Alexanders Erbe: Der Fall des Weltenreichs - Robert Fabbri - E-Book
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Alexanders Erbe: Der Fall des Weltenreichs E-Book

Robert Fabbri

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Beschreibung

Wer tritt Alexanders Erbe an? Der zweite Teil des neuen großen Historienepos! Von Bestsellerautor Robert Fabbri. DER UNTERGANG EINES WELTREICHS. DER AUFSTIEG VON DYNASTIEN. 321 v. Chr., zwei Jahre nach Alexanders Tod: Das beeindruckendste Reich, das die Welt je gesehen hat, ist ohne Führung. Chaos regiert in den makedonischen Gebieten Asiens und im Mittelmeerraum. Der bisherige Regent Perdikkas wurde von seinen eigenen Offizieren erdolcht, und Alexanders einstige Gefährten ringen mit allen Mitteln um die Macht. Um Makedonien zusammenzuhalten, ruft der betagte Antipatros – zu Alexanders Lebzeiten Regent für den europäischen Teil des Reiches – zu einer Konferenz in Triparadeisos auf. Doch wird es noch ein Makedonien geben, das es zu retten gilt? Wird eine Einigung Bestand haben? Rücksichtslose Intrigen. Falsche Versprechen. Dramatische Belagerungen. Blutige Schlachten zu Land und zur See. Über allem die Frage: Wurde Alexander ermordet? Von wem? Niemand kann sich mehr sicher fühlen …

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Robert Fabbri

Alexanders Erbe: Der Fall des Weltenreichs

Historischer Roman

 

 

Aus dem Englischen von Anja Schünemann

 

Über dieses Buch

DER UNTERGANG EINES WELTREICHS.

DER AUFSTIEG VON DYNASTIEN.

 

321 v. Chr., zwei Jahre nach Alexanders Tod.

 

Das beeindruckendste Reich, das die Welt je gesehen hat, ist ohne Führung. Chaos regiert in den makedonischen Gebieten Asiens und im Mittelmeerraum. Der bisherige Regent Perdikkas wurde von seinen eigenen Offizieren erdolcht, und Alexanders einstige Gefährten ringen mit allen Mitteln um die Macht. Um Makedonien zusammenzuhalten, ruft der betagte Antipatros – zu Alexanders Lebzeiten Regent für den europäischen Teil des Reiches – zu einer Konferenz in Triparadeisos auf. Doch wird es noch ein Makedonien geben, das es zu retten gilt? Wird eine Einigung Bestand haben? Rücksichtslose Intrigen. Falsche Versprechen. Dramatische Belagerungen. Blutige Schlachten zu Land und zur See. Über allem die Frage: Wurde Alexander ermordet? Von wem? Niemand kann sich mehr sicher fühlen …

 

«Wieder einmal zeigt Robert Fabbri, warum er einer der unterhaltsamsten und fesselndsten Autoren historischer Romane überhaupt ist.»

unseenlibrary.com

Vita

Robert Fabbri, geboren 1961, lebt in London und Berlin. Er arbeitete nach seinem Studium an der University of London 25 Jahre lang als Regieassistent und war an so unterschiedlichen Filmen beteiligt wie «Die Stunde der Patrioten», «Hellraiser», «Hornblower» und «Billy Elliot – I Will Dance». Aus Leidenschaft für antike Geschichte bemalte er 3500 mazedonische, thrakische, galatische, römische und viele andere Zinnsoldaten – und begann schließlich zu schreiben. Mit seiner epischen historischen Romanserie «Vespasian» über das Leben des römischen Kaisers wurde Robert Fabbri Bestsellerautor.

 

Mehr zum Autor und zu seinen Büchern: www.robertfabbri.com

 

Anja Schünemann studierte Literaturwissenschaft und Anglistik in Wuppertal. Seit 2000 arbeitet sie als freiberufliche Übersetzerin der verschiedensten Genres und hat seitdem große Romanprojekte und Serien von namhaften Autorinnen und Autoren wie Philippa Gregory, David Gilman sowie Robert Fabbri aus dem Englischen ins Deutsche übertragen. Historische Romane sind eines ihrer Spezialgebiete: Von der Antike bis zum Mittelalter, in die frühe Neuzeit sowie bis ins 20. Jahrhundert verfügt sie über einen reichen Wissensschatz, der ihre Übersetzungen zu einem gelungenen Leseerlebnis macht.

Für meine Tochter Eliza und ihren zukünftigen Ehemann Tom Simpson – ich wünsche euch beiden alles Glück in eurem gemeinsamen Leben.

Ptolemaios der Bastard

Armeen haben immerfort etwas zu klagen, sinnierte Ptolemaios und stieg aus dem Boot, über einen abgetrennten Arm hinweg, der am Ostufer des Nils angespült worden war. Aber diese hat mehr Grund dazu als die meisten.

Mit einem Lächeln und einem Kopfnicken begrüßte er den makedonischen Offizier, der mit Mitte dreißig zehn Jahre jünger war als er. Der Mann erwartete ihn mit zwei Pferden. Ein paar Schritt entfernt befand sich eine berittene Eskorte, auf den Gesichtern den goldenen Schein der Sonne, die sich gen Westen neigte. «Sie sind also zu einem Gespräch bereit, Arrhidaios?»

«So ist es, Herr.» Arrhidaios bot Ptolemaios die Hand, als der im Uferschlamm von Ägyptens heiligem Fluss ausrutschte, dessen Wasser blutig verfärbt war.

Ptolemaios wehrte seine Hilfe ab. «Bleibt noch die Frage, wer die Delegation anführen wird. Perdikkas oder einer seiner ranghöchsten Offiziere?»

«Ich habe mit Seleukos, Peithon und Antigenes gesprochen. Sie sind sich darin einig, dass Perdikkas dem Frieden im Wege steht und deshalb beseitigt werden muss, falls er sich weiterhin unnachgiebig zeigt.»

Ptolemaios verzog bei dieser Vorstellung das Gesicht. Er rieb sich den muskulösen Nacken, dann ruckte er mit dem Kopf, dass es knackte. «Es wäre für uns alle besser, wenn man ihn dazu bewegen könnte, vernünftig zu verhandeln. Es besteht keine Notwendigkeit, derart drastische Maßnahmen zu ergreifen.» Er deutete auf den Fluss, dessen Ufer mit Leichen in unterschiedlichen Stadien der Verstümmelung übersät war – das Werk der zahlreichen Krokodile im Fluss. «Er hat so viele seiner Jungs bei dem Versuch verloren, über den Nil zu kommen … Nun wird er gewiss ein Einsehen haben und sich zurückziehen, sofern man ihm mit einem Kompromiss ermöglicht, das Gesicht zu wahren.»

«Er wird dir nie verzeihen, dass du Alexanders Leichenwagen entführt und nach Ägypten geholt hast. Seine Offiziere glauben, er werde sich nicht mit dir an einen Tisch setzen, solange du ihn nicht zurückgibst.»

«Nun, er bekommt ihn nicht.» Ptolemaios grinste, und seine dunklen Augen funkelten durchtrieben. «Mag sein, dass nun ich der Unnachgiebige bin, aber das ist in meinem eigenen Interesse. Alexanders Leichnam in Memphis zu bestatten und ihn später, wenn ein angemessenes Mausoleum errichtet ist, nach Alexandria zu überführen, verschafft mir Legitimität, Arrhidaios.» Er schlug mit der Faust auf seinen Brustpanzer aus gehärtetem Leder. «Dadurch erscheine ich als sein Nachfolger in Ägypten, und ich bin entschlossen, hierzubleiben. Perdikkas mag von mir aus haben, was immer er sonst in seinem Besitz zu halten vermag, aber er bekommt Alexander nicht zurück, und Ägypten kriegt er auch nicht.»

«Dann wird er nicht verhandeln.»

«Ich befürchte, du hast recht. Der Narr hätte den Leichnam in Babylon behalten und sich darauf konzentrieren sollen, seine Position in Asien zu festigen, statt zu versuchen, sich das ganze Reich zu eigen zu machen, indem er Alexander heim nach Makedonien bringt. Alle wissen, dass es traditionell die Aufgabe eines Makedonenkönigs ist, seinen Vorgänger zu bestatten. Perdikkas wollte sich als König über uns alle erheben. Inakzeptabel.»

«Deshalb hast du recht daran getan, den Leichnam zu entführen.»

«Das war nicht allein mein Werk, mein Freund. Du hattest das Kommando über den Leichenzug. Du hast zugelassen, dass ich Perdikkas den Leichenwagen stahl.»

«Und ich habe mir genüsslich ausgemalt, wie der selbstherrliche, arrogante Hundesohn dreinschauen würde, wenn er davon erführe.»

«Ich wünschte, ich hätte sein Gesicht sehen können. Aber nun ist es zu spät.» Ptolemaios sog die Luft zwischen den Zähnen ein, dann ergriff er den Zügel seines Pferdes und streichelte ihm die Nase. «Dass es so weit kommen musste», sagte er vertraulich zu dem Tier, «dass Alexanders Nachfolger sich im Streit um seinen Leichnam gegenseitig umbringen.» Das Pferd schnaubte und stampfte mit dem Huf. Ptolemaios blies ihm in die Nüstern. «Du tust weise daran, deine Meinung für dich zu behalten, mein Freund.» Er schaute zum Lager der Perdikkaner hinüber, das etwas mehr als eine Parasange entfernt lag, durch die Hitze und den Rauch zahlreicher Kochfeuer nur verschwommen sichtbar, dann schwang er sich aufs Pferd. «Wollen wir?»

Arrhidaios nickte. Er saß ebenfalls auf und trieb sein Ross zu gemächlichem Trab an. «Unmittelbar bevor ich dir die Aufforderung schickte, über den Fluss zu kommen, hat Seleukos sich für deine Sicherheit im Lager verbürgt und zugesagt, dass du zu den Soldaten sprechen darfst. Ihm ist wirklich sehr daran gelegen, mit dir zu einer Einigung zu gelangen.»

«Das kann ich mir denken. Er ist der ehrgeizigste von Perdikkas’ Offizieren. Ich mag ihn beinahe.»

«Und ich bin sicher, dass er dich beinahe mag.»

Ptolemaios warf den Kopf in den Nacken und lachte. «Ich werde jeden Beinahe-Freund brauchen, den ich bekommen kann. Ich nehme an, er spekuliert auf einen einträglichen Posten wie beispielsweise den des Satrapen von Babylonien – sofern das Amt frei werden sollte und wir Archon aus dem Weg räumen, den Perdikkas dazu ausersehen hat.»

«Ich denke, genau das hat er im Sinn. Wie jeder ehrgeizige Mann erkennt er selbst in einer Niederlage noch eine Chance.»

«Perdikkas und seine Verbündeten mögen hier im Süden gegen mich verloren haben, aber nicht im Norden. Noch wissen sie nicht, dass Eumenes Krateros und Neoptolemos besiegt und getötet hat.»

Ein verschwörerisches Lächeln umspielte Arrhidaios’ Lippen. «Ich wette, wenn sie es wüssten, hätten sie nicht so rasch beschlossen, ihren Anführer umzubringen, wenn er nicht zu Gesprächen bereit ist.»

Ptolemaios schüttelte stirnrunzelnd den Kopf. Er konnte nicht anders, als den Mord zu bedauern, schließlich war Perdikkas ebenso wie er einer von Alexanders sieben Leibwächtern gewesen. «Dass es wirklich so weit kommen musste, und so bald … Einst waren wir Waffenbrüder und eroberten gemeinsam die bekannte Welt, jetzt stoßen wir uns gegenseitig Dolche zwischen die Rippen. Und all das, weil Alexander Perdikkas seinen Ring gegeben, sich dann aber geweigert hat, einen Nachfolger zu benennen. So wird nun aus dem halb erwählten Perdikkas der tote Perdikkas.» Er beugte sich hinüber und klopfte Arrhidaios auf die Schulter. «Und ich denke, mein Freund, du und ich, wir tragen einen Großteil der Verantwortung für seinen Tod.»

Arrhidaios spuckte aus. «Er hat es sich selbst zuzuschreiben, durch seine Arroganz ist es so weit gekommen.»

Ptolemaios stimmte ihm zu. In den zwei Jahren seit Alexanders Tod in Babylon hatte Perdikkas versucht, das Reich zusammenzuhalten, indem er in überaus selbstherrlicher Weise das Kommando an sich gerissen hatte. Einzig auf der Grundlage, dass Alexander ihm auf dem Sterbebett den großen Ring von Makedonien gegeben und «Dem Stärksten» gesagt hatte – ohne jedoch zu erklären, wen er damit meinte.

Ptolemaios hatte sofort erkannt, dass mit diesen zwei Wörtern die Saat zu einem Krieg gelegt war, und er argwöhnte, dass Alexander das bewusst getan hatte, damit niemand ihn je übertreffen konnte. Wenn das wirklich die Absicht des großen Mannes gewesen war, so war sein Plan aufgegangen, denn das zuvor Undenkbare war geschehen: Binnen achtzehn Monaten nach seinem Tod hatten einstige Waffenbrüder makedonisches Blut vergossen. Ja, es war fast unverzüglich ein Krieg entbrannt, da die griechischen Stadtstaaten im Westen gegen die makedonische Herrschaft rebelliert und die im Osten stationierten griechischen Söldner ihre Posten verlassen hatten, um zurück nach Westen zu marschieren.

Mehr als zwanzigtausend schlossen sich zu einer langen Kolonne zusammen und machten sich auf den Weg in die Heimat, ans Meer. Auf Seleukos’ Betreiben wurden sie bis auf den letzten Mann niedergemetzelt. Das Massaker an der Kaspischen Pforte sollte eine Warnung an andere sein, die vielleicht versuchen wollten, ihren Vorteil aus Alexanders Tod zu ziehen.

Im Westen schlug indessen Antipatros, der betagte Regent von Makedonien, die griechische Rebellion nieder, wenn auch unter erheblichen Schwierigkeiten. Er war zunächst unterlegen und musste sich in die Stadt Lamia zurückziehen. Dort wurde er den Winter über belagert. Schließlich kam der eitle und geckenhafte Leonnatos ihm zu Hilfe und durchbrach den Belagerungsring, wobei er selbst allerdings getötet wurde. So ließ der erste von Alexanders sieben Leibwächtern sein Leben.

Antipatros zog seine Truppen in Makedonien erneut zusammen und schlug mit der Hilfe von Krateros – Makedoniens größtem lebendem Feldherrn, dem Liebling der Armee – die Rebellion nieder. Er belegte Athen, die Stadt, von der die Rebellion ausgegangen war, mit einer Garnison und richtete dort eine promakedonische Oligarchie ein.

Nachdem der Westen also gesichert war, erklärte Antipatros Perdikkas den Krieg. Denn der hatte seine Tochter Nikaia erst geheiratet und dann verstoßen, während er sich insgeheim zugleich um die Hand von Alexanders Vollschwester Kleopatra bemüht hatte. Und so begann der erste Krieg zwischen Alexanders Nachfolgern. Der kleine Eumenes, Alexanders einstiger griechischer Sekretär und nunmehr Satrap von Kappadokien, unterstützte Perdikkas. Doch Eumenes konnte nicht verhindern, dass Antipatros und Krateros über den Hellespont nach Asien kamen, denn Kleitos, Perdikkas’ Admiral, war abtrünnig geworden. Antipatros und Krateros unterschätzten allerdings Eumenes’ kriegerische Fähigkeiten und begingen den fatalen Fehler, sich aufzuteilen: Krateros zog los, um es mit dem Griechen aufzunehmen, während Antipatros gen Süden marschierte, um Perdikkas entgegenzutreten. Der gerissene kleine Eumenes bewährte sich jedoch als Feldherr in einer Weise, wie man es ihm nicht zugetraut hätte, da er nie zuvor ein bedeutendes militärisches Kommando innegehabt hatte. Obwohl sein einstiger Verbündeter Neoptolemos die Seiten gewechselt hatte, war es ihm gelungen, Krateros zu schlagen. Dabei hatte Eumenes sowohl den großen Feldherrn als auch den Verräter Neoptolemos getötet.

Davon wusste bislang allerdings nur Ptolemaios, da seine Kriegsflotte den Nil kontrollierte. Er hatte verhindert, dass die Kunde rasch in Perdikkas’ Lager drang – hätten diese Leute von ihrem Sieg im Norden erfahren und gewusst, dass Antipatros’ Armee nun zwischen ihnen und Eumenes stand, dann hätte das ihre Bereitschaft zu einem Friedensschluss entschieden gemindert.

Und so war für Ptolemaios nun Eile geboten.

Seleukos der Elefantenbulle

Seleukos warf einen Blick auf die blutverschmierte Klinge in seiner Faust, dann trat er in die Menge vor Perdikkas’ Zelt. Breitschultrig, stiernackig, einen Kopf größer als die meisten Männer, blickte er auf die überwiegend vollbärtigen Gesichter hinunter. Der Großteil der Soldaten war mindestens in den Vierzigern – wenigstens zehn Jahre älter als er. Sie alle waren Veteranen von Alexanders Feldzügen, und nun kämpften sie für Perdikkas gegen makedonische Landsleute, die durch die Macht der Umstände in Ptolemaios’ Armee geraten waren. Die Aussicht auf einen Anteil an den Reichtümern Ägyptens hatte diese Männer dazu bewogen, sich gegen ihre einstigen Kameraden zu wenden. Doch die hatten sie geschlagen, sie daran gehindert, über den Nil zu kommen. Viele waren vom Strom mitgerissen worden, als der Schlamm im Flussbett von den Kriegselefanten aufgewühlt wurde, die Perdikkas flussaufwärts von der Überquerung in den Fluss führen ließ, um die Strömung zu bremsen. Die Katastrophe lockte Krokodile an, denen das Versagen des Befehlshabers einen Festschmaus bescherte. Zornig drängte sich nun die Menge um Perdikkas’ Zelt – zornig über den grausigen Tod, den viele ihrer Kameraden hatten erleiden müssen. Im Maul eines Reptils zu enden, nachdem sie die halbe Welt erobert hatten – ein solches Schicksal konnten Alexanders stolze Veteranen nicht hinnehmen. Und für sie stand fest, wer dafür verantwortlich war.

«Was hast du getan?», grollte eine Stimme zu seiner Rechten.

Seleukos schaute sich um und sah Dokimos, einen treuen Gefolgsmann von Perdikkas, mit der Hand am Schwertheft auf sich zukommen. «Ich an deiner Stelle würde kehrtmachen, Dokimos, deinen kleinen Freund Polemon suchen und von hier verschwinden, ehe man kurzen Prozess mit dir macht – dein Beschützer ist tot.» Er hielt das blutige Messer hoch.

Hinter ihm erschienen Peithon und Antigenes, ebenfalls mit Blut an den Händen, ein bedrohliches Lächeln auf den schmalen Lippen. Dokimos zögerte kurz, schaute auf das Blut und entfernte sich dann eiligen Schrittes.

Seleukos wandte sich ab und verschwendete keinen Gedanken mehr an Dokimos, denn er hatte weit Wichtigeres zu tun. Furchtlos stieg er auf ein Fuhrwerk und reckte seinen blutigen Dolch in die Höhe. Hinter ihm kletterten seine beiden Mitverschwörer Peithon und Antigenes ebenfalls auf die behelfsmäßige Rednerbühne.

Sie werden uns entweder auf der Stelle umbringen oder uns huldigen … Gestern hätten sie noch Ersteres getan, aber nach dem heutigen Debakel rechne ich eher mit Letzterem.

Beim Anblick von Perdikkas’ drei ranghöchsten Offizieren, die sich offen zu dem Mord am Träger von Alexanders Ring bekannten, erhob sich unter den Veteranen beifälliges Raunen. Noch vor zwei Jahren, kurz nach dem frühen Tod des großen Mannes, wäre dergleichen undenkbar gewesen. Aber vor zwei Jahren wäre es auch noch undenkbar gewesen, dass ein Makedone das Blut eines Makedonen vergießen könnte.

So vieles hatte sich verändert.

«Perdikkas ist tot», verkündete Seleukos mit heller, tragender Stimme, sodass die paar Tausend Mann, die zusammengeströmt waren, ihn hören konnten. «Wir drei haben es auf uns genommen, das einzige Hindernis für einen Friedensschluss aus dem Weg zu schaffen: den Mann, durch dessen Arroganz so viele unserer Kameraden ihr Leben lassen mussten. Den skrupellosen Mann, der Nikaia, die Tochter von Antipatros, dem Regenten von Makedonien, erst heiratete und dann verstieß, wodurch er einen Keil zwischen Asien und Europa trieb. Den Mann, der sich anschließend dazu verschwor, Alexanders Vollschwester Kleopatra zu ehelichen, um sich selbst zum König aufzuschwingen. Zum König! Dabei hatte er doch gelobt, als Regent die Interessen seiner beiden Mündel zu vertreten, der rechtmäßigen Könige Alexander und Philipp.»

Aus dem Augenwinkel bemerkte er, dass zwei Frauen mit ihrem Gefolge sich abwandten und getrennt zu ihren jeweiligen Zelten zurückgingen: Roxane, die Mutter des zweijährigen Alexander, des Vierten dieses Namens, und Adea, nunmehr als Königin Eurydike bekannt, seit sie Alexanders geistesschwachen Halbbruder Philipp geheiratet hatte, den dritten makedonischen König, der den Namen führte.

Nun, da ihr wisst, was euer vormaliger Beschützer wirklich im Sinn hatte, werdet ihr zwei Huren es vielleicht für geboten erachten, euch etwas dankbarer zu zeigen.

«Ich schlage vor, im Geiste der Versöhnung und im Eingeständnis von Perdikkas’ Torheit – einer Torheit, an der wir alle Anteil hatten – sollten wir Ptolemaios bitten, die Regentschaft für die beiden Könige zu übernehmen.» Er überblickte die Schar seiner Zuhörer, konnte jedoch keine Anzeichen von Ablehnung erkennen.

Mir scheint, ich habe genau den richtigen Zeitpunkt gewählt. Wenn sie keine Einwände gegen meinen Vorschlag erheben, dann wird Ptolemaios mir zum Dank dafür Babylonien überlassen. Es liegt an ihm, im Geiste der Versöhnung weiterzumachen.

«Unser Bruder Ptolemaios – gegen den wir in kollektivem Irrsinn, aufgestachelt von Perdikkas, zu kämpfen gezwungen waren – ist im Begriff, zu Friedensgesprächen über den Fluss zu kommen. Dann werden wir ihm das Amt antragen.» Darauf folgte gedämpfte Zustimmung. «Kassandros ist ebenfalls hier.» Seleukos machte eine Geste in die Richtung, wo er zuletzt mit Antipatros’ ältestem Sohn gesprochen hatte, unmittelbar bevor er in Perdikkas’ Zelt eingetreten war. Doch er konnte sein verkniffenes, pockennarbiges Gesicht nicht in der Menge entdecken. «Er bringt eine Einladung von seinem Vater Antipatros an uns alle, in Triparadeisos zusammenzukommen, in den zedernbestandenen Bergen über Tripolis in Syrien, um dort eine abschließende Einigung auszuhandeln.»

Der Jubel der Menge fiel spärlicher aus als erwartet.

«Eine Einigung, die alle einschließt», rief Kassandros und sprang zu Seleukos’ Überraschung hinter ihm auf das Fuhrwerk. Er lächelte der Menge mit der Liebenswürdigkeit eines tollwütigen Hundes zu, und seine blassen, tief liegenden Augen zu beiden Seiten der Adlernase blickten völlig gefühllos. Mit seinen spindeldürren Beinen, den schmalen Schultern und der schwachen Brust wirkte er fehl am Platz in dem reich verzierten Muskelpanzer und den Pteryges eines makedonischen Feldherrn – ein Vogel, der versehentlich in eine Uniform hineingeraten war. Dennoch besaß er die Fähigkeit, durch seine bloße Anwesenheit alle Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Die Menge verstummte. «Mein Vater hat sämtliche Satrapen aus allen Teilen des Reiches zur Teilnahme aufgefordert. Selbst Eumenes, trotz – oder vielleicht wegen – seiner Unterstützung für Perdikkas. Mein Vater und ich sind entschlossen, dass niemals wieder Makedonen gegen Makedonen kämpfen sollen! Mein Vater und ich werden dafür sorgen, dass ihr, tapfere Soldaten von Makedonien, nie wieder durch die Hand eurer Kameraden Leid erfahren sollt.»

Donnernder Jubel scholl zum sich verdunkelnden Himmel. Kassandros hob beide Arme, die Hände verschränkt, als habe er soeben einen Ringkampf gewonnen.

Ich sehe, ich muss dich im Auge behalten, du hässlicher Wurm. Wer sich von meinen Männern lauter bejubeln lässt als ich selbst, kommt nicht ungestraft davon.

Seleukos wechselte einen kurzen, aber vielsagenden Blick mit Antigenes, dann lächelte er Kassandros zu und legte einen muskulösen, stark behaarten Arm um den drahtigen Mann. «Wohl gesprochen, Kassandros», rief er laut, sodass alle ihn hörten. «Ich sehe, wir haben ein gemeinsames Ziel.»

Kassandros bejahte, aber ein Blick in sein verkniffenes Gesicht genügte, um Seleukos vom Gegenteil zu überzeugen. Es überraschte ihn nicht.

Was könnte ich wohl gemeinsam mit dir erreichen wollen?

Er wandte sich wieder der Menge zu und gebot mit Gesten Ruhe. «Einstweilen werden wir unsere Toten beklagen, und morgen bei Tagesanbruch werden wir eine Heeresversammlung halten. Dort wollen wir hören, was Ptolemaios zu sagen hat.»

 

«Ist es denn klug, Ptolemaios zu den Männern sprechen zu lassen?», fragte Antigenes, während er gemeinsam mit Seleukos, Peithon und Kassandros den Satrapen von Ägypten erwartete. Die Nacht brach herein, und es wurde kälter. Ein Dutzend Lampen und zwei Feuerbecken wärmten das Kommandozelt. In ihrem Schein war der dunkle Blutfleck auf dem orientalischen Teppich zu sehen, Zeugnis des Verbrechens, das hier vor nicht einmal drei Stunden begangen worden war. Die Leiche war heimlich fortgeschafft worden, damit dieser handfeste Beweis nicht zum Stein des Anstoßes werden und in dem neuen Regime Anlass zu Zwietracht geben konnte.

«Haben wir eine andere Wahl?», fragte Seleukos zurück und trank einen Becher Wein in einem Zug aus.

«Du sagst ‹wir›, doch in Wahrheit hast du Arrhidaios dein Wort gegeben, ohne Rücksprache mit Peithon oder mir.»

«Ich habe euch beiden Gelegenheit gegeben, Einspruch zu erheben, aber keiner von euch hat es getan.» Seleukos wischte die Kritik mit einer Handbewegung beiseite. «So oder so muss Ptolemaios Gelegenheit bekommen zu sprechen. Er hat Alexanders Leichnam, und er muss sich dafür erklären, dass er ihn entführt hat. Wenn er seine Handlungen rechtfertigt, erscheint Perdikkas’ Krieg gegen ihn umso zweifelhafter.»

«Und wenn Ptolemaios sich nicht zur Zufriedenheit der Männer rechtfertigen kann?», fragte Kassandros.

Seleukos knurrte und verzog den Mund zu einem schiefen Grinsen. «Hast du schon einmal erlebt, dass Ptolemaios sich aus einer Situation nicht herausreden konnte?» Er unterbrach sich, als sei ihm eben etwas Wichtiges eingefallen. «Ach, natürlich, wie dumm von mir – du wurdest ja in Makedonien zurückgelassen, nicht wahr, Kassandros? Dann kannst du dich wohl kaum noch an ihn erinnern, auch wenn du ihn in den ersten paar Monaten nach Alexanders Tod flüchtig kennengelernt hast, ehe er nach Ägypten ging.» Seleukos tat, als forsche er angestrengt in seinem Gedächtnis. «Du warst doch zu der Zeit in Babylon, oder nicht?»

«Du weißt sehr wohl, dass ich dort war.»

«Doch, ja, jetzt erinnere ich mich: Du kamst an dem Tag, bevor Alexander krank wurde. Du hattest den weiten Weg von Pella auf dich genommen, weil Alexander Krateros entsandt hatte, um deinen Vater als Regenten von Makedonien abzulösen, und du brachtest einen Brief von ihm, in dem er um Bestätigung dieses Befehls bat. Seltsam, dachten wir alle, dass Antipatros seinen Sohn als Botenjungen schickt, wo doch jeder andere es auch getan hätte – erst recht da der bloße Anblick deines Gesichts genügt hätte, um Alexander rasend zu machen, so groß war seine Abneigung gegen dich.» Er lächelte dem finster dreinblickenden Kassandros liebenswürdig zu. «Doch am Ende spielte es keine Rolle, wie? Binnen drei Tagen nach deiner Ankunft war Alexander tot.» Er wechselte einen wissenden Blick mit Peithon und Antigenes. «Wie praktisch.»

Kassandros sprang auf. «Was willst du damit sagen?»

Seleukos bedeutete ihm, sich wieder zu setzen. «Nichts, Kassandros, gar nichts. Dein jüngerer Bruder Iolaos war Alexanders Mundschenk. Dass Alexander sich von ihm seinen Wein mit Wasser vermischen ließ, zeigt, wie sehr er eurer Familie vertraute, wenngleich er dich persönlich hasste.» Er ließ beiläufig seine Fingerknöchel knacken.

Kassandros warf Seleukos einen Blick puren Abscheus zu, nahm jedoch zögernd wieder Platz.

«Ich will nichts andeuten, mein Freund», sagte Seleukos noch einmal, schenkte sich unverdünnten Wein nach und zuckte die Achseln. «Rein gar nichts. Aber viele andere würden möglicherweise ungerechtfertigte Schlüsse ziehen, wenn man den Gerüchten keinen Einhalt geböte. Meinst du nicht auch, Antigenes?»

Der schlachtenerprobte General kratzte sich an seinem kahlen Schädel und zog die Unterlippe zwischen die Zähne, als müsse er eine gewichtige Angelegenheit überdenken. «Ja, ich stimme dir zu. Ein paar meiner Jungs haben sich bereits über diesen Zufall gewundert, aber ich habe ihnen gesagt, sie sollen nicht so argwöhnisch sein. Diese Ermahnung muss ich noch immer von Zeit zu Zeit wiederholen.»

Seleukos schaute ihn mitfühlend an. «Es wäre eine Schande, wenn du damit aufhörtest.»

«Oh, ich denke nicht, dass ich das täte.»

Seleukos nickte zustimmend. «Nein, das denke ich auch nicht, es sei denn, jemand sollte versuchen, sich bei unseren Jungs allzu beliebt zu machen, indem er mitreißende Reden hält und sich überschwänglich bejubeln lässt.» Er sah Kassandros direkt an. «Dann müssten wir vielleicht … wie soll ich es ausdrücken? Die Glut in der Gerüchteküche ein wenig anfachen?»

«Das tätest du nicht. Zumal du ja weißt, dass ich mit Alexanders Tod nichts zu tun habe.»

«Weiß ich das? Weiß ich wirklich, dass du nichts damit zu tun hattest?» Seleukos wandte sich an Peithon. «Weißt du es, Peithon?»

Peithon schaute nachdenklich drein, während sein langsamer Verstand fieberhaft arbeitete. «Ich weiß nicht.» Er runzelte die Stirn. «Weiß ich es?»

«Vergiss es. Antigenes, wie steht es mit dir?»

«Im Augenblick weiß ich, dass er nichts damit zu tun hatte», bestätigte Antigenes, dann hob er mahnend den Finger. «Aber wenn er sich noch einmal zwischen uns und unsere Jungs drängen sollte wie vorhin, dann könnte es wohl sein, dass neue Hinweise ans Licht kämen.»

«Ihr Hurensöhne», stieß Kassandros hervor. «Leute wie ihr aus Familien vom Lande, Bauerntölpel mit Schafscheiße am Schwanz, drohen mir, dem Sohn des Regenten von Makedonien! Wie könnt ihr es wagen?»

«Wie wir es wagen können?» Seleukos blickte ungläubig drein. «Mein Vater Antiochos war einer von Philipps Generälen, ebenso wie Peithons Vater Krateas. Antigenes mag sich in der Truppe hochgedient haben, doch inzwischen genießt er in der ganzen Armee großes Ansehen. Vergiss nicht, er war bis unlängst einer von Krateros’ ranghöchsten Offizieren, und viel höher kann man in dieser Armee nicht aufsteigen. Wir wagen es, dir zu drohen, Kassandros, weil es uns nicht passt, wie du dich bei unseren Männern einschmeichelst, mag auch dein Vater schöne Reden über Frieden und Zusammenarbeit schwingen. Wir wollen nicht, dass du dir die Loyalität der Truppen erschleichst und für uns zum Rivalen wirst. Noch ein Rivale mehr ist nicht das, was das Reich in diesen Zeiten braucht.» Er streckte die Hand aus. «Den Ring, wenn ich bitten darf.»

Kassandros machte ein bestürztes Gesicht. «Was?»

«Alexanders Ring, bitte. Stell dich nicht dumm – ich weiß, dass du ihn hast. Als wir drei das Zelt verließen, lag Perdikkas im Sterben und hatte den Ring noch am Finger, aber als wir den Leichnam wegschaffen ließen, war der Ring verschwunden. Ich habe nach dir Ausschau gehalten, während ich zu meinen Männern sprach, doch du warst nicht zu sehen, bis du plötzlich hinter mir auf das Fuhrwerk gestiegen bist. Da kamst du aus der Richtung des Zeltes. Also bitte, den Ring.»

Kassandros rührte sich nicht.

«Wenn du versuchst, damit dieses Zelt zu verlassen, bist du ein toter Mann. Wir haben heute Perdikkas getötet, Kassandros. Trotz all seiner Fehler war er doch in vielerlei Hinsicht ein großartiger Mann. Ich glaube nicht, dass irgendeiner von uns überhaupt bemerken würde, wenn ein Stück Scheiße wie du nicht mehr unter uns weilt. Den Ring!»

Langsam öffnete Kassandros einen Beutel an seinem Gürtel, die vor Hass lodernden Augen auf Seleukos gerichtet. Er zog den großen Ring von Makedonien mit der sechzehnstrahligen Sonne heraus, wog ihn in der Hand und warf ihn dann Seleukos zu, als wäre er nicht weiter von Bedeutung.

Seleukos fing den Ring auf.

«Guten Abend, die Herren», grüßte Ptolemaios, der in diesem Moment gemeinsam mit Arrhidaios ins Zelt eingelassen wurde. Er blickte in die Runde. «Ich hoffe, es gibt keine Schwierigkeiten? Was hat Kassandros dir eben gegeben? Einen Ring, wenn ich mich nicht irre? Und einen ziemlich großen.» Er schaute Kassandros mit übertriebener Missbilligung an. «Was wollte denn ein so schwacher Mann mit einem solch großen Ring?»

Kassandros sprang auf. «Sprich nicht so mit mir, Ptolemaios!»

«Wie denn?», fragte Ptolemaios überrascht. «Ich habe lediglich Tatsachen festgestellt: Es ist ein großer Ring, und du bist ein schwacher Mann. Nicht klein wie Eumenes, zugegeben, aber dennoch schwach. Du hast ja nicht einmal deinen ersten wilden Keiler erlegt.»

Kassandros grinste höhnisch. «Ihr alle haltet euch für so schlau und bildet euch ein, ihr könntet mich damit provozieren, dass ich nicht am größten Abenteuer unserer Zeit beteiligt war, sondern in der Heimat zurückblieb. ‹Seht euch nur Kassandros an, er ist ein Schwächling. Er hat nicht einmal einen Keiler auf der Jagd erlegt, ganz zu schweigen davon, dass er einer persischen Armee auf dem Schlachtfeld begegnet wäre. Er verdient nichts als Spott und Hohn.› Nun, ich will euch etwas sagen, ihr tapferen Helden: Ich mag nicht das Recht haben, bei Tische zu liegen, weil ich noch keinen Keiler erlegt habe, und ihr denkt vielleicht, ich empfinde die Schmach bei jeder Mahlzeit, da ich aufrecht auf der Liege sitzen muss wie ein Jüngling, dem gerade der erste Flaum auf der Oberlippe sprießt. Und ihr glaubt vielleicht, ich bedauere tagtäglich, dass Alexander mich zurückließ, weil er die Schwäche nicht ertragen konnte, die er – fälschlich – in mir sah. Doch ihr irrt, denn ich denke nicht so wie ihr.» Lächelnd entblößte er sein hündisches Gebiss. «Ich finde kein Vergnügen in der Jagd oder in kühnen Taten auf dem Schlachtfeld, noch messe ich solchen Dingen einen Wert bei – warum auch? Ich bin nicht dafür gemacht, wie ihr nicht müde werdet zu betonen. Ich habe andere Prioritäten, meine Herren, und ihr werdet bald erkennen, dass sie den euren überlegen sind.» Damit wandte er sich ab und verließ das Zelt, ohne sich noch einmal umzuschauen.

«Mir scheint, ich habe da einen wunden Punkt getroffen», bemerkte Ptolemaios mit leicht verwunderter Miene. Dann wandte er sich an Seleukos. «Ich nehme an, das ist Alexanders Ring.»

«In der Tat», bestätigte Seleukos und hielt ihn Ptolemaios hin.

«Demnach gehe ich davon aus, dass Perdikkas tot ist, da er nicht hier ist, der Ring hingegen schon.»

«Wir hatten keine Wahl.»

Ptolemaios nahm den Ring und steckte ihn an die Spitze seines Zeigefingers. «Wie kam er zu Kassandros?»

«Er hat ihn von Perdikkas’ Leichnam gestohlen und dachte anscheinend, wir würden es nicht bemerken.»

«Ach, tatsächlich? Ich frage mich, was er wohl damit im Sinn hatte. Wollte er ihn seinem Vater geben oder selbst behalten?»

«Gewiss wollte er ihn seinem Vater geben», sagte Antigenes mit Überzeugung.

Ptolemaios schaute den Veteranen skeptisch an, während er sich in Kassandros’ frei gewordenem Stuhl niederließ. «Nach diesem kleinen Auftritt wäre ich mir nicht so sicher. Ich argwöhne, dass das kleine Wiesel seine Ziele hoch gesteckt hat.»

«Größenwahn», bemerkte Arrhidaios, der ebenfalls Platz nahm.

«Schwächling!», stieß Peithon hervor.

«Unterschätze niemals einen Mann, der das Gefühl hat, allein gegen den Rest der Welt zu stehen. Und ein solcher Mann ist Kassandros, wenn mein Eindruck mich nicht trügt. Leider kann man ihn nicht aus dem Weg schaffen, ohne es sich ernstlich mit seinem Vater zu verderben, und mir scheint, das sollte man in der derzeitigen Situation lieber vermeiden – meint ihr nicht auch?» Er nahm den Ring wieder vom Finger und beugte sich vor, um ihn Seleukos zurückzugeben. «Was gedenkst du damit zu tun?»

Seleukos wechselte einen raschen Blick mit seinen beiden Gefährten, die ihr Einverständnis signalisierten. «Vorerst verwahre ich ihn, aber wir dachten daran, dir die Regentschaft für die beiden Könige anzutragen.»

«Mir?» Ptolemaios lachte ehrlich belustigt. «Was sollte ich denn wohl mit der Regentschaft anfangen? Weshalb sollte ich mir diese Last aufbürden, da ich doch bereits Ägypten und die Kyrenaika habe? Welche Freude könnte es mir bereiten, ein Wickelkind mit seiner boshaften, giftmischenden Mutter sowie einen Schwachsinnigen und seine ehrgeizige Königin unter meinen Schutz zu nehmen?»

Seleukos’ Miene verriet aufrichtige Überraschung. «Aber wir dachten, du wärst dankbar.»

«Dankbar? Dankbar genug, dass ich dir Babylonien anbieten würde? Ist es das, was du dir erhofft hast?» Ptolemaios grinste, als er Seleukos’ Unbehagen sah. «Komm schon, Seleukos, du glaubst doch nicht ernsthaft, ich will ein zweiter Perdikkas werden? Niemand kann das Reich zusammenhalten, das hat er ja überzeugend demonstriert. Nein, Seleukos, von mir aus kannst du Babylonien gern haben. Und ich weiß, dass du darauf aus bist, denn ich habe beobachtet, wie du darauf hingearbeitet hast, nach Perdikkas’ unvermeidlichem Sturz als die offensichtliche Wahl dazustehen. Ich muss sagen, deine Manöver haben mich beeindruckt. Aber du wirst es nicht aus meiner Hand empfangen. Behalte den Ring und sprich dir selbst Babylonien zu.»

Seleukos betrachtete den Ring, dann richtete er den Blick wieder auf Ptolemaios. «Ich will ihn nicht.»

«Natürlich willst du ihn nicht, aus demselben Grund wie ich. Also lass uns beide einen eleganten Ausweg wählen: Wir wollen je einen Stellvertreter ernennen, und diese beiden sollen sich die Regentschaft teilen. Ich an deiner Stelle würde Peithon ernennen, denn mir scheint, er schuldet dir einen großen Gefallen, weil du jene zwanzigtausend Griechen abgeschlachtet hast, ehe er der Versuchung erliegen konnte, sie in seine Armee aufzunehmen und offen in die Rebellion zu gehen. Er verdankt dir sein Leben, also ist es das Mindeste, das er tun kann.»

Peithon machte ein finsteres Gesicht.

Seleukos überdachte den Vorschlag einen Moment lang und lächelte. «Natürlich, Peithon wäre ideal, gerade weil er für das Amt so ungeeignet ist.»

«Doch er wird genügen, bis ein richtiger Rat zusammentreten kann. Soweit ich weiß, hat Antipatros euch alle nach Triparadeisos bestellt. Dort könnt ihr gemeinsam entscheiden, wer Regent werden soll.»

«‹Ihr›? Du meinst doch sicher ‹wir›?»

«Nein, Seleukos, ich meine ‹ihr›. Ich werde nicht da sein. Überhaupt denke ich nicht, dass ich Ägypten jemals wieder verlassen werde, außer um eines der angeschlossenen Gebiete zu besuchen. Ich habe alles, was ich brauche. Und Peithon kann dir alles geben, was du dir wünschst.»

Seleukos nickte. «Er braucht nichts weiter zu tun, als mir Babylon zuzusprechen. Dann kann Antipatros es mir schwerlich wieder wegnehmen, ohne die Eintracht zu zerstören, die er in Triparadeisos herbeiführen will.»

«So ist es. Und deine Position wird zusätzlich durch den Rückhalt des Mannes gestärkt, den ich ernenne: Arrhidaios.»

«Was?» Arrhidaios schaute Ptolemaios erschrocken an. «Weshalb erwählst du mich?»

«Zum Dank natürlich. Du überlässt Antipatros deinen Anteil an der Regentschaft, und er wird dich mit einer Satrapie belohnen – etwas, wozu ich nicht in der Lage bin. Ich bin sicher, dass bald eine neu zu vergeben sein wird. Genau genommen wissen wir beide, dass bereits eine zu vergeben ist.»

Arrhidaios’ Augen weiteten sich. «Ah.»

Seleukos runzelte die Stirn. «Was? Was weißt du?»

Ptolemaios zuckte die Achseln. «Nun, ihr würdet es wohl früher oder später sowieso erfahren: Vor acht Tagen hat Eumenes Krateros besiegt und getötet.»

Seleukos, Antigenes und Peithon starrten Ptolemaios ungläubig an.

Seleukos erholte sich als Erster. «Das ist unmöglich.»

«Offensichtlich nicht. Und was die Sache umso beeindruckender macht: Neoptolemos hatte zuvor die Seiten gewechselt. Eumenes brachte das Gepäck seiner Armee in seine Gewalt und tötete dann Neoptolemos im Zweikampf, ehe er mit den vereinigten Truppen Krateros entgegentrat. Offenbar sorgte Eumenes dafür, dass seine makedonischen Krieger nicht erfuhren, mit wem sie es zu tun hatten – Krateros fiel im Kampf gegen Eumenes’ asiatische Kavallerie. Nun ist er tot und Kleinphrygien somit ohne einen Satrapen.»

«Aber wenn Perdikkas und wir gewusst hätten, dass seine Sache im Norden siegreich war …»

«… dann wäre er jetzt wahrscheinlich noch am Leben, ich weiß. Darum habe ich verhindert, dass die Nachricht euch erreicht.»

Seleukos’ hünenhafte Gestalt spannte sich vor Zorn an. «Du heimtückischer Bastard!»

«Bin ich das? Vielleicht. Ein Bastard bin ich gewiss, und man könnte mich wohl auch der Heimtücke bezichtigen. Aber ich musste sicherstellen, dass wir alle vernünftig miteinander reden können. Hätte Perdikkas von Eumenes’ Sieg gewusst, dann hätte das für seine Position kaum einen Unterschied gemacht, es hätte ihn lediglich darin bestärkt, Verhandlungen zu verweigern. Ihr drei hingegen wäret gewiss weit weniger geneigt gewesen, ihn zu ermorden. Ich glaube nicht, dass ihr es getan hättet.»

«Du hast uns dazu gezwungen, ihn zu töten.»

«Ich würde nicht von Zwang sprechen, aber ja, ich habe mich nach Kräften bemüht, dafür zu sorgen, dass ihr es tun würdet, falls er sich nicht kompromissbereit zeigt. Und ich glaube, im Nachhinein werden wir alle finden, dass es so das Beste war. Wollen wir jetzt essen? Ich bin müde, da ich heute eine Schlacht geschlagen und gewonnen habe, und morgen früh muss ich zu euren Männern sprechen.»

Adea die Kriegerin

Jetzt war es für sie dringender denn je, endlich schwanger zu werden – ihr Leben hing davon ab. Adea verfluchte die Notwendigkeit, die ihr so zuwider war. In den sechs Monaten, seit sie König Philipp geheiratet hatte und Königin Eurydike geworden war, hatte sie immer nur auf dem Höhepunkt ihres Monatszyklus zugelassen, dass er ihr beischlief. Jedes Mal hatte sie dabei gegen den Brechreiz ankämpfen müssen: der männliche Gestank, das tierische Grunzen, der Sabber, der von seinen schlaffen Lippen auf ihr Gesäß troff. Und die Erniedrigung, vor ihm zu knien, während er stöhnend seine Lust befriedigte, ohne einen Gedanken an die ihre – keine Spur von der Zärtlichkeit, welche sie mit ihren weiblichen Geliebten erlebte, die sie sich an den anderen Tagen des Monats in ihr Bett holte. Immerhin war das immer noch besser, als auf dem Rücken zu liegen und zu allem Übel seinen Atem riechen zu müssen.

Doch nun war ihr klar, dass sie die Prozedur künftig öfter als einmal im Monat über sich ergehen lassen musste. Denn wenn es stimmte, was Seleukos gesagt hatte – und es gab keinen Grund, ihm nicht zu glauben –, dann brauchte sie dringend ein Kind als Waffe. Einen Sohn, der väterlicherseits der Enkel Philipps sein würde, des Zweiten dieses Namens, und von ihrer Seite dessen Urenkel – ein Prinz des Königshauses der Argeaden, der Herrscherdynastie von Makedonien. Dann könnte nie mehr einer wie Perdikkas – der nur entfernt mit dem Herrscherhaus verwandt war – versuchen, sich zum König zu erheben, indem er Kleopatra heiratete und sich durch ihr schwaches weibliches Erbe legitimierte.

Adeas Sohn, gezeugt von ihrem geistesschwachen Mann, hätte den stärksten Anspruch auf Alexanders Nachfolge, sogar einen stärkeren als sein eigener Sohn gleichen Namens, dessen Mutter diese asiatische Wildkatze war, ihre Erzrivalin Roxane. Denn die stammte aus dem fernen Baktrien, und in ihren Adern floss kein makedonisches Blut. Bis der kleine Alexander selbst ein Kind zeugen konnte, würden noch mehr als zehn Jahre vergehen, und in dieser Zeit konnte einem Menschen so manches zustoßen.

Dessen ist Roxane sich sicher nur allzu bewusst.

Adea schaute zu ihrem Mann hinüber, achtunddreißig Jahre alt, jedoch mit dem Verstand eines Achtjährigen. Er saß in einer Ecke und spielte mit einem geschnitzten hölzernen Elefanten, trompetete eifrig und sabberte dabei reichlich. Sein Leibarzt Tychon schaute ihm zu, und sein von Falten gezeichnetes Gesicht war milde und voller Nachsicht.

Roxane wird sich doppelt anstrengen, Philipp zu vergiften, nun, da Perdikkas nicht mehr da ist, um sie im Zaum zu halten. Wenn ich nur wüsste, was er gegen sie in der Hand hatte, dass sie ihn so fürchtete.

Adea fuhr mit dem Wetzstein über die Klinge, die sie schärfte, und genoss den metallischen Klang des Eisens.

Ich wünschte, Mutter wäre noch bei mir. Sie wüsste, wie man dieses große Kind schützen kann, so wie ihre Mutter sie einst vor Olympias schützte.

Philipps Verfassung rührte daher, dass Alexanders Mutter Olympias aus Rivalität einst versucht hatte, eine Nebenfrau Philipps aus dem Weg zu schaffen, da diese schwanger war. Das Gift hatte das ungeborene Kind nicht getötet, jedoch erheblich geschädigt.

Aber da Kynane, Adeas Mutter, tot war, musste Adea sich mit ihren siebzehn Jahren in dieser Männerwelt allein durchschlagen. Allerdings hatte ihre Mutter sie der Tradition gemäß erzogen, wie illyrische Prinzessinnen von alters her erzogen wurden. Kynane selbst war eine Tochter Philipps von Makedonien mit Audata, einer Prinzessin aus dem illyrischen Stamm der Dardaner. Sie war ihm zur Besiegelung eines Vertrags zur Frau gegeben worden. Audata hatte Kynane in allen Formen des Kampfes mit der Klinge unterwiesen, und Kynane hatte ihr Wissen an Adea weitergegeben. Ihre Fähigkeit im Gebrauch von Waffen und ihre Größe – sie war so hochgewachsen, breitschultrig und muskulös wie ein Mann – sollten Adea helfen zu überleben, als Kynane plante, sie mit Philipp zu verheiraten und nach der Macht zu greifen. Doch Kynane wurde von Perdikkas’ jüngerem Bruder Alketas getötet, als dieser versuchte, die beiden Frauen auf ihrem Weg nach Babylon aufzuhalten und zur Umkehr zu bewegen.

Der kaltblütige Mord an einer Halbschwester Alexanders verursachte unter dessen Veteranen einen solchen Aufschrei, dass Perdikkas keine andere Wahl hatte, als die Heirat zuzulassen. So wurde Adea Königin, und so zog sie sich die ewige Feindschaft der mordlustigen Roxane zu, die ihre Tränke freizügig gebrauchte.

Was nutzte eine Klinge gegen die Heimtücke einer Giftmischerin? Es war Roxane bereits einmal gelungen, Philipp zu vergiften, aber dann hatte Perdikkas sie gezwungen, ihm das Gegengift zu verabreichen. Wer würde künftig solche Macht über die Hure aus dem Osten haben?

Schweren Herzens legte Adea ihre Klinge beiseite. Sie ging mit schleppenden Schritten zu ihrem Mann, nahm seine Hand und führte ihn zu ihrem Bett, das durch einen Wandschirm vom Rest des Zeltes abgetrennt war. Tychon folgte ihr, und gemeinsam entkleideten sie Philipp, der vor Aufregung keuchte, denn er wusste, welche Wonne ihn erwartete. Er war mit einem gewaltigen Glied ausgestattet und fand große Lust daran, es zu gebrauchen. Adea rieb den Penis zur Vorbereitung, während Tychon seinen Schützling festhielt – er und Adea hatten in den vergangenen Monaten eine Vorgehensweise entwickelt, um den Akt für sie ungefährlich zu gestalten, denn Philipp hatte keinen Begriff von seiner eigenen Kraft. Auch besaß er keinerlei Einfühlungsvermögen, war unfähig, Rücksicht auf seine Partnerin zu nehmen. In früheren Jahren waren sogar zwei unglückliche Sklavinnen verblutet.

Als er bereit war, drehte Adea sich um, kniete sich aufs Bett und reckte ihr Gesäß in die Höhe. Sie zog ihren Chiton hoch, dann nickte sie Tychon zu, umklammerte das Kissen und schloss die Augen. Während Philipp in sie hineinstieß, richtete sie ihre Gedanken auf den Mann, von dem sie annahm, dass er der nächste Regent sein würde: Ptolemaios. Sie fragte sich, ob er sie würde schützen können. Ägypten könnte mir gut gefallen, dachte sie, während ihr Mann sich unter Tychons wachsamem Blick an ihr betätigte.

 

«Zwar fühle ich mich zutiefst geschmeichelt», deklamierte Ptolemaios, während vor ihm die Sonne aufging, «zutiefst geschmeichelt, meine Brüder, doch ich bin nicht der richtige Mann, um die Regentschaft anzutreten und die Vormundschaft für die beiden Könige zu übernehmen. Wir schlagen vor, dass sich Peithon und Arrhidaios vorerst gemeinsam dieser Aufgabe widmen, bis bei der Konferenz zu Triparadeisos über eine langfristige Lösung entschieden wurde.»

Adeas Hände umklammerten unwillkürlich die Armlehnen ihres Stuhls. Sie warf einen raschen Seitenblick zu Ptolemaios, der umgeben von seinen hochrangigen Offizieren auf der Rednerbühne stand. Vor ihm war die gesamte Armee in Reih und Glied angetreten und warf lange Schatten vor sich. Nun forderte Ptolemaios die beiden zeitweiligen Regenten auf vorzutreten und empfahl sie der Armee an. Adeas Mann saß neben ihr, ein starres Grinsen auf dem Gesicht. An seiner anderen Seite saß Roxane mit dem kleinen König auf dem Schoß. Stark geschminkte Augen blickten kalt durch den Schlitz ihres Schleiers. Adea fröstelte, als Roxane den Blick voller Hass erst auf sie, dann auf Philipp richtete.

Sie denkt, dies sei ihre Chance. Peithon und Arrhidaios bedeuten ihr nichts.

Instinktiv beugte Adea sich hinüber, um nach Philipps Hand zu greifen. Sie hörte Roxane bei dem Anblick zischen, dann spürte sie, wie ihr illyrischer Leibwächter Barzid näher an sie herantrat.

Antipatros ist jetzt unsere größte Hoffnung.

«… und helfen, die Wunden zu heilen, die Perdikkas’ törichte Kriegserklärung gegen mich geschlagen hat», fuhr Ptolemaios fort. In diesem Moment brach der kleine König in lautes Geschrei aus – die langen Fingernägel seiner Mutter hatten sich vor lauter Hass auf seinen Mitkönig in die Arme des Kindes gegraben. «Ich habe die Leichen eurer Kameraden aus dem Fluss bergen lassen und dafür gesorgt, dass sie einzeln in Ehren verbrannt werden. Sobald die Gebeine abgekühlt sind, wird man sie einsammeln und euch, ihren Kameraden, übergeben, damit ihr nach eurem Gutdünken mit ihnen verfahren könnt.»

Der Beifall, der auf diese Ankündigung folgte, übertönte für kurze Zeit die Schreie des Kindes. Ptolemaios sonnte sich in der Zustimmung seines Publikums und ließ sich huldigen; die Arme weit ausgebreitet, wie um sie alle zu umarmen.

Adea empfand beinahe Mitleid mit dem Kind, als Roxane das plärrende Balg der bereitstehenden Amme in die Arme drückte, die den Knaben weit mütterlicher als die leibliche Mutter behandelte. Adea hatte durch eine Spionin im Haushalt erfahren, dass Roxane Alexander überhaupt nur selbst auf den Arm nahm, wenn sie mit ihm vor die Heeresversammlung trat. Doch Adea war nicht die Einzige, die die Szene beobachtete: Aus der Schar der Offiziere um Ptolemaios schaute Kassandros zu, und der Ausdruck seiner blassen Augen verhärtete sich. Als er Adeas Blick auffing, neigte er mit kalter Miene den Kopf, und sie erkannte, dass auch dieser Mann, selbst wenn er ihr nicht aktiv schaden wollte, zumindest nicht ihr Freund war.

Wie kann ich mich an Antipatros um Schutz wenden, wenn sein ältester Sohn gegen mich ist? Andererseits ist Kassandros – nach seinem Blick zu urteilen – auch kein Freund von Roxane und ihrem Sprössling. Offenbar ist er der gleichen Gesinnung wie Perdikkas. Ein Mann, den ich im Auge behalten und vor dem ich mich hüten muss.

Ptolemaios gebot mit Gesten Ruhe, dann kam er zum Ende seiner Rede. «Und schließlich, Brüder, habe ich noch eine schlechte Nachricht zu überbringen, eine wahrhaft schlimme Nachricht.» Er hielt inne, als müsse er erst nach Worten suchen. «Es hilft nichts, Brüder, ich kann den Schlag nicht abmildern, und so will ich es unumwunden aussprechen: Krateros ist tot.»

Augenblicke lang herrschte erschüttertes Schweigen, dann brach die Armee in Wehklagen aus. Immer lauter und lauter wurden die Klagerufe, je mehr den Männern die immense Tragweite des Ereignisses bewusst wurde. Krateros, der größte Feldherr nach Alexander selbst, war tot. Der Liebling der Armee, ungeschlagen, geliebt für seine Tüchtigkeit und seine Bereitschaft, die Entbehrungen der Männer zu teilen. Er hatte sich stets mit dem gleichen Essen begnügt, das auch seine Leute bekamen, und seine konservative Haltung dazu, dass Männer aus dem Osten in die makedonische Armee aufgenommen wurden, hatte ihm Achtung eingebracht. Er war ein Soldat unter Soldaten gewesen, einer, den die Männer für den Großteil ihres Armeelebens gekannt hatten.

Ehrlich überrascht sah Adea, wie ergraute Männer weinten. Von jahrelangen Feldzügen verhärtete Krieger zerflossen schier in Tränen, als hätten sie soeben erfahren, dass ihre gesamte Familie abgeschlachtet und die Beute vieler Jahre geraubt worden war.

Zwei Veteranen, beide weit über sechzig, stiegen auf die Rednerbühne, die Bärte nass von Tränen. «Sage uns, wie es dazu kam», forderte der eine Ptolemaios auf.

«Das will ich tun, Karanos, so ungern ich auch darüber spreche.» Ptolemaios hob die Hände in dem Versuch, die Versammlung zu beruhigen, und bald verstummte das Wehklagen. Nur noch ersticktes Schluchzen war zu hören. «Perdikkas’ Unterstützer Eumenes weigerte sich, Vernunft anzunehmen und sich Antipatros und Krateros zu ergeben. Daraufhin kam es zur Schlacht, und der hinterhältige Eumenes verheimlichte vor seinen makedonischen Soldaten, dass sie es mit Krateros zu tun hatten. Unser hochgeschätzter Freund wurde von Eumenes’ barbarischer Kavallerie getötet.»

Das war zu viel für die Männer, welche die letzten Jahre damit zugebracht hatten, jeden Barbaren zu vernichten, der ihnen in den Weg kam. Sie verlangten lautstark, Eumenes müsse sterben. Dann forderten sie auch den Tod von Perdikkas’ Bruder Alketas sowie den seines Schwagers Attalos und seiner beiden größten Unterstützer Polemon und Dokimos, die jüngst aus dem Lager geflohen waren. Wieder bat Ptolemaios um Ruhe. «Die Heeresversammlung hat das Recht, Urteile über Menschen zu fällen, die eines Verbrechens gegen die Armee für schuldig befunden wurden. Ist es euer Wille, Eumenes für seine Beteiligung an Krateros’ Tod zu verurteilen und Alketas, Attalos, Dokimos und Polemon dafür, dass sie Perdikkas unterstützten?»

Die Antwort fiel einstimmig aus.

«Tod all seinen Unterstützern und seiner Familie», verlangte der zweite Veteran.

«Ist das auch dein Wille, Karanos?»

«Jawohl.»

Bald nahm die ganze Armee den Ruf auf, unerschütterlich in ihrer Forderung.

Ptolemaios drehte sich zu den Offizieren um, die hinter ihm auf dem Podium standen. Keiner erhob Einwände. «Dann sei es so», rief er. «Hiermit ist das Todesurteil über Eumenes, Alketas, Attalos, Dokimos, Polemon sowie über Perdikkas’ sämtliche Unterstützer und Angehörige verhängt. Wer immer Gelegenheit hat, einen von diesen zu töten, möge es tun. Wer dieser Pflicht nicht nachkommt –»

Die Schreie einer Frau ließen ihn verstummen. Adea suchte in der Menge nach der Urheberin. Eine Frau mit zerrissener Kleidung und zerrauftem Haar wurde zur Rednerbühne gezerrt. Die Männer wichen zur Seite, um sie durchzulassen, dabei überhäuften sie sie mit Beschimpfungen. Als die Frau sich der Rednerbühne näherte, bemerkte Adea, dass ein Ausdruck des Bedauerns über Ptolemaios’ Gesicht huschte. Auch er hatte erkannt, wer sie war, und ihm war klar, was die Männer nun von ihm verlangen würden. Es handelte sich um Perdikkas’ Schwester, Attalos’ Frau Atalante.

«Ptolemaios! Ptolemaios!», kreischte Atalante und wand sich im Griff der vielen Hände. «Ptolemaios, befiehl ihnen, mich loszulassen.» Mit Mitte dreißig besaß sie noch immer Schönheit und Selbstsicherheit, doch beides war ihr jetzt nicht mehr anzusehen. Ebenso verschwunden war ihre hochmütige Haltung, die sie Adea gegenüber bei den wenigen Anlässen an den Tag gelegt hatte, da sie beide an Perdikkas’ Tisch gespeist hatten. Adea fand, die Frau hatte sich zum Besseren verändert. Sie verübelte es Atalante noch immer, dass diese ihren Bruder Alketas vor der Rache der wütenden Menge bewahrt hatte, nachdem er ihre Mutter Kynane getötet hatte.

Mal treiben die Götter ihren Spott mit mir, doch dann sind sie mir wieder hold.

Atalante flehte Ptolemaios noch immer an. Nun fiel sie auf die Knie, und Panik schien in ihren Augen auf, als immer mehr Männer um sie herum erkannten, wer sie war, und bedrohlich herandrängten. «Ptolemaios, rette mich!»

Doch Ptolemaios konnte nichts weiter tun, als bedauernd den Kopf zu schütteln. Adea erkannte, in welcher Zwangslage er sich befand.

Das Urteil wurde über Perdikkas’ gesamte Familie verhängt, Männer wie Frauen. Er kann nichts für sie tun, da er fürchten muss, man werde es ihm als Schwäche auslegen.

Aber als die Männer Atalantes Kleidung zerrissen und dabei ihre Brüste entblößten, konnte Ptolemaios nicht länger tatenlos zusehen. «Halt!», brüllte er. Zugleich drängte Seleukos sich zwischen den Offizieren auf dem Podium hindurch und stellte sich neben ihn. «Ihr werdet sie nicht entehren.» Er sprang hinunter in die Menge, dicht gefolgt von Seleukos, und bedeckte ihre Blöße mit der zerrissenen Kleidung. «Mag sie auch Perdikkas’ Schwester sein, ihr werdet sie nicht entehren.»

Atalante umfasste Ptolemaios’ Knie. «Danke, danke.»

Ptolemaios bückte sich und löste ihren Griff. «Danke mir nicht, Atalante, denn ich kann dich nicht retten, das Urteil ist gesprochen. Ich kann nur dafür sorgen, dass es rasch vollstreckt wird und dass deine Ehre unbefleckt bleibt.»

Dunkle, von Elend verschleierte Augen starrten zu ihm empor, und ein schwacher Klagelaut entrang sich ihrer Kehle, der gleich darauf erstarb.

Es würde mir kein Vergnügen bereiten, wenn die Männer ihr Leid zufügten, doch ihren Tod werde ich nicht bedauern. Nicht nachdem sie mich so herablassend behandelt hat, mich, eine Königin, wo sie doch nichts weiter ist als die Schwester des Regenten – des verstorbenen Regenten. Nun, möge uns dies eine Mahnung sein, wie schnell das Glück sich in diesen turbulenten Zeiten wenden kann und wo die wahre Macht liegt: Hier zählt der Wille der Armee, nicht jener der Generäle. Das muss ich mir zunutze machen.

Seleukos und Ptolemaios drängten die Männer zurück, sodass um die Todgeweihte herum eine freie Fläche entstand. Die gesamte Armee schrie nach ihrem Blut. Adea sah, wie Ptolemaios einen fragenden Blick zu Seleukos warf und dann die Schultern zuckte, als sei ihm ein Gedanke gekommen. Plötzlich schien er der Situation etwas Positives abgewinnen zu können.

Atalante erkannte die Bedeutung der Geste und zog wohl Stärke daraus, denn sie stand auf, hob den Kopf und straffte die Schultern. «Nun denn, wenn ich für die Taten meines Bruders hingerichtet werden soll, so möge es in Würde geschehen. Auf dass ihr alle Zeugen werdet, wie eine Makedonin von edler Geburt in den Tod zu gehen vermag.» Sie wandte sich an Ptolemaios und schlug ihr zerrissenes Gewand auseinander. «Du sagst, du kannst mich nicht retten – so sollst du nun selbst das Urteil vollstrecken.» Sie hob ihre linke Brust an und zeigte auf ihr Herz. «Stich hier zu, und stich fest.»

Ptolemaios verlor für ein paar Augenblicke seine sonst so entspannte Haltung, während er ihre entblößte Brust betrachtete. Er zog sein Schwert. «Halte sie an den Schultern fest, Seleukos, damit sie nicht etwa zurückzuckt und der Stich fehlgeht.»

Atalante stieß Seleukos von sich. «Ich werde nicht zurückzucken, Ptolemaios. Aber bitte ihn doch, deinen Arm ruhig zu halten, falls er zittern sollte, da du dich scheust, eine Frau kaltblütig zu töten.»

Ptolemaios lächelte und gewann seine Fassung wieder. «Ich werde nicht fehlen.»

Poliertes Eisen blitzte in der Morgensonne, mit dumpfem Laut drang die Klinge durch Fleisch bis zum Knochen. Atalante stieß den Atem aus, als Ptolemaios sein Schwert von unten in ihren Brustkorb trieb, aufwärts durch das Herz bis zum Schulterblatt. Blut quoll zwischen zitternden Lippen hervor, und ihre Augen weiteten sich; sie blickte auf die Wunde hinunter, wie um sich zu vergewissern, dass dies wirklich geschah. Sie legte Ptolemaios eine Hand auf die Schulter, dann versagten ihre Beine den Dienst, und sie sank langsam zu Boden. Seleukos half ihr, indem er sie unter dem Arm fasste. Als sie kniete, stützte sie sich mit einer Hand auf dem Boden ab, dann legte sie sich mit Seleukos’ und Ptolemaios’ Hilfe auf die Seite und zog die Beine an. Blut strömte nun reichlich aus der Wunde, ebenso wie aus ihrem Mund und der Nase. Zusammengekrümmt wie ein Fötus blickte sie zu Ptolemaios auf, während das Licht in ihr schwächer wurde. «Ich habe kein Unrecht getan.» Ihr Körper erschlaffte.

Sollte ich je ihr Unglück teilen, dann hoffe ich, dass auch ich es mit solcher Fassung trage.

Mit einem Blick auf ihren Mann erkannte Adea, dass er aus Atalantes Hinrichtung nicht dieselbe Lehre gezogen hatte, ganz und gar nicht. Stattdessen war er sichtlich erregt. Sie empfand bei dem Anblick Abscheu, zugleich jedoch einen eigentümlichen Drang, den Mann zu beschützen. Sie nahm seine Hand und führte ihn von der Rednerbühne, während Ptolemaios sein Schwert aus Atalantes Brust zog.

«Die Heeresversammlung hat das Urteil gefällt», hörte sie Ptolemaios rufen, während sie die hölzernen Stufen hinunterstieg, «und wenn es einmal verhängt ist, kann nur die Heeresversammlung es wieder aufheben. Es hat mir kein Vergnügen bereitet, eine Frau hinzurichten, doch es ist geschehen, und durch diesen Akt haben wir einen Punkt überschritten, von dem es kein Zurück mehr gibt. Jetzt kann es keine Verständigung mehr zwischen uns und Perdikkas’ Anhängern geben. Sie werden nicht nach Triparadeisos kommen, um eine endgültige Einigung mit Antipatros auszuhandeln; von nun an sind sie unsere Feinde bis zum bitteren Ende. Alle, besonders Eumenes.»

Adea lächelte in sich hinein, während sie mit ihrem Mann davonging und ihn fest am Handgelenk hielt, damit er nicht an sich herumspielte. Ihre Zuversicht wuchs, da sie erkannt hatte, wie sie sich einen Vorteil verschaffen konnte.

Ich mag derzeit nicht viele Freunde haben, aber ich wette, bald – nachdem ich mit Karanos gesprochen habe – werde ich ein paar mehr haben als Eumenes. Und dann muss Antipatros sich auf meine Seite stellen, daran kann auch Kassandros nichts ändern.

Antipatros der Regent

«Und wo ist Nikaia?», fragte Antipatros seinen ältesten Sohn, der ihm die Kunde aus dem Süden überbracht hatte. Aufgrund der Nachricht war der betagte Regent weit besser auf Kassandros zu sprechen als sonst. Er schenkte ihm ein Lächeln, das schon fast als ungezwungen durchgehen konnte. Die beiden saßen zusammen mit Kassandros’ jüngerem Bruder Nikanor und seinem Halbbruder Iolaos unter einem Baldachin am Strand von Issos, dem Schauplatz von Alexanders erstaunlichem Sieg gegen Dareios. Damals war der König der Könige des Perserreiches vernichtend geschlagen worden und hatte weit ins Landesinnere fliehen müssen. Nun stand die Sonne tief im Westen, und um Antipatros und seine Söhne herum bereitete die Armee Makedoniens gerade ihr Abendessen zu. Die Luft war vom Geruch gebratener Meerestiere und dem Klang Tausender Stimmen erfüllt.

«Sie ist noch in Babylon, Vater, wo wir uns getrennt haben», antwortete Kassandros. Er riss ein Stück von einem Brot ab, noch ehe der Sklave es auf dem Tisch abgelegt hatte.

«Dann ist sie wenigstens vorerst in Sicherheit.»

«Einigermaßen, ja. Aber technisch gesehen wurde sie zum Tode verurteilt, ebenso wie alle anderen Freunde und Verwandten von Perdikkas.»

«Ich glaube nicht, dass irgendwer einen Gedanken an sie verschwenden wird, solange Alketas, Attalos, Dokimos und Polemon noch frei herumlaufen», bemerkte Nikanor. Drei Jahre jünger als sein Bruder, hatte er weder dessen schlaksige, drahtige Gestalt noch das verkniffene Gesicht oder das mürrische Gebaren, sondern war für Auge und Ohr weit gefälliger.

«Sobald sie hörten, was Perdikkas widerfahren war, wussten sie, dass man sie verurteilen würde. Alketas, Dokimos und Polemon haben sich davongestohlen, niemand weiß, wohin, und Attalos hat seine Flotte aus dem Nildelta abgezogen und ist nach Tyros gesegelt.»

«Tyros?» Antipatros stöhnte. «Natürlich, ein naheliegender Gedanke – dort lagern achttausend Talente in der königlichen Schatzkammer. Damit kann er viele Männer für seine Schiffe bezahlen und Alketas mit einer Armee ausstatten, wenn sie sich zusammenschließen. Alexander brauchte zwei Jahre, um Tyros zu erobern. Ich nehme nicht an, dass irgendjemand es schneller bewerkstelligen kann, es sei denn durch Verrat. Die Perdikkaner haben zwar ihren Anführer verloren, aber geschlagen sind sie noch lange nicht.»

«Und dann ist da noch Eumenes», sagte Nikanor ebenso düster. Mit einem ängstlichen Blick zu seinem Vater begann er zu berichten, was er über dieses schmerzliche Thema wusste. «Er wurde zwar durch die Heeresversammlung verurteilt, aber nach seinem Sieg über Krateros beherrscht er noch immer Kappadokien und Phrygien.»

«Und er lässt mich wie einen Dummkopf dastehen! Doch ich werde mir diesen listigen kleinen Griechen vornehmen und meine Ehre wiederherstellen. Ich werde nicht ruhen, ehe er tot ist, komme, was wolle. Ich will versuchen, Archias den Verbanntenjäger auf ihn anzusetzen. Zwar ist es eine Sache, schutzlose Exilanten zu ermorden, aber eine gänzlich andere, einen Feldherrn inmitten seiner Armee zu töten – dennoch: Archias ist der Beste in seinem Gewerbe.» Antipatros sinnierte ein wenig über die Schmach, die Eumenes ihm zugefügt hatte, dann schüttelte er ungläubig den Kopf. «Wie konnte es nur geschehen, dass ein Sekretär einen erfahrenen Feldherrn wie Krateros besiegte?»

«Ihr hättet eure Truppen nicht aufteilen sollen, Vater», sagte Kassandros und duckte sich in Erwartung einer scharfen Zurechtweisung.

Antipatros warf seinem Sohn einen finsteren Blick zu, sagte jedoch nichts.

Rückblickend betrachtet, hat er leider recht. Aber wir müssen jetzt nach vorn blicken, nicht zurück.

«Wie lange warst du hierher unterwegs?»

«Drei Tage. Ptolemaios hat mir ein Schiff geliehen. Ich war dicht hinter Attalos’ Flotte, als sie in Tyros einlief.»

Antipatros strahlte – diese Nachricht stimmte ihn zuversichtlicher. «Ptolemaios hat dich unterstützt? Der gute Junge, er ist mir ein braver Schwiegersohn. Noch besser werde ich auf ihn zu sprechen sein, wenn er mir Alexanders Leichnam wieder herausgibt. Ich verstehe sowieso nicht, was er damit in Ägypten will.»

Kassandros schüttelte den Kopf. «Diese Forderung wird er nicht erfüllen, Vater. Du tätest besser daran, sie gar nicht erst zu stellen, damit du nicht als schwach erscheinst, wenn er sich weigert. Alexander bleibt in Ägypten, mag Ptolemaios auch dein Schwiegersohn sein. Er scheint zu glauben, dass der Besitz des Leichnams ihm Legitimität verschafft. Und er hat es nicht nötig, sich um irgendjemandes Gunst zu bemühen. Das Schiff hat er mir aus reiner Höflichkeit geliehen, wie es sich für einen Schwager gehört.»

Antipatros spürte, wie die Zuneigung zu seinem Schwiegersohn dahinschwand. «Dann sollten wir es ihm wohl zurückschicken, zusammen mit einem energischen Brief, in dem ich ihn daran erinnere, dass wir als Familie zusammenhalten müssen, zu unser aller Bestem. Nicht wahr?»

«Das Schiff hat bereits wieder abgelegt. Allerdings fährt es nicht zurück, sondern weiter.»

«Weiter? Wohin?»

«Danach habe ich den Trierarchos nicht gefragt», erwiderte Kassandros, der schon wieder einen Bissen Brot im Mund hatte. «Ich war selbst völlig überrascht. Er hat mich nur abgesetzt und ist wieder aufgebrochen, sobald ich festen Boden unter den Füßen hatte.»

«Weiter, soso.» Antipatros’ freundschaftliche Gefühle gegenüber Ptolemaios verflüchtigten sich vollends.

Das ist so ermüdend. Ich bin einfach zu alt für solche Spielchen.

«Gewiss hat der hinterhältige Bastard eine Nachricht an Kleopatra in Sardis geschickt. Er weiß, dass sie sofort an Eumenes schreiben wird, um ihn zu warnen. Ptolemaios spielt wie immer ein doppeltes Spiel, und ich wette, das Schiff fährt nach Makedonien weiter und setzt dort einen Boten an Land, der die Zauberin Olympias in Epirus aufsucht. Ich werde in Triparadeisos ein ruhiges, aber entschiedenes Wort mit ihm reden müssen.»

«Ich fürchte, das wird nicht möglich sein, Vater. Er wird nicht dort sein.»

Das war zu viel für Antipatros. «Was? Das ist die wichtigste Konferenz seit Alexanders Tod, und er wird nicht dort sein? Aber warum denn nicht?»

«Er erachtet es nicht für nötig, an Beratungen über den Rest des Reiches teilzunehmen, da er in Ägypten glücklich und zufrieden ist und nicht wünscht, von dort wieder fortzugehen. Er hat zu mir gesagt, er wäre mit jeder Einigung, zu der wir gelangen, einverstanden, solange er dadurch nicht behelligt wird. Und er hat hinzugefügt, er würde nicht wollen, dass die Sache unschön wird.»

«Unschön! Diesem undankbaren Bastard werde ich zeigen, was unschön ist! Wie soll ich einen dauerhaften Frieden herbeiführen, wenn nicht alle wichtigen Leute an den Verhandlungstisch kommen? Beim Ares, selbst Lysimachos wird teilnehmen, und der interessiert sich für nichts, das sich außerhalb Europas abspielt – er widmet sich ganz zufrieden der Aufgabe, die nördlichen thrakischen Stämme zu unterwerfen. Ptolemaios muss kommen!» Antipatros rieb sich mit seiner runzeligen, altersfleckigen Hand die Stirn. Er spürte jedes einzelne seiner bald achtzig Jahre.

Das ist genau der Punkt: Er muss nicht kommen. Ägypten ist praktisch eine Insel, und wenn Ptolemaios dort bleiben will, kann ich es nicht ändern. Götter, wie sehr ich wünschte, Hyperia wäre hier – ich brauche dringend weiblichen Beistand.

Er fasste sich und richtete den Blick wieder auf Kassandros und Nikanor, dann auf Iolaos, seinen drittältesten Sohn, der an einem Pfosten des Baldachins lehnte. «Also, Jungs, Perdikkas ist tot, und auf Eumenes und seine anderen Unterstützer ist ein Kopfgeld ausgesetzt, das der Verbanntenjäger gewiss nur allzu gern einfordern würde. Was bedeutet das nun für uns?»

«Viel Gutes, Vater», antwortete Kassandros prompt.