Das Dixie-Desaster - Joe R. Lansdale - E-Book
Beschreibung

Einem alten Freund einen Gefallen tun und dessen Enkeltochter aus Drogensumpf und Prostitution befreien, das ist die eine Sache. Aber gleich die ganze Gang und ihren Trailer kurz und klein schlagen und obendrein den Drogenvorrat ins Klo kippen, das ist eine Kampfansage. Die Bosse im Hintergrund sind sauer. Hap und Leonard haben sich nichts ahnend mit dem organisierten Verbrechen angelegt, und die Dixie-Mafia schlägt gnadenlos zurück. Korrupte Bullen und Profikiller rücken unserem tapferen Duo auf die Pelle, und auch das FBI mischt mit. Das kann nur auf eine Art enden: mit einem Desaster. "Warum sollten wir was Kluges, Ungefährliches und Wohldurchdachtes tun, wenn wir einfach hinfahren und Krawall machen können?" "Manchmal klappt das." "Manchmal schon. Und manchmal kriegen wir aufs Maul." Country Noir meets Buddy Comedy − auch Joe R. Lansdales neuester Roman um das ungleiche Heldengespann Hap Collins und Leonard Pine gehört wieder zum Derbsten, Witzigsten, Ehrlichsten und Herzerwärmendsten, was die heutige Kriminalliteratur zu bieten hat.

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Seitenzahl:389

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Impressum

Vanilla Ride

Die Originalausgabe ist 2009 bei Alfred A. Knopf erschienen.

© 2009 by Joe R. Lansdale

Mit freundlicher Genehmigung des Autors

© dieser Ausgabe 2015 by Golkonda Verlag GmbH

Alle Rechte vorbehalten

Lektorat: Robert Schekulin

Korrektur: Robert Schekulin & Anne-Marie Wachs

Gestaltung: s.BENeš [www.benswerk.de]

E-Book-Erstellung: Hardy Kettlitz

Golkonda Verlag

Charlottenstraße 36

12683 Berlin

golkonda@gmx.de

www.golkonda-verlag.de

ISBN: 978-3-944720-65-4 (Buchausgabe)

ISBN: 978-3-944720-66-1 (E-Book)

Inhalt

Titel

Impressum

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Kapitel 37

Kapitel 38

Kapitel 39

Kapitel 40

Kapitel 41

Kapitel 42

Kapitel 43

Kapitel 44

Kapitel 45

Kapitel 46

Kapitel 47

Kapitel 48

Kapitel 49

Kapitel 50

Kapitel 51

Kapitel 52

Kapitel 53

Kapitel 54

Kapitel 55

Kapitel 56

Kapitel 57

Kapitel 58

Kapitel 59

Weitere Bücher aus dem Golkonda Verlag

The pistol

is the devil’s

red right hand.

Saul Bellow

Der Mensch macht alles zu einer Waffe.

Sogar seine Zunge.

Hap Collins

Für alle Hap und Leonard-Fans.

Danke, ihr Spinner.

Kapitel 1

Ich hatte mir schon länger keine Kugel mehr gefangen, und seit einem Monat oder zwei hatte mir niemand mehr auf den Schädel gehauen. Das war fast ein Rekord, und so langsam bekam ich das Gefühl, ich wär was Besonderes.

Im ersten Stock unserer kleinen Bude, wo wir zur Miete wohnten, lagen Brett und ich gerade keuchend im Bett. Wir hatten die Ziellinie eines heißen, trägen Rennens überquert, das manchmal wie ein Wettkampf wirkt, aber wenn man es richtig anstellt, fühlt sich dabei auch der als Sieger, der als Letzter eintrudelt.

In diesem Augenblick war das Leben schön.

Brett setzte sich auf, knuffte sich ihr Kissen im Rücken zurecht und strich sich das lange, blutrote Haar aus der Stirn. Dann reckte sie die Brust vor, sodass ich mir wie der größte Glückspilz aller Zeiten vorkam, und sagte: »Das hat so richtig Spaß gemacht – fast wie damals, als ich dem rothaarigen Liliputaner eins mit der Knarre übergebraten hab.«

»Mensch, da kommt bei mir aber Stimmung auf«, sagte ich. »Ich glaube, der kleine Hap hat sich gerade ein Versteck gesucht.«

»Und ich dachte, der wär eben erst aus seinem Versteck rausgekrochen«, antwortete sie und zwinkerte mir zu. Tja, dabei hatte Brett wirklich mal einem Liliputaner eins mit der Knarre übergezogen. Ich hatte es selbst gesehen. Sie war damals auf der Suche nach ihrer Tochter, wollte ihr das Leben retten, aber das Ganze wurde eine ziemlich hässliche Geschichte, und ich trug auch meinen Teil dazu bei. Eins muss ich dem Liliputaner allerdings zugutehalten: Er steckte seine Prügel mit stoischem Stolz ein und nahm dabei sogar seinen Cowboyhut ab, einen teuren Stetson. Er wollte die Schläge direkt auf den Schädel kriegen, und da bekam er sie auch hin.

»Weißt du was, ich glaube, sie werden lieber Kleinwüchsige genannt statt Liliputaner oder Zwerg«, erwiderte ich.

»Sag bloß. Was die anderen angeht, keine Ahnung, aber den, den ich in der Mangel hatte, nenne ich einfach Knarrenkopp.«

»Hast du eigentlich manchmal ein schlechtes Gewissen deswegen?«

»Nö.«

»Du weißt ja, dass er gestorben ist.«

»Nicht wegen meiner Knarre.«

Auch das stimmte. Niedergestreckt hatte ihn schließlich jemand anderes, aber Junge, Junge, Brett hatte sich schon mächtig ins Zeug gelegt. Außerdem hatte sie ihrem Exmann den Kopf angezündet und das Feuer dann mit einer Schaufel gelöscht, nicht mit einem Wasserschlauch, und den Unterschied hat er gemerkt. Manchmal konnte meine Süße einen Mann ziemlich nervös machen.

»Apropos Zwerg«, sagte sie und griff mir in den Schritt.

»Zwerg?«, fragte ich. »Soll mir das vielleicht einheizen?«

»Nein. Das Einheizen übernehme ich.«

Mit einem Kichern rutschte sie zu mir rüber, ich nahm sie in den Arm, und wir schmiegten uns aneinander. Gerade sah alles betriebsbereit aus, da klopfte es an der Tür.

Typisch.

Ich schaute zu der Uhr auf dem Nachttisch. Eine Stunde vor Mitternacht.

Wieder klopfte es, diesmal etwas lauter.

Ich stand auf, schlüpfte in meinen Morgenmantel und meine Hasenpuschen und fluchte. »Merk dir, wo wir waren. Ich geh nur schnell runter und töte einen spätabendlichen Bibelverkäufer.«

»Bringst du mir bitte seinen Kopf mit zurück?«

»Auf ’nem Silbertablett.«

Kapitel 2

Im Erdgeschoss ging ich erst mal zum Fenster, schob den Vorhang beiseite und spähte raus. Zwei große schwarze Männer, einer davon mit Gehstock, standen auf der Treppe. Mein bester Freund, Leonard Pine, und noch ein Kumpel, der Ex-Bulle Marvin Hanson.

Ich öffnete die Tür.

»Freut mich nicht im Geringsten, dich zu sehen«, sagte ich zu Leonard.

Leonard drängte ins Haus. Rausgeputzt mit Cowboystiefeln, Jeans, einem verwaschenen Hemd mit Druckknöpfen, das an seinen breiten Schultern ein bisschen spannte, und einem selbstgefälligen Grinsen. »Das ist aber nicht nett.«

»Dein Timing ist wie üblich unfehlbar, Bruder«, sagte ich.

»Danke schön.«

»Hut und Gaul hast du auf der Koppel gelassen?«

»Den Hut hat jetzt der Gaul auf«, sagte Leonard. »Nach dem ganzen Spaß, den wir hatten, verdient er ein Zeichen meiner Wertschätzung. Wirst sehen, der ruft mich morgen an.«

»Tagsüber bist du witziger«, sagte ich.

Marvin kam etwas langsamer rein und stützte sich auf seinen Stock.

»Nette Hasenfüße.« Er deutete mit dem Kinn auf meine Puschen.

»Ja, das sind jetzt meine neuen Freunde«, antwortete ich. »Du bist ja schon wieder ziemlich flott unterwegs.«

»Hättest mich mal sehen sollen, bevor wir tanzen waren. Diese Hip-Hop-Schritte sind echt anstrengend.«

»Wir waren Tacos essen«, sagte Leonard. »Mit dem Kerl da ist nix anzufangen. Was der sich unter Spaß vorstellt, ist ein Kaugummi mit Fruchtgeschmack.«

»Wo ist deine bessere Hälfte?«

»John?«

»Nein. Winston Churchill.«

»Er ist sauer auf mich.«

»Stell sich das einer vor.«

»Nichts Wildes. Ich glaub, wir haben uns gegenseitig als Zicke beschimpft, und dann bin ich so wütend geworden, dass ich mitten aufs Bett hätte kacken können, und genau das hab ich auch gemacht.«

»So genau wollte ich’s gar nicht wissen.«

»Irgendwann vergessen wir beide, worum es eigentlich ging, und warten jeder auf eine Entschuldigung. Ich werd natürlich nachgeben, und dann ist alles wieder in Butter. Hast du was zu essen da?«

»Ich dachte, ihr hattet gerade Tacos?«

»Ist schon wieder zwei, drei Stunden her.«

»Ich bin momentan nicht unbedingt in Spendierlaune«, sagte ich. »Warum sollte ich dir was auftischen?«

»Haben wir bei irgendwas gestört?«, fragte Leonard, schlüpfte in die Küche und öffnete den Kühlschrank.

»Ja, Brett und ich hatten gerade das Schachspiel aufgebaut. Marvin, warum gibst du dich überhaupt mit diesem Penner ab?«

Marvin pflanzte sich in einen weichen Sessel, streckte das Bein aus und rieb sich das Knie. »Weil ich Mitleid mit ihm habe.«

»Und warum lässt du zu, dass er mich belästigt?«

»Leonard meinte, du freust dich über nächtliche Besucher.«

»Leonard ist ein mieser Lügner.«

»Hallo, Jungs«, sagte Brett.

Ich drehte mich um und sah, wie sie in einem kurzen weißen Morgenmantel die Treppe runterkam. Ihr Haar war vom Bett zerzaust, und ihre Beine waren lang genug, um eine Giraffe in den Wassertod zu treiben. Sie hatte die Augen noch halb geschlossen, und sie war wunderschön.

Mit leeren Händen kam Leonard zurück ins Wohnzimmer.

Brett nahm die letzten Stufen. »Hi, Leonard.«

»Hi, Brett. Habt ihr irgendwas zu essen?«

»Lässt John dich so spät noch draußen spielen?«, fragte sie.

»Ich mach’s morgen wieder bei ihm gut«, sagte Leonard. »Ich kenn da ein paar Tricks, Süße. Wenn du willst, zeig ich Hap welche davon, wenn auch nur rein theoretisch, versteht sich.«

»Hast in Bio wohl nicht aufgepasst«, sagte ich. »John und Brett, da sind die Rohre anders verlegt. Das funzt nicht.«

»Hi, Marvin«, sagte sie.

Marvin lächelte und winkte ihr kurz zu.

»Ich hab Lust auf Milch und Kekse«, sagte sie. »Will noch jemand?«

»Ich, ich«, sagte Leonard. »Sind das ganz zufällig … Vanillekekse?«

»Zufällig ja«, antwortete Brett. »Hap kauft sie immer nur für dich, Schätzchen. Und deine Lieblingscola haben wir auch da, Dr Pepper. Von der einzigen Fabrik, die nach Originalrezept braut. Wir sind extra hingefahren, um sie zu holen.«

»An der Fabrik kamen wir sowieso vorbei«, sagte ich, »also dachte ich, warum nicht.«

Leonard schaute mich an und klimperte mit den Wimpern. »Du bist der süßeste Mistkerl, der sich je zum Scheißen hingehockt hat.«

»Die Plätzchen sind nicht nur für dich«, erwiderte ich. »Ich mag die auch. Und Dr Pepper genauso.«

»Er lügt«, sagte Brett. »Er hat sie nur für dich da. Er selbst trinkt ja immer diesen zuckerfreien Mist. Setz dich einfach. Milch oder Dr Pepper zu deinen Keksen?«

»Musst du da noch fragen?«, entgegnete Leonard.

»Marvin, was ist mit dir?«

»Milch und Kekse wär nett.«

»Sehr schön«, sagte sie. »Hap, schwing deinen Arsch in die Küche und hol die Kekse. Für mich auch ein paar. Zack, zack.«

Ich machte mich auf zur Küche und wollte gerade an ihr vorbei, da griff sie nach meinem Arm. »War nur ein Scherz«, sagte sie. »Ich hol schon. Wollte nur mal sehen, wie gut du dressiert bist. Du bekommst eine Eins. Nachher kriegst du noch ein Leckerli von mir, und zwar keinen Hundekuchen.«

Sie beugte sich vor und gab mir einen Kuss auf den Mund.

Als ich das Wohnzimmer wieder betrat, sagte Leonard: »Braves Hundchen. Als Nächstes holst du noch die Zeitung und kackst in den Vorgarten.«

»Das ist mein großes Ziel.«

Ich setzte mich aufs Sofa, weit weg von Leonard, der sich die Schuhe von den Füßen geschüttelt hatte und die Beine langmachte.

»Ich kapier einfach nicht, was Brett in dir sieht, Hap«, sagte Leonard.

»All die Dinge, die du nicht siehst«, antwortete ich.

»Und auch gar nicht sehen will.«

»Mir kommt so der Verdacht«, sagte ich, »dass ihr vielleicht gar nicht extra hergekommen seid, um mein Liebesleben zu sabotieren und Kekse mit Milch zu futtern.«

»Ich futter Kekse mit Dr Pepper«, sagte Leonard. »Hast du doch extra für mich besorgt.«

»Fahr zur Hölle, Leonard.«

»Du hast recht, Hap«, sagte Marvin. »Wir sind nicht nur zum Naschen hergekommen. Es steckt ein bisschen mehr dahinter.«

Kapitel 3

Wir verdrückten unsere Kekse mit Milch, Leonard seine Kekse mit Dr Pepper, und dann ging Brett hoch ins Bett. Das versprochene Leckerli würde warten müssen. Meiner Meinung nach trug Leonard die Schuld an dem Aufschub, und er bekam von mir einen Eintrag ins imaginäre Klassenbuch. Kein Bienchen für dich, du Arsch. Nächstes Mal würde ich RC Cola besorgen statt Dr Pepper, mal sehen, wie ihm das gefiel. Vielleicht würde ich sogar diese ekligen Kokoskekse kaufen, die er so hasste. Ich hasste sie auch, aber als Strafe war es eine Überlegung wert. Schließlich gingen wir in den Vorgarten, damit Brett nicht von unserem Geschwätz gestört wurde. Sie hatte ein paar Gartenstühle aus Metall gekauft und draußen aufgestellt, und ich stapfte jeden Morgen mit der Erwartung raus, dass sie vom Alu-Onkel mitgeschnackt worden wären, da unsere Wohngegend allmählich verkam. Früher hätte man seinen Geldbeutel auf der Verandaschaukel vergessen können, und niemand hätte sich drum geschert. Heutzutage konnte man keine Käsereibe draußen liegen lassen, ohne dass jemand kam und die Löcher klaute.

Es war ein schöner Abend. In unserer Straße gab es nicht allzu viele Laternen, und der Himmel war klar, sodass man zwischen den Ulmenzweigen die Sterne sah. Zum Grillen war es zu kühl, und die Straße vor dem Haus lag verlassen da. Die Luft roch frisch und ein bisschen süß, wie Babyatem, und in diesem Augenblick war ich froh, dass wir hier in diesem Haus mit diesem Vorgarten und dieser großen Ulme wohnten, in Verhältnissen, die in den alten Büchern über den Süden als stolze Armut bezeichnet wurden.

Wir ließen uns auf den Gartenstühlen nieder, und ich schlug ein Bein über und wippte mit dem Hasenpuschen.

»Alter«, sagte Leonard, »du hättest dir wenigstens eine Hose anziehen können. Dieser Morgenmantel lässt ein bisschen tief blicken.«

»Wer hat, der kann, das ist mein Motto«, sagte ich.

»Bei dem, was du da hast, möchte man sich glatt ’ne Knarre an den Schädel halten.«

Marvin sagte: »Ich hätte einen Job anzubieten.«

»Du wirst begeistert sein, Hap«, sagte Leonard.

Ich schaute Marvin an. »Werd ich das?«

»In einen Freudentaumel wirst du wohl nicht ausbrechen, aber hör’s dir mal an«, antwortete Marvin. »Meine Tochter hat eine Tochter, und deren Freund schlägt sie andauernd.«

Das passte ja zu meiner Unterhaltung mit Brett von eben. Vielleicht sollte ich sie einfach mit einer Schaufel da rüberschicken. Falls ein Kleinwüchsiger dabei war, konnte ich ihr eine Pistole mitgeben.

»Der Freund? Von deiner Enkelin?«, fragte ich. »Wie alt ist sie überhaupt, zwölf?«

»Achtzehn.«

»Ach komm!«, sagte ich.

»Sie wachsen immer schneller.«

»Und ein süßer Fratz ist das«, bemerkte Leonard. »Solltest sie mal sehen. Eine versaute alte Hete wie du, du wärst hin und weg.«

»Kennst du sie?«

»Von ’nem Foto.«

Ich wandte mich Marvin zu. »Und worum genau geht’s?«

»Tja, er hat sie verprügelt, und ich bin zu ihm hin und hab ihn gerade erwischt, als er in seine Einfahrt reinkam. Er ist ausgestiegen, und ich hab ihn ein klein wenig mit meinem Stock geschlagen. Hat mich ziemlich geschlaucht. Mein Stock hat auch ein bisschen drunter gelitten, und ich hab mir ein paar gute Schuhe zerschrammt. Musste mir ’nen neuen Stock besorgen und die Schuhe putzen lassen. Mit ’nem Vierteldollar kommt man da nicht mehr weit. Übrigens machen das jetzt weiße Jungs. Die verlangen mindestens fünf Dollar.«

»Inflation«, sagte Leonard.

»Wie alt ist denn dieser Freund?«, fragte ich.

»So Mitte zwanzig«, sagte Marvin. »Genau weiß ich’s nicht. Alt genug, um ein besserer Mensch zu sein. Alt genug, dass ich ihn umbringen und in irgendeinem Loch verscharren könnte.«

»Du hast ihn also mit deinem Gehstock vermöbelt, und jetzt willst du … was genau?«, fragte ich. »Hört sich doch eigentlich an, als hättest du dich um das Problem gekümmert und ihm den Schädel zurechtgerückt. Hast du den alten Stock in seinem Arsch stecken lassen und wir sollen ihn jetzt zurückholen?«

»Das Ding ist«, sagte Marvin, »ihm hat’s nicht so gepasst mit der Tracht Prügel, und er hat Freunde, die er dazuholen kann. Außerdem wird mein Bein zwar gerade besser, aber so ganz in Ordnung ist es noch nicht. Einem kann ich den Arsch problemlos versohlen, aber bei mehreren Ärschen bin ich mir da nicht so sicher. Ich werde nur mit einem Arsch auf einmal fertig, und das vielleicht auch nur einmal die Woche, nicht allzu bald nach dem Mittagessen und rechtzeitig vor Sonnenuntergang und wenn die Sterne gerade richtig stehen … Ich hab Glück gehabt, dass ich ihn allein erwischt hab, ohne seine Gang.«

»Mal ’ne ganz blöde Frage«, sagte ich, »wo du doch früher ein Bulle warst, ist dir da mal der Gedanke gekommen, zur Polizei zu gehen und ihn wegen häuslicher Gewalt anzuzeigen?«

»Tja, an dem Punkt wird’s haarig«, sagte Marvin.

»Ich steh auf haarig«, sagte Leonard.

»Weißt du, meine Enkelin Julia – wir nennen sie Gadget – der ihr Freund ist so ’ne Art Drogendealer.«

»So ’ne Art?«

»Na schön«, sagte Marvin. »Er ist ein Drogendealer. Und wenn die Polizei sich einschaltet, na ja, dann könnte sie mit drinhängen.«

»Leonard, ich bin überhaupt nicht begeistert.«

»Das war sarkastisch gemeint.«

Ich wandte mich wieder an Marvin, und obwohl ich fürchtete, die Antwort schon zu kennen, fragte ich: »Warum sollte sie mit drinhängen, wenn sich die Polizei einschaltet?«

»Weil sie da von dem Trailer aus Gras verkauft, und das sind wie gesagt Drogendealer, und die haben die Bullen sowieso in der Tasche, zusammen mit den Flusen und dem Kleingeld. Das könnte also ziemlich nach hinten losgehen.«

»Vermutlich sollte ich das eigentlich wissen«, sagte ich, »aber was ist mit Gadgets Vater? Vielleicht kann der was unternehmen.«

Marvin schüttelte den Kopf. »Das kannst du gar nicht wissen. Über den rede ich nicht gern. Ist abgehauen, als sie noch nicht mal geboren war, und ihre Mutter ist jetzt mit ihrem Latein am Ende.«

»Und deswegen willst du jetzt … was genau von uns?«, fragte ich.

»Ich will, dass jemand diesen Jungs das Fell über die Ohren zieht und Gadget nach Hause bringt. Wenn ihr es schafft, ohne ihnen das Fell über die Ohren zu ziehen, geht das auch in Ordnung. Aber eigentlich würd’s mir gefallen, wenn sie alle ’ne Abreibung kriegen. Außer Gadget natürlich.«

»Und wenn sie gar nicht nach Hause will?«

»Ich glaube, sie will. Ich glaube, sie wär auch vor ein paar Tagen schon mitgekommen und hat sich bloß im letzten Augenblick dagegen entschieden. Ich bin körperlich nicht ganz auf der Höhe. Hatte mich verausgabt und war am Ende meiner Kräfte, also musste ich sie gehen lassen. Ich konnte einfach nichts tun. Mit einem Täuschungsmanöver hab ich’s zu meinem Auto geschafft und dann zugesehen, dass ich wegkam. Aber ihr zwei, ihr schafft das. Ihr könnt sie nach Hause holen.«

Ich dachte einen Moment lang darüber nach, dann sah ich zu Leonard rüber. Der nickte unmerklich. Also sagte ich: »Wir machen’s. Aber wenn sie nicht zurückwill, dann weiß ich auch nicht. Schleppen wir sie trotzdem hierher, wird sie bloß wieder abhauen.«

»Hab verstanden«, sagte Marvin. »Aber kurz bevor ich abgefahren bin, hab ich was in ihrem Blick aufblitzen gesehen. Sie wollte nach Hause. Keine Ahnung, ob ihr das selbst so klar ist, aber ich hab’s gemerkt.«

»Ich trau nie dem, was ich im Blick anderer Leute sehe«, sagte ich. »Da sieht man meistens nur sich selber.«

»Ich auch nicht«, sagte Leonard, »aber diesen Typen würd ich liebend gern zu Hackfleisch verarbeiten. Wir könnten eine wöchentliche Tradition draus machen.«

»Du hast was von einer Gang gesagt«, hakte ich nach.

»Ja, die hat er. Dass ich ihn da allein erwischt hab … das war anscheinend ein ziemlicher Zufall.«

»Wie viele gibt’s von denen?«

»Meine Quellen sagen vier, manchmal weniger, manchmal mehr. Aber normalerweise vier Leute. Die wohnen alle in einem Trailer im Wald. Da hatte ich ihn mir vorgeknöpft. Hab einfach nicht das Hirn eingeschaltet. Wären die anderen auch da gewesen, dann hätte jetzt wahrscheinlich jeder Milchkarton mein Vermisstenbild auf der Rückseite, und die Suchtrupps würden das Gehölz durchkämmen und alles aufbuddeln, was wie ein Grab aussieht. Ganz so wild sind die wohl nicht, aber rechnet lieber damit, dass sie gefährlich werden können, wenn sie euch in die Finger kriegen.«

»Und aus welchen Quellen weißt du das mit der Gang?«

»Ehemalige Kriminelle, die die schiefe Bahn verlassen haben. Zumindest behaupten sie das. Vielleicht sind’s immer noch Kriminelle. Aber was ihre Rechenkünste angeht, vertraue ich ihnen.«

»Vier sind ganz schön viele«, sagte ich.

»Ach, komm«, sagte Marvin, »ihr zwei gegen einen Trailer voller Gesindel, das ist doch unfair gegenüber dem Gesindel.«

»Schmier mir keinen Honig ums Maul, Marvin«, sagte ich.

»Würde mir im Traum nicht einfallen. Aber wenn du in diesem Morgenmantel und den Hasenpuschen da aufkreuzt, dann hast du sie schon erledigt. Die lachen sich einfach tot.«

»Für jemanden, der mich um einen Gefallen bittet, bist du ganz schön gemein«, sagte ich.

Marvin grinste mich an, dann erstarb sein Lächeln, und seine Augen wurden schmal. »Hör zu. Ich brauche eure Hilfe. Ich bitte … Verdammt, ich bettele sogar ein bisschen, bloß eben nicht so, dass du’s merkst, okay?«

»Wie heißt denn dieser Kerl?«

»Komisch, das weiß ich gar nicht. Dafür weiß ich, wo er wohnt. Er rennt mit einem Sechziger-Jahre-Afro rum, vielleicht nicht ganz so groß wie diese Riesenteile, aber du weißt schon, so Jimi-Hendrix-mäßig. Jedenfalls kann ich euch genau zeigen, wo sein Trailer steht.«

Ich schaute zu Leonard rüber. Er nickte mir zu.

»Wir gucken uns das an«, sagte ich. »Mal sehen, was wir tun können.«

Kapitel 4

Der Trailer, wo Gadget Gras verkaufte und ihr Freund die härteren Drogen vertickte – wenn er nicht gerade Gadget als Racquetball missbrauchte –, stand nicht in LaBorde, sondern knapp außerhalb einer nahe gelegenen Ortschaft namens No Enterprise, wo das Gesetz von zwei Fettsäcken in einem alten Streifenwagen mit heruntergefahrenen Reifen vertreten wurde. Sie kassierten ihre Gehaltsschecks von der Gemeinde, taten aber nicht viel dafür, außer vielleicht hin und wieder einen Raser anzuhalten und eventuell ein Mädel dazu zu überreden, sich mit einem Blowjob das Knöllchen zu ersparen. Das richtige Geld steckte in krummen Geschäften. So hatte es Marvin uns jedenfalls beschrieben. Und bei solchen Sachen liegt Marvin meistens richtig. Er war selbst jahrelang Bulle gewesen. Zuerst in Houston, dann in LaBorde. Er kannte diese Typen und erzählte uns von ihnen, und ich zweifelte so wenig an seinen Worten wie an der Tatsache, dass die Erde sich um die Sonne dreht.

Mit meinem Pick-up fuhren wir rüber nach No Enterprise. Mein Wagen war ein Dodge mit Rückbank, vier Türen und einer kleinen Ladefläche. Ich hatte ihn kürzlich erstanden, und er lief gut.

Es regnete, und es war ein kühler Tag, besonders für Frühherbst. Noch am vorigen Abend hatten wir kurzärmelig in meinem Vorgarten gesessen, und jetzt war es so kalt, dass man sich zusätzliche Brustbehaarung wünschte. Keine Ahnung, was Frauen sich gewünscht hätten. Vielleicht einen schönen Mantel und ein Paar Schuhe. Brett jedenfalls liebte Mäntel und Schuhe, besonders Schuhe. In ihrem Schrank stapelten sich genügend davon, um mehrere übergroße Tausendfüßler auszustatten, vorausgesetzt sie mochten Treter von Payless, Wal-Mart oder Target. Frauen mit Schuhen gleichzusetzen mag ja ein uraltes sexistisches Klischee sein, aber das ändert nichts an der Tatsache, dass Brett einfach Unmengen davon besaß.

Leonard und ich besaßen Anoraks. Meiner war blau. Der von Leonard war beige. Wir legten Wert darauf, nicht dieselben Farben zu tragen. Es ist schwer, hart und erbarmungslos zu wirken, wenn man im Partnerlook auftritt.

Marvin hatte uns die Adresse gegeben, und es war bestimmt keine gute Idee, einfach die Einfahrt zur Haustür hochzu-tuckern, denn das wäre dumm und gefährlich gewesen, aber da wir zwei zusammen manchmal nur den IQ eines Erdhörnchens aufbringen, hatten wir genau das vor. Unterwegs versuchten wir, uns einen raffinierten, ausgeklügelten Plan einfallen zu lassen, aber wir wurden immer wieder abgelenkt und sangen zur Musik aus dem CD-Player mit. Wir mussten Leonards Musik hören. Wollte ich was anderes, schmollte er. Das konnte er echt gut. Da wir in meinem Wagen saßen und es mein CD-Player war, hätte ich bei der Musik eigentlich ein Mitspracherecht haben sollen. Ich wollte Amy Winehouse hören. Er nicht.

Jedenfalls fuhren wir dorthin und sangen währenddessen zu dem Album Back of My Smile von Kasey Lansdale mit, zu Hank Williams und noch ein bisschen zu Ernest Tubb. Lauter gutes Zeug. Dann hörten wir Patsy Cline. Keiner von uns hatte den Mumm, bei Patsy mitzusingen. Das tut man einfach nicht. Als wir noch ungefähr acht Kilometer von No Enterprise entfernt waren, fiel uns ein, dass wir uns ja immer noch irgendeine Strategie zurechtzimmern mussten, also kehrten wir in der Stadt bei Big Burger ein, einem heimischen Laden, der Imbissbude, Tankstelle und offene Werkstatt zugleich darstellte. In der Werkstatt befanden sich eine Hebebühne und ein einsam aussehender Kerl mit blauen Arbeitshosen, der auf einer umgedrehten altertümlichen Cola-Kiste saß. Er las ohne Scham in einem Schmuddelbuch mit dem dick und fett aufgedruckten Titel Der Muschipalast. Das Buch war vermutlich älter als sein Leser, und nach der Größe der Ortschaft zu urteilen, las er sicher mehr Bücher, als er Getriebe ölte.

Drinnen nahmen sie unsere Bestellung auf, und ein schmächtiger Typ in Schürze brachte das Essen an unseren kleinen Tisch, stellte die Teller mit den Hamburgern auf die karierte Plastikdecke und ging wieder. Die Hamburger waren lecker; die Pommes schmeckten, als hätten sie sie gestern Abend aufs Abtropfbrett gelegt, draufgepisst und zum Trocknen liegen lassen. Wir kauften uns stattdessen Kartoffelchips und grübelten, wie ein und derselbe Laden so gute Hamburger und so beschissene Pommes fabrizieren konnte. Was für ein Koch konnte einen Burger braten, aber keine Pommes in die Fritteuse werfen, ohne sie zu versauen?

Zu dem Zeitpunkt schien uns diese Frage gleichwertig mit: »Was ist der Sinn des Lebens?« Und wir kamen der Lösung des Pommes-Mysteriums näher als irgendeinem Plan, wie wir unser Problem mit Gadget und ihren Aufpassern angehen wollten.

»Wir mischen ihn bloß kurz auf, oder?«, fragte ich.

»Er hat Gadget geschlagen.«

»Wir kennen Gadget gar nicht richtig.«

»Sie ist Marvins Enkeltochter, stimmt’s?«

»Stimmt.«

»Mehr muss ich nicht wissen, Hap, alter Freund.«

»Dann hauen wir ihm also ein bisschen auf die Rübe und nehmen Gadget mit.«

»Wir können ihm auf alle möglichen Körperteile hauen. Wenn er Freunde hat, müssen wir die auch hauen.«

»Na schön, dann hauen wir ihn und alle anderen, die uns in die Quere kommen, und zwar auf alle möglichen Körperteile, und dann schnappen wir uns Gadget.«

»Das war von Anfang an der Plan, wenn du mich fragst.«

»Und wenn sie nicht mitwill?«, fragte ich.

»Wir könnten sie einfach einpacken.«

»Das wäre nicht sonderlich schlau, und es würde auch nichts bringen. Das weißt du. Marvin haben wir das auch gesagt.«

»Du hast es ihm gesagt«, gab Leonard zurück, trank einen Schluck Kaffee und schaute aus dem Fenster auf die vorbeifahrenden Autos auf dem Highway.

»Aber du weißt, dass es stimmt«, sagte ich.

»Ja, das weiß ich. Aber solche Wichser kann ich nicht leiden, und mir passt nicht, was er Marvins Enkelin angetan hat … Ist dir mal aufgefallen, wie viele rote Autos es heutzutage gibt? Früher brachte das Pech, ein rotes Auto.«

»Nein, ist mir nicht aufgefallen. Wir wissen doch gar nicht, ob der Kerl überhaupt was verbrochen hat. Vielleicht will sie es ja.«

»Sie will es? Weil sie ständig sagt, ›Knall mir doch mal eine, aber feste‹? Macht sie das?«

»Ich sage ja nicht, dass sie es verdient hat. Aber es könnte so was wie ein Sexritual sein. Er schlägt ihr ein blaues Auge, sie bläst ihm einen. Dann verpasst sie ihm ein Veilchen, und er geht auf die Knie. Und dann fangen sie wieder von vorne an.«

»Glaubst du das?«

»Nein.«

»Du hörst dich bloß gern quasseln, oder, Hap?«

»So ziemlich«, sagte ich.

»Also bleiben wir dabei, dass wir ihn aufmischen und dann mal gucken, ob sie mitkommt.«

»Ja, darauf läuft’s wohl hinaus«, sagte ich. »Das ist unser Plan. Ich meine, warum sollten wir was Kluges, Ungefährliches und Wohldurchdachtes tun, wenn wir einfach hinfahren und Krawall machen können.«

»Manchmal klappt das.«

»Manchmal schon. Und manchmal kriegen wir aufs Maul.«

»Ich weiß«, sagte Leonard. »Hab ich schon erlebt. Aber oft passiert das nicht, oder?«

»Einmal ist verdammt noch mal schon zu oft.«

»Kapiert. Stück Kuchen?«

Kapitel 5

Wir rundeten unser Mittagessen mit Schokoladenkuchen und mehr Kaffee ab, überlegten, uns noch ein Stück und noch ein Tässchen zu gönnen, redeten uns das aber wieder aus. Schließlich hatten wir einen Auftrag und ein Versprechen zu halten und wollten dabei nicht allzu viel Gewicht in unseren Mägen mitschleppen.

Draußen spähte ich in die Werkstatt. Der Mechaniker saß immer noch auf dem umgedrehten Cola-Kasten und war in seine Lektüre vertieft. Irgendwie hoffte ich, dass niemand einen Reifenwechsel oder einen neuen Verteiler brauchte. Eine schlimme Vorstellung, dass jemand gestört werden könnte, der sich so sehr konzentrierte. Draußen auf dem Highway knallte eine Fehlzündung. Der hingebungsvolle Leser regte sich nicht. Zuckte nicht mal mit der Wimper. Wahrscheinlich war er gerade an einer guten Stelle, wo jemand gleich den Pfeil ins Ziel schoss.

Leonard kam rüber und stellte sich neben mich. »Komm schon, du Blödmann. Ich hab am Pick-up auf dich gewartet. Los geht’s!«

Wir folgten Marvins Wegbeschreibung, hörten noch ein bisschen Musik und sangen noch ein bisschen mit, diesmal zu Willie Nelson. Ich fand meine Interpretation von »Blue Eyes Crying in the Rain« ziemlich gut. Leonard war anderer Meinung. Dann sangen wir »In the Jailhouse Now«, was mir angesichts unseres Vorhabens fast wie eine Prophezeiung erschien.

Unser Fahrtziel war so was wir ein Proletenvorort, bestehend aus einem Grüppchen entlaubter Bäume, einigen immergrünen Kiefern, einem Trailer mit Schlagseite und einem Hund, der gerade einen Haufen dahin machte, wo wohl der Vorgarten sein sollte. Der Hund war mittelgroß, schmutzig gelb und sah aus, als hätte seine letzte Mahlzeit aus dem bestanden, was er gerade wieder loswurde. Er schielte beinahe vor Anstrengung und wirkte so hoch konzentriert, als würde er jeden Moment die Probleme der Stringtheorie lösen. Er sah nicht aus, als hätte er ein Herrchen. Schien eher freiberuflich tätig zu sein. Vielleicht hatte das ja was für sich.

Der Vorgarten machte nicht viel her. Es hatte aufgehört zu regnen, und umhergewehte Blätter bildeten überall kleine Haufen. Ein paar Autos parkten vor der Tür, und neben ihnen hingen einige Leute rum. Acht Typen, um genau zu sein. Sie sahen ziemlich jung aus. Ein Kerl stand in Scooby-Doo-Boxershorts im Türrahmen des Trailers und kratzte sich die Nüsse wie ein Eichhörnchen, das Eicheln sortiert. Auch er war noch jung. Ich sah niemanden, den ich für Gadget hielt, es sei denn, sie hatte sich als der herrenlose gelbe Hund verkleidet oder versteckte sich in der Unterhose von dem Typen, gleich neben seinem Sack.

Wir parkten. Leonard holte meinen Taschenrevolver, Kaliber 38, aus dem Handschuhfach, schob ihn sich in den Hosenbund und zog sein Hemd und seinen Anorak drüber. Ich habe eine Waffenbesitzkarte, genau wie Leonard, aber nicht für diesen Revolver. Der war nicht mal registriert. Er war den ruchlosen Taten vorbehalten.

»Lass den hier«, sagte ich.

»Hey, lieber haben und nicht brauchen, als nicht haben und brauchen.«

»Und was ist mit mir?«

»Ich darf ihn nicht nehmen, aber du willst ihn jetzt haben? Vergiss es.«

»Es ist mein Revolver.«

»Pech. Benutz deinen beschissenen weltmännischen, liebenswürdigen Charme.«

Wir stiegen aus und gingen auf den Trailer zu. Die Leute im Vorgarten teilten sich rasch in zwei Lager: die Verschreckten und die Nervösen. Einige stiegen in ihre Autos und fuhren schnell davon. Das waren dann wohl die Käufer. Der Rest lief in den Trailer. Das war dann wohl die Drogengang. Der Kerl in der Scooby-Doo-Unterhose ließ alle an sich vorbei, dann nahm er seine Haltung wieder ein, die Hand in der Unterbuxe. Er schaute uns an, als hielte er sich für hart genug, einem Klappmesser die Spitze abzukauen. Mir sah er nicht ganz so hart aus. Aber der Schein kann bekanntlich trügen.

Aus dem Trailer schallte etwas heraus, das gerade so als Musik durchging. Rap, glaube ich, aber es klang, als würde jemand mit einer Gliederkette auf eine laufende Waschmaschine eindreschen.

Während wir näher kamen, sagte ich zu Leonard: »Nicht aufregen, immer schön cool bleiben.«

»Cool ist mein zweiter Vorname«, erwiderte Leonard.

»Nein«, sagte ich. »Definitiv nicht.«

Kurz bevor wir die Vordertür erreichten, sagte der Mann, der seine Klöten festhielt, ein Schwarzer mit blasser Haut und einem etwas zu langen Afro, mit dem er wie ein Zeitreisender aus den späten Sechzigern aussah: »Alter, ihr zwei versaut mir das Geschäft. Ihr seid nicht wegen unserm Stoff hier, das riech ich doch.«

»Findet hier nicht die Erweckung statt?«, fragte Leonard. »Ich wollte schon immer Jesus im Herzen haben, oder im Arsch oder wo auch immer. So wie du da rumwühlst, hockt er vielleicht bei dir in den Scooby-Doo-Shorts?«

»Du Spaßnigger«, sagte der Schwarze. »Hast doch keinen Schimmer. Scooby-Doo ist cool. Was wollt ihr Penner hier?«

Dass unser böser Bube sich aufregte, weil wir uns über Scooby-Doo lustig machten, amüsierte mich ein bisschen. Einen guten Meter vor der Tür blieben wir stehen. Der Trailer war auf Betonblöcken aufgebockt, deswegen stand der Typ in der Tür etwas höher als wir. Er spielte immer noch Taschenbillard. Spätestens jetzt wären meine Eier wund gewesen und meine Hand so müde, dass ich Verstärkung hätte holen müssen. An den Beinen hatte er blaue Flecken. Die stammten vermutlich von Marvins Gehstock. Hinter ihm im Halbdunkel konnte ich eine Bewegung ausmachen, und die Musik war so laut und mies, dass mir die Vorstellung immer besser gefiel, jemanden zu vermöbeln, und sei es nur wegen seinem schlechten Geschmack.

»Ich mag’s nicht, wenn mich jemand Nigger nennt, selbst wenn dieser Jemand ein Nigger ist«, sagte Leonard.

»Soll das auch so ’ne Art Witz sein?«

»Siehst du mich vielleicht lachen?«, fragte Leonard.

Ein anderer Mann, ein schlaksiger, aber muskulöser Weißer mit glatt rasiertem Schädel, tauchte hinter dem Afrotypen auf. »Soll ich mich um die kümmern?«

»Hat dich wer gerufen?«, fragte der Afromann. »Hab ich vielleicht irgendein scheiß Wort zu dir gesagt? Geh rein und pflanz dich auf deinen weißen Arsch. Spiel mit dem scheiß Hund oder spiel an meiner Alten rum, aber misch dich nicht in meine Angelegenheiten, wenn ich dich nicht rufe.«

»Dann mach deinen Scheiß doch alleine«, sagte der Weiße und verschwand wieder im Trailer.

»Ich spiel jetzt an deinem Mädel rum«, rief er dann von irgendwo drinnen.

»Scheiße, das war doch nur so gesagt! Wehe, du Arschloch«, rief der Afrotyp zurück und spähte in den Trailer. Dann wandte er sich wieder uns zu.

»Könntest du ihn bitten, die Musik leiser zu drehen?«, fragte ich. »Ich glaub, da drüben ist gerade ein Vogel vom Baum gefallen.«

Er ignorierte mich. »Seid ihr Bullen?«

»Sehen wir aus wie Bullen?«, fragte Leonard.

»Der schon.« Er zeigte auf mich.

»Der ist weiß. Alle Weißen sehen aus wie Bullen.«

»Das verbitte ich mir«, sagte ich.

»Wir sind keine Bullen«, fuhr Leonard fort. »Jetzt nimm die Finger von den Klöten, vielleicht können wir dann verhandeln. Aber egal was wir besprechen, wir zwei beide, wir geben uns nicht die Hand drauf.«

Der Afrotyp ließ die Hand in der Hose und kniff die Augen zusammen. »Also schön, wollt ihr was kaufen oder nicht?«

»Du hast recht«, sagte Leonard. »Ich geb’s ja zu. Wir wollen nichts kaufen. Um genau zu sein, wollen wir was holen. Und zwar Gadget.«

»Gadget?«

»Jepp«, sagte ich.

»Ihr Typen seid ja komplett durch. Außer euch zwei Spasten ist keine Sau hier, und wir sind vier Mann und ein krasser Hund, und ihr wollt meine Frau mitnehmen?«

»Wenn du zwei Hunde hättest«, sagte Leonard, »dann wär’s was anderes.«

»Ihr habt einen Hund?«, fragte ich.

Der Kerl im Türrahmen bugsierte seine Eier auf die andere Seite der Hose und wirkte sauer. »Gadget geht nirgendswo hin, Mann. Das ist meine Matratze.«

»Mensch, wie romantisch«, sagte ich. »Sagtest du, du hast einen Hund da drin?«

»Sie geht nicht mit«, wiederholte der Mann.

»Nur wenn sie will«, sagte ich. »Und eventuell auch, wenn sie nicht will. Da sind wir noch unschlüssig. – Was denn für einen Hund?«

»Ach«, sagte er, »jetzt schnall ich’s. Ihr zwei kommt von diesem alten Nigger. Von dem scheiß Krüppel.«

»Hat er dir nicht mit dem Gehstock den Arsch versohlt?«, fragte Leonard. »Ziemlich lebendig für ’nen alten Krüppel, findest du nicht? Deine Beine sehen aus wie Zebrastelzen mit den Prellungen da.«

»Er hat mich überrumpelt.«

»Er hat dich mit dem Stock vermöbelt, wie wenn er ’nen Teppich ausklopfen würde, Tanedrue«, kam es von dem Weißen aus dem Trailer.

»Du halt die Fresse«, rief Tanedrue und drehte sich wieder zu uns um.

Leonard musste lachen. »Tanedrue? So heißt du? Den Namen hat deine Mama sich doch ausgedacht, oder?«

»Das ist ’n afrikanischer Name.«

»Quatsch«, sagte Leonard. »Das schreit ja geradezu nach ignorantem Hinterwäldlernigger. Wenn ich so heißen würde, würde ich mir ’nen spitzen Stock in den Arsch jagen und mich pfählen.«

»Das reicht«, sagte Tanedrue und griff mit der Rechten hinter sich in den Trailer. Einen kurzen Moment lang war er abgelenkt, und darauf hatten wir natürlich nur gewartet.

Blitzschnell fasste Leonard Tanedrue bei den Füßen und riss sie unter ihm weg. Tanedrue knallte mit dem Kopf auf die Türschwelle, und dann zog Leonard ihn die Metallstufen runter, sodass er auf jeder einzelnen mit dem Schädel aufdotzte. Ich sah ein bisschen Blut spritzen, die Hand hatte er immer noch in der Hose. Kein Zweifel, dem Mann waren seine Kronjuwelen lieb und teuer.

Ohne zu zögern, stürmten wir den Trailer.

Kapitel 6

Der Weiße mit dem Kahlschlag war als Erster an der Tür. Leonard hieb ihm so kräftig den Ellbogen auf die Nase, dass bestimmt ein gesundheitlich angeschlagener entfernter Verwandter im Land seiner Vorfahren die Augen verdrehte und den Löffel abgab. Die Wucht des Hiebs ließ den Gorilla um die eigene Achse nach hinten wirbeln. Er sank auf ein Knie und hielt sich den Kopf, um sicherzugehen, dass er noch dran war. Während er da so kniete, die Beine leicht gespreizt, trat Leonard ihm in die Eier, als wolle er einen Elfmeter schießen.

Ich folgte Leonard auf den Fersen. Beim Reinkommen traf mich die Musik wie ein Fausthieb, und der Gestank hüllte mich ein wie eine Decke. Dann sprang mich aus dem Halbdunkel ein Hund an. Es war ein großer, schwarzer, knurrender Hund, und der Gestank ging mit auf seine Kappe. Er wollte mir an die Kehle. Ich machte einen kleinen Schritt zur Seite und packte ihn mit einer Hand am Halsband, kurz bevor sein Gebiss in der leeren Luft zuschnappte, und dabei spritzte mir Hundesabber auf die Stirn. Mit der anderen Hand umfasste ich seinen Hinterlauf und riss ihn so hoch, wie es ging. Der Hund war schwer. Aus dem Augenwinkel nahm ich ein Fenster wahr, genau über einem schmutzigen Spülbecken. Dorthin schleuderte ich den Hund, so kraftvoll ich konnte. Die Fensterscheibe zerbrach, und der Hund segelte in einem Schwall aus schwarzem und lohfarbenem Fell und klirrendem Glas nach draußen. Er stieß ein Jaulen und ein Kläffen aus, dann hörte ich nur noch, wie sein Körper draußen auf dem Boden aufprallte. An den Glaszacken klebten Blut und Fell. Die Flöhe hatten unterwegs wahrscheinlich alle die Reißleine gezogen.

Hinter mir hörte ich Leonard sagen: »Komm zu Papa«, und dann sah ich, wie er einen großen wuschelhaarigen Weißen im Nacken festhielt und ihn so kräftig mit dem Kopf gegen die Wand stieß, dass ein Spiegel runterfiel und zerbrach.

Als ich mich umdrehte, kam ein dünner Schwarzer durch den Flur gerannt und rammte mir einen rechten Haken zwischen die Rippen, bei dem ich mir beinahe in die Hosen pisste. Ich versuchte ihn zu treten, aber dafür war nicht genug Platz. Reflexartig hob er beide Hände, stieß mich vor die Brust und schubste mich um, auf den Kerl drauf, dem Leonard in die Eier getreten hatte. Der blieb höflich auf dem Boden liegen und wimmerte, die Hand zwischen den Beinen, wie ein kleines Mädchen, das seine Puppe verloren hatte.

»Das war mein Hund!«, schrie der Typ, der mich geschubst hatte.

Ich rollte mich hoch, und er trat auf mich ein. Ich schob eine Hand unter sein Bein, patschte ihm mit der anderen ins Gesicht und fegte mit dem Fuß das Standbein unter ihm weg. Er schlug sich den Hinterkopf an einem Tresen an, seine Zähne knallten auf der Zunge aufeinander, und mit Blutblasen vorm Mund ging er zu Boden. Gleichzeitig stieg ein Geruch auf, der die Vermutung nahelegte, dass er in seiner Unterhose einen Bob in die Bahn gesetzt hatte.

Ich hörte weiter hinten einen Schrei und schaute in den Flur. Eine langbeinige junge Frau rannte auf mich zu; ein dunkelhäutiges Mädchen mit sorgfältig onduliertem Haar, vielleicht ein paar Extensions und, soweit ich das einschätzen konnte, einer frischen Maniküre und einem Zehenring. Breitbeinig sprang sie mich an, setzte sich rittlings auf mich und verschränkte die Knöchel in meinem Rücken; mit der einen Hand hielt sie meine Haare gepackt, und mit der anderen zerkratzte sie mir das Gesicht, ohne ihr Gekreische zu unterbrechen.

Ich traf sie mit einer rechten Geraden zwischen die Augen, und sie ließ los, ohne mich aus der Umklammerung freizugeben. Zu guter Letzt plumpste sie auf den Rücken, ihre Beine lösten sich voneinander und zerschmolzen irgendwie mit dem restlichen Körper auf dem Boden.

Leonard war immer noch mit dem großen Haarigen beschäftigt, hatte ihn bei der Mähne gepackt und schmetterte seinen Kopf an die Wand, dass die Verkleidung einriss. Mit Sicherheit feststellen ließ sich nur, dass der Kerl inzwischen eine sehr flache Nase hatte und seine Lippen aussahen wie fette Köderwürmer, die in Auflösung begriffen waren. Einer seiner Zähne steckte in der Holzverkleidung, und an der Wand klebte Blut. Noch ein Schlag, und das große Kruzifix fiel runter, plumpste erst aufs Sofa, dann auf den Kerl mit den eingetretenen Eiern und dann auf den Boden.

Der mit dem Eiersalat zwischen den Beinen war wieder ein bisschen zu Kräften gekommen. Vielleicht hatte das Kruzifix ihn wiederbelebt. Er versuchte aufzustehen und schaffte es auf alle viere. Ohne den Typen loszulassen, dessen Kopf er gerade bearbeitete, rammte Leonard dem Kerl das Knie ins Gesicht und warf ihn damit wieder um. Er zuckte zusammen, machte eine Art Liegestütz und versuchte aufzustehen. Ich erwischte ihn von hinten, wieder genau in die Weichteile. Er furzte, sackte in sich zusammen und kam nicht wieder hoch. Entweder war er bewusstlos oder tot, oder er hoffte bei Gott, dass wir ihn für tot hielten. Wahrscheinlich wünschte er sich in diesem Moment, er wäre zusammen mit dem Hund aus dem Fenster geflogen. Ich allerdings auch. Das war ein ziemlich mächtiger Furz gewesen.

Ich holte tief Luft und hielt mir erst die Hüfte, dann die Wange. Das Mädchen hatte mich blutig gekratzt.

Rasch erkundete ich die Lage. Wie es aussah, weilten die Trailerbewohner alle selig im Schlummerland. Leonard wirbelte den Typen herum, dem er die Nase geplättet hatte, hieb ihm kräftig mit der Handkante an den Hals, und der Kerl ging zu Boden. Wobei dieser Handkantenschlag gar nicht mehr nötig gewesen wäre. Er war sowieso hinüber. Schließlich trat Leonard noch mal zu, nur um nicht aus der Übung zu kommen.

Ich nahm den CD-Player von einem Regal überm Sofa und ließ ihn gegen die Wand krachen. Die CD flog raus, und ich trat drauf. Es fühlte sich gut an, dass die Luft jetzt von Leere erfüllt war.

Genau in diesem Moment kam der inzwischen erwachte Tanedrue durch die Tür gewankt, mittlerweile ohne Hand in der Hose. Er tastete nach irgendwas gleich hinter der Tür auf dem Kühlschrank, an derselben Stelle, wo er vorhin schon hingelangt hatte. Eine kleine Automatikpistole. Schließlich bekam er sie in die Finger. Noch während er sie in unsere Richtung schwenkte, zog Leonard meinen Revolver und schoss Tanedrue in den rechten Oberschenkel, genau unterm Hosensaum. Tanedrue ließ die Automatik fallen, griff nach seinem Bein und stieß einen Schrei aus, bei dem sich mir die Rosette zusammenzog; dann ging er kreischend zu Boden und hielt sich den Schenkel. Blut spritzte in alle Richtungen.

»Verdammt noch mal, Leonard!«

Leonard warf mir einen genervten Blick zu. »Eigentlich wollte ich zugucken, wie er dich abknallt, aber das hätte Brett mir bestimmt übel genommen.«

Der Kerl, der sich vorhin auf die Zunge gebissen hatte, lag gerade griffbereit, also packte ich sein T-Shirt vorn an der Brust, riss ihm ein Stück Stoff vom bewusstlosen Leib und stopfte es Tanedrue in die Wunde. Tanedrue beschimpfte mich und schlug nach mir, bis ich ihm ein paarmal auf den Kopf haute. »Bleib liegen, du Pisser, bevor du verblutest.«

»Ihr habt mich angeschossen!«

»Genau genommen hat er dich angeschossen«, antwortete ich und deutete mit dem Kopf auf Leonard.

Leonard warf meinen 38er aufs Sofa, packte Tanedrue am Afro und zog ihn ein bisschen hoch, schlüpfte hinter ihn, legte ihm den Unterarm um den Hals und übte Druck auf die Hauptschlagadern aus. Mit derselben Hand griff er nach dem Ellbogen seines anderen Arms, schob mit der freien Hand Tanedrues Kopf nach vorn, drückte zu und ließ gleichzeitig Luft in seine Brust strömen.

Tanedrue wurde schneller ohnmächtig als ein asthmatischer Achtzigjähriger, der auf einem stickigen Heuboden ein Schaf vögelte.

»Jetzt kannst du ihn flicken«, sagte Leonard und ließ Tanedrue los.

»Keine Ahnung, ob man das flicken kann.«

»Der Schuss ging nicht durch die Schlagader. So ein schlechter Schütze bin ich nicht.«

»Doch, bist du.«

»Gar nicht. Na gut, es war Zufall.«

Leonard hatte recht. Der Schuss hatte Tanedrues Fleisch durchbohrt, und er verlor Blut aus dem Loch im Schenkel, aber die Hauptschlagader war unversehrt. Ich riss dem Kerl am Boden noch einen Fetzen vom T-Shirt ab, wickelte Tanedrues Bein ein, so gut ich konnte, und horchte an seiner Brust, um sicherzugehen, dass er noch lebte. Leonard hatte einen Arterienwürgegriff angewandt, und manchmal wachen die Leute davon nicht wieder auf.

»Das ist wohl Gadget, die da drüben bewusstlos liegt«, sagte ich.

»Sie war nicht so erfreut über unsern Besuch, wie ich gehofft hatte«, sagte Leonard. »Ich hab gesehen, wie du sie geschlagen hast. Hast sie ganz schön hart erwischt. Wenn sie ’nen Tampon drinhatte, ist er ihr bestimmt rausgeflutscht.«

»Sie hat mir einen neuen Look verpasst.« Ich betastete die Kratzer in meinem Gesicht.

»Jetzt siehst du aus wie ein altmodischer deutscher Burschenschaftler.«

Mit Tanedrues Automatik in der Hand ging ich in den hinteren Teil des Trailers, nur falls sich da jemand mit Flinte und Machete versteckte. Aber es war niemand mehr übrig. Auf einer Kommode vor einem Spiegel lagen ein paar Tüten mit weißem Pulver, das ich nicht für eine Backmischung hielt. Es gab auch ein paar Schachteln mit Abführmittel für Babys, um das Zeug zu strecken. Auf dem Fußboden lagen leere Käsekräckerdosen, ein Haufen Plastikpapierchen von Süßigkeiten, leere Limodosen, Flaschen und ein fast aufgebrauchtes Glas Erdnussbutter ohne Deckel. Außerdem sah ich eine halb leergefutterte Schachtel Cracker Jack. Das gehörte wahrscheinlich dem Gesundheitsfreak in dieser Meute. Die Reste der Erdnussbutter waren so dunkel wie getrocknete Hundescheiße. Und davon war auch eine Menge vorhanden. Hundescheiße in der Ecke, auf dem Fußboden neben dem Bett, neben der Kommode. In einem Haufen prangte ein Fußabdruck. Nicht von mir. Dieser Fuß war nackt gewesen. Ein paar andere Haufen hatte jemand sorgfältig mit Papiertüchern bedeckt. Der- oder diejenige wurde wahrscheinlich für eine Zimperliese gehalten. Eine fette Schabe krabbelte aus dem Erdnussbutterglas und huschte unters Bett.

Am Spiegel auf der Kommode klebten Glückwunschkarten und eine alte Weihnachtskarte. »An Tanedrue«, stand drauf, und unterschrieben waren sie mit »Mom«. Bei dem Anblick wurde mir ein bisschen übel, und ich überlegte, was seine Mutter wohl dazu sagte, was aus ihrem Sohnemann geworden war. Andererseits, wenn meine Mutter noch am Leben wäre, was hätte sie wohl dazu gesagt, dass ich Leute zusammenschlug und Hunde aus dem Fenster warf? Kein Gedanke, bei dem ich gern länger verweilte.

Als ich aufschaute, bemerkte ich, dass sich die Trailerwände bewegten. Das hatte ich früher schon in solchen Behausungen von weißem Gesocks und den Hütten von Schwarzen gesehen. Küchenschaben. Davon steckten so viele in den Wänden, dass sich die Vertäfelung wölbte, als würde sie atmen. Igitt.

Ich ging wieder nach vorn, wo Leonard Tanedrue beherzt ohrfeigte, entweder um ihn zu wecken oder um ein bisschen Farbe auf seine Wangen zu bringen.

»Wach auf, Nigger«, sagte Leonard.

»Die haben da hinten ziemlich übles Zeug«, sagte ich. »Und um der politischen Korrektheit willen sollte ich dich vielleicht zu deinem eigenen Besten darauf aufmerksam machen, dass du das N-Wort benutzt.«

»Ich versuch’s hier schon die ganze Zeit mit allen möglichen verbalen und nonverbalen Tricks«, antwortete Leonard. »Schwanzlutscher kann ich nicht mehr hören, Wichser hab ich auch schon verbraucht, und Hurensohn kommt mir so lahm vor, also mach ich gleich Nägel mit Köpfen … – Sieh da, Dornröschen erwacht.«

Kapitel 7

Tanedrue wachte auf. Wir hockten neben ihm. »Jedes Mal, wenn ich dran denke, wie Gadgets Grandpa dich mit seinem Gehstock verdroschen hat, wird mir ganz warm ums Herz«, sagte Leonard. »Genau genommen krieg ich sogar ’nen Steifen.«

»Ich verblute«, sagte Tanedrue.