xerolycosa miniata

24. Hadites tegenarioides

25. Malthonica lusitanica

26. Iberina candida

27. Zangherella relicta

28. Bianor albobimaculatus

29. Nuctenea umbratica

30. Wadicosa fidelis

31. Eratigena picta

32. Callobius claustrarius

33. Philodromus albidus

34. Dasumia diomedea

35. Anyphaena pontica

36. Leptoneta crypticola

37. Urozelotes mysticus

38. Berinda hakani

39. Festucula vermiformis

40. Nothophantes horridus

41. Argiope aurantia

42. Pardosa amentata

Dramatis personae

Dank

Quellen

VORAB. »Ahrenshooper Spinnenweg« erzählt eine fiktive Geschichte, die an jene im »Ahrenshooper Narrenspiel« geschilderten Ereignisse anknüpft. Auch wenn das Romangeschehen die Leserschaft abermals zu zahlreichen existierenden Schauplätzen führt, sind die dort anzutreffenden zeitgenössischen Personen jedoch Gestalten meiner Fantasie und mögliche Ähnlichkeiten somit lediglich dem Zufall geschuldet. Zur besseren Orientierung habe ich im Anhang eine Übersicht dieses handelnden Personals beigefügt. Überdies finden sich eine Reihe von oft weniger bekannten Namen aus Kunst und Literatur, die meines Erachtens einer Erinnerung würdig sind. Die Kapitelüberschriften verweisen zudem auf diverse Familien, Gattungen und Arten aus der Ordnung der Webspinnen.

1. Mangora acalypha

OSTSEE-ZEITUNG 14.05.2018

Tödlicher Motorradunfall auf dem Darß

Bei einem schweren Verkehrsunfall auf der L21 zwischen Wieck und Prerow ist in den frühen Morgenstunden des vergangenen Samstags ein Motorradfahrer tödlich verunglückt.

Wieck/Prerow. Der 57-jährige Fahrer des schweren Krades war auf dem Weg von einer privaten Feier in Born zu seinem Wohnsitz in Zingst. Zwischen Wieck und Prerow muss er in der sogenannten »Ellenbogenkurve« die Kontrolle über seine Maschine verloren haben.

Eisheilige fordern Opfer

Nachdem das Motorrad mit der Leitplanke kollidiert war, wurde es durch die Luft geschleudert und infolge des Zusammenpralls mit mehreren Bäumen in zwei Teile gerissen. Der Fahrer prallte ebenfalls gegen einen größeren Baum und erlitt schwerste tödliche Verletzungen. Er starb direkt am Unfallort.

Fahrlehrer aus Zingst

Warum der erfahrene Motorsportler, der in Zingst eine eigene Fahrschule betrieb, von der Fahrbahn abkam, ist bislang ungeklärt. Allerdings herrschte in den frühen Morgenstunden auf diesem Abschnitt der L21 Straßenglätte aufgrund leichter Glatteisbildung. An den Bergungsarbeiten waren die Feuerwehren aus Wieck und Prerow sowie mehrere Rettungsfahrzeuge eingebunden. Nach ersten Angaben der Polizei war kein anderes Fahrzeug am Unfall beteiligt. Zeugenaussagen zufolge soll der Fahrlehrer während der besuchten Feier in Born keinen Alkohol getrunken haben.

Olaf Hoppe

2. Eresus moravicus

»Olaf? Olaf Hegerdorp?« Robert Aaron Zimmermann hatte länger nachdenken müssen, bis ihm der Nachname eingefallen war. Der Vorname war ihm jedoch sofort präsent. War wie ein Blitz durchs Gehirn geschossen. Hatte wie ein solcher eingeschlagen. Als er den alten Mann am Vormittag gesehen hatte. Erkannt. Olaf. Beim Wassertreten in der Therme von Bad Warmbrunn. Das heute jedoch anders hieß. Und in der Republik Polen lag. Statt im Niederschlesien seiner Kinderjahre.

Die Zimmermann beim Anblick des Alten auf einmal wieder zum Greifen nahe erschienen. Wie ein Zitronenfalter auf blassvioletter Skabiosenblüte. Seine Kinderjahre in Ahrenshoop. Zwischen Fischland und Darß, Urwald und Bodden, Ostsee und Hafenträumen. Geplatzten Träumen. Seifenblasenträumen. Die ihm schließlich die Tränen in die Augenwinkel getupft hatten. Getupft? Eher gepiekst. Gestochen. Mit spitzen Fingern, deren Nägel gefeilt. Gepfeilt. Treffsicher.

Der böseste Pfeil für ihn war Olaf gewesen. Olaf Hegerdorp. Sicherlich, auch der kleine Robert hatte 1933 mitbekommen, dass nun eine andere Zeit angebrochen war. Zu Hause in Berlin ebenso wie in den Orten der Sommerfrische. Hatte wahrgenommen, dass die Ahrenshooper Dorfstraße auf einmal Adolf-Hitler-Straße hieß. Mit kleiner Wut die Strandburgen betrachtet. Die Hakenkreuze aus Muscheln gesehen. Die Fahnen, Wimpel. In Schwarz-Weiß-Rot. Sich über die Schriftzüge geärgert: ›Trutzburg‹. ›Deutschland erwache‹. ›Heil!‹. ›Juda verrecke!‹. Mit den Blütenköpfchen disteliger Dünenblümchen in den schönen weißen Sand geschrieben.

Denn sein Vater hatte ihn beizeiten zur Seite genommen. Versucht, seinem Sohn zu erklären, was das alles zu bedeuten habe. Für Deutschland. Die Welt. Und vor allem für die Familie Zimmermann. Allerdings hatte sich Robert Aaron lieber an Großmama Ruth gehalten. Ihren Worten vertraut, wonach nichts so heiß gegessen würde, wie es gekocht sei.

Diese Hoffnung hatte für einige Zeit angehalten. Ihn getröstet. Beruhigt. Getragen. Bis zu jenem Sommertag 1935. Dem Tag des Ahrenshooper Kinderfestes. Dem Tag, an dem Olaf sein wahres Gesicht gezeigt hatte. Und ihn fallengelassen.

Die beiden Jungen waren sich zuerst drei Jahre zuvor im Atelier von Onkel Alfred begegnet. Der Kunstprofessor und Landschaftsmaler Alfred Partikel lud gerne die Freunde seiner Kinder ein, um ihnen die Welt der Farben, Formen und Fantasien nahezubringen. Olaf war Klassenkamerad und Verehrer Barbaras, der ältesten Tochter des Künstlers. Jahrgang 1922. Sowie mit Adrian befreundet. Der im August 1923 geboren worden war. Robert hingegen himmelte Nesthäkchen Cornelia an. Seine Nele. Beide hatten 1927 das Licht der Welt erblickt.

Aufgrund des Altersunterschieds kam natürlich keine wirkliche Freundschaft zwischen ihm und dem Sohn eines Fischers aus Althagen in Frage. Dafür war Olaf sein Held. Sein Idol. So wollte er damals auch werden! Spätestens, seitdem ihm Olaf aus der Bredouille geholfen hatte, als ihn die Fretwurstjungs einmal durchs Brennnesselfeld treiben wollten. Nackig! Da war er einfach nur dazwischen gegangen. Hatte dem Ältesten der Brüder eine Ohrfeige verpasst. Die Köpfe der anderen beiden zusammenkrachen lassen. Um dann den Arm um Roberts schmale Schultern zu legen, dessen Kleidungsstücke aufzuheben und gemeinsam mit ihm den Schauplatz der Schlacht zu verlassen. Was war er dankbar gewesen! Stolz auch. Stolz darauf, so einen starken Freund zu haben.

Das war im Juli 1933 gewesen. Nur ein knappes Jahr später dann der Verrat. Am Tag des Kinderfestes. Er hatte Nele abgeholt. War mit ihr die Dorfstraße entlang geschlendert. In glühender Hitze. In glühender Vorfreude auf das, was sie, ihn erwartete. Er wollte unbedingt beim Tonnenabschlagen gewinnen. Für Nele. Das hatte er sich fest vorgenommen. Da hatte er Olaf gesehen. Im feschen Ornat des Deutschen Jungvolkes. Umgeben von einigen älteren Jungs. Noch älteren. Jene bereits im martialischen Braun der HJ. Zuerst hatte er ihm freundlich zugewunken. Zögerlich zwar. Verlegen auch. Aber noch nichts Böses ahnend. War mit Cornelia nähergekommen. Hatte sogar kurz überlegt, ob er den Großen zuliebe den Arm zum Hitlergruß erheben sollte.

Olaf war ihm zuvorgekommen. »Na, wo wollen wir denn hin? Doch nicht etwa zum Kinderfest? Das schlag dir am besten gleich aus dem Kopf, du Judenbengel. Das würde dem Führer überhaupt nicht gefallen, wenn da so ein kleiner, schmutziger Itzig mitmachen würde. Zieh Leine; Juda verrecke!«

Roberts gestammeltes »Aber Olaf …« war im Gelächter der Kameraden in Durchfallbraun untergegangen. Ein, zwei von ihnen hatten sogar nach ihm gespuckt. Allerdings Nele getroffen. Die sich angewidert umdrehte. Und nach Hause lief. Er jedoch hatte rotgesehen. Sich klein gemacht. Den Kopf auf die Brust gepresst. Wie ein Widder. Und war wie ein solcher auf seinen gefallenen Helden zugestürmt. Mit einem lauten »Er sol kackn mit Blit un mit Eiter.« auf den Lippen. Das sagte sein Vater immer, wenn er ein Foto von Hitler in der Zeitung sah.

Eine solche Reaktion hatte Olaf nicht erwartet. Sich eben noch im Beifall der Hitlerjungen sonnend, war er daher wenige Sekunden später vom »Judenbengel« umgerannt worden und rückwärts über den Zaun vom Vorgarten Dr. Ziels gestürzt. Dort zwischen Lupinen und Rittersporn liegen geblieben. Zuerst fluchend. Dann jammernd. Schließlich weinend. Da es ein Jägerzaun gewesen war. Dessen Zacken Olaf beide Oberschenkel aufgeschlitzt hatten. Eine folgenschwere Verletzung …

Davon hatte Robert aber erst später erfahren. Viel später. Nachdem ihm aufgrund der allgemeinen Überraschung und Bestürzung der jungen Herren der Herrenrasse die Flucht geglückt war, hatte er sich noch am gleichen Tag seinem Vater anvertraut. Der umgehend die Abreise der Familie Zimmermann in die Wege geleitet hatte. Zunächst die aus Ahrenshoop. Gute zwei Monate später dann auch jene aus Deutschland. Die Robert auf Umwegen letztlich nach Kanada führte und ihn zum Bob werden ließ. Dort war er Adrian wiederbegegnet, der ihm berichtete, dass Olaf noch Jahre später mit zwei langen, senkrecht verlaufenden, rotwulstigen Narben an beiden Schenkeln gezeichnet war. Die ihn an Ausrufezeichen erinnerten. Mit den beiden Kniekehlen als Punkten.

Zwei Ausrufezeichen. Mit den Kniekehlen als Punkten. Genau sie hatte Robert Aaron Zimmermann heute am Vormittag gesehen. An, auf den Beinen eines alten, sehr alten Mannes, der vor ihm durch das Wasser der Kurtherme geschritten war. Genauer gesagt, geschlurft. In kurzer, altmodischer Badehose. Sich dabei mühsam am Geländer des Beckens festhaltend. Langsam vortastend. Sicherlich, Falten und sonstige Chiffren des Alters bildeten nun einen etwas unruhigeren Hintergrund als die ansonsten makellose, stets gebräunte Haut des jungen Olaf Hegerdorps. Doch Zimmermann war Adrians Schilderung der Narben so gegenwärtig, dass er den müden Greis genauer betrachtete, ihn überholte, die Augen anschaute, den Mund, die kühne Nase. Ja, diese, ungeachtet aller Flecken, geplatzten Äderchen und wildwuchernder Härchen immer noch kühne Nase war es gewesen, die ihm Gewissheit gegeben hatte.

Allerdings gönnte er sich noch einige Stunden des Privatstudiums seines Objektes der Erinnerung, bis er den ersten Schritt zur Kontaktaufnahme wagte. Zum Mittagessen im Restaurant Caspar war der Alte von einem Ehepaar geleitet worden, das Zimmermann auf etwa Mitte bis Ende sechzig schätzte. Wahrscheinlich Sohn und Schwiegertochter. Beziehungsweise umgekehrt. Mit ihnen zu sprechen, verspürte er jedoch wenig Lust. Daher wartete er geduldig ab, bis die Drei ihr Mahl beendet und bezahlt hatten, und anschließend den Kurpark ansteuerten, wo der mutmaßliche Hegerdorp einschließlich seines Rollators von seinen Verwandten auf einer schattigen Bank unter Rhododendren geparkt wurde, bevor das Paar Richtung historischer Altstadt verschwand.

Zimmermann steuerte die Nachbarbank an, die erfreulicherweise frei war. Setzte seine Betrachtungen fort. Hätte gerne eine Zigarette geraucht. Um sich zu konzentrieren. Die zweiten, dritten Sätze zu formulieren. Sowie sein Ziel dieses Unterfangens. Was wollte er eigentlich von Olaf Hegerdorp? Sich entschuldigen sicherlich nicht. Doch wollte er selbst eine Entschuldigung hören? Nach weit über 80 Jahren? Ja. Genau das wollte er. Eine Entschuldigung! Wenigstens von ihm. Seinem intimsten Nazi. Der für ihn einst ein großer Bruder, starker Freund, fast so etwas wie ein Vorbild gewesen war. Wenigstens er sollte sich bei ihm entschuldigen. Persönlich! Dann hatte er es gewagt.

»Olaf? Olaf Hegerdorp?« Keine Regung. Es schien, als sei der alte Knabe eingeschlafen. Obgleich seine Augen offen waren. Die wenigen Wimpern flirrten unstet im lauen Sommerlüftchen. Ein weiterer Versuch. »Erinnerst du, erinnern Sie sich? Ich bin es, Robert Zimmermann, Robert Aaron Zimmermann. Weißt du noch, wissen Sie noch, damals in Ahrenshoop, bei Onkel Alfred? Zusammen mit Barbara, Adrian, Nele. Und dann das Kinderfest. 1935 war es. Unser, nun ja, Streit. Weißt du noch? Deine Narben …«

Eine erste Reaktion durchfuhr den Angesprochenen. Er wandte Zimmermann den Kopf zu. Mühsam. So als ob es eine ungemeine Anstrengung für ihn wäre, ihm Aufmerksamkeit zu widmen. Der Erinnerung zu begegnen. Sich womöglich der Vergangenheit zu stellen. So zumindest deutete Zimmermann die Bewegung. Dann jedoch traf ihn der Blick des Alten. Wässerig blau. In gallegelben Augäpfeln. Und dennoch zutiefst verachtend. Zutiefst böse. Ein Fluchblick. Ein Verfluchen. Ein Verwünschen. Das Zimmermann all das wünschte, dem er und seine Familie dank der Weitsicht seines Vaters gerade noch entkommen waren. Alle bis auf Großmama Ruth …

Dann schnellte die rechte Hand vor. Umklammerte Zimmermanns Handgelenk. Eine Pranke. Noch immer voller Kraft. Voller Hass. Der zudrückte. Wie ein Schraubstock. Schmerzte. Da entdeckte Zimmermann den Ring. Einfaches Silber. Matt. Anstelle eines Steins ein Vogel. Ein Adler. Mit ausgebreiteten Schwingen. Darunter ein Kreuz. Schwarz. Eisern.

»Hallo, Sie da, was machen Sie da? Lassen Sie sofort meinen Vater los! Aber plötzlich!« Die vermeintlichen Kinder, Schwiegerkinder kehrten zurück. Eilten zur Bank. Schrien auf Zimmermann ein. »Das ist ja eine Unverschämtheit. Sie sollten sich was schämen, einen armen alten Mann zu belästigen. Sie sind doch selber nicht viel jünger. Verschwinden Sie! Auf der Stelle. Sonst rufen wir die Polizei! Komm, Günter, alles ist gut. Wir sind wieder da.«

»Schon gut, schon gut. Beruhigen Sie sich. Eine Verwechslung. Weiter nichts. Eine harmlose Verwechslung. Das kann ja in unserem Alter mal vorkommen, nicht wahr.« Auf weitere Ausführungen verzichtete Zimmermann lieber. Verabschiedete sich. Lächelnd. Grußlos. Nur dem alten Mann zischte er ein »Auf Wiedersehen« zu. Er war sich sicher, dass es dessen Ohren erreicht hatte. Und dass diese Ohren Olaf Hegerdorp gehörten.

Dann beeilte er sich, den Kurpark zu verlassen. Seine Musketiere warteten sicher schon auf ihn.

3. Rhodera hypogea

D’Artagnan und die Musketiere. Diese Bezeichnung für das Altmännerquartett um Robert Aaron Zimmermann stammte von Richard Sonntag, der dem hochbetagten Anwalt aus Kanada nun seit über einem Jahr zur Seite stand. Eigentlich hatte Zimmermann den angegrauten Taxiunternehmer lediglich für die Dauer seiner Mission in Ahrenshoop als Chauffeur engagiert. Doch inzwischen war er zum vertrauten Gefährten geworden, der ihm nicht nur bei den turbulenten Ereignissen und tragischen Verwicklungen rund um die komplexe wie komplizierte Testamentsangelegenheit treue Dienste geleistet hatte, die Zimmermann vor gut 14 Monaten nach Deutschland geführt hatte. Er war ihm zum Freund geworden. Ans Herz gewachsen.

Das galt auch für Johannes Clauert und Bernhard Gutzeit. Der etwas wunderliche Pfarrer aus Wismar und der kauzige Bestatter a.D. aus Prerow waren Zimmermann im vergangenen Herbst »zugelaufen«, wie es Sonntag gerne schmunzelnd zu formulieren pflegte. Beide Herren weit über 80 und dennoch immer noch ein Stückchen jünger als Zimmermann, der die Gesellschaft dieser neuen Vertrauten überaus schätzte. Zumal er in jenen kalten wie beängstigenden Novemberwochen die tiefe Einsamkeit der beiden Männer gespürt, erkannt hatte. Der verwitwete Clauert lebte in seinem recht chaotisch anmutenden Haus inmitten von abertausenden Büchern, Gemälden, Mineralien, Präparaten und anderen Objekten seiner Sammelleidenschaft wie Hieronymus im Gehäuse. Weniger wohlwollende Zeitgenossen wie zum Beispiel die Mitarbeiter offizieller Behörden bezeichneten ihn zumeist als verwahrlosten Sonderling.

Gutzeit hingegen war von seinem Sohn, dem Juniorchef des gleichnamigen Bestattungshauses, diskret wie entschlossen aufs Altenteil abgeschoben worden. Aufs Abstellgleis in Form eines klitzekleinen Zimmers in einem Heim, das sich euphemistisch als Seniorenresidenz titulierte.

Angesichts dieser Situationen hatte sich Zimmermann entschlossen, den beiden Käuzen ein neues Nest zu bieten. Und zwar in der Pension Kuhfuß in Born, wo er selbst seit seiner Ankunft an der Ostsee logierte, sich mitunter gar zu Hause fühlte. Lore Bradhering, seine Wirtin, hatte zunächst schlucken müssen. Die Perspektive, dass ihr liebevoll eingerichtetes und geführtes Haus nun zum »Männerwohnheim und Obdachlosenasyl« würde, erschien ihr etwas suspekt, zumal Johannes Clauert ein starker Kettenraucher war. Allerdings hatte sie Gefallen an Herrn Gutzeit gefunden. Nicht so viel wie an Robert Zimmermann, das nicht. Doch immerhin reichte ihre Sympathie für den rüstigen Bestatter, um sich breitschlagen zu lassen und einzuwilligen.

Johannes Clauert hatte ebenfalls etwas zögerlich reagiert. So ganz und vollständig mochte er sich nicht von seiner Wismarer Wissenstrutzburg trennen. Zudem wusste er um Lore Bradherings Aversion gegenüber dem Rauchen an sich, seiner Sucht im speziellen. Dennoch war er in den letzten Monaten häufiger Gast im Kuhfuß gewesen und fühlte sich dort zunehmend wohl.

Bernhard Gutzeit hingegen war sofort Feuer und Flamme gewesen. Hatte Zimmermann umarmt und stand schon am nächsten Morgen mit Sack und Pack vor der Pensionstür. Wobei sein Besitz außer zwei bescheidenen Koffern nur noch aus einigen Kisten und Kartons bestand, die seine »Kunstwerke« beherbergten; die Früchte seiner Leidenschaft und künstlerischen Passion: Bernhard Gutzeit schnitzte Särge. Im Streichholzschachtelformat. Und das äußerst artifiziell. Mit Schnörkeln und Arabesken, Mustern und erhabenen Motiven auf der Oberseite. Das Holz dafür erhielt er von den Roloffs, deren Prerower Tischlerei für ihre schönen Darßer Türen bekannt war. Mit denen Gutzeits »Erdmöbel« wiederum eine gewisse Ähnlichkeit aufwiesen. Als Zimmermann die Arbeiten zuerst gesehen hatte, war ihm jedoch eher Queequeg eingefallen, der »gute Wilde« aus Hermann Melvilles ›Moby Dick‹.

Aber Bernhard Gutzeit schuf seine kleinen Särge nicht für die eigene letzte Reise. Nein, in ihnen barg er seine bösen Wünsche und schlechten Gedanken, die er insbesondere gegenüber seinem Sohn Bernd hegte. »Da drin sind die gut aufgehoben. Trocken und sicher. Und ich komm nicht auf dumme Ideen.« So hatte er es Zimmermann erklärt, dem diese kluge und weise Kompensationstechnik beeindruckte.

Als Zimmermann ihn und die anderen Freunde nun vorm Hotel Pod Rózami sitzend erblickte, hatte er auch wieder ein kleines Holzstück in Arbeit, dem er sich mit großem Geschick und kleinem Messerchen widmete. Clauert und Sonntag studierten hingegen die Speisekarte des Rosengartens.

»Was gibt es denn Feines? Haben sie hier Bigos?« Zimmermann klopfte schlapp auf die rotweiß karierte Tischdecke und nahm Platz. Das polnische Leibgericht hatte es ihm angetan und war seine Standardbestellung bei den diversen Besuchen der verschiedenen Gasthäuser und Restaurants auf ihren Streifzügen durch Polen geworden. Er würde es auch jetzt bestellen. Obgleich er nur wenig Appetit verspürte.

»Schau selbst, mein guter Zimmermann.« Johannes Clauert reichte ihm die Karte. Im Dunstkreis der Herren um Zimmermann galt es als ungeschriebenes Gesetz, sich zu duzen, jedoch mit Nachnamen anzusprechen. »Lies, wenn du es verstehst. Prüfe, wenn es gefällig ist«, fügte der Hirte im Ruhestand hinzu. Geheimnisvoll, doch augenzwinkernd. Lies, wenn du es verstehst. Prüfe, wenn es gefällig ist – dieser mysteriöse Sinnspruch aus der Heiligen-Geist-Kirche in Wismar hatte eine wichtige Rolle bei jenem mörderischen Rätsel gespielt, das es für Zimmermann und sein Team im letzten Jahr zu lösen gegolten hatte.

Doch das war Vergangenheit. Ebenso wie der Täter. Die letzten Monate waren voller Frieden und Freude gewesen. Sogar eine Hochzeit war gefeiert worden, der Partikel-Hof, das neue Museum am Ahrenshooper Schifferberg, nahm mehr und mehr Gestalt an und die Exkursionen der Musketiere hatten überwiegend touristischen Charakter, auch wenn es sich ihr D’Artagnan selbst bei der aktuellen Tour nicht verkneifen konnte, einen Abstecher nach Kraków zu machen. Die vage Hoffnung, dort irgendwo irgendeine weitere Spur von Antoni Libuda, Maler und Mörder, Fremdarbeiter und Fälscher aus Zielonki zu finden, ließ ihn immer noch nicht ganz los.

Der Vorschlag, das einstige Hirschberg und speziell den Stadtteil Bad Warmbrunn – heute Jelenia Góra und Cieplice Śląskie-Zdrój – zu besuchen, war von Richard Sonntag gekommen. Als Referenz gegenüber Hans-Emil Oberländer, einem weiteren Maler der zweiten Ahrenshooper Künstlergeneration und Ehemann von Doris Oberländer, die unter anderem die Ahrenshooper Kirche ausgestaltet hatte. Oberländer, kurz zuvor noch im Alter von 59 Jahren zum Kriegsdienst eingezogen, war Ende Dezember 1944 in einem schlesischen Lazarett in Warmbrunn verstorben und Sonntag empfand es angemessen, ihm durch ihren Besuch die Ehre zu erweisen.

Zimmermann hatte die Anregung begrüßt, zumal er auch mit dem Riesengebirge Kindheitserinnerungen verband. Schneekoppe und Mädelsteine. Märchenbauden und Rübezahl, der launische Berggeist, vor dem es ihm damals arg gegraust hatte. Dass ihm hier in Gestalt von Olaf Hegerdorp ein ganz anderes Gespenst aus der Vergangenheit begegnen würde, hatte er wahrlich nicht gedacht.

Er war sich noch unschlüssig, ob er seinen Freunden von seinen Beobachtungen erzählen sollte. Kurz überlegte er, Clauert um eine Sobieski zu bitten, die jener in Polen bevorzugt rauchte. Verwarf dies aber und griff stattdessen zum jüngsten Werk Gutzeits, das jener gerade vollendet und auf den Tisch gelegt hatte. Nachdenklich betrachtete er die filigrane Schnitzerei, strich über die Oberfläche, die eine Windmühle schmückte. Nickte Respekt.

»Das soll die aus Ahrenshoop sein. Die hat ja der Oberländer auch gemalt, wie Sonntag erzählte.« Gutzeit sonnte sich in der vermeintlichen Anerkennung, die Zimmermanns Blick für ihn ausdrückte. »Wie eine Tür«, bemerkte dieser. »Nur ohne Klinke«, fiel Clauert ein. »Die letzte Tür braucht keine Klinke. Und kein Schlüsselloch. Da möchte keiner durchlinsen.« Seine tiefsinnigen Ausführungen wurden von Zimmermanns Smartphone unterbrochen.

Zimmermann fand es überraschend schnell, meldete sich knapp und angespannt. Lauschte. Verfinsterte seine Miene. Antwortete kurz angebunden. »Ja.« – – – »Gut, beziehungsweise nicht gut.« – – – »Verstanden. Ja. Wir werden es versuchen.« – – – »Doch, sicher. Und wenn es nur wegen der guten Lore ist.« – – – »Ja, tschüss. Bis bald.« Dann kappte er die Verbindung. Steckte das Gerät in die Innentasche seines Leinenjacketts. Sah noch faltenreicher aus als jenes edle Gewand. Wandte sich schließlich an die Ritter seiner Tafelrunde. »Das war Hakala-Holappa. Hans von Wustrow ist tot.«

4. Agelena labyrinthica

Wilhelm Hakala-Holappa wurde vom Flieder geweckt. Dessen Schwersüßduft durch das offene Flügelfenster seines Arbeitszimmers schwebte. Hereingeweht vom Mondenschein. Er musste eingenickt sein. Eingeschlafen. Mit dem Hörer seines greisenalten Telefons in der Hand. Ein ehrwürdiger Apparat: Bakelit, Ringelschnur und das ehrliche Klingeln aus vergangenen Klangkosmen: Firma Hesselbach. Der Kommissar. Stahlnetz. Das Fenster zum Hof.

Der Psychologe und Profiler mit finnischem Vater und Mama aus der Schweiz liebte sein Delifon, schleppte es seit Jahrzehnten von Wohnung zu Wohnung, Land zu Land, Stadt zu Stadt. Wobei sein gegenwärtiger Wohnsitz Born am Darß eher als Ortschaft zu bezeichnen war. Zu später oder früher Stunde durchaus auch als Dorf. Wilhelm lauschte durch die Schemen der Bäume und Büsche des Gartens in die Nacht. Kein Mensch war zu hören. Kein menschlicher Laut. Keine Musik. Kein Auto. Lediglich ein paar schlaflose Rinder vom nahen Gut zählten muhend Schäfchen. Und Wotan, der hochsensible Rauhaardackel der gegenwärtigen Feriengäste in der benachbarten Alten Gärtnerei, ließ sich knurrbellend von Lisbeth ärgern, dem fuchsroten Kater, der inzwischen zum Hausstand von Hakala-Holappa und seinem Mann Matti gehörte.

In erinnerndem Erwachen hob er den Telefonhörer, schaute in die kleinen Öffnungen der Ohrmuschel wie in einen Spiegel und nahm den Verwunderungsfaden wieder auf, der ihn nach dem Gespräch mit Zimmermann wohl in den Schlaf gesponnen hatte. Warum nur war der Freund so kurz angebunden gewesen? Warum hatte der ansonsten zumeist freundliche, konziliante, höfliche alte Mann so unwirsch auf die Nachricht vom Tod Hans von Wustrows reagiert?

Sicherlich, das Verhältnis zwischen Zimmermann und von Wustrow war ein besonderes. Vor allem fühlte sich der Anwalt aus Halifax bis heute verantwortlich für dessen Taten. Außerdem war er von ihm persönlich angegriffen und lebensbedrohlich verletzt worden. Und Hakala-Holappas nicht nur berufsbedingtes Interesse für das »Mini-Monster vom Darß«, wie jenen einst die BILD-Zeitung beschlagzeilt hatte, teilte er auch nur sehr bedingt.

Trotzdem hatte er insgeheim etwas mehr Interesse erwartet. Neugierige Fragen, das ein oder andere Nachfassen, Nachhaken. Gut, der Tod Hans von Wustrows war mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit kein Geheimnis. Er war einfach an den Folgen seiner starken Unterkühlung und der anschließenden Lungenentzündung gestorben, die er sich im vergangenen November bei seiner Flucht in die Ostsee zugezogen hatte. Seiner Flucht, die für Hakala-Holappa schon damals deutliche Anzeichen eines Selbstmordversuches aufgewiesen hatte. Eines Versuchs, dessen Vollendung ihm nun jetzt schlussendlich geglückt war.

Was von Wustrow in den ersten Tagen nach seiner Errettung energisch geleugnet hatte und stattdessen von Meerjungfrauen fantasierte, die ihn zum Tanze in den Wellen baten und zu sonstigen Verheißungen einluden. Doch die Phase seiner Redseligkeit war von kurzer Dauer gewesen. Bedauerlicherweise. Wenige Tage und Gespräche später zog er sich wieder in seine bekannte Sprachlosigkeit, sein Schneckenhaus des Schweigens zurück. Allerdings war er nicht gänzlich sprachlos geblieben, sondern hatte in den folgenden Monaten zwischen Klinik, JVA und geschlossener Abteilung, zwischen Prozessunfähigkeit, Prozessbeginn und wiederholter Prozessunterbrechung neue, eigene Formen des Ausdrucks entwickelt, weiterentwickelt.

Denn als ob er nun das Erbe seines Vaters Antoni Libuda angetreten habe, widmete sich Hans von Wustrow in seinem letzten Lebensabschnitt der Kunst. Geradezu besessen. Anfänglich mit den Fingern und alltäglich verfügbaren Flüssigkeiten wie Kaffee, Kirschsaft oder Ketchup begann er auf den unterschiedlichen Untergründen wie Servietten, Zeitungen, Handtüchern oder Bettlaken seine wundersamen Bilderwelten zu zaubern. Wobei es überwiegend Vögel waren, denen er so neues Leben schenkte. Später, nachdem von verschiedenen Gutachtern versichert wurde, dass inzwischen keine Gefahr mehr von ihm ausgehen würde – weder für andere, noch für sich – setzte er seine Arbeiten mit regulären Materialien fort. Dabei wurde er insbesondere von Dr. Johanna Riese unterstützt und gefördert, die von Wustrows Werke überaus schätzte und ihnen beachtliches künstlerisches Niveau bescheinigte.

Die ansonsten eher reservierte und rational handelnde Kunstwissenschaftlerin ließ sich in ihrer Begeisterung sogar soweit hinreißen, Hans von Wustrow als ersten Stipendiaten für den Partikel-Hof vorzuschlagen. Was jedoch von den anderen Mitgliedern des Stiftungsvorstands abgelehnt wurde. Kategorisch. Allein schon aus Gründen der Pietät. Aber auch, weil ein anderer Kandidat, ebenfalls ein Künstler des Art brut, mehr Zustimmung fand. Dieser Bastian, den wiederum die Keramikerin Ann-Kathrin Seegers unter ihre Fittiche genommen hatte, beeindruckte zusätzlich durch sein freundliches Wesen und seine liebenswürdige Ausstrahlung; ungeachtet dass er ebenfalls offenkundig psychisch verstört war und auf eine traurige Lebensgeschichte zurückblicken musste. Ein Tor auch er, allerdings ein reiner.

Diese ablehnende Haltung des restlichen Vorstands gegen Rieses Vorschlag beeinträchtigte das zuvor über Monate hinweg nahezu harmonische Betriebsklima im Team des neuen Museums negativ wie nachhaltig. Daran konnte auch der doch eigentlich glückliche Umstand nichts ändern, dass Hans von Wustrow kurze Zeit vor seinem Tod tatsächlich eine Art Testament verfasst hatte, in dem er dem Partikel-Hof das Œuvre seines Vaters vermachte. Hakala-Holappa war darüber nicht nur hoch erfreut, sondern der kleine, zerknitterte und bekleckste Zettel, den ihm von Wustrow vor gut zwei Wochen bei einem seiner Besuche in die Hand gedrückt hatte, erfüllte ihn auch mit ein wenig Stolz. War doch das zwar kryptisch anmutende, in der Aussage dennoch unzweifelhafte Textlein an ihn adressiert:

Für Wilhelm. Den Till.

Der verlorene Sohn. Trug durch die Wüste.

Seinen Schatz. Das Bild des Vaters. Seine Bildnisse.Die er nun reicht. Aus der Finsternis.

Den Söhnen und Töchtern. Jenes anderen Vaters.

Den er zurückließ.

Unter Stechpalmenkron.

Für ihn ein eindeutiges Vermächtnis. Nur der Till irritierte etwas. War es ein Schreibfehler und sollte es eigentlich Tell heißen? Oder wusste von Wustrow mehr, noch mehr über den Mann aus Müggenburg, der im Herbst nicht nur die Halbinsel in Angst und Schrecken versetzt hatte?

Seine entsprechenden Fragen waren auf jeden Fall unbeantwortet geblieben. Würden es bleiben. Fakt war indes, dass ihnen nun das Werk Antoni Libudas zur Verfügung stand, um es der Öffentlichkeit vorzustellen.

Die Anregung Johanna Rieses, dies möglichst zeitnah zur großen Eröffnung zu wagen, war jedoch auf ebenso wenig Gegenliebe bei ihren Mitstreitern und Mitstreiterinnen gestoßen wie ihr Engagement für Libudas Sohn. Vor allem die Mitstreiterinnen hatten sich als unnachgiebige Bedenkenträgerinnen erwiesen. Selbst Dörte Wahnschaffe, die ja Libudas Bilder vor gut einem Jahr überhaupt erst in der einstigen Büdnerei von Gerhard Marcks in Niehagen entdeckt hatte, zeigte sich nun erstaunlich abweisend, verwies auf den avisierten Besuch der Kanzlerin, die zu erwartende Medienpräsenz sowie eine mögliche negative Publicity.

Dieser zweite Affront gegenüber der designierten künstlerischen Leiterin des Partikel-Hofes hatte die Stimmung weiter getrübt, das Klima noch stärker abkühlen lassen. Von atmosphärischen Störungen zu sprechen, wäre eine Untertreibung gewesen. Erstaunlich nur, dass die Vorbereitungen für den bald anstehenden großen Tag trotzdem nahezu reibungslos abliefen. Hakala-Holappa befürchtete, dass dieser Riss im Fundament zwischenzeitlich entstandener Freundschaften weiter mäandern würde.

Er horchte auf. Hinaus. Zwischen die Blütenzweige von Apfelbaum und Felsenbirne. Tatsächlich, eine Nachtigall: »Huit. Tick. Huit. Tick. Düh – düh – düh – düh. Huit. Tick …« Ein verzaubernder Gesang zwitscherte durch das maienhafte Dunkel. Die passende Begleitung für ein, zwei Glas zur Nachtruhe. Er machte sich auf den Weg in die Küche. Fand den passenden Wein. Einen weißen. Einen Vernaccia. Öffnete ihn. Kehrte zurück. Der Zaubervogel war aber leider schon wieder verstummt.

Stattdessen setzten sich finstere Gedankenmahre auf die Fensterbank. Ließen ihre Fledermausflügel hängen. Wilhelm tat es ihnen gleich. Sein Tag war wirklich anstrengend gewesen. Erst die Nachricht vom Tod Hans von Wustrows mit allen dazugehörigen Gedankenkonsequenzen. Wenig später hatte er dann eine vertrauliche wie rätselhafte SMS von Kempowski erhalten, dem Syndikus der Stiftung sowie Zimmermanns juristischem Adjutanten: ›Brauche Rat. Komme morgen vorbei. Was für ein beschissenes Erbe!!! Kempowski‹. Wilhelm war es nach wie vor vollkommen unklar, wieso ein Anwalt und Notar ihn als Psychologen um Rat bei einer Erbschaftsangelegenheit ersuchen sollte.

Anschließend ein langes wie aufreibendes Telefonat mit Lore Bradhering, die als Patenkind Wilhelmine von Wustrows zwar nicht blutsverwandt, dennoch in gewisser Weise die naheste; einzige Angehörige des Verstorbenen war. Und die sich dieser Verantwortung auch stellte, sich schließlich nach quälend langem Abwägen dazu durchrang, dass es im Sinne ihrer Tante Wilhelm sei, wenn ihr »verlorener Sohn« nach seinem Tod zu ihr zurückkehren würde und neben ihr seine letzte Ruhe finden könnte. Eine mutige Entscheidung, wie Hakala-Holappa fand. Nach all dem, was geschehen war. Sicherlich würde es einiges Gerede geben. Nicht nur in der Nachbarschaft. Da war er sich sicher. Doch Lore Bradherings Entschluss stand fest – Hans von Wustrow sollte auf dem Borner Friedhof bestattet werden.

5. Hogna truculenta

Abermals stand Robert Aaron Zimmermann nun auf dem Borner Friedhof am Familiengrab derer von Wustrow. Doch die Trauerfeier für Hans von Wustrow bot keinerlei Nährboden für aufkeimende Déjà-vu-Momente. War in nahezu allen Punkten das extreme Gegenteil der Beisetzung seiner Mutter, der Zimmermann vor etwas mehr als einem Jahr beigewohnt hatte.

Das begann schon damit, dass Pastor Seeberg, im Rücken gestärkt durch seinen Kirchenvorstand und sogar seinem Bischof, die Nutzung der Fischerkirche und auch der kleinen Kapelle verweigert hatte. Selbst ein weltlicher Trauerredner war nicht aufzufinden gewesen, so dass sich letztlich Johannes Clauert und Hakala-Holappa die traurige Aufgabe teilten, Worte des Abschieds zu formulieren. Immerhin hatte man Dottore Lappe, den gewichtigen Gerichtsmediziner mit der Leidenschaft für die italienische Oper gewinnen können, die musikalische Begleitung zu übernehmen. Ihm war es zu verdanken gewesen, dass zumindest bis zu einem gewissen Grade eine würdevolle Stimmung aufgekommen war. Händels ›Largo‹. Puccinis ›Nessun dorma‹. Und natürlich das unvermeidbare ›Ave Maria‹, das Lore Bradhering mit brüchiger Stimme mitgesungen hatte. Ebenso Bernhard Gutzeit. Mehr laut als schön; er wollte jedoch vorrangig seinen Sohn Bernd ärgern. Der, zum wiederum nicht geringen Ärger des Seniors, von Lore den Auftrag erhalten hatte, Hans von Wustrows letzte Reise zu betreuen. Sie hatte sich in diesem Punkt auf keinerlei Diskussion eingelassen. »Das machen wir schon immer so und Punktum. Sieh du lieber zu, dass du in deiner Bude mal Klarschiff machst. Seitdem du die entzückenden Kunstwerke von Tante Wilhelm weggeräumt und durch deine grässlichen Särge ersetzt hast, setze ich keinen Fuß mehr in diese Altmännergruft.«

Die wenigen anderen Trauergäste verzichteten darauf, in Dottore Lappes Gesang einzustimmen. Außer Zimmermann und seinen Musketieren, Hakala-Holappa und dem schmetternden Doktor standen nur noch Johanna Riese und Kempowski im lockeren Halbkreis um das Grab herum. Im sehr lockeren, lichten. Die anderen Ahrenshooper hatten sich entschuldigen lassen, Geschäftigkeiten vorgeschoben und auf die immer näherkommenden Eröffnungsfeierlichkeiten verwiesen. Dafür waren umso mehr Zaungäste erschienen, allen voran diverse Pressevertreter, ein paar Radiojournalisten sowie das Team eines privaten Fernsehsenders. Die sich aber in respektvollem Abstand hielten. Noch. Außerdem schlenderten auffällig viele Einheimische aus Born und den angrenzenden Ortschaften den Kirchweg entlang. Und das, obwohl es inzwischen zu nieseln angefangen hatte.

Zimmermann fröstelte. Von Richard Sonntags Schirm, den jener fürsorglich über den kahlen Schädel seines Chefs und Freundes hielt, tröpfelte es. In schöner Regelmäßigkeit. Stete Tropfen. Die erstaunlicherweise stets jene schmale Lücke zwischen Mantelkragen und seinem faltigen Hals fanden. Und das obwohl er mehrfach seinen Standort ein wenig verändert hatte, ein zwei Schritte nach links, dann wieder nach rechts. Und nach vorn. Sonderbar.

Ebenso sonderbar wie die Tatsache, dass ihn der Tod Hans von Wustrows noch immer nicht berührte. In keinster Weise. Er spürte nichts. Keine Betroffenheit. Keine Genugtuung. Nicht einmal Beruhigung. Das war ihm schon während des Telefonats mit Hakala-Holappa aufgefallen. Diese Unberührtheit. Sicherlich hatte er dennoch umgehend nach dem Gespräch zum Aufbruch geblasen und bereits am nächsten Morgen war die Viererbande aus Bad Warmbrunn abgereist und am späten Abend in Born eingetroffen. Wie gewohnt sicher und souverän von Richard Sonntag chauffiert.

Auch wenn Zimmermann diese vorzeitige Heimkehr seinen Gefährten gegenüber vorrangig mit der Sorge um Lore Bradhering begründet hatte, war ihm im tiefsten Inneren gewahr, dass auch dies nur vorgetäuscht war. Er wollte einzig und allein zurück auf den Darß, die Halbinsel, um Olaf Hegerdorp nachzuspüren. Obgleich er noch nicht recht wusste, wie er das bewerkstelligen, wo er anfangen sollte.

Er wusste nur, dass er es musste. Allein schon, weil ihm Hegerdorp seit ihrem vermeintlichen Wiedersehen jede Nacht in seinen Träumen begegnete. Die alles andere als schöne Träume waren.

»Träumst du, Zimmermann? Es ist vorbei. Wir wollen gehen. Besser gesagt, wir sollen.« Richard Sontag ließ den Freund für einen kurzen Moment richtig im Regen stehen. Ging zwei, drei Meter voraus. Mitsamt Schirm. Zimmermann erwachte in der Gegenwart. Tatsächlich! Die triste Zeremonie war überstanden. Lore verzichtete zudem darauf, am offenen Grab die Kondolenzen der handverlesenen Teilnehmer entgegenzunehmen. Die sich nun, eines solchen obligaten dramaturgischen Fixpunktes beraubt, etwas unsicher umschauten und ohne rechte Ordnung Richtung gähnender Grube stolperten. Dort wählten nahezu alle die kleine Schaufel und ließen Bröckchen bereits durchnässter Erde auf den Sarg niedertrommeln. Nein, für Hans von Wustrow sollte es keine roten Rosen regnen. Lediglich Bernhard Gutzeit machte eine Ausnahme und holte ein kleines Stück Holz aus der ausgebeulten Tasche seines schwarzen Anzuges. Eines seiner kleinen Kunstwerke, auf dessen Oberseite er einen kleinen Korb herausgeschnitzt hatte, wie Zimmermann später von Kempowski erfahren sollte. Gutzeit Junior missbilligte auch diese Geste seines alten Herren mit hochgezogen Augenbrauen.

Die allgemeine Unsicherheit, Verlegenheit setzte sich anschließend fort. Denn die ungastliche Pensionswirtin hatte überdies beschlossen und energisch verkündet, dass es keinen Leichenschmaus geben würde. »Keinen Kaffee und keinen Streuselkuchen. Kein Süppchen. Und erst recht keinen Doppelkümmel. Weder bei Petersson noch im Walfischhaus. Noch sonstwo. Und bei mir schon gar nicht. Das hat er nicht verdient!«

Ach ja, die »schöne Laich« in Peterssons Hof-Café, damals nach Tante Wilhelms Trauerfeier! Zimmermann dachte gerne an das gesellige Beisammensein zurück. An seine Plaudereien mit den Damen. Den alten, sehr alten. Den Scherzen. Doch Omi Marzahn war ja nun auch nicht mehr. Aber – Zimmermann war urplötzlich hellwach – wie hieß denn ihre Freundin noch mal, die sich ins Gespräch eingemischt hatte und noch recht genau über die Zeiten während des Zweiten Weltkriegs erzählen konnte? Irgendetwas Richtung Ingeborg, Hildburga, Brunhilde, oder so. Eben ein seinerzeit typischer Name für ein Mädel, das im BDM gewesen war. Und womöglich ein Auge auf so einen schmucken, ansehnlichen Hitlerjungen wie Olaf geworfen hatte. Zimmermann war sich mehr als sicher, dass der heranwachsende Hegerdorp dem damaligen Ideal eines kernigen deutschen Jungen perfekt entsprochen haben musste. Blond, groß, drahtig, durchtrainiert. In summa stattlich. Abgesehen natürlich von den beiden Ausrufezeichen auf den Innenseiten seiner Oberschenkel. Die er ihm zu verdanken hatte, ihm, dem kleinen Judenbengel.

Ja, diese nette ältere Dame war ein Ansatzpunkt. Wenn ihm bloß der Name einfallen würde. Vielleicht könnte ihm Lore auf die Sprünge helfen, womöglich einen Kontakt vermitteln? Ohne dass er zu viel von seinen Gründen für sein Interesse preisgeben müsste. Er scheute sich immer noch, selbst seinen Vertrauten und Freunden gegenüber von der unheilvollen Begegnung mit den Schatten der Vergangenheit zu erzählen. Vielleicht fürchtete er, seine Souveränität einzubüßen, seine durch weise Gelassenheit gekennzeichnete Position gegenüber der Geschichte, der deutschen ebenso wie jener seines Volkes, dem er spätestens seit dem Beschluss der »Nürnberger Rassengesetze« im September 1935 wohl doch anzugehören schien. Daher mied er seit ihrer Rückkehr auch längere Gespräche mit Kempowski ebenso wie mit Hakala-Holappa. Sowie eigentlich auch mit Lore Bradhering.

Nun hielt er dennoch suchend nach ihr Ausschau. Die Herrin des Kuhfußes hatte sich aber inzwischen bei Bernhard Gutzeit untergehakt und wandelte mit ihm über die Weiten des Friedhofes. Sicherlich wollte sie ihm, dem Experten für Sepulkralkultur, die Gräber ihrer eigentlichen Familie zeigen. Und womöglich sogar noch etwas länger mit ihrem neuen Favoriten zusammen sein. Was Zimmermann prinzipiell durchaus recht war und zupasskam.

Daher beschloss er, sich noch etwas in Geduld zu üben. Außerdem war ihm kalt. So beeilte er sich, Richard Sonntag einzuholen. Den einzigen Menschen, den er momentan um sich haben konnte. Weil Sonntag grundsätzlich keine Fragen stellte. Wenigstens keine persönlichen. Zudem stand ihm der Sinn nach wärmender Sitzheizung und einer kleinen Spritztour, an deren Zielpunkt ein heißer Grog wartete. Oder wenigstens ein Tee. Mit Rum.

Er entdeckte Sonntag in einer der vorderen Gräberreihen nahe des Eingangs. Dort war er vor einem noch recht frischen Grab stehengeblieben und unterhielt sich mit einem rundlichen, mittelalten Herrn in grüner Montur. Mutmaßlich der Friedhofsgärtner.

Zimmermanns Vermutung bestätigte sich, als er näherkam. Der Mann in Grün schimpfte wie ein Rohrspatz, wies aufgebracht und wiederholt auf ein merkwürdiges Gebilde, das mitten zwischen Kränzen, bereits angewelkten Blumensträußen und Gebinden lag. Beziehungsweise thronte. Denn es war anscheinend hochkant in das Erdreich gesteckt worden. Auffällig erschien ihm besonders, dass der nicht genauer zu erkennende Gegenstand mit rotweißem Trassierband umwickelt, verknotet war, das in mehreren Enden fast froh im Nieselwind flatterte.

»So ein Schiet! So eine Schande! Dabei ist der Wolfgang noch keine Woche unter der Erde. Seitdem finde ich jeden Morgen wieder so einen perversen Mist hier auf seinem Grab. Wenn ich den erwische, Richard, das kannste mir glauben, der kriegt so eine Abreibung von mir, dass er das in Zukunft sein lässt, diese Drecksau. Da kannste einen drauf lassen.«

Richard Sonntag nickte zustimmend. Fasste nach. »Da hast du recht, Conny, das sieht wirklich nicht schön aus. Aber um was für einen »perversen Mist« handelt es sich denn da genau?« Zimmermann hingegen hörte nur mit halbem Ohr zu.

»Na, um tote Viecher, Richard. Mal ein plattgefahrener Igel. Mal ein Flügel von ’ner Möwe. Mal ’ne gemangelte Kreuzotter. Solchen Krams eben. Eine vertrocknete Ratte war auch schon dabei. Und ein Kopf von einem Hirschkalb. Halb verwest. Mit Maden drin. Echt eklig. Allein die Augen. Obwohl ich ja ansonsten einiges abkann, so rein aus Berufsgründen. Aber dieser Wahnsinnige … Das geht überhaupt nicht. Schon gar nicht auf meinem Friedhof. Und alles in dieses Flatterband eingewickelt. Richtig fest verschnürt. Kreuz und quer verwurschtelt. Wie so eine olle Mumie. Der ist doch krank. Total krank. So einer gehört weggesperrt.«

»Sicherlich ein bedauerlicher Vorfall, ein schändlicher Frevel. Leider müssen wir jetzt weiter …« Zimmermann räusperte sich. Hoffte, dass Sonntag sein Signal verstanden hätte. Der jedoch war neugierig geworden. »Und was meinst du, was in diesem … nun ja, … Paket ist? Willst du’s nicht mal aufmachen?«

»Warum machst du das nicht selbst? Ich habe langsam die Schnauze voll von diesem Schiet. Hier!« Conny warf Sonntag zwei Arbeitshandschuhe zu. Eine große Gartenschere folgte. Gereicht. Sonntag ließ sich nicht zweimal bitten und bugsierte das mysteriöse Gebilde zunächst auf den Weg und machte sich sogleich ans Werk. Leise fluchend, da die Verschnürung wirklich sehr sorgfältig ausgeführt worden war. Sonntag fuhrwerkte wie ein Chirurg bei einer Notoperation, bis er endlich eine Öffnung eingeschnitten hatte. Aus der sogleich Fliegen ans düstere Tageslicht krabbelten. Frisch geschlüpft. Sich flugs die Flügelchen putzend, um in die Welt zu entfleuchen. Zimmermann schluckte ersten Ekel herunter.

Sonntag war jedoch jetzt in Rage gekommen. Zerrte. Schnippelte. Riss am Bandsalat. Und förderte schließlich einen Lauf hervor. Einen Hinterlauf. Rötlichgraue Haare. An denen diffuse angetrocknete Flüssigkeiten klebten. Sämig. Vermutlich Gedärm. Sowie eingesprenkelter Schottersplitter. Fast stolz hielt er das Stück Aas in die Höhe. Wedelte damit herum. »Na, wen haben wir denn da? Erkennst du ihn wieder, Zimmermann?«

»Ja, ich schätze, das …« Er bemühte sich, flach zu atmen. Wollte dem Freund nicht das fragwürdige Vergnügen verderben. Schluckte abermals. Säuerlichkeit hinunter.

»… gehört zu diesem Goldschakal, der uns im letzten Herbst schon einmal begegnet ist. Da zwischen Prerow und Wieck. Kurz hinter der Kurve. Du hast ja …«

»Zwischen Prerow und Wieck?« Conny fiel ihm ins Wort. »Komisch, dort ist auch der Wolfgang gestorben. Also der hier …« Er wies auf das frische Grab vor ihnen. »Am 12. Mai erst. Ist mit seinem Motorrad ins Schlingern geraten. Glatteis. In eben dieser beschissenen Ellenbogenkurve. Und dann über die Planke. Mitten innen Wald. Obwohl der die Strecke eigentlich in- und auswendig kannte. Außerdem war er ja auch noch Fahrlehrer. Jetzt isser trotzdem tot. Merkwürdige Geschichte. Zwischen Prerow und Wieck. Ob das irgendwie zusammenhängt?«

6. Parafroneta pilosa

»Also diese Kurve zwischen Wieck und Prerow hat es wirklich in sich. Diese Ellenbogenkurve. Ist schon einiges passiert. Böse Unfälle. Aber dass es den Wolfgang Tiedje da erwischt? Wirklich merkwürdig. Hab das nur am Rande mitbekommen. Wir waren ja unterwegs. Doch, das finde ich mehr als merkwürdig. Kam doch aus der Gegend der Bursche, aus Pruchten, glaube ich. Feiner Bengel war das. Ganz feiner Bengel. Hat früher sogar Rennen gefahren. Speedway und so. Dass so einer sich von ein bisschen Glatteis aus der Bahn werfen lässt? Unglaublich. Das ist so, als wenn sich ein Frisör beim Rasieren das Ohr abschneidet und daran verblutet. Guck mal, gleich sind wir da.«

Richard Sonntag sprudelte wie ein Wasserfall. Derweilen der Regen mit nahezu gleicher Intensität gegen die Frontscheibe prasselte. Zimmermann war es gleich. Er war nur froh, dem Friedhof entkommen zu sein. Den Freunden, ihren unausgesprochenen Fragen, traurigen Frageblicken. Er hatte sich knapp rundum entschuldigt: »Wisst ihr, mir geht es nicht so gut. Das Wetter, der Regen, das Alter …« Und hatte sich dann mit seinem Fahrerfreund durch die Phalanx der Medienvertreter geschlagen. Widerwärtig. Wie nach so einem großen Prozess. Wie die Schmeißfliegen hatten sie die Trauergäste bedrängt. Auf sie eingeschrien. Fragend, bellend, fotografierend. Kempowskis Verweise auf Datenschutz und das Recht am eigenen Bild waren höhnisch weggeknipst worden. Ja, wie die Schmeißfliegen. Und ekliger als jene, die im mürben Hinterlauf des Goldschakals ihre Kinderstube gefunden hatten.

Nun waren sie auf dem Weg zur Prerower Teeschale. Doch zuvor musste Richard Sonntag natürlich noch die Unfallstelle genau in Augenschein nehmen, wo sich dieser unglückselige Fahrlehrer mit seinem Motorrad zu Tode gefahren hatte. Was Zimmermann eigentlich recht gleichgültig war. Doch dem Freunde zuliebe tat er so, als ob er zuhörte. Interessiert sogar. Besser zuhören als selbst reden zu müssen.

»Ach du grüne Neune, was ist das denn? Zimmermann, siehst du das? Nicht zu glauben!« Sonntag steuerte seinen Wagen, einen größeren mit Stern, behutsam durch die nun auch noch regennassschmierige Kurve und hielt wenige Meter weiter etwas schräg in einer kleinen Nothaltebucht. »Hast du das gesehen? Das muss ich mir aus der Nähe anschauen! Kommst du mit?« »Eher ungern. Nein, danke für die sicher vielversprechende Einladung. Aber, du hast ja gehört, was ich den anderen gesagt habe: Der Regen, das Alter …« Zimmermann zog das trockene und gemütlich warme Fahrzeuginnere irgendwelchen verwegenen Manövern inmitten des mehr als regen Verkehrs vor. Beobachtete im Rückspiegel, wie sich der Wütende in eine grellorange Warnweste zwängte und mit nervösen Gesten die Straße überquerte. Bald jedoch hatten Innenwärme und Außennass die Scheiben in Milchglas verwandelt. Das monotone Blinkblank des aktivierten Alarmlichtes tat ein Übriges. Er drusselte leicht ein.

Wurde jedoch wenig später jäh geweckt. Aufgeschreckt. Von aufgerissener Fahrertür. Sowie aufgedrehter Fahrerstimme: »So eine Schweinerei! Da war dieser Irre vom Friedhof auch zugange. Hat sich am Kreuz vergangen, das die Familie für Wolfgang aufgestellt hat. Seine Yvonne und Svenja, seine Tochter. Da hängen jetzt Schädel dran; wenigstens blanke, ohne Fell, Fleisch und anderen Schmadderkrams. Einen Rehbock habe ich erkannt. Einen Dachs, glaube ich, auch. Und noch ein paar kleinere. Von Vögeln. Mäusen. Unglaublich! Ich habe ein paar Fotos gemacht. Wir wollen ja sowieso nach Prerow. Da werde ich gleich einmal in der Wache vorbeischauen und denen Bescheid sagen. Das geht doch nicht, sowas! Sag doch mal was, Zimmermann. Was ist denn bloß los mit dir, dass dir auf einmal alles, verzeih mir, dass ich direkt werde, aber auch wirklich alles irgendwie am Arsch vorbeigeht?«

Er hatte es befürchtet. Kommen sehen, dass irgendwann auch Richard Sonntag seine Zurückhaltung ablegen würde. Um zum Bohrer zu werden, der seinen Nerv traf.

»Verzeih mir, mein Bester. Ich weiß ja, dass ich die letzten Tage komisch bin. Eine Zumutung für euch. Doch …« Zimmermann machte eine Pause. Suchte nach Worten. Sowie jenem Knopf am Armaturenbrett, mit dem man den gebetsmühlengleichen Klingklang der Warnblinkanlage abstellen konnte. Sonntag half ihm. Erlöste ihn. Und die nun eintretende Ruhe löste endlich auch Zimmermanns Knoten. Er offenbarte sich.

»Ich bin jemanden begegnet. Während unseres Besuches in Cieplice Śląskie-Zdrój, dem alten Bad Warmbrunn. Im Kurpark. Eigentlich schon etwas früher, in der Therme. Jemanden, der Macht über mich hat. Und das seit mehr als 80 Jahren. Eine Macht, von der ich gar nicht mehr wusste, dass sie existent ist. Die ich verdrängen wollte, als Kind schon, als junger Mann sowieso. Mit Vehemenz. Vergessen. Und die ich schließlich auch vergessen habe. Hatte. Verdrängt. Irgendwo in der Tiefe meiner Seele. Doch dann, in diesem schönen, lauschigen Park an jenem herrlichen Maientag, da hat ein Blick nur ausgereicht, um sie zu neuem Leben zu erwecken. Hervorzuholen. Und nun sitzt dieser Knabe wie ein Alb auf meiner Brust und die Gedanken an ihn spinnen all mein anderes Denken ein. Wie die Gespinste von diesem Falter, die Zweige, Äste, ganze Bäume befallen, überfallen …«

»Du meinst diesen Eichenprozessionsspinner. Ich kenne das nur von meinen Sorgen um mein kleines Unternehmen; Rechnungen, jede Menge Abgaben und dann natürlich das Finanzamt. Ja, das kann einen schon ersticken. Doch, wer ist denn dieser Bursche, der so eine Macht über dich hat? Wenn es ein richtiger Mensch aus Fleisch und Blut ist, muss er, sorry, auch schon ein paar Jährchen auf dem Buckel haben.«

»Die hat er, unbestreitbar. Ist sogar noch etwas älter als ich. Jahrgang 1922. Uralt. Hinfällig. Ein richtiger Tattergreis. Selbst ich könnte ihn wahrscheinlich mit einer kräftigen Ohrfeige zu Boden strecken.« Die vage Andeutung eines Lächelns huschte über Zimmermanns Lippen. Ein kurzer Anflug nur.

»Und doch ist er für mich das … ja, das Gesicht des Hakenkreuzes. Nicht Hitler, noch Goebbels, auch nicht Himmler, Heydrich, Göring und wie sie alle hießen. Ebenso wenig die Millionen Erfüllungsgehilfen, Mitläufer und Ich-hab-von-nichts-gewusst-Chargen. Nein, für mich hat der Faschismus deutscher Machart einen einzigen Namen, eine Seele, ein Gesicht. Dem ich noch ein einziges Mal begegnen möchte. Dabei weiß ich eigentlich gar nichts über ihn, seinen weiteren Werdegang im sogenannten Dritten Reich. Außer, dass er 1935 ein glühender Nazi war. Der mir wehgetan hat. Sehr weh. Unfassbar tief.«

»Dann lass uns den alten Knaben finden, mein Freund. OK, du hast ihn in Warmbrunn wiedergesehen. Wo er aber wahrscheinlich nicht wohnt, sondern nur im Urlaub war, zur Kur oder als Tagesausflügler. Das müsste man recherchieren. Allerdings sollte man das Pferd vielleicht besser von hinten aufzäumen. Wo kommt er denn her, dein böser Dämon?«

»Vielen Dank für dein Angebot. Ja, du hast recht, ich, wir sollten die Geschichte von hinten aufrollen. Und – von hier aus. Denn Olaf, Olaf Hegerdorp kommt aus dieser Gegend. Genauer gesagt aus Althagen. Wo heute aber keine Menschen mehr dieses Namens leben. Das habe ich schon überprüft. Auch in den anderen Orten nicht. Außerdem nennt er sich inzwischen Günter. So wurde er wenigstens von einer Frau angesprochen, die ich für seine Tochter oder Schwiegertochter halte. Dieser Umstand der Namensänderung bestätigt mich ja in meiner Ahnung, dass es mit ihm und seiner Karriere bis 1945 eine besondere Bewandtnis hat.« »Da stimme ich dir zu. Neue Namen, neue Existenzen, das lässt einiges an Vermutungen zu. Aber, weißt du was? Wir machen Nägel mit Köpfen. Gleich heute. Jetzt.« Sonntag startete das Auto. Blinkte. Gab Gas. Vollgas. »In Prerow sitzt doch dieser Herr von Stenglin in seiner Bücherstube. Hinten am Bernsteinweg. Und der ist beinahe so in deinem Alter. Ich weiß zwar nicht, ob er schon immer hier oben gelebt hat, damals schon. Allerdings stammt seine Frau definitiv aus Prerow. Seine Barbara. Geborene von Wedelstädt. Der Stenglin ist noch richtig fit im Kopf. Vielleicht weiß der ja mehr? Den besuchen wir. Subito. Die Polizei kann warten.«