Alex Brandt - Ralph Llewellyn - E-Book

Alex Brandt E-Book

Ralph Llewellyn

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Beschreibung

Klappentext: Fünf Opfer, brutal ermordet, die Herzen entnommen – und doch tragen sie ein seliges Lächeln. Ermittler Alexander Brandt steht vor dem rätselhaftesten Fall seiner Karriere, während die Stadt unter dem Druck der Öffentlichkeit brodelt. Gemeinsam mit seinem Team taucht er in eine düstere Spur ein, die zu Serienmorden führt, die sich alle zwölf Jahre wiederholen – und deren Ursprung tief in die Vergangenheit reicht. Pressetext: Der rational denkende Frankfurter Ermittler Alexander Brandt, überzeugt davon, dass Logik der Schlüssel zur Aufklärung jedes Verbrechens ist, stürzt sich trotz aller Warnungen in einen komplexen Fall. Seine selbstgefällige Arroganz führt ihn jedoch in ein verwirrendes Labyrinth aus unerklärlichen Ereignissen. Bald findet sich Brandt in einer gefährlichen Umkehrung der Rollen wieder, als er selbst vom Jäger zum Gejagten wird.

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Seitenzahl: 510

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Ähnliche


RALPH LLEWELLYN

ALEX BRANDT

BLUTIGE HERZEN

Band 1 – Roman

 

   

1. Auflage © 2025 RavenPort Verlag GmbH, Frankfurt am Main

Autor: Ralph Llewellyn

Umschlagdesign: Olga Zhurova / Vera Antonova

Lektorat/Korrektorat: Barbara Wenz (Textsyndikat)

Satz/Layout/E-Book: Helmut Schaffer, Hofheim a. Ts.

Druck: Custom Printing

ISBN Print: 978-3-69061-100-8

ISBN Epub: 978-3-69061-101-5

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen National­bibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Besuchen Sie den RavenPort Verlag im Internet:

www.ravenport-verlag.de

Beim Unterschreiben des Vertrages für das Leben überliest man schnell aus dummer unbändiger Vorfreude das Kleingedruckte über den Tod und seine Umstände. © Ralph Llewellyn

 

Prolog

Die Zeit war gekommen, endlich jene Qualen auf Papier festzuhalten, die Alex tief in seiner Seele versengten. All die schrecklichen Ereignisse, die sich zugetragen hatten und sich noch immer da draußen zutrugen, während er hier, in einer Nervenheilanstalt, saß und für seine begangenen Sünden büßen musste. Seine Augen verharrten auf dem halbleeren Blatt vor sich, während er verzweifelt nach den passenden Worten suchte.

Er schüttelte den Kopf und ließ seinen Blick durch den Raum schweifen, der jetzt sein Zuhause darstellte: Eine klaustrophobische Zelle, gleichermaßen von eisiger Stille und drückender Spannung erfüllt. Die Wände, kahl und steril, waren von einem matten Grauton überzogen, der jeglichen Funken von Leben oder Hoffnung auszulöschen schien. Ein schwacher, ­flackernder Lichtstrahl drang durch das kleine, vergitterte, in der oberen Ecke eingelassene Fenster. Es war ein Bullauge, das den Blick nach draußen in eine gefährliche Welt eher verwehrte, als ein Portal zur Außenwelt. Durch das schmutzige Glas konnte Alex lediglich schemenhafte Umrisse der Bäume und des Himmels erahnen. Das Mobiliar war spärlich und von einem Hauch unvermeidlicher Trostlosigkeit durchdrungen. In einer Ecke stand ein schäbiges Bett mit einer dünnen Matratze. Ein abgenutzter Schreibtisch war in die gegenüberliegende Ecke gezwängt, bedeckt mit verblassten Papieren, die unzusammenhängende Gedanken und fragmentierte Erinnerungen bargen. Ein alter Holzstuhl gesellte sich zu diesem Tisch, dessen Oberfläche von Kratzern und Kerben gezeichnet war, als ob er die Last der immerwährenden Hoffnungslosigkeit jener Menschen tragen würde, die jemals an ihm saßen.

Der Raum roch nach Desinfektionsmittel und stagnierender Luft. Ein Hauch von Verzweiflung hing in der Atmosphäre, ein unsichtbarer Nebel, der sich um Alex legte und ihn unerbittlich zu erdrücken schien. Die Stille wurde nur durch das gelegentliche Klirren von Schlüsseln und das ferne Echo der Schritte des Pflegepersonals unterbrochen, das wie Schatten durch die Korridore glitt und den Insassen eine trügerische Flucht vor der düsteren Realität verwehrte.

In dieser trostlosen Zelle kämpfte Alex gegen seine Dämonen an. Hier, eingesperrt in diesem Alptraum, wurde er mit der Grenze zwischen Verstand und Wahnsinn konfrontiert, während die Zeit unaufhaltsam voranschritt und sein Geist nach einem Ausweg suchte, der ihm den Pfad zurück ins Leben weisen könnte.

Alex seufzte laut. »Ja, ein Heim für Idioten, die nicht mehr leben wollen.« Seine Stimme klang gebrochen und müde. Hatte man tatsächlich Angst gehabt, er würde seinem elenden Leben ein Ende setzen? Ein Augenrollen begleitete seine Gedanken, während sein Blick auf die Toilette fiel. Daneben befand sich ein Miniaturwaschbecken, das selbst das morgendliche Zähneputzen zur mühseligen Aufgabe machte.

Der Winter war bereits angebrochen und er sehnte sich nach dem reinen Duft fallenden Schnees, der erfrischenden Kälte auf seiner Haut und einem Windhauch, der ein Gefühl von Lebendigsein verhieß.

Konnte er überhaupt noch als Existenz betrachtet werden? Oder war er mittlerweile nur noch ein leeres Gefäß für eine bedauernswerte Kreatur, zu feige, ihrem Leben ein Ende zu bereiten? Alex fuhr sich mit beiden Händen über das Gesicht und atmete tief ein.

Die Erinnerungen an die Tage, als sie ihn gefunden hatten, waren in sein Bewusstsein eingebrannt. Alles erschien ihm surreal, wie ein düsterer Alptraum voller Unmöglichkeiten. Damals hatte er bereits mit allem abgeschlossen und sich den Tod gewünscht, doch einem öffentlich Geschmähten gönnte man keinen würdevollen Abgang. Seine letzte Spur von Selbstachtung hatten sie in der Öffentlichkeit mit Genuss zerstört und als er bereits am Boden lag, noch einmal kräftig nachgetreten, um sicherzugehen, dass er sich nicht mehr rührte. Immer wieder stellten sie ihm Fragen, wollten wissen, was in dieser blutbeschmierten, verlassenen Wohnung geschehen war. Doch was hätte er ihnen sagen sollen?

Die Wahrheit?

Welche?

Irgendwann verloren sie das Interesse an ihm. Alex konnte es ihnen nicht verdenken. Jeden Morgen erwachte er mit dem sehnlichen Wunsch, dass all das nur ein Albtraum gewesen sein möge. Doch der Schrecken begleitete ihn Nacht für Nacht in seine düsteren Träume. Der süßliche Geruch von Blut verfolgte ihn seit jener Zeit und war ein allgegenwärtiger Zeuge seiner Tat. Kein Medikament vermochte das Bild aus seinem Gedächtnis zu löschen. Es hatte sich für immer in sein Innerstes eingebrannt: Niemals würde er die Augen vergessen, die ihn so verzweifelt um Gnade angefleht hatten. So viele Tränen hatte er vergossen, doch nun waren sie versiegt, und eine eigenartige Leere hatte Besitz von ihm ergriffen. Der verzehrende Schmerz verschlang ihn noch immer, er sehnte sich danach, ihn in die Welt hinauszuschreien, doch wer würde ihn verstehen? Ihn, einen Verrückten, gestürzt durch die eigene Überheblichkeit und Menschenverachtung.

Alex biss die Zähne zusammen wie ein verletztes Raubtier und ballte seine Fäuste, bis die Knöchel weiß hervortraten. Zorn und Angst zugleich spiegelten sich in seinem verzerrten Antlitz, als er all seine Anspannung in einem donnernden Fausthieb auf die Tischplatte entlud. Gebrochen saß er da, dann senkte resigniert den Kopf über seinen Notizen. Für seine Taten würde er in der Hölle schmoren. Doch wenn man es genau betrachtete, war er dort schon angekommen.

 

Kapitel 1

Ein verfluchter Tag

 
 

6. Mai 2020

I

Alex schlief tief und fest, eingehüllt in die Dunkelheit der Nacht, während sein müder Geist in den Fängen dahingleitender Bilder gefangen war, als plötzlich ein schrilles Geräusch die Stille durchschnitt. Wie ein unerbittlicher Eindringling schlich sich das Läuten des Telefons in Alex‘ Träume und entfachte ein zähes Gefecht zwischen Schlafen und Erwachen. Erfolglos kämpfte er gegen den aufsteigenden Strudel des Bewusstseins an, bis ihn das hartnäckige Bimmeln endgültig in die Wirklichkeit zerrte. Er öffnete die Augen, während der Pulsschlag der Spannung seine Adern durchzog. Der Moment des Erwachens war erfüllt von einer unbestimmten Ahnung, dass dieser Anruf sein Leben für immer verändern würde.

Er starrte mit weit aufgerissenen Augen ins Dunkle. Es gab nur wenige Menschen, die es wagen konnten, ihn so früh am Morgen anzurufen: Seine Schwester, der er alles verzeihen würde, und für die er zu jeder Tageszeit ein offenes Ohr hatte. Seine Mutter, um ihm vom Ableben des Vaters zu berichten, was zugegebenermaßen eine gute Nachricht wäre. Oder das Dezernat, um ihn zu einem neuen Mordfall zu beordern. Er setzte sich auf, griff nach dem Telefon und blickte auf das Display: Es war die Nummer seines Vorgesetzten.

Die Nacht bot den meisten Menschen Ruhe und Erholung, doch im Schutz der Nacht geschah das, was die wenigsten sehen wollten. Kranke Gehirne streiften durch die Straßen, um ihren verworrenen Fantasien freien Lauf zu lassen. Einbrüche, Vergewaltigungen und Exzesse mit blutigem Ausgang. Das Böse kannte zwar keine Zeit, doch bevorzugte es den Schatten.

Alex stöhnte leise und nahm den Anruf an. »Ja?«

»Ich bin’s. Schwing deinen Hintern aus dem Bett, Arbeit ruft. Melde dich bei mir, wenn du im Wagen sitzt.«

»Scheiße«, brummte Alex und legte auf. Dieser »Ich bin’s« war Johann Spohl, der Leiter einer Spezialeinheit, die sich der Fälle annahm, die sonst niemand haben wollte. Johann hatte Alex einst direkt von der Frankfurter Dienststelle für Operative Fallanalyse rekrutiert. Als Jahrgangsbester standen Alex alle Türen offen, und eigentlich hatte er sich eine internationale Karriere nach dem Studium erträumt. Doch Johann besaß eine einzigartige Überzeugungskraft. Er gewährte ihm damals vierundzwanzig Stunden Bedenkzeit und lächelte bedeutungsvoll, als Alex ihn fragte, warum gerade er ausgewählt worden sei: »Sie sind ein junger Bluthund, der nur darauf wartet, von der Leine gelassen zu werden. Und ich werde derjenige sein, der den Zeitpunkt bestimmt«, hatte er damals gesagt. Das war nun sieben Jahre her.

Alex‘ Team bestand aus fähigen Spezialisten, für die er jederzeit seine Hand ins Feuer legen würde: Julia Weis, eine forensische Expertin mit einem Summa-cum-laude-Abschluss von Yale und dem Biss einer Bulldogge; Horst Cham, ein Vernehmungsspezialist, untersetzt und gutgläubig, aber perfekt in seiner Arbeit mit einem ausgefeilten Gespür für die Untertöne des Nichtgesagten – und Abraham Porter, ein Mann fürs Grobe: Pathologe und Pedant bis in die kleinste Pore seiner »Patienten«.

Alex hatte sich einst zum Fallanalytiker ausbilden lassen, in der Annahme, es sei ein aufregender Job. Profiler – diese etwas vage Bezeichnung für seinen Beruf kannten die meisten Leute mittlerweile aus dem TV. Er wurde hinzugezogen, wenn seine Kollegen nicht weiterkamen oder aus Furcht um ihre Karriere die Finger von den schmutzigen Fällen ließen. Taten von unberechenbaren Psychopathen. Warum er sich gerade für diese Richtung in seiner Karriere entschieden hatte, verstand er selbst nicht.

Der Tatort, zu dem er in den frühen Morgenstunden gerufen wurde, befand sich in einem eleganten italienischen Restaurant in der Nähe des Mains. Frankfurt – die Stadt der Banker mit unzähligen exklusiven Restaurants und Bars. Anfangs erschien ihm diese Metropole kalt und unwirtlich, doch er hatte sich schnell an sie gewöhnt. Vielleicht, weil sie genauso verkorkst war wie er selbst.

Als Alex die Absperrung durchschritt, erkannte er an den blassen Gesichtern seiner Kollegen, dass er nicht umsonst aus dem Schlaf gerissen worden war. »Es ist wieder passiert«, murmelte er trocken. Der Jäger in ihm erwachte und verlangte danach, die Fährte aufzunehmen. Möglicherweise war genau dies der Grund, warum er hinter seinem Rücken »Predator« genannt wurde, wie ihm Horst einmal anvertraut hatte.

Vor dem Tatort, ein Restaurant, erwartete ihn Johann, der in anderer Kleidung problemlos als Türsteher durchgegangen wäre. Seine tief heruntergezogenen Mundwinkel und ausgeprägt bullige Gestalt rieten zur Vorsicht. Es fehlte lediglich noch das warnende Schnauben eines wütenden Stiers. Nervös tippelte er von einem Bein auf das andere. »Wurde auch langsam Zeit. Julia ist schon drin. Bis jetzt sind es fünf Tote. Die hinteren Räume werden noch durchsucht.«

Ohne zu zögern schritt Alex wortlos an ihm vorbei und betrat konzentriert den Ort des Geschehens.

Leiche Nummer eins lag gleich an der Garderobe, an der nur noch wenige Jacken und Mäntel hingen. Eine Frau Anfang zwanzig mit langem rotem Haar. Das Zusammenspiel von fein gezeichneten Zügen und einer zarten Porzellanhaut verliehen ihrem jungen Gesicht eine bezaubernde Ausstrahlung. In ihm lag das Versprechen eines aufregenden Lebens, das nun so jäh beendet worden war. Ihre Mimik wirkte seltsam gleichgültig, fast fröhlich. Wem hatte wohl ihr letzter Blick gegolten? Sie konnte noch nicht lange tot sein. Ihre hellgrünen Augen fielen Alex auf, die ihren Glanz noch nicht verloren hatten. Hätte es nicht die riesige Blutlache und eine hässliche Wunde im Brustbereich gegeben, könnte man meinen, sie würde jeden Moment den Mund öffnen, um von ihrem tragischen Schicksal zu berichten.

Leiche Nummer zwei, ein Mann um die fünfzig, schlank, mit auffällig langer Nase, lag hinter der Bar im selben Zustand wie Leiche Nummer eins.

Die Leichen drei und vier, zwei Frauen im Alter zwischen dreißig und vierzig Jahren, befanden sich im vorderen Teil des Restaurants. Die überall verstreuten Scherben ließen darauf schließen, dass sie gerade dabei gewesen waren, die Tische abzuräumen.

Abraham kniete neben einer der Frauen. Mit präzisen Griffen untersuchte er ihre Wunden mit fachmännischer Neugier. Es kam einem einstudierten Tanz gleich, bei dem er versuchte, die Sprache der Ermordeten zu entschlüsseln, verborgen in deren Schweigen.

Alex beugte sich herab und betrachtete die Frauen. »Gibt es schon Hinweise auf die Tatwaffe?«

»Du weißt, dass ich keine Vermutungen anstelle. Sobald ich Ergebnisse habe, werde ich sie dir mitteilen«, antwortete Abraham genervt. Er verzog das Gesicht und widmete sich wieder der Leiche: Ganz in seinem Element, in dem er sich wie ein Wurm verkriechen konnte.

Alex rümpfte die Nase und richtete sich wieder auf. Einige Sekunden beobachtete er Abraham, wie der methodisch seiner Arbeit nachging. Irgendwann würde er ein Profil von ihm erstellen und ihn zu dessen Geburtstag damit überraschen. Doch im Moment hatte er andere Probleme. »Aber bitte, noch dieses Jahr!«

»Ach, Alex, eines kann ich dir jetzt schon sagen: Allen Opfern fehlt das Herz. H-E-R-Z«, buchstabierte er das Wort langsam und deutlich. »Du weißt, was das ist, oder?« Abraham blickte mit hochgezogenen Brauen zu ihm auf.

Alex wollte gerade etwas Passendes erwidern, als ein Polizist zu ihnen kam und das Wort ergriff. »Verzeihen Sie, ich soll Ihnen ausrichten, dass Frau Dr. Weis in der Küche ist.«

Alex kannte den Beamten nicht. Das verzerrte Gesicht des jungen Mannes war von Entsetzen gezeichnet. Seine blasse Hautfarbe unterschied sich kaum von der einer Leiche. Alex fragte sich, warum sie immer wieder unerfahrene Polizisten zu solch heiklen Fällen hinzuzogen. Sie konnten sowohl durch blinden Übereifer als auch durch fehlende Abgeklärtheit Ermittlungen behindern oder gar schaden. Vor gut einem Jahr hatte einer dieser jungen Schlappschwänze auf eine aufgeschlitzte Leiche gekotzt und dabei wichtige Beweise zerstört. »Wie heißen Sie?«

»Rolf Kant. Polizeivoll-«

»Ich habe Sie nicht nach Ihrem Dienstgrad gefragt.« Alex wandte sich brüsk ab.

Er spürte ein eigenartiges Ziehen zwischen den Schulterblättern, als würde er eine Last tragen. Unwillkürlich reckte er seine Schultern zurück, bis es knackste. Irgendetwas beunruhigte ihn. Es waren nicht die Leichen oder deren Verstümmelungen, sondern etwas anderes, für das er in diesem Moment keinen Begriff fand. Über das ganze Restaurant schien sich ein Leichentuch ausgebreitet zu haben, das jedem Anwesenden einen Schauer über den Rücken jagte. Eine unbeschreibliche Traurigkeit erfüllte den Raum, die er in ihrer Konsistenz förmlich spüren konnte. Alex beschloss, dieses Gefühl vorerst in sich zu bewahren, und machte sich auf die Suche nach Julia.

Horst stand neben der Tür zur Küche und blickte ihm mit müden Augen entgegen. »Das solltest du dir ansehen, Alex. Ich glaube, sie hat ihre letzten Sekunden tatsächlich genossen.«

Alex betrat den Raum und blieb neben der Leiche Nummer fünf stehen. Die riesige Küche des Restaurants erstreckte sich in alle Richtungen. Der metallische Glanz der Gerätschaften und Edelstahlarbeitsflächen wurde von der Anwesenheit der Polizisten überschattet, die emsig zwischen den Tischen und Öfen hin und her eilten. Das klirrende Geräusch von Porzellan und Glas, das hin und wieder zu hören war, vermischte sich mit gedämpftem Gemurmel und dem gelegentlichen Klicken von Kugelschreibern, während die Ermittler ihre Aufzeichnungen anfertigten.

Alex’ Blicke durchdrangen die trübe Atmosphäre und nahmen jedes Detail auf. Die Küche wirkte wie ein verzerrtes Abbild der hektischen Aktivitäten, die normalerweise hier stattfanden. Jetzt jedoch herrschte eine beunruhigende Ruhe, die von der morbiden Präsenz des Todes erfüllt war. Die künstliche Beleuchtung warf grelle Schatten auf den Boden und ließ die scharfen Küchenmesser an den Wänden wie bedrohliche Schattenrisse aussehen. Die Stahltöpfe und Kupferpfannen, die normalerweise zuverlässige Helfer in der Hand geschickter Köche waren, zeugten stumm von einer gewaltsamen Unterbrechung des kulinarischen Alltags. Die Essensgerüche, die einst die Sinne betört hatten, waren von einem unangenehmen Hauch von Verwesung durchzogen. Die Stimmung im Raum war angespannt, gefüllt mit einer Mischung aus Neugier, Entsetzen und dem dumpfen Wissen, dass der Tod hier seine unerbittliche Hand im Spiel hatte.

Alex schaute auf die Leiche herab, die unschuldig wie ein kleines Mädchen auf einem Stuhl saß. Auch sie war bleich wie ein Geist und schien mit ihren Augen direkt in ihn einzudringen. Er fühlte sich gefangen von ihrem Blick, bis Horst ihn anstieß.

»Na? Habe ich recht? Medusas Augen, da erstarren Männer zu Stein. Armes Ding.«

In einem Punkt musste er Horst beipflichten: Sie war ein armes Ding. Was hatte dieser sehnsuchtsvolle Blick in den letzten Sekunden ihres pulsierenden Herzens erhascht, bevor man es ihr herausriss? Was hatte sie gefühlt, als ihr klar wurde, dass sie dem Tod nicht entkommen konnte? Es mussten Höllenqualen gewesen sein, und doch drückten ihre Augen etwas ganz anderes aus.

»Hi, Alex!«, grüßte Julia, ohne ihn anzusehen. »Zertrampelt mir nicht alles, bleibt auf Abstand. Blutlachen und Spritzer sind die besten Beweismittel. Ich brauche nicht eure DNA mittendrin.«

Alex betrachtete Julia bei ihrer konzentrierten Arbeit. Sie war ein Giftzwerg, gerade mal einen Meter fünfundfünfzig groß, und ihr Körper wirkte genauso ausgezehrt wie ihre Persönlichkeit. Trotz ihrer erst zweiunddreißig Jahren hatte sie sich einen Namen als eine der besten forensischen Expertinnen des Landes gemacht, galt aber gleichermaßen als »kalter Knochen«, vor dem man sich besser in Acht nahm.

Sie trug weiße Schutzkleidung, die ihr Äußeres in eine anonyme Gestalt verwandelte und sie aussehen ließ, als wäre sie in einen Müllsack geschlüpft. Mit behutsamen Schritten umtänzelte sie die Leiche, wobei sie jeden Fußabdruck vermied, der den Tatort verunreinigen oder Spuren verwischen könnte. Mit einem Spezialwerkzeug nahm sie Proben von Haut, Haaren und Fasern, um sie später im Labor gründlich zu analysieren. Jeder Tupfer, jedes Abkratzen war ein Schritt näher zur Wahrheit.

Alex verschränkte die Arme und ein Schmunzeln lag auf seinen Lippen. Er wusste, dass sie auch die letzten Geheimnisse würde lüften können, sofern welche vorhanden waren. »Erzähl mir was Neues!«

Julia warf ihm ein unterkühltes Lächeln entgegen. »Okay, hier meine ersten Eindrücke: Die Spuren sind erstaunlich sauber. Es sieht fast so aus, als hätten sich die Opfer freiwillig hingegeben. Keine Anzeichen von Kampf.« Sie zeigte auf die Blutspritzer an der Wand und auf dem Boden. »Die junge Frau muss fürchterliche Schmerzen gehabt haben. Hätte sie sich gewehrt, hätten wir andere Muster. Wirklich seltsam.« Die letzten Worte kamen nur noch leise, als wäre sie in ihre eigenen Gedanken versunken.

Horst warf Alex einen vielsagenden Blick zu. Alex wusste genau, was Horst von Julia hielt. Sie würden niemals Freunde werden. Ihre Charaktere und Ansichten unterschieden sich diametral. Julia, die kalte und zurückweisende Wissenschaftlerin, die scheinbar emotionslos ihrer Arbeit nachging, und Horst, der tollpatschige und gefühlvolle Familienvater, der trotz seiner vielen Dienstjahre immer noch mit den Opfern litt.

»Kannst du mir noch ein wenig mehr erzählen?« Alex ließ nicht locker, da er wusste, dass Julia im Gegensatz zu Abraham schneller bereit war, Informationen preiszugeben, auch wenn sie sich dabei stets eine Hintertür offenhielt.

»Ach Alex.« Sie richtete sich auf und stemmte die Hände in die Hüften. »Also gut. Hier einige noch ungesicherte Erkenntnisse oder Annahmen. Wir haben fünf Leichen. Alle haben sich offensichtlich nicht gewehrt. Bis auf das Mädchen hier auf dem Stuhl wurden sie nicht gefesselt und scheinen nicht überrascht worden zu sein. Sie war womöglich die Letzte in der Reihe. Genaueres erfahren wir erst nach der Analyse der Proben. Trotz der Menge an Blut, und es gibt viel davon, fehlen verwertbare Spuren. Die wenigen Fußabdrücke in den Blutlachen deuten darauf hin, dass die Täter, ich gehe davon aus, dass es mehrere waren, ohne Hektik und äußerst konzentriert handelten. Kein Chaos, keine panischen Opfer, und trotz der schweren Verletzungen erstaunlich wenige Blutspritzer an Wänden und Boden. Eine recht saubere Sache.« Julia schürzte die Lippen, brummte einige Male leise vor sich hin und setzte ihre Arbeit fort. Es schien, als hätte sie Alex’ Anwesenheit vergessen und sei wieder ganz in ihre eigene Welt abgetaucht.

Alex wandte sich ab und sah sich um. Julia hatte recht. Keine umgestoßenen Töpfe, keine Splitter von zerbrochenem Glas oder Porzellan: Alles in bester Ordnung, so, als wäre nichts Ungewöhnliches geschehen.

»Scheiße.« Alex ahnte, dass sich hier etwas abgespielt hatte, das ihn noch länger beschäftigen würde. Nichts schien in ein bekanntes Muster zu passen. Zumindest nicht im Augenblick. Die Blicke der Opfer schrien ihre Angst nicht in die Welt hi­naus, so wie sie es hätten tun sollen. Ihre Körper lagen nicht vor Schmerz gekrümmt auf dem Boden und ihre Gesichter waren nicht verzerrt. Im Gegenteil, würde man davon absehen, dass sie jemand ermordet hatte, erschien es, als wäre dies ein ganz normaler, friedvoller Abend gewesen.

Horst gähnte.

Alex schenkte ihm einen abschätzigen Blick, der so tief in die Verachtung abtauchte, dass er beinahe den Bodensatz des Missfallens erreichte. Wahrscheinlich hatte ihn seine liebevolle Familie mit ihren lästigen Anliegen überstrapaziert. Ach ja, das Schicksal der Familienväter – stets in den Diensten derer, die sich nicht im Geringsten um einen scherten.

Inzwischen hatte Alex jegliche romantischen Bindungen von sich geworfen. Seine letzte Freundin hatte ihn einst beschuldigt, ein emotionsloses Stück Exkrement zu sein. ­Marina verfügte zweifellos über ein eingeschränktes Repertoire an Aus­drücken. Es hätte ihn bereits misstrauisch machen sollen, als er sie in einer zwielichtigen Bar aufgesammelt hatte.

Er schüttelte diesen Gedanken ab und trat wieder ins Freie, während die dunkle Nacht alles in sich aufzusaugen schien. Kein Mond erhob sich am Himmel, um mit seinem milden Schimmer zumindest die Umrisse des Mülls sichtbar zu machen, der die Stadt an jeder Ecke verunstaltete. Ein passendes Bild für die gegenwärtige Situation. Undurchdringliche Schwärze, vereint mit dem dunklen Tod, der gnadenlos zuschlug und sich das holte, was dem Leben nicht standhaft genug entgegentrat.

Alex inhalierte tief die kühle Luft, die in seine Lungen strömte, und schloss dabei die Augen. Er legte seinen Kopf in den Nacken und schloss die Augen, während er die Ereignisse noch einmal Revue passieren ließ. Vor seinem inneren Auge entfalteten sich Bilder, begleitet von den vertrauten Geräuschen einer solchen Ermittlung. Polizisten trieben sich nun überall herum. Blaulichter flackerten in der Dunkelheit und die Bruchstücke von Gesprächen erreichten seine Ohren nur gedämpft.

Als er die Augen wieder öffnete, waren bereits die ersten Schaulustigen herbeigeeilt, um sich die besten Plätze in vorderster Reihe zu sichern. Horst, der stets unauffällig im Hintergrund agierte, hielt die Kamera, um die Umstehenden diskret zu fotografieren. Vielleicht waren unter ihnen diejenigen, die das Verbrechen begangen hatten und nun das schaurige Schauspiel verfolgten, während die leblosen Körper aus dem Restaurant getragen wurden. Welch perverse Welt der Gewalt doch existierte.

Gegen Mittag würde Alex sich in sein Büro zurückziehen, um die Ereignisse zu sortieren. Basierend auf den vorhandenen Informationen, insbesondere der Analyse des Tatorts, des Tathergangs und der Opferprofile, würde er versuchen, ein Profil des Täters zu erstellen. In zwei bis drei Tagen würden Abraham und Julia ihm die ersten zuverlässigen Ergebnisse präsentieren.

In diesem Moment galt es jedoch, keine voreiligen Schlüsse zu ziehen. Die Schließung der Informationslücken musste auf einer soliden Hypothese beruhen. Erst dann konnte Alex seinen Teil der Arbeit angehen.

Doch nun musste er sich den bald eintreffenden Aasgeiern der Presse stellen. Hohle Köpfe mit banalen Fragen für ihre noch dümmeren Leser, die sich an solchen Fällen ergötzten. Einige, um sich besser zu fühlen, da sie selbst nicht betroffen waren, und andere, die sich geradezu von der brutalen Gewalt eines Verbrechens angezogen fühlten. Voyeure aus sicherer Entfernung, angeekelt und zugleich fasziniert von der rohen Grausamkeit.

Alex rotzte angewidert auf den Boden. Es waren diese heuchlerischen Bürger, die öffentlich gegen Prostitution protestierten, sich aber heimlich an dem Gedanken ergötzten, eine junge Frau zu demütigen und zu vergewaltigen. Manchmal fragte er sich, warum er dieser Arbeit nachging, bei der man ständig dem abgestumpften Irrsinn in die Augen blickte. Warum und für wen? Die unzähligen Nächte, die er der Spurensuche widmete, auf der Jagd nach winzigen Leichenteilen und Zeugenaussagen, nur um dem Täter näherzukommen, um sein Denken und Fühlen zu verstehen.

Ja, vielleicht war es tatsächlich die Jagd selbst, die ihn antrieb. Das war der Kick, den er dabei empfand! Die Täter langsam, aber sicher zur Strecke zu bringen, ohne dass sie es ahnten. Die Schlinge enger und enger zu ziehen, bis die Beute zappelte und sich ergab.

Und dann?

Dann war alles vorbei. Ab diesem Moment verlor er das Interesse und eine unerträgliche Leere breitete sich in ihm aus. Abgesehen von dem bizarren Verlangen, wieder auf die Jagd zu gehen.

Er machte diesen Job nicht aus Liebe zu seinen Mitmenschen oder aus Pflichtbewusstsein. Nicht die Bilder des Grauens oder die Fantasien eines Täters spornten ihn an, sondern der Reiz, diese Psychopathen vor sich herzutreiben, bis sie sich erschöpft ergaben. Es war die pure Lust am Jagen.

»Herr Brandt?» Eine unsichere Stimme riss ihn aus seinen Gedanken. »Um die Ecke stehen die ersten Reporter und wollen wissen, was passiert ist.« Es war wieder der junge Polizist, dessen Gesicht noch immer leichenblass wirkte. Er war noch keine dreißig Jahre alt und sichtlich mit den Bildern dieser Nacht überfordert. Alex bedachte ihn mit einem verschlagenen Lächeln. Er genoss es, wie sehr dieser Neuling von dem Geschehen berührt war.

»Ihr Name war doch Kant. Richtig?«

»Ja, Herr Brandt.«

Mit einer gespielt väterlichen Geste legte Alex ihm die Hand auf die Schulter. »Dieses ganze düstere Schauspiel …«, begann er mit sarkastischem Unterton, während er seine Augen zu kalten, berechnenden Schlitzen verengte, »… ist sicherlich eine herzzerreißende Qual für Sie, nicht wahr?« Seine Stimme klang gleichzeitig spöttisch und mitleidlos. In Alex’ Inneren brodelte eine tiefe Verachtung für Menschen, die er als schwach und leichtgläubig ansah. ›Wie kann man nur so naiv durchs Leben stolpern?‹, dachte er geringschätzig.

»Ja, es ist -«

Mit eisiger Ruhe und einem spöttischen Unterton sagte Alex: »Das, mein Lieber, ist bloß das Vorspiel.« Er deutete mit einer ausholenden Geste zur Tür. »Begeben Sie sich hinein und assistieren Sie Frau Dr. Weis dabei, die verlorenen Körperteile zu lokalisieren. Aber …« Sein Blick wurde scharf. »… rutschen Sie nicht in den Blutpfützen aus. Und sollte Ihnen zufällig ein einsames, herumliegendes Herz begegnen, haben Sie die Güte, es nicht zu zertreten, verstanden?«

Rolf, blass und mit einem grünlichen Schimmer im Gesicht, kämpfte sichtlich gegen die Übelkeit. Seine Jugendlichkeit schien wie weggewischt.

Ein schadenfrohes Grinsen breitete sich auf Alex’ Gesicht aus. Er wusste nur zu gut, dass Julia diesen Anfänger sofort vom Tatort verweisen würde. Nach ein paar scheinbar mitfühlenden Klapsen auf Kants Rücken wandte er sich den wartenden Reportern zu. Das nächste Kapitel dieses blutigen Dramas konnte beginnen.

II

Am Abend lehnte sich Alex müde in dem harten Stuhl des Besprechungszimmers zurück, verschränkte die Hände hinter dem Kopf und ließ die Eindrücke des Tages Revue passieren. Auf der großen, blank polierten Tischplatte lag ein Stapel Fotos, die er von Johann erhalten hatte.

Johann war eine Mischung aus Kanalratte und Terrier – hart, pedantisch, kompromisslos und bissig. Was er sagte, war in der Abteilung Gesetz. Seit er die Leitung übernommen hatte, war die Aufklärungsrate für außergewöhnliche Fälle steil angestiegen. Die Zutaten seines Erfolgsrezepts bestanden aus einer wohldosierten Arbeitsaufteilung: Er gab die jeweiligen Aufgaben an diejenigen weiter, die etwas davon verstanden, und er selbst hielt jedem den Rücken frei. Es wäre übertrieben zu sagen, dass seine Mitarbeiter ihn liebten, aber sie konnten sich auf ihn verlassen, und das war in dem stinkenden Sumpf, in dem sie täglich wateten, überlebenswichtig.

Alex und Johann hatten an diesem hektischen Tag nur wenige Worte gewechselt. »Schaffe mir diesen Scheiß vom Tisch, bevor er zu stinken anfängt«, hatte Johann ihm zugerufen, nachdem er ihm die Fotos auf den Tisch geknallt hatte.

Und das würde Alex tun. Wie immer.

Die Hektik des Tages hatte nachgelassen. Horst, Julia und Abraham waren bereits gegangen. Was würden sie ihren Liebsten erzählen? Würden sie ihnen beschreiben, was sie gesehen hatten? Ihnen von entsetzlichen Grausamkeiten berichten? Dingen, die unauslöschlich in ihre Erinnerungen eingebrannt worden waren und die sie nie mehr loswerden würden? Nein, bestimmt nicht.

Der Alltag sah völlig anders aus. Man kam nach Hause – wenn überhaupt – und der Partner erkannte meist sofort, dass wieder etwas Schreckliches geschehen war. Es wurde nicht gefragt, denn es würde keine Antworten geben. Keiner wollte die Erlebnisse des Tages mit ins eigene Schlafzimmer nehmen, wo sie unweigerlich wie eine steinerne Wand stünden. Abschalten und vergessen war die Devise, an die sich die meisten hielten. Und die, die dies nicht schafften, riskierten, dass die Familie auseinanderbrach.

Die Vertrauten waren die Kollegen, mit denen man zusammenarbeitete und die meiste Zeit verbrachte. Ein Blick genügte, um dem Kollegen zu zeigen, dass man verstand und mitfühlte. Mehr war nicht erforderlich. Alex seufzte. »Es ist immer der gleiche Mist.« In der beklemmenden Stille des Besprechungsraums lag eine Schwere, die einem den Atem raubte. Für Alex war es, als wäre er auf dem schicksalhaften endlosen Ozean des Lebens gefangen, gepeitscht von wütenden Wellen, in einem zerbrechlichen Ruderboot. Allein, stets das wachsame Auge in die Ferne gerichtet, auf der verzweifelten Suche nach dem rettenden Ufer einer schützenden Insel.

Der Raum selbst war minimalistisch gestaltet, ein Spiegelbild der nüchternen Realität, in der sie sich alle befanden. Er hatte ein übergroßes Fenster, das den Blick auf die viel befahrene Bertramstraße freigab, einen Besprechungstisch, um den unbequeme Holzstühle standen, und zwei übergroße magnetische Schautafeln – Mindmaps. Jedes Detail, jede Spur, jede Information fand hier ihren Platz, verflochten in ein Netz aus Vermutungen, Theorien und Fakten.

Noch blickten die Tafeln Alex leer und fordernd an, doch das würde sich ändern. Irgendwann würden sich die ersten Muster offenbaren: Informationen zum Tathergang, ein signifikantes Täterprofil, Hinweise unterschiedlicher Bedeutungsgrade, an denen man sich orientieren konnte. Doch dazu war akribische Arbeit erforderlich und Alex würde von jedem Teammitglied Höchstleistungen verlangen und keine Schwäche dulden – schon gar nicht von sich selbst.

»Dann wollen wir mal den Anfang wagen.« Alex sprach oft und gerne mit sich selbst. Womöglich geboren aus der Einsamkeit, in der er lebte, vielleicht aber auch nur, um sich besser konzentrieren zu können.

Er beugte sich über den Tisch und nahm die ersten Fotos vom Stapel. Seine Miene blieb versteinert, obwohl das Grauen der Szenerie offensichtlich war. Die Verstorbenen, in grotesker Anordnung, zeigten sich alle mit weit aufgerissenen Augen, erfüllt von einer seltsamen Mischung aus Seligkeit und Verlangen. »Als ob sie sich etwas wünschten, das der Tod ihnen versprach.« Seine tiefe Stimme verlieh den Worten eine düstere Resonanz, die den Raum mit beklemmender Spannung erfüllte. Alex wollte das leise Flüstern der Opfer hören, die letzten Worte, die ihre jetzt verstummten Lippen verlassen hatten. Doch sie blieben still. Es war ein vertracktes Rätsel, das sich vor ihm ausbreitete, und er verstand, dass es weit mehr als nur ein einfaches Massaker war, um eine derart eigenartige Inszenierung zu erschaffen.

»Die Sehnsucht nach dem Ende, die Ekstase des Untergangs«, fuhr er mit einem Hauch von Zynismus fort. »Fünf Leichen, alle mit geöffneten Augen und starrem Blick, der weder Schmerz noch Leid ausdrückt. Das ist verrückt!«

Er vertiefte sich in diese Gesichter, versuchte, in ihren Mienen zu lesen, zu verstehen, was sie zum Zeitpunkt ihres Ablebens gesehen und gefühlt hatten. Doch das körperliche Ergebnis der angewandten Brutalität stand in krassem Widerspruch zu dem, was er glaubte, in den Blicken der Opfer zu erkennen.

Sicher war bisher nur, dass nichts im Affekt geschehen war. Dazu war alles zu ordentlich und friedlich. War es eine geplante Aktion gewesen? Ein von langer Hand vorbereitetes Schauspiel?

»Nein«, flüsterte er. »Es geschah einfach so.«

Alex hatte schon viele Opfer von Gewaltverbrechen gesehen. Ein makabres Tableau voller Grauen und Brutalität, das selbst einem abgebrühten Ermittler wie ihm das Blut in den Adern gefrieren ließ. Die Opfer lagen dort, stumme Zeugen des unfassbaren Schreckens, den sie erlitten hatten. In einer Badewanne eingezwängt oder auf dem kalten Steinboden ausgebreitet, fanden sich die Überreste der Toten, deren Körper aufgeschlitzt, verstümmelt, zerquetscht, malträtiert worden waren. Ein blutgetränkter Sturzbach der Verwüstung, der das unaufhaltsame Entweichen des Lebens symbolisierte. Wie viel Leid, wie viele Qualen mussten sie ertragen, bevor die Dunkelheit sie endgültig umfing? Die Szenerie wurde von zerstörten Gegenständen geprägt, die als tödliche Waffen fungierten und die einst intakten Leiber zu einem Brei aus Verzweiflung und Verfall zermalmten. Die Innereien der Opfer verschmolzen zu einem grausamen Mosaik. Entblößte, enthauptete Torsos, die ihre Identität hinter dem Schleier des Todes verbargen. Die fehlenden Köpfe ließen sie wie stumme Schatten ihres einstigen Selbst erscheinen, verloren in der Dunkelheit, die sie verschlang. Gesichter, die zu Lebzeiten von der Welt und ihren Nöten erzählten, waren zu einem blutigen Knochenbrei geworden. Die wuchtigen Schläge ihrer Peiniger hatten die einst so feinen Züge in eine rohe Masse aus Fleisch und Knochensplittern verwandelt. Und immer schienen die Augen der Opfer den Horror des Moments widerzuspiegeln, in dem das Leben in einem Wirbel aus Gewalt und Leid verlosch.

Die Blicke der Toten trugen meist die Spuren ihrer letzten Momente. Vergebliche Hoffnung, unerfüllte Sehnsüchte und die qualvolle Erkenntnis, dass ihre Zeit abgelaufen war. In ihren Augen hatte sich die finstere Realität eingegraben, dass selbst der Tod kein Rettungsschiff bot, sondern nur eine endlose Reise ins Unbekannte.

Alex seufzte tief. Er war die Hölle menschlicher Abgründe gewohnt, doch diese Tragödie unterschied sich. Diese Augen hier auf den Fotos erzählten eine andere Geschichte.

»Ein neues Muster«, murmelte Alex. Ein Bild nach dem anderen hob er an die Pinnwand, nahm einen Magnet und heftete es damit an. Jedes Mal durchschnitt ein lautes »Klack« die Stille im Raum.

Dieser Fall hatte etwas Untypisches, etwas Mystisches und Irreales. Er war undurchsichtig, schattenhaft.

›Ja, genau, schattenhaft‹, dachte er.

Sie würden diesen Fall Schatten nennen. »Im Schatten von Frankfurt«, flüsterte er bedeutungsvoll.

 

7. Mai 2020

I

Alex’ zerwühltes Bett war Zeuge einer unruhigen Nacht, die nicht die Erholung gebracht hatte, die er sich wünschte. Die Bilder der grausam Ermordeten hatten ihn bis nach Hause verfolgt. Die makabre Szenerie schlich wie ein Schatten in seine Träume und zog ihn in eine Welt des Grauens, in der ihn die sehnsüchtigen Augen der Toten betrachteten, während er durch den endlosen Abgrund ihrer Ewigkeit taumelte. Es war, als ob sie in ihren letzten Momenten nach etwas Größerem strebten, als ob ihre Augen die Vergänglichkeit des Lebens durchdrungen hätten und nun die Pforten einer anderen Welt erahnten.

Er schlenderte gerade mit gebeugtem Kopf, in Gedanken versunken, durch den Gang zum Büro, als ihm Angie Christ steif entgegenkam. Unverwechselbar, unüberhörbar. Stets trug sie Stiefel, die auf dem Steinboden in einem kraftvollen, beharrlichen Rhythmus ihr Echo durch den Raum sendeten. Ein metallisches Klackern begleitete jeden ihrer Schritte, als würden sie ihren Weg mit Entschlossenheit markieren. Das Geräusch war gleichzeitig kraftvoll und beängstigend, ein scharfes Trommeln, das die Stille durchbrach und eine bedrohliche Aura um sie schaffte. Dieses Stampfen hallte nach, als würde sie die Geschichte ihres Weges in den steinernen Bodens eingravieren.

Alex brummte und schaute ihr entgegen. Schlechte Laune stand ihr ins Gesicht geschrieben. Die Mundwinkel fielen bis zum Boden ab. Angie war vor wenigen Tagen zweiundvierzig geworden und saß als Sekretärin in Johanns Vorzimmer. Sie besaß das Wesen und die Ausstrahlung einer schwarzen Sonne, daher hatte Alex ihr einen eigenen Namen verpasst: Black Old Sun. Auch die Kollegen hatten einen Spitznamen für sie gefunden, den Alex nicht minder passend fand: Angel Heart. Damit war allerdings nicht das sanfte Herz eines Engels gemeint, sondern die morbide Düsternis des gleichnamigen Films von Regisseur Alan Parker.

Alex konnte sie auf den Tod nicht ausstehen, wobei ihm der Tod in gewisser Weise vertrauter war als ihre Präsenz. Vor versammelter Mannschaft hatte er sie als einen dunklen Flecken in der Kulisse der Absurdität bezeichnet, eine zurückhaltende Umschreibung für das, was er tatsächlich empfand. Sie war zwar schlau genug gewesen, nicht auf diese Äußerung einzugehen, doch verzeihen würde sie es ihm niemals. Die Atmosphäre zwischen ihnen war seitdem angespannt wie die Ruhe vor einem unheilvollen Sturm, der jeden Moment losbrechen konnte.

»Morgen!«, kam es mit tiefer Stimme aus ihrem Schlund. Ohne ihn eines Blickes zu würdigen, schritt sie an ihm vorüber und verschwand in Johanns Vorzimmer.

›Steig in deine Gruft‹, dachte Alex. Er verzichtete auf eine Erwiderung, da er Heucheleien verabscheute. Es gab in seinen Augen nur einen einzigen Grund »lieb Kind« zu spielen: Wenn einem ein Mörder die Pistole an die Schläfe drückte.

Alex passierte Thomas’ Büro, dessen Tür sperrangelweit offenstand. Eine hell wiehernde Stimme hallte ihm entgegen und er blieb widerwillig stehen. Thomas Horn war ein schleimiger Kotzbrocken, Mitte vierzig, verheiratet und Vater einer Tochter. Wie üblich war seine Tischplatte frei von jeglichen Dokumenten oder Akten.

Alex mochte ihn nicht. In diesem Moment dachte er da­rüber nach, ob er überhaupt jemanden in diesem Büro leiden konnte, und musste sich eingestehen, dass es weniger waren als die Finger an einer Hand. Thomas jedenfalls gehörte definitiv nicht dazu. Er war einer dieser Typen, die sich gerne aufblähten, dumme Sprüche klopften und bei jeglicher Arbeit auf wundersame Weise untertauchten. Das war auch der Grund, warum sein Schreibtisch meistens mit gähnender Leere glänzte.

Thomas hatte ein heimliches Verhältnis mit Black Old Sun, sofern man in einer Kriminalabteilung von Heimlichkeiten sprechen konnte. Die meisten Mitarbeiter waren durch ihre Erfahrung zu gut geschult, um die Signale einer solchen Liaison zu übersehen. Und dabei dachte Alex nicht an die benutzten Kondome in Thomas‘ Schreibtischschublade, von denen jeder wusste, seit die geschwätzige Putzfrau sie entdeckt hatte. Nein, es waren die Blicke, die sie einander zuwarfen. Thomas mit seinen dummen Glupschaugen, die zu glänzen begannen, wenn Black Old Sun ihm ein verstohlenes Augenzwinkern zuwarf, das jeden Normalsterblichen augenblicklich versteinert hätte.

Alex konnte und wollte sich nicht vorstellen, was der Grund war, dass diese beiden Kreaturen sich gegenseitig anzogen, aber es gab vieles in dieser verrückten Welt, das er nicht verstand.

»Na, Thomas? Hast du gut geschlafen?«, rief Alex ihm zu. »Wir haben dich gestern bei dem neuen Fall vermisst.«

»Oh … sorry, ich hatte … fürchterliche Kopfschmerzen. Es war schrecklich«, erwiderte Thomas und rieb sich die Schläfe, während er das Gesicht verzog.

Alex konnte den Sarkasmus nicht zurückhalten. »Kopfschmerzen? Sicher? Dazu muss doch erst einmal etwas im Schädel drin sein, oder?«

Alex setzte seinen Weg zielstrebig fort. Thomas war es nicht wert, Zeit mit ihm zu vergeuden. Die Tür zum Besprechungsraum öffnete er ohne Zögern und ohne das höfliche Ritual des Anklopfens zu befolgen. Dieses Zimmer war nun das Epizentrum des neuen Falls. Als er eintrat, fiel sein Blick sogleich auf Julia, die bereits vor der gewaltigen Tafel stand, an der er am gestrigen Abend die Fotografien angebracht hatte.

Sie schien ihn nicht bemerkt zu haben. Julia pflegte normalerweise zu späterer Stunde einzutreffen, doch offensichtlich war sie diesmal gleichermaßen getrieben wie er. Alex räusperte sich.

»Morgen, Alex«, grüßte sie ihn mit einem Hauch von Anspannung in der Stimme. Die Fotografien hingen vor ihr wie blutige Trophäen und sie betrachtete jedes Bild mit bedächtiger Intensität. Die trügerische Ruhe in ihrer Haltung verriet ihm, dass sie tief in Gedanken versunken war.

Alex trat näher heran und blieb mit verschränkten Armen neben ihr stehen. »Konntest du nicht schlafen oder musstest du von zu Hause flüchten?«

»Flüchten? Nein. Allerdings frage ich mich immer wieder, wie du es mit dir selbst aushältst. Muss doch schrecklich sein, oder?«

Alex grinste. Es waren zwei Dinge, die er an ihr schätzte: ihre gewissenhafte, professionelle Arbeit und ihre scharfe Zunge, die sie wie eine sorgfältig geschmiedete Klinge zu führen wusste.

Ihre Blicke trafen sich für einen flüchtigen Moment und sie wussten, dass sie einander vollkommen vertrauen konnten – ein stummer Eid, der ihre Zusammenarbeit in diesem düsteren Tanz um Leben und Tod besiegelte.

»Was sagt die Pfadfinderin der Spuren aller Verderbnis?« Alex nickte zur Tafel.

»Ich brauche noch Zeit. Aber ich weiß jetzt schon …« Sie stockte kurz und rieb sich nachdenklich die Nase. »… dass die Aussagekraft der Spuren schwach ist, obwohl die Ausbeute gut war. Der Tatablauf, der sich bisher zeigt, ist, wie soll ich sagen …?«

»Widersprüchlich?«

Alex schien den Nagel auf den Kopf zu treffen, denn Julia nickte und vertiefte sich wieder in die Bilder.

In den kommenden Tagen würde sie den kompletten Tatort rekonstruieren, sodass sie den Ablauf abbilden und interpretierbar machen konnte. Die Position der Opfer, die Art ihrer Wunden, ihr Blut, das sich überall befand. Auch die Gegenstände, die nicht an dem Platz waren, an den sie gehörten.

Jedes Detail war wichtig.

Zusammen mit Abrahams Ergebnissen würde Alex daraus ein Täterprofil erstellen, das zu achtzig Prozent zuträfe. Waren die Hinweise im richtigen Kontext angeordnet, wäre er dem oder den Tätern ein großes Stück näher. Ab diesem Zeitpunkt würden sie seinen eisigen Atem im Genick spüren.

»Das alles erinnert mich an den Fall Superfalke.« Julia wandte sich von der Tafel ab und ließ sich mit einem verschmitzten Grinsen auf einen Stuhl nieder. »Rate mal, wer sich diesen Namen ausgedacht hatte?«

Alex zuckte die Schultern und setzte sich ihr gegenüber.

»Thomas. Typisch für ihn, oder?« Falten legten sich auf ihre Stirn und sie wurde wieder ernst. »Damals wurde eine Frau gefunden, die gefesselt auf einer Streckbank lag und über und über mit Nadeln von unterschiedlicher Länge gespickt war. Der Täter wusste genau, wo und wie tief er hineinstechen konnte, ohne ihr lebensgefährliche Verletzungen, jedoch ein Höchstmaß an Schmerzen zuzufügen. Irgendwann muss es ihm langweilig geworden sein, denn er hackte ihre Hände ab und ließ sie ausbluten. Weißt du …« Sie hielt kurz inne und atmete tief durch. »… diese Frau hatte ebenfalls die Augen geöffnet, als sie starb, und sie strahlten vor Hingabe und Erfüllung. Verrückt, oder? Wenn mir das ein Mann antun wollte, ich würde ihm den Sack abschneiden und –«

»Und ihn in sein Maul stopfen?«

»Zum Beispiel.« Ihr Blick senkte sich zu den restlichen Bildern auf dem Tisch.

»Hat Thomas den Fall Superfalke geknackt?«

»Thomas? Machst du Witze? Johann hat ihm einen Profiler aus Hamburg zur Seite gestellt. Der war clever und kam diesem kranken Schwein schnell auf die Spur. Aber du kennst Thomas, er prahlte überall herum, dass er die Sache zu Ende gebracht hätte.«

Und ob Alex ihn kannte! »Lass mich raten: Die Dame war den Nadeln nicht abgeneigt gewesen?«

»So ist es. Sie hatte diese Qualen genossen, sich ihnen gänzlich hingegeben. Nur hatte sie nicht damit gerechnet, dass der Mann, den sie im Internet kennengelernt hatte, ein Serienmörder war. Dumm gelaufen.«

Alex verstand, worauf sie hinauswollte. Es gab durchaus Parallelen. Es handelte sich nicht um gewöhnliche Morde. Er rieb sich nachdenklich das Kinn. »Ich glaube nicht, dass das alles Hardcore-SM-Anhänger waren, die sich ihrer masochistischen Ader hingaben. Sie wurden nicht gequält. Spätestens, nachdem sie gesehen hatten, dass einer sein Herz genommen bekam, wären sie in Panik geraten. Ich kann mir nicht vorstellen, dass sie danach weiterhin wie Lämmer auf der Schlachtbank abgewartet hätten.«

Doch das war nicht das Einzige, was Alex Kopfzerbrechen bereitete. Die Zeit, dieser unsichtbare Gegner, spielte eine erbarmungslose Rolle. Sie mussten sich beeilen, rasch und gewissenhaft verlässliche Informationen zusammentragen. Jede verstrichene Stunde half dem Täter, sich tiefer im Schatten einzugraben.

Die Verlässlichkeit von Zeugenaussagen schmolz statistisch betrachtet im Laufe der Zeit dahin wie ein Eisklotz in der Sahara. Der Wert eines Hinweises hing von drei entscheidenden Prozessen ab: Der Wahrnehmung, der Erinnerung und der Wiedergabe. Alex erinnerte sich an eine Lektion aus einem Vortrag, die besagte, dass der Irrtum ein hinterhältigerer Feind der Wahrheit war als die Lüge. Ein Lügner versuchte bewusst, die Wahrheit zu verschleiern, während ein Irrender es schlicht nicht besser wusste. Ein Lügner konnte durch Glaubwürdigkeitskriterien entlarvt oder durch geschicktes Vernehmen zur Wahrheit geführt werden, aber bei einem Irrenden konnte man lediglich die Aussage bewerten.

Es brauchte keine eklatanten Unterschiede zwischen dem Tatsächlichen und der Erinnerung, um den Pfad der Ermittlungen weit vom eigentlichen Ziel wegzuführen. Selbst die geringste Nuance, die anders dargestellt wurde, konnte zu weitreichenden Abweichungen führen. Diese Fehlwahrnehmungen waren der Grund, weshalb Horst viele Stunden damit verbrachte, sich mit den Zeugenaussagen auseinanderzusetzen, sie nach verschiedenen Kriterien zu analysieren und ihre Verlässlichkeit in eine gewichtete Skala zu pressen.

Alex spürte den Druck, der auf seinen Schultern lastete. Und dieser würde stündlich zunehmen. »Scheiße.«

Ein dumpfer Schlag ließ die Tür erzittern, bevor sie sich öffnete und mit einem lauten »Rumms!« an die Wand knallte.

»Schon bei der Arbeit, Jungs?«, fragte Johann mit mürrischer Miene.

Alex warf einen flüchtigen Blick zu Julia, doch ihr Gesicht wirkte wie versteinert. Keine Reaktion von ihr.

Hinter Johann betraten Horst und Abraham den Raum und nahmen zusammen mit ihm am Tisch Platz.

Johann lehnte sich zurück und schaute in die Runde der Kollegen. »Machen wir es kurz«, polterte er. »Das ist kein Fall von der Stange, also haben sie uns den Dreck zugeschoben.« Er zeigte auf die Schautafel. »Du, Alex, musst dich in diesen Mist reinknien, bis dir die Kniescheiben splittern. Horst, du bist für das Wühlen im Dreck zuständig. Abraham wird wie immer das Fleisch bis auf die Knochen sezieren. Und du, Julia, findest, was andere übersehen haben. Wenn ihr noch Unterstützung braucht, könnt ihr gerne Thomas ins Team aufnehmen, der hat sowieso nichts zu tun.«

Wie auf Kommando blickten alle Johann mit aufgerissenen Augen an. Dieser beugte sich vor und schlug mit der flachen Hand auf den Tisch. »Ich verstehe! Kommt aber nicht irgendwann angerannt und bettelt um Unterstützung. Uns ist wieder mal das Budget gekürzt worden. Unsere sehr geehrte Frau Bürgermeisterin vertritt die Meinung, dass das Geld besser in Sportplätze und andere Dinge gesteckt werden sollte. Nun treffen sich die Junkies unter Basketballkörben und drücken den Kindern dort ihre Nadeln rein. Solche Stätten nützen einen Dreck, wenn niemand da ist, der auf die Kleinen aufpasst …«

Alex hörte nicht mehr zu. Er kannte Johanns Meinung zur Genüge. Wenn er sich einmal in ein Thema verbissen hatte, konnte es lange dauern, bis er wieder zu sich kam.

Bürgermeisterin Sabine Rohn war eine knallharte Politikerin, ein Abbild der unerbittlichen Margaret Thatcher. Vor den Kameras verkörperte sie die Menschenfreundin schlechthin und konnte die Wähler mit ihren wohlplatzierten Statements spielend manipulieren. Doch hinter dieser makellosen Fassade verbarg sich ein skrupelloser Machtmensch, der bereit war, jeden über die Klinge springen zu lassen, der im Weg stand oder nicht länger nützlich war. In dieser Stadt mochte sie wie eine mütterliche Gestalt erscheinen, aber ihre Methoden waren alles andere als liebevoll. Hinter den Kulissen schmiedete sie ihre Pläne und schreckte vor nichts zurück, um ihre Ziele zu erreichen.

Was auch immer dieser Fall bereithielt, es war offensichtlich, dass sie viel Unterstützung benötigen würden – doch einer Person wollten sie keinesfalls die Tür öffnen: Thomas. Jeder in der Abteilung wusste, dass er nur dank der Gunst der Bürgermeisterin hier arbeiten durfte. Seine intellektuellen Fähigkeiten und seine Arbeitsscheu hatten ihn jedenfalls nicht an diesen Platz gebracht.

Dieser Fall war von besonderer Bedeutung und Alex hatte ihm einen passenden Namen gegeben. Er beschrieb treffend das Dunkle, mit dem sie es hier zu tun hatten, und er hatte nicht vor zuzulassen, dass ein Stümper wie Thomas sich in ihre Angelegenheiten einmischte.

»Alex?« Johann schnippte mit den Fingern und schaute ihn mit hochgezogenen Augenbrauen an.

»Schatten«, antwortete Alex, noch halb in seine Gedanken versunken.

Johann hob fragend die buschigen Augenbrauen,

»Ich finde, der Fall sollte Schatten heißen. Und nein, Thomas brauchen wir nicht. Die verdammten Einsparmaßnahmen interessieren mich einen Dreck, wir werden trotzdem Unterstützung benötigen, das fühle ich. Aber nicht von einem faulen Klugscheißer wie ihm. Steck ihn doch der Bürgermeisterin in den Hintern.«

Über Johanns ernstes Gesicht huschte ein fieses Lächeln. Bestimmt hätte er diesen Gedanken liebend gerne aufgegriffen, doch er äußerte sich nicht dazu. »Ja, ja, aber nun zurück zu den Tatsachen. Nennt den Fall, wie ihr wollt, und fangt an! Die Bürgermeisterin hat mich heute Nachmittag zu einem kleinen Tête-à-Tête geladen. Wenn ihr bis dahin etwas habt, lasst es mich wissen.«

Er donnerte mit der Faust auf den Tisch, stand auf und verließ in wiegendem John-Wayne-Gang den Raum.

Stille war schlagartig eingekehrt und Alex atmete tief durch. Johann mochte zwar offen und ehrlich sein, aber seine bloße Präsenz ließ die Luft dünn werden. Er ließ seinen Blick über die Gesichter seiner Teammitglieder gleiten – jeder Einzelne von ihnen ein Schlüsselstück in einem perfekt eingespielten Team.

Julia war eine Meisterin ihres Fachs, eine Koryphäe in der forensischen Entomologie und Serologie. Ihr analytischer Verstand und ihre streng logische Herangehensweise beeindruckten Alex zutiefst. Sie war akribisch und hielt sich stets an die neuesten Vorgaben der modernen Forensik, wodurch sie nur äußerst selten Fehler machte. Wenn sie sich in einen Fall vertiefte, gab es für sie nur diesen einen Fokus, und das brachte die nötige Ernsthaftigkeit mit sich, die er so hoch schätzte.

Aber selbst für Alex, der mit solchen Dingen vertraut war, war die forensische Entomologie eine unangenehme Angelegenheit. Auch wenn er wusste, wie unverzichtbar sie bei der Aufklärung von Todes- oder Mordfällen war, da der postmortale Zersetzungsprozess von organischen Körpern, unter anderem durch Insekten vorangetrieben, wertvolle Informationen bot.

Ein Blick in Julias Laborkühlschrank ließ einem das Blut in den Adern gefrieren. Fantasie war nicht nötig, um sich vorzustellen, was sich darin befand. Jeder vernünftige Mensch würde einen großen Bogen um diese Lagerstätte machen. Und die Eimer in den Regalen? Besser, man berührte sie nicht.

Ein Hauch von bissigem Humor war in Julia zu finden, als sie kleine Schildchen mit der Aufschrift »Bitte nicht stören! Wir arbeiten!« druckte und auf die verschiedenen Gefäße klebte. Doch der Humor verblasste angesichts der bitteren Wahrheit dahinter. Ein mutiger Blick in einen der Eimer hätte die netten kleinen Tierchen dabei gestört, wie sie einen Schädel säuberten, der noch mit Fleischfetzen bedeckt war.

Thomas wagte es einmal, über den Einsatz von »schutzbefohlenen« Insekten bei Julia zu witzeln, was sie keineswegs amüsierte. Schließlich kam die Bemerkung ausgerechnet von demjenigen, für den Arbeit ein Fremdwort war. Als Rache vergaß Julia zufällig einen Eimer mit einem von Maden übersäten Schweineknochen auf Thomas‘ Schreibtisch. »NICHT ÖFFNEN!!!« prangte in Großbuchstaben auf dem Deckel, aber Thomas ließ sich natürlich nicht abhalten. Das Resultat seiner Neugierde war, dass ein geplantes Date mit Black Old Sun aufgrund seines labilen Magens an diesem Tag ausfiel.

Ein Lächeln stahl sich auf Alex’ Lippen. Ja, es war keine gute Idee, sich mit Julia anzulegen. Er hatte sich nur oberflächlich mit ihren Fachgebieten beschäftigt und bewunderte den Enthusiasmus, mit dem sie von ihren Ergebnissen berichtete. Darum war er dankbar, sie an seiner Seite zu wissen.

Die Serologie, ihre andere Expertise, befasste sich mit der Auswertung aller möglichen Flüssigkeiten in, an und um das Opfer. Niemals würde Alex das Entzücken in Julias Augen vergessen, als sie vor versammelter Mannschaft über dieses Thema referierte: »Es ist faszinierend, wie viel man aus den Blutspritzern an Wänden, Boden oder Kleidern lesen kann.« Ihre Augen strahlten über alle Maßen, während ihr diese Worte über die Lippen kamen. Es fehlte nur noch, dass sie einen Luftsprung machte und vor Begeisterung in die Hände klatschte. Aber sie hatte nicht unrecht, die Serologie war bedeutend und im Vergleich zur Entomologie eine fast saubere Sache.

Wenn also jemand in Julia eine emotionale Regung erzeugen wollte, sollte er diese Themen zu Hilfe nehmen.

Alex’ Blick wanderte zu Abraham. Er war Pathologe, und wie Julia verliebt in seinen Beruf. Er nannte sich selbst Diggin’ Nigger, was einiges über seinen eigenartigen Seelenzustand aussagte, wenn man bedachte, worin er sich da eingrub. Alex und Abraham waren grundlegend verschieden und dennoch verband sie gegenseitiger Respekt. Auch wenn sie es sich nicht eingestehen wollten, kamen sie gut miteinander aus – zumindest meistens.

Abraham war ein hervorragender praktizierender Arzt gewesen, bis ihm ein Fehler unterlief, durch den ein Patient zu Tode kam. Es war nicht eine der klassischen Fehldiagnosen, sondern das Verkennen einer konkreten Situation, das ihn aus der Bahn katapultierte. Es hatte einige Jahre der Zusammenarbeit gekostet, bis ihm Abraham eines Abends von dieser Sache erzählt hatte. Abraham saß damals am Schreibtisch und starrte ins Leere. Alex spürte, dass etwas nicht stimmte und fragte, ob alles in Ordnung sei. Dies verneinte Abraham mit Tränen in den Augen. »Weißt du, Alex, ich habe dir nie erzählt, warum ich Pathologe geworden bin«, begann er sich zu offenbaren. Seelenschmerz lag in seinen Worten. »Vor Jahren brachte eine Mutter ihren kleinen Jungen zu mir. Er war übersät mit Hämatomen. Von Kopf bis Fuß. Er hatte zwei gebrochene Finger. Ich … erkannte sofort, dass er misshandelt worden war.« Alex ahnte bereits, worauf es hinauslaufen würde. Regungslos und mit angehaltenem Atem hatte er ihm zugehört. Nie würde er vergessen, was er ihm anvertraute.

»Ich sprach die Mutter darauf an. Sie schob es auf den Vater, der angeblich trank und jeden tyrannisierte. Sie versprach, ihren Sohn fortan zu beschützen und ihren Mann zu verlassen. Zwei Tage später erfuhr ich, dass der Junge in der Kloschüssel ertränkt worden war. Jedoch nicht von seinem Vater, denn der war bereits seit Jahren verstorben, erstickt an seiner Kotze. Es war die eigene Mutter gewesen. Nachbarn sind auf das Geschrei aufmerksam geworden und haben die Polizei verständigt – zum ersten Mal.«

Alex erinnerte sich, wie sich damals sein Magen verkrampft hatte. Nicht aus Mitleid, sondern aus Wut auf Menschen, die so etwas tun konnten. Es war das Gefühl verzweifelter Hilflosigkeit dem wirren Treiben böser Menschen gegenüber. Damals legte er Abraham seinen Arm auf die Schulter und drückte ihn an sich. Schweigend. Mehr konnte er nicht für ihn tun.

Abraham hatte die Sache nie überwunden. Er würde sich sein Leben lang Vorwürfe machen, dass er der Mutter die Geschichte abgekauft und es versäumt hatte, die zuständigen Behörden einzuschalten und den Jungen in der Klinik zu behalten. Schließlich hatte er seinen Beruf aufgegeben und sich der Gerichtsmedizin zugewandt. Wenn er schon nicht den Lebenden helfen konnte, so wollte er zumindest den Toten eine Stimme geben.

Alex’ Blick wanderte zu Horst. Er war Vernehmungsspezialist par excellence und ein gutmütiger Kerl. Ein Herz von einer Seele, dem sich jeder bereitwillig öffnete. »Dann lasst uns loslegen. Horst, du überprüfst noch einmal alle Aussagen. Ich brauche eine Liste der Zeugen und deren Beobachtungen – bereinigt, wenn es geht. Du weißt schon, was ich meine.«

Alex wusste, dass der Tatort ein Labyrinth aus Hinweisen und potenzieller Zuschauer war. Eine schier undurchdringliche Aufgabe stand vor Horst, diese verborgenen Schlüsselpersonen aufzutreiben, die mit ihren Augen das Puzzle des Verbrechens zusammenfügen konnten. Eine mühsame Reise würde beginnen, diese aus ihren Verstecken hervorzulocken. Einige von ihnen waren sich nicht einmal bewusst, dass sie eine entscheidende Rolle in diesem düsteren Spiel innehatten.

Alex wandte sich Abraham zu. »Und du findest heraus, ob den Opfern irgendeine Droge oder etwas Ähnliches verabreicht wurde. Mich irritiert dieser verdammte Ausdruck in ihren Augen. Und was ich gestern sagte, habe ich ernst gemeint. Versuch, mir die Ergebnisse noch dieses Jahr zu liefern. Klar?«

Abraham hielt Alex’ Blick stand und verschränkte die Arme. »Ja, Meister! Gewöhn dich endlich daran, dass ich dir erst etwas auf den Tisch lege, wenn ich Stichhaltiges habe. Kaffeesatzlesen überlasse ich anderen. Wenn du mit meiner Arbeitsweise nicht zurechtkommst, nimm doch einen anderen Arsch, der den Leichen ihre Geschichten herauskitzelt.«

Alex’ Mundwinkel zuckte. »Wir sind wohl ein wenig gereizt heute, wie? Ist dir eine Laus über deine schwarze Seele gekrochen?«

Abrahams Augen verengten sich und es lag ein gefährliches Funkeln in ihnen. »Ein white boy macht noch keine weiße Seele, vergiss das nicht, Bruder.«

›Ich weiß. Ich kenne mich mit schwarzen Seelen bestens aus‹, dachte Alex und beließ es dabei. »Und jetzt zu dir, Julia. Bring mir die Geschichten auf die Tafel, die dir die Blutspritzer ins Ohr flüstern.«

Julia nickte und verzog das Gesicht. »Oh, ins Ohr flüstern klingt gut. Morgen werde ich wohl die ersten Geflechte zusammengestellt haben, aber ich kann nicht versprechen, dass man wirklich viel daraus ersehen kann. Mein erster Eindruck ist eher enttäuscht als euphorisch, Alex. Ich habe zwar eine Menge Informationen gesammelt, die nun in einen bestimmten Kontext gebracht werden müssen, was viel Fingerspitzengefühl benötigt, aber irgendwie habe ich nicht das Gefühl, dass es für einen Durchbruch genügt.«

Alex nickte. »Ihr versteht euer Handwerk, das weiß ich. Wir werden uns ab heute zweimal täglich hier treffen. Morgens um sieben und abends um zehn. Vergesst also euer Privatleben und macht euch an die Arbeit.« Alex stand abrupt auf und beendete die Sitzung.

Julia und Abraham packten ihre Unterlagen zusammen und verließen das Büro. Nur Horst blieb noch am Tisch sitzen und fixierte Alex, der noch in der Tür stand. »Meinst du das jetzt ernst?«

Alex hob sein kantiges Kinn und bedachte Horst mit einem fragenden Blick.

»Na ja, von morgens sieben bis abends zehn?«

Alex presste die Lippen aufeinander. Er schloss die Tür und kam einige Schritte auf Horst zu. »Du bist lange genug dabei und kennst das Spiel. Jede Sekunde, die verstreicht, rotzt in unsere Karten. Mit jedem vergehenden Augenblick versickert die Wärme der Spur und die Kälte des Verbrechens wird zu einem eisigen Schleier, der unsere Ermittlungen umgibt, bis wir irgendwann gar nichts mehr erkennen können. Verdammt, das weißt du genau!«

Horst senkte seinen Kopf, als wäre er bleiern schwer. Er stieß einen tiefen Seufzer aus. »Dann gib mir einen Tipp, wie ich meiner Frau klarmachen kann, dass sie mich in nächster Zeit wieder einmal nur auf Fotos zu sehen bekommt. Sie wird mich grillen.«

»Glaub mir eines, deine Frau grillt dich sanfter, als Johann es vermag!«

II

Das Flüstern der Neonröhren mischte sich mit dem surrealen Duft des Formaldehyds, als Abraham aufgebracht die Pathologie betrat. Noch hallten die Worte von Alex, diesem Meister der Überheblichkeit, in seinen Ohren nach. Wütend stützte er sich mit seinen Fäusten auf den metallenen Seziertisch. Selbst inmitten der stummen Zeugen des Todes, die ihn täglich umgaben, war ihm bewusst, dass es mehr gab als dieses blanke Grauen. Er hatte stets die Wärme und Empathie bewahrt, die Alex längst verloren hatte.

Überall lauerten Gestalten, die sich in einem Netz aus Lügen und Betrug verfingen. Politiker, die in den Korridoren der Macht ihre Intrigen spannen, Banker, die mit verschlagenem Lächeln über das Schicksal anderer entschieden, und Anwälte, die sich dem Höchstbietenden verkauften. Wie hungrige Raubtiere, getrieben von Machtgier und egoistischer Selbstsucht, scherten sie sich nicht um die Seelen, die sie auf ihrem Weg zertraten. Alle verband sie ihre Arroganz, die Alex nicht minder zur Schau trug.

»Irgendwann, Alex, irgendwann … Das schwöre ich dir, werde ich …«

Er brach ab, ein Ruck durchzuckte ihn, als ob er einen unsichtbaren Dämon abschüttelte. »Ach, egal!« Abraham atmete tief durch, seine Brust hob und senkte sich in einem langsamen Rhythmus, als er versuchte, die Kontrolle über sich selbst wiederzuerlangen. Er konnte es sich nicht leisten, von seinen Gefühlen überwältigt zu werden – nicht jetzt, nicht hier. Er spürte die Verantwortung schwer auf seinen Schultern lasten. Er musste die Geschichten der Opfer erzählen, die Wahrheit ans Licht bringen und Gerechtigkeit für deren unschuldige Seelen suchen. Jedes dieser Wesen hatte eine Stimme, die durch ihn gehört werden wollte.

Seine Finger zitterten leicht, als er behutsam die Instrumente auswählte. Isabelle schob eine Bahre in den Raum, nickte ihm ein kühles Lächeln zu und stellte sich neben den Instrumententisch. Ihre kurzen braunen Haare verbarg sie unter einer undurchsichtigen Plastikhaube, während ihre blau-grünen durchdringenden Augen jede Einzelheit scharf wahrnahmen. Mit vierunddreißig Jahren strahlte sie eine unerschütterliche Ruhe aus. Ihre feine Sprache, die wie ein stilles Gewässer floss, unterschied sich vollkommen von der Abrahams. Und obwohl sie mit den düstersten Seiten der menschlichen Natur immer und immer wieder konfrontiert wurde, bewahrte sie ihre emotionale Distanz. Abraham hatte sich schon oft gefragt, was sich hinter ihrer undurchdringlichen Fassade verbarg, aber zu einem Resultat war er bisher nicht gekommen.

Konzentriert wandte sich Abraham der ersten Leiche zu, die auf der metallenen Bahre lag. Vier weitere leblose Körper warteten bereits in den eisigen Kühlfächern darauf, von ihm untersucht zu werden. Als Pathologe kannte er die Vorteile seines Berufs nur zu gut: Die gut gekühlten Patienten boten ihm genügend Zeit, um ihre Rätsel zu entschlüsseln.

Doch diesmal war etwas anders. Fünf Menschen, alle kurz nacheinander aus dem Leben gerissen, landeten unerwartet in der Kühlhalle. Der Anblick ließ eine unheimliche Vorahnung in ihm aufsteigen, als er die Akte des ersten Opfers, Walter ­Cothorn, studierte. Ein Name, der ihm bislang unbekannt gewesen war und dessen Geheimnis er nun zu enträtseln hatte.

Ein kalter Schauer lief ihm über den Rücken, als er den Gedanken verwarf, dass dies nur ein Zufall sein könnte. Jemand, ein oder mehrere Täter, hatten das Schicksal dieser fünf Menschen auf brutale Weise miteinander verknüpft. Die Herausforderung, die Identität des Täters zu enthüllen und die Hintergründe dieser makabren Verbindung zu entwirren, trieb Abraham an.

»Na, mein Junge? Wie fühlt man sich so als Hahn im Korb?«, fragte Abraham ihn.

Walters Augen starrten blass gegen die weiß getünchte Decke – sie würden nie mehr etwas wahrnehmen. Davon zeugte die hässliche Wunde im Brustbereich.

Inmitten der kühlen Atmosphäre des Raums und dem klinischen Glanz seiner Werkzeuge begann er, die Spuren des Verbrechens zu sammeln. Abraham hatte die Leichen bereits am Tatort in Augenschein genommen, Fotos gemacht, Blutproben entnommen, die Temperatur zur Bestimmung des Todeszeitpunktes gemessen, Hinweise auf äußere Einwirkungen festgehalten und sie auf Fremdkörper untersucht. Jetzt konnte er sich alle Details in Ruhe ansehen und mit den Instrumenten der modernen Gerichtsmedizin versuchen, mehr herauszufinden. Isabelle hatte alles für die Autopsie vorbereitet und die Leiche geröntgt.

»Okay, Isa, jetzt kommt Nummer eins. Mal sehen, was wir aus ihm herausholen können.«

Alex hatte ihn beauftragt, nach Rückständen von Drogen zu suchen, welche die Opfer womöglich willens in den Tod hatten gehen lassen. Dies war denkbar, da sie sich offensichtlich nicht gewehrt hatten.

»Mal sehen, ob wir Alex eine Freude machen können.« ­Abraham entnahm Gewebe- und Flüssigkeitsproben, die er an Isabelle weitergab, um sie im Labor analysieren zu lassen. Dabei würde man mögliche Narkotika feststellen können, falls solche verabreicht worden waren.