Aktion Streicheleinheiten - Christine Nöstlinger - E-Book

Aktion Streicheleinheiten E-Book

Christine Nöstlinger

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Beschreibung

Trost und Rat mit Weisheit und Witz: noch mehr Geschichten über das Leben unter Mitmenschen, Männern und Kindern. Liebe macht blind - das macht sie auch so schön. Weil man nachsichtig wird, wenn man nicht weiter sieht als bis zu der rosaroten Brille, die sie einem aufsetzt, oder bis zu den Gurkenscheiben, die man vor Augen hat, damit die Liebe auch schön frisch bleibt. Aber die Welt jenseits davon ist natürlich voller Ecken und Kanten, voller Hindernisse und Hürden. Wer den Blick dafür verliert, stolpert dann bald durch ein Leben zwischen Haushalt und Beziehungskisten, zwischen Ehealltag und Kinderkram. Christine Nöstlinger erzählt Geschichten aus diesem Leben, über die sie gestolpert ist, und sie tut das, wie es keine andere kann: mit klarem Blick, bissig, ironisch, aber immer auch liebevoll.

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Seitenzahl: 49

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Christine Nöstlinger

Liebe macht blind –

manche bleiben es

Teil 5 Aktion Streicheleinheiten

Herausgegeben von Hubert Hladej

Bibliografische Information der Deutschen Bibliothek:

Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in derDeutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografischeDaten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

www.residenzverlag.at

© 2012 Residenz Verlag

im Niederösterreichischen PressehausDruck- und Verlagsgesellschaft mbHSt. Pölten – Salzburg – Wien

Alle Urheber- und Leistungsschutzrechte vorbehalten.Keine unerlaubte Vervielfältigung!

ISBN ePub (Einzelgeschichte):978-3-7017-4323-0

ISBN ePub (Gesamtausgabe):978-3-7017-4302-2

ISBN Printausgabe:978-3-7017-1600-5

5. Aktion Streicheleinheiten

Störung der Harmonie

In vielen Ehen herrscht erfreulicherweise fast rund um die Uhr der Zustand totaler Harmonie. Das einschränkende „fast“ hat der Realist beizufügen, weil es ja auch das Fernsehen gibt und Fernsehgewohnheiten zweier Lebenspartner, auch wenn sie ansonsten harmonisieren, sehr unterschiedlich sein können.

Das betrifft nicht bloß so Zwiste wie Fußball oder Liebesdrama, Krimi oder Talk-Show! Da kann man sich ja noch irgendwie einigen, nach dem Motto: einmal nach meinem Geschmack, einmal nach deinem! Oder auch: sechsmal nach deinem, wenn wir dafür am siebenten Tag ins Kino gehen!

Gröbere Schwierigkeiten entstehen durch die unterschiedliche Handhabung der Fernbedienung. Es gibt Leute, die wollen fernschauen, als säßen sie im Kino, und sitzt man im Admiral-Kino, kann man nicht elf Minuten nach Beginn des Filmes sagen: „Ich schau nur auf einen Sprung ins Elite-Kino rüber, was dort grad los ist!“

Doch beim Fernsehen ist per Knopfdruck zu schauen, was auf einem anderen Kanal „los ist“. Nicht nur auf einem, auf deren 26, so man wohlverkabelt ist. Abgesehen von der Minderheit derer, die stets „zappend“ verfolgen, was sich gerade auf anderen Kanälen tut, ist auch Leuten, die üblicherweise „wie im Kino“ TV konsumieren, manchmal nach „Herumschalten und Suchen“ zumute. Und hat man selbst die Fernbedienung in der Hand, findet man gar nichts dabei. Aber neben einem Menschen zu sitzen, der sich durch 26 Programme rauf und runter „zappt“, da ein wenig länger, dort ein wenig kürzer verweilt, strapaziert die Nerven!

Darum kommt es auch in allerharmonischsten Partnerschaften vor, dass der eine Partner hocherfreut ist, wenn der andere am Abend außerhäuslichem Vergnügen nachgeht: Denn dann darf er sich endlich, ohne schlechtes Gewissen, einen superben Cocktail aus 10 Minuten Western, 13 Minuten Sitten-Drama, zweimal 4 Minuten Show, siebenmal 8 Minuten Gorilla-Leben und zwischendurch je 20 Sekunden Freistilringen mixen. Oder er kann „Die Fischerin vom Bodensee“ in voller Länge genießen, ohne dauernd Happen aus den Ansichten von dreimal vier Talk-Show-Teilnehmern eingeschoben zu bekommen.

Zwei Fernsehapparate wären freilich auch eine Möglichkeit, aber irgendwie, und abgesehen vom Geld, wie stünde man da? Als unheilbarer Fernsehtrottel, einem Medium ausgeliefert!

Und das will man sich ja doch nicht nachsagen lassen!

Woran sich keine Frau gewöhnen kann

An viele Unannehmlichkeiten und Ungeheuerlichkeiten im Leben kann man sich gewöhnen, werden sie einem mit schöner Regelmäßigkeit vorgesetzt. Man kann sich schließlich nicht ein halbes Jahrhundert mit dem gleichen Elan darüber erregen, dass der Ehemann hinter allen Damen mit Oberüberweite herjappelt.

Wenn man deswegen nicht schon im siebenten Ehejahr die Scheidung verlangt hat, kann es sein, dass man am Tag der Goldhochzeit Mitgefühl spürt, weil der Mann bei den Überoberweiten nicht mehr hoch im Kurs steht.

Ich kenne auch eine Frau, die gelassen hinnimmt, dass der Mann jährlich ein Auto zu Schrott fährt. Sie fragt dann bloß: „Verletzte?“ Und wenn dies nicht der Fall war, seufzt sie erleichtert und klebt weiter Borten an Lampenschirme. In Heimarbeit. Jährlich ein neuer Wagen muss schließlich verdient werden!

Ich weiß auch von einer Dame, die nach zehn Ehejahren die geldverschlingende Spielleidenschaft ihres Mannes als Krankheit wie jede andere sieht und ihm Essigpatschen macht, wenn er nach verlustreichen Nächten vor sich hinsiecht.

Abgestumpft, gutmütig, verständig, könnte man da sagen. Aber die ganze Erklärung kann das nicht sein, denn die beschriebenen Damen haben auch ein paar Dinge, auf die sie im Laufe der Jahrzehnte mit immer heftigeren Aggressionen reagieren. Meistens sind das dann – für Außenstehende – Kleinigkeiten.

Die Frau mit dem Geldverspieler kriegt Wutanfälle wie Rumpelstilzchen, wenn ihr Mann das nasse Badetuch vor der Badewanne liegen lässt.

Und die Frau vom Schrottfahrer muss den Raum verlassen, wenn sich ihr Mann schnäuzt. „Er schnäuzt so widerlich“, sagt sie. „Ich könnte ihn umbringen!“

Eine Untugend der Mitmenschen gibt es aber, an die sich keine Frau gewöhnen kann. Ich zumindest habe noch keine Frau erlebt, die „geduldig warten“ gelernt hat.

Auch dann nicht, wenn sie vier Kinder großgezogen hat, die nie zum vereinbarten Termin nach Hause gekommen sind. Auch dann nicht, wenn sie mit einem Mann lebt, für den sie seit Jahrzehnten das Nachtmahl über Dunst warm halten muss.

Mild abgeklärt zu Hause hocken, in der Überzeugung, dass es egal ist, ob sich die fix vereinbarte Heimkehr der Lieben um Stunden verzögert, kann keine Frau. Ich auch nicht. Ich erlebte mich noch nie hilflos wütender als in der Situation einer gramvoll Wartenden. Warum das so ist, weiß ich nicht.

Ich weiß nur eines: Wäre ich beim Warten nicht mehr wütend, wäre das ein grobes Indiz für einsetzenden Mangel an Zuneigung.

Herr M., das Mirakel

Herr M., den ich seit Jahren kenne, erschien mir lange Zeit als ziemlich durchschnittlicher, nicht weiter bedenkenswerter Mann. Dann lernte ich allerdings seine Familie und außerdem noch etliche seiner Arbeitskollegen kennen. Seither ist mir Herr M. ein Mirakel.

Die Aussagen nämlich, die seine Familienangehörigen über ihn machen, und die Aussagen, die seine Arbeitskollegen über ihn machen, sind arg verschieden.