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Als die Tochter der Bürgermeisterin von Frankfurt am Main spurlos verschwindet, spürt Ermittler Alex Brandt, sein Albtraum wird wahr. Unterstützung erhält er in dieser emotional herausfordernden Situation ausgerechnet von Klaus Marsalek – sensibel, intuitiv, und wie Brandts emotionales Gegenstück. Gemeinsam tauchen sie ein in eine Welt aus religiösem Fanatismus, alten Mythen und tödlichen Verschwörungen. Der Schlüssel zur Wahrheit liegt verborgen in einem Meisterwerk von Auguste Rodins, im Höllentor. Ralph Llewellyn Mystery-Thriller geht unter die Haut – ein Buch, so düster, rasant und voller psychologischer Tiefe wie du es selten gelesen hast. Alex Brandt sieht, was andere übersehen. Er denkt, wo andere fühlen – und das macht ihn gefährlich. Alex Brandt – Jäger im Dunkeln. Er sieht, was andere übersehen. Er denkt, wo andere fühlen. Und er jagt, wo andere längst aufgegeben haben. Alex Brandt ist kein Held – er ist eine Waffe. Gegen das Unfassbare, das Grausame, das Unerklärliche. Als ein neuer Fall den Ermittler an den Rand des Wahnsinns treibt, trifft Alex auf einen Gegner, der keine Regeln kennt – und ihn besser versteht, als ihm lieb ist. Ein Spiel beginnt. Eiskalt. Persönlich. Tödlich. Für Fans von psychologischer Spannung, dunklen Abgründen.
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Seitenzahl: 493
Veröffentlichungsjahr: 2025
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Titel
Impressum
Widmung
Kapitel 1
Zurück in der Hölle
I
II
III
IV
V
VI
VII
VIII
Kapitel 2
Die Hölle hat einen Namen
I
II
III
IV
V
VI
VII
VIII
IX
Kapitel 3
Die Spur
I
II
III
IV
V
VI
Kapitel 4
In Gottes Namen
I
II
III
IV
V
VII
VIII
IX
X
Kapitel 5
Das Tor
I
II
III
IV
V
VI
VII
VIII
IX
X
XI
XII
XIII
Kapitel 6
Die Stadt der Liebe
I
II
III
IV
V
VI
VII
Kapitel 7
Schnitzeljagd
I
II
III
IV
V
VI
VII
VIII
IX
X
XI
Kapitel 8
Die Hölle auf Erden
I
II
III
IV
V
VI
VII
VIII
Epilog
Vita
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Danksagung
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Cover
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Table of Contents
Ralph Llewellyn
ALEX BRANDT
Das Höllentor
Roman – Band 2
1. Auflage © 2025 RavenPort Verlag GmbH, Frankfurt am Main
Autor: Ralph Llewellyn
Umschlagdesign: Ralph Llewellyn
Lektorat/Korrektorat: Lauren Hegemann | Lektorat Schattenseiten
Satz/Layout/E-Book: Helmut Schaffer, Hofheim a. Ts.
Druck: Custom Printing
Print: ISBN 978-3-69061-102-2
E-Book Epub: ISBN 978-3-69061-103-9
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:
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Erst in der Dunkelheit tiefster Verzweiflung findet das Licht den Menschen.
© Ralph Llewellyn
Titel
Impressum
Widmung
Kapitel 1 – Zurück in der Hölle
I
II
III
IV
V
VI
VII
VIII
Kapitel 2 – Die Hölle hat einen Namen
I
II
III
IV
V
VI
VII
VIII
IX
Kapitel 3 – Die Spur
I
II
III
IV
V
VI
Kapitel 4 – In Gottes Namen
I
II
III
IV
V
VII
VIII
IX
X
Kapitel 5 – Das Tor
I
II
III
IV
V
VI
VII
VIII
IX
X
XI
XII
XIII
Kapitel 6 – Die Stadt der Liebe
I
II
III
IV
V
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VII
Kapitel 7 – Schnitzeljagd
I
II
III
IV
V
VI
VII
VIII
IX
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XI
Kapitel 8 – Die Hölle auf Erden
I
II
III
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VII
VIII
Epilog
Vita
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Danksagung
Der Raum lag in erstickender Stille, gefüllt mit einer beklemmenden Atmosphäre, als würde die Luft darin gefangen sein. Jeder Atemzug schien mühsam und flach, während sich der dumpfe Geruch von Angst in den Nasenlöchern festsetzte. Das geschlossene Fenster und die zugezogenen schweren Vorhänge, einst ein Tor zur Außenwelt, waren nun ein starres Hindernis.
Ein spärlich flackerndes Licht über einem alten, abgenutzten Holztisch war der einzige Retter vor der völligen Dunkelheit. Es war ein kühler Schein, deren müde Strahlen gerade genug Kraft hatten, um die Umgebung zu durchdringen und schattenhafte Konturen auf den staubigen Boden zu werfen.
Die stickige Luft hing wie ein unheimlicher Schleier im Raum. Kein Hauch von frischer Brise zog hindurch, keine Möglichkeit, die Lungen mit neuer Energie zu füllen. Die erdrückende Hitze schien jeden Quadratzentimeter des Zimmers zu durchdringen, als ob sie sich dort festgesetzt hätte, um sich an den Insassen zu laben.
»Bitte, bitte nicht«, flehte Sven mit weinerlicher Stimme in das kalt grinsende Gesicht eines Fremden. Tränen rannen an seinen geröteten Wangen herab, Schweiß stand auf seiner Stirn. Seine Beine zuckten spasmisch, wollten rennen, ihn aus der Ausweglosigkeit tragen.
Noch vor einem Tag hatte er geglaubt, sich auf der Siegerstraße des Lebens zu bewegen. Er und seine Kommilitonen hatten etwas gefunden, das ihn glauben ließ, dass sein Name in den Geschichtsbüchern eingraviert werden würde. Es war ein Geheimnis, so kostbar und fesselnd, dass er in seinem Ehrgeiz verzweifelt danach gegriffen hatte. Er träumte von Ruhm und Anerkennung, von den Schlagzeilen der Zeitungen, die ihm gewidmet wären. Doch nun, an diesem düsteren Ort, glichen all seine Träume zerplatzten Seifenblasen. Diese vier Wände waren zu einem Raum ohne Hoffnung, ohne Ausweg geworden.
»Pst, kleiner Junge. Noch lebst du.« Ein Mann, Mitte vierzig, kantige Gesichtszüge, grinste ihn hämisch an. Er trug schwarze, glänzend polierte Schuhe, schwarze Hosen und eine ebenso schwarze Lederjacke. »Ich liebe meine Arbeit, Kleiner. Hm …« Seine Nase näherte sich Sven bis auf wenige Zentimeter. Dabei wedelte er Luft herbei, als wolle er so einen besonderen Duft wahrnehmen. »Das ist der Geruch der Angst. Schweiß, angereichert mit Adrenalin. Nicht viele können diesen Duft wahrnehmen, ich schon!« Er stöhnte voller Genuss, verharrte einige Sekunden und zog sich mit einem Seufzer wieder zurück. »Kennst du die Geschichten vom Schwarzen Mann?«
Im Gegensatz zu dessen kräftiger, durchtrainierter Statur mit über einen Meter neunzig hörte sich die Stimme wie die einer unscheinbaren Maus an. Piepsig vibrierend und aalglatt. Seine grauen Augen, die hinter einer dicken Hornbrille überdimensioniert herabglotzten, versprachen kein Mitleid und kein Erbarmen, sondern waren kalt und leer. In seiner Präsenz lag eine bedrückende Aura des Bösen, die den Raum erfüllte und den Studenten erzittern ließ.
»Nein? Nun, ich bin der Schwarze Mann.« Er zog eine kleine Schatulle aus der Tasche, legte sie behutsam auf den Tisch und strich sanft über sie, als würde sie ein Eigenleben haben. Ein hintergründig grausames Lächeln huschte über seine Lippen. Er schnalzte mit der Zunge und schmatzte einige Male, als habe er eine Köstlichkeit verschlungen. »Siehst du das hier?«, fragte er mit einem euphorischen Glucksen.
Sven verstand die Welt nicht mehr. Seine Gedanken wirbelten wild durcheinander. Wie hatte es so weit kommen können? Wie hatte ein einziger Fund sein Schicksal so dramatisch verändert? Er wollte doch nur derjenige sein, der die Welt zum Staunen bringen würde, derjenige, der die Wahrheit enthüllte. Doch jetzt, gefesselt an diesen Stuhl, wurde ihm schmerzlich bewusst, dass er ein Spielball des Schicksals geworden war, gefangen in den tödlichen Händen eines Mörders, dessen Worte ein düsteres Bild von Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit malten.
Die Zeit schien stillzustehen, während Sven seinem unausweichlichen Schicksal ins Auge blickte. Er verstand, dass der Fremde jeden Augenblick seines Leidens genoss. Schluchzend begann er zu weinen und sein Körper hilflos zu beben. »Bitte, ich tue alles, was Sie wollen.«
»Das weiß ich, mein Junge, das weiß ich. Aber nun zu meinem kleinen Freund.« Mit einem Nicken wies er auf die Schatulle. »Kennst du dich mit Spinnen aus?«
Svens Blick fiel auf das streichholzkästchengroße Gefäß. Der Raum schien sich zu verengen, während sich sein Herzschlag beschleunigte und der Atem in seinen Lungen stockte. Lauerte eine tödliche Spinne in dieser verhängnisvollen Box? Ein Schauer des Ekels kroch seinen Rücken hinab, als sich sein Verstand mit den furchterregenden Bildern der kleinen Krabbeltierchen füllte. Er konnte förmlich ihre haarigen Beine spüren, die über seine Haut krochen, und den Gedanken an ihre furchteinflößende Präsenz nicht abschütteln. Es war ein Gefühl der Ohnmacht, das ihn ergriff, während er unfähig war, seinen Blick von dieser Kiste des Schreckens abzuwenden.
»Hier drin befindet sich eine Brasilianische Wanderspinne. Sie ist noch jung, aber alt genug, um dich zur Vernunft zu bringen, mein Freund.« Der Fremde beugte sich zu ihm herab, und seine Stimme wurde leise und eindringlich, als würde er nun etwas offenbaren wollen, das nicht jeder hören sollte. Ein Geheimnis, in das auch Sven nicht eingeweiht werden wollte.
»Toxisch für das Nervensystem. Klingt schlimm, mein Lieber, ist es auch! Doch hat es auch Gutes: Bevor dein jämmerliches Studentenherz zu schlagen aufhört, wirst du schmerzhafte Erektionen erleben, die alles – wirklich alles –, was du je gefühlt hast, in den Schatten stellen werden.«
Sven verzerrte sein Gesicht von der Pein seiner Sinne erfüllt. »Bitte, ich –« Er schnappte nach Luft, hyperventilierte und würgte. Panik und Angst tilgten jeden vernünftigen Gedanken wie ein gefräßiges Tier. Warum?, schrie etwas in seinem Inneren. Er würde alles tun, nur um dem Tod zu entgehen. Doch er fühlte bereits, wie ihn der Hauch fauliger Verderbnis umgab.
»Pst.« Der Fremde klopfte väterlich auf Svens Rücken. »Kotz ruhig, wenn es dir hilft. Aber erst, nachdem du getan hast, was ich von dir wünsche.«
»Ich will nicht sterben, bitte …« Sven sah die Schachtel nur noch verschwommen durch den Schleier seiner Tränen.
»Lass das Winseln! Sei ein Mann und schau mich an, wenn ich mit dir rede!«
Widerwillig folgte Sven der Anweisung und schaute auf.
»Na also, geht doch.« Der Fremde zwinkerte ihm zufrieden zu. Er griff nach einer braunen, abgewetzten Ledertasche und entnahm ihr einen weißen Kugelschreiber mit blauen Symbolen und ein leeres Platt Papier. Beides legte er auf den Tisch und schob es vor Sven zurecht. Danach öffnete er die Handschellen, die seine Hände am Stuhl gefangen gehalten hatten.
Sven saß gekrümmt, die Hände ineinander verkrallt. Sein Magen verkrampfte sich, und er würgte abermals. Ein harter Klaps traf ihn am Hinterkopf.
»Wage es ja nicht, dich jetzt zu übergeben!« Die helle Stimme hatte diesmal etwas Bedrohliches, Schneidendes.
Sven schluckte und hielt sich die linke Hand vor den Mund.
»Und jetzt schreibe!«, befahl der Fremde und stellte sich neben seinen Stuhl.
Sven fühlte, wie sich das kalte Leder von Handschuhen in seinen Nacken bohrte. Vor ihm lag das jungfräuliche Stück Papier, daneben der Kuli und dahinter die Schatulle, in der der Wahnsinn hauste.
»Schreib: Ich habe sie alle getötet!«
»Oh Gott, steh mir bei, ich …«
»Gott? Ja, rufe ihn, denn du hast ihn nötig. Doch bedenke, auch er hat seine Hände in diesem Spiel.« Ein krächzendes, abgehacktes Lachen ergoss sich über Sven wie eine Schüssel voll rostiger Nägel. »Schreib jetzt oder ich lasse meinen kleinen Helfer in deinem Mund ein Nest göttlicher Liebe bauen! Ich sorge dann dafür, dass dein Tod sich lange hinstreckt. Wir haben Zeit, viel Zeit. Ich werde dir die Sünden deines erbärmlichen Lebens vor Augen führen, bis jeder Atemzug zur Qual wird und du um Erlösung flehst!«
Mit dem Ärmel wischte sich Sven die Tränen aus den Augen, damit er klarer sehen konnte. Seine zitternde Hand griff nach dem Kugelschreiber. Zögerlich setzte er die Spitze auf das Blatt Papier und schrieb.
Ich bin wieder da. Nicht geheilt, nicht bekehrt. Nur wieder ich. Shit happens.
Alex starrte verwirrt auf den grauen Boden, auf dem er so manchen Kilometer gewandert war. Obwohl ihm die engen Wände in den letzten Monaten nur ein Lebensfeld von etwa zwölf Quadratmeter gelassen hatten, boten sie ihm dennoch genug Platz für seine ziellose Wanderschaft. Er hatte sie jedoch nicht als die Grenzen seiner Gefängniszelle verflucht, sondern als Schutz vor der Außenwelt willkommen geheißen. Das Gefängnis war da draußen, außerhalb dieser Mauern; in einer Welt voller Schmerzen.
Seit einigen Tagen hatte er zunehmend wieder zu denken begonnen. Dort, wohin sich seine verletzte Seele in ein Reich der Isolation zurückgezogen hatte, quoll nun langsam wieder das Verlangen nach Leben, auch wenn es nur in die Fortsetzung des gnadenlosen Kampfes münden würde. Dennoch brachte es ihn zunehmend heraus aus der Unmündigkeit seiner Gedanken; heraus aus dem selbst gewählten Paradies der Selbstaufgabe.
»Zurück in der Hölle, Herr Brandt«, fluchte Alex verbissen in seinen Bart, den er sich seit jenem Tag hatte stehen lassen, an dem er alles verloren geglaubt hatte, was er jemals liebte. Seine Hand, die sich wie ein taubes, fremdes Stück Fleisch aus seiner Vergangenheit anfühlte, strich müde über sein Gesicht. Er wusste, dass auf ihn außerhalb dieser Mauern der Wahnsinn der Unmenschlichkeit lauerte, und dennoch wollte er wieder genau in diese Welt hinausgehen. Warum? »Weil ich ein verrückter Arsch bin«, gab er sich die Antwort und stand von seinem harten Bett auf. Diesmal jedoch setzte er nicht mehr zu einer seiner planlosen Begehungen an, sondern zur Reise zurück in das Hier und Jetzt. Wie dumm konnte ein Mensch doch sein.
Sabine Rohn stand am Fenster und zupfte unablässig an ihrem engen, mausgrauen Kostüm, während ihr verbissener Blick unruhig umherschweifte. Seitdem sie Bürgermeisterin von Frankfurt am Main geworden war, hatte sie schon oft Situationen erlebt, die all ihre Kampfeslust herausgefordert hatten. Ihre kantigen Gesichtszüge und ihre graublauen Augen mahnten jeden zur Vorsicht. Ihre vordergründig nette und gespielt mütterliche Art war nur Fassade. Dahinter verbarg sich eine knallharte Frau, die genau wusste, was sie wollte und wie sie es bekam. Sie strotzte geradezu vor Selbstsicherheit und Kraft, doch diesmal war es anders.
Als es endlich erlösend an der Tür klopfte, fuhr sie hastig herum und zog noch einmal gewohnheitsgemäß an ihrer Kleidung. »Ja, verdammt.«
Die Tür öffnete sich zaghaft, und ihr Sekretär lugte herein. Er hüstelte nervös, und ein leichtes Zucken durchfuhr sein noch junges Gesicht. »Herr Marsalek ist angekommen. Soll ich ihn –«
»Ja, klar! Denken Sie, ich habe ihn nur zum Spaß hierher bestellt?« Sie rümpfte ihre Nase, drückte ihr Kreuz durch und stemmte die Hände in die Hüften. Obwohl sie von schlanker Statur war und lediglich einen Meter sechzig maß, wusste sie über ihre Ausstrahlung einer unüberwindlichen Kämpferin. Sie besaß zwar kein wohlgeschmiedetes Schwert, dafür aber eine umso schärfere Zunge.
Ihr Sekretär drehte sich mit hochgezogenen Augenbrauen von ihr ab und gab dem Gast ein flapsiges Zeichen einzutreten. »Frau Rohn erwartet Sie.« Was sie nicht hörte, war ein zischendes »Viel Spaß mit der Klapperschlange«, bevor sich die Tür schloss.
Klaus war eine unscheinbare, schmächtige Person, die man leicht übersah. Sein blasses Gesicht wirkte kränklich und sein zögerlicher Gang ließ vermuten, dass er unsicher durch die Welt tapste. Dennoch hatte er etwas, das die Menschen, sofern sie ihn überhaupt wahrnahmen, aufmerksam werden ließ.
Jeder Schritt von ihm war bedacht und vorsichtig, als würde er durch ein Minenfeld potenzieller Gefahren navigieren. Steif blieb er stehen und griff nach einem Taschentuch, als würde er jede potenzielle Berührung damit abschirmen wollen. Sein ungewöhnliches Verhalten zog die Aufmerksamkeit der Bürgermeisterin auf sich. Mit leicht geneigtem Kopf verfolgte sie seine Bewegungen mit scharfen Augen. Sie erkannte seine Unbeholfenheit. Ihr Gesicht blieb regungslos, doch ihre Gedanken schienen wie eisige Winde um sie herumzuwirbeln.
Unschlüssig suchte sie nach einem Begriff, um ihn in eine passende Schublade zu packen. Ihr Sekretär war der Bückling, den Stadtrat betrachtete sie als Saftschupsen, und der Polizeipräsident war der Oberbulle. Aber ihr angeborener Instinkt schien sie diesmal bei ihrem Besucher im Stich zu lassen. So entstand eine ungewollte, wenn auch spannende Stille im Raum, die sie mittels hilfloser Armbewegungen zu überbrücken suchte.
Klaus hingegen schien sich schnell zu entspannen und ließ seine Augen unbekümmert durch das große Besprechungszimmer der Bürgermeisterin schweifen. So war es auch er, der die ersten Worte fand. »Schönes Zimmer, Frau Rohn. Hell, großzügig, aufgeräumt und … sauber.« Er nickte anerkennend. »Darf ich mich vorstellen? Mein Name ist Klaus Marsalek, und ich bin sehr gespannt, warum sie mich haben rufen lassen.«
»Marsalek, aha. Ist das ein ausländischer Name?«
»Der Name ja, aber –«
Sie winkte ab. »Ich will gleich zur Sache kommen. Ich habe ein kleines Problem, und Sie wurden mir als die richtige Person angeraten. Akribisch, klug, diskret.« Das letzte Wort betonte sie lang gezogen und deutlich. Sie neigte ihren Kopf und musterte ihn abermals. Dabei faltete sie ihre Hände mit ausgestreckten Zeigefingern.
Marsalek wie Maus? Nein, passt nicht.
Die Hände schnellten auseinander, sie zuckte die Schultern und wies ihrem Gast einen Platz an dem sieben Meter langen, glänzend polierten Mahagonitisch, an dessen Ende sie sich setzte. Ihr fiel auf, wie ihr Gast nur zögerlich nach der Lehne griff – ohne das Taschentuch wegzustecken –, um den Stuhl zurückzuziehen und sich hinzusetzen. Dabei verzog dieser unsicher sein Gesicht.
»Ist alles in Ordnung?«
»Ja, alles in Ordnung.« Klaus atmete tief durch und nickte eifrig.
»Nun gut. Es geht um meine Tochter. Sie … ist vor etwa einer Woche verschwunden, ohne dass jemand weiß, wo sie sein könnte.« Sie warf ihren Blick kurz zur Decke. »Ich hasse solche Situationen, und das weiß sie ganz genau. Das dürfen Sie mir glauben!« Sie ballte die Hände zu Fäusten und legte sie auf die Tischplatte, ihr Oberkörper verspannt nach vorn gebeugt. »Es muss etwas passiert sein. Sie hätte sich hundert Prozent bei mir gemeldet. Ich habe sie bestimmt tausend Mal angerufen, aber es geht niemand ans Telefon. Ich kenne Liana! Sie hat zwar den Dickkopf eines Esels, aber sie ist gewissenhaft und zuverlässig.«
Während Sabine sprach, beobachtete sie Klaus aufmerksam, wie er sich unbehaglich in seinem Stuhl hin und her bewegte. Als Bürgermeisterin hatte sie gelernt, ihre eigenen Gefühle hinter einer Fassade der Kontrolle zu verbergen, und nun analysierte sie Klaus’ nervöse Gesten mit einem kühlen Blick.
Sie beobachtete, wie er sein Taschentuch wegsteckte und seine Hand unruhig am Hosenbein rieb. Es war, als ob er versuchte, eine vermeintliche Verschmutzung abzuwischen.
Plötzlich fesselte etwas auf der Tischplatte die Aufmerksamkeit des Ermittlers. Sein Blick wanderte zwischen ihr und dem unbekannten Etwas hin und her, während seine Nervosität zunahm. Sabine verfolgte seine Reaktion mit Interesse, ihre Miene unbewegt und ihre Gedanken für sich behaltend.
»Können Sie mir bis jetzt folgen?«, hakte Sabine Rohn nach. »Langweile ich Sie etwa?«
»Nein, in Gottes Namen. Ich versichere Ihnen, dass ich genau zugehört habe. Erzählen Sie einfach weiter.«
Sabine hob eine Augenbraue und streckte sich. »Nun denn.« Sie atmete tief durch. »Ich habe hier eine Akte für Sie anlegen lassen. In ihr finden Sie Bilder meiner Tochter, einen Schlüssel zu ihrer Wohnung nebst Adresse, die Namen einiger ihrer Freunde und das Projekt, an dem sie an der Uni gearbeitet hat.« Es entging ihr nicht, wie ihr Gegenüber nun mit gekräuselter Nase auf eine Stelle des Tischs starrte. Sie bedachte ihn mit einem argwöhnischen Blick und räusperte sich laut. »Sollten Sie weitere Informationen oder Hilfe benötigen, dann bitte ich Sie darum, sich bei mir zu melden. Sicherlich werden wir eine Lösung finden.«
Marsalek nickte und schaute wieder auf. Schweigend betrachtete er die Bürgermeisterin.
»Ist etwas Interessantes an mir?«, fragte sie ihn nach einigen Sekunden schwerer Stille.
»Nein, bestimmt nicht. Das heißt … ich wollte nicht unhöflich sein.« Er lächelte verlegen. »Ich habe mir nur Gedanken über den von Ihnen beschriebenen Charakter ihrer Tochter gemacht. Sie scheint viel von Ihnen zu haben. Zielorientiert, strebsam, ehrgeizig, weiß, was sie will und wird von Ihnen als zuverlässig beschrieben. Kann es nicht sein, dass sie einfach nur für eine kurze Zeit untergetaucht ist? Vielleicht mit einem … Freund?«
Sabine ließ sich hart in die Lehne fallen und lachte gehässig. Als sie sich wieder aufsetzte, lag eine kalte Bosheit in ihren Gesichtszügen. »Würden Sie für ein paar Tage untertauchen, wenn Sie damit rechnen müssten, von der halben Welt gesucht, um danach von der Mutter gevierteilt und geröstet zu werden?«
»Hm. Durchaus ein interessanter Aspekt. Zumindest würde ich es mir unter diesen Umständen gut überlegen. Warum geben Sie nicht einfach eine Vermisstenanzeige auf? Ich könnte mir vorstellen, dass die öffentlichen Polizeiorgane in Ihrem Fall sehr gewissenhaft recherchieren würden.«
»Die Polizei? Die finden ja noch nicht einmal etwas, wenn man es ihnen vor die Füße legt. Sie würden wie eine wilde Horde Bisons die Stadt umkrempeln und eventuelle Entführer hochschrecken. Davon abgesehen …« Ihre Stimme gewann da Deutlichkeit und Schärfe. »… würde man mir nur liebend gerne vorwerfen, ich hätte die öffentlichen Stellen für einen privaten Fall über die Maßen beansprucht.«
»Ist es denn nicht so?«
»Ja, verdammt. Aber das muss doch nicht gleich die ganze Welt wissen. Also … trauen Sie es sich zu, diesen Fall diskret zu übernehmen?« Sie kreuzte die Arme vor der Brust. Die Stimmung im Raum entsprach der Temperatur: kühl bis frostig.
»Habe ich ein Team, auf das ich bei meinen Ermittlungen zurückgreifen kann?«
»Ein Team? Wozu?«
»Sicherlich haben Sie bereits versucht, ihre Tochter auf herkömmliche Weise zu finden. Ich kann mir nicht vorstellen, dass ich der Erste sein soll, mit dem Sie vertraulich über das Verschwinden Ihrer Tochter gesprochen haben. Und wie es aussieht …« Er zog die Augenbrauen hoch, und ein süffisantes Grinsen lag in seinem Gesicht. »… war die bisherige Suche nicht mit Erfolg gekrönt. Oder?«
Mit offenem Mund starrte sie ihn an und überlegte, wie sie auf diese Frechheit reagieren sollte. Natürlich war er nicht der Erste gewesen, den sie um Hilfe gebeten hatte. Resigniert stieß sie die angestaute Luft aus und schüttelte den Kopf. »Also gut. Man hat Sie mir als einen der besten Ermittler beschrieben, und ich hoffe, dass Sie das auch wirklich sind. Wenn Sie jemanden benötigen, dann lassen Sie es mich einfach wissen. Ich werde mich darum kümmern.«
Marsalek zog die Akte mit einem Finger zu sich. Als wäre sie mit Strychnin bepudert, wischte er danach sofort den betreffenden Finger am Hosenbein ab. Sabine Rohn beobachtete, wie er einen Kugelschreiber aus der Innentasche seines Sakkos zog, und mit diesem den Aktendeckel aufschlug.
»Wann hatten Sie das letzte Mal mit ihr Kontakt?«
»Letzten Samstag haben wir telefoniert. Also genau vor vier Tagen. Sie erzählte mir von ihrer Studienarbeit, die sie mit einigen Kommilitonen bearbeiten würde. Sie sagte, sie wären ein super Team.«
»Ein super Team?«
»Ja! So hatte sie sich ausgedrückt. Sie meinte, sie wären dabei auf etwas Hochinteressantes gestoßen. Mehr hat sie mir darüber jedoch nicht erzählt.«
»Wissen Sie etwas über die Kommilitonen, mit denen sie an dieser Studie arbeitete?«
»Nein, aber Sie finden ihre Namen in dem kurzen Bericht, der in der Akte liegt. Auch finden Sie den Namen der Professorin, die sie betreute. Sie kann Ihnen dann auch sicherlich alles zu der Studienarbeit erzählen, an der sie arbeitet. Ich kann mir jedoch nicht vorstellen, dass das alles etwas mit dem Verschwinden zu tun hat.«
»Sondern?«
»Pah.« Sabine hob die Hände und ließ sie auf ihre Stuhllehnen fallen. »Ich vermute, dass sie jemand entführt hat, um mich zu erpressen!« Es kam zischend über ihre Lippen. Ihre Kaumuskeln arbeiteten und ihre zusammengekniffenen Augen versprachen den- oder diejenigen zu töten, die sich so etwas wagten. »Nicht jeder in der Stadt liebt mich, müssen Sie wissen.«
Marsalek quittierte die letzte Aussage mit einem milden Lächeln, schloss den Aktendeckel mit dem Kugelschreiber und stand auf. »Ich werde mir ein Bild von der Angelegenheit machen. Gibt es noch etwas, das ich wissen sollte?«, fragte er sie nachdrücklich.
»Ich habe Ihnen alles gesagt, was mir dazu wichtig erscheint. Ich will wissen, wo sich meine Tochter befindet. Und das schnell! Setzen Sie Himmel und Hölle in Bewegung, wenn es sein muss!« In ihrer Stimme lag diesmal nicht nur die von ihr gewohnte Härte, sondern eine Spur verunsicherten, ja, sogar verzweifelnden Flehens. Sie schluckte schwer, als es ihr auffiel.
Wortlos stand Marsalek auf, nestelte in seiner Tasche nach seinem Taschentuch und griff mit diesem nach der Akte. An der Tür blieb er kurz stehen und wandte sich zur Bürgermeisterin. »Ich werde mein Möglichstes tun, aber …« Er wies mit seinem Blick zur Tischplatte. »… Sie sollten unbedingt den Tisch reinigen lassen.«
Johann Spohl saß in seinem Büro und wühlte die Berichte der vergangenen Woche durch, um sie in den entsprechenden Ablagen einzuordnen. Er hasste diese Arbeit wie die Pest, und sein mit Papieren, Akten und sonstigen Mitteilungen überladener Schreibtisch war ein stummer Zeuge davon. Es waren die leidigen Dinge des Arbeitslebens des Leiters einer Spezialeinheit für Gewaltverbrechen. Was sich hier ansammelte, waren Geschichten, die niemand hören oder sehen wollte, und an denen Blut, Schmerz und Tod klebten.
Mit seinen dreiundfünfzig Jahren hatte er eine steile Karriere hinter sich gebracht, von der er hoffte, dass sie nicht irgendwann durch einen Fehler abbrechen würde. Und Stolpersteine gab es in diesem Beruf beileibe viele. Einer von ihnen hieß Sabine Rohn, die Oberbürgermeisterin.
Seine Mitarbeiter fürchteten ihn wegen seiner cholerischen Ausfälle, schätzten ihn hingegen für den Schutz, den er ihnen bot. Er war der Prellbock, der ihnen den Rücken freihielt. Mit seiner Größe von einem Meter dreiundachtzig und vierundneunzig Kilo Lebendgewicht wirkte er wie ein Bär, an dem keiner so schnell vorbeikam.
Johann brummte laut, warf sich in die Lehne seines Stuhls und rieb sich die müden Augen. »Scheißkram!« Am liebsten hätte er alles in den Mülleimer geworfen, wo es seiner Meinung nach auch hingehörte.
Er stand schwerfällig auf, stampfte zum Fenster, steckte seine Hände in die Taschen und schaute in die Weite des Betondschungels.
Eigentlich hatte er nie bei der Polizei arbeiten wollen. Aufgewachsen in einem Viertel, in dem an jeder Ecke zum Frühstück Koks und käufliche Liebe angeboten wurden, hatte er schnell lernen müssen, sich zu behaupten. Nicht mit Worten, netten Gesten oder friedvollem Gehabe, sondern mit Fäusten und Ellbogen. Er hatte es einer zufälligen Begegnung mit einem Pfarrer zu verdanken, dass er nicht in diesem Sumpf von Gewalt, Missbrauch und Dummheit untergegangen war.
Mit seinen Eltern lebte er in einer heruntergekommenen Zweizimmerwohnung über einem Nachtclub in der Nähe des Frankfurter Hauptbahnhofs. Nacht für Nacht hörte er den dumpfen Rhythmus der Musik, das Gejohle betrunkener Gäste, die nach Hause wankten, und Frauen, die von Männern verprügelt wurden. Meist fand er nur spät Schlaf, der ihn am Morgen nicht erholt, sondern angekratzt aufstehen ließ. Sein Vater war ein Arsch. Alkoholiker von Beruf, der nur dann erschien, wenn er nicht mehr richtig stehen konnte. Dank des deutschen Wohlfahrtsstaats, der glaubte, jeden Nichtsnutz durchfüttern zu müssen, musste dieser nicht arbeiten und hatte dennoch genug Fusel. Hasste er seinen Vater? Ja. Aber nicht wegen seiner Alkoholsucht, sondern dafür, dass er verantwortlich dafür war, dass sich seine Mutter das Leben nahm. Sie hatte sich einfach von der Untermainbrücke fallen lassen. Und er selbst? Er blieb wie ein Stück Dreck, den niemand haben wollte, zurück. Und so schaukelte seine Kindheit zwischen Jugendamt und Gosse. Auf und ab, auf und ab.
Eines Tages – ein Märchen, an das man kaum glauben mag – suchte ihn Pfarrer Kolb in der Wohnung auf. »Dein Vater liegt im Krankenhaus. Er wird vielleicht sterben«, hatte er ihm mit mitleidiger Miene offenbart. Tröstend mild betonte dieser jedes einzelne Wort, als wären sie zerbrechlich wie Glas, und als würden sie seine reine Kinderseele belasten. Johann hatte gelacht und der Pfarrer saß ihm mit geweiteten Augen sprachlos gegenüber. Ja, er hatte einfach nur laut in die beschissene Welt hinausgelacht.
Geweint hatte er erst, als Pfarrer Kolb wieder gegangen war. Nicht, weil er seinen Vater vermissen würde, sondern weil er nun noch mehr allein war. Kotzerbärmlich allein!
Johann kam in eine Pflegefamilie. Sie war nett, aber Johann nicht. Wozu auch. Pfarrer Kolb kam immer wieder auf Besuch, gab sich Mühe, ihm Halt und eine Richtung zu geben, doch es dauerte Jahre, bis Johann innerlich bereit war, seine helfende Hand anzunehmen. Kolb sagte stets, dass er zur Polizei oder sich in Gottes Hand begeben solle. Irgendetwas tun, um anderen zu helfen.
Und so begann er auch tatsächlich regelmäßig zur Kirche zu gehen, sich zu engagieren und von der stumpfen Gewalt der Straße abzusagen. Alles schien sich in die richtigen Bahnen zu bewegen. Weg von dem, was ihm seine Eltern vorgelebt hatten. Aber das Leben findet immer wieder eine Möglichkeit, einem eine auszuwischen. Irgendein versoffener Dreckarsch hatte Pfarrer Kolb auf der Straße überfallen. Und als Dank für die paar Euro, die er ihm entwinden konnte, schlug er dem Pfarrer die Flasche über den Kopf. Da sich dieser noch regte, trat er noch einige Male zu. Immer auf den Schädel. Kolb starb an Gehirnblutungen. Den Hurensohn, der das getan hatte, konnte man nie finden.
Lange tändelte Johann umher, ohne zu wissen, wie sein Leben weitergehen konnte. Er war verbittert gewesen, desillusioniert, zutiefst traurig und unendlich wütend zugleich. Doch die Worte des Pfarrers waren unvergessen geblieben. Zu seinem Glück. In Gottes Hand geben, kam nicht infrage, und so war nur noch die Polizei geblieben.
Johann fuhr mit der Hand über das Gesicht. Er fühlte sich ausgelaugt. Er befand sich ständig zwischen Fronten geklemmt. Je älter er wurde, umso mehr war ihm klar geworden, dass er irgendwann einmal stolpern könnte. Immer wieder musste er selbst nach Halt suchen, sich wieder aufrichten und sagen, dass es der richtige Weg sei. Aber die Versuchung wuchs, dem allem aus dem Weg zu gehen. Einfach abtauchen.
Seit jenen Tagen, als er in der Gosse aufwuchs, hatte sich nicht viel geändert. Frankfurt am Main hatte seine schönen Seiten, aber auch noch immer Ecken, um die man nicht arglos streifen sollte, wenn einem an der Unversehrtheit von Leib und Seele gelegen war. Hier tummelten sich Drogenabhängige auf der Suche nach Geld – eine Suche, die oft mit dem Tod eines Fremden einherging –, Prostituierte, deren Träume zerplatzt waren und sich kein Ausweg mehr bot, Zuhälter ohne jegliche Empathie, brutale Räuber, die sich das holten, was sie wollten und organisiertes Verbrechen mit Strippen in die höchsten Etagen. Ja, mit Geld konnte man sich alles kaufen: die selbstherrlichen Richter, die schmierigen Politiker und … auch die Polizei.
Es war nicht verwunderlich, dass er leicht zwischen die Fronten geriet, als Spielball unterschiedlichster Kräfte. Landete ein brisanter Fall auf seinem Tisch, der nicht sofort gelöst werden konnte, stürzten sie von allen Seiten auf ihn ein. In vorderster Reihe stichelte die Presse, Schandmäuler, die damit ihr jämmerliches Geld verdienten. Und wenn sie nur laut genug schrien, schloss sich auch die Bürgermeisterin an, bevor es ihr an den Kragen ging. Es blieb ein Fass ohne Boden.
»Verdammt, ich bin zu müde für den ganzen Mist«, brummte Johann, machte verdrossen kehrt und setzte sich wieder an den Tisch. Der Stapel hatte kaum abgenommen, und der Wille, ihn weiter abzubauen, war gegen Null gesunken. Er wandte sich an den PC und begann die Neueingänge durchzublättern. Unzählige ungelesener Nachrichten, die er noch zu lesen und beantworten hatte.
Als sein Blick auf eine E-Mail von Sabine Rohn fiel, zog er verdrossen die Stirn. Das Letzte, das er jetzt benötigte, war eine Schelte oder eine weitere Aufgabe, die jemand auf seinen Schultern auflasten wollte. Im Betreff-Feld stand der Name Klaus Marsalek.
»Was will Sabine jetzt schon wieder?« Johann seufzte. Noch nie hatte sie ihm eine Nachricht mit positivem Inhalt gesendet. Er schnaufte tief durch, bevor er sie öffnete.
Sabine hatte ihn mal als einen »harten Brocken in der Landschaft« betitelt, und damit hatte sie auch recht. Aber er konnte sich auch kaum Schwächen erlauben, da er seinen Stuhl sonst schneller verlieren würde als ein Kaninchen sein Leben, auf das zeitgleich zehn abschussbereite Flinten gerichtet waren. Es waren sein zäher Ehrgeiz und die langjährige Erfahrung, die ihm zugutekamen. Aber er hatte noch etwas ganz Besonderes in den vielen Jahren seiner Tätigkeit verstanden – wie es Alex Brandt einmal auf den Punkt gebracht hatte –, er wusste, wem er welche Fälle anvertrauen konnte, und wie er ihnen Freiräume schuf, in denen sie sich relativ frei bewegen konnten.
»Klaus Marsalek, hm«, murmelte er. Ein Name, der bereits zahlreiche Geschichten und Gerüchte hervorgerufen hatte. Johann hatte einiges über diesen seltsamen Ermittler gehört, der mit seinen ungewöhnlichen Eigenschaften die Menschen sowohl zum Wahnsinn trieb, aber auch in Staunen versetzte. Ein Mann, bekannt für seine zahlreichen Phobien, die ihn auf den ersten Blick wie ein gebrechliches Wesen erscheinen ließen. Es hieß, er habe Angst vor Spinnen, Höhen, geschlossenen Räumen und sogar vor der Dunkelheit. Doch trotz dieser scheinbaren Schwächen behauptete er sich als Meister seines Fachs.
Besonders faszinierte Johann die Tatsache, dass Klaus Marsalek ein regelrechter Sauberkeitsfanatiker war. Es hieß, er trage an Tatorten stets sterile Handschuhe und desinfiziere seine Hände penibel, um sich vor jeglicher Art von Bakterien zu schützen. Sein Büro in Berlin glich angeblich einer klinisch reinen Umgebung, in der jeder Stift und jeder Gegenstand seinen festen Platz hatte. Es wurde erzählt, dass Marsalek sogar eine eigene Abteilung im Polizeirevier eingerichtet hatte, die sich ausschließlich mit der Reinigung und Desinfektion der Räumlichkeiten beschäftigte, was natürlich Blödsinn war. Aber Menschen übertrieben gern.
Es gab wenige Ermittler seines Kalibers, wobei ihm dabei nur ein Name in den Sinn kam: Alexander Brandt. Doch Alex war bereits vor einigen Monaten aus dem Verkehr gezogen worden, nachdem dieser apathisch in einer leergeräumten Penthouse Wohnung auf dem Boden sitzend gefunden wurde. Sein Verstand hatte sich wohl in eine Ecke verkrochen, in der er sich rosaroten Blümchen verschrieb, um so dem Schrecken dieser Welt zu entfliehen. »Ach Alex«, seufzte Johann wehmütig.
Alex war ein eiskaltes, menschliches Wrack, dem man besser aus dem Weg ging, aber er war dennoch sein bester Mann in der Abteilung gewesen. Wenn er sich auf jemanden verlassen konnte, dann war es dieser menschenverabscheuende Lonely Bastard.
Als es plötzlich an der Tür klopfte, schrak er aus seinen Gedanken auf. »Ja«, brummte er.
Es klopfte abermals, diesmal noch deutlicher.
»Verdammt! Ich hatte Ja gesagt oder soll ich die Tür aufhalten?«
Es dauerte einige Sekunden, bis die Türklinke gedrückt wurde und diese, mit dem Fuß leicht gestoßen, aufschwang.
»Herr Spohl?« Ein Mann kam einen Schritt in den Raum.
»Haben Sie hier die Putzfrau erwartet? Wer verdammt sind Sie?«
»Mein Name ist Klaus Marsalek. Frau Rohn bat mich, einen ihr am Herzen liegenden Fall zu übernehmen, so es denn einer ist. Nun wäre ich Ihnen sehr verbunden, wenn Sie ein wenig Zeit für mich aufbringen könnten.«
Johann schäumte vor Wut, aber er hatte sich noch im Griff. Er mochte es nicht, wenn ihm jemand einen fremden Ermittler vor die Nase setzen wollte, ohne dass er darüber rechtzeitig in Kenntnis gesetzt wurde. Und eine E-Mail vom gleichen Tag konnte man wohl kaum als rechtzeitig bezeichnen. »Nehmen Sie Platz.« Er wandte sich wieder seinem PC zu, um die Nachricht der Bürgermeisterin ganz durchzulesen:
Hallo Herr Spohl,
ich habe ein persönliches Problem, das sehr diskret gelöst werden muss. Man hat mir einen Ermittler genannt, der außergewöhnlich ist, aber anscheinend sehr erfolgreich seine Fälle lösen soll. Er heißt Klaus Marsalek und er wird sich bei Ihnen melden. Stellen Sie ihm alle erdenklichen Hilfen zur Verfügung.
Sabine Rohn
IHRE Bürgermeisterin!
PS: Ich werde mir in den kommenden Tagen nochmals den von mir abgelehnten Antrag vornehmen, in dem Sie um zusätzliche Mittel gebeten haben. Mal sehen, was sich da machen lässt.
»Ha«, rutschte es ihm laut heraus, als er den letzten Satz las. »Typisch!« Sie wusste genau, wie sie ihre Leute bei der Stange hielt. Zuckerbrot und Peitsche, nur dass sie die Peitsche bevorzugte.
»Sie sind also Herr Marsalek. Meine Bürgermeisterin hat Sie soeben angekündigt. Nun denn. Um was geht es denn bei dieser Angelegenheit?« Johann lehnte sich zurück und wippte in seinem Stuhl. Er war neugierig. Zugegebenermaßen.
»Hat sie es Ihnen nicht geschrieben?«
»Nein.«
»Dann möchte ich es der Bürgermeisterin überlassen, Sie davon in Kenntnis zu setzen. Ich bin hier, da ich einige Leute benötige, die mir bei meinen Recherchen behilflich sind. Wen könnten Sie einige Tage entbehren?«
Spohl runzelte die Stirn und beugte sich nach vorn, ohne die Arme zu entflechten. »Herr Marsalek, ich wiederhole mich ungern. Um was geht es? Wenn Sie von mir Unterstützung benötigen, dann möchte ich auch verdammt noch mal wissen, worum es sich bei der ganzen Scheiße dreht!« Seine Stimme hatte an Lautstärke gewonnen, und Marsalek wich unwillkürlich zurück.
Es entstand eine belastende Stille zwischen beiden. Spohl, angespannt, die Arme überkreuzt, und Klaus, leicht zurückgelehnt, die Hände in den Schoß gelegt.
Kurzentschlossen griff Spohl wütend nach dem Telefon. »Gib mir die Bürgermeisterin an den Apparat«, schnauzte er in den Hörer und knallte ihn wieder auf die Gabel. »Dann warten wir eben, bis ich meine Informationen habe!«
Klaus schien sich zu entspannen. Ungeniert schaute er sich im Büro um. Spohl beobachtete ihn irritiert und schüttelte den Kopf. Es dauerte keine Minute, bis das Telefon klingelte.
»Donnerwetter, das ging schnell.« Johann blickte kurz auf das Display, schob die Unterlippe vor, nickte und nahm den Hörer ab. »Hallo, Frau Rohn. Wie geht es Ihnen?« Seine Stimme klang tief und rau. Er versuchte erst gar nicht, freundlich zu sein, vielmehr wollte er Antworten.
»Seit wann interessiert Sie mein Befinden?«, kam es ebenso forsch zurück. »Ich denke, es geht Ihnen um diesen Ermittler Marsalek. Oder?«
»Ja.«
»Geben Sie ihm, um was er Sie bittet!«
»Aber –«
»Nichts aber! Er hat mein volles Vertrauen. Verstehen wir uns?«
Johann brummte im Bass. Ein Grizzlybär hätte nicht bedrohlicher klingen können.
»Also gut. Liana, meine Tochter, ist verschwunden, und er soll sie wiederfinden. Vielleicht ist sie entführt worden, vielleicht auch nicht. Ich kann und will das Ganze noch nicht an die große Glocke hängen. Verstanden?«
»Ihre Tochter?«
»Ja, bitte stellen Sie sich nicht quer!«
»Okay!« Resigniert legte er den Hörer auf.
Das Besprechungszimmer in der Irrenanstalt hatte das Flair einer kargen Gefängniszelle mit sonnigen Farbtönen. Aufgeräumt, mit vielen Stühlen im Kreis aufgestellt und einem Tisch in der Mitte. Die Wände waren in einem frühmorgendlichen Orange gehalten, die Stühle gelb und beige und der Boden weiß. Der Raum war frei von jeglichen Fenstern, und das künstliche Licht, das von den Deckenlampen herabströmte, wirkte steril und unnatürlich.
Wie oft schon hatte man Alex hierhergebracht, auf ihn eingeredet und seiner Wortlosigkeit gelauscht? Gruppensitzungen musste er über sich ergehen lassen, die nichts brachten, außer dass er mit den Irren hier zusammensitzen durfte. Oft füllte dieser Raum eine undurchdringliche Stille, die nur von gedämpften Geräuschen durchbrochen wurde: das Rascheln von Papieren, leises Husten oder das Klacken eines Stiftes gegen die Holzlehne. Die Anwesenden, deren Blicke von Melancholie und innerem Schmerz gezeichnet waren, vermieden Augenkontakt und flüsterten nur selten miteinander. Die Last der Vergangenheit und die Verzweiflung der Gegenwart schienen auf ihren Schultern zu liegen. Jeder Einzelne hatte seine eigenen Dämonen und kämpfte gegen die Dunkelheit in sich an. Die Worte, die in diesem Raum gesprochen wurden, waren Worte des Schmerzes, der Hoffnungslosigkeit und der Verlorenheit. Nur selten öffnete sich jemand und erzählte von den Nöten der verwundeten Seele, während einige lediglich vor und zurück wippten, als wären sie der Kolben in einem kranken Getriebe.
»Scheiße, ich muss hier raus«, fluchte Alex gepresst.
Der Geruch von Desinfektionsmitteln und Reinigungsmitteln drängte sich ihm in die Nase. Es war ein penetranter Duft, der nach chemischen Substanzen roch und keinen Platz für Frische oder Natürlichkeit ließ. Das schlichte Mobiliar verstärkte die Kühle des Raums.
Alex nahm auf einem der Stühle Platz und spürte, wie die Kälte des Raums seinen Körper durchdrang. Die Dunkelheit, die ihn in den Nervenzusammenbruch geführt hatte, schien auch hier gegenwärtig zu sein. Doch tief in seinem Inneren war ein Funke aufgelodert, ein verzweifelter Wunsch nach Erlösung und Veränderung.
Ja, es war ein sonniges Zimmer mit ebensolchen Themen. Halleluja.
Die Tür öffnete sich, und Dr. Kamberger kam schwitzend und schwer schnaufend herein. Alex blieb sitzen.
»Hallo, Herr Brandt, schön, dass Sie mich sprechen wollen. Ich war wirklich überrascht, als ich diese Nachricht erhielt.«
Alex lächelte freundlich. Kann ich mir lebhaft vorstellen, dass du überrascht warst. »Hallo, Dr. Kamberger. Ja, ich bin froh, dass Sie so viel Geduld mit mir hatten«, log Alex.
Er wusste, dass er sich anders als bisher verhalten musste, wollte er wieder aus dieser Anstalt entlassen werden. Er musste zeigen, dass er wieder imstande war, ein normales Leben zu führen. Als Ermittler war er ein Meister der Manipulation, doch diesmal musste er sich selbst manipulieren. Er musste seinen inneren Zynismus, seine Abgestumpftheit abschütteln und eine Fassade aufbauen, welche die Ärzte und Therapeuten dazu bringen würde, an seine Genesung zu glauben. Dazu gehörten die Kontrolle seiner Emotionen, Offenheit und einsichtiges Verstehen zeigen, sich bemühen, eine positive Einstellung zu reflektieren, auch wenn es nur eine Maske war.
»Ähm … ja. Das ist erstaunlich.« Der Therapeut setzte sich im Kreis gegenüber, legte einen Schreibblock auf den Schoß, und tippte mit einem Stift darauf. »Warum, Herr Brandt, glauben Sie, wieder in die Welt hinausgehen zu dürfen? Was ist passiert? Geht es Ihnen wirklich wieder besser?«
Dr. Kamberger hatte ein lieblich unerträgliches Lächeln im Gesicht, gedacht für Insassen, die nicht mehr bei Verstand waren. Doch zu denen zählte sich Alex nicht. Woche für Woche hatte er diese Sitzungen über sich ergehen lassen müssen, um Fragen zu beantworten, die einfach nur dämlich waren und keine Antwort verdienten. In Alex’ Augen war dieser Arzt ein ekelhaftes, kleines, quiekendes und vor Schweiß triefendes Aas, das Gefallen darin fand, in fremden Hirnen zu bohren, und sich selbst für etwas Besseres hielt.
Alex lächelte freundlich.
Wie konnte es so eine Mülltonne wagen, seinen Verstand anzuzweifeln? Bisher hatte er sich den Gesprächen verweigert, hatte stur zu Boden geschaut und alles um ihn herum ignoriert. Jetzt aber, nachdem ihn seine Schwester besucht hatte, fühlte er sich von einer Last befreit, die ihn zu zermalmen gedroht hatte. Aufmerksam hatte er danach begonnen, nicht nur seine eigene Situation, sondern zunehmend auch die Ärzte und Betreuer in der Anstalt zu analysieren. Berufskrankheit, könnte man sagen. So hatte er sich auch mit Dr. Kamberger befasst, der hinter vorgehaltener Hand Dr. Doolittle genannt wurde. »Er kann mit den Tieren sprechen«, hatte ihm einer der Irren anvertraut und ihm eine tote Kakerlake vor die Nase gehalten. »Sie hat es mir verraten.« Danach steckte der Irre die Kakerlake in den Mund und verspeiste sie. Alex konnte sich noch genau an das Knacksen erinnern, als der Idiot zubiss.
Zugegeben, es war eine Information, die nicht viel Wahrheitsgehalt beinhaltete, aber was sollte er schon von solch verblödeten und sinnlosen Äußerungen halten, die aus den Mündern von geistig instabilen Menschen kamen? Nicht mehr, als die Ärzte von ihm selbst hielten, vermutlich, nachdem er sich so lange verweigert hatte und die selbstgewählte geistige Isolation als sein neues Zuhause betrachtete. Nichts!
Doolittle musterte ihn aufmerksam und wartete auf eine Antwort. Schweißperlen rannen über seine rote Stirn, als befänden sie sich in einem Wettstreit darum, wer als Erste das Doppelkinn erreichen könnte. Den schweren Kopf geneigt, beobachtete er Alex eindringlich.
Alex nickte. »Ja, es geht mir gut! Ich habe eine schwere Depression durchgemacht, wie Sie ja wissen. Jetzt aber möchte ich wieder am Leben teilnehmen.« Es war im Grunde eine demütige Lüge, die versöhnlich klingen sollte. Er wollte und konnte nicht gestehen, dass ihn das Leben da draußen einen Scheiß interessierte. Der Grund war einfach, dass er aus seinem beschützenden Traum erwacht war und er nun ebenso gut wieder in diese beschissene Welt hinausgehen konnte.
»Was ist damals passiert? Warum haben Sie sich … zurückgezogen?«
Warum wohl?Weil ich glaubte, meine Schwester getötet zu haben, du Dreckarsch, dachte er mit Wut im Bauch. Hatte er dies denn nicht? Zumindest hatte er es versucht, und lange Zeit war er auch davon überzeugt gewesen, bis er Besuch erhielt, bei dem sie plötzlich wieder in sein Leben trat. Einfach so, wie ein Regenguss, den man nicht erwartet.
»Ich hatte einen schweren Kriminalfall, der mich innerlich einfach überforderte. Ich erlebte einen totalen Zusammenbruch. Vielleicht habe ich einfach zu viel Schlimmes gesehen und brauchte diese Ruhe vor der Realität.« Trotz der Erniedrigung, die er empfand, da er einem Mann Rechenschaft abgeben musste, der nichts von dem Mist auf den Straßen verstand, blieb seine Stimme ruhig, mit einem Unterton voller Reue und Verstehen. Alex wusste, dass sie ihn nicht so einfach wieder würden gehen lassen, aber sie konnten ihn auch nicht in diesen Mauern behalten, wenn er sich geschickt verhielt. Die Antworten, die von ihm erwartet wurden, kannte er, und genau diese würden sie von ihm auch erhalten.
»Wir werden Sie in den kommenden Wochen genau beobachten, und wir werden uns intensiv miteinander unterhalten müssen. Wenn ich wirklich den Eindruck habe, dass Sie uns verlassen können, dann werde ich Ihnen einen Betreuer für Ihre ersten Schritte zurück in die Welt zur Seite stellen. Nach und nach werden Sie dann wieder ein ganz normaler Mensch werden, der auch Spaß am Leben haben kann.«
Wow. Alex nickte abermals und quittierte den Vorschlag mit einem milden Lächeln. Er sollte ein ganz normaler Mensch werden und auch noch Spaß am Leben haben? Was für ein Trottel saß ihm da gegenüber? Hatte er in all seinen Analysen nicht erkennen können, was für ein menschliches Wrack hier einsaß? Nein, wahrscheinlich nicht. Alex hatte nichts von sich erzählt; nichts von seinen Gedanken preisgegeben. Dieser Kloß wusste rein gar nichts von ihm, und so sollte es auch bleiben.
»Ja! Ich freue mich wieder darauf, das Leben genießen zu dürfen«, antwortete er leise. »Es gibt so viel Schönes da draußen, dem ich mich verschlossen habe und in das ich wieder eintauchen möchte.« Alex war überrascht, wie geschickt er lügen konnte. Ein kaltes Lächeln huschte über sein bleiches Gesicht, das schon so lange keine Sonne mehr abbekommen hatte.
»Nun, dann begrüße ich Sie zurück im Leben.« Der Psychologe lachte.
Alex auch.
Lach nur, dachte Alex und lehnte sich entspannt zurück. Freuden suchte er nicht in dieser Lebensschmiede, die mit ihrem grausamen Hammer genau wusste, wo sie draufschmettern musste, um möglichst viel zerstören zu können. Was er suchte, war Absolution.
Es war dunkel geworden, und der herbstliche Wind fegte kalt durch die Straßen. Bald schon würden die bunt belaubten Bäume ihr Blätterkleid ablegen und ihre kahlen Finger gespenstisch in die Höhe strecken.
Klaus liebte den Herbst und den Winter. Was er als eine entlastende Wohltat wahrnahm, empfanden die meisten Menschen als einen tristen, depressiven Gefühlshemmer, dem sie am liebsten entfliehen würden. Endlich musste er sich nicht mehr so oft vor den verschwitzten Menschen ekeln, wenn sie stinkend und alles antastend um ihn herumschwirrten. Seine Umwelt konnte nicht einmal im Ansatz ahnen, wie sehr er unter diesen Dingen litt, die den meisten Menschen nicht einmal auffielen.
Sein Zuhause in einem Berliner Vorort hatte er sich so hergerichtet, wie er es sich wünschte: helle, geräumige Zimmer, ein vom Staubroboter täglich gereinigter Parkettboden, weißes, glänzend poliertes Mobiliar, eine Filteranlage, die nicht nur Keime und Rußpartikel vertilgte, sondern die Luft von allen denkbaren Gerüchen befreite. Ein kleines behütetes Paradies, das sich der schmutzigen Außenwelt verschloss.
Hier in Frankfurt sah es anders aus. Nur mit Mühe und vehementer Intervention, hatte man ihm erlaubt, in einem Hotelzimmer unterzukommen, das über dem normalen Budget lag. Die von ihm erwünschte Reinheit war erwartungsgemäß nicht gegeben. Doch hierfür hatte er sich gewappnet. Für seine Geschäftsreisen hielt er stets einen speziellen Koffer parat, in den alles passte, was er für eine Grundreinigung und ein einigermaßen behagliches Leben benötigte: sein eigenes Kissen – nie würde er seinen Kopf auf eine ihm unvertraute Unterlage betten –, Reinigungsmittel, Desinfektionsgele, die er beim Eingang, neben dem Bett, am Schreibtisch und auch im Bad aufstellen konnte, sowie Decken, um damit die Sitzmöglichkeiten abzudecken. Als er am Morgen seine neue Heimat bezog, hatte er somit die ersten Stunden damit verbracht, alles in Ordnung zu bringen, bevor er den Termin mit der Bürgermeisterin wahrnahm.
Trotz dieser immensen Vorarbeiten betrat er am Abend griesgrämig sein Zimmer. Seine Unterlippe hochgezogen, ließ er seinen tieftraurigen Blick umherschweifen. Es würde einige Tage benötigen, bis er sich an seine neue Bleibe würde gewöhnen können.
Er zog seine Schuhe aus, ging ins Badezimmer und legte die Akte, die ihm Sabine Rohn überreicht hatte, neben das Waschbecken auf einen kleinen Schemel. Blatt für Blatt, Bild für Bild, wischte er mit leicht angefeuchteten Tüchern ab und steckte jedes in eine durchsichtige Folie. Durch die Grundreinigung dieser Oberflächen konnte er sich am Abend wenigstens den Ekel ersparen.
Er wusch sich intensiv die Hände, desinfizierte sie und legte das Paket auf einen kleinen Schreibtisch, der sich im Schlafraum neben dem Fenster befand. Erst jetzt setzte er sich steif auf den Stuhl, den er am Morgen mit einem Laken überzogen hatte.
»Ach, je«, kam es angekratzt aus seiner Kehle. »Also gut, dann wollen wir mal nachsehen, was wir hier alles haben.« Zuerst holte er die Bilder aus der Mappe und stapelte sie fein säuberlich übereinander.
Er hatte sie bereits überflogen und wollte sie sich für den Schluss aufheben. Interessant erschien ihm die zu Protokoll gegebenen Informationen zu sein. Hier erhoffte er sich die ersten wichtigen Aufschlüsse über den Verbleib der jungen Frau. Ihr Name war Liana Rohn. Aus den Daten konnte er entnehmen, dass sie einen Meter sechsundsiebzig groß und, den Bildern nach zu urteilen, von schlanker Statur war. Er schätzte ihr Gewicht auf etwa fünfundfünfzig bis sechzig Kilo, was zu diesem Zeitpunkt jedoch keine Bedeutung hatte. Vielmehr war ihm das vorstehende Kinn der jungen Dame aufgefallen, was auf eine resolute und fest im Leben stehende Person schließen ließ.
Liana studierte an der Kunsthistorischen Fakultät in Frankfurt am Main, hatte sehr gute Noten und schien auch sonst ein strebsamer und wohlstrukturierter Mensch zu sein. Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm. An Gewissenhaftigkeit schien es ihr in der Tat nicht zu mangeln, und auch er konnte sich auf den ersten Blick kaum vorstellen, dass sie absichtlich untergetaucht sein könnte.
Die restlichen Unterlagen gaben nicht sehr viele Informationen preis, außer dass sie zusammen mit drei Kommilitonen ein Studienprojekt mit dem Arbeitstitel »Rodins Höllentor« bearbeitete und sie dabei von einer Professorin namens Dorothea Charlston betreut wurde. Nachdem er sich nochmals die Bilder angesehen hatte, legte er alles wieder ordentlich in die Mappe zurück.
Dieser Fall schien oberflächlich betrachtet nicht sehr kompliziert zu sein, und dennoch schwang eine ihm unbehagliche Komponente mit. »Die Gefahr lauert im Unbekannten und ist der Preis der Neugierde«, flüsterte er eine vage Ahnung.
Klaus hatte einen festen Ablauf in seinem allmorgendlichen Wachwerden. Von diesem, wie von vielen anderen inzwischen liebgewonnenen Gewohnheiten, kam er nur dann ab, wenn es auch wirklich unumgänglich war. Es kostete ihn unendlich viel Mühe, bestimmte Muster zu verlassen und sich neuen Gegebenheiten anzupassen. Doch leider ließ es sich nicht immer vermeiden.
Stets nach Klingeln des Weckers, blieb er exakt fünf Minuten mit hochgezogener Decke auf dem Rücken liegen, den Kopf sanft in das eigene Kissen gebettet. Diese Zeit half ihm, den Tag einzuteilen und die Eckpunkte zu definieren. An diesem Morgen jedoch blickte er aus dem Fenster und beobachtete das tosende Schauspiel der Natur, wie ein Baum vor seinem Fenster im Wind tanzte und sich dem stürmischen Atem der Jahreszeit beugte. Die Äste bogen sich bedrohlich, als würden sie dem Sturm trotzen wollen, doch einer von ihnen konnte dieser Gewalt nicht länger standhalten. Ein dumpfer Knall drang an Klaus’ Ohren, als ein Ast unter der Wucht einer Böe abbrach und mit lautem Getöse auf den Boden krachte.
Ein jäher Schreck durchzuckte Klaus und ließ sein Herz für einen Moment aussetzen. In seiner Welt gab es kaum Raum für unvorhergesehene Ereignisse oder Unordnung. Jede Form von Chaos war ein Störfaktor, der ihn aus der Bahn werfen und seine fragile Welt ins Wanken bringen konnte. Sauberkeit und Ästhetik waren für ihn von essenzieller Bedeutung, denn sie vermittelten ihm Sicherheit und Kontrolle.
Ein vager Schatten der Paranoia legte sich über Klaus’ Gedanken, als er sich fragte, ob dieser Zwischenfall ein böses Omen sein könnte, ein düsteres Vorzeichen für das, was ihm bevorstand. Vier – nein inzwischen fünf – Tage war Liana Rohn inzwischen untergetaucht. Für einen jungen Menschen in ihrem Alter durchaus keine Seltenheit. Und doch stimmte etwas nicht.
Ihre Spur war frisch und konnte noch nicht erkaltet sein. Umso mehr wunderte es ihn, dass die Bürgermeisterin nicht bereits alles hatte ermitteln können und seine Hilfe nötig hatte.
Beunruhigt setzte er sich auf, ohne das Bettlaken aus seiner Umklammerung zu entlassen, als hinge er an einem Drahtseil über dem tödlichen Abgrund. Nur widerwillig löste er seine verkrampften Finger und faltete es ordentlich zurück, bevor er seine Beine seitlich über den Bettrand schwang.
Noch durften die Füße den Boden nicht berühren. Er schloss die Augen und atmete einige Male tief durch – Bauchatmung, einatmen, ausatmen, Stress abbauen und Blutdruck senken, einatmen, ausatmen.
Es kostete ihn Überwindung, sich in den neuen Tag zu begeben, der ihn mit Gestank und Schmutz konfrontieren würde. Immer wieder von Neuem. Tag für Tag. Nach einem kurzen Nicken öffnete er die Augen und setzte seine Füße auf den kalten Boden, den er am Vortag nass gewischt hatte. Er seufzte. »Ach je.« Dies war ein Kampf, der ihn wohl bis an sein Lebensende begleiten würde, seit jenem Tag, der sich tief in sein Inneres gefräst hatte.
Am Abend zuvor hatte er sich eine Liste angefertigt, die er nun Punkt für Punkt akribisch abarbeiten würde. Sein erstes Ziel war die Professorin Dorothea Charlston, die das Projekt der vier Studenten leitete. Klaus wusste nicht, ob die gegenwärtige Arbeit an der Universität etwas mit dem Verschwinden zu tun hatte, aber es bot sich zumindest an, in diese Richtung die ersten Recherchen zu starten. Danach würde er Lianas Zimmer inspizieren und zum Schluss die Kommilitonen, die mit ihr an diesem Projekt arbeiteten, befragen.
Wie verabredet, stand Klaus pünktlich um 7:30 Uhr vor dem eleganten Hotel, während die Regentropfen unerbittlich auf ihn herniederprasselten. Inmitten des stürmischen Wetters wirkte er wie ein exzentrischer Vogel, der sich verirrt hatte und nun seinem Federnkleid Tribut zollte.
Angezogen war Klaus mit einem akkurat geschnittenen Anzug von vornehmer Eleganz, dessen Farbe einst ein tadelloser Anthrazitton gewesen sein mochte, nun jedoch vom Regen zu einem trüben Grau verkam. Seine schwarz-gelb gestreifte Krawatte, penibel gebunden, schien dem Wetter trotzen zu wollen und verzweifelt nach jedem Lufthauch zu flattern. Doch Klaus gab nicht nach, nein, er hielt unbeirrt an seinem Faible für formelle Kleidung fest, selbst wenn sie nun von den Elementen in einen Zustand der Unordnung versetzt wurde.
Seine Schuhe, einst blitzend poliert und tadellos, hatten den Kampf gegen die nasse Pflasterung längst verloren. Klaus konnte es nicht ertragen, seine Füße in solch einem Zustand zu wissen. Wie kleine Schiffbrüchige in einer See aus Regenwasser mussten sie ausharren und auf Rettung hoffen.
Doch der eigentliche Sturm wütete nicht nur in der Natur, sondern auch in Klaus’ Innerem. Sein Kollege, der ihn abholen sollte, ließ ihn im Regen stehen – im wahrsten Sinne des Wortes. Eine Stunde verging, und die Tropfen formten mittlerweile kleine Rinnsale auf seinem sorgfältig frisierten Haar, das nun anfing, ungeahnte Wellen zu schlagen. Klaus’ Geduld, ohnehin dünn wie die Fäden einer Spinne, wurde mehr und mehr strapaziert.
Schließlich, als sein Ärger und seine Durchnässung den Höhepunkt erreichten, rollte eine blaue Limousine vor und hielt vor ihm. Das Seitenfenster fuhr herunter, und ein fahles Gesicht grinste ihm entgegen.
»Nass geworden? Sind Sie Herr Marsalek?«
