Akt der Liebe - Joe R. Lansdale - E-Book

Akt der Liebe E-Book

Joe R. Lansdale

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7,99 €

Beschreibung

Let there be Blood

Tod, Blut und Gewalt sind keine Unbekannten im Fifth Ward, einem berüchtigten Viertel von Houston. Doch die bestialische Hinrichtung einer Prostituierten stellt alles bisher Dagewesene in den Schatten. Ein perverser Killer sucht sich gezielt weibliche Opfer aus, um sein Verlangen nach Leidenschaft, Wut, Hass und Rache zu befriedigen. Für die Frauen beginnt ein Leben in ständiger Angst – für den Killer, der sich selbst als »Houston Hacker« bezeichnet, ist es ein Akt der Liebe.

Einer DER Klassiker des Serienkiller-Genres, jetzt endlich in überarbeiteter Neuausgabe.

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 342




Inhaltsverzeichnis
DAS BUCH
DER AUTOR
Titel
Widmung
Vorwort
Lob
DER ANFANG…
TEIL EINS – DIE JAGD BEGINNT
KAPITEL 1
MONTAG · 4.00 Uhr
KAPITEL 2
MONTAG ♦ 7.02 Uhr
KAPITEL 3
MONTAG BIS FREITAG
TEIL ZWEI – DAS BIEST ZEIGT ZÄHNE
KAPITEL 1
FREITAG ♦ 18.30 Uhr
KAPITEL 2
FREITAG ♦ 21.18 Uhr
FREITAG ♦ 23.01 Uhr
SAMSTAG ♦ 1.15 Uhr
SAMSTAG ♦ 4.58 Uhr
KAPITEL 3
MONTAG
MONTAGNACHMITTAG
DIENSTAG ♦11.15 Uhr
MITTWOCH ♦ 10.15 Uhr
KAPITEL 4
MITTWOCH ♦ 11.45 Uhr
KAPITEL 5
MITTWOCH ♦ 12.45 Uhr
MITTWOCH ♦ 13.00 Uhr
MITTWOCH ♦ 13.25 Uhr
KAPITEL 6
MITTWOCH ♦ 19.15 Uhr
MITTWOCH ♦ 20.15 Uhr
MITTWOCH ♦ 21.45 Uhr
KAPITEL 7
DONNERSTAG ♦ 9.05 Uhr
KAPITEL 8
DONNERSTAG ♦ 18.30 Uhr
DONNERSTAG · 19.00 Uhr
DONNERSTAG ♦ 19.05 Uhr
DONNERSTAG ♦ praktisch zur gleichen Zeit, 19.05 Uhr
DONNERSTAG ♦ 20.00 Uhr
TEIL DREI – DAS ENDE VON ALLEM
KAPITEL 1
DONNERSTAG ♦ 20.00 Uhr
KAPITEL 2
FREITAG · 18.00 Uhr
KAPITEL 3
SAMSTAG · 19.45 Uhr
KAPITEL 4
SAMSTAG · 23.15 Uhr
SONNTAG · 00.05 Uhr
KAPITEL 5
SONNTAG · 1.30 Uhr
KAPITEL 6
SONNTAG · 2.30 Uhr
SONNTAG · 2.45 Uhr
SONNTAG · 2.46 Uhr
KAPITEL 7
SONNTAG · 2.51 Uhr
KAPITEL 8
SONNTAG · 3.25 Uhr und später
KAPITEL 9
SONNTAG · 4.00 Uhr und später
KAPITEL 10
SONNTAG · 4.47 Uhr und später
KAPITEL 11
KAPITEL 12
KAPITEL 13
KAPITEL 14
KAPITEL 15
KAPITEL 16
EPILOG
NACHWORT
Copyright
DAS BUCH
Tod, Blut und Gewalt sind keine Unbekannten im Fifth Ward, dem berüchtigten Armenviertel von Houston, Texas. Doch die bestialische Hinrichtung einer Prostituierten stellt alles bisher Dagewesene in den Schatten. Für Detective Marvin »Gorilla« Hanson ist als Homeboy und Kenner der Szene sofort klar, dass die üblichen Motive bei diesem Fall nicht infrage kommen. Vielmehr deuten die Spuren auf einen perversen Killer hin, der nachts durch die Straßen schleicht und sich gezielt weibliche Opfer aussucht, um sein Verlangen nach Leidenschaft, Wut, Hass und Rache zu befriedigen und seinen schier endlosen Durst nach Blut zu stillen. Für die Frauen beginnt ein Leben in ständiger Angst, für Hanson ein nicht enden wollender Alptraum – für den Killer, der sich selbst als »Houston Hacker« bezeichnet, ist es ein Akt der Liebe.
Joe R. Lansdale gelang mit seinem Romandebüt, das in den USA erstmals 1981 veröffentlicht wurde, ein schockierender Blick in den Abgrund. Der Roman gilt heute als Klassiker des Serienkiller-Genres, der den Weg ebnete für Thomas Harris’ Roter Drache und
DER AUTOR
Der Texaner Joe R. Lansdale, geboren 1951, wurde berühmt mit der Serie um das Ermittlerpaar Hap Collins, einen weißen, heterosexuellen Kriegsdienstverweigerer, und Leonard Pine, einen schwarzen, schwulen Vietnam-Veteranen. Außer Krimis schreibt Lansdale Horror, Science-Fiction, Western und Fantasy, sowohl Romane als auch Shortstories und Comictexte. Neben diversen Auszeichnungen für seine Fantasyromane erhielt er 2000 den Edgar Award der American Crime Writers Association für den besten Kriminalroman des Jahres, dazu den American Mystery Award und wurde siebenmal mit dem Bram Stoker Award ausgezeichnet. Joe R. Lansdale lebt mit seiner Familie in Nacogdoches, Texas.
VORWORT
von ANDREW VACHSS
Sollten Sie auf der Suche nach etwas Nettem sein, suchen Sie weiter – für mich jedenfalls ist dieser Anlass eine besondere Ehre, und ich werde ihn nicht mit aufgeblasenen Übertreibungen vergeuden.
Es gibt nur eine Regel für das Verfassen eines Vorworts zu einem besonderen Werk: Bleib bei der Wahrheit. Kein Job für Schreiber von Klappentexten. Sollten Sie auf Adjektive stehen, dann drehen Sie weiter am Taschenbuchständer in Ihrem Flughafen. Hätte Joe einen Schwall der Anerkennung gewollt, einen Thesaurus sprengenden Lobgesang, er hätte jemand anderen gefragt.
Doch Joe spielt nicht … nicht auf diese Art.
Genreschreiberei ist eine bedrohte Spezies … die Gründe dafür sind dieselben, weswegen jedwede Spezies aus der Bahn gerät: Überbevölkerung, Inzucht, Mangel an natürlichen Feinden, Nahrungsmittelknappheit. Worte funktionieren nicht isoliert, sie beziehen ihre Kraft aus dem Nebeneinander … aus dem Kontext, aus präziser Positionierung. Aber in unserem Spiel sind Worte zu einer abgewerteten Währung verkommen – man kann nicht länger auf sie zählen. Auf unserem Spielfeld hat sich über alle Maßen Unkraut breitgemacht. Man nehme ein wenig überflüssige, tumbe Gewalt, werfe etwas aufgesetzten Sex dazu, klatsche ein paar Gedärme und Haare an die nächste Wand, träufle einen Hauch von Mystik darüber … und schon spaziert man auf der dunklen Seite. Klar. Die Genres … Horror, Krimi, Fantasy, was auch immer … alle besitzen sie ihre typischen Zufluchtsmöglichkeiten: Schreibt man etwas Dummes, ist es eine Metapher. Schreibt man etwas Kleingeistiges, ist es Satire. Verschonen Sie mich damit. Gerippe, die aus dem Kleiderschrank stürmen, haben für mich mit schriftstellerischer Freiheit nichts zu tun. Die echten Monster hocken nicht in Kellern. Sie befinden sich in den Familien und brüten vor sich hin. In Gemeinden und Gefängnissen, Drive-ins und Kindertagesstätten … lauern auf ihre Stunde. Denn sie sind keine Fiktion.
Heutzutage veröffentlicht zu werden ist ziemlich einfach. Und das ist auch gut so. Ich bin in jedem Falle für freie Auswahlkriterien. Doch das trennende Auswahlverfahren, jener natürliche, organische Prozess, in dem nur die Stärksten überleben … das gibt es nicht mehr. Womit wir es stattdessen zu tun haben, sind Gefälligkeitsdienste, Zweckbündnisse und andere erbärmliche Formen der Abschirmung gegen die ausmerzende Klinge des evolutionären Rasierers. Übersteigt die Anzahl der Auszeichnungen die der Nominierungen, fahren wir gegen die Wand. Ohne Bremsen und mit blockiertem Lenkrad.
Aber … in dieser Ecke, Joe R. Lansdale. Sohn eines Kirmesboxers, dessen einziges Vermächtnis seine Steh-auf-Qualitäten waren. Verheiratet mit einer waschechten, blonden Texas-Schönheit, die er sicherlich nicht verdient hat, betrachtet man nur sein Äußeres. Gesegnet mit zwei herrlichen Kindern, um sein eigenes Vermächtnis weiterzugeben. Ein hochrangiger Karateka, dessen Körper Spuren der Lehrzeit aufweist. Ein Mann, der mit seinen Händen gearbeitet hat, alles gemacht hat, vom Schweineschlachten bis hin zur Selbstverteidigung – und der bereit wäre, beides wieder zu tun, wenn er müsste. Hier kommt also Joe R. Lansdale. Mit dem Gang eines Samurai. Wenn Sie sich nicht ducken können, gehen Sie besser aus dem Weg. Das hier ist der einzig wahre Deal. Der echte, blaue Haiku.
Nichts erinnert mich mehr an einen stolzen Pitbull als eine Arbeit von Joe. Kein Posieren. Keine Drohgebärden. Bereit, den Preis zu zahlen. Nicht der Größte … aber mit Sicherheit der Beste. Bis zum bitteren Ende. Und von Liebe getrieben.
Bei echten Fights spielt Stil keine Rolle. Alle Champions haben diese klare Linie, die Fähigkeit, in den Rhythmus des anderen Kerls zu kommen. Fokussieren. Lasergenaue Konzentration. Hingabe.
Lesen Sie Joe Lansdale, und sehen Sie selbst. Fühlen Sie es. Man spürt, wenn eine Jungfrau eine Sexszene beschreibt. Man erkennt die kinetische Unmöglichkeit der Gewalt, wenn ein Autor noch nie in einen Fight verwickelt war. So etwas werden Sie in Joes Arbeit nicht finden – es existiert nicht. Er weiß, dass hart nicht dasselbe ist wie herzlos. Lesen Sie Joe Lansdale, und erkennen Sie die Begabung eines echten Autors … Er hat gefühlt, und er wird Sie mitfühlen lassen.
Er hat die Autos gefahren, ist dem Geld nachgejagt, hat richtige Mädels gekannt, den Psychopathen gelauscht. Er hat Ängste … gefühlt … und bekämpft. Er ist im Ring gewesen … hatte Pech … war am Boden … und ist wieder hochgekommen. Er weiß, dass man einiges geben muss, will man etwas bekommen. Er kennt die Wahrheit, und er schreibt, um sie mit anderen zu teilen.
Das nennt man Einfühlungsvermögen, Leute. Man nutzt es oder verliert es. Und es bedeutet eine Gratwanderung. In diesen ätzenden Zeiten, in denen Serienmörder angesagt sind, hat uns Joe ein Date im Drive-In verschafft … auf ganz dünnem Eis. Wer sich von diesem Klassiker des Horrors mitreißen lässt, braucht danach eine Therapie. Joe kann tun und lassen, was er will, von der respektvollen Hommage an die Gold-Medal-Paperback-Originale der 50er Jahre wie in Savage Season und Cold In July, über thematisch festgelegte Fantasy-Stories à la Cadillac Desert, bis hin zu blutdurchtränkten Moritaten wie Steel Valentine. Er kann über die Gestalt wechselnde Dämonen wie auch über Humanoide schreiben, die aus dem Sumpf kommen. Er macht Comics, Filmskripts, originelle Kritiken. Er kann sich sein eigenes Genre schaffen … Ein wundersamer Tanz übers Feuer, angesiedelt zwischen Detektivstory, Horror und Komödie. Sie glauben mir nicht? – überprüfen Sie es in The Events Concerning a Nude Fold-Out Found In A Harlequin Romance. Er kann mit der Bedeutung der Dinge umgehen und mit deren Wurzeln. Lesen Sie The Night They Missed the Horror Show oder By Bizarre Hands, und Sie werden sehen, was ich meine. Und es fühlen.
Scharfsinnig bedeutet nicht klammheimlich. Joe pflegt einen offenen Umgang mit dem, was er hasst: Gewalt in der Ehe, Rassismus, Machos, Kindesmisshandlung, sexueller Sadismus … mit miesen Kreaturen, die miese Dinge tun. Er schreibt keine unsinnige Noir Fiction … er lässt ein gleißend weißes Licht scheinen.
Akt der Liebe ist ein rohes Buch. Der Drahtseilakt eines damals aufstrebenden Schriftstellers. Vor mehr als fünfzehn Jahren eine wichtige Phase in Joes Entwicklung. Der Kampf um Vollkommenheit ist offensichtlich. Ebenso die Weigerung, aufzugeben. Ist es sein bestes Werk? Ich denke nicht. Was Joe Lansdale betrifft, ließe sich jedes als sein bestes bezeichnetes Werk als solches widerlegen. Nicht nur, weil im Hinblick auf den großen Umfang seines bisherigen Schaffens vernünftige Menschen diese Meinung nicht teilen könnten, sondern weil Joe permanent an sich arbeitet. Möglich, dass er bereits am Horizont perfekten Schreibens schwimmt … doch er wird nicht müde.
Dies ist ein wichtiges Buch. Es ist Beweis, dass Joe das Überleben versteht. Und nie aufhört zu boxen. Joe R. Lansdale ist ein amerikanisches Original. Einen wie ihn werden wir so schnell nicht mehr erleben.
Erinnern Sie sich? – Ich sagte Ihnen, der Jahrmarkt der Genres stehe vor Problemen. Bald wird ein Drachen auftauchen … hart und gewaltig. Er wird durch den Dschungel ziehen, die abgestorbenen Triebe mit seinem feurigen Atem vernichten und die, die ihm nicht entkommen, plattmachen. Ein scharfer, reinigender Wind wird wehen.
Wer kennt das Böse, das in den Herzender Menschen lauert?
- Aus dem Eröffnungsprogramm des SHADOW-Radiosenders
Blut! Bah!
- MICHAEL LE FAUCHEUR
It will have Blood.
- WILLIAM SHAKESPEARE, Macbeth
Viva la Muerte! (Lang lebe der Tod!)
- MILLAN STRAY
Ich konnte nicht lieben,nur da, wo der Tod seinen Atemmit dem der Schönheit vermischte …
- EDGAR ALLAN POE
O lass mich Dichmit dieser Klinge lieben.In Leidenschaft gewogenheben sich deine winzigen Brüsteich beobachte, wie sie verblassen.
Dann werde ich träumenvom Falkenflugund betenum eine alles verzehrende Nacht,und ich werde für den Augenblick Dein Mannund Dir Liebe zeigen,ich weiß, dass ich es kann!
DER ANFANG…
Pearl Harbor bezeichnet nicht nur den Ort, den die Japaner bombardierten; es gibt einen Namensvetter, so getauft angesichts des Blutes, das dort vergossen wurde – mehr Blut, als das ursprüngliche Pearl Harbor je sah. Er ist Teil des Ghettos von Houston, Texas, des Fifth Ward. Gleich hinter Lyons Avenue (Soul Street) und Jensen; und denkt man an Selbstmord oder möchte von einem Ohr zum anderen aufgeschlitzt werden, wäre das genau die Gegend, die man spätabends mit klimpernden Geldmünzen erkunden sollte. Genau genommen braucht man dazu gar kein Geld. Man sagt, es gebe dort Typen, die könnten nachts nicht einschlafen, bevor sie nicht jemanden umgebracht haben.
Tod, Blut und Gewalt sind also keine Unbekannten in Pearl Harbor und dem Ghetto des Fifth Ward. Es ist eine enge, schwarze Welt, vollgestopft mit Fleisch und Armut, eine Sickergrube der Verzweiflung. Verglichen mit Houstons zehn Prozent leben hier im Stadtviertel mehr als vierunddreißig Prozent der Bevölkerung unterhalb der Armutsgrenze. Das Durchschnittseinkommen im Ward liegt knapp über fünftausend Dollar, während der Gesamtdurchschnitt Houstons fast zehntausend Dollar beträgt. Wie in jedem Ghetto stecken auch hier die Bewohner tief im dunklen Morast aus Ignoranz, Schmerz und Zerstörung. Doch all dem brodelnden Hass und der explodierenden Gewalt zum Trotz hat sich, genährt von Leere und Verzweiflung, ein eigentümlicher Stolz breitgemacht. Ein Stolz, der den Bewohnern erlaubt, nicht nur mit dem Schmerz zu leben, sondern hin und wieder auch in Freuden … und mitunter sieht sich dieser Stolz mit etwas konfrontiert, das weder das eine noch das andere darstellt. Und dieses Etwas jenseits der Mühsal des täglichen Daseins im Ward ist ganz gewiss keine Freude.
Es ist eine Art des Entsetzens über etwas, was dort zwar nicht endete, aber genau dort begann.
Es war die Geburt des eiskalten, berechnenden Verrückten, der als der »Houston Hacker« bekanntwerden sollte.

SONNTAG · 23.58 Uhr

Die Erinnerung an das Blut und ihre Gegenwehr verschaffte ihm eine Erektion.
Er trat aus der Dunkelheit in das schwache Licht der Straßenlaternen. Laternen, total verdreckt, übersät mit verspritzten Überresten von Kamikazeinsekten. Der knöchellange Regenmantel, den er getragen hatte, war jetzt um das blutige Bajonett und seinen eben erworbenen Schatz gewickelt. Er hatte den Mantel unter den Arm geklemmt. In seinen Schritten lag weder Hast noch waren seine Bewegungen langsam. Sein Gesicht war schwarz geschminkt, er trug Handschuhe und hatte eine eng anliegende Strickmütze über den Kopf gezogen.
Er ging zu dem braunen VW, der am Bordstein stand und vor zwei Stunden und fünfunddreißig Minuten gestohlen worden war. Seinen eigenen Wagen hatte er auf einem 24-Stunden-Parkplatz zurückgelassen. Mithilfe eines Schlüsselbundes – die Sorte, die Profis benutzen, um unbezahlte Autos zurückzuholen – hatte er den VW nahe der Jack-In-The-Box-Hamburgerbude gestohlen. Für den Job heute Nacht. Den ersten Job von vielen.
Er öffnete den VW, glitt hinein und ließ den Motor an. Während der Motor im Leerlauf lief, wischte er sich das Gesicht mit einem Taschentuch ab. Damit es leichter ging, hatte er eine Dose Creme mitgebracht, die auf dem Beifahrersitz lag. Von Zeit zu Zeit tupfte er einen Zipfel des Taschentuchs in die Creme und trug sie auf sein Gesicht auf.
Niemals hätte er jemandem vormachen können, er sei schwarz, aber auf große Entfernung – die einzige Entfernung, aus der er gesehen werden konnte, mal abgesehen von der kleinen Niggerschlampe in der Gasse – war es eine wirkungsvolle Tarnung. Selbst an seinem Gang hatte er gearbeitet. Einmal hatte er einen Film gesehen, Cotton comes to Harlem, und in diesem Film hatte ein schwarzer Junkie einige maskierte Männer nur an ihrem Gang wiedererkannt. Er hatte so was gesagt wie: »Ich weiß, es waren Weiße, Mann. Sie rannten weiß.«
Nun, er konnte schwarz gehen. Er drehte den Deckel auf die Cremedose, steckte das schwarz verschmierte Taschentuch in die Tasche seiner Jeansjacke, legte einen Gang ein und fuhr aus der Parklücke, weg aus dem Zentrum von Houstons verruchtem Ghetto, dem Fifth Ward.
Fifth Ward. Er dachte darüber nach, kostete die Worte auf seinen Lippen aus. Fifth Ward. Die Worte schmeckten süß. Die Furcht ist besiegt, dachte er, zertreten wie eine Ameise unter meinem Absatz. In der Highschool hatten die Jungen immer gesagt: »Wenn du willst, dass man dir die Innereien rausholt, mach einen Abstecher in die Niggerstadt, fahr die Jensen rauf und runter, und einer dieser Krausköppe wird’s dann garantiert für dich tun.«
Er musste unwillkürlich lächeln. Es war eine alte Angst aus seiner Kindheit, und er hatte davon geträumt, sie zu bekämpfen. Er war kein Mann mehr, der lediglich träumte – und da war mehr, als nur die Angst zu bezwingen, viel mehr. Es ging um den Genuss, einen Genuss, den er sich, außer in seinen Träumen, lange versagt hatte. Von dem einen oder anderen Hund oder der einen oder anderen Katze, die unter seinem Messer landete, mal abgesehen. Aber das war nicht genug, nicht mehr.
Während er durch die Straßen ging, während der Arbeit beobachtete er Leute – insbesondere Frauen, meistens Frauen – und überlegte, wie es wäre, ihre Arme und Beine und Köpfe zu entfernen, und wie sie wohl aussehen würden. Kleine, zerrissene Stoffpuppen, voll mit flüssiger, roter Füllung, die herausquoll und wegfloss, und er fragte sich überdies, wie es wäre, ihr Blut zu trinken, es wie ein Hund mit der Zunge vom Boden zu lecken. Dieser Geschmack und dieser Geruch hatten ihn bis in seine Träume verfolgt, aber heute Nacht, in dieser kalten Gasse, war es kein Hund, keine Katze, es war eine Frau gewesen.
Wieder dachte er an die Furcht vor dem Fifth Ward, die er als Kind empfunden hatte, und er sprach laut mit sich selbst: »Verdammt, wenn hier jemand einen aufschlitzt, dann ich.«
O Gott, vor lauter Entzücken hätte er beinahe mit den Händen auf das Steuer gehämmert. Es war wunderbar gewesen! Viel besser als seine Träume. Viel, viel, viel besser. Das Bajonett, ein schimmernder Bogen im trüben Straßenlicht. Das Blut, ein karmesinroter Schwall versiegenden Lebens, ihre qualvollen Windungen, ihre gedämpften Schreie, die verzweifelt versuchten, den Stoff ihres Slips zu durchdringen. Und auch der Teil, als er ihr das rasiermesserscharfe Bajonett an die Kehle gehalten, ihr den Slip in den Mund gestopft und ihr immer und immer wieder gesagt hatte, er wolle sie nur vergewaltigen, war mit Sicherheit gut gewesen. Als sie geknebelt war, die Arme hinter dem Rücken gefesselt, hatte er die Klinge in einem sanften Bogen über ihren Leib gezogen, sie behutsam, aber tief eindringen lassen und beobachtet, wie die schimmernden, roten Blutstropfen aus den schwarzen Tiefen des ebenholzfarbenen Fleischs perlten.
Und dann verblasste die Erinnerung ein wenig.
An diesem Teil musste er noch arbeiten, musste lernen, sich zu konzentrieren und die Qual des Opfers und sein Vergnügen zu verlängern; doch er konnte sich noch an den Gestank und an das Geräusch ihrer Gedärme erinnern, die aus ihrem Leib quollen wie verschlungene Seile, und dann hatte er sie genommen, genau dort, in dieser Gasse, auf kaltem Asphalt, inmitten des Geruchs von Blut, Gedärmen, Exkrementen, Müll, Urin und billigem Fusel.
Ein Kinderspiel. Nur den Penis zwischen den Knöpfen des Regenmantels herausschlüpfen lassen und in sie rammen. Selbst im Sterben war ihr Gesicht ein schöner Anblick gewesen. Verdreht, ungläubig verloren die Augen ihr Feuer und fielen in die Tiefe des schwindenden Bewusstseins.
Die toten Augen waren faszinierend!
Als er fertig war, hatte er einfach seinen Regenmantel ausgezogen, die Innenseite nach außen gedreht, ihn um sein Bajonett und seinen kleinen Gewinn gewickelt und den Körper der Nacht überlassen.
Köstlich. Es war köstlich gewesen, und das Beste, der Geruch des Todes haftete noch an ihm.

MONTAG ♦·00.02 Uhr

Abgefüllt und mit dem Drang, pissen zu müssen, auf der Suche nach der Abgeschiedenheit einer Seitenstraße, um sich dort zu erleichtern, fand der schwarze Säufer – allen bekannt als Smokey – den ersten zerstückelten Körper, und als er ihn dort mit seinen vom Wein getrübten Augen im Halblicht der von Insekten umschwirrten Straßenlaterne liegen sah, entledigte sich sein Magen nicht nur des Weins, sondern auch der Reste einer Ölsardinen-Cracker-Mahlzeit.
Zuerst dachte er (zumindest hätte er das gern gedacht), es sei eine Schaufensterpuppe inmitten des Abfalls. Der Anblick und Geruch von Abfall war normal in Smokeys Welt, ebenso der Anblick von Blut und des plötzlichen Todes. Er selbst war Gevatter Tod einige Male nur mit knapper Not entkommen. Aber das hier war viel schlimmer als eine Messerstecherei am Samstagabend oder eine Schlägerei mit zerbrochenen Flaschen. Dies war Verstümmelung aus reiner Freude; das hier war krank, hatte nichts von Frustration oder Zorn. Selbst der stadtbekannte Idiot und Säufer erkannte, dass die Schaufensterpuppe keine Schaufensterpuppe war, sondern Bella Louise. Sogar in ihrem jetzigen Zustand konnte Smokey sie noch erkennen. Vor kaum einer Stunde hatte sie seine fünf Dollar genommen, ihr Höschen fallen lassen und – mit den Händen abgestützt an der Mauer einer anderen Gasse, noch schlechter beleuchtet als diese – es ihm ermöglicht, seine Leidenschaft in einer raschen Folge von Stößen herauszugrunzen.
Was Smokey für verstreuten Abfall gehalten hatte, waren in Wirklichkeit Gedärme. Aus dem Körper gerissen und umhergeworfen. Von ihrem Gesicht war gerade mal so viel übrig, um es identifizieren zu können. Die Nasenlöcher waren aufgeschlitzt, die Lippen entfernt, und ein fingerbreiter Schnitt zog sich über die gesamte Länge des Gesichtes, von der Stirn bis zum Kinn. Ihr Kopf war nahezu vom Körper abgetrennt worden. Er hing am Torso, gehalten nur durch ein dickes, blutiges Stück Fleisch und ein weißliches Knochenteil. Ein Auge fehlte. Ihre ursprünglich blaue Bluse war dunkel und feucht und bis unter die Achselhöhlen hochgezogen. Die einst wippenden Brüste waren abgehackt, hatten dunklen Quellen Platz gemacht. Ihr Leib war vom Brustbein bis zum Schritt aufgeschlitzt. Die Hose, die sie getragen hatte (war sie nicht grün gewesen und hatte geglitzert? – Smokey versuchte, sich zu erinnern), war nirgends zu sehen. Etwas Weißes, vollgesogen mit Blut, steckte in ihrem Mund.
Das Klügste wäre, dachte Smokey – später sollte ihm dieser Gedanke mit Sicherheit kommen -, aus der Gasse zu verschwinden und wie der Teufel wegzurennen. Soll der Fifth Ward seine Sachen gefälligst selbst regeln. So war es immer gewesen, so sollte es auch immer sein. Aber er konnte nicht. Bella hatte ihm kaum mehr bedeutet als zwei Minuten in der Dunkelheit, doch irgendein sechster Sinn schien ihm zu sagen, dass das hier keine typische Ward-Geschichte war. Nein. Dies war etwas völlig anderes, und so sehr er die nervigen Bullen auch hasste, er würde die Straße runter zum Weinladen traben, den er von Zeit zu Zeit überfiel, ein Telefon finden und die Cops rufen.

MONTAG · 2.38 Uhr

Heimat: ein ranziger Stadtteil, vollgestopft mit Gestank und Tod. Er konnte sich etwas Besseres leisten. Viel Besseres. Er hatte das Geld, aber diese Wohnung reichte völlig aus. Sie war sogar perfekt. Der Geruch der Straße vermischte sich mit übelriechenden Müllschwaden und dem Gestank der Alten, Kranken und Sterbenden. Wegen der billigen Miete war das Haus de facto ein Altersheim, zumeist bevölkert von alten, runzligen Frauen. Sie trugen Flanellnachthemden und flauschige Pantoffeln, die an geschlachtete Kaninchen erinnerten.
Manchmal verspürte er den Drang, diese alten Frauen aufzuschlitzen.
Hatte das alte Blut die gleiche Wirkung wie das junge? Er war neugierig.
Manchmal konnte er vor Neugier kaum einschlafen. Manchmal wollte er nach seinem Bajonett greifen, die Treppe hinuntergehen und sich die alte Frau aus dem Erdgeschoss vornehmen, um Dinge mit ihr anzustellen, Dinge, die er mit dem Mädchen in der Gasse angestellt hatte.
Aber er war zu klug. Er lebte nach dem Motto: »Piss nicht in dein eigenes Waschbecken, scheiß nicht auf deinen eigenen Teppich.« Du machst das Spiel, lässt dir nicht in die Karten gucken. Die Stadt ist voller Früchte, die nur darauf warten, gepflückt zu werden. Reife und junge Früchte und auch überreife.
Eines Tages würde es so eine Alte sein. Ganz sicher. Eine wie seine Mutter. Ein sabberndes, ekliges Maul mit Alkoholfahne und dunklem Zahnfleisch, mit verfaulten Zähnen. Augen, in denen die Sünden der Vergangenheit lauern … Yeah, genau wie seine alte Dame.
Und wenn er sie gefunden hatte … und er würde sie finden … Hack! Hack! Hack!
Den Regenmantel fest unter den Arm geklemmt, ging er die Treppe hinauf. Er schloss die Wohnung auf und trat in die Dunkelheit. Ohne das Licht anzuschalten, ging er zum Esstisch. Er fand sich auch im Dunkeln in seiner Wohnung zurecht, viel gab es nicht zu beachten. Der Tisch, zwei Stühle, ein Schreibtisch mit einer Schreibmaschine und ein ausklappbares Bett bildeten den größten Teil der Einrichtung. Es gab eine kleine Kochnische und ein enges Badezimmer mit Dusche und Wanne. Vom Fußboden mit seinem alten schmutzig braunen Holz splitterte die Farbe ab. Die Köpfe der Nägel starrten von den Dielen hoch wie winzige, feuersteingraue Augen.
Er zog seine Handschuhe aus und legte sie auf den Tisch. Darüber faltete er den Regenmantel auseinander und zog das Bajonett aus den Fleischklumpen. Er legte das Bajonett beiseite und nahm die abgehackten Brüste in beide Hände, drückte sie wie Schwämme, fühlte, wie das Blut über seine Finger und in seine Ärmel rann.
»Was für ein Gefühl!«, sagte er laut.
Er legte das Fleisch zurück auf den Mantel, ging und schaltete das Licht an. Hände und Lichtschalter waren blutig. Saubermachen würde er später. Er ging zurück zum Tisch. Die Brüste im Mantel fest an sich gedrückt, brachte
TEIL EINS
DIE JAGD BEGINNT
Es ist der Feind,von dem wir nicht erwarten,dass er am gefährlichsten ist.
- ROJAS
Verbrechen sind verbreitet. Logik ist selten.Daher ist es eher die Logik als das Verbrechen,bei der man verweilen sollte.
- SHERLOCK HOLMES
Welches Lied die Sirenen sangen,welchen Namen Achilles annahm,als er sich zwischen Frauen verbarg, rätselhafte Fragen,doch stehen sie außerhalb jeder Mutmaßung.
- SIR THOMAS BROWNE
KAPITEL 1

MONTAG · 4.00 Uhr

Sein Name war Marvin Hanson.
Er war schwarz wie eine Kohlengrube und hässlich wie ein Affe. Er war Lieutenant bei der Polizei. In Zivil. Morddezernat. Er hatte kurze Arme und abnorm große Hände mit Fingern, so dick wie Dampfwürste. Fast einsachtzig groß, wirkte er jedoch wegen seiner breiten Schultern und seines Umfanges kein bisschen größer als einssiebzig. Seine drei engsten Freunde nannten ihn Gorilla. Für alle anderen war er Marvin, Mr Hanson oder Sir. Ein paar enge Mitarbeiter riefen ihn einfach Hanson. Nicht dass Hanson darauf bestanden hätte, er war einfach eine Persönlichkeit, die einem Respekt abnötigte, widerwilligen Respekt vielleicht, aber dennoch Respekt.
Momentan war Hanson nicht besonders gut aufgelegt. Um zwei Uhr morgens hatte ihn ein Anruf aus Rachels Armen geklingelt, raus aus dem warmen Bett und hinaus in die Nacht. Das, so vermutete er, war unter anderem der Preis, den man zahlen musste, wenn man Cop war. Permanent gestört zu werden, Unannehmlichkeiten und Ärger. Ganz zu schweigen von Magengeschwüren und Hämorrhoiden.
Trotz seiner Verstimmung war Hanson auch jetzt durch und durch Polizist. Einer von der rauen Sorte, mit allen Wassern gewaschen und um keinen miesen Trick verlegen. Er war erstaunlich gebildet, ein Autodidakt. Eine Eigenschaft, die Leute oftmals in Erstaunen versetzte. Äußerlich wirkte er eher, als verbrächte er sein Leben damit, Streitigkeiten vom Zaun zu brechen und sich unbeliebt zu machen.
Wie Hanson seiner Tochter JoAnna mit Vorliebe erzählte, war er im Fifth Ward aufgewachsen, dann aber abgehauen, um das zu werden, was er immer hatte werden wollen. Ein Cop.
Gelegentlich bereute er diese Entscheidung, bereute, ein Cop geworden zu sein.
Heute Nacht war wieder so eine Gelegenheit. Dennoch war es eine Möglichkeit zur Flucht gewesen. Dem Ward zu entrinnen, raus aus dem Dreck und hinein in ein normales Leben.
Doch womöglich war ihm das gar nicht gelungen. Sicher, er lebte nicht mehr in diesen erbärmlichen Verhältnissen, aber seine Arbeit brachte ihn meistens dorthin zurück. Er kam aus dem Ward. Er kannte den Ward, und deswegen war er der richtige Polizist für den Ward. Das machte ihm den Ward nicht sympathischer. Ebenso wenig stärkte das die Sympathien des Ward für ihn. Man zollte ihm widerwillig Respekt, doch andererseits war er für sie immer noch einer aus Uptown, ein Onkel Tom, ein Niggerbulle. Er fand es seltsam, dass die Schwarzen sich über das Ghetto beklagten, weg wollten von dort, aber wenn jemand aus ihren Reihen es geschafft hatte, war er oder sie gleich ein Onkel Tom. Ziemlich paradox das Ganze.
Außer Hanson befanden sich noch zwei Männer in dem überhitzten, verqualmten Raum. Einer war sein Partner, ein großer, knochiger Weißer mit orangerotem Haar, grünen Augen und einem Hoppla-jetzt-komm-ich-Ausdruck im Gesicht. Sein schlechter Geschmack, was graue Anzüge betraf, war noch stärker ausgeprägt als Hansons. Sein Name war Joe Clark. Gerade mal drei Jahre war er Detective als Zivilfahnder. Davor Streife gelaufen und davor Student der Kriminologie. Hanson hatte Kriminologen gegenüber Misstrauen entwickelt – aus gutem Grund. Die meisten von ihnen waren so hilfreich wie ein Revolver mit Ladehemmung. Sie beherrschten den technischen Kram, nahmen zum Beispiel Fingerabdrücke von Papier und analysierten Haare und Blut, aber sie konnten Wahrheit oder Lüge vom Gesicht eines Mannes ebenso wenig ablesen wie von einer kahlen Wand. Sie verhörten alle Verdächtigen – fast alle – nach dem gleichen Schema, und das ging ungefähr so: Es ist nichts Persönliches, es ist nur mein Job. Ich weiß, die Gesellschaft hat dich schlecht behandelt, und die ganze Welt hat dir ins Gesicht geschissen, aber versteh doch, ich verdien mein Geld damit. Ich muss hier die Fragen stellen. Es ist nichts Persönliches.
Scheiße!
Es war immer persönlich. Bei diesem Geschäft gab es kein zweierlei Maß. Da waren die Guten und da die Bösen. Manchmal musste man sich auf ihr Niveau begeben, aber am Ende war es immer das Gleiche: Die Schwarzen kamen hinter Gitter, und die Weißen triumphierten. So einfach war das.
Clark, Kriminologe oder nicht, war die Ausnahme von der Regel. Er nahm es persönlich, genau wie Hanson. Polizist zu sein war Bestandteil seines Charakters, die Sehne, die seine Seele zusammenhielt. Er hatte keine Angst, den Weg bis zum Ende zu gehen. Einen Schuldigen nicht wirklich festzunageln, sich nicht wirklich darum zu kümmern, ob man einem Mörder ein Geständnis entlockte oder nicht, war dasselbe, wie ein blutiges Kaninchen zwischen die Kiefer eines Jagdhundes zu klemmen, sich umzudrehen und zu sagen: »Mr Dog, bitte fressen Sie das Kaninchen nicht.« Das lief einfach nicht.
Clark war ein guter Partner. Der Bestechungsskandal des Houston Police Departement in Verbindung mit Großhändlern hatte Hanson und ihn tief verletzt. Verletzt deswegen, weil die meisten Beschuldigungen zu Recht erhoben wurden. Er zog immer größere Kreise, und die Spatzen pfiffen’s von den Dächern. Doch Hanson und Clark versuchten ihr Bestes. Gelegentlich wurden sie grob, noch öfter drohten sie mit Gewalt, zugegebenermaßen nicht unbedingt legal, aber sehr wirkungsvoll. Der bloße Anblick von Hansons riesigen Pranken, die sich zusammenballten, genügte, um jemand geständig zu machen.
Der dritte Mann im Zimmer, Smokey, drehte seine ausgeblichene Baseballmütze in den Händen, als wäre sie etwas Lebendiges, das er zu erwürgen versuchte. Er saß auf einem Stuhl mit gerader Lehne, leicht vornübergebeugt, Beine in Abwehrhaltung gespreizt. Mit wässrigen Augen sah er zu Hanson hoch und erblickte die milchig verschleierten blauen Augen eines Weißen im Gesicht eines Schwarzen.
»Ich hab’s gewusst. Wär besser, ich hätt mich gleich verpisst und das Ding liegen lassen«, sagte Smokey.
Drohend beugte sich Hanson über ihn: »Niemand setzt dich unter Druck. Fang nochmal von vorn an.«
»Mann«, wimmerte Smokey. »Hab Ihnen doch schon alles gesagt.«
Etwas ungeduldiger als zuvor sagte Hanson: »Von vorn. Ich kenn deinen traurigen Arsch, solange ich denken kann, Smokey. Du bist keinen Pfifferling wert, du weißt es, ich weiß es, und jeder, der dir nur fünf Minuten zuhört, wenn du dein Maul aufmachst, weiß es auch. Aber ich glaube nicht, dass du Bella umgebracht hast. Beruhigt dich das?«
»Aber ich würd’nen guten Täter abgeben für euch, oder, Cap’n?«
»Lieutenant, nicht Captain. Nein. Würdest du nicht. Hättest du dieses Mädchen aufgeschlitzt, so wie Higgins sagt, dass sie aufgeschlitzt worden ist, würdest du …«
Smokey fiel ihm ins Wort. »Sie haben sie noch nicht gesehen?«
Hanson schüttelte den Kopf. »Dieser Fall wurde mir gerade erst übertragen. Ein Anruf, und Higgins meint, der Captain will mich drauf ansetzen. Jetzt bin ich dran. Mehr weiß ich nicht. Higgins hat gesagt, es sei’ne schöne Schweinerei. Okay, Smokey? Zufrieden? Ich stelle hier die Fragen. Verstanden?«
Smokey nickte.
Hanson nahm eine dicke King Edward aus seiner Jackentasche, zündete sie mit einem Streichholz an, saugte dran und blies den Rauch langsam zu den Nasenlöchern raus. »Wie bereits gesagt, es sieht nicht so aus, als wärst du’s gewesen, aber …« Hanson machte eine Pause. Das Rauchen der Zigarre glich einer Inszenierung.
»Aber was?«, fragte Smokey ungläubig.
Hanson beugte sich dicht über Smokeys Gesicht, roch die verfaulten Zähne und die abgestandene Alkoholfahne. »Man könnte es so hinbiegen, als wärst du’s gewesen. Ich meine, wenn du uns jetzt nicht gleich alles lieferst, was du weißt, dann kann es bald schlecht für dich aussehen, Smokey. Sehr schlecht. Kapiert? Okay, lass uns alles nochmal durchgehen, und du antwortest direkt auf meine Fragen. Versuch nicht, mich zu verarschen. Du hast nicht das Zeug dazu … und glaub ja nicht, wir hätten die Zeiten mit der Gummischlauchmethode völlig hinter uns gelassen. Du hast gehört, was mit Leuten passiert, die meinen, schlauer als wir zu sein. Nicht wahr, Smokey?«
»Ja, hab ich.«
Clark hatte Mühe, einen Lachanfall zu unterdrücken. Es war ein grausamer Schachzug von Hanson, so mit dem alten Mann zu spielen, aber er würde sofortige Ergebnisse zeitigen. Unglücklicherweise hatte das Houston Police Departement nämlich den Ruf, Drohungen wahrzumachen.
»Hast du verstanden, was ich gesagt habe?«, fragte Hanson.
»Ich hab Sie verstanden.«
»Du wirst auf der Stelle reden?«
»Ich werde auf der Stelle reden, Mr Hanson.«
»Wie schön. Ich hab nichts anderes erwartet«, sagte Hanson. Er richtete sich auf, nahm die King Edward aus dem Mund und hielt sie in seiner hohlen, bärenartigen Pranke. »Ich hab nie dran gezweifelt. Nicht eine Minute. Nicht eine Sekunde.«
Hanson drehte sich zu Clark um und sagte: »Schalt den Rekorder ein, Joe.«
Clark fragte Smokey: »Bereit?« Das war eines von insgesamt drei Worten, die er während der ganzen Vernehmung gesagt hatte. »Setz dich« lauteten die anderen beiden.
Smokey nickte zum Zeichen, dass er bereit sei. Er gab seiner verdrehten Baseballkappe eine Verschnaufpause, legte sie auf sein Knie und starrte sie an, als hätte er sie eben erst dort entdeckt.
Clark schaltete den Rekorder ein.
Hanson sagte: »Geben Sie bitte Ihren Namen an.«
»Smokey.«
»Ihren vollen Namen, bitte.«
»Clarence Montgomery. Mein Vater nannte mich immer Smokey, und so nennen mich auch die meisten Leute.«
»Sie behaupten, heute Nacht eine Leiche gefunden zu haben, eine Frau, die Ihnen unter dem Namen Bella Louise Robbins bekannt ist. Können Sie uns sagen, wo sich das ereignete?«
»Ich behaupte gar nichts«, sagte Smokey. »Ich hab Bella nur gefunden, total aufgeschlitzt …«
»Können Sie uns sagen, wo?«, warf Hanson ein.
»Zur Hölle, Mr Hanson, Sie wissen, wo.«
Hanson sagte zu Clark: »Würdest du bitte den Rekorder abschalten.«
Clark schaltete den Rekorder ab.
Ängstlich spannte Smokey die dicken Lippen über seine fauligen Zahnstummel und sagte: »Ich hab’s versaut, stimmt’s?«
Hanson nickte bedächtig. »Du hast es versaut. Beantworte einfach nur die Fragen, die ich stelle. Mach’s hübsch kurz. Als würdest du’s jemandem erzählen, der noch nie was davon gehört hat. Verstanden?«
Smokey nickte.
»Ich habe gefragt, ob du verstanden hast?«
»Ich hab’s verstanden.«
»Ich will nicht nochmal die Aufnahme unterbrechen und es wieder erklären müssen.«
»Nein, Sir.«
»Wenn ich die Aufnahme nochmal unterbrechen muss, lass ich Joe Gummischläuche und eine Zange holen.«
»Zange? Wofür die Zange?«
»Das willst du nicht wirklich wissen. Wirst du’s jetzt packen?«
Smokey nickte. »Was?«
»Ja.«
»Ja, was?«
»Ich werd’s jetzt packen.«
»Schalt an, Joe.«
Clark drückte auf Aufnahme. Smokey erzählte seine Geschichte, diesmal der Reihe nach, knapp und ohne dass der Lauf des Bandes unterbrochen werden musste. Als er fertig war, entließen sie ihn. Sie hätten ihn dabehalten können, aber sie sahen keinen Grund dafür. Smokey war keine große Hilfe gewesen, außer dass er die Tat als Erster angezeigt hatte, und Hanson räumte Clark gegenüber ein, dass genau das ihn überraschte.
Clark fragte: »Was glaubst du, warum hat er es gemeldet?«
Hanson schüttelte den Kopf. »Kann ich nicht sagen, aber ich habe da so ein Gefühl.«
»Okay, Sherlock. Was für ein Gefühl?« Joe fischte eine Kool aus der Packung und zündete sie mit einem Bic-Feuerzeug an.
»So ein Gefühl eben.«
»Yeah.«
»Es spricht nichts dafür.«
»Sag schon. Du und ich, wir reden nicht zum ersten Mal über das Bauchgefühl von uns Polizisten. Wir haben schließlich einiges darin investiert, richtig?«
Hanson stieß Rauch aus: »Yeah, richtig.«
»Also los, sag’s mir, einfach aus dem Bauch heraus. Warum kam er her, obwohl er es sonst nie tun würde?«
Hanson lehnte sich mit der Hüfte gegen den langen Tisch, auf dem der Rekorder stand, und paffte seine Zigarre, bis sein Kopf in graue Rauchschwaden eingehüllt war.
Er sagte: »Ich glaube, er hat’s angezeigt, weil er etwas gespürt hat. So was entwickelt man, wenn man auf der Straße lebt. Du hast gehört, wie er die Leiche beschrieben hat. Ihm wurde fast übel dabei. Ich weiß, dass Smokey schon einige Messerstechereien gesehen, die eine oder andere leichte Operation sogar selbst durchgeführt hat. Er war in Panik, weil das seiner Meinung nach – und dem stimme ich zu – nicht das Werk eines spontanen Killers war.«
»Das würde ich auch so sehen«, sagte Joe.
»Es war vorsätzlich geplant und ein Lustmord. Smokey sagt, Bella habe ausgesehen wie ein geschlachtetes Schwein, nur schlimmer. Es handelt sich um bewusste Verstümmelung, wenn seine Beschreibung zutrifft.«
»Viele im Ward könnten es gewesen sein. Zum Teufel, Gorilla, keiner weiß das besser als du.«
»Kann sein. Will ich nicht bestreiten. Aber das hier ist’ne andere Kategorie. Wenn Smokey Recht hat, wenn es so ist, wie er sagt, fürchte ich, haben wir es mit etwas ganz Abartigem zu tun.«
»Ein schwarzer Skidrow Slasher?«
»Gut möglich. Von euch Weißärschen kurven nach Mitternacht nicht viele im Ward herum, es sei denn, sie verkaufen weißes Pulver, von dem ein paar Leute dort glauben, sie brauchen es, um morgens aufstehen zu können.«
»Möglicherweise hat’s ein Dealer getan und tarnt das Verbrechen als durchgeknallten Mord. Das wäre ein Aspekt. Andererseits könnte Bella auch Drogen beiseitegeschafft haben, ich meine, ihre Akte zeigt, dass sie schon mal erwischt wurde, als sie auf Drogen war, nichts Konkretes in den Augen des Gesetzes, aber wir beide wissen, was das heißt. Das wäre ebenfalls ein Aspekt. Es könnte tatsächlich ein Dealer gewesen sein. Er hat so seine Spuren verwischt. Oder Bella hat selbst gedealt, und jemand war der Meinung, nichts hinblättern zu müssen, nimmt ihr den Stoff ab und legt sie um. Was meinst du?«
»Vielleicht.«
»Aber du glaubst nicht daran, oder?«
»Nicht so ganz.«
»Was vermutest du?«
»Weiß noch nicht.«
»Los, Gorilla. Was denkst du?«
»Ich denke, es wäre eine gute Idee, sich zuerst die Leiche anzusehen.«
»Prost Mahlzeit«, sagte Clark. »Dann mal los.«
Das Leichenschauhaus ist rund um die Uhr geöffnet.
Immer ist jemand im Dienst. Nie ist wegen Urlaubs geschlossen. Nicht zu Weihnachten und nicht am Geburtstag des guten, alten George Washington. Es ist der Palast des Todes und der Obduktion. Dort ist mehr los als in der Innenstadt. Ständiger Kundenverkehr. Sie kommen die ganze Nacht über vorbei, die meisten in weißen Wagen mit blauen und roten Lichtern.
Heute Nacht hat das Leichenschauhaus eine neue Kundin. Ihr werden besondere Privilegien zuteil. Man hat den Chefpathologen des Houston Medical aus dem Schlaf geholt.
Es habe einen entsetzlichen Todesfall gegeben, wird ihm gesagt, einen ungewöhnlichen Todesfall, und er müsse noch heute Nacht eine erste Untersuchung der Leiche vornehmen und morgen, nach einer Pause (und schlafen Sie nicht zu lange), eine detaillierte Autopsie durchführen. Es gehe dabei nicht um die Feststellung der Todesursache, die sei offensichtlich, sondern um Spuren, die der Mörder hinterlassen habe und die zur Feststellung seiner Identität führen könnten. Blut, das sich von dem des Opfers unterscheidet, Hautpartikel unter den Fingernägeln, Schamhaare, Samenflüssigkeit und dergleichen. Keine übermäßig schwierige Aufgabe. Eine Aufgabe, die viele im Leichenschauhaus lösen können. Aber in einem Fall wie diesem, möglicherweise die Tat eines Psychopathen, wollen die Verantwortlichen den Besten. Und Doktor Warren ist der Beste.
Doc Warren ist da, schlüpft in seine Arbeitskleidung: weißer Kittel, darüber eine grüne Plastikschürze. Um die Leiche in Augenschein zu nehmen, rollt er sie mithilfe eines Assistenten, dessen lange, magere Gestalt ganz ähnlich eingekleidet ist, erst einmal aus dem Kühlfach heraus.
Die eisige Luft von dort spuckt ihre Kälte auf die beiden. Mit professioneller Leichtigkeit schieben sie den Rolltisch mit dem Körper darauf vor sich her. Das weiße Tuch, das die Leiche bedeckt, ist voller roter Flecken. Die beiden nehmen es kaum wahr.
Sie rollen die Leiche zu einem der metallenen Autopsietische im Raum, den Warren liebevoll den Schneideraum nennt, und wieder, wie schon all die Jahre, stößt er sich den Kopf an der Waage, die am Kopfende des Tisches hängt. Dann spricht er seine inzwischen sprichwörtliche Zeile: »Eines Tages werde ich mich rechtzeitig daran erinnern.«
Der Helfer quittiert es mit einem ergebenen Lächeln. Der Rolltisch verfügt über eine Kippvorrichtung. Sie betätigen sie, um die Leiche auf den Autopsietisch zu schieben. Doc Warren greift nach dem Tuch und zieht es zurück.
Die Augen des Pflegers weiten sich. Er hat viel gesehen in den vergangenen zwei Jahren, aber so etwas noch nicht.